Geschichte Archive - Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/tag/geschichte/ Die lokale Wochenzeitung Thu, 21 Nov 2024 11:45:58 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.4.8 https://www.shaz.ch/wp-content/uploads/2018/11/cropped-AZ_logo_kompakt.icon_-1-32x32.jpg Geschichte Archive - Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/tag/geschichte/ 32 32 Das Schweigen um den Sammler https://www.shaz.ch/2024/11/21/das-schweigen-um-den-sammler/ Thu, 21 Nov 2024 11:35:02 +0000 https://www.shaz.ch/?p=9004 Der Klebstofffabrikant Marcel Ebnöther schenkte der Stadt Schaffhausen eine riesige Sammlung antiker Objekte. Ein kostbares Erbe mit kontaminierter Geschichte, die verschwiegen wird. Oktober 2023, Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen. Kulturell interessierte Leute mit robusten, leichten Schuhen spazieren von einer Vitrine zur nächsten. Ich folge ihnen, und wir fahren unsere Gesichter ans Glas wie eine Superkamera und […]

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Der Klebstofffabrikant Marcel Ebnöther schenkte der Stadt Schaffhausen eine riesige Sammlung antiker Objekte. Ein kostbares Erbe mit kontaminierter Geschichte, die verschwiegen wird.

Oktober 2023, Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen. Kulturell interessierte Leute mit robusten, leichten Schuhen spazieren von einer Vitrine zur nächsten. Ich folge ihnen, und wir fahren unsere Gesichter ans Glas wie eine Superkamera und sehen uns verrückte kleine Figuren aus Ton an, die Oralsex haben oder Flöte spielen. Die Figuren sind tausend, zweitausend Jahre alt. Sie stammen aus dem über zehntausend Kilometer entfernten Peru, von einer fremden, fantastisch wirkenden Kultur namens Moche, und jetzt schauen sie uns schweigend durch eine Glasscheibe an.

Wie all diese Kostbarkeiten in einem kleinen Schweizer Museum gelandet sind, erfahren wir nicht. Wir erfahren auch nicht, warum man nichts darüber erfährt. «Dr. Marcel Ebnöther (1920–2008)», steht knapp auf einer Tafel neben den Figuren. «Fabrikant – Reisender – Sammler […] Innerhalb von zwanzig Jahren erwirbt er über 6000 archäologische Objekte.»

Als ich aus dem Museum abziehe, ärgere ich mich über diese Leerstelle. Teil von Geschichte ist schliesslich immer auch ihre eigene Entstehungsgeschichte. Und so folgen wir in diesem Bericht dem Leben und Kaufen des geheimnisvollen Leimfabrikanten und Sammlers Marcel Ebnöther. Vor dreissig Jahren machte er der Stadt Schaffhausen ein Geschenk, das zu wertvoll war, um es abzulehnen.

Walter Alva und die Räuber
Als Erstes lese ich Berichte darüber, wie Figuren und Schmuckstücke von Kulturen wie den Moche in den Handel kamen: durch Grabräuber.

Am 25. Februar 1987 um Mitternacht schreckte Walter Alva aus dem Schlaf. Das Telefon klingelte. Der Polizeichef der Stadt Chiclayo im Norden Perus am anderen Ende der Leitung war in Aufruhr. Er berichtete, wie seine Leute einen Bauern aufgegriffen hatten, einen ärmlichen Campesino, der seinen Schnaps mit antikem Schmuck aus Gold bezahlen wollte.

Walter Alva, ein Archäologe Mitte dreissig, stieg in seinen Wagen und raste zum Polizeiposten. Die Beamten legten ihm über dreissig Gold- und Keramikstücke vor. Die Dinge waren, das erkannte Walter Alva ziemlich schnell, Vermächtnisse der längst untergegangenen Kultur der Moche. Die Moche waren Teil einer jahrtausendelangen Entwicklung lateinamerikanischer Hochkulturen, an deren Endpunkt die Inka standen. Ein Weltreich, dem europäische Invasoren ein blutiges Ende setzten.

Der Campesino hatte der Polizei erzählt, dass er den Goldschmuck in Sipán gefunden hatte, einem abgelegenen Dorf. Walter Alva und ein paar Polizisten fuhren in einem Dienstwagen nach Osten. Sie folgten dem Lauf eines Flusses durchs Lambayeque-Tal, das durchsät war mit tausenden von Feldern. Wie ihre Vorfahren der Moche vor eineinhalb tausend Jahren zogen sich die Leute an die Flüsse zurück, die die wüstenartige peruanische Küste wie feine Adern durchbrechen. Mit Hilfe von Bewässerungsanlagen bauten sie Mais oder Kartoffeln an und hielten Enten, Meerschweinchen und Lamas.

In der Gesellschaft der Moche standen die Bäuerinnen und Bauern zuunterst in der Hierarchie. Darüber befanden sich die Handwerker, und zuoberst thronten Adlige um einen Herrscher oder eine Herrscherin. Bei der Bestattung legte man den Fürstinnen und Fürsten unzählige Kostbarkeiten bei, neben bemalter Keramik auch kunstvoll gearbeitete Masken aus Gold, Silber, Kupfer oder Kobalt.

Als Walter Alva und die Polizisten Sipán erreichten, stiessen sie auf ein paar verwitterte Pyramiden aus Lehm. Die Erde rundherum war voller Löcher. In der Gegend gab es kaum Arbeit, und an den Märkten liess sich mit der Ernte nur wenig Geld verdienen. Deshalb plünderten Kleinbauern schon seit Generationen alte Gräber, in der Hoffnung, ein paar Amulette aus Gold oder wertvolle Keramik zu finden. Bei den Pyramiden in Sipán waren Huaqueros, Grabräuber, vor ein paar Wochen auf eine uralte Gruft mit antiken Schätzen gestossen, die sie auf dem Schwarzmarkt verkauften. Die Neuigkeit des Schatzes zog immer weitere Kreise, und immer weitere Schwärme von Huaqueros fielen über die Pyramiden her. Der Ort, schrieb ein Spiegel-Reporter später, sehe mit seinen vielen Erdlöchern aus «wie nach einem Bombenattentat».

Walter Alva bei der Ausgrabung in Sipán, 1987. (Privatarchiv)

Um die Huaqueros zu vertreiben, feuerten die Polizisten mit ihren Maschinengewehren in die Luft. Walter Alva schaute sich die minenfeldartige Gegend an. Er hoffte, dass manche Gräber noch unberührt waren, und stellte sofort ein Team zusammen, das mit archäologischen Grabungen begann. Während Monaten verliess er den Ort nicht, und stets trug er einen Revolver bei sich.

Dann, im Juli 1987, stiess Alva auf die Grabanlage eines mächtigen Moche-Fürsten, des Señor de Sipán. Er war mit sieben weiteren Erwachsenen und einem Kind begraben worden, Menschenopfer, die den Fürsten auf der Reise ins Jenseits begleiten sollten. Die Grabanlage war so gut erhalten, dass sie ein völlig neues Bild der Moche ergab. Walter Alva und weiteren Forscherinnen war es erstmals möglich, ihre Gesellschaft zu rekonstruieren, Klassensystem, Rituale, Religion, etc. Darüber hinaus waren die Beigaben aus Edelmetallen und Keramik so prunkvoll, dass sie auch im Fernsehen und in Zeitschriften etwas hergaben. Der Señor de Sipán erhielt den Übernamen «peruanischer Tutanchamun». Ein weltweiter Hype um die Moche-Kultur brach aus.

Das entdeckte Grab des Señor de Sipán, fotografiert von Walter Alva.

Doktor Ebnöther sammelt
Auf der Suche nach Moche-Objekten reiste Marcel Ebnöther 1987 in die peruanische Hauptstadt Lima. Er war Ende fünfzig, braungebrannt und drahtig wie ein Bergsteiger. Er war schon oft in Lima gewesen, die Moche waren ihm seit Jahren bekannt, über hundert Moche-Objekte hatte er bereits gekauft, und so wusste er, bei welchem Händler er auch diesmal fündig werden würde.

Die Siebziger- und Achtzigerjahre waren sehr gute Jahre, um antike Objekte in Peru zu kaufen (wie überhaupt in ganz Lateinamerika). Arme Bauern sahen die Chance ihres Lebens, mit der Plünderung von Gräbern etwas Geld zu verdiene. Kriminelle Banden schalteten sich ein, die Strassen in Lima wurden mit hunderttausenden Artefakten überschwemmt, und früher oder später landeten die geraubten Objekte in Europa oder den USA, in den Beständen historisch und kulturell interessierter Sammler.

Marcel Ebnöther, aufgewachsen in Sempach im Kanton Luzern, war Chemiker. In der Badewanne seiner Wohnung hatte er mit allerlei Substanzen experimentiert, und bald hatte er zwei Leime erfunden, die er in seiner Fabrik produzieren liess und die ihn reich machten: Brigatex (benannt nach seiner Tochter Brigitte) und Elotex (benannt nach seiner Ehefrau Elisabeth).

Ansonsten ist nur wenig über Ebnöthers Leben bekannt. Er war ein zurückhaltender, geheimnisvoller Mensch. Nicht einmal Bekannte wissen besonders viel über ihn zu erzählen, ausser von seiner Bescheidenheit, und so ist heute schwer zu sagen, woher sein Interesse für Archäologie und antike Hochkulturen kam. Jedenfalls verkaufte er seine Firma 1979. Seine neue Arbeit bestand darin, um die Welt zu reisen, von Antiquitätenhändlern zu Auktionshäusern, um seine Sammlung zu vergrössern. Jedes Jahr kaufte er hunderte Gegenstände. Bis zu seinem Tod würde er rund 6000 Objekte besitzen. Die meisten stammen aus Lateinamerika. Von den Inka, Maya, Moche oder Nazca. Er sammelte aber auch Artefakte aus dem Mittelmeerraum, besonders von den Etruskern und der Urartu-Kultur in der heutigen Türkei.

In seinem Haus in Sempach füllte er Vitrine um Vitrine. Er füllte sie und suchte Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen der sogenannten Alten Welt rund ums Mittelmeer und der Neuen Welt in Lateinamerika. Er war nicht nur von einzelnen Kulturen fasziniert, sondern vor allem auch vom Gedanken, die Kulturen gleichwertig einander gegenüberzustellen. Dieser Gedanke wurde zu seiner Mission als Sammler.

1987 kaufte er in Lima eine Flasche aus Ton, die wie der Kopf eines Moche geformt ist. Der Moche trägt ein Stirnband, auf dem Schlangen mit Ohren gemalt sind. Die linke Seite seiner Oberlippe ist mit einer tiefen Narbe versehen, weshalb man ihn «Narbenlippe» nennt. Narbenlippe ist einer der berühmtesten Moche-Krieger. Fast vierzig antike Tongefässe mit seinem Gesicht darauf wurden bis heute gefunden, was darauf hindeutet, dass er offenbar während Jahren Gegner um Gegner bei Ritualkämpfen besiegte. Erst schlug er ihnen mit einer Keule die Nase blutig, dann fesselte und entkleidete er sie. Bei einer Art Altar schlitzte ein Priester den Besiegten die Kehle auf, und das Blut wurde den Göttern gespendet, in der Hoffnung, drohende Naturkatastrophen und Hungersnöte abzuwenden oder gesunde Kinder zu bekommen.

Archäologe Alva bewahrt
Wenn es um Sammlungen geht, die in früheren Kolonien zusammengekauft wurden und nun europäischen Museen Publikum und Renommée sichern, sind es sehr oft die Museumsdirektorinnen und Kuratoren, die zu solchen Sammlungen gefragt werden. Sehr oft sagen diese Direktorinnen und Kuratoren, dass man als renommiertes Museum am besten wisse, was man zu tun habe (am besten nichts).

Wie sieht man die Sache in Peru?

Über Walter Alvas Kopf hängt ein Gemälde in bunten Farben, das ein Ritual aus einer Inka-Zeremonie zeigt. Wir haben uns zu einem Videoanruf verabredet. Wie Walter Alva vom Señor de Sipán erzählt, von einer Entdeckung, die die Geschichte von Peru verändert hat, und vom Revolver, den er am Gurt trug, um sich vor Grabräubern zu schützen, wie er sagt: «Ich wollte unsere Geschichte bewahren, dafür gab ich alles» – bei all dem würde man glauben, dass er erst vor Kurzem als Archäologe angefangen hat und nicht schon vor fast fünfzig Jahren.

«El Doctor», sagt Walter Alva und meint Marcel Ebnöther, sei weder aussergewöhnlich noch einzigartig. Seine Sammlung sei, wie ein Grossteil der Sammlungen in europäischen Museen überhaupt, das Ergebnis von illegalen Ausgrabungen.

«Alle Sammler, die Objekte aus Raubgrabungen kaufen, sind zumindest indirekt für die Zerstörung der Geschichte, für die Zerstörung der Identität eines Volks verantwortlich», sagt Walter Alva. «Ein Objekt, das aus einem Grab geraubt wurde, verliert jeglichen historischen Wert. Es gibt keinen Kontext mehr, aus dem wir etwas lernen können. Es ist nur noch ein schönes Kunstobjekt. Raubgrabungen», sagt Alva, «das ist, wie wenn ich eine Seite aus dem Buch reisse und das Buch wegwerfe. Ein einziges Grab, das wissenschaftlich erforscht wird, bietet uns mehr Informationen als Tausende von Fundobjekten einer Kultur.»

Der Archäologe spricht in langsamem Spanisch, als wolle er sichergehen, dass man am anderen Ende der Welt, in der Schweiz, auch wirklich mitbekommt, was er zu sagen hat.

«Die Raubgrabungen waren und sind illegal in Peru», fährt er fort. «Der Export von archäologischen Fundobjekten ist seit mehr als hundert Jahren illegal. Nur hatten wohlhabende Sammler in der Realität keine Probleme, ihre Käufe aus dem Land zu schaffen.»

Die Schweiz war eine wichtige Drehscheibe im internationalen Handel mit Kulturgütern. Lange Zeit gab es wenig gesetzliche Einschränkungen. Zwar versuchte die internationale Gemeinschaft schon 1970 mit einer Unesco-Konvention, den illegalen Handel mit Kulturgütern zu verbieten. Doch die Schweiz trat dem Abkommen erst Anfang der 2000er-Jahre bei.

Man müsse den historischen Kontext von Ebnöther sehen, der ganz anders als der heutige sei, sagt Walter Alva. Ausserdem müsse man anerkennen, dass Ebnöther seine Sammlung mit der Schenkung der Öffentlichkeit und somit auch für Nachforschungen zugänglich gemacht habe.

Das Geschenk
Um das Jahr 1990 herum, vor der Münsterkirche in Schaffhausen, traf Gérard Seiterle, der damalige Direktor des Museums zu Allerheiligen, zufällig auf Marcel und Elisabeth Ebnöther. Sie kannten sich vom Antikenmuseum in Basel, wo Gérard Seiterle früher gearbeitet hatte und Ebnöther im Stiftungsrat sass.

Die Ebnöthers erzählten, dass sie Anfragen diverser Museen erhalten hätten, die sich für die Sammlung interessierten. Schliesslich fragte Elisabeth Ebnöther: «Was würden Sie uns empfehlen?»

«Weiss ich gerade nicht», antwortete Seiterle. «Aber das Sagen habe ich nur hier.»

So gehen Gérard Seiterles Erinnerungen. Er führt eine Kaffeetasse an seine Lippen, die von einem schlohweissen Bart umrandet werden. Er sitzt im Café des Museum zu Allerheiligen, wo er zwar seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr das Sagen hat, aber immer noch durch die Hallen spaziert, als erwarte man ihn zu einem Vortrag über seine erstaunlichen archäologischen Erkenntnisse über die vielbrüstige Artemis von Ephesos, deren Zitzen eigentlich Stierhoden seien, wie er mir versichert.

Gérard Seiterle schlug Ebnöther vor, die Sammlung dem Allerheiligen zu vermachen. Ebnöther willigte ein. Allerdings mit einigen Einschränkungen. Die wichtigste Bedingung: Seine Sammlung muss «als Gesamtheit» zusammenbleiben. Man darf die Sammlung also nicht aufteilen und zum Beispiel nur Maya-Objekte zeigen. Nur in der Einheit, so sah es Ebnöther, bleibe der Sinn seiner jahrelangen Sammlerei erhalten, in einer Gegenüberstellung von Kulturen aus Alter und Neuer Welt. Ausserdem verlangte Ebnöther, dass das Museum stets einen Teil der Sammlung auf mindestens 500 Quadratmetern ausstellt. Und die Sammlung sollte offiziell «Sammlung Ebnöther» heissen. Die Bedingungen waren zeitlich unbefristet.

Andere Museen wollten diese Einschränkungen nicht hinnehmen. Ebnöthers Kulturenvergleich entsprach nicht dem, womit sich die Wissenschaft befasste. Die Sammlung wäre aufgeteilt worden. Ein Teil wäre vielleicht in einem Antikenmuseum gelandet und ein anderer in der Abteilung Ethnologie.

Der damalige Schaffhauser Stadtrat Thomas Feurer, als Kulturreferent für das Museum verantwortlich, akzeptierte Ebnöthers Bedingungen. 1991 wurde der Schenkungsvertrag unterzeichnet. Der Wert der Sammlung wurde auf 30 Millionen Franken geschätzt. Für eine Provinzstadt wie Schaffhausen war das Geschenk wohl einfach zu kostbar, um es abzulehnen.

Januar 1991: Marcel Ebnöther unterzeichnet den Schenkungsvertrag im Schaffhauser Stadthaus, zusammen mit seiner Frau Elisabeth. © Museum zu Allerheiligen

«Damals interessierte man sich nicht für die Herkunft der Objekte – ob sie geraubt waren oder nicht», sagt Gérard Seiterle. «Man kaufte einfach.»

Kurt Zublers Ultimatum
Zwei Wochen, bevor die erste grosse Dauerausstellung der Sammlung Ebnöther im August 2001 eröffnet wurde, verfasste der Archäologe Kurt Zubler einen Text mit dem Titel «Die Kehrseite». Es war der letzte Baustein der Ausstellung, die Zubler als Projektleiter entworfen hatte. Und dieser Baustein war seiner Meinung nach unverzichtbar.

Kurt Zubler sitzt auf einem Sofa im Dachstock seiner Wohnung auf dem Schaffhauser Emmersberg. Auf eine Armlehne hat er eine Mappe mit Dokumenten gelegt, die er von damals aufbewahrt hat.

«Als ich als Projektleiter zugesagt habe, hatte ich eine einzige Bedingung», erzählt Zubler. Dann holt er aus: Er arbeitete seinerzeit als Archäologe beim Kanton. Die Sammlung Ebnöther war ein intensiv diskutiertes Thema im Team, und man war sich einig, dass man solche Sammlungen ablehnte. Mit dem Einzug solcher Sammlungen in ein öffentliches Museum würde man sie bloss legitimieren.

Zubler zieht einen Brief vom Januar 2001 aus der Mappe. Er stammt von einem Kantonsarchäologen, der sich an den Stadtrat wandte. Er bringt die damalige Ablehnung auf den Punkt: «Seit Jahr und Tag erklärt man Bauherren, Politikern und Archäologieinteressierten, dass wir weder Schatzgräberei betreiben noch Gold suchen […] Wie sollen wir dies in Zukunft plausibel machen? Die Ebnöther-Sammlung ist das absolute Gegenteil dessen, weil sie das Resultat reiner Schatzgräberei ist, welche das kulturelle Erbe von Drittweltstaaten zerstört!»

«Meine Bedingung war», wiederholt Kurt Zubler, «dass die Ausstellung die Raubgrabungsproblematik der Sammlung thematisieren muss.» Deshalb schrieb er den Text mit dem Titel «Kehrseite», der auf eine grosse Blache gedruckt werden sollte. Zubler greift wieder in die Mappe, zieht den Originaltext der «Kehrseite» hervor und legt ihn auf einen Tisch.

Darauf steht: «Auf Schmuggelpfaden gelangen [Kulturgüter] durch ausgeklügelte Reinigungssysteme aus der Illegalität in den legalen Handel. Verheerende Schäden verursacht die grosse Nachfrage des Kunstmarktes am kulturellen Erbe Lateinamerikas. In zahllosen illegalen Ausgrabungen wird die kulturelle Hinterlassenschaft ganzer Landstriche verwüstet.»

Oder: «Der weltweite Umsatz im Handel mit gestohlenen Kulturgütern wird heute auf mehrere Milliarden Franken pro Jahr geschätzt; er steht damit zusammen mit dem illegalen Drogen- und Waffenhandel an der Spitze der unrechtmässigen Handelsgeschäfte.»

Darunter setzte Zubler ein Zitat des peruanischen Archäologen Walter Alva: «Im Grunde mit der spanischen Eroberung im 16. Jahrhundert beginnend, setzt sich die Grabräuberei bis zum heutigen Tag fort. Die armen Bauern werden dazu verleitet, die Gräber ihrer Vorfahren auszurauben, um den unersättlichen, immer weiter wachsenden Kunst- und Sammlermarkt in Europa und Amerika zu bedienen. So gehen täglich und unwiederbringlich wichtige historische Informationen verloren, um den Lebensunterhalt der einen zu sichern und die Habsucht der anderen zu befriedigen.»

Diesen Text legte Zubler der damaligen Museumsdirektorin Elisabeth Dalucas vor. «Sie lud mich sofort zu einem Gespräch», sagt Zubler. «Der Text sei unmöglich, sagte sie. Das gehe nicht, man könne den Schenker Ebnöther nicht so blossstellen. Ich sagte: Wenn der Text nicht so erscheint, lege ich meine Arbeit nieder.» (Elisabeth Dalucas reagierte nicht auf meine Anfrage.)

Schliesslich wurde der Text der «Kehrseite» auf eine riesige Blache gedruckt und gleich am Anfang der Ausstellung platziert. Dazu stellte Kurt Zubler eine Vitrine mit Raubgut, in die er auch einen Blick-Artikel über die Verhaftung von Grabräubern hängte. Und eine Luftaufnahme von einem Raubgräberfeld in Peru, das aussah wie ein Minenfeld.

Zur Eröffnung der Ausstellung kamen 400 Gäste. Regierungsrat und Stadtrat erschienen in Vollbesetzung. Mann um Mann hielt eine feierliche Rede, um die «Kunstsammlung von internationaler Bedeutung» (Stadtpräsident Marcel Wenger) hervorzuheben. Zum Abschluss legte ein Tango-Paar einen Auftritt hin. Nicht anwesend war Marcel Ebnöther. Nachdem er einige Jahre zuvor schwer verunfallt war, hatte er sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen.

Die Prähistorikerin Geneviève Lüscher schrieb in der NZZ über die Ausstellung, Sammlungen dieser Art seien «aus ethischen Gründen eine überaus heikle Angelegenheit». «Die aus ihrem Zusammenhang gerissenen Objekte geben keine Auskunft mehr über die Bestattung, über die Jenseitsvorstellungen, über Grabriten und Totenkult. Vom informationsreichen Kulturobjekt sind sie […] zum ästhetischen Kunstgegenstand mutiert.» Die Kritikerin lobte allerdings, dass die Ausstellung auf die Problematik hinwies, und dass Marcel Ebnöther die Sammlung einem öffentlichen Museum schenkte und nicht einfach verkauft hatte. «Nachdenklich geworden», schloss sie, «steht man dann vor der beigestellten Vitrine, in der die Tagesausbeute einer peruanischen Grabräubergruppe und das mit einer Trennscheibe abgesägte Steinrelief eines etruskischen Sarkophags liegen!»

Kurz nach der Eröffnung wechselte Kurt Zubler wieder zur Archäologie. Der Blick-Artikel über die Festnahme von Grabräubern sei bald einmal aus der Vitrine entfernt worden, sagt er und zuckt mit den Schultern. Und als die Dauerausstellung 2013 überarbeitet wurde, verschwanden jegliche Hinweise auf die problematische Seite der Sammlung.

Esther Tisa, Leiterin der Provenienzforschung im Museum Rietberg in Zürich, erklärt die Verantwortung von Museen so: «Als Museum sollte man sich mit der Geschichte seiner Sammlungen beschäftigen. Also mit der Frage, wo und unter welchen Umständen die Objekte gekauft wurden. Wichtig ist auch, die Perspektiven der Herkunftsländer einzubeziehen. Wir vermitteln dieses Wissen in Ausstellungen, Publikationen und auf der Webseite. Das ist heute ein gängiger Standard.»

Werner Rutishauser: «Dreck aus Jahrhunderten»
Werner Rutishauser jagt das Treppenhaus im Museum zu Allerheiligen hoch. Vor einer dicken Tür zieht er die Bremse, tippt einen Code ein, das Schloss knackt, und im nächsten Moment steht er im Depot von Ebnöthers Sammlung, zwischen Vitrinen und Regalen, die mit Krügen, Masken, Flöten, Dolchen, Schwertern, Speeren, Helmen und Statuen aus fremden Zeiten und fremden Orten gefüllt sind.

Seit über zwanzig Jahren ist Werner Rutishauser Kurator der Sammlung Ebnöther. Er organisiert Sonderausstellungen und Führungen, arbeitet am Inventar und schaut, dass Wissenschaftlerinnen Zugang haben. Den heutigen Wert der Sammlung schätzt Rutishauser auf bis zu 50 Millionen Franken. «Die Leute sind immer giggerig auf Zahlen», sagt er. «Solche Zahlen langweilen mich.»

Als Rutishauser als Kurator anfing, wusste er nur wenig über präkolumbische Hochkulturen wie die Moche. Als Archäologe hatte er in der Türkei, in Italien und in Ägypten gearbeitet. Er begann, zu Grabungen in Süd- und Mittelamerika zu reisen. In Peru sei er ausgeraubt worden, erzählt er, einer habe ihn erschiessen wollen, und dann habe ihn eine Magenverstimmung lahmgelegt, von der er sich bis heute nicht ganz erholt habe. Marcel Ebnöther hat er nie kennengelernt (Ebnöther verstarb 2008 nach Jahren der krankheitsbedingten Zurückgezogenheit).

«Herr Ebnöther wollte Gutes tun», sagt Werner Rutishauser. «Er wollte sicher nie Raubgüter kaufen. Es ging ihm darum, eine Brücke zwischen Alter und Neuer Welt zu bauen. Er war modern. Mit der Schenkung hat er seine Sammlung der Öffentlichkeit und der Forschung zugänglich gemacht. Sein Name liegt mir schon auch am Herzen.»

Rutishauser bläst in eine muschelförmige Flöte. Eine heller Klang ertönt. Als er die Flöte absetzt, wischt er sich Staub von den Lippen. «Dreck aus ein paar Jahrhunderten», sagt er und eilt zum nächsten Objekt.

Von den allerwenigsten konnte er den genauen Fundort ermitteln. Selbst wenn er auf Kaufverträge und Adressen von Händlern stiess. Rutishauser erzählt, wie er vor einiger Zeit einen Händler in Lima ausfindig machte, der Ebnöther mehrere antike Objekte verkauft hatte. Der Händler habe sich blumig an Ebnöther erinnert. Als sich Rutishauser nach weiteren Informationen erkundigte, etwa nach den Namen der Typen, die dem Händler die Dinge verkauft hatten, die er anschliessend an Ebnöther weiterverkaufte, sei der Händler ziemlich nervös geworden. Er habe Schauergeschichten erzählt von Kollegen, die erschossen worden seien, und plötzlich habe er ihn für einen Agenten von Interpol gehalten.

Ich frage Werner Rutishauser, warum es – im Gegensatz zu früher – nirgends im Museum Informationen zu Marcel Ebnöthers Sammeltätigkeit gibt. Kein einziges Wort über den Kunstmarkt, den Ebnöther wie viele andere Sammler nährte. Ob bewusst oder unbewusst war Ebnöther Teil einer transatlantische Wundermaschine, die Raubgüter in schöne Kunstobjekte verwandelte, die aus wissenschaftlicher Sicht nahezu wertlos sind.

Warum das Schweigen?

«Ich wollte eine Vitrine zum Thema Raubgrabungen machen», sagt Werner Rutishauser. «Alles war schon vorbereitet. Aus Platzgründen wurde die Vitrine aber gestrichen.» Er kündigt an, sobald die Dauerausstellung erneuert werde, werde man auf die Herkunftsgeschichte der Objekte eingehen. «Die Provenienzdebatte erlebt gerade einen Hype», sagt Rutishauser. «Zu oft geht es nur noch darum und nicht um die Objekte selber.»

Er überlegt. Dann sagt er: «Wir sollten alle Objekte aus der Sammlung Ebnöther in einer Online-Datenbank aufschalten. Dann kann die ganze Welt darauf zugreifen. Und zum Beispiel auch Anträge auf Rückführungen stellen.» Wobei, wie er im nächsten Atemzug sagt, auf ein präkolumbisches Objekt zeigend: «Wenn das nach Peru zurückgeht, wäre es eines von hunderten. Es würde wohl nicht ausgestellt, weil es niemanden wirklich interessiert. Ich frage mich, ob eine Rückführung unter diesen Umständen sinnvoll ist. Vielleicht können wir einen Dauerleihvertrag mit den Herkunftsländern vereinbaren. So könnten solche Objekte vorerst bei uns bleiben.»

Epilog: Zurück nach Peru
«Als wir auf die Raubgrabungen eingegangen sind», sagt Kurt Zubler, der die erste Ebnöther-Dauerausstellung zusammenstellte, «ging es nicht darum, Ebnöther zu demontieren. Wir machten die grundsätzlichen Prinzipien sichtbar: Wie konnte es passieren, dass die Dinge bei uns gelandet sind? Und warum war das falsch?»

«Ich denke, dass viele Objekte aus Ebnöthers Sammlung zurück nach Peru kehren werden», sagt der Archäologe Walter Alva. «Viele sind von einzigartigem Wert. Wie viele es genau sein werden, hängt vom guten Willen des Museums ab. Wir haben keine rechtlichen Möglichkeiten, die Objekte zurückzufordern.»

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«Rüeger war ein Geschöpf des Pfarrerfilzes» https://www.shaz.ch/2024/03/23/geschoepf-des-pfarrerfilzes/ https://www.shaz.ch/2024/03/23/geschoepf-des-pfarrerfilzes/#respond Sat, 23 Mar 2024 07:08:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=8358 Johann Jakob Rüeger gilt als der erste Chronist Schaffhausens und als früher Verfechter von religiöser Toleranz. Eine Forscherin sagt nun: Rüeger war ein berechnender, intoleranter Ehrgeizling. Vor der Stadtbibliothek thront mehrere Meter über dem Boden eine Figur aus rötlichem Sandstein. Sie trägt Umhang, Bart und vier Bücher in den Händen. Auf dem Sockel steht: Dem […]

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Johann Jakob Rüeger gilt als der erste Chronist Schaffhausens und als früher Verfechter von religiöser Toleranz. Eine Forscherin sagt nun: Rüeger war ein berechnender, intoleranter Ehrgeizling.

Vor der Stadtbibliothek thront mehrere Meter über dem Boden eine Figur aus rötlichem Sandstein. Sie trägt Umhang, Bart und vier Bücher in den Händen. Auf dem Sockel steht: Dem Andenken des Chronisten Johann Jakob Rüeger. Rüeger lebte von 1548 bis 1606 in Schaffhausen und schuf das, was als erste Chronik von Schaffhausen gilt. Deshalb ist er bis heute populär.

Rüeger pflegte regen Briefverkehr mit mehreren wichtigen Persönlichkeiten der Zeit. Zum Beispiel mit dem Herrn der Burg Randegg: Hans von Schellenberg. Diese Briefe hat Ursula Kampmann ausgewertet. Kampmann ist eine Historikerin und Münzspezialistin aus Lörrach. Sie sagt: Das Bild, das wir von Rüeger haben, ist kompletter Humbug.

Ursula Kampmann arbeitet als Historikerin und Numismatikerin. Foto: zVg

AZ Ursula Kampmann, Sie haben den Briefwechsel von Hans von Schellenberg und Johann Jakob Rüeger transkribiert und ins Hochdeutsche übersetzt. Nächstes Jahr folgt die historische Einordnung mit einer «völlig neuen Biografie» des «ersten Chronisten von Schaffhausen». Was wird drin stehen?
Ursula Kampmann Wenn man anschaut, was für ein Bild wir heute von Johann Jakob Rüeger haben, herrscht immer noch jenes des Historikers in seinem stillen Pfarrerstübchen vor. Sein grosses Netzwerk bis in den Süddeutschen Raum, das auch Katholiken umspannte, wird gerne als Zeichen religiöser Toleranz verklärt. Aber das ist eine Erzählung über Rüeger, die zurechtgelegt wurde, und wenig bis gar nichts mit der Wahrheit zu tun hat.

Wie war er denn wirklich?
Rüeger war ein protestantischer Hardliner, der in der Kirche aufsteigen wollte und die Geschichtsschreibung für seine persönlichen Zwecke nutzte. Und um eine politische Botschaft zu senden. Rüeger wäre gerne oberster Antistes (Kirchenvorsteher, die Red.) von Schaffhausen geworden. Wahrscheinlich war seine Lehre sogar so hardcore reformatorisch, dass er sich für dieses Amt unmöglich gemacht hat.

Ist das nicht ein Widerspruch zur Freundschaft mit Hans von Schellenberg, einem katholischen Gutsherren?
Sagen Sie nicht Freundschaft dazu, das war es nämlich nicht. Das Bild, das wir von Freundschaft haben, entstand erst in der Romantik. Und ganz sicher waren Schellenberg und Rüeger nicht befreundet. Nichts deutet darauf hin, dass sie sich besonders gemocht hätten.

Die beiden haben über Jahre regelmässig Briefe ausgetauscht. Was war das zwischen Rüeger und Schellenberg, wenn keine Freundschaft?
Auch Briefe hatten nicht dieselbe Funktion wie heute. Das war kein strikt privater Austausch. In diesem Briefwechsel finden wir zwei grundsätzlich verschiedene Kategorien. Es gibt lange Briefe, in denen Schellenberg Wissen, Weltläufigkeit und Rang demonstrieren möchte. Solche Briefe waren eine eigene literarische Gattung, die nicht nur für den Adressaten bestimmt war, sondern vorgelesen, abgeschrieben und publiziert wurden. Andere Briefe enthalten Aufträge, die Schellenberg Rüeger erteilt. Das war es, was Rüeger und Schellenberg verband: Dass sie beide einen Nutzen aus der Beziehung ziehen konnten.

Worin bestand dieser Nutzen?
Rüeger brauchte Schellenberg wegen dessen grosser Bibliothek, seinem gesellschaftlichen Einfluss – aus den Briefen können wir lesen, dass er wohl versuchte, Schellenberg dazu zu bewegen, für seine gewünschte Beförderung zum Antistes ein gutes Wort einzulegen – und schlicht wegen Schellenbergs Reichtum, an dem Rüeger teilhaben wollte. Manche von Rüegers Gemeindemitgliedern waren Untertanen Schellenbergs. Für die hat Rüeger dann mit Schellenberg verhandelt, zum Beispiel über die Aufhebung einer schlimmen Ehrenstrafe: Den Säbel in der Kirche nicht mehr tragen zu dürfen. Natürlich hat Rüeger dann wiederum Gegenleistungen von diesen Menschen erwartet.

«Rüeger war ein protestantischer Hardliner, der in der Kirche aufsteigen wollte und die Geschichtsschreibung für seine persönlichen Zwecke nutzte.»

Und was hatte Schellenberg von der Beziehung zu Rüeger?
Schellenberg andererseits nahm Rüegers Dienste in Anspruch. Denn Rüeger war nicht nur Pfarrer, er war auch als Faktor für Adlige tätig. Ein Faktor war ein Vermittler von Gütern, ein Agent. Wenn seine Kunden etwas brauchten, hat Rüeger es besorgt. Für Schellenberg zum Beispiel Zigerkäse oder Rosmarin. Häufig waren das auch Bücher oder Münzen. Schaffhausen war als ein Zentrum der damaligen Post ein exzellenter Standort, um Faktor zu sein. Dafür bekam Rüeger dann grosszügige Zuwendungen von seinen «Kunden».

Was war Schellenberg für ein Typ?
Schellenberg war nach heutigen Standards ein Versager. Seine Erträge brachen in Folge der kleinen Eiszeit ein, er musste viel von seinem Gebiet verkaufen. Anstatt seinen Gütern Sorge zu tragen, hat er sich eine tolle Bibliothek gebaut und sich um seine Reputation gekümmert. Schellenberg stammte mütterlicherseits von den Schaffhauser Fulachs ab. In dieser Zeit war umstritten, inwiefern das städtische Patriziat zum Adel zu zählen war. Seine Herkunft war also nicht ganz lupenrein. Deshalb hatte Schellenberg ein grosses Interesse daran, dass eine für ihn passende Version der Familiengeschichte in Rüegers Werk abgebildet wurde. Seine Versuche der Einflussnahme sind in den Briefen gut dokumentiert.

Ist Rüeger den Bitten nachgekommen?
Wohl schon. Rüeger bekam im Gegenzug dafür wieder Geschenke und Zuwendungen.

Rüeger war also nicht nur ein religiöser Hardliner, sondern auch noch bestechlich?
Das ist zu sehr aus der heutigen Zeit gedacht. Damals waren solche Gefälligkeiten sehr üblich und überhaupt nichts Verwerfliches. Das betraf auch nicht nur Schellenberg: Rüeger hat, wie andere auch, Geschichtsschreibung betrieben und dann dafür Mäzene gesucht, die so wiederum ihren Einfluss gesteigert haben. Rüeger hat zum Beispiel auch im Auftrag des Schaffhauser Patriziers Hans im Thurn eine Familienchronik geschrieben. Die Geschichtsschreibung war für Rüeger eine weitere Quelle von Einkünften.

Und Macht?
Sicher ein Mittel um voranzukommen. Rüeger war ehrgeizig, er wollte gesellschaftlich und in der Kirche aufsteigen. Das ist ihm auch gelungen, er hat eine sehr beeindruckende Karriere hingelegt.

Ein berechnender Typ.
Das kann man so sagen. Aber andererseits muss man fragen: Welche Möglichkeiten hätte er sonst gehabt? Rüeger war wahrscheinlich auch kein besonders schlechter Mensch. Er war einfach ein im Leben verwurzelter Mann, der das Geld ranschaffen wollte, um «angemessen» zu leben. Er lebte nun mal in einer Standesgesellschaft, in der für jeden der Platz im Leben vorgezeichnet war. Er versuchte, innerhalb dieser Ordnung seine Karrieremöglichkeiten auszuschöpfen. Rüeger bekam seine Chancen auch nur deshalb, weil er selber schon Pfarrerssohn war und die Tochter eines anderen hohen Pfarrers heiratete. Er war ein Geschöpf des Schaffhauser Pfarrerfilzes.

«Geld kennt keine Religion.»

Sie haben vorhin erwähnt, dass Rüeger ein reformierter Hardliner war. In welchen Positionen äusserte sich das?
Im Orgelstreit mit der Stadt beispielsweise. Da ging es darum, ob man in den Gottesdiensten wieder eine Orgel würde einsetzen dürfen. Der Stadtrat sprach sich dafür aus. Aber Rüeger scharte Pfarrer um sich, die sich mit ihm dagegen auflehnten. Das muss man sich mal vorstellen: Pfarrer waren Staatsangestellte. Es brauchte viel, bevor sich diese gegen die Stadtregierung stellten.

Waren sie erfolgreich?
Nein, die Orgel kam zurück.

Kostete das Rüeger die Antistes-Wahl?
So genau wissen wir das nicht. Aber es ist gut möglich.

Rüeger war also durchaus ein Idealist, einfach nicht bezüglich religiöser Offenheit, sondern bezüglich streng reformierter Werte.
Das kann man so sagen.

Kam sich das nicht in die Quere mit seinen «guten Diensten» auch für Katholiken?
Geld kennt keine Religion.

Abgesehen von der normalen «Bestechlichkeit»: War Rüeger ein guter Historiker?
Er war sehr intelligent und bewandert. Rüegers erste grosse Historiker-Tat war das Sortieren der Urkunden des Klosters Allerheiligen. Damit hat er Schaffhausen sicher einen riesigen Dienst geleistet. Das machte er nicht zum Selbstzweck, sondern weil die Stadt relativ kurz davor einen Prozess um das Kloster Paradies verloren hat. Man hatte Urkunden nicht mehr gefunden und konnte die Ansprüche nicht mehr hinreichend belegen. Also sollte Rüeger alle Urkunden sortieren. Dafür wurde er mit dem Ausmalen seines Hauses belohnt. Die Schaffhauser Chronik, für die er heute berühmt ist, war sicher auch eine grosse Leistung.

Das heisst: Das Bild vom Menschen Rüeger ist zwar falsch. Aber dass er den Titel «erster Chronist» Schaffhausens trägt, hat durchaus seine Berechtigung?
Das kann man etwa so zusammenfassen. Dass er überhaupt so bekannt ist, hat aber auch sehr viel mit zwei anderen Männern zu tun: Johann Jakob Mezger und Carl August Bächtold.

Sie haben aus dem Hardliner das heutige verklärte Bild geformt?
Ja, das war vor allem Johann Jakob Mezger. Er war im 19. Jahrhundert Pfarrer in Schaffhausen und schrieb die erste Biografie Rüegers, in der er eben das Bild des toleranten, edelmütigen Historikers zeichnete.

Johan Jakob Mezger hat Rüeger berühmt gemacht. Quelle: Stadtarchiv Schaffhausen
Johan Jakob Mezger (1817–1893) hat Rüeger berühmt gemacht. Quelle: Stadtarchiv Schaffhausen

Wieso hat Mezger das gemacht?
Das hatte politische Gründe. Mezger lebte zu Zeiten des Sonderbundkrieges. Er war ein Liberaler, der für religiöse Freiheit einstehen wollte, ein Verfechter der Trennung von Kirche und Staat. Aber die Schaffhauser Regierung machte es ihm nicht einfach. Die Stadt war von Spitzeln durchsetzt, die sofort rapportierten, wenn er von der Kanzel herab etwas Derartiges predigte. Also suchte Mezger wohl subtilere Wege, um seine Botschaft zu transportieren. Wir suchen ja gerne Vorbilder in der Vergangenheit.

Mezger verfolgte tatsächlich das hehre Ziel der religiösen Toleranz und verfälschte dafür das Bild von Rüeger?
Ich würde das Wort «hehr» nicht verwenden, sondern es eher ein «modernes» Ziel nennen. Eines, mit dem wir uns heute identifizieren können. Rüeger wäre es hingegen zuwider gewesen.

Hat Mezger sein Ziel erreicht?
Wir haben heute immer noch dieses Bild von Rüeger, was darauf hinweist, dass Mezger erfolgreich war.

Haben Sie ein Beispiel dafür, wo dieses Bild heute noch verwendet wird?
Zum Beispiel in den «Schaffhauser Biographien», da kommt sehr stark der Rüeger von Mezger durch.

Ist es nicht seltsam, dass sich ein Bild, von dem Sie sagen, es sei falsch, so lange halten konnte?
Es ist wie mit vielen Figuren: Vor langer Zeit wurde eine Erzählung kreiert und es wurde nie hinterfragt, ob die Schreibenden eine bestimmte Motivation hatten. Sehr viel später kam die Quellenkritik als Disziplin auf, aber diese eingängigen Erzählungen wieder aus den Köpfen zu bekommen, ist sehr schwierig. Zudem hatte die Rüeger-Chronik ein grosses Glück: Sie wurde von Carl August Bächtold publiziert. Bächtold hat Rüeger richtig gross gemacht. Er hat Rüegers Chronik editiert und mit allen verfügbaren Quellen eingeordnet. So ist sie ein Nachschlagewerk geworden, das heute noch einen riesigen Wert hat. Wenn heute Rüeger zitiert wird, werden eigentlich häufig Bächtolds Fussnoten verwendet. Bächtold hat wirklich einen Schatz geschaffen.

Hat Rüeger «richtig gross gemacht»: Der evangelische Pfarrer und Lehrer Carl August Bächtold (1838–1921).

Bächtold ist der eigentliche Held in dieser Geschichte?
Es gibt keine Helden in dieser Geschichte.

Kannten sich Mezger und Bächtold?
Ja, aber Bächtold kam etwa eine halbe Generation nach Mezger.

Was war Bächtolds Motivation?
Das kann ich nicht sagen, dafür kenne ich die Figur Bächtold nicht gut genug. Die Chronik hat er im Auftrag des Historischen Vereins Schaffhausen verlegt. Mit Mezgers Biografie und der von Bächtold verlegten Chronik wurde Rüeger in der Folge zu so etwas wie einem Maskottchen des Vereins. Es kam zu einer Ikonisierung.

Die Sie nun rückgängig machen wollen. Sie schreiben selber von einem «vom Sockel Stossen» von Rüeger.
Ich will ihn oder seine Leistung nicht schlecht machen. Ich will nur, dass er als Kind seiner Zeit verstanden wird. So wie wir alle.

Sie wollen ihm also unsere heutigen, quellenkritischen Werte überstülpen.
Sozusagen.

«Schellenberg hatte ein grosses Interesse daran, dass eine für ihn passende Version der Familiengeschichte in Rüegers Werk abgebildet wurde.»

Gibt es auch biografische, harte Fakten zu Rüegers Leben, die Sie neu entdeckt haben?
Wenige, ich nutze ja dieselben Quellen wie auch schon die früheren Historiker, Mezger zum Beispiel. Es gibt ganz kleine Details, die ich noch ergänzen konnte.

Haben Sie ein Beispiel?
Im Briefverkehr zwischen Schellenberg und Rüeger tauchen immer wieder Referenzen an den Palmesel auf. Nach langen Nachforschungen bin ich zum Schluss gekommen: Wahrscheinlich hat Rüeger ein Fasnachtsspiel darüber geschrieben. Das ist zumindest meine These, damit lassen sich alle Bemerkungen Schellenbergs dazu erklären.

Wenn Rüeger doch Fasnachtsspiele geschrieben hat, konnte er kein sehr extremer reformierter Hardliner sein?
Doch, doch, die waren damals auch bei den Reformierten noch absolut üblich. Ihrer erzieherischer Funktion wegen. Sie wurden erst einige Jahrzehnte später verboten.

Sie wurden gemäss Ihrem Vorwort von den wichtigen Schaffhauser Archiven unterstützt. Wieso würde man hier am Sockel dieser Ikone sägen wollen?
Es wusste niemand genau, was für Resultate bei meiner Arbeit herauskommen würden. Ich empfinde es als grosse Ehre, dass man mir die Aufgabe als Nicht-Schaffhauserin anvertraut hat. Aber ich habe schon Respekt davor, wie meine Sicht auf Rüeger hier aufgenommen wird. Die Lokalhistorikerin, die mir die Übersetzung der Schellenberg-Briefe einst übertragen hat, würde sich wohl im Grabe umdrehen. Sie war eine grosse Anhängerin Rüegers.

Wer war diese Lokalhistorikerin?
Sie hat gewünscht, nicht genannt zu werden und ich möchte diesen Wunsch respektieren.

Das Buch besteht fast nur aus den Briefen Schellenbergs an Rüegers. Wo sind die Antworten geblieben?
Das wissen wir nicht. Generell ist ja nur ein winziger, winziger Teil des damaligen Briefverkehrs erhalten.

Ein Brief von Rüeger selber ist aber erhalten. Wieso genau dieser?
Schellenberg hat ihn zurückgeschickt.

Weil sie sich gezofft haben?
Nein, Schellenberg wollte einen Witz machen, für den er sich auf diesen Brief beziehen musste.

Können Sie den Witz erklären?
Ich bin mir aber nicht sicher, ob er heute noch lustig ist.

Versuchen Sie es bitte.
Rüeger schrieb in seinem Brief «Ars Margarethe est mirabile rete». Das kann man nun ins Deutsche übersetzten als «Die Kunst der Margarethe ist ein wunderbares Netz». Schellenberg hingegen hat den Witz gemacht, dass man das auch als «Der Arsch der Margarethe ist ein wunderbares Netz» verstehen kann.

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