«Am Schluss wird alles in Brüssel entschieden!»

23. September 2018, az Redaktion
Lohn: Apéro nach einer nur zwölfminütigen Versammlung.

Stetten, Lohn und Büttenhardt werden nicht fusionieren. Wegen der «Arroganz der Stettemer», aus Angst vor Brüssel – oder weil es «zu früh war». Das ungeschönte Protokoll der drei Gemeindeversammlungen.

Eine Reportage von Nora Leutert (Stetten), Mattias Greuter (Büttenhardt) und Kevin Brühlmann (Lohn)

Dienstag, 18. September 2018, 19.30 Uhr, Stetten. – Die schlauen Stettemer haben die Turnhalle für die Versammlung hergerichtet, nicht wie üblich den Saal. Ein Gemeinderat schafft einen Tisch für uns, «az»-Reporterin und Fotografin, herbei. «Damenbonus ausgespielt», meint er.

19.36, Lohn. – 2,3 Kilometer entfernt und 60 Meter weiter oben, auf 640 Metern über Meer. Zwei Dutzend Kühe langweilen sich auf einer struppigen Wiese. Wenige Meter daneben steht die Lohnemer Turnhalle, vor Kurzem ausgebaut, 4,8 Sterne auf Google, eine Aula klebt an ihrer linken Flanke. Dort findet die ausserordentliche Gmaandsversammlig statt: Fusion oder nicht Fusion. Der Lohnemer lässt das Wort mit einem langgezogenen, hellen «O» im Hals ausklingen.

19.40, Büttenhardt. – Weitere 20 Meter höher, 1,7 Kilometer von der Lohnemer Aula entfernt. Die Büttenhardter treffen nach und nach beim Schulhaus ein. Es scheint keine Menschen zu geben, die sich siezen: Man kennt sich im Dorf.

19.41, Lohn. – Vor der Turnhalle sagt ein hagerer Mann mit weissen Haaren zum Journalisten: «Die Stettemer, das sage ich Ihnen als Ur-Lohnemer. Ich habe die Lehre dort unten gemacht, damals, im dreiundsechzig. Da war das Dorf noch armengenössig. Man hat es unter Zwangsverwaltung gestellt, und heute sind sie nicht einmal mehr bereit zu teilen. Ha!»

 

Eine künstlerische Installation? Die Turnhalle kurz vor der Versammlung in Stetten. Foto: Fabienne Spiller

 

19.46, Stetten. – Auf dem Boden liegt eine Einladung zur Versammlung. Darin Gründe gegen die Fusion. Etwa, dass die fusionierte Gemeinde in «Oberer Reiat» umbenannt würde, was der Gemeinderat Stetten nicht gutheissen könne.

19.50, Büttenhardt. – Die Aula füllt sich. Ein Gemeinderat ist damit beschäftigt, immer mehr Stuhlstapel mit einem eigens dafür konstruierten Wägelchen herbeizufahren. Ein wachsendes Halbrund aus Stühlen füllt die Aula, die eigentlich ein Dachstock ist.

Gleichzeitig in Stetten. – Es werden massiv mehr Stühle herbeigeschafft. Erstaunlich, denn eine Einladung zur ausserordentlichen Gemeindeversammlung findet man auf der Website der Gemeinde nicht.

20.00, Büttenhardt. – Gemeindepräsidentin Silvia Sigg begrüsst die Versammlung: «Ich hoffe sehr, das mer chönd e sachlichi und nid e emotionali Diskussion füehre.» 105 Stimmberechtigte des 360 Einwohner zählenden Dorfs sind anwesend.

20.01, Lohn. – Die Aula ist übervoll. Etwa 130 der insgesamt 740 Einwohnerinnen und Einwohner sind da. Es regieren karierte, kurzärmelige Hemden, teure Funktionsjacken und Sandalen. Um die Kasse aufzubessern, hat Lohn dieses Jahr das Gemeindehaus verkauft. Nun wird es abgerissen. Ansonsten geht es Lohn gut. Mit einem steuerbaren Einkommen von durchschnittlich 56’000 Franken pro Kopf gehört Lohn zu den reichsten Gemeinden des Kantons. 1990 lag der Steuerfuss noch bei 125, heute bei 99 Prozent.

20.02, Büttenhardt. – Es geht zur Sache. 20 Sitzungen habe die Fusionskommission gehabt, sagt Gemeindepräsidentin Silvia Sigg. «Es isch vo Anfang a nid eifach gsi mit üsne Partner.» Der Gemeinderat, sagt Sigg, komme zum Schluss, dass es wohl noch nicht der richtige Zeitpunkt für die Fusion sei. Das habe vielleicht damit zu tun, dass es allen drei Gemeinden gut gehe. In den letzten vier Jahren hat Büttenhardt den Steuerfuss von 109 auf 94 gesenkt.

20.03, Lohn. – Die Versammlung beginnt. Gemeindepräsidentin Vreni Wipf will zunächst drei Neuzuzügerinnen begrüssen. Doch keine ist anwesend. Naserümpfen im Saal.

20.04, Stetten. – Start der Versammlung. 231 Stimmberechtigte sind da. So viele wie noch nie in Stetten, wie Gemeindepräsident Hans-Peter Hafner vermutet. Dies bei einer Bevölkerungszahl von 1’350.

 

Herzlich willkommen in Stetten! Foto: Fabienne Spiller

 

20.06, Lohn. – Traktandum 1, Fusion. Gemeindepräsidentin Vreni Wipf fasst sich kurz: Die Meinungen seien gemacht, der Gemeinderat werde sich nicht mehr äussern, wer hat noch eine Wortmeldung? Ein 65-jähriger Mann mit flauschigem Pullover über den Schultern und Goldkettchen um den Hals steht auf. Ein Befürworter. «Offensichtlich ist die Zeit noch nicht reif für die Fusion», sagt er mit Bedauern. «Aber als klare Botschaft sollten wir Lohnemer trotzdem dazu stehen.»

20.10, Stetten. – Der Gmaandspresi Hans-Peter Hafner erläutert die Auswirkungen der Fusion. Seine Argumente erinnern an eine Grabrede: eine Steuererhöhung von den jetzigen 65 (Tiefstwert im Kanton) auf 74 Prozent – Tendenz höher. Sinkende Liegenschaftspreise. Steigender Verwaltungsaufwand. Und, besonders tragisch: Der Markenname Stetten gehe verloren. «Es gibt dann nur noch einen Ortsteil Stetten», so Hafner mit bedrückter Stimme.

Gleichzeitig in Lohn. – Hohes Tempo. Bereits wird abgestimmt, per Hand­zeichen. 100 sind für die Fusion, 22 dagegen. Der Gemeinderat ist überglücklich. Man kommt zum letzten Traktandum, «Verschiedenes». Man braucht einen neuen Baureferenten und jemanden für die Schulbehörde. Und die nächste Häckseltour findet am 26. September statt.

20.11, Büttenhardt. – Ein Befürworter erhebt sich: Markus Brütsch. Er arbeitet als Standesweibel des Kantons. Die Personalnot, sagt er. Tatsächlich bestand der Gemeinderat vor einigen Jahren nur noch aus drei Personen, und zwei weitere kündigten ihren Rücktritt an. «Das wird in Zukunft nicht einfacher», mahnt Brütsch.

Ein mutiger Bürger erhebt sich:
«Die Marke Stetten, geschätze Damen und Herren,
was ist das schon?»

20.12, Lohn. – «Und wie wird unser Entscheid nun kommuniziert?», fragt einer. «Ich schreibe eine SMS», sagt Vreni Wipf. Dann lädt sie zum Apéro ein, offeriert von der Gemeinde. Standing Ovations zum Schluss der rekordverdächtig kurzen Versammlung.

20.13, Büttenhardt. – Die Debatte läuft heiss. Was in den anderen Gemeinden passiert, weiss niemand. Finanzreferent Moritz Marcuzzi wettert gegen den viel zu tiefen vorgeschlagenen Steuerfuss von 74 Prozentpunkten: «Wenn Stetten ehrlich wäre, müssten sie sieben oder acht Punkte höher gehen, die sind ja verschuldet!» Überhaupt spricht man fast nicht über Lohn, sondern vor allem über Stetten. Man mag Stetten nicht, hier in Büttenhardt.

20.15, Stetten. – Keine Fragen zum Fusionsvertrag. Einvernehmliches Schweigen. Aber dann erhebt sich ein mutiger Stimmbürger: Er sei enttäuscht, dass die Sache so einseitig dargestellt werde. «Die Marke Stetten, geschätzte Damen und Herren, was ist das schon? Das ist ein tiefer Steuerfuss – und für ein paar wenige eine gute Aussicht. Die Gemeinde Stetten, so hochnäsig gewisse Leute heute tun, wird in ein paar Jahren auf den Boden der Realität zurückkommen.» – Leichte Störung durch das Publikum. Doch der mutige Redner macht weiter: Es werde hier nur bis zum Nasenspitz gedacht. Langfristig werde es Probleme geben – beispielsweise, die Ämter zu besetzen. Vereinzelter Applaus.

Gleichzeitig in Büttenhardt. – Ein Herr aus dem Oberdorf steht auf. Die Steuern seien für ihn nicht das wichtigste Thema, und in welchem Dorf der Regierungschef wohne, sei ihm sowieso egal. «Freiheit, Meinungsfreiheit und Demokratie gibt es nicht gratis», setzt er voller Pathos an, «das wussten schon die alten Eidgenossen!» Eine Fusion, nur weil man zu faul sei, die Ämter zu besetzen, sei falsch. «Am Schluss wird dann alles in Brüssel entschieden!», schimpft er.

20.20, Stetten. – Ein, in eigenen Worten, «Ur-Stettemer» meldet sich: «Büttenhardt hat ja auch eine ablehnende Haltung, obwohl dort bald jeder mal Gemeinderat war.»

20.22, Büttenhardt. – Ein Alteingesessener hat sich ebenfalls Gedanken gemacht über die Fusion. «Und do isch mir e Määrli iigfalle: E Sou, e Huehn und en Haas hend zäme wele e Beiz uftue. Also, ich mein demit Stette, Lohn und Büttehardt.» Die Metapher verliert sich irgendwo, aber am Ende ist zu erkennen, dass der Alteingesessene Nein stimmen wird.

 

Nach der Abstimmung in Lohn, das als einzige Gemeinde für die Fusion war.

20.23, Lohn. – In einem Vorraum mit kühlen Betonwänden gibt es Speckbrot, Volg-Bier und Wein. Ein Mann in kariertem Hemd sagt: «Wegen der Arroganz der Stettemer habe ich Nein gestimmt. Sie wollen ihren Namen behalten, alles bestimmen. Ich bin nicht gegen die Fusion, aber gegen Stetten.»

Gleichzeitig in Stetten. – Wie sieht es mit den Steuern aus, wenn es nicht zur Fusion kommt?, will einer wissen. Der Gemeinderat antwortet, er könne hier Erfreuliches mitteilen: Man werde die Steuern kommendes Jahr nicht erhöhen müssen. Tosender Applaus. Darauf kommt es zur Abstimmung. 37 stimmen Ja, 187 Nein. Erneut riesiger Applaus.

20.25, Büttenhardt. – Man ist mitten in der Debatte. «Wir haben viele Abmachungen getroffen, die wenigsten wurden eingehalten»: Silvia Sigg zeigt auf, wie Stetten mit Lohn und Büttenhardt umgehe. Etwa bei der Jungbürgerfeier. Die Gemeinden wechseln mit der Organisation ab, und man sei immer aufs Kursschiff gegangen. Sie habe festgestellt, dass manchmal mehr Gemeinderäte als Jungbürger da seien, und habe vorgeschlagen, mal etwas anderes zu machen, einen Grillplausch zum Beispiel. «Stetten und Lohn sagten: ‹Nein, dann laufen uns die Jungen davon, auf dem Schiff können sie wenigstens nicht davonlaufen.›» Dieses Jahr sei Stetten an der Reihe gewesen, habe plötzlich eine Wanderung organisiert, die Einladungen verschickt, ohne die anderen Gemeinden zu informieren. «Wir haben dann selber etwas organisiert», so Sigg.

20.27, Lohn. – Mehr Bier und mehr Speckbrot im Foyer, quasi Raumspray. Ein dünner Mann Mitte Fünfzig analysiert: «Die Stettemer sind so.» Er drückt seine Nase mit dem Rücken des Zeigefingers nach oben. «Die Büttenhardter sehen sich mal wieder als Opfer, und wir Lohnemer sind die einzigen, die pragmatisch denken.»

20.28, Stetten. – «Es war einfach zu früh», schliesst Presi Hans-Peter Hafner. Ausserdem wird mitgeteilt: Es wird jemand für die Schulbehörde gesucht sowie eine Schulpräsidentin oder ein Schulpräsident. Na dann viel Glück.

20.36, Lohn. – Das Resultat aus Stetten wird etwas verspätet verkündet. Es gibt ein Pfeifkonzert wie bei einem Fussballspiel. Ein Lohnemer raunt dem Journalisten zu: «Diesebe döt unne wüssed scho, wie sie de Chlotz chönnd verschtecke.»

Ein Lohnemer raunt dem Journalisten zu:
«Diesebe döt unne wüssed, wie sie de Chlotz chönnd verschtecke»


Gleichzeitig in Büttenhardt.
– Ein Neuzuzüger bricht das ungeschriebene Gesetz, dass man die ersten fünf Jahre an der Gemeindeversammlung nicht sprechen darf. Er bezeichnet sich immer noch als «Gast» und ist einer der wenigen Redner, die noch nie im Gemeinderat waren. «Small is beautiful», setzt er an und übersetzt: «Büttehardt het öppis!»
Er gestikuliert in Richtung der Neubauten am Dorfrand: «Do vorne isch jetz alles voll, und kene isch weg de Stüüre cho!» Er selbst hätte ja auch nach Stetten ziehen können, «aber ich ha kei Luscht gha, en Teil vo Stette z sii!». Er erntet den lautesten Applaus des Abends.

20.38, Stetten. – Ende der Versammlung. Es gibt keinen Apéro. Die selbsternannten Gewinner des heutigen Abends ziehen ins «Hoch zwei» weiter, den Dorfladen, wo ein paar Tische bereit stehen. Eine Beiz gibt es nicht mehr in Stetten. Mit einem steuerbaren Einkommen von durchschnittlich über 80’000 Franken pro Kopf ist Stetten die reichste Gemeinde des Kantons.

20.45, Büttenhardt. – Ein junger Zugezogener spricht. Er lobt die von den Landfrauen organisierten Attraktionen im Dorf. «Üsi Gmeind funktioniert super, do gits en Zämehalt. Mit Stette gsehn ich kein Zämehalt.» Dort sage man sich nicht mal guten Morgen an der Bushaltestelle, und je näher man der Stadt komme, desto blöder werde man angeschaut, wenn man Leute grüsse.
Die Diskussion neigt sich dem Ende zu. Es sei genial, wie sachlich sie geführt worden sei, freut sich Gemeindepräsidentin Sigg. Nach genau einer Stunde, um 21 Uhr, wird abgestimmt: 66 sagen Nein zur Fusion, 38 Ja.

21.03, Lohn. – Die «az» informiert Gemeindepräsidentin Vreni Wipf über das Resultat in Büttenhardt. Ein bedauerndes Raunen geht durch die Runde; es klingt, als hätte man eben einen langjährigen Freund verloren.


Stetten ist die reichste Gemeinde im Kanton.
Es gibt keinen Apéro.


21.04, Stetten.
– Im Dorfladen «Hoch zwei» wird auf die Meldung aus Büttenhardt, welche die «az»-Journalistin vorliest, angestossen.

21.06, Büttenhardt. – Die Gemeindeversammlung hat noch ein weiteres Geschäft: «Zusatzkredit von Fr. 50’000 für die Sanierung Strassenstück Steigstrasse Dorfstrasse.» Eine Bürgerin will wissen, ob man etwas gegen den gefährlichen Steinschlag machen könne. «S Problem isch», sagt Gemeinderat Alex Schlatter und kostet jedes Wort genüsslich aus, «da isch ebe Stettemer Gmarchig, döt wo die Schtei härchömed. Und die hend ebe kei Geld zum öppis mache, die arm Gmeind.» Alles lacht noch einmal kräftig über Stetten.

21.08, Lohn. – Der hagere Mann mit den weissen Haaren, der den Journalisten vor Beginn der Versammlung angesprochen hat, will sich versichern, ob man ja alles notiert habe. Er diktiert nochmals: «Stetten. Früher armengenössig. Jetzt nicht teilen wollen. Das ist richtig arm.» Seinen Namen will er jedoch nicht verraten; das gebe nur Lämpen im Oberen Reiat.

21.13, Büttenhardt. – Die Gemeindepräsidentin schliesst die Versammlung und lädt alle zum Apéro ein. Während man sich hilft, die Stühle wieder zu stapeln, verlässt der «az»-Reporter den Saal. Er will das Bild des unhöflichen Städters nicht in Gefahr bringen. In der Grossstadt sagt man sich nämlich nicht mal mehr anständig «Adie».