Wissen Archive - Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/category/wissen/ Die lokale Wochenzeitung Fri, 09 Jan 2026 08:47:08 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.4.8 https://www.shaz.ch/wp-content/uploads/2018/11/cropped-AZ_logo_kompakt.icon_-1-32x32.jpg Wissen Archive - Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/category/wissen/ 32 32 Leben und Sterben auf der Steig https://www.shaz.ch/2026/01/10/leben-und-sterben-auf-der-steig/ Sat, 10 Jan 2026 08:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10463 Die Schulanlage Steig wird erweitert. Wo bald gespielt und gelernt wird, gräbt man gerade nach Spuren der Zerstörung und einer gefürchteten Krankheit. «Danki Gott, Gott gebi Glück und Gsundheit trüli, ersetzi Gott eure Almosen a Seel und Lib. Gott gebi Segen und Gsundheit trüli.»  Tief aus der Vergangenheit hallt der Spruch der um Almosen bittenden […]

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Die Schulanlage Steig wird erweitert. Wo bald gespielt und gelernt wird, gräbt man gerade nach Spuren der Zerstörung und einer gefürchteten Krankheit.

«Danki Gott, Gott gebi Glück und Gsundheit trüli, ersetzi Gott eure Almosen a Seel und Lib. Gott gebi Segen und Gsundheit trüli.» 

Tief aus der Vergangenheit hallt der Spruch der um Almosen bittenden «Aussätzigen» um die alten Mauern des ehemaligen «Sondersiechenhauses», dem heutigen Altersheim Steig an der Stokarbergstrasse. Das Areal hat eine bewegte Geschichte, die gerade neu beleuchtet wird: Bevor die Bagger anrücken und das geplante Erweiterungsprojekt der angrenzenden Steigschule umsetzen, wird hier statt mit dem Schlagbohrer mit dem Pinsel gearbeitet. Denn unter dem Schulhof befindet sich eine archäologische Schatzkammer. 

Der Ort liegt in einer sogenannten archäologischen Schutzzone – man wusste schon vor Grabungsbeginn, dass hier mit historisch bedeutenden Funden zu rechnen ist. Ein wichtiger Blick in die Vergangenheit. «Wir wollen Lücken schliessen, welche die schriftlichen Quellen nicht ausfüllen können», sagt Kantonsarchäologin Katharina Schäppi. Neben dem Sondersiechenhaus für Lepra-Kranke befand sich hier eine Kapelle mit dazugehörigem Friedhof und später die alte Steigkirche. Schriftliche Zeugnisse dokumentieren die Existenz dieser Einrichtungen, geben aber keine Auskunft über den Alltag der Menschen, die hier lebten. Ihre Spuren finden sich aber unmittelbar unter dem Teer des heutigen Schulhausplatzes. Die Knochen haben viel zu erzählen. 

«Gestörte» Skelette

Das Sondersiechenhaus stand hier einst allein auf weiter Flur – aus gutem Grund natürlich. Es wurde 1470 als zweistöckiger Fachwerkbau errichtet und ist bis heute fast unverändert in dieser Form erhalten. Das von der Stadt verwaltete Haus ersetzte wohl kleinere Klausen, in denen die Aussätzigen bis dahin hausten. Denn schon um 1308 wurden die «siechen Lüten zu dem Velt», die Feldsiechen, erstmals urkundlich erwähnt. Fast zeitgleich wurde eine Kapelle gebaut, in der für die Kranken die Messe gehalten wurde. Sie stand auch den umliegenden Bauern, Rebleuten und Taglöhnern offen – säuberlich getrennt von den «Siechenden», den kranken Menschen. 

Die Dreikönigskapelle, deren Grundmauern gerade ausgegraben werden, überdauerte die Jahrhunderte bis zu ihrem Abbruch im Jahr 1894 zugunsten einer grösseren, im neugotischen Stil erbauten Kirche. Auch ein Teil des alten Friedhofs musste dem Neubau weichen. Und hier, wo sich alte und neue Schichten treffen, zeigt sich die verwobene Geschichte des Areals besonders gut. 

Die Dreikönigskapelle diente jahrhundertelang der seelischen Erbauung der «Sondersiechen», bevor sie der Steigkirche weichen musste. Heute stehen hier Veloständer. Bild zVg / Stadtarchiv

Voruntersuchungen per Radar konnten erste Fragen klären: Die Grundmauern der beiden Kirchen sind grösstenteils noch vorhanden. Die pragmatische Bauweise aus Zeiten, als es noch keine Bagger gab, kommt dem Grabungsteam zugute: Die Baugrube für die 1895 erbaute Steigkirche (sie fiel 1944 den verirrten Bomben der Alliierten zum Opfer und wurden abgerissen) wurde sehr effizient angelegt. Heisst, gerade so breit und tief wie nötig. Die umliegende archäologische Schicht blieb unberührt und ist daher gut erhalten. Dort, wo sie von den Kirchenmauern «gestört» wird, wird es archäologisch besonders interessant, da diese Schichten älter sein müssen als die sie durchkreuzenden Grundmauern. Priorisiert werden deshalb Skelette, die durch Folgebauten oder spätere Neubelegung beschädigt wurden oder unvollständig sind: Ältere Gräber überlagern sich mit einer jüngeren Nutzung des Friedhofs. 

An bestimmten Punkten wurden gezielte Sondierungen durchgeführt, um den Umfang des einstigen Friedhofs einzugrenzen und die Anzahl Gräber zu schätzen. Schäppi und ihr Team gingen von 750 Gräbern aus. Diese hohe Zahl für den vergleichsweise kleinen Friedhof erklärt sich durch die lange Nutzungsdauer und die sehr dichte Belegung über 700 Jahre. Die seit September laufende Grabungskampagne bestätigt die Schätzungen. Die freigelegten Skelette werden katalogisiert, geborgen und danach anthropologisch untersucht.

Das Feld der neuzeitlichen Archäologie ist noch relativ jung. Auf der Steig überlagern sich mittelalterliche und neuzeitliche Schichten. Interessant sind neben den Gräbern vor allem jene Funde, die etwas über den Alltag der Leute erzählen – unscheinbare Spuren wie Keramik-Scherben oder alte Kacheln. Das Ziel sei, alles zu bergen, was durch die Bauarbeiten zerstört würde, erklärt Katharina Schäppi: «Im Bereich des Neubaus wird es danach keinerlei archäologische Überreste mehr geben.» 

Bei der Untersuchung der Skelette lässt sich – wenn auch nicht auf den ersten Blick, aber anhand detaillierter Betrachtung – viel über die Lebensumstände der Verstorbenen herausfinden: über ihr Alter, ihre Ernährung und allfällige Gebrechen zum Beispiel. Die Lepra-Erkrankung vieler der hier Bestatteten nachzuweisen, wird allerdings nicht ganz einfach. Die Krankheit hinterlässt an den Knochen kaum Spuren. 

Biblische Seuche

Lepra, die «kalte und langsame Krankheit», wie sie beschrieben wurde; ihr haftet etwas Biblisches an. Früher durch ein Ungleichgewicht der Körpersäfte erklärt, ist die Ursache der Krankheit das Bakterium Mycobacterium leprae, das Haut und Nervenbahnen schädigt. Das Neue Testament berichtet über die Wundertaten Jesu, darunter die Heilung eines Lepra-Kranken durch Handauflegen. Die Berührung eines Aussätzigen – ein absoluter Skandal, nicht nur zu biblischen Zeiten. Die Angst vor einer Ansteckung war gross. 

Dennoch: «Die mit dem Aussatz behafteten wurde beim ersten Auftreten dieser Krankheit grosser Liebe und Aufmerksamkeit gewürdigt» heisst es in einer Abhandlung über die Geschichte des Schaffhauser Sondersiechenhauses aus dem Jahr 1874. Die Kirche fühlte sich wohl verpflichtet, sich um die Aussätzigen zu kümmern, weil die Krankheit ursprünglich aus dem Vorderen Orient durch Wallfahrten und mit den Kreuzzügen nach Europa gebracht wurde. Durch die rigorose Absonderung der Kranken weit ausserhalb der Stadtmauern sollte die Seuche eingedämmt werden. 

Dabei ist heutzutage klar: Die heute heilbare Krankheit ist nicht sehr ansteckend – Mycobacterium leprae vermehrt sich nur langsam und betrifft vor allem immunschwache Personen. Allerdings: Die äussere Erscheinung der Leprosen, die oft jahrelang mit der langsam fortschreitenden Krankheit lebten, und die harten Konsequenzen, welche eine Ansteckung mit sich brachte, waren furchteinflössend. 

Lepraverdächtige mussten sich einer Leibesuntersuchung unterziehen und zu sogenannten Schauen erscheinen. Erst ab 1532 konnten diese in Schaffhausen durchgeführt werden, davor war die Diözese Konstanz zuständig – eine lange Reise, nur um im schlimmsten Fall mit der traurigen Gewissheit wieder heimzukehren. Bestätigte sich nämlich der Verdacht, wurde die erkrankte Person auf ihr Leben als Ausgesonderte vorbereitet, in dem strenge Regeln herrschten. Die Kranken mussten ins Siechenhaus ziehen, waren dort aber nicht eingesperrt. Es war ihnen erlaubt, sich unter Vorgaben frei zu bewegen und ihren Unterhalt mit Betteln zu erwerben. Dazu trugen sie besondere Kleidung, Handschuhe sowie Klappern, sogenannte «Brätscheli», um den Gesunden ihre Anwesenheit anzukünden. Sie durften nichts und niemanden berühren. 

Auch aus der Kirchengemeinde wurden sie ausgesondert: Vor ihrem Eintritt in das Siechenhaus wurde eine erkrankte Person – wie eine Verstorbene – ausgesegnet, also für tot erklärt. Ihr Besitz ging an die Angehörigen über. 

Die 1895 eingeweihte Steigkirche existierte nur knapp fünfzig Jahre. Im Vordergrund liegt das ehemalige Sondersiechenhaus, das heute bereits über 500 Jahre auf dem Buckel hat. Foto: zVg / Stadtarchiv
Die 1895 eingeweihte Steigkirche existierte nur knapp fünfzig Jahre. Im Vordergrund liegt das ehemalige Sondersiechenhaus, das heute bereits über 500 Jahre auf dem Buckel hat. Foto: zVg / Stadtarchiv

Gefälschte Arztzeugnisse

Die Idee hinter all dem: Isolation. Damit diese wirksam gehalten werden konnte, schaffte das Siechenhaus ganz eigene Anreize, um die leprosen Menschen möglichst an Ort und Stelle zu halten. Das Haus verfügte über eine Badstube und gefundene Schröpfköpfe lassen vermuten, dass ein Sodbrunnen zur Verfügung stand. Die hygienischen Bedingungen in der Einrichtung lagen daher wohl sogar über jenen der durchschnittlichen Bevölkerung. 

Davon profitierten auch «fremde Siechen», die auf Bettel-Wanderungen ein Anrecht auf eine Übernachtungsmöglichkeit in anderen Siechenhäusern hatten. Es wird angenommen, dass mit Rückgang der Krankheitsfälle die Institution auch für an sich gesunde, aber in prekären Verhältnissen lebende Menschen  interessant wurde. Es gab wohl Fälle von gefälschten Krankheitsbescheinigungen, um von den Vorteilen des Siechenhauses zu profitieren – eine Ansteckung nahm man in der Not wohl bewusst in Kauf. Den Kranken standen neben den sanitären Einrichtungen nämlich auch Pfründe zu, also Lebensmittelrationen. 

Oft wurden sie von Verwandten nach Möglichkeit zusätzlich finanziell unterstützt, aber dieses Glück hatten längst nicht alle. Wohlhabende Bürger:innen bedachten das Siechenhaus mit regelmässigen Spenden, in der Hoffnung, so ein wenig Seelenheil zu heischen. Das Heim lag ausserdem strategisch günstig an der Hauptverkehrsachse in den Klettgau. Durchreisende hatten die Gelegenheit, eine Gabe in den heute noch existierenden Opferstock an der Pforte des Hauses zu legen. Der Weg über die Stokarbergstrasse war ausserdem bis ins 16. Jahrhundert die einzige Verbindung zwischen dem Ober- und Unterlauf des Rheinfalls für den Warentransport; Güter wurden an der Schifflände umgeladen und unterhalb des Laufens wieder verschifft.

Sonderstatus zu allen Zeiten

Die Massnahmen zur Eindämmung der Lepra schienen indes Wirkung zu zeigen, der letzte dokumentierte Eintritt einer Lepra-Kranken datiert ins 17. Jahrhundert. Noch lange nach dem Verschwinden der Lepra-Fälle in der Region war es die Aufgabe des «Brätscheli-Manns», in der Kluft der Aussätzigen und mit einer Klapper durch die Gassen zu ziehen, um die sonntäglichen Almosen einzusammeln. 

Mit der Zeit bauten gutbetuchte Schaffhauser:innen in der Umgebung des ehemaligen Siechenhauses ihre Sommerresidenzen, es entstanden prachtvolle Bauten an bester Wohnlage. Das Haus selbst liess sich vom Strudel der Zeit nicht mitreissen. 

Nachdem das Sondersiechenhaus in seinem ursprünglichen Zweck nicht mehr benötigt wurde, wandelte sich die Einrichtung zum Heim für unheilbar Kranke und später zum Armenhaus. Heute ist es ein Altersheim – seine Sonderfunktion als Obdach für pflegebedürftige Menschen in besonderen Situationen hat es seit seinen Ursprüngen immer bewahrt. 

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Der Zimtbär und das Schwarze C https://www.shaz.ch/2025/08/09/der-zimtbaer-und-das-schwarze-c/ Sat, 09 Aug 2025 08:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=9929 Daniel Kessler kennt die ganz kleinen Tierchen der Region wie kaum ein anderer. Wir haben ihn auf einer Nachtfalter-Expedition begleitet. Von unten drückt sich das nasse Gras durch die ausgebreitete Picknickdecke. Es ist das letzte Verbleibsel der regnerischen Vortage – an diesem Abend bleibt der Himmel aber wolkenlos. Der Sichelmond schwebt knapp über den Baumkronen, […]

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Daniel Kessler kennt die ganz kleinen Tierchen der Region wie kaum ein anderer. Wir haben ihn auf einer Nachtfalter-Expedition begleitet.

Von unten drückt sich das nasse Gras durch die ausgebreitete Picknickdecke. Es ist das letzte Verbleibsel der regnerischen Vortage – an diesem Abend bleibt der Himmel aber wolkenlos. Der Sichelmond schwebt knapp über den Baumkronen, die die weitläufige Wiese umgeben. Alles summt und tschirpt und singt um uns herum.

Daniel Kessler wühlt in einem seiner zwei mitgebrachten Rucksäcke – einen trug er auf dem Rücken, den anderen auf dem Bauch hier hoch. Er holt eine Metallstange, ein feines Stoffnetz und eine handflächengrosse Lampe hervor und baut seinen «Leuchtturm» auf. Noch knipst er das Licht aber nicht an; es ist zu früh.

Für Kessler ist die heutige Kulisse, eine alte Grube im zürcherischen Benken, beinahe so neuartig wie für uns. In seinem eigentlichen Einzugsgebiet in Schaffhausen ist das, was er macht, nicht legal. Da Kessler uns seinen Leuchtturm zeigen will, hat er uns über die Kantonsgrenze geführt, wo man diesen nutzen darf.

Es sind die ganz kleinen Tiere, für die wir uns heute auf der Lichtung der Sandgrube versammelt haben: Trapezeulen und geflammte Kleinzünsler, Pappelschwärmer und Eckflügelspanner, Kohlschaben und Seideneulchen. 

Sie alle beginnen sich nach und nach um den Turm zu scharen, obwohl dieser noch nicht leuchtet, und auch Kessler tritt näher. Fast so, als wüssten alle Beteiligten bereits, was kommt. «Ich wollte schon lange mal hierher», sagt er, während sein Blick den Hügel hinab schweift. «Aber irgendwie gibt es in Schaffhausen schon so viele geniale Orte, dass ich kaum raus komme. Der Schaaren ist das höchste der Gefühle – einfach ein Fass ohne Boden.»

*

Daniel Kessler ist gelernter Physiotherapeut und lebt und arbeitet in Schaffhausen. Über dem ergrauten Haar trägt er heute eine kleine Stirnlampe, seine Augen schauen durch eine Kunststoffbrille, die er gelegentlich zurechtrückt, wenn er sich zu seinem Equipment hinunterbückt. Seine wahre Leidenschaft gilt wohl aber den Schmetterlingen: Seit neun Jahren streift er nun schon mit Notizblock und Kamera regelmässig durch die Region, dokumentiert, fotografiert, untersucht. Spezialisiert hat er sich auf Nachtfalter, weil diese deutlich weniger gut dokumentiert seien als die tagsüber aktiven Exemplare. Kessler macht das als Hobby – und als Beitrag hin zu einer besseren Artenkenntnis.

Daniel Kessler zeigt auf den neuen Fund: ein Kiefernschwärmer (Sphinx Pinastri).
Daniel Kessler zeigt auf den neuen Fund: ein Kiefernschwärmer (Sphinx Pinastri).

Bereits seit Jahrzehnten machen Expert:innen auf die drastischen Einbrüche der Fluginsekten aufmerksam. Die Langzeit-Krefelder-Studie, die 63 Schutzgebiete in Deutschland untersuchte, konnte einen Rückgang von bis zu 82 Prozent nachweisen. Weitere Untersuchungen zeichnen ein ebenso deutliches, einheitliches Bild für den europäischen Raum: «Die Biomasse hat extrem abgenommen», meint Kessler. Für ihn ist die Dokumentation der regionalen Fauna daher entscheidend.

Er meldet die Falter der nationalen Datenbank; über die Jahre tat er das bereits über 15000 Mal. Alleine in Schaffhausen konnte er schon mehr als 1000 verschiedene Nachtfalterarten feststellen, erzählt er uns.

Auch heute hat er grosse Pläne: Mindestens 50 verschiedene Exemplare hofft er zu entdecken. Diese Erwartungen sollen bald übertroffen werden.

*

Die Dunkelheit bricht vollends herein, aus der Ferne hört man das klagende Quaken von Fröschen. Es sind – nach Aberglaube unheilversprechende – Unkenrufe. Kessler knipst die Lampe im Leuchtturm an und taucht die Wiese in bläuliches Licht. Nicht lange, und das Fest beginnt. «Das sind Farben und Formen», sagt Kessler, der Blick weich beim Anblick der eintreffenden Insekten, «eine ganze Welt, die aufgeht, wenn die Dunkelheit kommt.» Eine Nonne erscheint – die Lymantria Monacha. Er erkennt die Falter an ihrer Farbgebung, an der Grösse, den kleinsten Details. Zur Nonne gesellt sich das Schwarze C, ein ominöser Name für ein Familienmitglied der Eulenfalter. So liebevoll wie Kessler spricht, könnte man erwarten, er sehe sich als Tierschützer. Dem ist nicht so. Er achtet darauf, die Falter nicht zu «vermenschlichen», sagt er und stellt sich selbst in die Tradition der Naturschützer. Er nimmt die Natur als Ganzes; als gemeinsamen Organismus, der sich um uns herum bewegt. Der sich mit den Menschen entwickelt – und ihnen zum Trotz.

Offenbar zieht Kessler aber vor allem persönlich viel aus seinem sonderbaren Zeitvertreib. Eigentlich komme er von der Ornithologie her, meint er, während er den Leuchtturm umkreist und beginnt, die Tiere zu studieren. Vögel oder Schmetterlinge; offenbar ist der Unterschied für ihn nicht so gross. Er könnte sich «sogar mit Regenwürmern beschäftigen», erzählt er uns mit einem Schulterzucken. Für seine Entdeckerleidenschaft opfert er gerne einmal seine Wochenenden und brütet auch bis tief in die Nacht noch über seinen Fachbüchern.

Ein besonders niedliches Exemplar erscheint, die Phragmatobia fuliginosa – umgangssprachlich ein Zimtbär. Der flauschige Kopf folgt einem rosa getönten Körper und ausgebreiteten Flügeln. Mit einem leeren Konfiglas fängt Kessler vereinzelte Falter ein und nimmt sie mit zur Picknickdecke, um sie sich näher anzusehen. Dafür holt er seine Insektopädie hervor, ein kleines, abgegriffenes Taschenbuch. Manchmal blättert er minutenlang zwischen den Seiten, als Lichtquelle nichts als seine Stirnlampe, ehe er die Art bestimmt hat. «Mittlerweile geht das schon viel schneller», sagt er. «Aber ich habe noch viel zu lernen.» Er reicht uns je ein Schoggistängeli zur Stärkung.

Eigentlich, sagt Kessler, sei er ein furchtbarer Minimalist. Er erinnert sich an seine Anfänge mit den Nachtfaltern zurück: Zunächst ging er nicht allzu weit in die Natur hinein, klapperte Leuchtreklamen und Strassenlaternen ab. Auch auf dem Waldfriedhof im Niklausen-Quartier habe ihn die Artenvielfalt beeindruckt. «Jede neue Form und Farbe… Wow!» Er macht eine Handbewegung, die das Explodieren eines Feuerwerks imitiert. «Am Anfang hat sich alles in mir zusammengezogen vor Freude.» Dieser Zauber sei mittlerweile ein bisschen vergangen, räumt er ein. Davon ist ihm an diesem Abend nichts anzumerken. Immer wieder wechselt er zwischen seinem Platz auf der Picknickdecke und dem strahlenden Leuchtturm hin und her. Das Licht spiegelt sich auf seinem Gesicht.

Da setzt sich ein Kiefernschwärmer auf das Netz, ein Tier mit dunkelbrauner bis cremiger Farbgebung. Kessler nennt ihn «den mit den Adidas-Streifen», und tatsächlich: Auf den Flügeln der sind mehrere parallel angeordnete schwarze Streifen zu sehen. Kessler hat einen konzentrierten Blick aufgesetzt, als er immer mehr Zeilen seines Notizblocks mit lateinischen Namen befüllt. Sie kommen ihm schneller in den Sinn als die deutschen Titel. Zuhause wird er seine Beobachtungen in einer sauberen Excel-Tabelle zusammenfassen und an die nationale Stelle weitergeben, damit diese die Artenkarte ergänzen kann.

«Ah, jetzt!», ruft er plötzlich aus und zeigt mit seinem Bleistift auf das Netz. «Ich habe gesagt, der würde sicher nicht hier hochkommen. Und jetzt ist er doch hier.» Es ist die Trachea atriplicis, die uns unvermittelt besucht, die grüne Meldeneule. Ein wunderschönes Exemplar, nicht grösser als der eigene Daumen, mit braunem Körper und grün gesprenkelten Flügeln. Arten wie die Meldeneule kommen oft gar nicht oder nur wenig ans Licht, den Komfort finden sie in der Dunkelheit. Kesslers Augen weiten sich hinter seiner Brille.

*

Es ist fast Mitternacht, die Falter scheinen noch immer genauso aktiv zu sein wie Kessler selbst. Wenn sie auf dem dünnen Netz gelandet sind, beginnen sie zu vibrieren – sie bewegen ihre Flügel in schnellen, kurzen Schlägen. «Das machen sie, um ihre Körperwärme zu erhalten», kommentiert Kessler. Auch wir bekommen die kühlen Temperaturen der Nacht zu spüren. Es wird Zeit, heimzukehren.

«Zum Schluss muss man immer noch einen Blick aufs Dach werfen», so Kessler, als er die Stange des Leuchtturms langsam auf Augenhöhe senkt. Ein hellbrauner Falter klebt auf seiner Wange. Kessler bemerkt ihn nicht. Er nimmt das Netz vorsichtig ab und schüttelt es einige Male, um die letzten Tiere zu vertreiben. Das Licht hat er gelöscht. «Es gibt so viele schöne Orte und Stimmungen, wie zum Beispiel hier, als der Mond hinter den Bäumen unterging», sagt Kessler, während er sein Equipment zusammenpackt. «Das gefällt mir an der Natur: Es ist nicht wie im Zoo, wo man weiss, was kommt, sondern es gibt Überraschungen. Und auch Flops.» Es scheint nicht zuletzt dieser Nervenkitzel zu sein, der ihn noch bis in die tiefsten Morgenstunden hinein mit Energie versorgt. «Wenn ich zuhause bin, kann ich nicht sofort ins Bett», sagt er dazu. «Ich bin immer noch viel zu aufgekratzt.»

Nur die Stirnlampen zeigen uns den Weg, als wir durch das hohe Gras zurückwaten. Auf dem Rückweg geht Kessler an Bäumen vorbei, die er zuvor mit Lockmittel – einer Mischung aus Rotwein und Zucker – versehen hat. Die Stellen findet er mithilfe von kleinen verteilten Leuchtstäbchen wieder, die das Licht seiner Stirnlampe reflektieren. Er studiert die Tierchen, die sich dort versammelt haben. Ein bekannter Farbtupfer erscheint: die grüne Meldeneule. Kessler begrüsst sie wie einen alten Freund.

Spätabends treffen wir auf diesen Pappelschwärmer (Laothoe Populi).
Spätabends treffen wir auf diesen Pappelschwärmer (Laothoe Populi).

Ein tiefer, innerer Frieden begleitet uns bis zum Auto zurück. Als wir es erreichen, ist es beinahe halb eins morgens. 

Erst am nächsten Tag bemerken wir Kesslers jüngste Kontaktaufnahme; eine ungeöffnete E-Mail im Posteingang. «Von insgesamt 68 Arten sind lediglich 8 bereits in diesem 5x5km-Quadrat festgestellt worden», schreibt er uns. «Das heisst, wenn auch nicht so spektakuläre Arten dabei waren, so waren 60 neue Feststellungen doch ein schöner Erfolg und ein wesentlicher Beitrag in Bezug auf die Verbreitungskarten.» Die Nachricht wurde um halb 2 Uhr morgens verschickt. Kessler hatte also recht. Selbst das Unheilsversprechen der Unkenrufe, die wir nachts hörten, vermochte daran nichts zu ändern.

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Biss die Polizei kommt https://www.shaz.ch/2025/01/13/biss-die-polizei-kommt/ Mon, 13 Jan 2025 15:46:48 +0000 https://www.shaz.ch/?p=9112 Junge Neuhauser machten um 1980 das wohl erste Schaffhauser Radio. Es hiess Vampir, war illegal und hat es in die Fichen geschafft. Vielleicht waren es am Ende miese Verräter, die dem Radio Vampir einen Pflock ins Herz aus Autobatterie und Antenne trieben. Auf jeden Fall wurden die wahrscheinlich ersten Radiomacher von Schaffhausen an jenem schicksalhaften […]

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Junge Neuhauser machten um 1980 das wohl erste Schaffhauser Radio. Es hiess Vampir, war illegal und hat es in die Fichen geschafft.

Vielleicht waren es am Ende miese Verräter, die dem Radio Vampir einen Pflock ins Herz aus Autobatterie und Antenne trieben. Auf jeden Fall wurden die wahrscheinlich ersten Radiomacher von Schaffhausen an jenem schicksalhaften Montag Anfang Mai 1980 erwischt, noch bevor sie auf Sendung gingen. «Ich erinnere mich, wie ein Auto über das Feld auf uns zufuhr. Da sprintete ich los», sagt Daniel Furrer. Er rannte nach Hause, zog sich Sportkleider über und rannte zurück zu seinem Auto, um sich dort als Jogger auszugeben. Der vergossene Schweiss vermochte ihn nicht reinzuwaschen: Er und der zweite Radiopionier Peter Albrecht hatten wenig später Anzeigen am Hals wegen Verstosses gegen das Telegrafen- und Telefongesetz. Die Polizei beschlagnahmte, so die Akte bei der damals zuständigen Behörde für «Post-, Telefon- und Telegraphen-Betriebe» PTT: Eine Autobatterie, eine Sendeantenne, Kleinmaterial und zwei Tonbandkassetten mit den aufgezeichneten Sendungen. Ein «später beigezogener» Polizeihund spürte den Sender in einem nahen Feld auf.

Anfang des 20. Jahrhunderts entstand eine bahnbrechende Technologie, mit der Geräusche über grosse Distanzen übermittelt werden konnten: das Radio. Grundsätzlich können alle mit der entsprechenden Ausrüstung Radiowellen nutzen, um Töne über die Frequenzen zu schicken. Und alle mit einem Gerät können empfangen, was in der Luft liegt. Die Briten waren die ersten, die auf die Idee kamen, die nationale Öffentlichkeit über Radiowellen mit Informationen zu versorgen und dazu ein staatliches Unternehmen gründeten: die BBC. Im England der Zwischenkriegszeit machte man sich (zu Recht) Sorgen, dass über die Wellen auch feindliche Propaganda und Fake News ins Land gelangen könnten. Die Frequenzen sollten für die eigene Version der Welt reserviert bleiben. Auch in der Schweiz führte man bald ein Radio-Staatsmonopol ein. Für die Generation, die nach den Kriegen gross wurde, bedeutete das vor allem Langeweile. Denn lange gab es genau zwei Radiosender: DRS 1 und 2.

Das war zumindest die offizielle, legale Auswahl. Faktisch gab es bald schon viel mehr Programm. Auch in Schaffhausen.

Pfadibuben von der Tannenstrasse

Die rebellische Jugend der Nachkriegsgenerationen begann einen Guerillakrieg gegen das Staatsmonopol. Unzählige kleine Radios sendeten ab den 50er-Jahren illegal eigene Musik und politische Botschaften. Ein Programm in Zürich waren zum Beispiel die «Wellenhexen», ein feministisches Untergrundradio. Die meisten Pirat:innen kletterten auf Schweizer Hügel, um ihre Programme auszustrahlen. Der berühmteste unter ihnen, Roger Schawinski, sendete von Italien aus.

In Neuhausen hörten 1979 drei Fast-noch-Buben die Heldengeschichten der Rebell:innen am Mikrofon. Sie waren Kindheitsfreunde, aufgewachsen an und in der Nähe der Neuhauser Tannenstrasse, ehemalige Pfadfinder, wohlbekannt mit den Hügeln und Wäldern des Kantons. «Die Klassik und das Jodeln auf DRS langweilten uns zu Tode», sagt Daniel Furrer, Pfadiname Filou. «Die Radiopiraten hingegen waren cool», sagt Peter Albrecht, Pfadiname Knochen. Wie sie genau auf die Idee kamen, unter die illegalen Radiomacher zu gehen, gehört zu den vielen Details von Radio Vampir, die vom Vergessen weggewaschen wurden. Daniel Furrer zeigt auf Peter Albrecht. «Ich meine, du warst es, der auf die Idee kam und mich motivierte.» Albrecht zuckt mit den Schultern. «Ich weiss nicht mehr, wie wir darauf kamen.» Quasi vom Fach waren unterdessen beide: Albrecht lernte damals noch Elektromonteur, Furrer wurde Maschinenmechaniker. Es gab noch einen Dritten im Bunde, er entging bei der Hoppsnahme einer Anzeige und will auch heute nicht namentlich mit dem Radio Vampir in Verbindung gebracht werden.

Mentor Gautschi

Die Bande machte eine Szenegrösse ausfindig: Rolf Gautschi galt als die «Stimme von Zürich» (obwohl er vom aargauischen Spreitenbach aus sendete) und war mit seinem Radio City einer der ersten, der versuchte, aus der illegalen Spielerei ein Geschäft zu machen. Die drei Neuhauser, damals alle ungefähr 20, statteten ihm einen Besuch ab. Gautschi nahm die Nachwuchsarbeit ernst und die jungen Schaffhauser unter seine Fittiche. «Ich erinnere mich nicht an seine Person. Aber an seine Wohnung: Die hatten sie ihm ausgeräumt, sie war wirklich fast leer. Die Polizei hatte alles beschlagnahmt», sagt Peter Albrecht. Die Jungen lernten von ihm das Senden und taten sich eine eigene Ausrüstung zu. Gemäss PTT-Akte des Radios Vampir war diese «technisch minderwertig» und die «Frequenzstabilität völlig ungenügend».

Während man anderswo sehr politisch war, hätten sie keine Agenda gehabt, sagen Furrer und Albrecht. Abgesehen davon, mit cooler Technik coole Musik zu senden. Zu Besprechungen traf man sich in Neuhausen im Zentral oder im Terminus. Das Radio Vampir habe sich sogar einmal ein eigenes Tischtuch genäht, ein Logo gab es auch: ein Vampir, schwarze Schrift auf weissem Hintergrund, daneben Bluttropfen. «Ich erinnere mich noch vage, wie wir dann bei mir zuhause auf dem Boden rumsassen und unsere Sendungen zusammenstellten», sagt Daniel Furrer. Aus den eigenen Musiksammlungen wählten sie aus, was sie während circa 45 Minuten auf Schaffhausen würden niederprasseln lassen. Pink Floyd zum Beispiel oder Uriah Heep, eigentlich alles, was in war und Hauptsache keinen Schlager. Einmal hätten sie ein Interview mit dem deutschen One-Hit-Wonder Peter Kent aufgenommen, den sie per Zufall in Singen trafen.

Dann zottelten die Radio-Vampir-Macher mit den aufgenommenen Tonbändern auf die umliegenden Hügel und Wälder. Diessenhofen sei zum Beispiel ein guter Ort gewesen, alternativ auch der Engeweiher oder das Felsentäli. Weil sie für die Aktionen viel Material auf die Hügel tragen mussten und das wie echte Bosse nicht selber machen wollten, heuerten sie Freunde als Träger an und nannten sie Sherpas. Einer von ihnen war Alain Wacker, auch ein Neuhauser, auch ein Pfadibub. Er kannte den dritten Vampirpionier aus dem Gymnasium. Wacker war damals schon Student der Elektrotechnik und hätte vielleicht das Potenzial gehabt, in der Hierarchie des Radio Vampirs aufzusteigen. Die Szene der illegalen Kleinstradios sei damals so gross gewesen, dass morgens in der Vorlesung jeweils besprochen worden sei, wer am Vorabend erwischt worden war. Neben dem Tragen mussten die Sherpas wie Wacker auch beim Erspähen von herannahenden Feinden des freien Radios warnen.

Daniel Furrer (l.) hat das Radio Vampir mitgegründet. Alain Wacker (r.) hat es als Träger und Späher unterstützt. Foto: Robin Kohler
Daniel Furrer (l.) hat das Radio Vampir mitgegründet. Alain Wacker (r.) hat es als Träger und Späher unterstützt. Foto: Robin Kohler

Denn die Radiopiraten waren in einem Dilemma. Um gehört zu werden, mussten sie die potenziellen Hörer:innen informieren, wann gesendet werden würde. Das Radio Vampir tat das per Flugblatt. Aber der Staat nahm sein längst gebrochenes Monopol noch sehr ernst und hetzte den Personen, die mit den Anlagen in den Wäldern sassen, die Behörde «Post-, Telefon- und Telegraphen-Betriebe» PTT mit Peilsendern auf den Hals; manchmal flogen diese sogar mit Helikoptern über die Hügel. «Eine Saudümmi» habe der Staat damals getan, sagt Albrecht.

Bussen und Ficheneinträge

Das Radio Vampir traf es recht schnell. «Wir waren vielleicht fünf, sechs Mal auf Sendung», sagt Peter Albrecht. Offenbar hatten sie sich in dieser kurzen Sendezeit schon eine gewisse Hörer:innenbasis erarbeitet, zumindest spricht ein Schaffhauser Nachrichten-Beitrag vom 7. Mai 1980 zum Polizeieinsatz davon, dass «viele» Schaffhauser Hörer:innen vergeblich aufs Radio Vampir gewartet hätten.

Albrecht und Furrer kassierten schliesslich per Entscheid der «Sektion Funküberwachung» Bussen von 1800 Franken, so steht es in ihrer PTT-Akte. Und einen Ficheneintrag: «Ich habe Jahre später meine Akte angefordert. Zum Wenigen, das nicht geschwärzt war, gehörte ein Hinweis auf Funktechnologie», sagt Furrer. Albrecht hat sich hingegen nie darum gekümmert, ob er eine Fiche hatte. «Mich hat nach dem Polizeieinsatz aber der Lehrmeister zu sich zitiert und gefragt, was ich verbrochen habe.» Als er gesagt habe, es ginge um einen illegalen Radiosender, «hat mein Lehrmeister gesagt: ‹Ah, das ist gut, ich dachte schon, es wäre etwas schlimmes›.» Nach den Bussen gaben die Vampire ihr Radio auf, der Lehrlingslohn konnte keine weitere Ausrüstung finanzieren. Und wohl auch keine weiteren Bussen.

Die Akte im PTT-Archiv und eine Meldung in den SN über das Ende des Radio Vampirs sind heute die einzigen vorzeigbaren Beweise, dass es überhaupt einmal existierte. Das und ein Sender, gelagert im gerade renovierten Keller von Peter Albrecht. Die Tonbändchen mit den Sendungen: verloren. Fotos: nie gemacht, man ist ja nicht blöde und fotografiert sich bei Straftaten.

1983 begann der Staat schliesslich offiziell, die Wellen mit Privaten zu teilen, und in Schaffhausen ging das Radio Munot auf Sendung. Der ehemalige Träger Alain Wacker gewann an der Feier anlässlich dessen ersten Geburtstages einen Fiat Panda. Die Vampire selber machten nie mehr Radio.

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Aus der Hölle schreiben https://www.shaz.ch/2024/11/23/aus-der-hoelle-schreiben/ Sat, 23 Nov 2024 07:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=9001 Migräne hat Praxedis Kaspar-Schmid jahrzehntelang in Schmerz und Ungewissheit gestürzt. Daraus ist ein persönlicher Ratgeber entstanden. «In meinem Kopf wächst eine Art Lavamasse, die sich ausdehnt, aufquillt, an die Schädelwände stösst, während gleichzeitig von aussen ein eiserner Ring eng und enger um meinen Kopf geschraubt wird. Von innen drängt es nach aussen, von aussen nach […]

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Migräne hat Praxedis Kaspar-Schmid jahrzehntelang in Schmerz und Ungewissheit gestürzt. Daraus ist ein persönlicher Ratgeber entstanden.

«In meinem Kopf wächst eine Art Lavamasse, die sich ausdehnt, aufquillt, an die Schädelwände stösst, während gleichzeitig von aussen ein eiserner Ring eng und enger um meinen Kopf geschraubt wird. Von innen drängt es nach aussen, von aussen nach innen. (…) Wenn ich mich auf meinem Bett von einer Seite auf die andere drehe, kommt der Brechreiz, mein Magen sondert Galle ab, deren Bitterkeit im Mund hängen bleibt.»

Mit solchen Migräneanfällen lebt Praxedis Kaspar-Schmid seit bald 60 Jahren. Schmerz in unterschiedlicher Heftigkeit und Regelmässigkeit haben ihr Leben seit Kindstagen begleitet, bestimmt, teilweise fast zerstört. Jetzt, mit 74 Jahren, ist die Schaffhauserin die chronischen Kopfschmerzen und Übelkeitsattacken dank eines neuen Medikaments grösstenteils los.

Wäre ein solches schon fünfzig Jahre eher gefunden worden – ihr Leben wäre wohl anders verlaufen. Doch damit hadert Kaspar-Schmid heute nicht mehr. Stattdessen hat die Journalistin und Autorin, ehemalige langjährige AZ-Redaktorin und heutige -Kolumnistin, ihre Lebens- und Leidensgeschichte aufgeschrieben. Damit will sie Betroffenen und deren Umfeld helfen.

Ihre Biografie ist Teil eines Ratgebers, den ihr Neurologe Andreas Rudolf Ganteinbein angestossen hatte. Der in Zurzach und Bülach praktizierende Kopfschmerzspezialist wollte einen Ratgeber für Betroffene schreiben, der den therapeutischen Zeigefinger in der Kitteltasche lässt, wie er im Vorwort schreibt. Und habe mit Praxedis Kaspar-Schmid nach langer Suche die perfekte Co-Autorin gefunden.

Der 100-seitige Band «Leben mit Migräne. Erfahrungen und Ratschläge einer Patientin und ihres Neurologen» bündelt Kaspar-Schmids Geschichte, Gespräche zwischen Patientin und Arzt, medizinische Fachinformationen und Tipps für Migränikerinnen.

Das Autoren-Duo will damit über den persönlichen Zugang die Sichtbarkeit und das Verständnis für die Migräne-Krankheit erhöhen – auch bei Nichtbetroffenen. Gelingt das?

Geschickter Bogen
Seine inhaltliche Tragweite kündigt das schmale Buch schon in den ersten Seiten an. Praxedis Kaspar-Schmids Lebensgeschichte ist nicht nur Zeugnis eines besonders schlimmen und hartnäckigen Krankheitsverlaufs von Migräne. Sie ist auch Abbild einer medizinhistorischen Entwicklung, die sich im Zeitlupentempo abspielte: Bis in die Siebzigerjahre blieb Migräne im Medizinstudium völlig unerwähnt, erst in den Neunzigerjahren kamen erste Medikamente zur Akutbehandlung auf den Markt. Die Wirkung dieser «Triptane» konnte sich bei übermässigem Konsum allerdings schnell ins Gegenteil verkehren und den Schmerz verstärken – ein Teufelskreis, in dem sich auch Kaspar-Schmid verfing.

Bis zu einer Million Menschen in der Schweiz sind von der vermutlich genetisch vererbten Krankheit betroffen. Wohl mit ein Grund, weshalb die Migräneforschung trotzdem nur schleppend voranging: Frauen erkranken dreimal häufiger als Männer.

Wer von dieser häufigsten neurologischen Erkrankung betroffen ist, hat einen falsch arbeitenden Rezeptor in der zentralen Schmerz- und Reizverarbeitung, der heftigere Reaktionen auf Reize auslöst als bei Nichtbetroffenen. Was dabei im Hirn genau passiert, kann die Forschung bis heute nicht sagen.

Und Co-Autor und Neurologe Andreas Rudolf Gantenbein weiss auch gar nicht, wie sich Migräne anfühlt. Genau deswegen will er Betroffenen das Wort überlassen. Mit Praxedis Kaspar-Schmid hat er eine Co-Autorin, die trotz jahrelangen Schreibens nur über ihre Krankheit nie ein Wort verfasst hat. Und es dann in einer Art tut, die einen leer schlucken lässt.

Die zermürbende Konstante
Kaspar-Schmids Erfahrungsbericht «Migräne leben» ist die Geschichte eines bewegten Lebens, das vor der Krankheit immer wieder stillstand.

Als Mädchen sorgt sich Kaspar-Schmid schon um die oft bettlägerige Mutter, bevor die Migräneanfälle mit knapp 16 Jahren auch bei ihr einsetzen und ihren Alltag mit ständigen Schmerzen überziehen. Zur Krankheit dazu kommt ein Bruch mit dem Elternhaus, weil die Tochter früh heiratet und mit 28 Jahren Mutter dreier Söhne ist. Die Migräne trägt sie als Schatten stets mit sich: «Hast du Kopfweh heute, fragen die Kinder, wenn ich sie am Morgen wecke. Hast du Kopfweh heute, habe ich als Kind jeden Morgen meine Mutter gefragt», beschreibt Kaspar-Schmid die unheilvolle Parallele.

Als sie Mann und Kinder nach 14 Jahren Ehe verlässt, am Existenzminimum lebt und ihr ältester Sohn mit neunzehn Jahren an einem Hirntumor verstirbt, stürzt Kaspar-Schmid in ein tiefes Loch. Nur die Sinnlosigkeit ihres eigenen Todes für ihre Kinder hält sie am Leben. Ein Cocktail aus Antidepressiva und Migräne-Medikamenten beschert ihr eine Palette an Nebenwirkungen, die man sich ungern genauer ausmalt. Und immer mit dabei: das unaufhörliche Hämmern im Kopf. Ist es nicht da, verdirbt die Angst vor seinem baldigen Wiedereinsetzen jegliche Zuversicht im Alltag.

Erst, als sie sich in eine Rehaklinik begibt, verbessert sich Kaspar-Schmids Zustand. Damals ist sie gut sechzig Jahre alt. Doch die Milderung hält nicht an. Wenige Jahre nach ihrer Pension kehrt die Krankheit in aller Härte zurück. Kaspar-Schmid muss 70 Jahre alt werden, bis in der Medikamentenforschung der Durchbruch gelingt – und sie dank einer Spritze ein Leben führen kann, in dem sie fast migränefrei ist.

Der Preis: Praxedis Kaspar-Schmid muss sich nach fast sechzig Jahren Schmerz und Zurückgebundensein die Frage stellen, wer sie ohne die Krankheit überhaupt ist. Und wer sie hätte sein können.

Es ist eine eindrückliche, poetische Abhandlung eines Lebensweges, der in berufliche Erfolge und privates Glück hinauf und immer wieder in tiefste Abgründe führt. Kaspar-Schmid erzählt im Präsens, schmückt die Lebensabschnitte mit Details aus. Sie schreibt viel in Metaphern, malt mit Wörtern schaurige Bilder des Schmerzes, die trotzdem so unmittelbar sind, dass man sich immer wieder in der Frage verliert, ob das Geschilderte die heutige Realität der Autorin oder doch eine erinnerte ist.

Ob der Langwierigkeit des Leidens befällt einen mit der Zeit eine Ohnmacht. Ein wenig aber auch wegen der gewaltigen Sprache. Mancherorts hätte mehr sprachliche Nüchternheit dem Leid mehr Platz gelassen, ein Fremdwort weniger das literarische Geschick der Autorin nicht ganz so offensichtlich ins Zentrum gerückt. Ob sich mit Umschreibungen wie «Der Schmerz ist ein Popanz» viele Betroffene identifizieren können, ist fraglich.

Mit ihrer Erzählung schafft sich der Ratgeber selbst ein Herzstück, das einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Ein Kern aber auch, der die restlichen, medizinisch fundierten und stärker auf die Behandlung ausgelegten Teile damit zwangsweise abfallen lässt.

Tipps und Tricks aus erster Hand
Wer im Erfahrungsbericht nicht ganz nachkommt, erhält in den anschliessenden Interviews – Andreas Rudolf Gantenbein stellt erst Fragen an seine Patientin, danach umgekehrt – noch einmal eine Kurzzusammenfassung. Diesmal in einer einfacher zu fassenden Sprache. Praxedis Kaspar-Schmid gibt auch hier spürbar den Ton an, der Mediziner Gantenbein bleibt neben ihr auch mit seiner jahrelangen Erfahrung als Neurologe eher im Hintergrund.

Es folgen «Migräneslogans», Kurzanleitungen und -tipps für Betroffene, die aus Visiten bei Migränikern und Migränikerinnen im von Gantenbein betreuten Kopfschmerzprogramm stammen. Darin wird auch klar, dass die bildliche Sprache, die Kaspar-Schmid verwendet, nicht von ungefähr kommt. Weil die Krankheit weder fassbar noch sichtbar ist, muss der Schmerz für Aussenstehende umschrieben oder verglichen und damit immer auch ein Stück weit verzerrt werden.

Die Begriffe im abschliessenden Migräne-ABC scheinen teilweise ein wenig gesucht, liefern in angenehmer Kürze und Verständlichkeit aber interessante Fakten, die hängenbleiben.

So ergibt sich im Ratgeber in gebotener Kürze ein umfassendes Bild einer Krankheit, die sporadisch mühsam sein, oder in Praxedis Kaspar-Schmids Fall eben ein Menschenleben in ihren Fesseln halten kann. Ein Sachbuch mit literarischer Hälfte, die zuweilen überbordet, die Lektüre allerdings lohnt.

Der Ratgeber «Leben mit Migräne» ist im Kohlhammer Verlag erschienen. Am 25. November 2024 findet um 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek eine Buchpräsentation mit Gespräch, Kurzlesung und Fragerunde statt.

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Ei, Ei, Eierwerfen – oder: Der letzte Eierritter https://www.shaz.ch/2024/03/31/ei-ei-eierwerfen-oder-der-letzte-eierritter/ https://www.shaz.ch/2024/03/31/ei-ei-eierwerfen-oder-der-letzte-eierritter/#respond Sun, 31 Mar 2024 06:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=8410 In Ramsen wurde früher ein skurriler Brauch gefeiert: der Eierlauf. Wir waren auf Spurensuche und haben den letzten Eierritter im Altersheim besucht. Theodor Neidhart sitzt auf einem Bürostuhl in seinem Zimmer im Altersheim Bachwiesen in Ramsen und legt eine Videokassette ein. Gebannt schaut er auf den Fernseher. Es erscheinen Diabilder und man hört Theodor Neidharts […]

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In Ramsen wurde früher ein skurriler Brauch gefeiert: der Eierlauf. Wir waren auf Spurensuche und haben den letzten Eierritter im Altersheim besucht.

Theodor Neidhart sitzt auf einem Bürostuhl in seinem Zimmer im Altersheim Bachwiesen in Ramsen und legt eine Videokassette ein. Gebannt schaut er auf den Fernseher. Es erscheinen Diabilder und man hört Theodor Neidharts Stimme aus etwas jüngeren Jahren erklären: «Ein Schweizer Dragoner mit seinem Eidgenoss, wie das Kavalleriepferd genannt wurde. Dieses war bereit, notfalls sein Blut für das Vaterland zu opfern. Mit seinem Eidgenoss ging der Dragoner eine Art Ehe auf zehn Jahre ein.»

Theodor Neidharts Kavalleriepferd hiess Donat. Mit Donat nahm er 1972 an einem wilden Ritt in Ramsen teil. Als letzter oder einer der letzten Dragoner von damals bezeugt der heute 94-Jährige einen bizarren althergebrachten lokalen Osterbrauch: den Eierlauf.

*

Der Eierlauf, das Eierlesen oder der Eierwurf ist womöglich heidnischen Ursprungs, seine Herkunft ist aber ungeklärt. Der Frühlingsbrauch wurde unter anderem im Baselbiet und in den Hegaugemeinden ausgeübt. In Schaffhausen wurde er vor allem in Ramsen nachweislich zelebriert. Den Nachforschungen des Lehrers und Lokalhistorikers Max Ruh zufolge ist das Eierlesen in Ramsen am 8. April 1877 erstmals belegt. Und zwar bereits mit Kassier, Fahnenträger und grossen Festlichkeiten. In den folgenden Jahrzehnten dürften weitere Wettläufe stattgefunden haben, während des ersten Weltkrieges wurde die Tradition hingegen sicherlich eingestellt. Der Grund dafür: Es brauchte für dieses Fest ziemlich viele Rosse und Reiter. Und eine wahnwitzige Menge an Eiern.

Das Eierlesen ging nämlich, zumindest in Ramsen, so: Dutzende von Reitern trabten Runde um Runde aus dem Oberdorf mit einem hartgesottenen Ei in der Hand an, welches sie durch einen triumphbogenartigen, mit Tannenreis gekränzten Ring auf dem Gemeindehausplatz werfen mussten. Dort wurden die Eier mit dem «Beeren», also mit Fischnetzen, aufgefangen. Verfehlte Eier klatschten gegen Hauswände und ins Publikum und wurden von den Kindern erhascht. Zum Spass wurde unter die gekochten Eier hier und da ein rohes gemischt war. Doch das ist noch nicht alles: Während die Reiter trabten und warfen, jagte eine Kutsche mit der Dorfprominenz auf einer vorgegebenen Strecke davon – und traf sie wieder ein, ehe der Wurf der rund 300 Eier beendet war, ging der weingefüllte Siegespokal an die Kutschen-Herrschaften statt an die Eierritter.

Der Eierlauf von 1931 in Ramsen. Auch Theodor Neidhart hatte daran teilgenommen. © zVg

Das Tamtam wurde von Musik, Fanfaren, Clowns und Hofnarren in mittelalterlichen Kostümen begleitet. Denn der Sage nach geht der Brauch auf das 12. Jahrhundert zurück: Die Gräfin Clothilde, Gemahlin des englischen Grafen Waldemar von York, habe als Gottesdank für ihren langersehnten männlichen Nachwuchs Eier an die Armen austeilen lassen. Die Dorfobrigkeiten in der Kutsche sollten beim österlichen Festakt die Grafen und ihr Gefolge darstellen.

Eine ziemliche wilde Sache also. Die Ramserin Marie Geyer hält ihre Erinnerungen an zwei Eierlesen in ihrer Jugend (darunter wohl jenes von 1922) im Schaffhauser «Neujahrsblatt» 1969 fest: «D’Wuche vor däm Eierläsetsunntig hät me d’Eier möse zämeträge. I jedem Puurehus und wo susch no Höör gaxet hönd, isch aaklopfet und um Eier gfröget wore. Gar mäng hübsch Töchterli hät der Muetter gschmeichlet und anere umebättlet, doch jo nid knauserig z’si.»

Auch Josef «Seppel» Gnädinger, der spätere Kunstmaler, beschreibt den Eierlauf von 1931 in einem Schulaufsatz, der in der Jungwacht-Zeitschrift «Schwiizerbueb» publiziert wurde. So ist die Tradition für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gut belegt, bevor sie vorerst verschwand.

*

Nach einer über 40-jährigen Pause schliesslich wurde das Eierwerfen am Ostermontag 1972 wieder aufgenommen. Theodor Neidhart, der ehemalige Ramser Dragoner und heutige Altersheimbewohner, erinnert sich noch gut daran. 1951 war er ins Dorf zurückgekehrt, nachdem er fünf Jahre «in der Fremde» war. Er hatte seine Bäcker- und Konditorlehre in Interlaken absolviert und danach in der Westschweiz gearbeitet, bis der Vater sagte, er solle zurückkommen, es gebe genug Arbeit in Ramsen. So stieg Theodor in der Familienbäckerei ein und führte diese bis ins hohe Alter.

Bis auf jene fünf Jahre in der Fremde, verbrachte der Bäcker sein ganzes Leben in Ramsen. Er interessiert sich lebhaft für Geschichte und wurde zum Gedächtnis des Dorfes. Mehrere seiner Dia-Vorträge sind auf DVD aufgezeichnet. Neidhart hat aber auch noch anderes Filmmaterial zur Hand. Auf seinem Fernseher im Altersheim zeigt er einen Amateur-Stummfilm vom Eierlesen 1972. Ein riesiger Volksauflauf fand statt, die Kinder tanzten und sangen, der Musikverein spielte auf und die Herren Gemeinderäte winkten mit ihren Zylindern aus der Adeligen-Kutsche. Beim Eierwerfen ging es rasant zu und her. «Selbst der Ramser Seelenhirte, Domherr Wäschle, dem ein Ei punktgenau auf dem linken Sehorgan zerplatzte, machte tränenden Auges gute Miene zum sicher nicht bös gemeinten Spiel», hiess es später in der Zeitung. Nach dem Festakt feierte man beim Eiersalatessen im «Hirschen» weiter.

*

Das Eierwerfen hing stark mit der Kavallerie der Schweizer Armee zusammen, erzählt Theodor Neidhart. 1971 sei diese «leider» abgeschafft worden. Der Eierlauf von 1972 sei deshalb auch eine Art Abschlussfest der Dragoner gewesen. Mit der Kavallerie fand so auch der Eierlauf sein Ende. Die Heimatvereinigung habe 1997 nochmals einen Eierlauf veranstaltet, so Neidhart. Ein solches Aufgebot an entsprechend trainierten Pferden wie früher sei heute nicht mehr möglich, sagt auch der Reitverein Ramsen.

1972 fand der letzte Eierlauf statt. © zVg

Die Zeiten würden sich ändern, sagt Theodor Neidhart, wie er in seinem Zimmer im Altersheim sitzt. «Die Ramser hatten damals keine Autos, an den Sonntagen fuhr man nicht weg und schaute stattdessen, dass man im Dorf Aktivitäten entfalten kann», meint er. «Als ich jung war, hatten wir elf Wirtschaften in Ramsen, heute sind es noch zwei.»

Auch eine Bäckerei gibt es in Ramsen keine mehr. Theodor Neidhart war der letzte Bäcker von Ramsen, genauso wie er der wahrscheinlich letzte Eierritter ist. Zum Glück sind beide Traditionen, das Brotbacken und das Eierwerfen, in seinen historischen Aufzeichnungen dokumentiert.

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Not lovin’ it https://www.shaz.ch/2024/02/05/not-lovin-it/ https://www.shaz.ch/2024/02/05/not-lovin-it/#respond Mon, 05 Feb 2024 12:25:02 +0000 https://www.shaz.ch/?p=8232 Der Quartierverein Herblingen wehrt sich gegen Pläne des McDonalds. Und stellt sich damit in die 30-jährige Tradition des Schaffhauser Fast-Food-Widerstandes.

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Der Quartierverein Herblingen wehrt sich gegen Pläne des McDonalds. Und stellt sich damit in die 30-jährige Tradition des Schaffhauser Fast-Food-Widerstandes.

Wo die Autos heute stehen, sollen sie künftig rollen: McDonalds will aus dem Parkplatz vor dem Herblingermarkt ein Drive-Through machen, die Baustangen schwanken bereits in der Winterbise. 

McDonalds hat die Rechnung allerdings ohne Eugen Schibli gemacht. Schibli kann der kalte Wind nichts anhaben, er ist warm eingepackt in eine schwarze Windjacke und rahmengenähte Halbschuhe. Schibli – seit 20 Jahren Vereinsvorstand im Quartierverein Herblingen, Ressort Vereine und Freizeitanlagen – studiert jeden Freitagmorgen das Amtsblatt. Dort entdeckte er in der Ausgabe vom 22. Dezember «mit grosser Überraschung» die Baueingabe für die Burgerbude. Anfang Januar, davor war die Verwaltung über Weihnachten geschlossen, stand Schibli im Schaffhauser Baureferat, um die Unterlagen dazu zu studieren. Die Fotos davon hat er auf seinem Tablet mit dabei.

Der Telefonalarm im Quartierverein Herblingen lief heiss, bald danach auch die Druckpressen: Jeder Herblinger Haushalt wurde per Flyer zu einer Infoveranstaltung am 22. Januar geladen. «McDonalds hat gestaunt, wie gut der Quartierverein organisiert ist», sagt Schibli. Die Schaffhauser Nachrichten schrieben in der Folge von erhitzten Gemütern, fanden in einer Strassenumfrage Jugendliche, die gerne bei McDonalds essen und stellten in einem Kommentar fest, dass es in Schaffhausen nur noch gastronomisches Mittelmass gebe, aber «die Stadt bekommt, was sie verdient». 

Schibli allerdings sieht das alles sehr rational. Der Bau wäre wohl zonenkonform, sagt er, also auch in Ordnung, und «seien wir ehrlich, es gäbe schlimmere Optionen». Welche das wären, will er nicht sagen. Schibli geht es vor allem um Eines: dass alles korrekt vonstatten geht. Der Widerstand des Quartiervereins ist auch eine Machtdemonstration. «Man muss in Herblingen bei grösseren Vorhaben mit dem Quartierverein sprechen, sonst geht nichts. Das ist ein Signal an alle anderen.» Was man mit dieser Macht erreichen will, ist aber moderat. «Wir sind natürlich vernünfti.g»

Der Verein will flankierende Massnahmen zum McDonalds, die Forderungen sind folgende. Punkt 1: kürzere Öffnungszeiten als bisher, «damit das hier nicht ein Hotspot und Treffpunkt von ganz Schaffhausen wird». Punkt 2: eine Barriere zur Stüdelistrasse hin, «damit niemand einen U-Turn reisst und diesen Ausgang nutzt». Punkt 3: Das Leuchtschild muss sich an dieselben Leuchtzeiten halten wie das Stadion, «sonst kommt am Ende der Fussballverein und beansprucht auch längere Beleuchtungszeiten». Punkt 4: Massnahmen gegen «Poseraktivitäten», weil «Poser einfach Ärger anziehen». Und gründliches Abfallauflesen. 

Der Quartierverein stellt sich mit seinem Widerstand in eine Tradition. Neue McDonalds-Filialen hatten es noch nie leicht in Schaffhausen.

«Ohne Stressläden»

«Blumenkinder hauen Hamburger in die Pfanne», titelte die Sonntagszeitung im Oktober 1990. Der Journalist liess sich vom «Anti-Burger-King» Christoph Schüle, einem 18-Jährigen mit klimperndem Haschischohrring, die «propere und freundliche» Altstadt von Schaffhausen zeigen. Die Gründung ihrer Widerstandsgruppe beschrieb Schüle so: «Wir waren wirklich gut drauf, hörten Musik, alte Stücke und beschlossen, uns Flower Power zu taufen, so hiess nämlich die CD, die wir uns anhörten. Erst später merkten wir, dass dieser Name so mit Altachtundsechziger-Quark vorbelastet war – was uns aber nicht stört». Als Beispiel für ein Gastrobetrieb nach ihrem Gusto zeigten sie dem Journalisten dann noch das «Fass». 

Die Sorgen, welche die Schaffhauser gegen den Fastfood ins Feld führten, waren ähnliche wie heute: Lärm. Und Abfall. Mitinitiantin ­Kathrin Sigerist fand, die Schaffhauser Innenstadt solle ein gemütlicher Flecken «ohne Stressläden bleiben». Als Alternativstandort schlug sie in der Sonntagszeitung vor: den Herblinger Markt.

Farbanschläge und Gericht

Die Flower-Power-Gruppe stampfte an jenem Tag, an dem sie gut drauf war, eine Initiative «für ein abfallarmes Gastgewerbe» aus dem Boden, sammelte in den kommenden Wochen Unterschriften und reichte sie dem Kanton ein. Die Initiative wollte Einweggeschirr aus Schaffhausen verbannen.

Die jungen Wilden – ihre eigene Initiative konnten die Teenager nicht unterschreiben, die Volljährigkeit erreichte man damals noch mit 20 – bekamen Unterstützung von unerwarteter Seite: Der Regierungsrat gab eine Studie in Auftrag, die zum Schluss kam, dass der McDonalds umweltschädlich sei. Daraufhin gab der Konzern allerdings eine eigene Studie in Auftrag, die wiederum zum Schluss kam, dass Einweggeschirr sogar ausnehmend umweltfreundlich sei. Der Fast-Food-Riese warb fortan mit dem Slogan «McDonalds ist umweltbewusst! Das beweist die Öko-Analyse» gegen die Initiative an. 

Auch in der Schaffhauser Bevölkerung formierte sich Widerstand gegen den Widerstand: Eine Gruppe um die Jungfreisinnigen nahm unter dem Namen «Perspektive für Schaffhausen» den Burger-Kampf auf.

Der Kampf wurde hart geführt. In einem Leserbrief in der AZ beklagten die Eltern von Initiant Schüle dass «unser Sohn Christoph» Ziel massiver Drohungen werde, es habe gar einen Farbanschlag aufs traute Heim der Familie gegeben. Später bekannte sich gemäss den Eltern die «nationale Einheit gegen Linke» zur Tat. Die besorgten Eltern verlangten, dass sich McDonalds ausdrücklich davon distanziere. Die Distanzierung lieferte McDonalds in der AZ zwei Tage darauf. Auch die «Perspektive für Schaffhausen» bedauerte die «Eskalation der Kampagne» und gab zu, dass es das Ziel gewesen sei, die Initianten zur Absage von Veranstaltungen zu zwingen.

Flower Power machte trotz Drohungen und unter der schützenden Hand der Eltern weiter. Zum Abstimmungskampf gehörte unter anderem, dass im Jugendkeller der Film «Dschungelburger – Hackfleischordnung international» gezeigt wurde, der demonstrieren sollte, «wie die in den Industrieländern des Nordens um sich greifende Umstellung der Ernährungsgewohnheiten auf Fast-Food Folgen in der Dritten Welt hat».

McDonalds beschwerte sich dafür auf dem Gerichtsweg (erfolglos) über den Biologen Bernhard Egli, der auf umweltschädliche Stoffe in den Verpackungen aufmerksam gemacht hatte. Und auch die AZ mischte munter mit, der spätere SP-Präsident und damalige AZ-Chefredaktor Hans-Jürg Fehr moderierte ein Podium zum Thema und empfahl ein Ja zum «kleinen Schritt in die richtige Richtung». Die SN zeigten zwar ebenfalls Sympathien für die Initiative, forderte aber Eigenverantwortung zur «Burgerenthaltsamkeit».

Während der Regierungsrat die Initiative zur Annahme empfahl, schlug sich der Kantonsrat schliesslich auf die Gegenseite. Die Bürgerlichen sorgten sich um die Gewerbefreiheit und darum, dass der Kanton Schaffhausen sich «wieder einmal» lächerlich mache. Die Initianten seien «Miesmacher, die eine ideologische Zielsetzung haben». Das Volk folgte schliesslich seiner Legislative, am 2. Juni 1991 sagten fast zwei Drittel Nein zur Initiative und Ja zum Einweggeschirr. Schon einen guten Monat später eröffnete der erste McDonalds im Kanton mitten in der Schaffhauser Altstadt. «Familienrestaurant mit Lokalkolorit» titelte die AZ offenbar umgestimmt. Vielleicht wegen des Spielplatzes mit dem «Munotturm im Kleinformat», über den Kinder auf die Rutsche gelangen konnten. 

Keine formalen Fehler machen

Schibli vom Quartierverein Herblingen kann sich zwar an die Initiative von 1991 erinnern. «Ich war ein Mal an einem Info-Event, ich gehe gerne an Info-Events, ich finde sie unterhaltsam.» Was er abgestimmt hat, weiss er nicht mehr. Anders als damals, ist Schibli überzeugt, ist das, was der Quartierverein macht, kein politischer Grabenkampf. «Der Quartierverein bildet alle politischen Meinungen ab, wir sind in etwa so aufgestellt wie der Grosse Stadtrat.» Schibli ist auch nicht grundsätzlich gegen den McDonalds, er ist ein liberaler Mensch und hat die NZZ abonniert. Aber auch das Gastrogewerbe habe sich an Regeln zu halten. Und bei den Regeln will der Quartierverein mitbestimmen. 

Seine Waffen sind die Waffen des Korrekten. Der Quartierverein hat am Info-Event Protokoll geführt und dieses dem McDonalds zukommen lassen, sodass dieser eine Protokollberichtigung hätte verlangen können (tat er bisher nicht). So, sagt Schibli, könnte man McDonalds künftig auch auf die gemachten Aussagen behaften. «Jetzt geht es darum, keine formalen Fehler zu machen, die später die ganzen Bemühungen für eine erträgliche Lösung zunichte machen könnten.»

Wenn der McDonalds eröffnet wird, – dass das passiert, davon geht Schibli aus –, wird er sich dann auch mal einen Burger holen.

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Auf dünnem Eis https://www.shaz.ch/2023/02/13/auf-duennem-eis/ https://www.shaz.ch/2023/02/13/auf-duennem-eis/#respond Mon, 13 Feb 2023 14:48:57 +0000 https://www.shaz.ch/?p=7266 Eine Eisfläche als Abenteuerspielplatz und Ort der Völkerverständigung — vor 60 Jahren fror der Bodensee zu. Zeitzeuginnen erinnern sich. Von Christian Hunziker Mit aller Kraft hacken sich zwei Männer links und rechts vom Bug einen Weg durch die treibenden Eisschollen frei, versuchen verzweifelt, ihr Boot aus einer sich schnell schliessenden Eisdecke zu manövrieren. Der Motor […]

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Eine Eisfläche als Abenteuerspielplatz und Ort der Völkerverständigung — vor 60 Jahren fror der Bodensee zu. Zeitzeuginnen erinnern sich.

Von Christian Hunziker

Mit aller Kraft hacken sich zwei Männer links und rechts vom Bug einen Weg durch die treibenden Eisschollen frei, versuchen verzweifelt, ihr Boot aus einer sich schnell schliessenden Eisdecke zu manövrieren. Der Motor heult, immer wieder schlägt die Schiffsschraube auf Eis. Hinter ihnen friert die Fahrrinne wieder zu. Die Sicht ist schlecht, eine Dunstglocke liegt über dem Wasser, kein Wind.

Diese Szene spielt nicht im arktischen Packeis, sondern auf dem Bodensee, im Februar 1963. Die Männer: Willi und Max Schweizer, Vater und Sohn. Ihr Beruf: Fischer. Sie sind losgezogen, um am Obersee zwischen Langenargen und Steinach ihre Netze einzuholen. Und werden dort beinahe vom Eis eingeschlossen. Erst nach vierstündigem Kampf gelingt es ihnen, sich zu befreien. Völlig erschöpft kehren sie nach Romanshorn zurück. Am nächsten Tag liegt der Obersee zu Eis erstarrt im Morgenlicht.

Die Fähre Hegau bahnt sich ihren Weg durch das Eis. Foto: Luftbild Franz Thorbecke, Lindau

Die Summe der Kälte

Als hätte sich eine milchig leichte Haut über den See gelegt. So beschreibt eine Zeitzeugin den Anblick des gefrorenen Bodensees im Winter 1963. Die Seegfrörni – oder Seegfrörne – wird vor 60 Jahren in allen Anrainerstaaten zum Massenspektakel: Tausende überqueren im Februar und März 1963 den zugefrorenen See – zu Fuss, auf Schlittschuhen, Skiern oder Fahrrädern; einige sogar mit dem Motorrad oder dem Auto. Die Erinnerungen an die völkerverbindende Eisfläche werden bis heute wachgehalten.

Einige kalte Wintertage reichen nicht aus, damit der Bodensee – immerhin das dritte grösste Binnengewässer Europas – zufriert. Erstmals überliefert ist eine Seegfrörni am Bodensee für das Jahr 875. Seither fror der Obersee 33 Mal komplett zu. Für einen so grossen und tiefen See wie den Bodensee ist dazu eine Kältesumme von –370 nötig. Das bedeutet, dass die Temperaturen während mehr als 90 Tagen wenigstens um die minus vier Grad betragen müssen. Mindestens drei Monate Kälte. Und das ist letztmals im Winter 1962/1963 der Fall.

Während sich der Kalte Krieg nach der hitzigen Beinahe-Eskalation im Zuge der Kuba-Krise im Oktober 1962 wieder abkühlt, sinken im Bodenseeraum bereits im November die Temperaturen auf minus sieben Grad, mehrere Tage lang bleibt es frostig kalt. In Lindau telefoniert der fliegende Fotograf Franz Thorbecke von Amtsstelle zu Amtsstelle: Sollte der See zufrieren, will er mit seinem Flugzeug auf dem Eis landen. Doch die tauben Ohren der Beamten treiben nur seine Telefonrechnung in die Höhe. Ende Dezember wird am Untersee im Markelfinger Winkel ein erster begehbarer Eisweg freigegeben. Auf 1,3 Kilometern beträgt die Eisstärke mindestens acht Zentimeter. 740 Kilometer weiter nördlich kratzen die Beatles im Hamburger Star-Club bis Silvester mit einer Reihe von Konzerten am Ruhm.

Im neuen Jahr bleibt es kalt. Mitte Januar schliesst sich die Eisdecke am Untersee. Zum Jahrhundertereignis reicht das freilich noch nicht. Letztmals fror der weniger tiefe Untersee 1956 komplett zu. Ab dem 18. Januar decken sich deutsche Einkaufstouristen von der Reichenau in Steckborn und Ermatingen mit Kaffee und Zigaretten ein. Die improvisierten Zollstellen auf dem See kommen kaum nach mit kontrollieren. Am Ufer stauen sich die Fahrzeuge der Schaulustigen.

Mit Schlittschuhen über die zugefrorene Fahrrinne der Fähre. Foto: Julius Pietruske

«Versaufet mir jo it»

Am Obersee in Langenargen beobachtet der siebzehnjährige Julius Pietruske den See genau, immer weiter hinaus aufs Eis wagt er sich mit den Schlittschuhen. Er hofft, dass sich auch hier die Eisdecke vollständig schliesst. Am 6. Februar vernimmt er, dass von Hagnau aus bereits einige Wagemutige den See nach Güttingen überquert hätten – ausgerüstet mit Seilen, einer Leiter und einer Trompete als Signalhorn. Freudig werden sie auf der Schweizer Seite empfangen. Allerdings verwehrt ihnen Bezirksstaathalter Raggenbass den Rückweg über den See, das Eis ist noch nicht freigegeben. Die Fähren zwischen Konstanz und Meersburg sowie zwischen Romanshorn und Friedrichshafen schieben sich mühsam durch die Eisschollen. Sie fahren selbst nachts, um die Fahrrinne eisfrei zu halten. Das Thermometer zeigt minus 21 Grad.

Endlich, am Samstag, 9. Februar, brechen Julius, sein Bruder Heinz und ihr Freund Konrad zum Abenteuer auf dem Eis auf. Julius notiert in sein Tagebuch: «Wir schauten nun, dass wir von unserer Tante wegkamen, denn sie jammerte schon, es sei zu gefährlich; «versaufet mir jo it», rief sie uns noch nach.» Auf Schlittschuhen lassen die drei Langenargen hinter sich und peilen mit Kompass, Karte und Marschzahl Rorschach an.

In regelmässigen Abständen messen sie die Eisdicke. Erst sind es noch 8, dann mitten auf dem See nur noch 6 Zentimeter. Plötzlich knallt das Eis wie Peitschenhiebe, nach jedem Schlittschuhabdruck laufen Risse davon. «Ein gewaltiger Donnerschlag liess das Eis erzittern, dem zuvor ein Heulen und Krachen gefolgt war. Wir merkten plötzlich, wie sich das Eis unter uns zu wölben und senken begann. Die Eisdecke bebt, darunter rauschte und gluckste das Wasser immer stärker werdend.» Es bleibt nur die Flucht nach vorne. Die drei sprinten in Richtung Schweiz, rechnen jeden Moment damit, einzubrechen. Doch das Eis hält. Nach vier Stunden erreichen sie den Mündungsbereich des Alten Rheins. Hier beträgt die Eisschicht gerade noch drei Zentimeter. Zwischen offenen Wasserstellen hindurch schlängeln sie sich trocken ans Schweizer Ufer. Dort, im Gasthaus zum «Weissen Haus», glaubt man ihnen kaum, dass sie über das Eis gekommen sind. Dieser Erstüberquerung sollten noch mehr als ein Dutzend weitere folgen.

Einige Kilometer weiter östlich beobachten tausende Schaulustige, wie Franz Thorbecke vor Lindau mit seiner Piper auf dem Eis landet. Nach langem Ringen und Argumentieren mit Belastungsstärken hat er schliesslich eine Bewilligung zur Landung erhalten. Auf dem Rückflug begleitet ihn sein neunjähriger Sohn Reinhard. Thorbeckes Luftbilder vom Eismeer werden die Erinnerung an die Seegfrörni prägen. Am gleichen Tag wird die letzte Fährverbindung zwischen Romanshorn und Friedrichshafen eingestellt. Der Bodensee ist nun komplett zugefroren.

Der zugefrorene Bodensee. Foto: Luftbild Franz Thorbecke, Lindau

Eisige Verbindung

Mit der Seegfrörni herrscht zwischen Anfang Februar und Anfang März 1963 am Bodensee Ausnahmezustand. Alte Traditionen leben wieder auf, andere werden neu erfunden. Bereits am 8. Februar bringt die Narrengruppe Hennenschlitter einen symbolischen Zehnten aus Hennen, Eiern, Speck und Schnaps von Immenstaad nach Münsterlingen. Das dortige Kloster hatte früher diesen Zehnten von seinem Untertanengebiet gefordert. Ebenfalls nach Münsterlingen wird vier Tage später die hölzerne Büste des Evangelisten Johannes getragen. Nach 133 Jahren in Hagnau wechselt sie traditionsgemäss wieder die Seeseite. Die rund 2500 Teilnehmenden der grossen Prozession beten für den Weltfrieden und die Verständigung zwischen Ost und West. Der junge Lehrer und Radiojournalist Kurt Felix versenkt sein Aufnahmegerät im See, kann aber zwei Tonbänder seiner Reportage retten. Vor Nonnenhorn bietet Franz Thorbecke Rundflüge über den See an, sein Sohn verkauft derweil Postkarten auf dem Eis.

Mitte Februar steigen die Temperaturen, die Eisdecke am Obersee reisst auf, an den Ufern türmen sich meterhohe Eisberge. Doch die Gfrörni ist noch nicht am Ende. Ein Kälteeinbruch Ende des Monats lässt die Eisschicht wieder wachsen. Julius Pietruske fährt mit seinen Gefährten mit dem Velo über den See zur Fasnacht nach Arbon. Und nachts übers Eis wieder zurück.

Am ersten Märzwochenende tummeln sich Tausende auf dem zugefrorenen See. Auch Familie Schweizer ist auf dem Eis unterwegs. Sie suchen die eingefrorenen Bojen ihrer Fischernetze. Ohne grossen Erfolg. Tochter Trudi erinnert sich vor allem an die beissende Kälte, die allen in die Glieder kriecht.

Am 4. März findet vor Hagnau der erste internationale Polizeirapport zwischen Schweizer und deutschen Beamten auf dem See statt. Nur zwei Tage später warnen dieselben Behörden vor dem Betreten der Eisfläche. Es taut, das Eis wird «morsch». Zehntausende haben in den wenigen Wochen den Bodensee überquert, allein in Nonnenhorn am Obersee hat die Verwaltung 10 600 «Eiswanderungsbescheinigungen» ausgestellt. Fünf Personen haben den Versuch, den See zu überqueren, mit dem Leben bezahlt. Die Insassen mehrerer im Eis eingebrochener Autos kamen hingegen glimpflich davon. Für die hungernden Wasservögel bringt das Tauwetter endlich Linderung. Zeitweise waren sie sogar aus der Luft mit Futter versorgt worden. Anfang April nehmen die letzten Schiffsverbindungen unter erschwerten Bedingungen ihren Betrieb wieder auf: Die gewaltige Kraft der Eismassen hat nahezu am ganzen See die Seezeichen niedergedrückt.

Angesichts von Klimawandel und steigenden Temperaturen stehen die Chancen auf eine baldige Wiederholung einer Seegfrörni in mittlerer Zukunft eher schlecht. Unter jenen, die die letzte grosse Seegfrörni vor sechzig Jahren miterlebt haben, bleibt vor allem das Gefühl zurück, den Nachbarn übers Eis ein Stück näher gekommen zu sein.

Christian Hunziker ist der Leiter des Seemuseums Kreuzlingen. Am 23. Februar 2023 findet im Seemuseum ein Zeitzeugenabend statt.

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Der letzte Säger https://www.shaz.ch/2023/01/10/der-letzte-saeger/ https://www.shaz.ch/2023/01/10/der-letzte-saeger/#respond Tue, 10 Jan 2023 15:28:06 +0000 https://www.shaz.ch/?p=7203 Seit über 150 Jahren werden in einer kleinen Sägerei in Hemishofen aus Baumstämmen Bretter. Jakob Albrecht, Säger in fünfter Generation, gibt den Betrieb dieses Jahr auf. Als er gefragt wird, ob er traurig sei, dass es mit seiner Sägerei zu Ende geht, muss Jakob Albrecht einen Moment nachdenken. Er ist kein sentimentaler Mann. Eine konkrete […]

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Seit über 150 Jahren werden in einer kleinen Sägerei in Hemishofen aus Baumstämmen Bretter. Jakob Albrecht, Säger in fünfter Generation, gibt den Betrieb dieses Jahr auf.

Als er gefragt wird, ob er traurig sei, dass es mit seiner Sägerei zu Ende geht, muss Jakob Albrecht einen Moment nachdenken. Er ist kein sentimentaler Mann. Eine konkrete Antwort hat er nicht parat, stattdessen blickt er über Bretterstapel, Werkzeuge und ziemlich viel Sägemehl, bevor er sagt: «Ich höre auf mit einem weinenden und einem lachenden Auge.»

Die Sägerei Albrecht gehört zu den ältesten Unternehmen der Schweiz, ist fast so alt wie diese selbst. 150 Jahre lang wurde hier gearbeitet. Jakob Albrecht Junior führt den Betrieb seit 25 Jahren, ein Sechstel der Firmengeschichte, und in fünfter Generation.

Museumsreife Maschinen

Es gibt einen schönen Dokumentarfilm über die Sägerei Albrecht in Hemishofen, der seinerseits auch schon zehn Jahre alt ist. Der Ramser Künstler und Filmemacher Hansueli Holzer eröffnet mit den Worten: «Es gibt noch Orte, wo man das Gefühl hat, die Zeit sei etwas stehen geblieben.» Das ist eine ziemliche Untertreibung: Die Sägerei Albrecht ist richtiggehend aus der Zeit gefallen.

Der letzte Säger von Hemishofen begrüsst die AZ an einem trüben Vormittag: Ein kleiner Mann in Arbeitskleidung von schwer zu definierender Farbe und bequemen Arbeitsschuhen. Man merkt dem ledigen Inhaber einer Einmannsägerei an, dass er viel allein war in seinem Leben, es ist nicht immer einfach, dem knorrigen Schalk zu folgen, der sein Humor ist. Er mache alles selber, vom Einkauf der Baumstämme bis zum Verkauf der Bretter und Latten, und alles dazwischen, erzählt er, während er seine Vollfräse einrichtet. Zu Demonstrationszwecken – Aufträge hat er heute keine.

Mit geübten Handgriffen öffnet er die Luke zum Innenraum der Fräse und löst die Befestigung des schweren Fräsblattkopfs. Er setzt vier gefährlich scharf aussehende, kreisrunde Blätter ein, jeweils im Abstand einer Dachlatte, und baut den Fräskopf wieder ein. Wenig später mischt sich ein schrilles Kreischen in das dumpfe Brummen der schweren, alten Maschine, und in Sekunden werden aus einem Brett Dachlatten. Die Bretter wiederum hat Jakob Albrecht mit einer noch älteren Maschine, einem GF-stählernen Ungetüm von Gattersäge aus der Schaffhauser Maschinen­fabrik Rauschenbach, aus Baumstämmen gesägt. Ganz ähnliche Maschinen stehen anderswo seit Jahrzehnten in Heimatmuseen.

Alles in der Sägerei ist auf Einmannbetrieb ausgerichtet. Da ist der uralte einachsige Leiterwagen, mit dem ein Baumstamm ins Innere der Sägerei gebracht wird, der Kran als modernstes Gerät im Haus, der den Baumstamm auf ein Schienengefährt hebt, mit dem er durch die Sägeblätter geführt wird.

Auf diese Weise kann die ganze Sägerei ohne Angestellte betrieben werden, was während eines Grossteils ihrer Geschichte auch der Fall war. Das bedeutet aber auch, dass die Produktion eingeschränkt ist: Während Jakob Albrecht eine Maschine bedient, stehen die anderen still.

Alles wie immer

Die Industrialisierung hat ein Sägewerk nach Hemishofen gebracht, doch irgendwann ist sie an ihm vorbeigezogen. Die Zahnräder des Fortschritts waren schneller als diejenigen der kleinen Sägerei.

Erbaut wurde sie auf den Ruinen eines ambitionierten, aber erfolglosen Projekts der frühen Industrialisierung. 1846 eröffnete ein Zürcher Bankier hier die «Schweizerische Cichorien-Caffee-Fabrik». Landwirte aus der Umgebung bauten Zikorien an und verkauften die Wurzeln an die neue Firma, wo sie zu Kaffeeersatzprodukten verarbeitet wurden. Doch eine Überschwemmung und zwei Brände zwangen die Fabrik nach weniger als 20 Jahren in die Knie. Auf ihren Grundmauern entstand 1871 die Sägerei Albrecht.

Bis 1954 wurde die Säge von einem riesigen Wasserrad angetrieben: Die Sägerei nutzte die für die Zichorienfabrik nutzbar gemachte Kraft des Hemishoferbachs.

Spätestens mit dem Kauf der Rauschenbach-Gattersäge vor über 80 Jahren war die kleine Sägerei auf – für damalige Verhältnisse – Massenproduktion ausgerichtet. Heute sind, was Jakob Albrecht verarbeiten kann, im Vergleich mit modernen Sägereien Kleinstmengen. «Hier muss einer gern schaffen, um etwas zu verdienen», sagt der Säger. Und er kann nur gesägtes, aber kein weiter verarbeitetes Holz anbieten. Der Markt will gehobelte Bretter und verleimte Balken, aber in die dafür nötigen zusätzlichen Maschinen hat die kleine Sägerei nie investiert.

Schrittweise Veränderungen gab es trotzdem. Das Wasserrad hat ausgedient, im Keller steht heute ein Elektromotor. Aber weiterhin leitet eine enorme Transmissionsanlage die Energie mit Rädern und Riehmen auf die Säge: Aus der Kreisbewegung des Motors wird das Auf und Ab der Sägeblätter. Wenn er viele Bäume zu zersägen hat, klettert Jakob Albrecht mindestens einmal am Tag durch eine Luke im Werkstattboden in den Keller, holt die schwarze Fettpumpe und versorgt die Säge mit dem nötigen Schmiermittel. Alles wie immer. Alles, wie es schon sein Vater gemacht hat und drei Albrechts vor ihm.

Im Keller: Diese Räder und Riemen übertragen Energie von einem Elektromotor (im Raum rechts) nach oben zur Säge. Durch die Tür im Hintergrund sind die Überreste des Wasserrads zu sehen, welches der Elektromotor abgelöst hat.

Noch ist Albrecht geduldet

Mit dem Verkauf der Liegenschaft habe er eine dynamische Zeit erlebt, sagt Jakob Albrecht. Vielleicht ging es ihm am Ende doch etwas zu schnell: 2024 wäre er im Pensionsalter, er hätte sich auch vorstellen können, noch ein paar Jahre zu arbeiten. «Aber es isch, wies isch», konstatiert Albrecht unsentimental. Zwei Schaffhauser Immobilienfirmen haben ihm das Grundstück abgekauft: Über 9000 Quadratmeter, drei Viertel davon Bauland. Albrecht hat mit dem Verkauf wohl mehr verdient als in einem ganzen Arbeitsleben mit Sägen und Fräsen. Er vermutet, dass Mehrfamilienhäuser gebaut werden, und Albrecht, der direkt auf der anderen Strassenseite wohnt, scheint die Vorstellung nicht zu stören.

Wann genau er zum letzten Mal einen Stamm in die Gattersäge führt, weiss Albrecht noch nicht. Vorläufig könne er in Absprache mit den neuen Besitzern noch in der Sägerei arbeiten, sagt er. Aber Jakob Albrecht nimmt nicht mehr viele Aufträge an, der letzte Säger versucht vielmehr, das viele Holz, das in unterschiedlichen Stadien der Verarbeitung mehr oder weniger ordentlich gestapelt ist, noch loszuwerden: «Ich loos uuslaufe.» Irgendwann dieses Jahr, sagt er, sei Schluss.

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Nächstes Kapitel https://www.shaz.ch/2022/11/22/naechstes-kapitel/ https://www.shaz.ch/2022/11/22/naechstes-kapitel/#respond Tue, 22 Nov 2022 14:52:53 +0000 https://www.shaz.ch/?p=7113 Der abgewählte Altregierungsrat Christian Amsler ist wieder da: mit «einem Buch über die Bildung». Ein Gespräch über Vergangenheitsbewältigung. Lange hat Christian Amsler nach seinem unfreiwilligen Abgang aus der Schaffhauser Regierung geschwiegen. Zur Erinnerung: Das Volk hatte ihn 2020 abgewählt. Der Erziehungsdirektor hatte im Skandal um die kriminellen Machenschaften an der Schulzahnklinik (– Kinder wurden unnötig […]

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Der abgewählte Altregierungsrat Christian Amsler ist wieder da: mit «einem Buch über die Bildung». Ein Gespräch über Vergangenheitsbewältigung.

Lange hat Christian Amsler nach seinem unfreiwilligen Abgang aus der Schaffhauser Regierung geschwiegen. Zur Erinnerung: Das Volk hatte ihn 2020 abgewählt. Der Erziehungsdirektor hatte im Skandal um die kriminellen Machenschaften an der Schulzahnklinik (– Kinder wurden unnötig geröntgt, systematische Abwerbungen und Tricksereien mit der Arbeitszeit fanden statt –) totalversagt. Es war nicht die einzige Affäre, die seinem Image geschadet hatte.

Christian Amsler zeigte sich nach seiner Abwahl tief gekränkt. Interviewanfragen lehnte er ab: «Fakt ist, dass mich die Schaffhauserinnen und Schaffhauser für mich schmerzlich aus meinem mir lieben Regierungsratsamt abberufen haben und nun auch nicht zu wissen brauchen, was ich aktuell und neu beruflich mache. Ich bin keine öffentliche Person mehr», zitierten ihn die Schaffhauser Nachrichten im August 2021.

Heute sieht es anders aus. Christian Amsler hat in seinem neuen Job als Schulleiter in Seuzach Fuss gefasst und in der Zwischenzeit «ein Buch über die Bildung» geschrieben. So der Name des Werks, das in verschiedenen Kapiteln Erfahrungen und sehr allgemein gehaltene Betrachtungen von Christian Amsler vereint. Und Amsler ist bereit, darüber zu reden.

So klingeln wir eines frühen Morgens an seiner Tür in Stetten auf dem Reiat. Hinter der nebelumschlungenen Alpenkette am Horizont geht gerade die Sonne auf. Amsler kennt alle Berge mit Namen und scheint überhaupt sehr bereit fürs Leben, wie er vor uns steht: im Anzug, gerüstet, um später zur Arbeit ins Zürcher Weinland zu fahren. Er ist Frühaufsteher, Tagwacht morgens um fünf vor halb sechs. Noch nie im Leben habe er einen Wecker gebraucht, sagt er und setzt sich im Wohnzimmer auf das Sofa, vor ihm liegt «ein Buch über die Bildung». Im Hintergrund läuft leiser Jazz.

AZ Christian Amsler, wieso haben Sie dieses Buch geschrieben?

Christian Amsler Das ist ein Projekt, das ich schon lange plante. Im Verlauf meiner vielen Jahre im Bildungsbereich trug ich Skizzen, Ideen und Texte zusammen und wollte all das einmal für mich festhalten. Nach meinem Ausscheiden aus der Regierung Ende 2020 gönnte ich mir ein halbes Jahr Sabbatical, bevor ich meine neue Stelle als Schulleiter in Seuzach antrat. Ich wusste genau: Das ist der Zeitpunkt um dieses Buch zu schreiben.

Ein ziemlich straffes Programm!

Sehr, ja. Es war streng, aber ich habe das immer begleitet durch körperliche Tätigkeit. Ich ging viel raus mit dem Hund; habe einige Achtstünder gemacht. Das Schreiben und die Aktivität draussen in der Natur waren eine gute Kombination – auch um Distanz zu meinem Vorleben zu schaffen.

Die Abwahl 2020 war ein schmerzhafter Einschnitt für Sie.

Absolut, ja.

Das Buch war schon auch eine Strategie zur persönlichen Verarbeitung?

So kann man das sagen.

Was Sie zu Papier gebracht haben, sind ein Stück weit Ihre beruflichen Memoiren.

Es ist ein persönliches Buch mit Reminiszenzen aus meinem Leben. Aber es ist keine Biographie. Der Titel «Ein Buch über die Bildung» schwebte mir schon ganz früh vor. Der Verlag hat zuerst etwas dagegen gehalten, aber dann mehr und mehr Gefallen daran gefunden.

Sie philosophieren über unterschiedlichste Themen, wie etwa über den Wert des Vorlesens, geben aber auch Kommunikationstipps für Schulleitungen ab. An wen wendet sich «ein Buch über die Bildung: Warum Schulen ein Fenster zur Welt öffnen sollten»?

Diese Frage habe ich mir ganz zu Anfang gestellt und mir gesagt, dass es für alle etwas bieten kann, die sich für das Thema Schule interessieren. Aber es ist klar, dass vor allem Schulleiterinnen, Lehrer, Eltern und Bildungsbehörden das Zielpublikum sind, genauso wie Studierende der Pädagogischen Hochschulen.

Das ist ein grosser Allgemeinheitsanspruch. Als Autorin oder als Autor ringt man ja oft mit Selbstzweifeln und hinterfragt, ob man einer Sache gerecht wird. – Ging Ihnen das beim Schreiben auch so?

Überhaupt nicht. Ich habe ja so viel erlebt rund um das Thema Bildung und das in den verschiedensten Rollen: als Lehrer, Schulleiter, Schulpolitiker, als Vater dreier Kinder und heute als Grossvater meiner beiden Enkel. Ich habe mich nie im Entferntesten gefragt, ob das Geschriebene auch genügt, sondern frei von der Leber weg geschrieben. Das Buch ist ein Diskussionsbeitrag, ein Denkanstoss.

Dabei vertreten Sie keine besonderen Positionen. Es ergibt sich ein sehr eingemittetes Gesamtbild.

Ich wollte das Thema Schule überhaupt nicht verpolitisieren. Ich schildere ein liberales und hoffnungsvolles Bild: Schule darf sich nicht ins Reduit zurückziehen. Das ist vielleicht der rote Faden des Buchs: Schule soll kreativ und bunt sein und sich nach vorne bewegen.

Christian Amsler hat «Ein Buch über die Bildung» geschrieben. ©Robin Kohler
Christian Amsler hat «Ein Buch über die Bildung» geschrieben. ©Robin Kohler

An der Basis des Schulbetriebs waren Sie aber lange nicht mehr. Hatten Sie keine Berührungsängste?

Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, ich war in meinen 11 Jahren als Bildungsdirektor alles andere als weit weg von der Basis. Übrigens schätze ich es jetzt wieder enorm, als Schulleiter zurück im Schulalltag zu sein: Es ist wie ein Kreis, der sich schliesst – aber wir kommen später vielleicht noch auf meine jetzige Tätigkeit zu sprechen. Jedenfalls: ich glaube nicht, dass ich ein entfernter, abgehobener Bildungsdirektor war. Das hat man mir auch attestiert.

Die Lehrerinnen und Lehrer waren mit Ihnen aber oft alles andere als einverstanden.

Natürlich. Man trägt einen Hut und muss in seiner Funktion eine klare Linie haben.

Gerade wegen der Sparübungen, die Sie im Auftrag des Gesamtregierungsrats durchexerzierten und die Auswirkungen auf das ganze Schulsystem hatten, standen Sie in der Kritik.

Ich hätte es auch gerne anders gehabt. Aber, das gilt auch heute noch: Die Lohnforderungen der Lehrpersonen kann man nicht einfach isoliert anschauen, die Polizei und die Pflege hängen im gleichen Lohnsystem. Aber da sind wir jetzt mitten in der Bildungspolitik.

Der sich schon lange anbahnende Lehrpersonenmangel ist heute das grosse Thema im Bereich Schule. Das kommt in Ihrem Buch erstaunlicherweise kaum vor. Wieso nicht?

Das ist auch tatsächlich eine Herausforderung und im Kapitel über die Lehrpersonen kommt das Thema bei mir schon vor. Aber es gibt so viele bildungspolitische Fragen, zu denen ich Antworten geben könnte.

Sie hatten eine sehr bewegte Karriere als Regierungsrat. Vieles daraus scheint in Ihrem Buch bewusst beiseite gelassen.

Persönliche Geschichten kommen zwar vor. Aber es ist nicht ein Buch über mich, sondern ein Buch mit mir. Und es ist ein Buch für alle. Warum sollte ich also über die Causa Schulzahnklinik schreiben? Das interessiert jemanden in Bern beispielsweise nicht.

Bildung soll «ein Fenster zu Welt öffnen», schreibt Amsler. ©Robin Kohler
Bildung soll «ein Fenster zu Welt öffnen», schreibt Amsler. ©Robin Kohler

Sie geben auch Tipps zur Kommunikation: Bei der Krisenkommunikation gehen Sie auf Beispiele aus Ihrer Zeit als Gemeindepräsident und als Bataillonskommandant ein. Die Krise rund um die Schulzahnklinik nennen Sie nicht. Dort gelang die Kommunikation nicht besonders gut.

Das wäre ein weiteres mögliches Beispiel für Krisenkommunikation gewesen, aber das habe ich nun halt nicht gewählt. Ich wollte kurze Beispiele nennen.

Worauf Sie stark eingehen: Der Lehrplan 21, dessen geistiger Vater Sie sind. Sie widerlegen falsche Behauptungen von Kritikern damals, drucken Schriftverkehr ab. Wieso nimmt das so viel Platz ein?

Weil ich wahnsinnig wichtig fand, dass der Lehrplan 21 als das grösste Schulprojekt der Schweiz vorkommt und dass man auch der Kritik Platz gibt. Ich habe immer versucht, auf Kritik zu reagieren, auch wenn mir das, wie angesprochen, nicht immer gut gelang in Schaffhausen. Aber rund um den Lehrplan gelang es sehr gut. Da habe ich ganz viele kritische konservative Stimmen an einen runden Tisch geholt. Dieser Debatte wollte ich in meinem Buch Raum geben, weil ich als Präsident an vorderster Front stand. Ich wollte nicht ein Loblied auf den Lehrplan 21 schreiben, sondern bewusst darstellen, dass es nicht einfach und mit viel Ringen verbunden war.

Der Lehrplan 21 ist eine Erfolgsgeschichte innerhalb Ihrer Karriere.

Ja, ich habe enorme Freude daran, dass das möglich war.

«Ich glaube, ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch.»

Christian Amsler

Gibt es Dinge in Ihrer Regierungsratszeit, die Sie anders gemacht hätten?

Natürlich kann man im Nachhinein immer sagen, vielleicht hätte ich dies anders machen oder jene Kommission früher einsetzen müssen. Aber das ist müssig: Was wollen wir retroperspektiv am Rad drehen und korrigieren? Es ist im Leben, wie es ist.

Dann gibt es keine Dinge, von denen Sie sagen: Die waren ein Fehler.

Die gibt es sicher. Aber darüber möchte ich nicht reden. Ich will in den gewesenen Zeiten nicht ins Detail gehen.

Haben Sie einen geschönten Blick auf Ihre berufliche Karriere?

Ich glaube, ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch. Aber manchmal muss man zum eigenen Schutz schwierige Momente etwas ausblenden. Man muss sich den negativen Erfahrungen zwar stellen, aber das Positive im Vordergrund halten, damit es einem gut geht und man gesund bleibt.

«Ich empfand das Politsystem als ungerecht und fragte, warum das gerade mir passieren muss.»

Christian Amsler

War das eine Einsicht der letzten Jahre?

Auch. Die Abwahl aus der Regierung war für mich tatsächlich ein ganz schwieriger Moment. Das ging mir brutal an Herz und Nieren. Es war für mich ein Schlag, mit dem ich wahnsinnig haderte: Ich empfand das Politsystem als ungerecht und fragte, warum das gerade mir passieren muss. Ich brauchte Zeit, meine Wunden zu lecken. Das ist bei Menschen nicht anders als bei verletzten Tieren. Durch meine Familie, meine Freunde und meine neue Tätigkeit bin ich so weit, dass ich das nun zur Seite legen und sagen kann: Es war so viel Gutes in diesen elf Jahren Regierungszeit drin, auch wenn es nun einen schwierigen Ausklang hatte. Und es ist völlig klar: Das Volk bestimmt.

Es scheint, dass Sie die Abwahl relativ gut verdaut haben.

Absolut. Natürlich kommt es manchmal noch hoch und ich musste relativ konsequent einen Bruch mit meinem damaligen politischen Umfeld setzen. Ich konnte ja nicht weiterhin die Debatten auf der Tribüne des Kantonsrats verfolgen oder regelmässig die Nähe meiner Regierungsgspänli suchen.

Damit geht auch ein Bedeutungsverlust einher. Wie gehen Sie damit um?

Damit habe ich null Probleme. Ich habe eine ganz klare Ansicht: Jeder ist ersetzbar. Was ich das Schlimmste finde, sind die Politiker, die sich nach ihrem Abgang überall noch einmischen, ihren Nachfolgerinnen reinschwätzen und dauernd Kolumnen und Leserbriefe schreiben.

Wir dürfen also nicht mit Leserbriefen von Ihnen rechnen?

Das wird es nie geben. Ich werde mich nicht mehr politisch einmischen.

Dabei hatten Sie ja hohe politische Ambitionen als Ständerats- und Bundesratskandidat. Haben Sie diese abgelegt?

Das musste ich gezwungenermassen, man kann nicht in der Vergangenheit verhaftet bleiben. Ich halte es ganz mit meinem Lebensmotto, das in meinem Buch zu finden ist und auch hier drüben an der Wand hängt: «Tu, was du kannst, mit dem, was du hast, dort, wo du bist» – ein Zitat des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt.

Nun schliesst sich also der Kreis, Sie sind zurück an der Basis Schule. Haben Sie die Seite gewechselt? Verstehen Sie die Anliegen der Lehrpersonen heute besser?

Also, dass ich jetzt plötzlich Lehrerinnen- und Lehrerversteher geworden bin? Das war ich schon zuvor. Aber eins steht fest: Alles, was ich gelernt und gemacht habe im Leben, auch in den politischen Ämtern, ist nun wie ein Geschenk und ein Werkzeugkasten zur Anwendung in der Funktion als Schulleiter. Gerade an einer grossen Schule wie Seuzach, wo ich die Primarschulen mit Kindergärten an sieben Standorten leite, mit über 600 Schulkindern und insgesamt 29 Klassen und etwa 120 Mitarbeitenden.

Wie der Kommandant eines ganzen Bataillons.

Nein, nein, ich bin ja kein Militärkopf, überhaupt nicht. Aber ich würde sagen, ich bin ein sehr väterlicher Schulleiter. Ich werde nächstes Jahr 60 und ich merke, wie ich das wirklich gerne mache: Unterrichtsbesuche und Kinder begleiten, die irgendwo wegen eines Konflikts vom Karren fallen. Genauso wie Gespräche mit Eltern und Lehrpersonen.

Zuvor haben Sie einen Kanton geführt, heute eine Schule. Wie fühlt sich der Unterschied dieser Grössendimensionen für Sie an?

Es ist einfach anders. Aber so wahnsinnig anders dann doch nicht.

Welche Front ist härter, die schulische oder die politische?

Ganz klar die politische, die wird einfach immer zugespitzter und das bedauere ich als Mann des Ausgleichs sehr. Ich leide auch mit ehemaligen Kollegen und Kolleginnen unserer Regierung mit, die wie ich damals persönlich angeschossen werden. Es hat sich in den letzten Jahren verschärft, dass man in einem Exekutivamt so exponiert ist. Dieses Bashing in der Politik verstehe ich nicht und ich bin froh, dem nicht mehr ausgesetzt zu sein.

Stehen Sie an der Schule weniger unter Druck als zuvor?

Das schon. Aber natürlich schauen alle auf den Schulleiter: Ich bin der Vorgesetzte der Lehrerinnen und Lehrer, bin viel näher an den Menschen als zuvor. Ich habe mir nach der Abwahl aus der Regierung Zeit genommen und mir überlegt, was ich beruflich noch machen möchte. Ein Thema war auch selbstständige Beratung im Bereich Schule und Gemeinden. Dann sagte ich mir aber, nein: Ich möchte noch mal eins zu eins zurück an die Schule.

Man hat den Eindruck, Sie seien auf diesem Schulleitungsposten extrem gut aufgehoben. Denken Sie, das wäre Ihre wahre Bestimmung gewesen und nicht die Politik?

Ich würde nie und nimmer sagen, die 11 Jahre im Bildungsdepartement seien verlorene Zeit gewesen. Im Gegenteil: Ich war Homo Politicus durch und durch, auch wenn es eine Phase war, die brutal aufhörte.

«Ich wollte nach dem Gewesenen geografische Distanz schaffen.»

Christian Amsler

Die Lehrpersonen und andere schulische Fachkräfte fehlen uns im Kanton, nun sind Sie selbst nach Zürich abgewandert. War das für Sie ein Moment des Zögerns, Schaffhausen beruflich zu verlassen?

Ich hätte auch hier in Schaffhausen Schulleiter werden können, aber das wäre nicht gut gewesen. Es wäre komisch, wenn ich als ehemaliger oberster Bildungschef plötzlich im Schulhaus Rosenberg in Neuhausen oder in Thayngen als Schulleiter wieder einmarschiert wäre. Ich wollte nach dem Gewesenen geografische Distanz schaffen, das Zürcher Weinland ist daher perfekt.

Schaffhausen den Rücken gewandt haben Sie nicht?

Nein, überhaupt nicht, ich hege null Groll. Ich bin durch und durch Schaffhauser und Rhybueb. Ich werde auch nicht, wenn ich kurz vor dem Tod stehe, noch mit Memoiren aufwarten, in denen ich Wahrheiten über die lokalpolitischen Affären auspacke, die mich betrafen (lacht).

«Die Zürcher Schulen sind top ausstaffiert.»

Christian Amsler

Aber sind weitere Bücher von Ihnen zu erwarten?

Das weiss ich noch nicht, aber wenn, dann solche über Bildung (lacht). Und einen Krimi bin ich auch noch am Schreiben.

Wirklich?

Ja, ja. Ich lese sehr viel: Geschichtliches, aber auch gern gute Thriller. Aber da brauche ich noch mehr Zeit, das mache ich dann irgendwann, wenn ich pensioniert bin.

Literarische Ambitionen sind vorhanden.

Sprache war schon immer meine Passion. Auch im jetzigen Job: Es gefällt mir, die vielen Texte und auch Wocheninfos an alle Lehrpersonen zu schreiben.

Und, sind die Bedingungen in Zürich für Lehrpersonen besser als in Schaffhausen?

Da muss ich mit Blick auf Schaffhausen durchaus selbstkritisch sagen: Die Zürcher Schulen sind top ausstaffiert. Schulische Sozialarbeit, Heilpädagoginnen, Klassenassistenzen, Schulleitungen – das macht schon Freude.

Was ich auch noch erwähnen wollte und mir auch grosse Freude macht: dass ich mein Buch auch ein bisschen als Vater-Sohn-Projekt realisieren konnte, denn mein Sohn Florian machte die Grafik für mein Buch.

«Ein Buch über die Bildung: Warum Schulen ein Fenster zur Welt öffnen sollten», hep Verlag, Herbst 2022

«Ein Buch über die Bildung: Warum Schulen ein Fenster zur Welt öffnen sollten», hep Verlag, Herbst 2022





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Methusalem https://www.shaz.ch/2022/08/15/methusalem/ https://www.shaz.ch/2022/08/15/methusalem/#respond Mon, 15 Aug 2022 10:07:29 +0000 https://www.shaz.ch/?p=6888 Die Schüppel-Eiche in Ramsen ist der älteste Baum der Region. Sie hat ein ganzes Dorf geprägt. Und umgekehrt. Die Schüppel-Eiche wurde in turbulente Zeiten hineingeboren. Als sich ihr Spross einige hundert Meter nördlich des Dorfs Ramsen durch die Erde kämpfte, hatte Bischof Ulrich III. von Konstanz gerade die Pfarrei Ramsen dem Kloster St. Georgen in […]

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Die Schüppel-Eiche in Ramsen ist der älteste Baum der Region. Sie hat ein ganzes Dorf geprägt. Und umgekehrt.

Die Schüppel-Eiche wurde in turbulente Zeiten hineingeboren. Als sich ihr Spross einige hundert Meter nördlich des Dorfs Ramsen durch die Erde kämpfte, hatte Bischof Ulrich III. von Konstanz gerade die Pfarrei Ramsen dem Kloster St. Georgen in Stein am Rhein einverleibt. Das Kloster war heilfroh um den Fruchtzehnten von 267 Malter, den die Ramser in der Folge abzugeben hatten (ein Malter glatte Frucht entsprach damals 130 1/6 Litern). Im Gegenzug stand das Dorf fortan unter dem Schutz der mächtigen Österreicher. Man schrieb etwa das Jahr 1360, es sollte noch weit über hundert Jahre dauern, bis Kolumbus Amerika entdeckt, doch der Baum dürfte sich schon damals so wenig um geopolitische Petitessen geschert haben, wie er es heute tut.

Die Schüppel-Eiche ist über 650 Jahre alt. Sie ist Schaffhausens ältester Baum. Für die Ramserinnen aber ist sie mehr als das. Für sie ist die Eiche Identität, Konstante, gemeinsamer Nenner. Um den Baum ranken sich zahlreiche Legenden. Es beginnt bereits bei den Begrifflichkeiten.

Einst soll in der Gegend ein Edelfräulein gelebt haben, das über riesige Ländereien verfügte. Da das Fräulein kinderlos blieb und einen Dorf-Oberen gut leiden konnte, versprach sie diesem vor ihrem Tod, die Ramser sollen von ihren Gütern «au en Schübel» bekommen. So sei das rund 50 Hektaren grosse Stück Laubwald mit Buchen und Eichen am Ramser Dorfrand, heute kein Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, zu seinem Namen gekommen: Schüppelwald.

Beim Zahnarzt

Die Schüppel-Eiche gedieh prächtig. Wie fast alle Bäume, die ein greisenhaftes Alter erreichen, steht sie nicht direkt im Wald, wo sie von allen Seiten von anderen Bäumen bedrängt worden wäre. Am äussersten Waldrand, gewissermassen als Vorposten, konnte sie über all die Jahre geruhsam in die Breite gehen.

Eines Tages erreichte der Baum eine würdige Statur und strahlte derart viel Autorität aus, dass man begann, den Platz «unter der Eich» als Gerichtsstätte zu benutzen. Wenn sie einen Streit beizulegen hatten, kamen die Ramser hierher, zur Schüppel-Eiche.

Irgendwann bekam der Baum einen weiteren Namen: Zigeuner-Eiche. Der Wald hat eine lange Tradition als Zufluchtsort, sei es für Fahrende oder für Geflüchtete während des Zweiten Weltkriegs. Einer von ihnen bezeichnete den Schüppel in seinen Erinnerungen als «Wald der Menschlichkeit». 1870 soll ein Lagerfeuer die Eiche angebrannt haben, worauf sich im Stamm ein Hohlraum bildete, in dem Ramser Schulkinder ihre Schulhefte verbrannt haben sollen. 1906 liess die Gemeinde den hohlen Stamm zumauern wie einen faulen Zahn, den man plombiert. Die Baumärzte orientierten sich am Menschen. Dabei funktioniert bäumische Anatomie nach ganz anderen Regeln.

Ein Baum in mehreren Klimazonen

Die Schüppel-Eiche ist eine Erscheinung. Heute steht man vor einem Urzeitmonster mit einem Stammumfang von bis zu 6,8 Metern, übersät von Knollen, Wucherungen, Rissen und Moos. In der Krone weist der Baum zwar einige tote Äste auf, doch jetzt, im Sommer, hat die Sonne den Baum wie jedes Jahr aufs Neue lebendig gemacht, er treibt aus, frische Blätter wachsen, weich und grün. Die Schüppel-Eiche steht auch 2022 in ihrer ganzen Pracht.

Anders als ein Mensch ist ein Baum alt und jung zugleich, er stirbt und lebt, baut ab und baut auf. Dadurch, dass sich Bäume nicht drehen und verschiedene Seiten verschiedenen Witterungen ausgesetzt sind, können sie gewissermassen gleichzeitig in verschiedenen Lebensräumen gedeihen. Ein halbes Jahrtausend Sonne oder Schatten – sowas hinterlässt Spuren am Baum. Als die ZEIT vor einigen Jahren eine alte Linde porträtierte, schrieb der Reporter: «Als Mensch wäre die Linde ein Neunzigjähriger, dessen linkes Bein verfault und der sich am rechten Bein die Muskeln seiner Jugend antrainiert.»

Die Schüppel-Eiche hat als Stieleiche eine Lebenserwartung von bis zu 1000 Jahren, in Ausnahmefällen können Stieleichen gar bis zu 1400 Jahre alt werden. Und mit ihrem bereits hohen Alter ist die Eiche in Ramsen auch besser auf den Klimawandel vorbereitet als jüngere Bäume. Über die Jahrhunderte hat sie üppige und dürre Jahre erlebt, diverse Warm-kalt-Wechsel. Sie hat gelernt, mit Krisen und Extremsituationen umzugehen, sie ist zur Überlebenskünstlerin geworden. Gut möglich, dass sie noch einige hundert Jahre hier steht.

Vor rund 150 Jahren setzten die Ramserinnen und Ramser um die Schüppel-Eiche drei Linden. Sie sollten als Ersatz dienen, sollte die Eiche eines Tages nicht mehr da sein. Heute haben auch die Linden bereits ein stattliches Alter erreicht.

Gnädingers Kraftort

Wie wir seit dem ersten Teil dieser Sommerserie über Schaffhauser Bäume wissen («Lindieren», siehe Box am Ende des Texts), verkörpert die Linde das Weibliche, das Behütende, sie steht für Gerechtigkeit, Geborgenheit, Gemeinschaft. Die Linde ist gewissermassen eine Bäumin. Die Eiche ist ihr Gegenstück. Sie verkörpert das Männliche, sie hat hartes Holz, ist unverrückbar, der heilige Baum des Göttervaters Zeus, allein in Europa Nationalsymbol von mehr als einem Dutzend Staaten.

Kein Zufall, ist die Schüppel-Eiche ein Sehnsuchtsort von starken, ausschweifenden Männern.

Der Schauspieler Mathias Gnädinger aus Ramsen kam bis zu seinem Tod 2015 hierher, um seine Texte zu üben. Er sass da, tigerte umher, fluchte, beruhigte sich wieder. Die «Schüppel-Ooch», wie die Einheimischen den Baum nennen, war Gnädingers Kraftort. Schon sein Onkel, der verstorbene Maler Josef «Seppel» Gnädinger, malte den Baum wieder und wieder. Der eine operierte hier beim Schüppel-Wald mit sonorer Stimme, der andere mit ausladendem Pinselstrich.

Doch die Gnädingers, Ramsens wohl berühmteste Exportgüter, haben den Baum nicht für sich gepachtet.

An einem Montag Anfang August wartet Hansueli Holzer bei der Schüppel-Eiche, ein quirliger Mann von 75 Jahren. Der Künstler hat den Baum immer wieder gemalt, seit er ihn vor 45 Jahren «kennengelernt» habe. Mit feinem Pinselstrich, was Kollege Seppel Gnädinger zeitlebens nicht verstehen konnte. Und fein ist auch Holzers Stimme, als er erzählt, wie er den Baum über die Jahre nicht nur malte, sondern immer wieder auch verletzte – um der Schüppel-Eiche Gutes zu tun.

Der Medizinmann

Holzer fand, es sei schade, dass der Hohlraum im Stamm der Schüppel-Eiche zugemauert worden war. Also schnitt er den Baum beim Eingang in den Hohlraum immer wieder an, auf dass sich dieser selber regenerieren möge. Holzer geht auf die Knie und zeigt, wie er nur das Kambium verwundete, die Gewebeschicht direkt unter der Rinde, gewissermassen die Schaltzentrale, die für das Wachstum des Baumes zuständig ist.

Vielleicht hat es tatsächlich mit Holzers ständigen Interventionen zu tun, dass die ­Eiche angefangen hat, das Mauerwerk langsam zu verinnerlichen.

Und wie man so da steht, unter diesem ­Giganten, würde man gern wissen, was er sonst noch alles verinnerlicht hat – abseits der bekannten Geschichten. In den über 200’000 Tagen, an denen er nun bereits hier steht. An der Peripherie des Dorfes Ramsen. Und doch mitten in seinem Zentrum.

Baumgeschichten
Bewundert, bewirtschaftet, emotionalisiert, entstellt: In unserer Sommerserie begeben wir uns auf die Suche nach besonderen Bäumen.
Folge 1: Tanzlinde
Folge 2: Affenbaum
Folge 3: Mammutbaum
Folge 4: Haselnussbaum

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