Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/ Die lokale Wochenzeitung Mon, 31 Aug 2026 07:17:09 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.4 https://www.shaz.ch/wp-content/uploads/2018/11/cropped-AZ_logo_kompakt.icon_-1-32x32.jpg Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/ 32 32 Um halb zwei kam der Notruf https://www.shaz.ch/2026/08/31/um-halb-zwei-kam-der-notruf/ Mon, 31 Aug 2026 07:17:08 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11303 Stefan Caprez aus Neuhausen war zur Seenotrettung auf dem Mittelmeer. Für die AZ hat er Tagebuch geführt. Stefan Caprez* Seit drei Jahren arbeite ich für die Seenotrettungsorganisation SOS Mediterranee. Meistens sitze ich dabei vor meinem Laptop zuhause, im Büro oder bin in der Schweiz unterwegs. Dann, Mitte Juli, wenige Tage vor dem nächsten Einsatz der «Ocean […]

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Stefan Caprez aus Neuhausen war zur Seenotrettung auf dem Mittelmeer. Für die AZ hat er Tagebuch geführt.

Stefan Caprez*

Seit drei Jahren arbeite ich für die Seenotrettungsorganisation SOS Mediterranee. Meistens sitze ich dabei vor meinem Laptop zuhause, im Büro oder bin in der Schweiz unterwegs. Dann, Mitte Juli, wenige Tage vor dem nächsten Einsatz der «Ocean Viking», erfahre ich, dass ich nördlich von Rom zur Crew stossen kann. Dann geht alles schnell. Die Ocean Viking ist über 69 Meter lang und mit ihren 40 Jahren genauso alt wie ich. Rund 30 Menschen arbeiten an Bord. Seit 2016 hat SOS Mediterranee mehr als 43 000 Menschen aus Seenot gerettet. 

Die folgenden Auszüge stammen aus meinem Tagebuch. Die Namen der Geretteten und Crewmitglieder wurden geändert.

21. Juli – An Bord

Die Polizeikontrollen dauern lange. Ich warte vor der Ocean Viking im riesigen, hässlichen Hafen von Civitavecchia. Dann ruft mir jemand vom Schiff aus zu – nun geht es tatsächlich los.

Ich gehe die Gangway hoch. Zum Glück bleibt keine Zeit, viel zu überlegen – und schon stehe ich auf dem Deck. Von allen Seiten wuseln Leute umher. Hände werden geschüttelt, Namen ausgetauscht, die meisten vergesse ich gleich wieder. Ich treffe Luca, den Comms. Officer, der auf dieser Patrouille für mich zuständig sein wird. Alle sind nett, aber hektisch.

Schon werde ich vom Deck ins Innere des Schiffs geschoben – bevor ich überhaupt nachdenken kann, stehe ich in einer Reihe. Proviant wird eingeladen, irgendwie muss es schnell gehen. Sechserpacks Wasser wandern von Hand zu Hand. Nach fünf Minuten bin ich wie alle anderen bachnass. Der einzuladende Proviant scheint kein Ende zu nehmen: Es folgen Kisten mit Früchten, Gemüse, Trockensachen und Reis. Ich bin froh, etwas zu tun zu haben.

26. bis 29. Juli – Warten

Die ersten Tage sind voll mit Trainings und Briefings: Erste Hilfe, Abläufe bei einer Rettung, Betreuung der Geretteten. Für alles gibt es klare Regeln. Als wir das Einsatzgebiet im zentralen Mittelmeer erreichen, beginnen Tage des Wartens.

Warten – daran muss man sich etwas gewöhnen. Die Mahlzeiten und Lookout-Schichten bestimmen den Rhythmus. Die Gesichter werden langsam vertrauter, der Umgang lockerer, es wird mehr gescherzt. Manchmal erinnert es mich an ein Pfadilager.

Beim Lookout suchen jeweils zwei Crewmitglieder mit Ferngläsern den Horizont nach Booten in Seenot ab.

30. Juli, gegen 1.30 Uhr –
Nachtalarm

Ich erwache plötzlich und höre jemanden hektisch meinen Namen rufen. Luca. Licht brennt vor meiner Koje, Lärm. Ich brauche einen Moment, bis mir klar wird, wo ich bin. Dann höre ich eine Stimme über mein Funkgerät. Marco, unser Einsatzleiter. «All crew, security level one» – und irgendetwas von «fast approaching target».
Ich beginne mich anzuziehen. Luca kommt rein, schon in voller Ausrüstung. Verflucht, sind die schnell, denke ich mir. Viele Crewmitglieder sitzen schon im Aufenthaltsraum. Ich schnappe mir Helm, Weste und Schuhe. Dann ertönt wieder das Radio: «All crew, security level two.»
Es wird hektischer. Weitere Crewmitglieder kommen in den Aufenthaltsraum. Eine Kollegin deutet auf das Bullauge neben mir. Ich soll es zumachen. Ich setze mich hin und schaue in die Runde. Der Adrenalinpegel schiesst hoch, ich warte und halte meine Klappe. Was soll ich als Neuling auch sagen. Ich verstehe nur, dass sich ein unbekanntes libysches Boot schnell genähert hat.

Solche Annäherungen nimmt die Crew ernst. Im August 2025 wurde die Ocean Viking von der libyschen Küstenwache während rund 20 Minuten beschossen – mit 87 zuvor geretteten Menschen an Bord. Viele der Crew waren bei diesem Angriff dabei. Daher gelten strenge Sicherheitsprotokolle.

Helen, eine erfahrene Ärztin mit trockenem britischem Humor, fängt an, Sprüche zu machen. Die Stimmung wird etwas lockerer.
Bald hören wir wieder Marcos Stimme. Das Boot scheint sich entfernt zu haben, der Alarm wird aufgehoben. Eine Stunde später liege ich wieder im Bett und versuche zu schlafen.
«All crew, all crew.» Schon wieder Marcos Stimme. Wieder springe ich aus meiner Koje. Diesmal bin ich so schnell wie alle anderen. Erneut Sicherheitsalarm – der bleibt nun für die Nacht. Niemand darf den Wohnbereich verlassen. Ich bin hellwach.

31. Juli – Rettung

Am nächsten Tag erfahre ich mehr. In dieser Nacht näherten sich uns mehrere unbekannte Schiffe. Marco hat aus Sicherheitsgründen Kurs nach Norden gesetzt.

Ich falle doch noch in einen tiefen Schlaf. Um sieben erwache ich. Ein Frontex-Flieger hatte einen Notfall gemeldet, erfahre ich. Noch ist er eine Stunde entfernt. Kurz vor acht Aufregung über Funk. Ich gehe nach draussen aufs Deck. Marco und ein paar andere erspähen etwas am Horizont. Dann erklingt der Alarm, auf den alle gewartet haben. Ich höre ihn zum ersten Mal. «All Crew, all Crew, Ready for Rescue, Ready for Rescue.» Ich steige Richtung Main Deck. Um mich herum ist plötzlich alles in Bewegung. Ich versuche mich an eine der ersten Regeln zu erinnern: nie rennen. Schon gar nicht auf einem Schiff.

Ich ziehe meine Sicherheitsausrüstung an. Das Post-Rescue-Team sammelt sich auf dem Deck. Es besteht aus medizinischem Personal, kulturellen Vermittler:innen sowie Personen, die für die Logistik zuständig sind. Alle sind fokussiert, aber ruhig. Wir stellen Tische auf, machen die Box mit den Armbändern und die Survival Kits bereit.
Gemeldet sind 14 Personen. Für die Ocean Viking wenige. Dann geht alles schnell. Ich habe nicht einmal richtig mitbekommen, dass unsere Rettungsboote schon im Wasser sind. Und schon sehe ich erste gerettete Menschen in der Landungszone eintreffen. Dort macht das medizinische Team einen ersten Check.

Stefan Caprez in seiner Heimat Neuhausen. Foto: Robin Kohler

Zwei Frauen kommen an Deck. Dann werden einige junge Männer nach hinten begleitet. Man sieht es an ihren Gesichtern – sie begreifen noch nicht, was mit ihnen geschehen ist. Aber ihre Freude ist zu spüren. Sie strecken die Hände zum Himmel, sie lachen mich an und reichen mir die Hand. Am Verteiltisch erhalten alle ein Armband mit einer Nummer, ein Survival Kit und einen Plastiksack für ihre nassen Kleider. Die Crew gibt ihnen zuerst die wichtigste Information: Ihr seid sicher hier.

Es folgen die ersten Fragen: Wohin fahren wir? Norden? Ganz sicher? Nicht zurück nach Libyen?
Ja. Norden. Nicht zurück. Mit wenigen englischen Wörtern und den Händen verständigen wir uns. 

Erst später sehe ich Fotos des Schlauchboots. Es ist winzig. Zwei Nächte haben die 14 Menschen auf dem offenen Meer verbracht: zehn Männer, drei Frauen und ein 7-jähriges Mädchen. Sie stammen aus Eritrea, Somalia sowie dem Nord- und Südsudan. Mit nur etwa 1 bis 1,5 Knoten trieb das Boot zwischen der tunesischen und libyschen Such- und Rettungszone. Bei der Rettung lief bereits erstes Wasser ins Schlauchboot. Noch etwa fünf Stunden – dann wäre es untergegangen.

Meine Aufgabe ist nun bei den Duschen. Ich begleite die geretteten Männer zum Umziehen und danach in ihre Unterkunft. Sie sind noch wackelig auf den Füssen. Die einen sind still, andere sprechen lauthals mit mir und stellen Fragen. Einer singt unter der Dusche. Danach durchsuchen sie neugierig ihre Survival Kits. Sie finden ihre Zahnbürsten. Alle putzen ihre Zähne. Mir fällt auf, dass sie nichts bei sich haben. Die nassen Kleider und Flip-Flops. Das ist alles.

Immer wieder werde ich gefragt, ob wir nicht nach Libyen zurückfahren. Nein, sage ich. Ihr seid hier sicher. Nach der medizinischen Untersuchung legen sich fast alle völlig erschöpft schlafen. Ausser das 7-jährige Mädchen. Sie heisst Amira. Sie ist mit ihrer 18-jährigen Schwester und deren Partner unterwegs. Lachend rennt sie herum und ist voller Energie. Ich beginne mit ihr Fussball zu spielen. Sie rennt herum, lacht und möchte alles entdecken. Ihr Name, wird mir erklärt, bedeutet Optimismus.

1. August – Der Tag nach der ­Rettung

Mir fällt ein, dass heute der Schweizer Nationalfeiertag ist – aber das fühlt sich gerade sehr weit weg an. Als ich zum Frühstück gehe, schlafen die Geretteten noch tief. Die einzige, die schon wieder herumrennt, ist Amira.
Im Laufe des Morgens erwachen auch die anderen. Unsere Crew erklärt in Englisch, Arabisch und Tigrinya, wohin wir fahren, was als Nächstes passiert, und zeigt auf einer Karte den Hafen von Brindisi.

Nach einer Rettung weisen die zuständigen Behörden dem Schiff einen sicheren Hafen zur Ausschiffung zu, einen sogenannten «Place of Safety». Für uns ist es Brindisi, eine Hafenstadt in Apulien.

Heute können die Geretteten ihren Familien eine Nachricht senden: dass es ihnen gut geht und sie an Bord eines Rettungsschiffes in Sicherheit sind. Aufgeregt stellen sie sich in die Reihe. Im Laufe des Tages kehrt etwas Alltag ein. Ich helfe beim Kochen. Amira ist das Essen zu scharf. Eine Kollegin holt ihr einige Chicken Nuggets aus der Crewküche. Sie freut sich. Nach dem Essen helfen Gerettete und Crew gemeinsam beim Abwasch. Auf dem Deck haben wir eine Schaukel aufgestellt. Später sehe ich Karim darauf. Der junge Mann mit dem hageren, eingefallenen Gesicht schaukelt und strahlt über das ganze Gesicht.

Am Abend kommt Elias zu mir. Wie ich später erfahre, kommt er aus dem Sudan. An seinem Arm trägt er das gelbe Bändchen: minderjährig. Er möchte mich etwas fragen, getraut sich aber nicht so recht. Er zeigt auf ein Schiff am Horizont. Er fragt, ob es auch so ein Schiff ist wie unseres. Nein, sage ich.
Plötzlich ändert sich sein Gesichtsausdruck. «Police???» 
Nein, sage ich. Keine Polizei. Hier ist er sicher. Wir gehen zur Europakarte. Ich zeige ihm, wo wir sind und wohin wir fahren. Dann zeigt er auf Brindisi. Er fragt, ob er sich in ganz Italien frei bewegen kann. Ich sage ihm ehrlich: Das weiss ich nicht. 
«Italy, very good?» Die Frage überrumpelt mich. Ich weiss nicht, was ich antworten soll, und nicke nur.

Während ihrer Zeit an Bord werden die Geretteten in Informationsrunden darüber aufgeklärt, was sie nach der Ankunft erwartet und welche Rechte sie haben. Auch die Unterstützung von Menschen, die auf ihrer Flucht Gewalt oder sexualisierte Gewalt erlebt haben, gehört zur Arbeit unseres Teams.

2. August – Letzter ganzer Tag

Als ich aufs Main Deck komme, ist Amira schon wieder putzmunter. Sie malt allen mit Buntstiften kleine Tattoos auf. Blumen. Sie mag Blumen. Auch ich bekomme eine auf die Handfläche. 

Am Abend bereitet die Crew für alle ein gemeinsames Essen vor. Wir sitzen zusammen an Tischen auf Deck. Danach lassen die Jungs aus Eritrea ihre Musik laufen. Es wird getanzt und gesungen. Ich schaue dem Treiben zu und klatsche mit.

3. August – Brindisi

Am Morgen gehe ich aufs Main Deck. Wie immer wird mir von überall gewunken. Ich spiele etwas mit Amira und stosse ihre Schaukel an. Ich glaube, sie ahnt nicht, dass heute etwas ansteht. Die anderen stehen an der Reling. Die Küste ist schon zu sehen. Am Heck treffe ich Karim. Er ist aufgeregt. Er winkt mich zu sich und holt sein Handy hervor. Ich frage, ob ich es aufladen soll. 
Nein, sagt er. Es ist kaputt. Nass geworden. Minutenlang pustet er ganz vorsichtig in alle Öffnungen und versucht immer wieder, es zu starten. Schliesslich legt er es in die Sonne. «No problem», meint er und versucht zu lachen.

Wir kommen näher an den Hafen. Ich sehe nur Industrieanlagen. Zwei Boote der Küstenwache und der Guardia di Finanza eskortieren uns. Dann nähern wir uns unserem Anlegeplatz. Dort wartet ein riesiges Aufgebot: Polizei, Rotes Kreuz, Küstenwache, Frontex, Gesundheitsamt. Mehr Leute als die Geretteten und die Crew zusammen.

Die Spannung steigt auch bei der Crew. Sie kennen die Abläufe. Ich bin nur noch Zuschauer. Ich sitze bis zum Schluss bei den Geretteten auf Deck. Sie tragen die Beutel aus ihren Survival Kits und können ihre Decke mitnehmen. Das ist alles, was sie bei sich haben. Ich denke an Karim und sein kaputtes Handy. «No problem.»

Wir verabschieden uns, ich umarme einige, anderen schüttle ich die Hand. Take care. Goodbye.
Dann verlassen sie das Schiff. Amira, ihre Schwester und deren Partner zuerst, dann die Frauen. Dann sind die Jungs dran. Elias ist der letzte. Er wartet bei uns auf der Gangway, bis er heruntergewunken wird. Er ist nervös, trotzdem lacht er. Unten schaut er zurück, findet meinen Blick und winkt. Er läuft weiter, wird weitergeführt. Aber auch ganz hinten schaut er nochmals zurück und winkt. 

Dann sind alle von Bord. Für mich ist die Zeit auf der Ocean Viking vorbei. Ich erhalte meinen Pass zurück. Dann bin ich auch schon runter vom Schiff. Später trinke ich mit einigen aus der Crew noch ein Bier in Brindisi. Dann müssen sie zurück. Um 21 Uhr geht die Gangway wieder hoch. Für die Crew beginnt eine neue Patrouille.
Wir verabschieden uns. Luca umarmt mich. «Ciao brother», meint er lachend. Und dann sind alle weg. Plötzlich stehe ich etwas verloren in der Gasse mitten in Brindisi. Die Unterkunft ist nur fünf Minuten entfernt. Langsam mache ich mich auf den Weg.

*Stefan Caprez koordiniert die Kommunikation für SOS Mediterranee in der Deutschschweiz. SOS Mediterranee ist eine europäische humanitäre Organisation, die im zentralen Mittelmeer Seenotrettungen durchführt. 

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Alles, was man nicht braucht https://www.shaz.ch/2026/08/28/alles-was-man-nicht-braucht/ Fri, 28 Aug 2026 07:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11295 Sie sind Orte, wo es alles gibt: Brockenstuben zu durchstöbern will deshalb geübt sein. Eine Tour durch die Schaffhauser Brockis zeigt, was sich finden lässt – und was nicht. von Hanneke Keltsch I’ll wear your granddad’s clothes I look incredible I’m in this big-ass coat From that thrift shop down the road – «Thrift Shop», […]

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Sie sind Orte, wo es alles gibt: Brockenstuben zu durchstöbern will deshalb geübt sein. Eine Tour durch die Schaffhauser Brockis zeigt, was sich finden lässt – und was nicht.

von Hanneke Keltsch

I’ll wear your granddad’s clothes

I look incredible

I’m in this big-ass coat

From that thrift shop down the road

– «Thrift Shop», Macklemore

Wo sich vollbepackte Kleiderstangen eng aneinanderdrängen, Töpfe bis zur Decke stapeln und Schuhpaare in den Regalen türmen, fühle ich mich wohl. In meinem Umfeld bin ich als zuverlässige – und überzeugte – Brocki-Gängerin bekannt. Selbstbewusst wagte ich also vor Kurzem zu behaupten, dass ich eigentlich keine anderen Läden mehr brauche. Was ich suche, finde ich auch im Brocki – dem Ort, wo es alles gibt. Das sollte sich jedoch als schwieriger herausstellen als gedacht. 

Auf meine Aussage hin drückte mir die AZ also ein Hunderternötli in die Hand (denn Brockis werden ja immer teurer, wie es scheint). Und so stehe ich nun an der Kasse und bezahle sechs Franken für ein T-Shirt und einen Dampfeinsatz. Als die Ladenbesitzerin mein Budget hört, reisst sie die Augen auf und ruft, dass sie mir damit eine ganze Wohnung einrichten könne. (So viel teurer sind die Brockis wohl doch nicht geworden.)

Eine ganze Wohnung brauche ich nicht. Ich ziehe zwar bald um, aber meine Einkaufsliste – geschrieben von der Redaktion – ist überschaubarer: Ein Outfit, ein Möbelstück und ein Geschenk für eine Freundin.

Dinggeschichten

Vor dieser Tour habe ich mir selten Gedanken darüber gemacht, wieso ich Brockis so toll finde. Für jemanden mit chronisch knappem Studentinnenlohn sind die meist tiefen Brocki-Preise natürlich attraktiv, aber Budget ist nicht alles. Diese Orte haben noch etwas anderes an sich, üben beinahe eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Vielleicht liegt es daran, dass man nie weiss, was einen erwartet. T-Shirts mit fragwürdigen Aufdrucken, Kisten mit Sparschälern in unterschiedlichsten Ausführungen und Deko für alle Stimmungen und Jahreszeiten – ein Sortiment, das vergänglicher und unvergänglicher zugleich kaum sein könnte. Alles Einzelstücke, die eine eigene Geschichte in sich tragen und durch unzählige Hände gegangen sein könnten.

Aber heute bin ich nicht zum ziellosen Stöbern hier: Ich habe einen Auftrag. Um eine möglichst breite Auswahl zu haben, führt mich meine Tour durch unterschiedliche Brockis im Kanton. Mein Lieblingsbrocki, das Heilsarmee-Brocki im Ebnat, das den ganzen Monat sein 60-jähriges Jubiläum feiert, spare ich mir für den krönenden Abschluss auf.

Meine Tour de Brocki beginnt in der Grossbrockenstube Hiob in Beringen. Beladen mit Enthusiasmus, 100 Franken und ohne konkreten Plan stehe ich bald zwischen Regalen mit Boxen voller Muscheln und einer Kiste, in der sich zwanzig Mal dieselbe Sonnenbrille stapelt. Nichts, was ich brauche, aber es lohnt sich immer, sich zuerst einen Überblick zu verschaffen. Aber spätestens beim Pokal der Rottweiler Regionalgruppe Schaffhausen weiss ich, dass ich in diesem Teil des Brockis nichts finden werde. 

Schnell verschlägt es mich in die Kleiderabteilung: mein sicherer Hafen. Über die Jahre habe ich mir ein sicheres Vorgehen beim «Thriften» erarbeitet: nicht nach Kleider- und Geschlechterkategorien gehen, jeden Bügel anschauen, und vor allem die Stoffe anfassen und nichts vorschnell ausschliessen.  

Fotos: Robin Kohler

Im Hiob bringt mir diese Strategie heute leider wenig. Ich schiebe Bügel um Bügel zur Seite, finde aber nichts, was mich überzeugt. Eine Baslerin, die selbst in einem Brocki arbeitet, lehrt mich, dass es in einem guten Brockenhaus nicht müffeln dürfe. Ich nehme mir vor, für den Rest des Tages die Brockis auch meinem Geruchssinn zur Prüfung zu unterziehen. 

Gerade, als ich mich erfolglos von den Kleidern abwenden möchte, entdecke ich eine Kiste voller Tücher und Schals. Wenig später trete ich mit einem bunten, mit Fasanen bedruckten Tuch, einem hölzernen Salatbesteck und drei Franken weniger auf den Parkplatz vor dem Hiob. Nicht gerade die Ausbeute, die ich mir erhofft hatte, aber immerhin ein Anfang. In meiner Tasche liegen noch 97 Franken und meine noch vollständig abzuhakende Einkaufsliste.   

Die Tour nimmt Fahrt auf 

Die Galleria 13 in Neuhausen bringt mich meinem Ziel zunächst nicht viel näher. Vor dem Brocki stehen einige Fahrräder, die Modelle des Grabsteinfachgeschäfts neben dem Secondhand-Laden wirken in der Kombination beinahe makaber. Die Lage fern des Zentrums lässt mich auf noch unentdeckte Schätze hoffen, doch der ausgestopfte Babyalligator ist nicht das, was ich darunter verstehe, und auch die beiden präparierten Eichhörnchen überzeugen mich nicht als Geschenk. Immerhin: Es müffelt nicht.

Bei den Kleidern sieht es nicht besser aus. Ich gehe die Stangen trotzdem sorgfältig durch, schliesslich hat mich meine jahrelange Thrift-Erfahrung gelehrt, nicht zu früh aufzugeben. Doch auch nach mehreren Runden finde ich nichts, das ich mitnehmen möchte. Bei den Möbeln ist die Auswahl zwar grösser, aber auch hier springt der Funke nicht über. Mit leeren Händen verlasse ich die Galleria 13. Noch immer liegen 97 Franken in meinem Portemonnaie.

Im Neuhauser Zentrum versuche ich ein weiteres Mal mein Glück. Das Rhyfallbrocki wird von der Altra betrieben und ist deutlich kleiner als die ersten beiden. Eine kleine Bienenlampe hält mich auf. Wo eigentlich der Kopf der Biene sitzen sollte, klafft eine leere Fassung – der Glühbirnenkopf fehlt. Vielleicht hat sie einmal in einem Kinderzimmer gestanden. Kaufen möchte ich sie trotzdem nicht. Zwei Zimmer weiter, in einem Raum voller Kleider, probiere ich spasseshalber ein Paar braune Lederstiefel an. Erstaunt darüber, wie bequem die Stiefel sind, entscheide ich mich kurzerhand, sie zu kaufen und mich künftig in einem neuen Stil auszuprobieren. 15 Franken kosten die Schuhe und ich mache mich besserer Laune auf den Weg in die Stadt.

Einkaufsliste ade 

Im Brocki an der Ebnatstrasse 31 komme ich kaum dazu, mich umzusehen. Die Ladenbesitzerin verwickelt mich sofort in ein Gespräch, was mir nach den ersten drei Brockis und gemischten Gefühlen gerade recht kommt. 

Sie erzählt, dass sie das Brocki gegründet habe, um allen Menschen zu tiefen Preisen etwas anbieten zu können. Möbel gibt es hier keine, woraufhin ich spätestens hier die Kategorie «Möbel» auf meiner Einkaufsliste in «Wohnen» umwandle. In einem Anfall von Verzweiflung kaufe ich einen Dampfeinsatz für zwei Franken und ein Shirt für vier. Sie habe die «besten Preise» in Schaffhausen, meint die Verkäuferin stolz. Wenig später werde ich im Heilsarmee-Brocki einen Dampfeinsatz für einen Franken neunzig entdecken.

Erschöpft stapfe ich die paar Meter zum Heilsarmee-Brocki hoch. Wie bei leckerem Essen wollte ich mir das Beste zum Schluss aufheben. Doch wo ich mich normalerweise stundenlang aufhalten kann, greife ich heute nur vereinzelt zwischen die Bügel. Von den Sofas gefällt mir keines, doch in meiner Erschöpfung taugen sie als Sitzgelegenheit. 

Immerhin: Ich finde einen Bialetti-Kaffeekocher für vier Franken neunzig. Meiner ist kürzlich kaputt gegangen. Ich nehme ihn mit und beschliesse, für heute genug gesucht zu haben.

Einige Tage später wage ich mich auf ein Neues ins Heilsarmee-Brocki. Ich finde noch einen Pulli, ein weiteres Langarm-Shirt für die frischeren Temperaturen, drei Glasteller in Form eines Fisches und ein schönes Trinkglas für meine Freundin.

Aus meiner ursprünglichen Einkaufsliste ist eine ziemlich eigenwillige Sammlung geworden: Ein halbgares Outfit, das Geschenk für die Freundin ist simpel, aber erfüllt seinen Zweck. Das Möbelstück kann ich noch immer nicht abhaken. Dafür hätte ich mit Fischtellern, Salatbesteck, Bialetti und Dampfeinsatz schon so einiges, was ich in einen imaginären Küchenschrank räumen könnte. Nicht einmal die Hälfte meines Budgets ist aufgebraucht.

Zeit zur (Re)-Kapitulation. Nach zwei Tagen und fünf Brockis habe ich nicht alles gefunden, was ich gesucht habe. Ich war wohl zu voreilig mit meinem selbstauferlegten Dogma. Ein Glück, dass ich bis zu meinem Umzug noch ein paar Wochen zum Bummeln habe.

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Gestrandet https://www.shaz.ch/2026/08/27/gestrandet/ Thu, 27 Aug 2026 11:52:45 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11288 Elena und Sofia wollen eine Familie gründen. Doch auch fünf Jahre nachdem Ja zur «Ehe für alle» zeigt sich: Die Gleichberechtigung ist noch nicht erreicht. Es funkte schnell, als Elena und Sofia* sich das erste Mal sahen, damals in Dublin, im Frühling vor fünf Jahren. Elena war gerade daran, ihr Doktorat in Religionswissenschaft abzuschliessen, Sofia […]

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Elena und Sofia wollen eine Familie gründen. Doch auch fünf Jahre nach
dem Ja zur «Ehe für alle» zeigt sich: Die Gleichberechtigung ist noch nicht erreicht.

Es funkte schnell, als Elena und Sofia* sich das erste Mal sahen, damals in Dublin, im Frühling vor fünf Jahren. Elena war gerade daran, ihr Doktorat in Religionswissenschaft abzuschliessen, Sofia hatte ihren Doktortitel in Biomedizininaltechnik bereits in der Tasche und war berufstätig. Die beiden matchten auf einer Dating-App. «Für mich war das fest mit meinem Coming-out verbunden», erzählt Elena heute. «Es war mitten in der Pandemie, ich war 28 und sagte mir: wenn nicht jetzt, wann dann?» Die beiden wurden schnell ein Paar, und noch ein bisschen zügiger zogen sie in eine gemeinsame Wohnung in Dublin. 

Im September darauf stand in der Schweiz eine wichtige Abstimmung bevor, ein Meilenstein in der Gleichbehandlung queerer Liebespaare. Mit der «Ehe für alle» sollten sie nicht nur in der Eheschliessung, sondern auch bei der Familiengründung rechtlich gleichgestellt werden. Elena füllte ihre Abstimmungsunterlagen aus und zeigte sie Sofia stolz: «Schau, so machen wir es in der Schweiz!» Sofia ist in Griechenland aufgewachsen und staunte angesichts des «Schaufensters in die direkte Demokratie», wie sie es heute sagt. 2024 zogen sie in Elenas Heimatland, genauer: in die Stadt Schaffhausen, wo Sofia Arbeit fand.

Auf dem Schaffhauser Standesamt gaben sie sich im Sommer vergangenen Jahres das Jawort. Beide haben den Prozess sehr positiv erlebt, ja sogar als humorvoll: Auf dem Infoblatt über die «Rechte und Pflichten für die Ehe» sei noch Ehemann und Ehefrau gestanden; dazu habe man ihnen mit einem entschuldigenden Schmunzeln ein Glas Wein empfohlen. Die rechtliche Absicherung war aber nur ein Aspekt, der für die Ehe sprach: Elena und Sofia möchten eine Familie gründen, und mit der Ehe für alle steht ihnen der Gang zu Schweizer Samenbanken offen.

Doch auf dem Weg zum Kindesglück warten erst einmal zwei böse Überraschungen auf sie.

Ein bisschen «Minority Report»

Vor Annahme der Ehe für alle konnten Paare wie Elena und Sofia ihren Kinderwunsch nur im Ausland verwirklichen, entweder über eine Samenbank oder eine private Samenspende. Das ist natürlich auch heute noch möglich. Mit einem wesentlichen juristischen Unterschied: Findet die Behandlung in einer Klinik in der Schweiz statt, sind beide Elternteile von Geburt des Kindes an rechtlich gleichgestellt. Es ist also keine Stiefkindadoption notwendig, welche die Familie in einen rechtlichen Schwebezustand versetzen würde (siehe Infobox links).

Für Sofia und Elena kommt deshalb nur eine Behandlung in einer Schweizer Klinik infrage. Wobei es neben der rechtlichen Absicherung für sie einen zweiten wichtigen Grund gebe, sagt Sofia. «Ich habe mich zu diesem Land bekannt. Unser Kind soll hier zur Welt kommen und aufwachsen, ganz von Anfang an.»

Fotos: Robin Kohler
Fotos: Robin Kohler

Die beiden suchen also eine Klinik. Dann aber folgt die erste Überraschung: Auch fünf Jahre nach Annahme der Ehe für alle ist es alles andere als selbstverständlich, dass Spitäler und Fruchtbarkeitskliniken gleichgeschlechtliche Paare bei der Familiengründung unterstützen. Das Universitätsspital Zürich sendet den beiden Schaffhauserinnen im September letzten Jahres als Erstes eine Absage: Die Klinik für Reproduktions-Endokrinologie bietet keine Behandlung für gleichgeschlechtliche Paare an. An der Frauenklinik des Unispitals Basel stossen sie kurz vor Weihnachten auf positive Resonanz. Für beide ist klar, dass Elena das gemeinsame Kind zur Welt bringen wird, und so beginnen ab Anfang Februar aufwändige Untersuchungen: Ovarialreserven, Eileiterdurchgängigkeit, Uterusposition, Tubendurchgängigkeit, Zykluslänge. «Wie beim Minority Report» haben sich diese Messungen angefühlt, sagt Sofia und lacht.

Medizinisch betrachtet haben Paare wie Elena und Sofia zwei Möglichkeiten, schwanger zu werden: über eine intrauterine Insemination (IUI), bei der Samenzellen direkt in den Uterus eingebracht werden, oder über eine In-vitro-Fertilisation (IVF), also eine künstliche Befruchtung, bei der mehrere Eizellen befruchtet werden und eine davon zurück in den Körper gegeben wird. Elena und Sofia entscheiden sich für die IUI, nicht nur weil die Behandlung einfacher ist. Auf dem Merkblatt des Unispitals Basel steht ganz zuoberst: IUI Behandlung: 0 Franken. Die Kosten würden nach erfolgter Gutsprache durch die Krankenkasse getragen, beschränkt auf drei Behandlungszyklen. Häufig sei die Kostengutsprache auf ein Jahr befristet, heisst es zudem – Grund genug anzunehmen, dass dies klappt. 

Eine Versicherungsvertreterin sagt Elena im Beratungsgespräch, dass die Versicherung die Kosten bei lesbischen Paaren übernehme, solange es eine Überweisung der Hausärztin oder Gynäkologin gebe. Elena schliesst sogar eine Zusatzversicherung ab, die zusätzliche Leistungen bei Mutterschaft abdeckt, beispielsweise einen Geburtsvorbereitungskurs.

Zwei Tage, nachdem der Oberarzt das Gesuch bei der Krankenkasse stellt, folgt die zweite böse Überraschung: Die Versicherung lehnt die Kostenbeteiligung ab. 

Der AZ liegt das Schreiben der Versicherung vor, es ist auf den 11. März datiert. Sie begründet die Ablehnung damit, dass es sich bei der IUI nicht um eine Pflichtleistung der Grundversicherung handelt; auch eine Zusatzversicherung decke die Leistungen nicht ab. Elena und Sofia stellen ein Wiedererwägungsgesuch, doch auch dieses wird abgelehnt. Krankenversicherer dürfen solche Leistungen nur übernehmen, wenn ein medizinisches Problem vorliegt, schreibt die Krankenkasse den beiden Ende Mai – das tue es in ihrem Fall nicht.

Es ist ein Argument, das viele mit Frauen verheiratete Frauen hören. Das bestätigt Alessandra Widmer, Co-Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz: «Uns erreichen regelmässig Anfragen zur Deckung der Krankenkassenkosten von Samenspenden – und uns ist kein einziger Fall bekannt, wo die Kosten tatsächlich übernommen wurden. Nicht einmal Kinderwunsch-Zusatzversicherungen decken Samenspenden in der Schweiz oder im Ausland für gleichgeschlechtliche Paare ab.»

«Gleichbehandlung» – wirklich?

Artikel 25 des Krankenversicherungsgesetzes besagt, dass die obligatorische Krankenpflegeversicherung «die Kosten für die Leistungen [übernimmt], die der Diagnose oder Behandlung einer Krankheit und ihrer Folgen dienen». Als Krankheit gilt eine ungewollte Kinderlosigkeit prinzipiell dann, wenn ein Paar ein Jahr lang ungeschützten Geschlechtsverkehr hat, ohne dass es zu einer Schwangerschaft kommt.

2020, noch vor der Abstimmung zur Ehe für alle, anerkannte das Parlament, dass die sozial bedingte Unfruchtbarkeit von Frauenpaaren als Krankheit gelte. Aber obschon dies seither auf Verfassungsebene anerkannt ist, stellen es die Krankenkassen nach wie vor in Abrede. Heisst: In der Praxis gilt Artikel 25 nur für heterosexuelle cis Paare. 

Die Genfer Ständerätin Lisa Mazzone reichte darum noch im Jahr 2022, als die Ehe für alle in Kraft trat, eine Interpellation zum Thema ein. Sie hält fest, dass die Ermöglichung des Zugangs zu Samenspenden nach einer fairen Kostenübernahme rufe; die Kosten für einen IUI-Versuch belaufen sich immerhin auf rund 2000 Franken.

In seiner Antwort auf Mazzones Interpellation hielt der Bundesrat 2022 fest, dass die von ihr aufgeworfenen Fragen in einem Rechtsgutachten behandelt würden, das 2023 verfügbar sein solle. Doch der Bundesrat scheint das Geschäft zu verschleppen. Das Gutachten liegt zwar jetzt vor, mit der Veröffentlichung wartet man aber bis zum nächsten Jahr. Das Bundesamt für Gesundheit schreibt der AZ auf Anfrage: Ob die Unfruchtbarkeit bei einem weiblichen Paar im Geltungsbereich des Krankenversicherungsgesetzes liegt, sei nach wie vor in Abklärung. 

Zur erleichterten Stiefkindadoption (hier klicken für mehr)

Bekommt ein gleichgeschlechtliches Paar ein Kind, wird die Ehefrau der Geburtsmutter nur dann als rechtliche Mutter des Kindes anerkannt, wenn das Kind in einer Klinik in der Schweiz gezeugt wurde. In allen anderen Fällen muss der nicht-leibliche Elternteil sein Stiefkind adoptieren – ein aufwändiger und teurer Prozess. Der Nationalrat wollte diesen Missstand aus der Welt schaffen: Er beschloss im Herbst vergangenen Jahres, die Stiefkindadoption für gleichgeschlechtliche Paare zu vereinfachen. Doch der Ständerat hat die Vorlage im letzten Juni an den Bundesrat zurückgewiesen. Die Landesregierung muss somit erneut über die Bücher, falls der Nationalrat es der kleinen Kammer im September noch gleichtut.

Elenas Krankenversicherung ist mit ihrem Vorgehen also nicht allein. Ironischerweise legt sie in ihrem Ablehnungsschreiben Wert darauf zu betonen: «Alle Versicherungsnehmer werden unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung gleichbehandelt.» Die monatliche Prämie für die Zusatzversicherung bezahlen darf Elena also – die Leistung einlösen kann sie aber nicht.

Den Austausch mit der Krankenkasse empfand sie als brüskierend. «Für uns hat es sich angefühlt, als hätten wir etwas falsch gemacht», sagt sie. Sie wäre froh, diese Diskussionen blieben ihr erspart und mehr noch: dass Familien mit unerfülltem Kinderwunsch die gleiche Unterstützung durch die Krankenkassen erhalten. Nicht ins heteronormative Bild der Schweizer Gesellschaft zu passen, sei anstrengend genug.

Im Juni dieses Jahres haben Sofia und Elena versucht, mittels IUI schwanger zu werden. Die Kosten haben sie selber getragen. Es klappte nicht auf Anhieb. Dass sie mit ihrer Erfahrung an die Öffentlichkeit gehen, sehen sie als Beitrag zur Debatte in einem Land an, das die Gleichberechtigung versprach, aber noch nicht einlöst. «Ich möchte einen Mehrwert für diesen schönen Ort schaffen», sagt Sofia, die Zuversicht in der Stimme. «Wir versuchen es noch einmal mit der Schwangerschaft.»

* Nachnamen der Redaktion bekannt

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Wie Kasperli Pazifist wurde https://www.shaz.ch/2026/08/24/wie-kasperli-pazifist-wurde/ Mon, 24 Aug 2026 07:24:29 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11282 Mario Crola führte über 30 Jahre lang im Freibad der KSS sein Kasperlitheater auf. Ein Gespräch über Gott, die Welt und andere Ikonen. «Eis, zwei, Hosebei, der Kasperli ist wieder da!» Und er möchte in den Zoo. Doch, oh Schreck, der Zoo ist geschlossen, denn der Schimpanse ist ausgebüxt. «Seht ihr ihn da oben auf […]

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Mario Crola führte über 30 Jahre lang im Freibad der KSS sein Kasperlitheater auf. Ein Gespräch über Gott, die Welt und andere Ikonen.

«Eis, zwei, Hosebei, der Kasperli ist wieder da!» Und er möchte in den Zoo. Doch, oh Schreck, der Zoo ist geschlossen, denn der Schimpanse ist ausgebüxt. «Seht ihr ihn da oben auf den Bäumen, Kinder? Könnt ihr dem Kasper helfen, den Schimpi wieder einzufangen?» Mit List und vielen Bananen gelingt es, den Affen vom Baum herunterzulocken.

Mit dieser Episode sauste Kasperli kürzlich zum letzten Mal über die Bühne der KSS. Der Puppenspieler Mario Crola hört auf, nach über 30 Jahren als Meistererzähler der Kasperli-Abenteuer. Es sei nun genug, sagt der 81-Jährige, das Alter mache sich bemerkbar.

Wir treffen Crola, dem man sein Alter allerdings nicht anmerkt, in der KSS zum Gespräch. Er wird von allen Seiten gegrüsst. Es war eine gute Kasperli-Saison. Sein Theaterhäuschen hat Mario Crola bereits leergeräumt, darum breitet er in der Cafeteria einige Erinnerungsstücke an seine Kasperlizeit aus. Den Spick zu seinem letzten Stück, sein Theater-Diplom, natürlich seine über 30 Jahre alte Kasperli-Puppe (sie brauche dringend ein neues Kleid, sagt er) und das Horn, mit dem er jeweils die Aufführungen ankündigte. Das Hörnli sei ein altes Ding. Eigentlich sei das ja ein Schofar (ein Blasinstrument, das im Judentum noch heute als liturgisches Instrument verwendet wird, Anm. d. Red.). Er habe dem Kuhhorn ein Doppelrohrplättchen aus seinem Fagott eingesetzt.

Am Ende des Gesprächs wird er sich entschuldigen, so viel geredet zu haben.

AZ: Herr Crola, nach 30 Jahren geben Sie Kasperli aus der Hand. Was wollten Sie mit ihm erreichen?

Mario Crola: Befreiung. Eine Befreiung von allen Zwängen und Ängsten und etwas Fröhlichkeit im Alltag.

Und wie erreicht man diese Befreiung?

Mit Humor. Nur das zählt.

Wann merkten Sie, dass Kasperli dafür der richtige ist?

An ein Erlebnis kann ich mich gut erinnern: Wir wollten unsere Tochter ans Töpfchen gewöhnen, also habe ich den Kasperli genommen und auf den Hafen gesetzt. Gleichzeitig hielt ich ein paar Blähton-Kügelchen in der Hand und liess sie ins Töpfchen fallen. Bald darauf zeigte meine Tochter stolz, was sie dem Kasper nachgemacht hatte. Von da an war sie windelfrei. So hat es angefangen. Die Handpuppe hatte ich aber schon vorher. Ich hatte ja als Kind schon Kasperlitheater gespielt. Mein Grossvater war Schreiner, er bastelte mit mir eine kleine Bühne und ich spielte für die anderen Kinder in der Genossenschaftssiedlung, in der wir lebten.

Sie sind Geschichtenerzähler geblieben.

Ja. Geschichten sind für mich das A und O. Ich war in Schaffhausen Religionslehrer, Katechet und habe an der Oberstufe unterrichtet. Mein Beruf war es also immer, Geschichten zu erzählen. Nicht gerade das, was Jugendliche in diesem Alter hören wollten.

Was war Ihr Trick?

Ich überlegte mir, wie ich die Jugendlichen begeistern könnte. Klar war, dass ich nicht mehr frontal unterrichten wollte. Ich rückte also die Tische beiseite und stellte die Stühle in einen Kreis. Und dann nahm ich Puppen zur Hand.

Wie das?

Ich hatte zwei Figuren, einen Wolf und eine Giraffe, nach Rosenbergs Theorie der gewaltfreien Kommunikation: Der Wolf versteckt seine Aggressionen und kann seine Wut nicht in Worten ausdrücken. Die Giraffe aber kann sagen, was sie möchte. Es geht darum, die Giraffensprache zu lernen. Mein inneres Feuer war es, mit den jungen Menschen in einen Dialog zu kommen. Wie fühlt ihr euch, was für Ziele und Wünsche habt ihr?

Und das wandten Sie auf Ihr Kasperlispiel an?

Das ist eben spannend. Kasperlitheater ist keine Ein-Weg-Kommunikation wie im Fernsehen, sondern dialogisch. Die Kinder rufen, sie machen mit, ich lade sie ein: «Der Zauberer Knurunkulus Merkurius kann nicht einmal bis zehn zählen. Kinder, was meint ihr dazu?»

Können das die Kinder heute noch, diese Art von Kommunikation?

Ja, sie sind gefesselt. Kinder sind immer noch gleich wie vor 70 Jahren, als ich selbst als kleiner Bub die Aufführungen von Adalbert Klingler sah.

Der Vater des Schweizer Kasperlis.

Er ist mein innerstes Vorbild. Mein Kindheitserlebnis, als ich mit meinen Eltern im sogenannten «Duttipark», dem Park im Grünen in Rüschlikon, das Kasperlitheater erleben durfte, hat mich geprägt. Die Figuren und seine Geschichten sind mir in lebendiger Erinnerung geblieben. Alle kennen die Kassetten von Jörg Schneider und Ines Torelli, seinen Nachfolgern. Ich habe sie alle, die ganze Sammlung, und auch alle Schallplatten. Natürlich habe ich bei beiden ein bisschen abgeguckt und kopiert. Schneider mochte es nicht, wenn man ihn Kasperli nannte, auch ich war bald nur noch der KSS-Kasperli. Aber das war mir gleich.

Warum störte ihn das?

Jörg Schneider wollte nicht auf den Namen «Kasperli» reduziert werden, was ich gut verstehe, denn er war ein grossartiger Schauspieler. Meine Spezialität war es, eine Geschichte in einer halben Stunde auf den Punkt zu bringen und die Kinder zu begeistern. Ich bin ein Amateur im Figurentheaterspiel und habe ja auch nur zwei Hände! Ich improvisierte eben viel. Das war bis zum Schluss so, das hat auch nie die Illusion zerstört. Manchmal fiel mir eine Figur hinunter oder jemand schmiss einen Tannenzapfen hinein, dann musste ich kurz aus der Rolle fallen.

Die Figur des Kasperlis war ursprünglich ein derber Geselle, der immer dreinschlug.

Ja, aber mein Kasperli ist gewaltlos. Ich will keine Schlägerei auf der Bühne. Mein Prinzip ist Pazifismus. Klar gibt es Konflikte in meinen Geschichten, aber sie werden auf sympathische Art gelöst.

Darf Ihr Kasperli auch mal frech sein?

Ah, Sie sprechen die berühmte Geschichte an.

Welche Geschichte?

Ein Bub rief einmal während einer Vorstellung: Chasperli, du bisch es Arschloch! Der Kasper antwortete: Stimmt, so eines hat jeder hier, auch du hast eines. Aber der Kasper, der hat keines! Da war Ruhe. Solche Sprüche darf man natürlich nicht ernst nehmen. Und vor allem nicht persönlich.

Ihr Kasperli ist also Pazifist. Haben Krokodil, Hexe und Teufel, die man aus jedem Kasperlitheater kennt, leichtes Spiel mit ihm?

Die typisch «bösen» Kasperli-Figuren benutzte ich bewusst nicht. Es gibt natürlich eine Hexe unter meinen hundert Figuren, aber sie liegt schon lange zuunterst in der Schublade. Das Stereotyp der bösen Hexe wollte ich nicht aufgreifen. Die Hexenverfolgungen waren eine schlimme Sache. Auch den Teufel wollte ich nicht mehr ins Spiel bringen.

Warum nicht?

Ach, dieser Teufel, das ist eine unselige Sache. Eigentlich hatte sich die Kirche ja schon vom Teufel verabschiedet. Und dann kam Papst Franziskus doch wieder mit dem Teufel daher. Ich war entsetzt! Es ist doch der innere Wolf, den man überwinden muss, das ist unsere humanitäre Aufgabe als Menschen. Papst Paul VI. sprach schon vor 60 Jahren an der UNO-Generalversammlung und sagte, es dürfe nie wieder Krieg geben. Und was machen wir? Aufrüsten.

Das sind sehr grosse Fragen und Zusammenhänge.

Aber sie haben alle mit meinem Leben zu tun, das fliesst alles ein. Nur einmal übrigens bin ich rückfällig geworden, als ich die Sage der Teufelsbrücke aufgegriffen habe. In meiner Version fordert der Teufel den Kasperli zum Kampf heraus, aber dieser hat nur einen Cervelat dabei, also wird dieser aufgespiesst und gebraten. Die ursprüngliche Geschichte ist eine Parabel aus dem Zen-Buddhismus, ich habe sie mit der Sage und mit Kasperlimotiven vermischt.

Friede, Toleranz – sind das die Motive, die Sie vermitteln wollten?

Man nannte mich einmal Scacciapensieri, Sorgenkiller. Das passt sehr gut. Hier in der KSS trifft sich die multikulturelle Gesellschaft. Die Kinder, die meine Auftritte besuchten, haben Sorgen, vielleicht Konflikte zuhause, und teilweise Schlimmes erlebt. Ich habe kein einziges Mal die Badi verlassen, ohne dass ich ins Gespräch mit Eltern gekommen wäre.

Welche Begegnungen blieben Ihnen am meisten?

Einmal sagte mir ein kosovarischer Vater, er sei über eine meiner Figuren erschrocken. Es war der stotternde Diener Chumsofort. Das Stottern erinnerte ihn an sein Kriegstrauma, das ihn die Sprache verlieren liess. Er bat mich, die Figur nicht mehr zu spielen. In den Neunzigerjahren gab es zudem oft Radau zwischen einzelnen Gruppen, in einem Fall waren es Kinder albanischer Herkunft. Sie verstanden nicht, was ich hier spielte und wollten stören. Kurzerhand änderte ich mein Programm und spielte ein Stück, komplett improvisiert: «Kasperli geht nach Albanien». Plötzlich war ich akzeptiert. Die Kinder freuten sich, dass ich sie ernst genommen hatte. Ich spielte übrigens immer in meinem Zürcher Dialekt und gelegentlich auf Italienisch. Die Kinder verstanden auch ohne Worte, um was es ging. Die Figuren sprachen für sich. Am Sonntag vor drei Wochen spielte ich ein Stück über Nikolaus und seinen Esel. Ich hatte etwas Sorge, wie der Samichlaus im Sommer ankommen würde. Nach dem Auftritt kam ein ukrainisches Mädchen auf mich zu und hielt lächelnd den Daumen hoch. Die Mutter erklärte mir, in der Ukraine sei der heilige Nikolaus sehr wichtig, eine zentrale Figur der Ikonografie. Das hat mich sehr berührt. Solche Begegnungen werde ich vermissen. Das war immer wunderbar.

Wie kam Kasperli überhaupt in die KSS?

Meine Tochter unterrichtete hier als Schwimmlehrerin. Zu dieser Zeit gab es schon ein kleines Kasperlitheater, aber ohne Lautsprecher. Man hat wenig verstanden und es musste erst einiges verbessert werden. Der damalige KSS-Direktor Thomas Spengler unterstützte mich sehr. Ich konnte ein neues Theaterhaus nach meinen Wünschen bauen lassen.

Gibt es einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin, die das KSS-Kasperlitheater übernehmen wird?

Ich weiss es nicht. Aber es stünde alles bereit.

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«Ein Armutszeugnis» https://www.shaz.ch/2026/08/24/ein-armutszeugnis/ Mon, 24 Aug 2026 07:15:47 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11276 Der Regierungsrat hat sich verpflichtet, eine Strategie zur Bekämpfung von Armut zu entwickeln. Aber er zögert – aus Sorge, die Reichen zu verärgern. «Aktuell habe ich drei Arbeitgeber. Ich arbeite in der Logistik und im Büro eines Babyartikel-Versands, gehe putzen und helfe in einer Catering-Firma aus. Zudem bin ich noch selbstständig, ich besticke alles mögliche […]

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Der Regierungsrat hat sich verpflichtet, eine Strategie zur Bekämpfung von Armut zu entwickeln. Aber er zögert – aus Sorge, die Reichen zu verärgern.

«Aktuell habe ich drei Arbeitgeber. Ich arbeite in der Logistik und im Büro eines Babyartikel-Versands, gehe putzen und helfe in einer Catering-Firma aus. Zudem bin ich noch selbstständig, ich besticke alles mögliche auf Bestellung. Meine Arbeitspensen betragen zusammen etwa 75 oder 80 Prozent. Damit habe ich letztes Jahr knapp 30’000 Franken verdient, dazu kommen Alimente und Kindergeld. Alles zusammen gab etwa 40’000 Franken. Mit diesem Geld muss ich das Leben für mich und meine beiden Kinder bezahlen.

(…) Meine finanzielle Situation wurde erst vor drei Jahren prekär, als mein Mann und ich uns getrennt haben. Wir lebten zusammen in einem alten Haus im Aargau. Als er ging, musste ich plötzlich alle Rechnungen alleine bezahlen. Glücklicherweise konnte ich im Haus bleiben, so spare ich mir heute die Miete. Aber das heisst auch, dass ich nie in die Sozialhilfe rutschen darf, sonst würden wir unser Haus verlieren.»

Hilfswerke schreiben oft: Armut hat viele Gesichter. Jenes von Elisabete Silva, die sich und ihre Kinder mit rund 3300 Franken monatlich durchbringt, ist eines von zwölf Porträts rund um das nationale Armutsmonitoring.

Wie vielen es im Kanton Schaffhausen ähnlich geht wie der Aargauerin, weiss niemand.

Der Kanton Schaffhausen gehört nämlich zu den letzten fünf Kantonen der Schweiz, die noch gar keine Armuts- oder Sozialberichte verfassen. Schaffhausen weiss bis heute sehr wenig über Armut.

Der Schaffhauser Regierungsrat will diese Wissenslücke eigentlich schliessen. 2022 überarbeitete er seine Demografiestrategie und setzte sich neu auch zum Ziel, die Situation von Armutsbetroffenen im Kanton zu verbessern. Dafür sollte ein regelmässiges Armutsmonitoring aufgebaut werden. Bereits 2023 führte der Kanton dann ein Vorprojekt unter der Leitung der Berner Fachhochschule durch – dort hat ein Forschungsteam gemeinsam mit der Caritas ein solches Armutsmonitoring aufgebaut und ein Modell entwickelt, das bereits mehrere Kantone anwenden.

Im Februar 2025 setzte sich der fürs Soziale zuständige Regierungsrat Marcel Montanari an einen Tisch vor die Medien und verkündete, das Pilotprojekt fürs Armutsmonitoring solle bis Ende Jahr abgeschlossen werden.

Im Februar 2026 tat er dasselbe wieder.

Recherchen der AZ zeigen jedoch: Die Regierung hat bis heute noch nicht einmal mit dem Pilot gestartet. Und glaubt man der Finanzdirektorin Cornelia Stamm Hurter, ist offen, ob ein Armutsmonitoring im Kanton je zustande kommt – ausgerechnet wegen der Reichsten im Kanton.

«Gesetzliche Grundlage fehlt»…

Marcel Montanari bestätigt auf Nachfrage der AZ, dass sich das Projekt verzögert: Es seien noch vertiefte Abklärungen notwendig. «Es gibt Bedenken betreffend Datenschutz, betreffend des Steuergesetzes – und betreffend Aufwand und Ertrag des Armutsmonitorings», erklärt Montanari am Telefon. Der Gesamtregierungsrat werde in den kommenden Monaten einen Beschluss fassen.

Tiefer in die Karten blicken lässt er sich nicht. Auch nicht dazu, was den Kostenpunkt angeht. Schliesslich wird seit einiger Zeit im politischen Schaffhausen gemunkelt, das Projekt sei zu teuer geworden und werde darum bald eingestellt. Dazu sagt FDP-Mann Montanari: «Ob das Armutsmonitoring in dieser Form zu teuer würde, lässt sich noch nicht beurteilen. Man muss das Preisschild in ein Verhältnis setzen zum Erkenntnisgewinn. Darüber, in welche Richtung der Regierungsrat derzeit tendiert, kann ich keine Auskunft geben.»

Datenschutz und Steuergesetz, das sind Stichworte für Cornelia Stamm Hurter, Schatzmeisterin des Kantons. Sie wird am Telefon um einiges deutlicher als ihr Regierungskollege. Man könne die Daten, welche die Berner Fachhochschule für das Armutsmonitoring brauche, nicht herausgeben, dafür fehlte die rechtliche Grundlage. «Wir geben die konkreten Steuerdaten, die natürliche Personen betreffen und die das Armutsmonitoring benötigen würde, auch nicht an den Bund heraus. Also können wir sie sicher auch nicht an Private oder Dritte herausgeben.»

Mit der gesetzlichen Grundlage, die Stamm Hurter erwähnt, verweist sie auf einen Streit in Bundesbern, der nun schon einige Jahre schwelt. 2023 hat der Bundesrat die Vernehmlassung zur neuen Verordnung über die Bundesstatistik eröffnet. Mit dieser Verordnung will er – für statistische Zwecke – verschiedene Steuer- und Personendaten erheben. Sie wären also nicht mehr anonymisiert, aber in staatlicher Hand. Aktuell haben nur die Kantone diese Daten, und die wehren sich mit Verweis auf das Steuergeheimnis.

Der Bundesrat argumentierte, das Steuergeheimnis würde nicht beeinträchtigt. Zudem habe er bereits mit nicht anonymisierten Steuerdaten aus einigen Kantonen gearbeitet und dabei «gezeigt, dass es möglich ist, Daten sicher und datenschutzkonform zu erheben und zu verarbeiten». Das öffentliche Interesse an den Daten schätzt er insgesamt als höher als das öffentliche Interesse an der Wahrung des Steuergeheimnisses – insbesondere, weil man Themen wie Armut besser verstehen könne, wenn man die Steuerdaten mit Daten der Sozialhilfe und der Ergänzungsleistungen verknüpft.

Der bürgerliche Flügel des Nationalrats und die Kantone hielten dagegen: Ein ehemaliger Bundesrichter kam in einem Gutachten für den Kanton Waadt zum Schluss, dass die gesetzliche Grundlage für die Datenübergabe nicht ausreiche. Darum beauftragte das Parlament die in der Ratsdebatte verstimmte Finanz- und Justizministerin Karin Keller Suter («es ist schon etwas speziell, dass man sich jetzt hier über Formalien unterhält»), einen entsprechenden Gesetzesentwurf vorzulegen.

Bis der Bund ein solches Gesetz vorlegt, wird aus dem Steuerdatenaustausch und somit dem Armutsmonitoring nichts, daran hält die Schaffhauser Finanzdirektorin Cornelia Stamm Hurter fest. «Das ist wirklich ein riesiges Problem», sagt sie. «Der Datenumfang in einem so kleinen Kanton lässt schnell Rückschlüsse auf einzelne Personen zu, insbesondere bei Personen an der Spitze der Vermögenspyramide.» (Stamm Hurter nennt im Gespräch das konkrete Beispiel Buchberg, Wohnort von Giorgio Behr.) «Und dann riskieren wir eine Strafanzeige wegen der Verletzung des Steuergeheimnisses. Wir sind darum klar der Meinung: Ohne gesetzliche Grundlage seitens des Bunds können wir diese Steuerdaten nicht herausgeben.»

Damit vertritt die Schaffhauser Finanzdirektorin eine eigenwillige Position: Andere Kantone machen längst vor, dass man sich beim Armutsmonitoring um die Steuerdaten keine Sorgen machen muss.

… aber andernorts funktionierts

Anruf beim Steueramt im Kanton Solothurn. Nach dem Pilotprojekt im Kanton Bern hat Solothurn sich vor zwei Jahren auch dazu entschlossen, das Armutsmonitoring nach dem Modell der Berner Fachhochschule durchzuführen. Martin Ruch, Hüter der Solothurner Steuerdaten, reagiert gelassen. «Der Solothurner Regierungsrat hat beschlossen, die Datenweitergabe an die Berner Fachhochschule zu erlauben. Nachdem auch der Rechtsdienst das Vorhaben absegnete, liefern wir die Daten seit Juni vergangenen Jahres.» Ruch hält fest, dass das Solothurner Steuergesetz sowie eine separate Steuerverordnung das Vorgehen legitimieren. Der Armutsmonitoring-Bericht des Kantons wird in den nächsten Monaten publiziert.

Auch die Kantone Basel-Landschaft und Wallis haben bereits mit dem Modell von Caritas und der Berner Fachhochschule gearbeitet – und der Kanton Aargau ist gerade daran, dieses aufzugleisen. Aus allen Kantonen klingt es gleich: Die Verknüpfung und Verwendung von Steuerdaten ist gesetzlich und datenschutztechnisch möglich. Fabian Dinkel, Leiter des baselländischen Sozialamts, hält auf Nachfrage fest, dass sowohl die Lieferung der Steuerdaten als auch deren datenschutzkonforme Verwendung vertraglich geregelt ist. Und auch im Aargau heisst es, das Monitoring würde «selbstverständlich im Rahmen der anwendbaren gesetzlichen Grundlagen sowie unter Wahrung des Steuergeheimnisses und des Datenschutzes erfolgen».

Andernorts scheint also zu funktionieren, was in Schaffhausen unmöglich scheint. Auch im Schaffhauser Steuergesetz findet man zum heiklen Thema der Datenweitergabe einen Abschnitt. Artikel 127 regelt die Geheimhaltungspflicht – und befugt das Finanzdepartement explizit, «gegenüber inländischen Gerichts- und Verwaltungsbehörden Auskünfte aus den Steuerakten zu erteilen oder die kantonale Steuerverwaltung dazu zu ermächtigen, soweit ein öffentliches Interesse besteht».

Cornelia Stamm Hurter kennt diesen Artikel sehr gut. Sie hält trotzdem an ihrer Haltung fest. Man könne Schaffhausen nicht mit Solothurn vergleichen, sagt sie. «Wir haben eine andere Datenlage, die Rückschlüsse auf Einzelpersonen sehr viel wahrscheinlicher macht. Wenn andere Kantone dies à la bonheur machen, ist das deren Sache.»

Stamm Hurter hält weiter fest, dass aus ihrer Sicht bereits eine ausreichende Datenbasis zur Beurteilung der «allgemeinen Situation» bestehe. Erhebungen des Bundes weisen darauf hin, dass Schaffhausen im Bereich Armut mit einem Anteil von 5,4 Prozent leicht über dem Schweizer Schnitt (5,2 Prozent) liegt. Armut wird dabei anhand des Anteils der Sozialhilfeempfänger:innen gemessen, Steuerdaten werden nicht verwendet.

Sozialhilfestatistiken aber verkürzen den Blick auf das Problem Armut: Sie geben zwar Anhaltspunkte zur materiellen Existenzsicherung, klammern aber andere Armutsdimensionen aus, beispielsweise Bildung, Gesundheit oder soziale Teilhabe. Auch das Thema Wohnen ist in Schaffhausen untererforscht (die AZ hat in der Ausgabe vom 3. Oktober 2024 einen Schwerpunkt zum Thema Obdachlosigkeit gesetzt). Und schliesslich sind die Sozialhilfezahlen unvollständig: Studien zeigen seit Jahren, dass je nach Kanton zwischen 20 und 30 Prozent jener, die Anspruch auf Sozialhilfe haben, diese nicht beziehen; aus Angst vor dem sozialen Stigma oder bürokratischen Hürden.

Daniela Tuchschmid bestätigt, dass Sozialhilfezahlen nicht ausreichen, um dem Phänomen Armut gerecht zu werden. Sie ist Geschäftsstellenleiterin der Winterhilfe Schaffhausen und Teil des «Runden Tischs Armut», den das Kantonale Sozialamt im November letzten Jahres erstmals durchführte. «Die Sozialhilfezahlen sagen nichts aus über jene Personen, die knapp über dem Existenzminimum leben oder armutsgefährdet sind. Über Armutsgefährdung wissen wir sehr, sehr wenig. Die Winterhilfe leistet bei konkreten Personen zwar Einzelfallhilfe, aber für politische Massnahmen braucht es mehr als das, nämlich eine fundierte Datengrundlage und darauf aufbauend eine Strategie.»

Steht diese Strategie nun auf der Kippe, damit Steuerdaten der Reichen geschützt werden, dann wäre das für Daniela Tuchschmid vor allem: ein Armutszeugnis. Gerade die fehlende Datengrundlage erschwere es, Armut und Armutsgefährdung differenziert zu erfassen und gezielte Massnahmen zu entwickeln.

Sozialdirektor Montanari dementiert den Vorwurf – und kehrt den Spiess um: «Die Geheimhaltungspflicht schützt auch Armutsbetroffene, zum Beispiel vor sozialer Stigmatisierung.»

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Ds Zündhölzli https://www.shaz.ch/2026/08/20/ds-zuendhoelzli/ Thu, 20 Aug 2026 03:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11259 Ein Mann ist angeklagt, weil er seine Zelle im Schaffhauser Gefängnis in Brand setzte – mit schlimmen Folgen. Wollte er das? Zweieinhalb Jahre sind seit dem Vorfall vergangen, für den der junge Mann angeklagt ist. Jetzt sitzt er in Jogginghose vor der Kantonsrichterin und antwortet leise auf ihre Fragen. Wie es ihm gehe? Er sei […]

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Ein Mann ist angeklagt, weil er seine Zelle im Schaffhauser Gefängnis in Brand setzte – mit schlimmen Folgen. Wollte er das?

Zweieinhalb Jahre sind seit dem Vorfall vergangen, für den der junge Mann angeklagt ist. Jetzt sitzt er in Jogginghose vor der Kantonsrichterin und antwortet leise auf ihre Fragen. Wie es ihm gehe? Er sei nicht gesund. Und in der Haft? «Nicht so gut.» Weshalb nicht? Der Mann bleibt stumm. Während der Verhandlung vor Kantonsgericht wird er kaum mehr etwas sagen, das Reden überlässt er seinem Anwalt Stephan Bernard.

Angeklagt ist er wegen mehrfacher Drohung gegen Behörden und Beamte und – was deutlich schwerer wiegt – wegen qualifizierter Brandstiftung. An einem Februartag vor zwei Jahren habe er in seiner Zelle «wissentlich und willentlich» Feuer gelegt, heisst es in der Anklageschrift, die die Richterin verliest. Staatsanwältin Eveline Aeberhard beantragt dafür eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und zwei Monaten sowie einen Landesverweis auf Lebenszeit.

Ob er «wissentlich und willentlich» gehandelt habe, diese Frage steht im Zentrum der Verhandlung. Angesichts der Höhe der geforderten Strafe drängt sich eine zweite auf. Sollte ein Gericht bei der Gesamtbeurteilung den schweren Lebensweg eines Angeklagten in Betracht ziehen – und wenn ja, wie?

Der Vorfall

An besagtem Tag, es ist der 26. Februar 2024, ist der Beschuldigte zur Suizidprävention in einer Sicherheitszelle im Schaffhauser Gefängnis untergebracht. Am nächsten Tag soll er, algerisch-italienischer Staatsbürger, nach Deutschland ausgeliefert werden, um dort eine Haftstrafe zu verbüssen. In die Sicherheitsverwahrung wurde er einige Tage zuvor gebracht, nachdem er einer Psychologin gesagt hatte, dass er sich selbst verletzen würde.

Um 14 Uhr 39 geht der Brandalarm los. Vom Vorfall liegen Bilder einer Überwachungskamera vor, die in der Zelle angebracht war. Einige Minuten vor dem Brand hatte der Beschuldigte sie mit Butter beschmiert. Auf Aufforderung aus der Gegensprechanlage säuberte er sie kurz darauf mit den Händen, wobei ein Teil verschmiert blieb, Teile der Aufnahmen also weiterhin nicht klar erkennbar waren. Laut Anklageschrift zog der Angeklagte seine Matratze zur Zellentür «und setzte mithilfe von Streichhölzern mutmasslich eines seiner Kleidungsstücke in Brand». Er beobachtete das Feuer einen Moment lang und schob dann die Matratze hinein. Als sich nach wenigen Sekunden Rauch bildete, schob er die Matratze ein Stück weiter. Innert weniger Sekunden füllte sich die Zelle mit schwarzem Qualm.

Der Gang ist bereits voller Rauch, als eine Mitarbeiterin zu seiner Zelle rennt, um ihn herauszuholen. Sie öffnet die Zellentür, findet aber das Schloss des Innengitters nicht. Der Rauch in der Zelle ist so dicht und schwarz, dass man die Hand nicht mehr vor den Augen sieht.

Verzweifelt versucht sie während mehreren Minuten, das Gitter zu öffnen, wobei sie immer wieder ein paar Schritte in den Gang hinaus treten muss, um kurz Luft zu holen. Um besser atmen zu können, zieht sie sich eine Jacke über das Gesicht und hält sich feuchte Tücher vor den Mund. Wie viele Anläufe sie braucht, weiss die Mitarbeiterin heute nicht mehr. Schliesslich taumelt der Gefangene aus der Zelle und kollabiert. Mehrere Gefängnismitarbeiter:innen tragen ihn in den Hof, von wo er von der Rega auf die Intensivstation eines Zürcher Spitals gebracht wird.

Zwei Gefängnismitarbeiter erleiden während des Vorfalls ein Inhalationstrauma und müssen ambulant mit Sauerstoff versorgt werden. Die Mitarbeiterin, die das Schloss öffnet, hat ebenfalls ein Inhalationstrauma und leidet in der Folge unter Husten und Kurzatmigkeit, was sich erst nach einigen Monaten bessert. Psychisch belastet sie der Fall bis heute. Vor Gericht tritt sie deshalb als Privatklägerin auf. Sie fordert eine symbolische Genugtuung von 800 Franken.

Der Angeklagte verbringt nach dem Vorfall einen Monat im Spital. Ein Fünftel seines Körpers ist verbrannt, er muss künstlich beatmet und operiert werden. Nach wie vor habe er starke Schmerzen, könne nicht schlafen, auch die Hitze mache ihm zu schaffen, sagt sein Anwalt.

Indem er die Matratze angezündet hat, hat der junge Mann sich selbst und den Gefängismitarbeiter:innen Schaden zugefügt. Das Gefängnis musste evakuiert werden.

Nur: War das überhaupt seine Absicht?

Die Frage

Um diese zentrale Frage zu beantworten, gibt es mehrere Gutachten. Aber, so viel ist verraten, auch das Urteil bringt keine abschliessende Antwort.

Der kriminaltechnische Einsatzdienst identifizierte als mutmassliche Brandquelle ein Streichholz, das der Angeklagte bekommen hatte, um in der Zelle eine Zigarette rauchen zu können. Er kam in seiner Auswertung zum Schluss, dass es sich beim Vorfall um fahrlässige Brandstiftung oder mindestens um einen fahrlässigen Umgang mit einer Brandquelle gehandelt habe.

Auch das psychiatrische Gutachten, das die Staatsanwaltschaft im Rahmen der Anklageerhebung erstellen liess und das der AZ vorliegt, lässt mehrere Möglichkeiten offen. Der Gutachter kommt zum Schluss, dass der Angeklagte das Feuer entweder gelegt habe, «um auf sich aufmerksam zu machen, gegen das System zu rebellieren und Sachschaden anzurichten» – oder aber, dass er die Zelle versehentlich angezündet habe, indem er die Glut («aus einer gewissen Gleichgültigkeit» und in der Annahme, dass sich die Matratze nicht so leicht entflammen lasse) zunächst beobachtet habe, bis es zu spät war. Der junge Mann, heisst es an anderer Stelle, habe nachvollziehbar dargelegt, «dass er nicht damit gerechnet habe, dass die Matratze so schnell in Feuer aufgeht.»

Das sieht Staatsanwältin Aeberhard anders: Der Angeklagte habe gewusst, «dass das durch ihn gelegte Feuer ausser Kontrolle geraten würde und wollte dieses dennoch legen». Die Matratze habe er bewusst ins Feuer geschoben, das Gutachten mache klar, dass er nicht aus Verzweiflung, sondern zielgerichtet gehandelt habe. Das subjektive Tatverschulden gewichtete sie in ihrem Plädoyer deutlich höher als das objektive. Der Angeklagte habe aus der Zelle gerettet werden wollen, im Wissen, dass er damit Leib und Leben seiner Retter:innen gefährde. Er habe «egoistisch und eigennützig» gehandelt: «Salopp gesagt wollte er dem Gefängnis eins auswischen.»

Verteidiger Bernard entgegnete, sein Mandant habe nicht gewollt, dass es so weit komme. Beim Rauchen sei ihm die Glut seiner Zigarette auf die Matratze gefallen. Das habe, wie in Mani Matters Zündhölzli, eine Kausalkette ausgelöst, die er nicht habe vorhersehen können und die er schnell nicht mehr kontrollieren konnte. Angesichts der Tatsache, dass das Gutachten die Möglichkeit einer fahrlässigen Brandstiftung offen lasse, müsse in dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten – geurteilt werden.

Die Ausführungen der Staatsanwältin, sein Mandant habe «egoistisch und eigennützig» gehandelt, ergänzte der Anwalt, seien zynisch und «nicht in Ordnung»: «Das geht mir zu weit und ist auch aktenwidrig.» Er betonte, dass er grossen Respekt habe vor dem beherzten Eingreifen des Gefängnispersonals. Aber für seinen Mandanten habe der Fall so gravierende psychische und physische Folgen, dass er für sein Leben genug gestraft sei. Selbst wenn er das Feuer vorsätzlich gelegt hätte, hätte es sich um eine absolute Verzweiflungstat gehandelt.

Zumal sein Mandant bereits eine Biographie habe, die man nicht dem ärgsten Todfeind wünsche.

Der Hintergrund

Eigentlich könnte er heute die Schule abgeschlossen und eine Familie haben, sagte der junge Mann dem Psychiater. Leider habe er das nicht. Stattdessen sei sein bisheriger Lebensweg: ins Gefängnis rein und raus und wieder rein.

Der heute dreissigjährige Angeklagte ist in Deutschland aufgewachsen. Die Mutter verliess ihn, als er zwei Jahre alt war. Als zehnjähriger nahm ihn der Vater nach Algerien mit, um dem deutschen Jugendamt zu entgehen. Der Junge verstand die Sprache nicht, kam deshalb in die erste Klasse. Zuhause erfuhr er Gewalt. Die Stiefmutter sei «übelst böse» gewesen, vom Vater sei er massiv geschlagen worden, teilweise musste er auf der Strasse übernachten. Mit elf begann er Cannabis zu konsumieren, als Dreizehnjähriger Benzodiazepine, mit sechzehn Pregabalin. Schliesslich kehrte er alleine nach Deutschland zurück, wo ihn das Jugendamt in wechselnden Institutionen und Pflegefamilien platzierte. Er entwickelte eine Persönlichkeitsstörung, hat Mühe mit Autoritäten und reagiert oft impulsiv. In Deutschland wurde er noch als Jugendlicher mehrfach straffällig, in der Schweiz war er wegen gewerbsmässigen Betrugs und Geldwäscherei inhaftiert.

Es ist die Biographie eines Menschen, der von klein auf kaum eine Chance hatte. Was bedeutet das für das Gericht: Ist ein schweres Leben strafmildernd oder nicht?

Stephan Bernard wies in seinem Plädoyer darauf hin, wie sehr die Lebensrealitäten der im Saal anwesenden Personen auseinandergingen. «Wir alle hier – ich am Pult – haben Privilegien, die uns kein Werturteil über den Angeklagten erlauben sollten», sagte er. Er bat die Richter:innen, dies bei der Festlegung des Strafmasses zu berücksichtigen. Einen Menschen mit einer Lebensgeschichte wie der seines Mandanten müsse man fair beurteilen.

Sein Leben möge tragisch gewesen sein, entgegnete Staatsanwältin Aeberhard. Aber der Beschuldigte sei schon mehrfach verurteilt worden und habe sich nicht gebessert. «Viele Menschen haben ein schweres Leben und werden nie delinquent.»

Sie frage sich, inwiefern der Vorfall «abgesehen von körperlichen Schäden» Folgen für den Angeklagten habe. Er verhalte sich «immer noch genau gleich», habe seither ein zweites Mal mit Brandstiftung gedroht.

Vermutlich bezog sie sich damit auf eine Meldung der Kantonspolizei Zürich, die im Gutachten dokumentiert ist. Demnach habe der Angeklagte ein knappes halbes Jahr nach dem Brand in Schaffhausen seiner damaligen Anwältin am Telefon «Suizidabsichten u.a. via Brandstiftung anvertraut». Was die Staatsanwältin aber unerwähnt lässt: Der Gutachter schätzt das Risiko, dass der junge Mann je wieder seine Gefängniszelle in Brand setzen würde, trotz dieser Aussage als sehr gering ein.

Das Urteil

Juristisch wäre es grundsätzlich möglich, von einer Strafe abzusehen, sofern der Angeklagte durch die Folgen seiner Tat bereits genug gestraft ist. So steht es in Artikel 54 des Strafgesetzbuchs, auf den sich sein Verteidiger Bernard berief. Den Strafantrag der Staatsanwaltschaft auf fünf Jahre Gefängnis und Landesverweis auf Lebzeiten bezeichnete er als «massiv überzogen». Hier spiele lehrbuchartig ein psychologischer Effekt, der in verschiedenen Studien belegt ist: Je höher das von der Staatsanwaltschaft geforderte Strafmass, desto höher fällt das Urteil aus.

Vor Gericht plädierte Stephan Bernard dafür, dass sein Mandant freigesprochen werde: Weil er den Brand nicht willentlich gelegt habe und sein Mandant durch seine starken Verletzungen schon gestraft genug sei. Er sei sofort aus der Haft zu entlassen und ihm sei die Möglichkeit zu geben, die Schweiz zu verlassen. Für die Zeit, die er im vorzeitigen Strafvollzug verbracht habe, seien ihm 175 000 Franken Genugtuung zu sprechen, was 875 Hafttagen à je 200 Franken entspricht.

Das überzeugte die Kantonsrichter:innen nicht: Sie verurteilten den Angeklagten wegen qualifizierter Brandstiftung sowie wegen Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte zu vier Jahren Haft und zwanzig Jahren Landesverweis. Ausserdem muss er der Gebäudeversicherung des Kantons einen Schadenersatz von 47 000 Franken zahlen, die Verfahrenskosten von etwas über 83 000 Franken und jene der Verteidiger:innen übernehmen, sobald er zu Geld kommt.

Die Beweggründe des Angeklagten müssten offen bleiben, so die Richterin in der Urteilsbegründung.

Mit anderen Worten: Das Gericht stellt sich auf den Standpunkt, dass der junge Mann zwar wissentlich, aber aus unbekannten Gründen sich selbst und andere Menschen in Gefahr brachte. Wie überzeugend dieses Urteil ist, wird das Obergericht entscheiden. Rechtsanwalt Stephan Bernard hat bereits angekündigt, es weiterzuziehen.

Befinden Sie sich in einer Krise oder haben Sie Suizidgedanken? Die Dargebotene Hand kann helfen. Sie ist unter der Telefonnummer 143 sowie im Internet via 143.ch erreichbar. Für Kinder und Jugendliche ist das Angebot von Pro Juventute da: Telefon 147 oder 147.ch.

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Dürrenmatt ohne Dürrenmatt https://www.shaz.ch/2026/08/20/duerrenmatt-ohne-duerrenmatt/ Thu, 20 Aug 2026 02:59:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11245 Zum 25. Jubiläum des SHpektakels bringt Damir Žižek eine Dürrenmatt-Komödie auf die Bühne. Wir waren an der Premiere – und wurden enttäuscht. Es ist Montagabend. Auf dem Weg zur Bachturnhalle denke ich an eine Berner Platte, die länger ist als der Tisch, auf dem sie steht. Dann stelle ich mir die zwanzig Gänge vor, die […]

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Zum 25. Jubiläum des SHpektakels bringt Damir Žižek eine Dürrenmatt-Komödie auf die Bühne.
Wir waren an der Premiere – und wurden enttäuscht.

Es ist Montagabend. Auf dem Weg zur Bachturnhalle denke ich an eine Berner Platte, die länger ist als der Tisch, auf dem sie steht. Dann stelle ich mir die zwanzig Gänge vor, die nach der traditionsreichen Vorspeise serviert werden.

Dutzende leere Weinflaschen stehen am Ende des Abends zwischen den Tellern. Eine unschuldige Figur gelangt im Hin und Her des Gelages zur Überzeugung, einen Mord begangen zu haben und fällt bei dieser Erkenntnis kopfüber in eine Erbsensuppe.

Inspiriert sind die Szenen in meinem Kopf von den hedonistisch-grotesken Dramen Friedrich Dürrenmatts. Diese gehören für mich zum besten literarischen Stoff, der in diesem Land verfasst wurde. Die humorvolle Verhandlung existenzieller Schuldfragen im Setting opulenter Kulinarik hat mich schon seit der ersten Lektüre am Gymnasium angesprochen.

Hier wird nicht nur das reale Fassungsvermögen des Magens ins Masslose ausgeweitet. Die Grenzen der Realität werden gebrochen, um sie wirklich erfahrbar zu machen.

«Wer die Welt auf Gedeih und Verderb verbessern will,
scheitert an seinen eigenen Ansprüchen.»

Trotz meiner Bewunderung für Dürrenmatt habe ich seine Dramen nie als Theaterinszenierungen gesehen, sondern bloss in Textform gelesen. Denn obwohl (oder weil) ich selbst während dem Gymnasium auf der Bühne gestanden bin, gehören Theaterbesuche nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Zu steif, zu distanziert, zu langweilig und aus der Zeit gefallen, so lautet mein Votum nach fast jeder Vorstellung.

Dass Damir Žižek zum 25-Jahre-Jubiläum des SHpektakels Dürrenmatts 1952 uraufgeführte Komödie «Die Ehe des Herrn Mississippi» inszeniert, könnte jedoch ein Wendepunkt sein.

Vor der Bachturnhalle treffe ich Kollegin Huber. Als Praktikantin lernt sie auf der AZ-Redaktion das journalistische Handwerk. Wir schauen uns die Premiere des SHpektakels gemeinsam an.

Nachdem wir an dem am Eingang stehenden Schauspieler in Trenchcoat, Sonnenbrille und Zylinder vorbei in die Bachturnhalle treten und unsere Plätze einnehmen, fällt mir der Spruch auf, der hinter der Bühne geschrieben steht:

«Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.» Das klingt nach Chaos – und verheissungsvoll.

Der Saal ist fast bis zum letzten Platz gefüllt, der Altersdurchschnitt höher als fünfzig Jahre. Im Hintergrund beginnt Regisseur Žižek die Tasten eines Klaviers zu drücken.

Seine Melodie stimmt auf den Mord an einer Figur ein, der im Vordergrund passiert und das Ende der Geschichte vorwegnimmt: Man weiss also schon, wie die Geschichte ausgehen wird. Dann treten die zwei Hauptfiguren auf: Anastasia und der Staatsanwalt Florestan Mississippi.

Schnell kommt der Dialog zur Sache: Anastasia gesteht, ihren Ehemann vergiftet zu haben. Statt ihre Handlung zu verurteilen, offenbart Mississippi seinerseits, seine Ehefrau mit Gift ermordet zu haben, nachdem diese ihn betrogen hatte. Völlig überraschend bietet er Anastasia die Ehe an: als Strafe für sie beide, um ihre Morde zu büssen. Sie heiraten. Mississippi sieht sich selbst als eine Art Märtyrer. Sein Charakter zeichnet sich aus durch die ruchlose Befolgung des alttestamentarischen Gesetzes.

Damit steht er im Gegensatz zu seinem früheren Freund Saint-Claude, der überzeugter Kommunist ist. Beide wollen auf ganz unterschiedliche Weise die Moral der Welt erneuern – und beide haben ein Verhältnis mit Anastasia.

Auch der stets betrunkene Diplomat Überlohe-Zabernsee ist noch immer in seine Jugendliebe Anastasia verliebt und versucht sie vor der ideologischen Vereinnahmung durch die beiden anderen Herren zu retten.

Der Justizminister Diego seinerseits will inmitten von Volksaufständen politisch aufsteigen und den Staatsanwalt seiner harten Hand und seiner früheren Stellung als Bordellbesitzer wegen um seine Position bringen. Und auch er ist mit Anastasia verbandelt.

«Alles kann man ändern, nur die Menschen nicht», lautet eine seiner Aussagen. Sie ist Leitmotiv des Stücks. Nachdem er im Wohnzimmer auf der Bühne seine Zigarre anzündet und der Rauch aufsteigt, räuspert sich jemand im Publikum.

Als der Pausenton ertönt, hatte ich bereits zwei- oder dreimal auf die Uhr geschaut. «Die Ehe des Herrn Mississippi» gilt als schwarze Komödie, als sarkastische Unterhaltung, ein klassischer Dürrenmatt.

Doch so fest ich mir vornehme, meinen Theaterkoller zu besiegen, es will mir nicht gelingen.

Stattdessen frage ich mich: Wo ist der groteske Humor, der das Publikum zum Lachen bringt trotz der allgegenwärtigen Morallosigkeit und Mordlust? Wo ist das überraschende Zusammenkommen von Tragödie und Leichtigkeit, das Dürrenmatts Werke doch so ausmacht?

Trotzdem: Im Pausengespräch mit Kollegin Huber steige ich mit dem Positiven ein: Das Bühnenbild ist sehr gelungen. Sie stimmt zu. Danach fallen kritische Worte.

In der zweiten Hälfte des Stücks wird getrunken, gemordet, geschossen – bis man zur Erkenntnis gelangen soll, dass Ideologien hohle absurde Phrasen und deshalb für nichts sind. Wer die Welt auf Gedeih und Verderb verbessern will, scheitert an seinen eigenen Ansprüchen zur Durchsetzung, so Dürrenmatts Aussage.

Kampf der Moralvorstellungen: Bodo Krumwiede als Graf Übelhohe-Zabernsee geht nicht zimperlich mit seinem Mitcharakter Florestan Mississippi (Stefan Kollmuss) um. Bild: Robin Kohler
Kampf der Moralvorstellungen: Bodo Krumwiede als Graf Übelhohe-Zabernsee geht nicht zimperlich mit seinem Mitcharakter Florestan Mississippi (Stefan Kollmuss) um. Bild: Robin Kohler

Auch mit Bezug auf die heutige weltpolitische Lage hätte uns das Werk einiges zu erzählen.

Doch wenn man auf der Bühne die geschwollenen Sätze aus dem Originaltext («Gnädiger Herr hat geklingelt?») oder zum Schluss das Ensemble die «Ode an die Freude» singen hört, hat man nicht das Gefühl, dass hier zu einem Gegenwarts-Publikum gesprochen wird.

Viel eher wirkt das wie die nostalgische Wiederaufwärmung des Geistes der 1960er-Jahre.

Auch vermisst man auf der Bühne Dürrenmatts Üppigkeit, die Übertreibung, den Witz. Das ist schade.

Ohne die humorvoll-groteske Stimmung wirken die moralischen Übertretungen der Figuren und die philosophischen Fragen, die sie provozieren sollten, platt.

Klar, ein Theaterstück muss nicht die exakte ursprüngliche Handschrift des Autors tragen.

Wahrscheinlich ist es ungerecht, von jeder Dürrenmatt-Interpretation jene Verbindung von Berner-Platten-Hedonismus und Erbsensuppen-Schuldkomplex zu fordern, wie sie im Buche steht – und dann noch durch einen unversöhnlichen Theater-Skeptiker wie mich.

Den vereinzelten Lachern nach sieht das Publikum das weniger skeptisch. Doch der Applaus am Ende fällt eher freundlich denn frenetisch aus.

Nur an einer Stelle der Aufführung zeigt sich das Potenzial der Inszenierung:

Als der Regisseur selbst in weissem Kittel die Bühne betritt und als Arzt den Staatsanwalt Mississippi in schweizerdeutschem Akzent in die Irrenanstalt einweist, kommt eine unverblümte Stimmung auf.

Wenn Žižek den Witz seiner eigenen Rolle auf das ganze Stück hätte übertragen können – wer weiss, ob es am Ende jenes Montagabends in der Bachturnhalle nicht doch zu einer Standing Ovation gekommen wäre.

«Die Ehe des Herrn Mississippi» von Friedrich Dürrenmatt ist an sieben weiteren Aufführungen in der Bachturnhalle zu sehen, bis zum 27. August, jeweils um 20 Uhr.

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Eine Halle für alle? https://www.shaz.ch/2026/08/13/eine-halle-fuer-alle/ Thu, 13 Aug 2026 08:57:52 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11221 Vor acht Jahren zerriss eine Abstimmung für eine neue Mehrzweckhalle Löhningen. Dieses Wochenende stimmt das Dorf erneut ab. Wo steht man heute? Der Stammgast in Charly Brühlhardts Besenbeiz klingt wie Rosa Luxemburg. Man könnte in Löhningen zum Beispiel einen Dorfplatz bauen, sagt er, für alle, wie im Sozialismus. Die neue Mehrzweckhalle hingegen, die koste viel, […]

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Vor acht Jahren zerriss eine Abstimmung für eine neue Mehrzweckhalle Löhningen. Dieses Wochenende stimmt das Dorf erneut ab. Wo steht man heute?

Der Stammgast in Charly Brühlhardts Besenbeiz klingt wie Rosa Luxemburg. Man könnte in Löhningen zum Beispiel einen Dorfplatz bauen, sagt er, für alle, wie im Sozialismus. Die neue Mehrzweckhalle hingegen, die koste viel, nütze aber nur einem Teil des Dorfs etwas.

Ob hinter einer Turnhalle, die schliesslich auch der Nachwuchsförderung diene, nicht auch ein sozialer Gedanke stehe, fragen wir den Stammgast, doch er winkt ab: Er sei Techniker, kein Germanist.

Dabei bringt er die Frage, die das Klettgauer Dorf im Vorfeld der Abstimmung über eine neue Mehrzweckhalle mit Kindsgi diesen Sonntag umtreibt, ziemlich genau auf den Punkt. Was will Löhningen mehr sein: kinderfreundlich oder steuergünstig?

2018 flogen wegen dieser Frage schon einmal die Fetzen. Damals stimmte die Gemeinde zum ersten Mal über einen Baukredit für eine neue Turnhalle ab. Die alte kam nach bald 60 Jahren an ihre Grenzen, war sanierungsbedürftig und den Löhninger Vereinen fehlte der Platz. Also sollte eine neue, grössere Mehrzweckhalle her (AZ vom 14. Juni 2018).

Die Gemeindeversammlung, an der entschieden werden sollte, wurde derart überrannt, dass sie aus Sicherheitsgründen abgebrochen werden musste. Die Abstimmung wurde an die Urne verschoben, wo die Löhninger:innen das Projekt ein paar Wochen später überraschend klar bachab schickten. Ihr war eine Schlammschlacht sondergleichen vorausgegangen. Vor allem der Turnverein und der damalige Hochbaureferent Fredi Meyer, der als TV-Gründer in einer schwierigen Doppelrolle war, gerieten in die Kritik.

Heute, acht Jahre später, liegt eine neue Vorlage auf dem Tisch. Diesmal geht es nicht nur um die Mehrzweckhalle, sondern auch um einen neuen Kindergarten. Auf den Stimmzetteln der Löhninger:innen stehen zwei Varianten zur Auswahl. A: Eine neue Mehrzweckhalle mit separatem Doppelkindergarten und die Sanierung der alten Turnhalle. Oder B: Eine neue Mehrzweckhalle und den Einbau eines Doppelkindergartens in die alte, sanierte Turnhalle. Fallen beide Varianten durch, erarbeitet der Gemeinderat einen Kreditantrag für einen neuen Kindergarten. Die Turnhalle würde auch dann saniert, eine neue Mehrzweckhalle gäbe es aber nicht. In jedem der drei Szenarien will der Gemeinderat den vergleichsweise tiefen Steuerfuss in Löhningen erhöhen.

Vor acht Jahren war nicht nur das Dorf, sondern auch der Gemeinderat gespalten. Diesmal steht er geeint hinter der Vorlage. Überhaupt geht es in Löhningen heuer ruhiger zu als letztes Mal. Trotzdem: Hört man sich im Dorf herum, kann einem niemand sagen, wie die Abstimmung am Sonntag ausgehen könnte. Die Mehrzweckhalle ist eine komplette Blackbox – die das Dorf noch immer bewegt.

Die Vereine brauchen Platz

Im Mehrzwecksaal, wo die Kunstradfahrer:innen trainieren, fahren die sechsjährige Emilia und die zwölfjährige Enya ihre Kreise. Auf der Bühne am Rand stapeln sich orange und blaue Turnmatten. Auch die Musikgesellschaft trifft sich hier für ihre Musikkränzchen, der Elternverein organisiert im Saal die Kinderfasnacht. Früher mussten die Kunstradfahrer:innen vor ihren Trainings extra Holzplatten auf den Steinboden kleben, vor einigen Jahren wurde ein Hallenboden gelegt. Der ist ideal für die Räder.

Löhningen hat ein aktives Vereinsleben. Es gibt einen Damenturnverein, einen Dartclub und einen Elternverein, die Feldschützen, das Frauenfit und die Männerriege, die Musikgesellschaft, den Pistolenclub, die Kunstradfahrer:innen, den Turnverein und das Volleyball Klettgau, um nur einige zu nennen. Viele von ihnen nutzen die Turnhalle im Unter- oder den Mehrzwecksaal im Obergeschoss. Aber der Platz ist begrenzt.

Kunstradtrainerin Nathalie Walter ist selbst in Löhningen aufgewachsen. Heute wohnt sie nicht mehr im Dorf, die Diskussionen um die Abstimmung hat sie deshalb nicht genau mitverfolgt. Aber sie kennt die Argumente. Dass das Gebäude nicht barrierefrei sei zum Beispiel. Walter erinnert sich an ein Kind im Kunstradverein, dessen Mutter im Rollstuhl sass. Wenn ein Wettkampf stattfand, musste man sie immer die Treppe hochtragen.

Der Weg in die Turnhalle führt über mehrere Treppen nach unten. Hier sind die verschiedenen Riegen einquartiert, es gibt Pilates, auch der Turnverein trainiert hier. Manche Riegengruppen seien auf Eis gelegt, weil die Halle voll belegt sei, sagt Raffael Strupler, Präsident des Turnvereins. Die jugendlichen TV-Mitglieder müssten teilweise sehr spät trainieren, weil die Halle nur zu den Randzeiten noch frei sei, manche Gruppen müssten ganz auf andere Gemeinden ausweichen.

Strupler geht es bei der Abstimmung vor allem um die Nachwuchsförderung; darum, möglichst vielen Kindern und Jugendlichen von klein auf die Freude an Bewegung und Sport mitzugeben. Das Argument der Gegner:innen der neuen Mehrzweckhalle, der Turnverein könne doch in der Dreifachhalle in Beringen trainieren, lässt er nicht gelten. Erstens sei der Platz auch dort begrenzt. Zweitens sei der TV Löhningen mit über 200 Mitgliedern einer der grössten des Kantons. «Es ist wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen einen Ort in ihrem Dorf haben, wo sie trainieren können.»

Ein Stück weit, das spürt man, geht es am Sonntag auch um eine Identitätsfrage: Was ist ein Dorf ohne Turnhalle?

Heute stehen die meisten der Löhninger Vereine hinter der Variante A: eine neue Mehrzweckhalle und Sanierung der alten Turnhalle. Bei der Abstimmung vor acht Jahren wäre das noch undenkbar gewesen. Damals eckte der Turnverein, der den Bau einer neuen Mehrzweckhalle angestossen hatte, bei vielen im Dorf an. Das sei vielen Vereinen im Dorf zu schnell gegangen, sagt Fredi Meyer. Daraus habe man gelernt: 2020 wurde eine IG Mehrzweckhalle gegründet mit dem Ziel, die Interessen aller Vereine zu bündeln und gegenüber dem Gemeinderat zu vertreten.

Die IG hat in den letzten Jahren Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit geleistet, war mit einer Beiz und Ständen am Trottenfest präsent, hat Artikel für die Löhninger Zeitung geschrieben, den jährlichen Rebberglauf am 1. August organisiert, Feierabendkonzerte veranstaltet. Am Sonntag hofft sie nun, dass sich ihre Arbeit auszahlt.

«Völlig überrissen»

Der Grund, dass die Löhninger:innen dieses Wochenende an die Urne gehen, heisst Yvan Meuwly. Der Löhninger ist Präsident der lokalen SVP; an der Gemeindeversammlung im Juni, an der über den Projektierungskredit hätte entschieden werden sollen, hat er das Referendum ergriffen. Als die AZ bei ihm anruft, schliesst er als Erstes das Fenster. Das Thema sei emotional im Dorf, sagt er. 

Er sei nicht grundsätzlich gegen eine neue Turnhalle, sagt Meuwly, und die alte Halle müsse sicherlich auf Vordermann gebracht werden. Die vorgeschlagenen beiden Varianten – die Gesamtkosten sind bei geschätzten 8,2 respektive 6,9 Millionen Franken angesetzt – seien aber «völlig überrissen». «Wenn dadurch der Steuerfuss ins Unermessliche steigt, ist das eine Last, die alle mittragen müssen.» Heisst: Auch die, die von der Halle nicht direkt profitieren.

Meuwly findet, man dürfe nicht zur Selbstverständlichkeit machen, dass allein wegen der Bedürfnisse von Vereinen ein so grosses Investitionsvolumen gesprochen werde. «Ich habe Mühe damit, wenn man sich einfach auf die Aussage stützt, unsere Vereine und Kinder bräuchten eine neue Turnhalle. Hätte Löhningen einige Schwimmerinnen oder Schwimmer, würden wir auch nicht ein Hallenbad bauen.»

Das Referendum hat der SVP-Präsident wegen des aussergewöhnlich hohen Projektierungskredits von etwas über einer Million Franken ergriffen. An einer Gemeindeversammlung über Millionenbeiträge abzustimmen, dünke ihn fragwürdig, sagt er. Gemeindepräsident Marcel Müller sagt, man habe den Kredit bewusst so hoch angesetzt, um ein Referendum überhaupt zu ermöglichen.

Dahinter stecken aber auch strategische Gründe. Man wollte nicht mehr dasselbe Risiko eingehen wie vor acht Jahren, als die Löhninger:innen zuerst die Planungsgelder bewilligt, dann aber den Baukredit abgelehnt hatten. Die Gemeinde setzte damals unfreiwillig ein paar hunderttausend Franken in den Sand.

Der Abstimmungskampf ist leise: Stimmzettelchen am Anschlagbrett in Löhningen. Fotos: Robin Kohler
Der Abstimmungskampf ist leise: Stimmzettelchen am Anschlagbrett in Löhningen. Fotos: Robin Kohler

Dieses Mal beinhaltet der Kredit die Planungsgrundlagen, die Kosten für den Projektwettbewerb, die Honorare für die Erarbeitung des Vor- und Bauprojekts und die Vorbereitung des Baukredits. «Wenn der Planungskredit angenommen wird, dürfen wir davon ausgehen, dass auch der Baukredit durchkommt», sagt Gemeindepräsident Müller.

Weil von manchen die Gesamtkosten des Projekts kritisiert werden, hat sich die Gemeinde nach einem Austausch mit den Parteien, den Vereinen, der Schule und mit Einwohner:innen entschieden, neben der Variante A auch die etwas günstigere Variante B vorzulegen. Müller betont zudem, dass man – sollte das Stimmvolk eine der beiden Varianten annehmen – bei der Umsetzung sparsam vorgehen werde. «Die Mehrzweckhalle kann auch spartanisch sein. Wir wollen nichts vergolden.»

Dasselbe hört man von der IG und den sporttreibenden Vereinen. Man wolle nicht mehr als «das absolute Minimum», sagt Fredi Meyer. «Es geht um mehr Platz und um eine den Bedürfnissen angemessene Halle.»

Die Rechnung mit dem Steuerfuss

Die Löhninger Vereine wollen also mehr Platz, die Gegner:innen sehen nicht ein, warum sie für etwas zahlen sollten, das sie nicht brauchen. Die grosse Knacknuss in der ganzen Diskussion ist, wie so oft, der Steuerfuss. Der soll hoch. Und hier wird es technisch.

Finanziell steht Löhningen nicht gut da. Das letzte Jahr fiel schlechter aus als budgetiert, die Gemeinde hat ein stukturelles Defizit. Armin Walter, alteingesessener Löhninger und der grösste Unternehmer im Dorf, plädierte deshalb im Klettgauer Boten für ein doppeltes Nein bei der Abstimmung am Sonntag. Und forderte gleichzeitig, man müsse sich eine Fusion mit Beringen überlegen.

Investitionen hat die Gemeinde über Jahre vor sich hergeschoben («der alte Gemeindepräsident war ein Dagobert», sagt Besenbeiz-Wirt Brühlhart dazu). Aber die Löhninger:innen zeigten in der Vergangenheit auch keine grosse Lust, für grössere Investitionen eine Steuererhöhung in Kauf zu nehmen. Die Sanierung der Hauptstrasse beispielsweise kam nur zustande, weil Bund und Kanton einen grossen Batzen daran geben. Gleichzeitig hat Löhningen mit 93 Prozent nach Beringen einen der tiefsten Steuerfüsse im Chläggi.

Nun ist im Dorf unbestritten, dass der Kindergarten ersetzt werden muss. Um diese Ausgabe stemmen zu können, soll der Steuerfuss auf 98 Prozent angehoben werden – und zwar, so steht es im Abstimmungsbüchlein, unabhängig davon, ob neben dem Kindergarten auch eine Mehrzweckhalle gebaut wird oder nicht.

Der Gemeinderat begründet das mit dem kantonalen Finanzausgleich. Aktuell ist der Steuerfuss von Löhningen zu tief, um davon zu profitieren. «Hätten wir letztes Jahr einen Steuerfuss von 97 Prozent gehabt, hätten wir zusätzliche 700 000 Franken erhalten», sagt Gemeindepräsident Müller. Viel Geld also, das sich Löhnigen bisher entgehen lässt.

Yvan Meuwly wittert einen Dammbruch: Wenn der Schwellenwert des kantonalen Finanzausgleichs in Zukunft steige, müsse die Gemeinde den Steuerfuss immer weiter hochschrauben.

Natürlich bestehe da eine Unsicherheit, entgegnet Gemeindepräsident Müller. «Die Abschreibungen bei Gebäuden sind 25 Jahre. Wir können nicht versprechen, dass der Steuerfuss während dieser Zeit nicht weiter steigt.» Aber das habe man immer offen kommuniziert. «Und wenn Sie aus diesem Grund nein zur Halle sagen, werden Sie so ein Projekt nie umsetzen können.»

Zumal der Zeitpunkt jetzt günstig sei, sagt Müller. In den letzten Jahren sind die Kantonssteuern kontinuierlich gesunken, die Löhninger:innen zahlen also auch nach der Steuererhöhung für die Mehrzweckhalle insgesamt weniger als noch vor ein paar Jahren.

Ein Entscheid für die Zukunft

Anfang Woche flatterte ein Flyer in die Löhninger Haushalte: Ein Worddokument mit allen Argumenten für ein Nein, darunter ein Foto von einem ausgefüllten Abstimmungszettel. Er könne nicht genau sagen, wer alles dahinterstecke, sagt Yvan Meuwly auf Nachfrage.

Im Vergleich zu letztem Mal sind die Gegner einer neuen Mehrzweckhalle leiser geworden. Ihn störe zwar, dass das Projekt relativ teuer sei, sagt etwa SVP-Kantonsrat Markus Müller, der vor acht Jahren noch zu den lautstarken Gegnern gehörte. Aber gemessen an seinem Alter zahle er nicht mehr so lange Steuern. Ob Löhningen eine Doppelturnhalle wolle oder nicht, diesen Entscheid müsse man den Jungen überlassen, findet er.

Gemeindepräsident Marcel Müller möchte, dass die Gemeinde einen Grundsatzentscheid fällt. Wenn die Mehrheit keine Mehrzweckhalle wolle, werde man sich auf den Kindergarten und die dringend nötige Sanierung der Turnhalle fokussieren. Ihm sei aber aufgefallen, dass sich an der Gemeindeversammlung ausschliesslich ältere Männer negativ zur Vorlage geäussert hätten. Dabei rede man doch immer vom Generationenvertrag. «Für die Jungen würde ich mir wünschen, dass sie in Löhningen nach rund 60 Jahren wieder eine zweckdienliche Infrastruktur erhalten», sagt er.

Darauf hofft auch Jamie Müller. Vor gut zwei Jahren hat sie das Präsidium der IG Mehrzweckhalle übernommen. An die Abstimmung vor acht Jahren erinnert sie sich gut, obwohl sie damals noch nicht stimmberechtigt war. Die 24-Jährige ist in Löhningen aufgewachsen, war früher in der Meitliriege, heute ist sie im Pistolenclub und in der Feuerwehr aktiv – beides Vereine, die nicht aktiv von der Halle profitieren, wie sie sagt. Ihr gehe es ums Dorf. «Ich setze mich ein, weil ich finde, wir Jungen müssen schauen, dass die Dorfstrukturen erhalten bleiben», sagt sie. «Mir geht es vor allem darum, dass Löhningen eine Zukunft hat.»

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Erich Schlatters verblüffende Wandlung https://www.shaz.ch/2026/08/13/erich-schlatters-verblueffende-wandlung/ Thu, 13 Aug 2026 08:57:11 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11229 Nach seiner Entlassung aus der Verwahrung im Herbst 2025 zog der Schaffhauser Systemsprenger in eine Rohkostpension im französischen Hinterland. Wie geht es ihm dort? Ein Mann mit weissen Haaren und einer pinken Augenklappe sitzt vor einem Tischchen, das übersät ist mit Gemüse. Eine Hand führt eine rohe Lauchstange an seine Nase, worauf der Mann tief […]

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Nach seiner Entlassung aus der Verwahrung im Herbst 2025 zog der Schaffhauser Systemsprenger in eine Rohkostpension im französischen Hinterland. Wie geht es ihm dort?


Ein Mann mit weissen Haaren und einer pinken Augenklappe sitzt vor einem Tischchen, das übersät ist mit Gemüse. Eine Hand führt eine rohe Lauchstange an seine Nase, worauf der Mann tief einatmet. Er hält einen Moment inne, lässt den Duft auf sich wirken und flüstert dann auf französisch: «Non.» Die Hand legt den Lauch zurück, greift nach einer Sellerieknolle und hält diese unter die Nase des verblindeten Mannes. Wieder zieht er den Duft begierig ein, wartet ein paar Sekunden und sagt dann feierlich: «Oui!» Weiter geht es mit einer blauschaligen Kartoffel.

Schauplatz dieser Liturgie ist die schmuddelige Wohnküche eines Hauses in Pressiat, einem französischen Dorf mit 200 Einwohnern 100 Kilometer westlich von Genf. Es gibt hier keinen Tourismus, keine Hotels und keine Restaurants – dafür eine sonderbare Rohkostpension. Dort hat sich der 77-jährige Erich Schlatter eingenistet, ein psychisch schwer gestörter Straftäter, der Schaffhausen jahrzehntelang in Atem hielt. In seinem neuen Zuhause hat er eine verblüffende Wandlung durchgemacht.

Der Staat hält Schlatter für einen Systemsprenger und hat ihn 2015 in die geschlossene Psychiatrie gesperrt. Zehn Jahre lang kämpfte sein Anwalt in immer neuen Gerichtsprozessen für seine Freilassung, während die Behörden mit immer neuen psychiatrischen Gutachten beweisen wollten, dass es zu gefährlich sei, ihn wieder freizulassen. Lange schien es, als würde Schlatters unerhörtes Leben hinter Panzerglas verhallen. Doch dann sorgte das Schaffhauser Obergericht für eine Überraschung.

Ein psychiatrischer Gutachter ging zwar weiterhin von einem hohen Rückfallrisiko für Straftaten aus, er sah jedoch keinerlei Möglichkeiten mehr, Schlatter erfolgreich zu therapieren. Also sei es nicht mehr verhältnismässig, ihn einzusperren. Das Gericht folgte dem Gutachter. «Sie sind jetzt ein freier Mann», sagte die Richterin im Herbst 2025. Kurz darauf stand Erich Schlatter auf der Strasse vor dem Gerichtssaal und reckte vorsichtig zwei Siegerfäuste (AZ vom 25. September).

Es war nicht das erste Mal, dass er plötzlich als freier Mann vor einem Gerichtssaal stand. Und das letzte Mal hatte das nicht gut geendet. Schon 2013 wurde er unerwartet in die Freiheit entlassen und setzte seine neuroleptischen Medikamente ab, mit denen man ihn in der psychiatrischen Klinik zwangsbehandelt hatte. Die Lage eskalierte sofort, Schlatter wütete durch die Schweiz, legte Feuer, lieferte sich Verfolgungsjagden mit der Polizei, verwüstete Isolierzellen. Bald darauf sperrte ihn der Staat wieder ein.

Nun, nach der Entlassung im Herbst 2025, setzte er die Medikamente erneut ab. Ausserdem kündigte er an, die Schweiz verlassen und in einer französischen Rohkostpension leben zu wollen. Den Plan hatte er schon vor Jahren gefasst.

Die Hand, die dem verblindeten Schlatter in der Wohnküche in Pressiat die blauschalige Kartoffel unter die Nase reicht, gehört dem Hausherren Bernard Mercier. Die Liturgie, die in seiner Rohkostpension zelebriert wird, nennt sich «Instinctotherapie». Das Kernargument: Kochen vergiftet den Körper. Also solle man sich ausschliesslich von Rohkost ernähren. Indem man an allerlei rohen und unverarbeiteten Nahrungsmitteln riecht, wird der «Nahrungsinstinkt» aktiviert, der dem Körper anzeigt, welche Nährstoffe er gerade benötigt. Mit dieser Methode sollen sich selbst schwere Krankheiten heilen lassen.

Die illustre Heilslehre wurde einst vom Rohkostguru Guy-Claude Burger entwickelt, der mit seinem Gefolge auf einem Schloss in Frankreich lebte. Dort lernten sich in den 1980er-Jahren auch Erich Schlatter und Bernard Mercier kennen. Bei Schlatter war schon 1964 eine Schizophrenie diagnostiziert worden; mit der Instinctotherapie fand er endlich etwas, das Ordnung schafft in seinem chaotischen Leben. 1985 eröffnete er in Schaffhausen das «äffische Kulturzentrum» und begann zu missionieren. Mal gab er den Menschen gratis tropische Früchte zum Degustieren, mal zertrümmerte er Küchen und schmierte seine Parole «Kochen tötet!» auf Bushäuschen und Strassenschilder.

Dass Gefolgsleute von Guy-Claude Burger an Mangelernährung und unbehandelten Krankheiten starben, der Guru wegen sexueller Übergriffe zu langen Haftstrafen verurteilt wurde, und der französische Staat die Gemeinschaft offiziell als Sekte taxierte, interessierte Schlatter nicht.

Bis heute ist die Instinctotherapie das Einzige, das für ihn zählt.

Cassia fistula, das Frühstück der Instinctos.
Cassia fistula, das Frühstück der Instinctos.

Der beste Ort der Welt

Heute gibt es die Sekte nicht mehr. Guy-Claude Burger ist vor einem Jahr verstorben. Doch hier, im französischen Niemandsland, lebt sein Erbe weiter. Der Hausherr Bernard Mercier war einst Burgers rechte Hand und hat mit ihm zusammen an der Heilslehre «geforscht». Nach seiner Entlassung im Herbst 2025 liess sich Erich Schlatter direkt hierher chauffieren, heute lebt er mit einer Handvoll Gleichgesinnter in der Rohkostpension. In der Wohnküche in Pressiat liegt ein faulig-süsslicher Duft. Gerade sitzt eine junge Französin neben ihm am Mittagstisch und raffelt einen gelben Randen. Sie ist hier, um ihre Multiple Sklerose zu kurieren.

Seit seiner Entlassung aus der psychiatrischen Klinik hat Erich Schlatter das Rauchen aufgegeben und 31 Kilogramm abgenommen. Aus dem aufgedunsenen, lethargischen Patienten, der den ganzen Tag mit dem Handy in der Cafeteria sass, ist ein schmales Männlein geworden, das allein mit dem Velo ins Nebendorf fährt, um Früchte einzukaufen,

20 Kilometer hin, 20 Kilometer zurück. Im Garten hinter dem Haus wachsen Felsenbirnen, Weinbergpfirsiche, Kiwi und Goji-Beeren, bis vor Kurzem weideten hier Schafe. Vor einigen Monaten, erzählt Schlatter, habe er einen Ernährungsfehler begangen. Er habe in einer Bäckerei im Nachbarstädtchen ein Eclair gegessen, «da habe ich gleich Krämpfe in den Beinen bekommen». Er lächelt.

Der Alltag in Pressiat ist strukturiert und dreht sich ausschliesslich um die Ernährung. Zum Frühstück lutschen die Instinctos die geleeartigen Schichten im Inneren der Tropenpflanze Cassia fistula, die sie mit einem Nussknacker öffnen. Sie verehren Cassia als Mittel zur Entgiftung, dabei gilt die Hülsenfrucht in der Schulmedizin als Abführmittel, das bei exzessivem Konsum den Wasser-Elektrolyt-Haushalt stören kann. Als Forscher in den Neunzigerjahren Gefolgsleute von Guy-Claude Burger auf dem Schloss in Frankreich untersuchten, stellten sie eine deutliche Unterversorgung mit Vitaminen, Eisen, Kalzium und Zink fest. Spitzt man heute in der Rohkostpension in Pressiat die Ohren, wird man immer wieder Zeuge diskreter Flatulenz.

Mittags werden Gemüse und Früchte ausgelegt. Abends stehen Proteine auf dem Speiseplan: Avocados, Austern, Seeigel, Krabben, Nüsse, Hanfsamen, Pinienkerne, Algen. Für je zwei Stunden binden die letzten Instinctos die pinke Augenklappe um, reichen sich gegenseitig Rohkost unter die Nase und versuchen herauszufinden, was der Körper gerade braucht.

Nach der Lauchstange, der Sellerieknolle und der blauschaligen Kartoffel riecht Erich Schlatter an 14 weiteren Gemüsen. Bei sechs sagt er «Oui», der Nahrungsinstinkt schlägt an. Nun werden die sechs noch einmal unter seine Nase gereicht, bis nur noch ein Gemüse übrigbleibt und auf den Teller kommt. Es ist ein roher Blumenkohl, an dem sich Schlatter gütlich tut, bis in seinem Körper der «arrêt» einsetzt, der ihm signalisiert: Nun ist genug. Dann beginnt die Liturgie von vorn. «Der Körper hat sich mit dem Essen verändert», sagt Schlatter. «Vielleicht braucht er jetzt etwas ganz anderes.» Nach den Gemüsen geht das Prozedere am Nebentischchen mit den Früchten weiter, und bald macht er sich über eine angeschimmelte Nektarine her. Auf einem weiteren Tischchen steht eine Auswahl verschiedener Mineralwasser, auf den Fenstersimsen trocknen Kräuter.

Früher eskalierte die Lage, wenn Schlatter aus der Klinik entlassen wurde und seine Medikamente absetzte. In Schaffhausen hatte er als Rohkost-Missionar einen militanten Eifer. Heute sagt er: «Es hat ja nichts genützt.» In Pressiat gibt es niemanden, den er von der Instinctotherapie überzeugen könnte. Es scheint, als gebe es nur einen Ort auf der ganzen Welt, wo er glücklich sein kann: hier, in der Rohkostpension. Eine Psychiaterin hat einmal gesagt, seine Heimat habe Erich Schlatter immer angezogen wie ein Magnet. Jetzt sagt er: «Ich vermisse Schaffhausen nicht mehr.»

Schlatter lebt von seiner AHV-Rente, die er grösstenteils bei Bernard Mercier abliefert. Für Kost und Logis in der Rohkostpension bezahlt er monatlich, inklusive französischer Mehrwertsteuer, 1800 Euro. Reichlich überteuert für etwas Rohkost und eine kleine Kammer in einem heruntergekommenen Wohnhaus. Handkehrum hatte die Unterbringung von Erich Schlatter in der Hochsicherheitsabteilung der Klinik Rheinau den Schweizer Staat zeitweise genauso viel gekostet – aber pro Tag. Schlatters Schaffhauser Beiständin, die sich um seine Finanzen kümmert, sagt, heute komme er mit seiner Minimalrente durch, «es ist eine rote Null».

Bernard Mercier ist für Erich Schlatter nicht nur ein Guru, sondern auch ein Sozialarbeiter. Ständig sind die beiden miteinander unterwegs. Mercier sagt offen, das Zusammenleben mit Schlatter sei nicht einfach. Kein Wunder: An Schlatters Leben lässt sich ein halbes Jahrhundert Schweizer Psychiatriegeschichte nacherzählen. Auch wenn er seit fast einem Jahr hier lebt, ohne dass es je Probleme mit der Polizei gegeben hätte, ist die Situation fragil. Offiziell ist Schlatter in Frankreich nicht angemeldet, und er träumt davon, einen Führerschein zu machen und wie früher mit dem Auto durch Europa zu fahren. Dabei sind sich die Psychiater einig: Schlatter schätzt seine Fähigkeiten falsch ein. Er ist längst nicht mehr fähig, sich in eine komplexe Gesellschaft einzufügen. Seine Beiständin spricht aus, was viele, die Erich Schlatter kennen, denken: Dieser Ort sei ein «Glücksfall».

Am nächsten Tag fährt die kleine Gruppe zusammen mit Bernard Mercier nach Südfrankreich, um eine andere Rohköstler-Gemeinschaft zu besuchen. Schlatter schwärmt, es soll dort einen riesigen Feigenbaum geben, «mehr als 200 Jahre ist der alt!»

Der Reporter Marlon Rusch hat Erich Schlatter jahrelang begleitet. 2025 ist sein Buch «Gegenterror. Das unerhörte Leben des Aussenseiters Erich Schlatter» im Verlag am Platz erschienen.

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Überdosis https://www.shaz.ch/2026/08/13/ueberdosis/ Thu, 13 Aug 2026 08:45:51 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11227 Dem Eschheimer Weiher geht es schlecht. Schuld daran könnte ausgerechnet sein einst grösster Beschützer sein. Von Froschdieben und angeknabberten Zehen. In den letzten Wochen spürten wir in der AZ-Sommerserie skandalösen Geschichten nach, die in den letzten Jahrhunderten für Aufsehen sorgten. Doch manchmal steckt man auf einmal selbst mittendrin. Wie wir am Schreibtisch im neusten Jahresbericht […]

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Dem Eschheimer Weiher geht es schlecht. Schuld daran könnte ausgerechnet sein einst grösster Beschützer sein. Von Froschdieben und angeknabberten Zehen.

In den letzten Wochen spürten wir in der AZ-Sommerserie skandalösen Geschichten nach, die in den letzten Jahrhunderten für Aufsehen sorgten. Doch manchmal steckt man auf einmal selbst mittendrin. Wie wir am Schreibtisch im neusten Jahresbericht des Interkantonalen Labors schmökern, stolpern wir plötzlich: und zwar über einen möglichen Umweltskandal, den die Behörde aufgedeckt hat – hundert Jahre, nachdem sich dieser zugetragen hat.

Tatort: das Eschheimertal. Einst lag hier ein Dorf: Eschheim oder Escha, wie es in den Quellen genannt wird, gab dem Tal seinen Namen und wurde bereits im 15. Jahrhundert als verlassen beschrieben. Mittendrin liegt der Eschheimer Weiher. Wer in der Ruhe der menschenverlassenen Weite den grünen, mit Wasserlinsen überwachsenen Weiher durch das dichte Gehölz schimmern sieht, glaubt, es sei nie anders gewesen: ein mystischer, unberührter Ort.

Doch der Schein trügt. Dem kleinen Paradies und beliebten Ausflugsziel der Städter:innen geht es nicht gut – es erstickt. Grund dafür ist die hohe Phosphorkonzentration und der dadurch ungenügende Sauerstoffgehalt im Wasser. Die Ursachen für die hohen Werte sind schwer zu ermitteln und können teilweise Jahrzehnte zurückliegen. Man könnte sagen: Was in den Weiher gelangt, bleibt im Weiher.

Eigentlich sind Schaffhauser Kleinseen wie der Eschheimer Weiher wichtige Rückzugsorte für bedrohte Arten, vor allem für Amphibien. 2023 jedoch untersuchte das Interkantonale Labor (IKL) den Zustand von 14 Schaffhauser Kleinseen, alle mit hohem Naturschutzwert, und hielt fest: Fast alle sind von Belastungen durch Pflanzenschutzmittel sowie Überdüngung betroffen. Im aktuellen Jahresbericht stellen die Autor:innen den Eschheimer Weiher, ein Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung, in den Fokus. Sie versuchen, die Ursachen der hier besonders hohen Messwerte besser zu verstehen.

Die – zumindest für Laien schockierende – Erkenntnis: Der Weiher düngt sich selber. Christine Egli, Fachbereichsleiterin Klima und Oberflächenwasser beim IKL, sagt gegenüber der AZ: Der niedrige Sauerstoffgehalt setze im Weihersediment eingelagerten Phosphor frei, der die biologische Produktivität anrege, was wiederum die sauerstoffarme Situation noch verstärke. Laut Expertin Egli ein Teufelskreis.

Das sei wohl schon lange so, sagt sie, auf einen genauen Zeitpunkt lasse sich aber aus den Aufzeichnungen nicht rückschliessen. Zumal es ein schleichender Prozess sei. Aber bereits vor 20 Jahren hätten Proben auf einen sauerstoffarmen Zustand hingewiesen.

Entschärfen könnte man das Problem, indem man den Weiher «belüftet», wie das bei grösseren Gewässern teilweise gemacht wird – beim Eschheimer Weiher wäre diese Massnahme aber wenig sinnvoll und reine Symptombekämpfung. Deshalb wurde untersucht, was die Ursache der Überdüngung sein könnte. Ein gegenwärtiger Einfluss durch die Landwirtschaft konnte ausgeschlossen werden.

Doch was sonst könnte das chemische Gleichgewicht des Weihers so gestört haben?

Stemmlers Haustiere

Die Laborant:innen fanden eine überraschende mögliche Antwort im Archiv. Diese hat mit einem umtriebigen Schaffhauser Idol zu tun. Zuerst aber müssen wir kurz zurück zu den Anfängen des Eschheimer Weihers.

Das heutige Naturidyll verdankt seine Existenz nämlich einem anderen künstlichen Weiher: dem Engeweiher, gebaut als Akkumulierungsbecken für das Pumpspeicherwerk des Rheinwasserkraftwerks. Einst lag dort ein kleines Hochmoor mit seltenen Pflanzen. Die «sumpfige Mulde» fiel dem prestigeträchtigen Bauvorhaben zum Opfer in einer Zeit, als den meisten Leuten das Thema Naturschutz noch sehr fern war.

Man glaubte, im lehmigen Untergrund des ehemaligen Moors die perfekte Basis für den Stauweiher gefunden zu haben. Dem war nicht so, also musste in Akkordarbeit noch einmal massenweise Lehm herangekarrt werden, um die Grube abzudichten. Den Lehm holte man im nahen Eschheimertal. Der tiefe Krater, den die Arbeiter hinterlassen hatten, füllte sich allmählich mit Grundwasser: ein neuer Weiher war entstanden.  

Teichhühner und Zwergtaucher siedelten sich an, und bald standen sie unter Beobachtung eines untersetzten Mannes mit feuerrotem Bart: Carl Stemmler. Der Schaffhauser Kürschner und Naturschutzpionier erkannte das Potenzial des neu entstandenen Gewässers. 1920 bekam er die Möglichkeit, das Land mitsamt Weiher zu pachten und baute es zu dem Naturreservat aus, das es heute ist. Stemmler verteidigte seine kleine Schöpfung vehement, sass dafür auch mal nächtelang auf der Lauer, um Froschdiebe zu vertreiben, die es auf deren Schenkel abgesehen hatten.

Die Idylle aber hatte einen Haken. Nicht alles, was Stemmler ansiedelte, war standortgerecht: Schon früh nämlich hatte er Spiegelkarpfen in den Teich eingesetzt. Warum er das tat, ist nicht klar. Gemäss dem Neujahrsblatt der Naturforschenden Gesellschaft von 1982, das die Geschichte des Eschheimertals nacherzählt, habe Stemmler Karpfen gewählt, weil sie stehende Gewässer mit reichem Pflanzenwuchs und schlammigem Boden bevorzugten. Nur: Die Karpfenart, seit dem Mittelalter ein vielgezüchteter Speisefisch, war mehr Haus- als Wildtier, und Stemmler musste sie füttern. Vielleicht – aber das nur als mutige These – hoffte der später als «Adlervater» bekannt gewordene Umweltschützer, die Fische würden einst als Nahrung für den Fischadler dienen, der wenige Jahre zuvor aus der Schweiz verschwunden war und deren Wiederansiedlung er sich bestimmt gewünscht hat.

In die Pfanne kamen dem dezidierten Vegetarier die Tiere jedenfalls nicht. Das bestätigt auch sein Enkel Caro Stemmler gegenüber der AZ, der sich noch gut an die Karpfen erinnert: Sie seien so zahm gewesenen, dass sie ihm als Jungen an den Zehen geknabbert hätten. Vielleicht waren sie dem Grossvater tatsächlich so etwas wie Haustiere.

«Wie in einem Aquarium»

Es war Stemmler wohl kaum bewusst, welche Konsequenzen seine Fische für das Biotop haben würden. Deren Futter nämlich könnte des Rätsels Lösung für die hohe Phosphorbelastung des Weihers sein: «Im Moment vermuten wir, dass eine mögliche Fütterung der Karpfen Nährstoffe in den Weiher eingebracht hatte», sagt Fachbereichsleiterin Christine Egli: «Wie wenn Fischfutter in ein Aquarium gegeben wird.»

Kurz vor dem Tod Carl Stemmlers 1971 wurde sein Weiher zum Naturschutzgebiet erklärt und die Karpfen verschwanden – zur Freude der Amphibien, zumindest am Anfang. Denn die Nährstoffe, mit denen die Karpfen damals gefüttert wurden, blieben zurück. Durch die Überdüngung wird viel Sauerstoff verbraucht, das Wasser «kippt»: Im Weiher ist heute kaum noch Leben möglich. Noch gäbe es zwar Plankton und natürlich die Pflanzen, die auf der Wasseroberfläche wachsen, erklärt Christine Egli, aber der Weihergrund sei faktisch tot. Die Frösche und Molche haben ihre Kinderstuben längst in die Tümpel der sumpfigen Umgebung verlegt.

Unbeabsichtigter Skandal

Was bedeutet der Befund nun für das Schicksal des Weihers? Eglis Urteil ist deutlich: Um die Wasserqualität nachhaltig zu verbessern und das natürliche Gleichgewicht wieder herzustellen, müssen die überschüssigen Nährstoffe entnommen werden. Sprich: Der See müsste ausgebaggert werden. Die Massnahme würde den Weiher in den Zustand seiner Entstehung vor hundert Jahren zurückkatapultieren und wäre ein massiver Eingriff ins Ökosystem. Aber in einem guten Sinn, betont Egli: «Aus Sicht der Wasserqualität könnte es ein Neustart sein.»

Ob die Ausbaggerung als Ultima Ratio wirklich durchgeführt wird, oder ob andere Massnahmen das Kleinod retten können, liegt in der Beurteilung des Naturschutzamts. Dessen Leiterin Esther Frei antwortet der AZ, die potenziellen Auswirkungen verschiedener Sanierungsmethoden müssten von Fachleuten abgeklärt werden, bevor Massnahmen ergriffen werden. Für eine erfolgreiche Sanierung müsse ausserdem die Ursache der jeweiligen Belastung berücksichtigt werden. «Im Moment können wir noch nicht sagen, welche Auswirkungen ein Ausbaggern von Sediment auf das Ökosystem hätte.» Die entsprechenden Studien seien noch nicht durchgeführt worden.

Klar ist: Stemmlers kleine Schöpfung, die er mutmasslich selbst in Gefahr gebracht hat, soll weiterhin in Frieden ruhen können – aber möglichst voller Leben.

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