Gemeindeversammlung Archive - Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/tag/gemeindeversammlung/ Die lokale Wochenzeitung Thu, 30 Nov 2023 11:27:13 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.4.8 https://www.shaz.ch/wp-content/uploads/2018/11/cropped-AZ_logo_kompakt.icon_-1-32x32.jpg Gemeindeversammlung Archive - Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/tag/gemeindeversammlung/ 32 32 Gefechtsfeld https://www.shaz.ch/2023/12/04/gefechtsfeld/ https://www.shaz.ch/2023/12/04/gefechtsfeld/#respond Mon, 04 Dec 2023 07:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=8052 Wie ein Acker in Feuerthalen das Dorf spaltet. Und dabei die Demokratie stärkt. In der Turnhalle Stumpenboden in Feuerthalen ist jeder Platz besetzt. Hinten an der Sprossenwand stehen Menschen in mehreren Reihen. Vorne sitzt der Gemeinderat, sieben Männer, an Tischen. Bis auf den Gemeindepräsidenten Jürg Grau haben alle den Arm erhoben. Gerade werden die Nein-Stimmen […]

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Wie ein Acker in Feuerthalen das Dorf spaltet. Und dabei die Demokratie stärkt.

In der Turnhalle Stumpenboden in Feuerthalen ist jeder Platz besetzt. Hinten an der Sprossenwand stehen Menschen in mehreren Reihen. Vorne sitzt der Gemeinderat, sieben Männer, an Tischen. Bis auf den Gemeindepräsidenten Jürg Grau haben alle den Arm erhoben. Gerade werden die Nein-Stimmen ausgezählt. Es murmelt im Saal. «Ou, das wird heiss», raunt der Sitznachbar.

Kurz darauf hält Jürg Grau einen Notizzettel in der Hand. «Sölemer nomal zelle?», flüstert er dem Chef-Stimmenzähler zu, was der ganze Saal hört, weil er ein Mikrofon trägt. «Wir machen die Abstimmung noch einmal», sagt er schliesslich. Aus dem Publikum kommt lautstarker Protest. «Es ist so knapp. Ich will einfach, dass wir keinen Fehler machen», sagt Jürg Grau, «also ich kann die Zahl auch sagen.»

«Gültig oder nid gültig», ruft ein Mann aus dem Publikum. Ein anderer wiederholt: «Gültig oder nid gültig.» Jürg Grau besteht darauf, die Abstimmung zu wiederholen. «Es haben schon Leute den Saal verlassen», ruft jemand. «Abgestimmt ist abgestimmt.»

«Das stimmt nicht, die Versammlung ist nicht geschlossen», sagt Grau, sichtlich nervös. «Ich suche jetzt eine Lösung.»

An diesem Freitagabend geht es weder um eine grosse Investition, noch um den Steuerfuss, noch um Wahlen oder sonst etwas, dem man als Aussenstehender weitreichende Konsequenzen zuschreiben würde. Es ist ein Acker, der für die rekordverdächtigen Teilnehmerzahlen (über 350) an der Gemeindeversammlung sorgt. Und der das Dorf auf der anderen Seite des Rheins in zwei Lager spaltet. Ein Dorf, das mit dem Wachstum hadert, mit der Überalterung, mit finanziellen Sorgen, mit dem zunehmenden Verkehr. Der Acker ist zur Projektionsfläche geworden. Und zur Kampfzone.

Es treten an: Ein SVP-Unternehmer, der sich plötzlich um die Biodiversität sorgt. Ein Raumplaner und Alt-Regierungsrat, der mit dem Gemeinderat eine Rechung offen hat. Und ein Gemeindepräsident, der es sich nicht leisten kann, die zweite Abstimmung in Folge zu verlieren.

Der Acker

Der Acker liegt am oberen Dorfrand von Feuerthalen, zwischen dem Pflege- und Altersheim und dem Kohlfirstwald. Ein braunes Dreieck, auf dem noch die Resten der Zuckerrübenernte liegen. An drei Seiten ist das Feld vom Quartier umschlossen. Gegen den Wald hin steigt das Gelände an, dort hat es einen Wiesenstreifen mit Sträuchern und alten Obstbäumen, zwischen denen in wärmeren Jahreszeiten Tiere weiden.

Die Landwirtschaft ist hier allerdings nur ein Platzhalter. Denn der Acker, Katasternummer 2166, Flurname «Toggenburg», ist eine der wenigen grösseren zusammenhängenden Baulandreserven Feuerthalens. Einer Gemeinde, die gemäss Schätzungen des Zürcher Statistikamtes in den nächsten 15 Jahren um 15 Prozent wachsen wird. Der Acker ist seit Jahrzehnten im Besitz der Gemeinde und mindestens so lange ist klar, dass die Gemeinde auf dem «Toggenburgäcker», wie er unter Feuerthalern genannt wird, einst auch etwas zu bauen gedenkt. Was genau, das ist noch unklar.

Die Parzelle «Toggenburg» in braun, hinten in weiss das Alters- und Pflegeheim «Zentrum Kohlfirst». © Robin Kohler

Seit mehreren Jahren klar ist immerhin, dass der Gemeinderat entlang der Grundstücksgrenze, also zwischen Acker und Sträuchern, eine Einbahnstrasse bauen will. Vor einem Jahr hat er deshalb in einer «Teilrevision Richt- und Nutzungsplanung» vorgesehen, den Streifen mit den Sträuchern, der einer Pensionskasse gehört, ebenfalls als Bauland einzuzonen.

Der Angreifer

Das Problem, aus Sicht der Gemeinde, befindet sich unmittelbar neben dem Acker und heisst Paul Amsler. Er bewohnt die Dachwohnung eines Mehrfamilienhauses an der Toggenburgerstrasse, das ihm gehört. Paul Amsler ist ein Spross der Feuerthaler Unternehmerdynastie, die vor 150 Jahren mit Feuerlöschern und Nähmaschinen ihren Anfang nahm. Heute stellt die Amsler & Co. Mofas her, vertreibt Velos und Velo-Teile, Paul Amsler führt das Unternehmen in dritter Generation. Er ist Artillerie-Leutnant, passionierter Mountainbike-Fahrer und Mitglied der örtlichen SVP. In der Gemeinde kennt man ihn einerseits als Wohltäter, 2015 sponserte er etwa der Feuerwehr ein neues Einsatzfahrzeug. Andererseits hat er sich als Bekämpfer von Bauprojekten einen Namen gemacht, vorwiegend von solchen in unmittelbarer Nähe zu seinem Wohnsitz. So hat er etwa (vergeblich) versucht, das neue Alters- und Pflegeheim neben dem Acker zu verhindern, zuerst politisch, dann juristisch.

Zusammen mit anderen Anwohnern hat Paul Amsler eine Einwendung gegen den neuen Richtplan eingereicht, gegen die Einzonung des Streifens und gegen die neue Strasse. Die Einwendung wurde abgewiesen. Und so holte er im Sommer zu einem Rundumschlag aus. Er reichte eine Initiative mit drei wesentlichen Forderungen ein: Erstens soll auf den Bau der Strasse verzichtet werden. Zweitens sei auf die Einzonung des Sträucher-Streifens zu verzichten. Und drittens soll der ganze «Toggenburgäcker» nicht mehr Bauzone sein.

Amsler verschickte mehrfach Flyer an alle Feuerthaler Haushalte, schrieb Leserbriefe im Lokalblatt und nutzte das Narrativ seiner Partei von der «Zubetonierung der Schweiz» und dem angeblich unkontrollierten Wachstum seiner Gemeinde. Seine Flyer unterschrieb er mit «Interessensgemeinschaft nachhaltiges Feuerthalen».

Eine Interviewanfrage der AZ lehnte Paul Amsler ab. Er werde in keiner Zeitung ausserhalb Feuerthalens zu seiner Initiative Stellung nehmen.

Der Verteidiger

Der Gemeinderat nahm Paul Amslers Vorstoss offenbar von Anfang an als ernste Bedrohung wahr. Allen voran Gemeindepräsident Jürg Grau, IT-Unternehmer und Parteikollege von Amsler. Er ist ein guter, unterhaltsamer Redner und strahlt eine gewisse Vertrauenswürdigkeit aus, was ihm etwa auch das Präsidium der Atomendlager-Regionalkonferenz eingebracht hat – ein Mann der Konsensdemokratie. Grau ist seit 2017 Gemeindepräsident und wurde zweimal komfortabel wiedergewählt. Doch jüngst scheint ihm etwas von seiner Volksnähe abhanden gekommen zu sein. Am 19. November haben die Feuerthalerinnen und Feuerthaler eine Vorlage mit fast 60 Prozent Nein-Stimmen abgeschmettert, in der es um Tempo 30 im Dorfkern ging. Grau hatte die Vorlage mit Vehemenz vertreten. Noch so eine Niederlage könnte eine zu viel sein.

Kaum erstaunlich also, dass Grau und die sieben Männer vom Gemeinderat bereits vor dem Showdown an der Gemeindeversammlung eine massive Gegenkampagne auffuhren. Im Feuerthaler Anzeiger, dem amtlichen Publikationsorgan, nahm Amslers Initiativtext samt Begründung nicht einmal eine Seite ein. Die Gegenargumente des Gemeinderats füllten hingegen mehr als drei Seiten. Darin war von einem «massiven Eingriff in die Entwicklung und das Volksvermögen» die Rede, die die «Optimierung des öffentlichen Verkehrs und der Schulwegsicherheit», mindere.

Noch ungleicher ist das Verhältnis an der Gemeindeversammlung. Amsler tritt mit einem beidseitig in fetter Schrift bedruckten A4-Blatt ans Mikrofon und betet mit ruhiger Stimme seine Argumente herunter. «Wir vom Toggenburg sind keine Egoisten, wie uns auf unsägliche Art unterstellt wird. Wir sind Bürger, die seit 20, 30, 40 Jahren in der Gemeinde Steuern zahlen, und damit auch den Lohn des Gemeinderats», beginnt er. Eine Überbauung und eine neue Strasse würden zu einem Verkehrskollaps führen, so Amsler. Und es gebe noch genügend andere Bauparzellen in Feuerthalen. «Der Gemeinderat reitet mit dem Toggenburg seit vielen Jahren ein totes Ross. Es ist Zeit, abzusteigen. Aufzuhören mit dem Zubetonieren der Schweiz — dass das im eigenen Dorf anfängt, sollte eigentlich selbstverständlich sein.» Als er mit «Ich habe geschlossen» endet und die Menge applaudiert, sind keine fünf Minuten vergangen.

Paul Amsler verliest sein Manifest. © Robin Kohler

Dann übergibt Jürg Grau das Wort seinen Gemeinderatskollegen. Den Anfang macht Markus Späth-Walter, Bildungsreferent und als Präsident des Alterszentrums neben dem Acker in der Sache nicht ganz unbefangen. Er leitet her, dass der Anteil der Über-65-Jährigen in Feuerthalen innerhalb der nächsten 15 Jahre um einen Viertel zunehmen, der Ü80-Anteil sich sogar verdoppeln wird. Und dass das Gebiet Toggenburg ideal wäre für betreute Alterswohnungen in unmittelbarer Nähe zum Alterszentrum. Über ein konkretes Projekt könne dann an der Gemeindeversammlung abgestimmt werden. «Auszonen wäre ein Schuss in den eigenen Fuss. Lehnen Sie im Sinne einer vernünftigen Alterspolitik diese Initiative ab.»
Finanzreferent Matthias Huber rechnet vor, dass eine Auszonung des Grundstücks einen Wertverlust von mehr als vier Millionen Franken bedeuten würde, womit sich die Gemeinde verschulden müsste. «Das wird Einfluss haben auf Ihre Steuern. Das wird Sie einen Haufen Geld kosten, wenn Sie dieser Auszonung zustimmen», droht er.

Schliesslich erklärt Grau, wieso es die Strasse unbedingt braucht, nämlich um das Quartier besser an den ÖV anzuschliessen und damit die Schulkinder nicht mehr mit dem Velo durch den berüchtigten «Chilerank» fahren müssen.

Alle gegen Amsler

Seit Amslers fünfminütigem Votum ist mittlerweile mehr als eine halbe Stunde vergangen. Amsler zieht einen Mundwinkel hoch und schaut auf seine Armbanduhr.

Vorne hat Grau derweil Amslers Flyer, Vor- und Rückseite auf separaten Folien, auf die Leinwand projiziert und erklärt en détail, was an den Aussagen alles nicht stimme.

Schliesslich dürfen auch noch die Bürgerinnen und Bürger (es melden sich ausschliesslich Bürger) etwas sagen. Der pensionierte Reallehrer Werner Ganz erklärt, wie gefährlich der Chilerank sei und dass schon 1968 einer seiner Schüler dort verunfallt sei. «Stellen Sie sich vor, dort oben knallt es, und wir haben diese Initiative angenommen. Können Sie dann noch ruhig schlafen, wenn es dort einen Toten gibt? Also ich könnte es nicht.» Eine bemerkenswerte Aussage in einem Dorf, das gerade Tempo-30-Zonen abgelehnt hat.

Ein Enddreissiger namens Florian wirft Amsler vor, Stichworte wie «Biodiversität» und «Naherholungsgebiete» für seine Zwecke zu missbrauchen. «Es tut mir leid, aber da muss ich einfach lachen. Das ist etwas vom Heuchlerischsten und Scheinheiligsten, was ich seit langem gelesen habe. Anmassend. Das kann unmöglich angenommen werden.»

Dass diese Initiative unmöglich angenommen werden kann, zu diesem Schluss hätte man auch als Zuschauer kommen können, wenn man sich die erste Dreiviertelstunde dieser Diskussion angehört hat. Alle gegen Amsler, keine Chance.

Doch dann tritt Herbert Bühl ans Mikrofon.

Alt-Regierungsrat ex machina

Herbert Bühl ist studierter Geograf und war bis 2004 Schaffhauser Regierungsrat für die ÖBS, die sich später in Grüne und Grünliberale aufspaltete. Bis 2017 war er ausserdem Präsident der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkomission, heute betreibt er ein eigenes Raumplanungsbüro. Kurz: Der Mann hat ein gewisses Standing, ihm kauft man die ökologischen Argumente viel eher ab als Amsler. Und er ist offenbar höchst unzufrieden mit der Arbeit des Gemeinderats bei der «Richt- und Nutzungsplanung».

Die Gemeinde müsse Rücksicht nehmen auf «vorhandene Naturwerte», sagt er. Doch das Naturinventar sei seit 25 Jahren nicht mehr revidiert worden, weshalb es gar keine vernünftige Planungsgrundlage gebe. «Die Baumhecke beim Toggenburg ist wahrscheinlich einer der Biodiversitätshotspots, die wir in der Gemeinde haben. Das war dem Gemeinderat bisher völlig egal, hat er in seine Interessensabwägung nicht einbezogen», so Bühl. Der Gemeinderat habe «wider besseres Wissen» darauf bestanden, den Heckenstreifen als Bauland einzuzonen. Er könne gut verstehen, wieso Paul Amsler die Initiative eingereicht habe. «Wenn man fast alle Einwendungen mehr oder weniger kommentarlos ablehnt, löst man halt so eine Initiative aus. Ich stimme dieser heute zu.»

Bühls Votum hört sich an wie ein Nein aus Protest. Und der Protest resoniert offenbar mit einem grossen Teil des Publikums, das laut und lange applaudiert.

Auch Jürg Grau scheint den Kipppunkt zu spüren und zu ahnen, dass es knapp werden wird. Als ein paar Minuten später die Abstimmung folgt, enthält er sich. «Ich habe dann den Stichentscheid», bemerkt er.

Die Gewinner

Auf dem Zettel, den Jürg Grau vom Stimmenzähler erhält, steht das ungünstigst mögliche Resultat, das diese Versammlung hätte hervorbringen können. 163 Stimmen für die Initiative, 162 Stimmen dagegen. Mit der Nein-Stimme des Präsidenten eine Pattsituation. Und was ist, wenn sich einer der Stimmenzähler verzählt hat?

Alt-Gemeindepräsident Werner Künzle schlägt vor, die Abstimmung zu wiederholen, aber diesmal mit Aufstehen statt mit Hand-Heben. Er geht in Protestrufen unter.

Die Rettung bringt schliesslich ein Mann um die 60. «Guete Abig mitenand», sagt er seelenruhig ins Mikrofon, «ich stelle den Antrag auf Urnenabstimmung». Er erhält den wohl lautesten Applaus des Abends. Das nötige Drittel-Quorum wird mühelos erreicht, der gesamte Gemeinderat samt Präsident stimmt zu.

Geht man davon aus, dass Amsler praktisch alle seine Unterstützerinnen und Unterstützer für die Gemeindeversammlung mobilisiert hat, dürfte der Gemeinderat im März an der Urne bessere Chancen haben. Die wird er auch brauchen, denn will er seine Glaubwürdigkeit behalten, darf er nicht schon wieder verlieren.

Paul Amsler und Herbert Bühl haben hingegen sowieso schon einen Teilsieg eingefahren. Wie der Gemeinderat an der Versammlung bekannt gab, will er aus dem Heckenstreifen nun doch keine Bau- sondern nur eine «Reservezone» machen. Ausserdem wird bald an einer Gemeindeversammlung die revidierte Richt- und Nutzungsplanung vorgelegt. Von Amsler und Bühl sind dazu Anträge zu erwarten, für die sie nun bereits Unterstützer mobilisiert haben.

Der Acker: ein Raum, um über Sorgen und Ängste zu sprechen. © Robin Kohler

Letztendlich ist ein Streifen Land, ja auch ein ganzer Acker, wohl nicht entscheidend für die Zukunft der Gemeinde. Er wird nicht auf einen Schlag alle Verkehrsprobleme lösen. Auch den erwarteten Zuwachs wird er nur zu einem kleinen Teil auffangen. Mit ein paar Prozentpunkten höheren Steuern würde Feuerthalen andererseits auch die Rückzonung verkraften. Der Acker scheint an diesem Abend vor allem als Raum gedient zu haben, um über Sorgen und Ängste zu sprechen. Für die Bevölkerung, und vielleicht auch für die Gemeinderäte.

Und als solcher hat er funktioniert. Wie man die Gemeindeversammlung an diesem Freitagabend verlässt, hat man das Gefühl, dass der Acker heute nicht nur gespalten hat. Sondern dass in dieser Turnhalle vielleicht sogar gerade die Demokratie gestärkt worden ist. Nach den gehässigen Zwischenrufen bei der Abstimmung herrscht eine gelöste Stimmung. «Das ist jetzt gut, dass wir eine Urnenabstimmung beschlossen haben, dann können wir danach draussen friedlich zusammen den Apéro nehmen», flüstert der Sitznachbar.

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«Am Schluss wird alles in Brüssel entschieden!» https://www.shaz.ch/2018/09/23/am-schluss-wird-alles-in-bruessel-entschieden/ https://www.shaz.ch/2018/09/23/am-schluss-wird-alles-in-bruessel-entschieden/#respond Sun, 23 Sep 2018 08:00:16 +0000 https://www.shaz.ch/?p=2840 Stetten, Lohn und Büttenhardt werden nicht fusionieren. Wegen der «Arroganz der Stettemer», aus Angst vor Brüssel – oder weil es «zu früh war». Das ungeschönte Protokoll der drei Gemeindeversammlungen. Eine Reportage von Nora Leutert (Stetten), Mattias Greuter (Büttenhardt) und Kevin Brühlmann (Lohn) Dienstag, 18. September 2018, 19.30 Uhr, Stetten. – Die schlauen Stettemer haben die […]

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Stetten, Lohn und Büttenhardt werden nicht fusionieren. Wegen der «Arroganz der Stettemer», aus Angst vor Brüssel – oder weil es «zu früh war». Das ungeschönte Protokoll der drei Gemeindeversammlungen.

Eine Reportage von Nora Leutert (Stetten), Mattias Greuter (Büttenhardt) und Kevin Brühlmann (Lohn)

Dienstag, 18. September 2018, 19.30 Uhr, Stetten. – Die schlauen Stettemer haben die Turnhalle für die Versammlung hergerichtet, nicht wie üblich den Saal. Ein Gemeinderat schafft einen Tisch für uns, «az»-Reporterin und Fotografin, herbei. «Damenbonus ausgespielt», meint er.

19.36, Lohn. – 2,3 Kilometer entfernt und 60 Meter weiter oben, auf 640 Metern über Meer. Zwei Dutzend Kühe langweilen sich auf einer struppigen Wiese. Wenige Meter daneben steht die Lohnemer Turnhalle, vor Kurzem ausgebaut, 4,8 Sterne auf Google, eine Aula klebt an ihrer linken Flanke. Dort findet die ausserordentliche Gmaandsversammlig statt: Fusion oder nicht Fusion. Der Lohnemer lässt das Wort mit einem langgezogenen, hellen «O» im Hals ausklingen.

19.40, Büttenhardt. – Weitere 20 Meter höher, 1,7 Kilometer von der Lohnemer Aula entfernt. Die Büttenhardter treffen nach und nach beim Schulhaus ein. Es scheint keine Menschen zu geben, die sich siezen: Man kennt sich im Dorf.

19.41, Lohn. – Vor der Turnhalle sagt ein hagerer Mann mit weissen Haaren zum Journalisten: «Die Stettemer, das sage ich Ihnen als Ur-Lohnemer. Ich habe die Lehre dort unten gemacht, damals, im dreiundsechzig. Da war das Dorf noch armengenössig. Man hat es unter Zwangsverwaltung gestellt, und heute sind sie nicht einmal mehr bereit zu teilen. Ha!»

 

Eine künstlerische Installation? Die Turnhalle kurz vor der Versammlung in Stetten. Foto: Fabienne Spiller

 

19.46, Stetten. – Auf dem Boden liegt eine Einladung zur Versammlung. Darin Gründe gegen die Fusion. Etwa, dass die fusionierte Gemeinde in «Oberer Reiat» umbenannt würde, was der Gemeinderat Stetten nicht gutheissen könne.

19.50, Büttenhardt. – Die Aula füllt sich. Ein Gemeinderat ist damit beschäftigt, immer mehr Stuhlstapel mit einem eigens dafür konstruierten Wägelchen herbeizufahren. Ein wachsendes Halbrund aus Stühlen füllt die Aula, die eigentlich ein Dachstock ist.

Gleichzeitig in Stetten. – Es werden massiv mehr Stühle herbeigeschafft. Erstaunlich, denn eine Einladung zur ausserordentlichen Gemeindeversammlung findet man auf der Website der Gemeinde nicht.

20.00, Büttenhardt. – Gemeindepräsidentin Silvia Sigg begrüsst die Versammlung: «Ich hoffe sehr, das mer chönd e sachlichi und nid e emotionali Diskussion füehre.» 105 Stimmberechtigte des 360 Einwohner zählenden Dorfs sind anwesend.

20.01, Lohn. – Die Aula ist übervoll. Etwa 130 der insgesamt 740 Einwohnerinnen und Einwohner sind da. Es regieren karierte, kurzärmelige Hemden, teure Funktionsjacken und Sandalen. Um die Kasse aufzubessern, hat Lohn dieses Jahr das Gemeindehaus verkauft. Nun wird es abgerissen. Ansonsten geht es Lohn gut. Mit einem steuerbaren Einkommen von durchschnittlich 56’000 Franken pro Kopf gehört Lohn zu den reichsten Gemeinden des Kantons. 1990 lag der Steuerfuss noch bei 125, heute bei 99 Prozent.

20.02, Büttenhardt. – Es geht zur Sache. 20 Sitzungen habe die Fusionskommission gehabt, sagt Gemeindepräsidentin Silvia Sigg. «Es isch vo Anfang a nid eifach gsi mit üsne Partner.» Der Gemeinderat, sagt Sigg, komme zum Schluss, dass es wohl noch nicht der richtige Zeitpunkt für die Fusion sei. Das habe vielleicht damit zu tun, dass es allen drei Gemeinden gut gehe. In den letzten vier Jahren hat Büttenhardt den Steuerfuss von 109 auf 94 gesenkt.

20.03, Lohn. – Die Versammlung beginnt. Gemeindepräsidentin Vreni Wipf will zunächst drei Neuzuzügerinnen begrüssen. Doch keine ist anwesend. Naserümpfen im Saal.

20.04, Stetten. – Start der Versammlung. 231 Stimmberechtigte sind da. So viele wie noch nie in Stetten, wie Gemeindepräsident Hans-Peter Hafner vermutet. Dies bei einer Bevölkerungszahl von 1’350.

 

Herzlich willkommen in Stetten! Foto: Fabienne Spiller

 

20.06, Lohn. – Traktandum 1, Fusion. Gemeindepräsidentin Vreni Wipf fasst sich kurz: Die Meinungen seien gemacht, der Gemeinderat werde sich nicht mehr äussern, wer hat noch eine Wortmeldung? Ein 65-jähriger Mann mit flauschigem Pullover über den Schultern und Goldkettchen um den Hals steht auf. Ein Befürworter. «Offensichtlich ist die Zeit noch nicht reif für die Fusion», sagt er mit Bedauern. «Aber als klare Botschaft sollten wir Lohnemer trotzdem dazu stehen.»

20.10, Stetten. – Der Gmaandspresi Hans-Peter Hafner erläutert die Auswirkungen der Fusion. Seine Argumente erinnern an eine Grabrede: eine Steuererhöhung von den jetzigen 65 (Tiefstwert im Kanton) auf 74 Prozent – Tendenz höher. Sinkende Liegenschaftspreise. Steigender Verwaltungsaufwand. Und, besonders tragisch: Der Markenname Stetten gehe verloren. «Es gibt dann nur noch einen Ortsteil Stetten», so Hafner mit bedrückter Stimme.

Gleichzeitig in Lohn. – Hohes Tempo. Bereits wird abgestimmt, per Hand­zeichen. 100 sind für die Fusion, 22 dagegen. Der Gemeinderat ist überglücklich. Man kommt zum letzten Traktandum, «Verschiedenes». Man braucht einen neuen Baureferenten und jemanden für die Schulbehörde. Und die nächste Häckseltour findet am 26. September statt.

20.11, Büttenhardt. – Ein Befürworter erhebt sich: Markus Brütsch. Er arbeitet als Standesweibel des Kantons. Die Personalnot, sagt er. Tatsächlich bestand der Gemeinderat vor einigen Jahren nur noch aus drei Personen, und zwei weitere kündigten ihren Rücktritt an. «Das wird in Zukunft nicht einfacher», mahnt Brütsch.

Ein mutiger Bürger erhebt sich:
«Die Marke Stetten, geschätze Damen und Herren,
was ist das schon?»

20.12, Lohn. – «Und wie wird unser Entscheid nun kommuniziert?», fragt einer. «Ich schreibe eine SMS», sagt Vreni Wipf. Dann lädt sie zum Apéro ein, offeriert von der Gemeinde. Standing Ovations zum Schluss der rekordverdächtig kurzen Versammlung.

20.13, Büttenhardt. – Die Debatte läuft heiss. Was in den anderen Gemeinden passiert, weiss niemand. Finanzreferent Moritz Marcuzzi wettert gegen den viel zu tiefen vorgeschlagenen Steuerfuss von 74 Prozentpunkten: «Wenn Stetten ehrlich wäre, müssten sie sieben oder acht Punkte höher gehen, die sind ja verschuldet!» Überhaupt spricht man fast nicht über Lohn, sondern vor allem über Stetten. Man mag Stetten nicht, hier in Büttenhardt.

20.15, Stetten. – Keine Fragen zum Fusionsvertrag. Einvernehmliches Schweigen. Aber dann erhebt sich ein mutiger Stimmbürger: Er sei enttäuscht, dass die Sache so einseitig dargestellt werde. «Die Marke Stetten, geschätzte Damen und Herren, was ist das schon? Das ist ein tiefer Steuerfuss – und für ein paar wenige eine gute Aussicht. Die Gemeinde Stetten, so hochnäsig gewisse Leute heute tun, wird in ein paar Jahren auf den Boden der Realität zurückkommen.» – Leichte Störung durch das Publikum. Doch der mutige Redner macht weiter: Es werde hier nur bis zum Nasenspitz gedacht. Langfristig werde es Probleme geben – beispielsweise, die Ämter zu besetzen. Vereinzelter Applaus.

Gleichzeitig in Büttenhardt. – Ein Herr aus dem Oberdorf steht auf. Die Steuern seien für ihn nicht das wichtigste Thema, und in welchem Dorf der Regierungschef wohne, sei ihm sowieso egal. «Freiheit, Meinungsfreiheit und Demokratie gibt es nicht gratis», setzt er voller Pathos an, «das wussten schon die alten Eidgenossen!» Eine Fusion, nur weil man zu faul sei, die Ämter zu besetzen, sei falsch. «Am Schluss wird dann alles in Brüssel entschieden!», schimpft er.

20.20, Stetten. – Ein, in eigenen Worten, «Ur-Stettemer» meldet sich: «Büttenhardt hat ja auch eine ablehnende Haltung, obwohl dort bald jeder mal Gemeinderat war.»

20.22, Büttenhardt. – Ein Alteingesessener hat sich ebenfalls Gedanken gemacht über die Fusion. «Und do isch mir e Määrli iigfalle: E Sou, e Huehn und en Haas hend zäme wele e Beiz uftue. Also, ich mein demit Stette, Lohn und Büttehardt.» Die Metapher verliert sich irgendwo, aber am Ende ist zu erkennen, dass der Alteingesessene Nein stimmen wird.

 

Nach der Abstimmung in Lohn, das als einzige Gemeinde für die Fusion war.

20.23, Lohn. – In einem Vorraum mit kühlen Betonwänden gibt es Speckbrot, Volg-Bier und Wein. Ein Mann in kariertem Hemd sagt: «Wegen der Arroganz der Stettemer habe ich Nein gestimmt. Sie wollen ihren Namen behalten, alles bestimmen. Ich bin nicht gegen die Fusion, aber gegen Stetten.»

Gleichzeitig in Stetten. – Wie sieht es mit den Steuern aus, wenn es nicht zur Fusion kommt?, will einer wissen. Der Gemeinderat antwortet, er könne hier Erfreuliches mitteilen: Man werde die Steuern kommendes Jahr nicht erhöhen müssen. Tosender Applaus. Darauf kommt es zur Abstimmung. 37 stimmen Ja, 187 Nein. Erneut riesiger Applaus.

20.25, Büttenhardt. – Man ist mitten in der Debatte. «Wir haben viele Abmachungen getroffen, die wenigsten wurden eingehalten»: Silvia Sigg zeigt auf, wie Stetten mit Lohn und Büttenhardt umgehe. Etwa bei der Jungbürgerfeier. Die Gemeinden wechseln mit der Organisation ab, und man sei immer aufs Kursschiff gegangen. Sie habe festgestellt, dass manchmal mehr Gemeinderäte als Jungbürger da seien, und habe vorgeschlagen, mal etwas anderes zu machen, einen Grillplausch zum Beispiel. «Stetten und Lohn sagten: ‹Nein, dann laufen uns die Jungen davon, auf dem Schiff können sie wenigstens nicht davonlaufen.›» Dieses Jahr sei Stetten an der Reihe gewesen, habe plötzlich eine Wanderung organisiert, die Einladungen verschickt, ohne die anderen Gemeinden zu informieren. «Wir haben dann selber etwas organisiert», so Sigg.

20.27, Lohn. – Mehr Bier und mehr Speckbrot im Foyer, quasi Raumspray. Ein dünner Mann Mitte Fünfzig analysiert: «Die Stettemer sind so.» Er drückt seine Nase mit dem Rücken des Zeigefingers nach oben. «Die Büttenhardter sehen sich mal wieder als Opfer, und wir Lohnemer sind die einzigen, die pragmatisch denken.»

20.28, Stetten. – «Es war einfach zu früh», schliesst Presi Hans-Peter Hafner. Ausserdem wird mitgeteilt: Es wird jemand für die Schulbehörde gesucht sowie eine Schulpräsidentin oder ein Schulpräsident. Na dann viel Glück.

20.36, Lohn. – Das Resultat aus Stetten wird etwas verspätet verkündet. Es gibt ein Pfeifkonzert wie bei einem Fussballspiel. Ein Lohnemer raunt dem Journalisten zu: «Diesebe döt unne wüssed scho, wie sie de Chlotz chönnd verschtecke.»

Ein Lohnemer raunt dem Journalisten zu:
«Diesebe döt unne wüssed, wie sie de Chlotz chönnd verschtecke»


Gleichzeitig in Büttenhardt.
– Ein Neuzuzüger bricht das ungeschriebene Gesetz, dass man die ersten fünf Jahre an der Gemeindeversammlung nicht sprechen darf. Er bezeichnet sich immer noch als «Gast» und ist einer der wenigen Redner, die noch nie im Gemeinderat waren. «Small is beautiful», setzt er an und übersetzt: «Büttehardt het öppis!»
Er gestikuliert in Richtung der Neubauten am Dorfrand: «Do vorne isch jetz alles voll, und kene isch weg de Stüüre cho!» Er selbst hätte ja auch nach Stetten ziehen können, «aber ich ha kei Luscht gha, en Teil vo Stette z sii!». Er erntet den lautesten Applaus des Abends.

20.38, Stetten. – Ende der Versammlung. Es gibt keinen Apéro. Die selbsternannten Gewinner des heutigen Abends ziehen ins «Hoch zwei» weiter, den Dorfladen, wo ein paar Tische bereit stehen. Eine Beiz gibt es nicht mehr in Stetten. Mit einem steuerbaren Einkommen von durchschnittlich über 80’000 Franken pro Kopf ist Stetten die reichste Gemeinde des Kantons.

20.45, Büttenhardt. – Ein junger Zugezogener spricht. Er lobt die von den Landfrauen organisierten Attraktionen im Dorf. «Üsi Gmeind funktioniert super, do gits en Zämehalt. Mit Stette gsehn ich kein Zämehalt.» Dort sage man sich nicht mal guten Morgen an der Bushaltestelle, und je näher man der Stadt komme, desto blöder werde man angeschaut, wenn man Leute grüsse.
Die Diskussion neigt sich dem Ende zu. Es sei genial, wie sachlich sie geführt worden sei, freut sich Gemeindepräsidentin Sigg. Nach genau einer Stunde, um 21 Uhr, wird abgestimmt: 66 sagen Nein zur Fusion, 38 Ja.

21.03, Lohn. – Die «az» informiert Gemeindepräsidentin Vreni Wipf über das Resultat in Büttenhardt. Ein bedauerndes Raunen geht durch die Runde; es klingt, als hätte man eben einen langjährigen Freund verloren.


Stetten ist die reichste Gemeinde im Kanton.
Es gibt keinen Apéro.


21.04, Stetten.
– Im Dorfladen «Hoch zwei» wird auf die Meldung aus Büttenhardt, welche die «az»-Journalistin vorliest, angestossen.

21.06, Büttenhardt. – Die Gemeindeversammlung hat noch ein weiteres Geschäft: «Zusatzkredit von Fr. 50’000 für die Sanierung Strassenstück Steigstrasse Dorfstrasse.» Eine Bürgerin will wissen, ob man etwas gegen den gefährlichen Steinschlag machen könne. «S Problem isch», sagt Gemeinderat Alex Schlatter und kostet jedes Wort genüsslich aus, «da isch ebe Stettemer Gmarchig, döt wo die Schtei härchömed. Und die hend ebe kei Geld zum öppis mache, die arm Gmeind.» Alles lacht noch einmal kräftig über Stetten.

21.08, Lohn. – Der hagere Mann mit den weissen Haaren, der den Journalisten vor Beginn der Versammlung angesprochen hat, will sich versichern, ob man ja alles notiert habe. Er diktiert nochmals: «Stetten. Früher armengenössig. Jetzt nicht teilen wollen. Das ist richtig arm.» Seinen Namen will er jedoch nicht verraten; das gebe nur Lämpen im Oberen Reiat.

21.13, Büttenhardt. – Die Gemeindepräsidentin schliesst die Versammlung und lädt alle zum Apéro ein. Während man sich hilft, die Stühle wieder zu stapeln, verlässt der «az»-Reporter den Saal. Er will das Bild des unhöflichen Städters nicht in Gefahr bringen. In der Grossstadt sagt man sich nämlich nicht mal mehr anständig «Adie».

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