Fabio Schmocker, Autor auf Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/author/fschmocker/ Die lokale Wochenzeitung Mon, 18 Dec 2023 16:56:07 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.4.8 https://www.shaz.ch/wp-content/uploads/2018/11/cropped-AZ_logo_kompakt.icon_-1-32x32.jpg Fabio Schmocker, Autor auf Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/author/fschmocker/ 32 32 Ungleiches Steuergeschenk https://www.shaz.ch/2023/12/19/ungleiches-steuergeschenk/ https://www.shaz.ch/2023/12/19/ungleiches-steuergeschenk/#respond Tue, 19 Dec 2023 07:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=8095 Der Kantonsrat verabschiedet fleissig Steuersenkungen. Angeblich im Interesse des Mittelstands. Doch unsere Auswertung zeigt erstmals: Es profitieren vor allem die Topverdiener. «Denken Sie an den Mittelstand und stimmen Sie der maximalen Steuersenkung zu!», proklamierte FDP-Kantonsrat Severin Brüngger in den Kantonsratssaal. Es war der 20. November, relativ spät am Abend, und das Parlament debattierte gerade darüber, […]

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Der Kantonsrat verabschiedet fleissig Steuersenkungen. Angeblich im Interesse des Mittelstands. Doch unsere Auswertung zeigt erstmals: Es profitieren vor allem die Topverdiener.

«Denken Sie an den Mittelstand und stimmen Sie der maximalen Steuersenkung zu!», proklamierte FDP-Kantonsrat Severin Brüngger in den Kantonsratssaal. Es war der 20. November, relativ spät am Abend, und das Parlament debattierte gerade darüber, wie stark der Steuerfuss gesenkt werden sollte. Am Ende waren es acht Prozent. Der Entscheid führt die Talfahrt der Kantonssteuern weiter: 2017 lag der kantonale Steuerfuss noch bei 115 Prozent, 2024 wird er effektiv bei 81 Prozent liegen.

Nur: Wer ist überhaupt dieser Mittelstand, dem die FDP mit immer tieferen Steuern helfen möchte? Wer gehört dazu, und wie stark wird er von Steuersenkungen tatsächlich entlastet?

Die Daten, welche die kantonale Steuerverwaltung publiziert, sind zu ungenau, um dieser Frage wirklich nachzugehen, und genauere Zahlen wollen die Schaffhauser Behörden nicht liefern. Aber ein Datensatz (siehe Box), den das Bundesamt für Statistik (BfS) auf Anfrage der AZ erstellt hat, ermöglicht es erstmals, zu berechnen, wer im Kanton Schaffhausen wirklich zum Mittelstand gehört. Und zu klären, ob dieser von Steuersenkungen wirklich so stark profitiert, wie behauptet wird. 

Der ominöse Mittelstand

Der Mittelstand gilt als Garant für politische Stabilität, als wirtschaftlicher Motor in der sozialen Marktwirtschaft. Kein Wunder nimmt jede Partei für sich in Anspruch, für den Mittelstand zu politisieren. Die FDP ist damit keineswegs allein. Auch Kantonsrat Mariano Fioretti von der SVP oder Stadtpräsident und Kantonsrat Peter Neukomm von der SP nahmen für sich in Anspruch, für den Mittelstand zu sprechen.

Will man, dass es dem Kanton Schaffhausen gut geht, muss es dem Mittelstand gut gehen. Denn der Mittelstand zahlt einen Grossteil der Einkommenssteuern.

Die Beliebtheit des Mittelstands bei Politikern rührt aber wohl auch daher, dass niemand so genau weiss, was damit eigentlich gemeint ist. Alle von der Ärztin bis zur Putzkraft oder doch nur die Kleinunternehmer?

Zu den Argumenten der Politikerinnen hinzu kommt, dass es auch in der Bevölkerung sehr beliebt ist, sich zum Mittelstand zu zählen. Wie eine Studie aus Deutschland zeigte, ordnen sich rund 80 Prozent der Menschen selbst der Mittelschicht zu. Fehleinschätzungen gibt es zuhauf, und das von beiden Seiten. Die Menschen mit den höchsten Einkommen stufen sich oft zu tief ein, zählen sich zum Mittelstand und reden so ihre Profite klein. Am anderen Ende stufen sich diejenigen mit den geringsten Einkommen ebenfalls häufig falsch, nämlich deutlich zu hoch ein.

So finden die steuerpolitischen Argumentationen für Steuersenkungen Zustimmung bei Menschen, die in der Realität davon nur marginal profitieren. Gegen solche Mittelstandsmythen hilft nur eine klare Definition. Zum Beispiel jene der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Sie liefert einen quantitativen Anhaltspunkt dafür, was den «Mittelstand» ausmacht, um den Begriff greifbarer zu machen. Die Organisation zählt jene Personen zur Mittelschicht, die ein verfügbares Einkommen im Bereich von 75 bis 200 Prozent des Medians zur Verfügung haben.
Das sagt uns aber noch nichts darüber, wieviele Leute zu diesem Mittelstand gehören und was sie von einer Steuersenkung haben.

Der Datensatz des BfS, der die Vermögensverteilung im Jahr 2019 für Schaffhausen abbildet, schafft nun Abhilfe. Er enthält 49 876 steuerpflichtige Personen für den Kanton Schaffhausen und listet diese nach steuerbarem Einkommen auf, gruppiert in 500-Franken-Schritten nach Einkommen. Daraus lässt sich das mediane steuerbare Einkommen im Kanton berechnen – welches sich auf 48 300 Franken beläuft. Median bedeutet: Genau die Hälfte der Steuerpflichtigen haben ein tieferes steuerbares Einkommen als 48 300 Franken pro Jahr, die andere Hälfte eines, das über diesem Betrag liegt. Wendet man nun die Definition des Mittelstandes von der OECD an, können Personen mit einem steuerbaren Einkommen von 36 225 Franken bis 96 600 Franken den drei Kategorien der Mittelschicht zugeteilt werden. In diese Spanne fallen im Kanton Schaffhausen 25 907 Menschen, also ein wenig mehr als die Hälfte der Steuerpflichtigen.

Nur 6518 Personen gehören zur Kategorie der hohen Einkommen, also jene, die mehr als 200 Prozent des steuerbaren Medianeinkommens haben. Im unteren Segment der Einkommensverteilung können 5812 Personen als vulnerabel eingeordnet werden. Diese haben ein streubares Einkommen von 50 bis 75 Prozent des Medians. In die ärmste Einkommenskategorie wiederum, die durch ein steuerbares Einkommen unter 50 Prozent des Medians definiert ist, reihen sich 11 639 Personen ein.

Es profitiert vor allem eine Gruppe

Mit dieser Einteilung in verschiedene Schichten lässt sich nun berechnen, wer wie stark von der achtprozentigen Steuerfusssenkung im Kanton profitiert. Basierend auf den Zahlen des BfS spart die Schaffhauser Bevölkerung im Jahr 2024 insgesamt rund 13,4 Millionen Franken an Einkommenssteuern.
Die Kantonsräte lagen in einem Punkt richtig. Es profitiert vor allem eine Gruppe – doch es ist nicht der Mittelstand. Fast 6 der 13 Million Franken gehen an die Menschen in der obersten Einkommenskategorie. Genauer: Rund 44 Prozent des Steuergeschenks geht an die 6518 Personen mit dem höchsten steuerbaren Einkommen im Kanton Schaffhausen, die nur 13 Prozent der Steuerpflichtigen darstellen. Pro Kopf spart dieser Teil der Bevölkerung durch die erneute Senkung des Steuerfusses im Durchschnitt 903 Franken.

Die oberste Einkommenskategorie macht zwar nur einen kleinen Teil der Bevölkerung aus, profitiert aber am meisten von einer Steuersenkung.

Der Mittelstand spart mit 6,9 Millionen Franken insgesamt zwar mehr, doch er umfasst auch einen weitaus grösseren Bevölkerungsteil. 52 Prozent der steuerpflichtigen Personen bekommen 52 Prozent des Steuergeschenkes. Pro Kopf ergibt das noch eine Einsparung von 266 Franken. Die oberste Einkommensschicht profitiert also mehr als dreimal so stark vom Steuergeschenk des Kantonsrats wie der Mittelstand. Noch schlechter sieht es für Menschen in den tiefsten Einkommensgruppen aus. Die Kategorie der vulnerablen Personen spart noch rund 427 000 Franken, und das obwohl sie mit 5812 Personen fast gleich gross ist wie die oberste Einkommenskategorie.

Der armen Bevölkerungsschicht (11 639 Personen) kommen durch die Steuersenkung noch 151 000 Franken zu. Pro Kopf entspricht dies Einsparungen von 73 beziehungsweise 13 Franken.

Zusammengefasst machen die Vulnerablen und die Armen etwas mehr als ein Drittel der Steuerpflichtigen aus, kriegen aber nur 4 Prozent des Steuergeschenks. Und diese Zahlen betreffen nur die letzte Senkung des Steuerfusses. Wie die Grafik auf der rechten Seite zeigt, liegt die Summe über die letzten Jahre zusammengerechnet noch viel höher.

Würde man auch noch die Vermögenssteuer miteinbeziehen, was auf Grund der Datenlage nicht möglich war, sähe das Bild wohl noch einseitiger zugunsten der höchsten Einkommensschicht aus. Denn: Ihr Lohn reicht aus, um ein Vermögen anzuhäufen und die Besteuerung der Vermögen sinkt ebenfalls mit dem Steuerfuss. Das Steuergeschenk für die durchschnittlichen Angehörigen der obersten Schicht ist also eigentlich grösser als die erwähnten 903 Franken, weil sich diese nur auf die Einkommenssteuer beziehen.

Wieviel profitiert der Mittelstand?

Die Zahlen und die beiden Grafiken zu diesem Text räumen mit Mittelstandsmythen auf. Sie zeigen erstens, dass die Steuersenkungen der letzten Jahre dem Mittelstand zwar die Steuerrechnung stark gesenkt haben – aber ein Vielfaches mehr haben die Reichsten profitiert.

Das ist keine Überraschung. Frappant ist aber, wie ungleich die Steuergeschenke verteilt werden: Die obersten 13 Prozent erhalten fast die Hälfte. Macht man die «Spitzengruppe» noch kleiner, wird der Effekt noch krasser: Die 1460 Bestverdienenden erhalten 2,6 Millionen Franken. Das sind rund 20 Prozent des Steuergeschenks.

Kurz: Der Mittelstand profitiert zwar durchaus von der massiven Steuersenkung. Im Durchschnitt spart er 250 Franken, das reicht fast für ein Jahresabo in der KSS oder deckt rund die Hälfte des VBSH-Jahresabos für ein Kind. Doch die Hauptprofiteurinnen sind andere. Der Kantonsrat hat ganz laut «Mittelstand» gesagt, um dann den reichsten 13 Prozent 900 Franken pro Kopf auszuhändigen.

Topverdiener sparten fast 3300 Franken: Wie sich die Steuersenkungen auswirkten.

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Methodik

Der Datensatz des BfS unterteilt die steuerpflichtige Schaffhauser Bevölkerung im Jahr 2019 in rund 200 Einkommensschichten, getrennt nach Zivilstand (ohne Einelternfamilien). Wenn im Text von Menschen und Personen die Rede ist, sind immer steuerpflichtige natürliche Personen gemeint. Die Einkommensschichten umfassen bis zu einem Einkommen von 100 000 Franken für Alleinstehende und 70 000 Franken für Verheiratete jeweils eine Spannweite von 500 Franken. Die erste Einkommensschicht umfasst alle Personen, die ein steuerbares Einkommen von 0 bis 500 Franken haben, die zweite alle, die ein steuerbares Einkommen von 500 bis 1000 Franken haben, und so weiter. Danach werden die Spannweiten kontinuierlich grösser. Für jede Einkommensschicht ist zudem die Anzahl Menschen sowie das mediane steuerbare Einkommen dieser spezifischen Schicht aufgeführt. Mit Daten des Kantons Schaffhausen wurde für jede Schicht der zutreffende Steuersatz sowie die Steuerfüsse für das Jahr 2023 und 2024 ergänzt. So konnte für jede Einkommensschicht errechnet werden, wie sich die Einkommenssteuern verändern auf das Jahr 2024. Folglich konnte die Einkommensverteilung des Kantons berechnet werden. Dadurch wurde es möglich, die Schaffhauser Bevölkerung, beziehungsweise die kleinen Einkommensschichten, gemäss der OECD-Definition in fünf Überkategorien einzuteilen. Für jede dieser Kategorien wurde anschliessend die durchschnittliche Einsparung bei den Einkommenssteuern berechnet.

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Unter 11 Freunden https://www.shaz.ch/2023/08/25/unter-11-freunden/ https://www.shaz.ch/2023/08/25/unter-11-freunden/#respond Fri, 25 Aug 2023 06:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=7760 Vor dem Spiel gegen GC träumte ich von Toren und heroischen Grätschen. Bekommen habe ich Pasta, Ellenbogen und ohrenbetäubendes Gebrüll. Der Ellenbogen des GC-Stürmers bohrt sich in meinen Brustkorb. Für einen Moment gerate ich aus dem Gleichgewicht. Ich stehe kurz vor unserem Strafraum. Hinter mir brüllen hunderte GC-Fans ihre Fangesänge, als hänge ihr Leben davon […]

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Vor dem Spiel gegen GC träumte ich von Toren und heroischen Grätschen. Bekommen habe ich Pasta, Ellenbogen und ohrenbetäubendes Gebrüll.

Der Ellenbogen des GC-Stürmers bohrt sich in meinen Brustkorb. Für einen Moment gerate ich aus dem Gleichgewicht. Ich stehe kurz vor unserem Strafraum. Hinter mir brüllen hunderte GC-Fans ihre Fangesänge, als hänge ihr Leben davon ab.

Ich muss wieder an den Stürmer rankommen, denke ich und versuche, ihn am Arm zu greifen. Noch ehe ich an ihm dran bin, kommt ein scharfer, flacher Pass zum Stürmer. Der Stürmer entgleitet mir, zwei-, dreimal tippt er den Ball an, und schon ist er in unserem Strafraum. Irgendwie versuche ich, ihm seitwärts den Weg zu unserem Tor abzuschneiden, mit so kleinen Schritten wie möglich, so nahe dran wie möglich. Ich warte. Noch ein bisschen. Dann sehe ich, wie der Stürmer den Ball ein bisschen zu weit vorlegt. Ich riskiere es. Ich setze zur Grätsche an. Mein rechtes Bein federt nach vorn, und den Oberkörper werfe ich Richtung Boden. Einen Moment lang schwebe ich in der Luft. Dann spüre ich, wie mein Fuss etwas trifft. Besorgt schaue ich zum Schiedsrichter. «Ball gespielt», sagt er. Erleichterung. Ich richte mich keuchend auf. Jetzt mal etwas durchschnaufen, denke ich.

Doch der Stürmer steht längst wieder. Der Ball zischt schon wieder auf unsere Verteidigung zu. Lange geht das nicht gut, denke ich.

Cup-Traum

Montag, 3. Juli. Auf meinem Handy verfolge ich die Auslosung der ersten Runde im Schweizer Cup. Nach zehn endlosen Minuten erscheint endlich das Los mit dem Aufdruck «SV Schaffhausen». Zugelost wird uns der Rekordmeister GC, der vier Ligen höher spielt. Keine Sekunde später fliegen die Benachrichtigungen aus dem Mannschafts-Chat über meinen Bildschirm. «Freilos», schreibt einer unserer Stürmer. Ich antworte: «Mindestens ein 3:0-Sieg für uns.»

In den Wochen danach ist der Cup-Match, das Spiel der Saison, aber eine Randnotiz. Wir sprechen nur sporadisch darüber. Der Kühlschrank in der Mannschaftskabine wird mit der selben Frequenz wie eh und je mit Bier gefüllt und wieder geleert. Auch die Ferienpläne bleiben unangetastet. Der beinharte Rechtsverteidiger verabschiedet sich für ein Wochenende nach Barcelona. Unser Torgarant reist kurz vor dem GC-Spiel in die Partyhochburg Ibiza.

Richtig in den Fokus rückt der Cup erst in der Woche des Spiels. Unsere Trainings interessieren normalerweise niemanden. Doch jetzt besuchen uns zwei Journalisten mit Mikrofon und Kamera. Nach dem Training soll ich zum Interview antreten. Das einzige, was der Journalist über mich weiss, ist, dass ich keine Erfahrung vor der Kamera habe. «Vorname, Nachname und Position bitte in die Kamera sagen und nachher ein bisschen schräg stellen und nur noch mich anschauen», weist er mich an. Dann fragt er: «Was braucht es, um ein Cup-Wunder zu schaffen?» Ich stutze. Fussballer wirken in Interviews oft nicht sonderlich intelligent. Vielleicht liegt das nicht nur an den Fussballern, sondern auch an den Fragen der Sportjournalisten, denke ich. Bei der Antwort stottere ich dann ein-, zweimal, und die «ähms» vervollständigen meinen Satz ein bisschen zu oft. Ich bin weder Fussball- noch Fernsehprofi, stelle ich fest.

Die Spielvi-Crew im Stadion. Foto: Robin Kohler

Ein bisschen Profigefühl kommt am Samstagabend auf, einen Tag vor dem Spiel. Wir trainieren im Stadion des FC Schaffhausen, wo das Spiel ausgetragen wird. Unser Platz, der Bühl, wird gerade renoviert. Wir trainieren wie aufgedrehte Duracell-Häschen. Der Assistentztrainer fragt mich: «Schon nervös?» – «Nein, gar nicht», flunkere ich. Und weil nach dem Training der Energiespeicher wieder aufgefüllt werden muss, gehe ich mit drei Mitspielern noch beim Italiener essen. Wir entscheiden uns für Pasta. Das ist besser vor dem Spiel als Pizza, sagen wir uns und bestellen ein kleines Bier und Süssgetränke dazu.

Später suchen wir die WG des Mitspielers auf. Nach Spielen treffen wir uns oft hier, um danach auszugehen. Heute aber schauen wir in Ruhe die Spiel-Zusammenfassungen der höchsten englischen Liga. Wir sind uns einig: Was die Profis da veranstalten, ist gar nicht so viel besser als das, was wir auf dem Spielfeld jeweils zeigen.

Schuhe, Socken und Mate-Tee

An diesem Abend habe ich Mühe einzuschlafen. Der Inhalt meines Kopfs gleicht den unendlichen Videoschlaufen auf TikTok. In meiner Fantasie grätsche ich Renat Dadashov ab, den Stürmer bei den Hoppers, der in der Vergangenheit für Leipzig und Frankfurt spielte. Ich kläre den Ball von der eigenen Torlinie oder erziele in der Nachspielzeit den Ausgleich vor der GC-Fankurve.

Am frühen Morgen reisst mich die Sonne aus dem Schlaf. Sofort bin ich hellwach. Heute ist das Spiel, denke ich nur. Ich spanne meine linke Wade an, dann die rechte und schliesslich die Oberschenkel. Die Beine scheinen ziemlich frisch zu sein. Ein gutes Gefühl. Langsam richte ich mich auf und mache die ersten Schritte. Ein lauter Knall kommt aus meinem Knie. Alles gut, beruhige ich mich. Seit ich mir beim Fussball den Meniskus gerissen habe und operiert werden musste, knallt es jeden Morgen.

«Ob die GC-Spieler ihr Geschirr auch selber in die Küche tragen?»

Die Anspannung im Rest meines Körpers bleibt. Normalerweise bin ich froh, wenn meine Sonntage so langsam wie möglich verstreichen. Doch heute ist das Schleichen des Minutenzeigers eine Qual. Die Beine kribbeln. Brustkorb und Magen ziehen sich zusammen. Sicher drei Mal überprüfe ich, ob in meiner Sporttasche alles Nötige drin ist. Um 12 Uhr folgt eine erste kleine Erlösung: Treffen mit der Mannschaft und Mittagessen im VIP-Saal des FCS-Stadions. Es gibt wieder Pasta.

Wie ich so in die Runde schaue, fällt mir auf, dass jeder seine eigene Art hat, mit der Nervosität umzugehen. Der Mittelfeldspieler hat sich neue, schneeweisse Fussballschuhe gekauft. Der Linksverteidiger hat sogar einen Mate-Tee, wie er in Südamerika getrunken wird, aufgesetzt. Nach dem Vorbild von Messi und Suarez. Nie zuvor habe ich ihn diesen Tee trinken sehen. Er bemerkt meinen Blick und sagt: «Heute kommt das SRF – Showtime.» Selbst unsere Trinkflaschen sind heute mit isotonischen Getränken gefüllt. Normalerweise gibt es nur Wasser. Und auch ich, ansonsten alles andere als abergläubisch, habe heute die Socken meines Bruders angezogen. Die Socken haben ein grosses Loch an den Fersen. Als ich sie einmal ausgeliehen hatte, schoss ich ein Tor. Vielleicht klappt es ja nochmals.

Als die Pasta mit Tomatensauce verschlungen ist, bringen wir einer nach dem anderen das Geschirr in die Küche. Teller in den Schüttstein, Servietten in den Kübel. «Ob die GC-Spieler auch selbst abräumen?», frage ich meinen Sitznachbarn.

Als wir zur Kabine im Bauch des Stadions gehen, hält uns Jeff Baltermia vom SRF an. Er will uns filmen, wie wir Richtung Kabine gehen. Ganz natürlich soll es wirken, sagt er. Noch nie bin ich unnatürlicher gegangen als in diesem Moment.

Unsichtbare Profis

Inzwischen sind auch die GC-Spieler im Stadion eingetroffen. Das vermute ich zumindest, denn den Gang hinunter, wo ihre Kabine ist, verdecken provisorische Trennwände die Sicht. Was die Profis vor dem Match treiben, ist wohl ein streng gehütetes Geheimnis.

Bei uns hingegen ist alles wie immer. Nur die Kabine ist grösser. Für einmal können wir uns umziehen, ohne mit dem Sitznachbarn kuscheln zu müssen. Als die Fernsehcrew weg ist, drehen wir die Musik auf. So laut, dass Gespräche unmöglich sind. Jeder ist jetzt in seiner eigenen Welt und versucht, sich irgendwie abzulenken.

Kurz danach flattert ein Zettel mit der Aufstellung der Grasshoppers in die Kabine. Die Grössen der Spieler werden angegeben. Sieben Spieler sind rund einen Meter neunzig gross. Bei uns ist genau einer so gross, und der sitzt auf der Bank. David gegen Goliath im wortwörtlichen Sinn. Meine Verteidigerkollegen und ich schauen uns ungläubig an. Wir zucken mit den Schultern.

3800 Fans kamen zum Spiel der Spielvi gegen GC. Foto: Robin Kohler

Schon unten im Tunnel der Katakombe hört man den Lärm von den Zuschauerrängen. Wir nehmen die steilen Betonstufen hinauf aufs Feld. Der Sektor, in dem der Neustadt Ghetto Mob, unser Fanclub, Platz genommen hat, ist schon gut gefüllt. Als sie uns entdecken, ertönt ein Applaus, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Die Haare an meinen Armen stellen sich auf. Nichts gegen unsere Heimstätte auf dem Bühl, auch dort erscheinen an guten Tagen mehrere hundert Menschen und feuern uns an. Aber das heute ist auf einem anderen Level.

Ich grinse wie ein Primarschüler, der zu viel Süssigkeiten bekommen hat, und winke Bekannten auf der Tribüne zu. Im selben Moment blicke ich verlegen zu Boden. Ist es okay, so zu lachen? Wirkt das unprofessionell?
Ach was, denke ich. Solche Sorgen sollen sich die Grasshoppers machen, die nun das Feld betreten. Es ist das erste Mal, dass ich sie heute sehe.

Eins, zwei, Boom!

Dann pfeift der Schiedsrichter das Spiel an. Endlich. Kurz ist es ruhig im Stadion. Dann beginnen 700 GC-Fans auf der Tribüne zu singen. Sie sind direkt hinter unserem Tor, vielleicht dreissig Meter hinter mir. «Es git nur ein Verein! Woni folge wett, us dä schönste Stadt! Es isch de GCZ!», dröhnt es zwischen Trommelschlägen. Vier Mal schreie ich meinem Mitspieler zu: «Links! Links!« Doch meine Rufe gehen in den Zürcher Gesängen unter.
Das ist umso schlimmer, da GC zum Start richtig powert. Nach jeder Balleroberung fliegen die gelben Shirts der Hoppers auf mich zu. Von links, von rechts. Kaum habe ich den Ball mal erobert, höre ich ihre Schuhe über den Kunstrasen auf mich zuflitzen. Dann spüre ich eine Schulter in meiner Seite, und schon ist der Ball wieder weg. Im Sekundentakt fliegt der Ball auf unser Tor zu.

Plötzlich schnappt sich GC-Aussenverteidiger Hoxha an der Strafraumecke den Ball und zieht ab. Ein wunderschönes Tor. Geschockt schaue ich hoch zur Stadionuhr. Siebte Minute. Ich rechne. Wenn es so weitergeht, kassieren wir bis zum Abpfiff zehn Tore. Gleichzeitig fühle ich mich seltsam erleichtert. Wir hatten nie etwas zu verlieren. Und jetzt sowieso nicht mehr.

Mit jedem Pass, mit jedem gewonnenen Zweikampf steigt mein Selbstvertrauen. Vielleicht ist hier doch mehr drin, denke ich. Und dann: ein Pass vom GC-Goalie zu seinem Mittelfeldspieler. Der dreht sich. Ein zweiter scharfer Pass nach links. Zwei meiner Mitspieler sind ausgespielt. Francis Momoh, Flügelstürmer der Zürcher, sprintet los. In meinem Augenwinkel sehe ich Bradley Fink. Fink ist ehemaliger Junioren-Nationalspieler und spielte bei Borussia Dortmund im Nachwuchs. In der Juniorenbundesliga schoss er in 17 Spielen 17 Tore. Er steht hinter mir. Mit dem ersten Ballkontakt flankt Momoh den Ball flach und scharf in die Mitte. Ich höre einen Mitspieler brüllen: «Fabio, im Rugge. Er chunnt!» Doch es ist schon zu spät. Fink schiebt mit rechts ein. Eins, zwei, Boom!

Was am Tag zuvor im Fernsehen noch kinderleicht ausgesehen hat, fühlt sich nun an, als würde ich in Zeitlupe spielen und die Grasshoppers mit doppelter Geschwindigkeit.

Beim 2:0 bleibt es lange. Uns fehlt die Kraft, um selber Chancen zu kreieren, und die Hoppers scheinen zufrieden mit dem Vorsprung. Zu Chancen kommen sie dennoch ab und an. Bradley Fink köpfelt aus einem Meter über das Tor. Er lacht mich an und sagt: «Wie chani de nid mache?» Ich will ihm sagen, dass ich ihm nicht helfen kann. Ich bin Verteidiger. Ein Tor schiesse ich ungefähr jedes Schaltjahr. «Danke häschen denäbed gsetzt», sage ich. Wenige Minuten später, nach unserer einzigen nennenswerten Chance, schiesst er doch noch ein Tor per Kopf. Dann wird er ausgewechselt.

Für ihn ins Spiel kommt Pascal Schürpf, ein routinierter Profi. In der 88. Minute erzielt er das 4:0. Dann ist das Spiel vorbei. Meine Beine fühlen sich an, als seien sie aus Gummi. Unser Mittelfeldmotor zeigt mir fünf Stellen an seinen Beinen, an denen er Krämpfe hatte. Die GC-Spieler sehen es aus, als hätten sie gerade ein lockeres Training absolviert.

Entkräftet und trotz der 0:4-Niederlage lassen wir uns vom Neustadt Ghetto Mob feiern. Foto: Robin Kohler

Als Belohnung für die schmerzenden Beine will ich mir ein Souvenir sichern. Ich frage Pascal Schürpf nach seinem Trikot. «Klar doch», antwortet er. Nach meinem Trikot fragt er nicht. Dafür bin ich ihm dankbar. Ich habe nur ein Trikot. Ein neues müsste ich selber bezahlen, 120 Franken, was meine Finanzen als Student stark strapazieren würde. Mit Schürpfs Trikot in der Hand gehe ich hoch zur Tribüne, wo meine Familie wartet. Umarmungen gibt es keine. Dafür sind meine Kleider nach 90 Minuten in brütender Hitze zu sehr mit Schweiss getränkt.

Pasta alla Genovese oder Pommes?

Als ich Richtung Kabine schreite, ärgere ich mich ein wenig. Vor so viel Publikum zu spielen, macht schon richtig Spass. Wäre geil, wenn es jedes Wochenende so wäre. Vielleicht hätte ich doch hartnäckiger versuchen sollen, Profifussballer zu werden. Damals, mit 19, spielte ich für den FC Schaffhausen. Es reichte zu 20 Minuten in der Challenge League. Nach einem Jahr hörte ich auf, um ein Studium anzufangen. Ich glaube, das war der richtige Entscheid. Wahrscheinlich hätte ich mich nicht als Profi durchgesetzt. Dafür bin ich zu wenig talentiert. Aber jetzt zweifle ich an meiner Entscheidung.

Wie ich übers Feld gehe, sind die ­Grasshoppers längst verschwunden. Als sei das Spiel bloss meiner Fantasie entsprungen. Aber dann entdecke ich einen Beweis. Im Kübel des Gangs. Darin liegt ein Einwegteller mit Resten von Penne alla Genovese. Die GC-Spieler werden das gleich hier gegessen haben. Schnelle Zuführung von Energie nach dem Spiel ist wichtig, habe ich mal irgendwo gehört.

Meine Teamkollegen und ich gehen zu McDonald’s und langen ordentlich zu. Dann setzen wir uns in eine Bar, bestellen ein Bier. Wir schauen die Analyse unseres Spiels auf SRF. Experte Beni Huggel sagt, wir hätten den GC-Spielern zu viel Freiraum gelassen. Man habe einen Klassenunterschied gesehen.

Na, na, lieber Huggel national, sagen wir. Und kommen zu folgender Erkenntnis: Angenommen, Huggel hätte das ganze Jahr über so viel Bier getrunken wie wir, hätte er sich gegen GC weitaus schlechter geschlagen. Irgendjemand bestellt noch eine Runde Bier. Meine Zweifel über die verpasste Fussballerkarriere sind längst verflogen.

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