Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/ Die lokale Wochenzeitung Mon, 01 Jun 2026 09:29:31 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.4.8 https://www.shaz.ch/wp-content/uploads/2018/11/cropped-AZ_logo_kompakt.icon_-1-32x32.jpg Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/ 32 32 Wo die wilden Trolle wohnen https://www.shaz.ch/2026/06/01/wo-die-wilden-trolle-wohnen/ Mon, 01 Jun 2026 09:29:30 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10978 Auf der Suche nach einem Sehnsuchtsort: Unsere Serie «Randern» geht in die neue Saison. Nora Weisst du, wo die Trolle wohnen?Robin Trollst du mich?Nora Nein, komm mit! Wir fahren bei brütender Hitze mit dem Bus nach Bargen, der nördlichsten Gemeinde der Schweiz. Hier, wo die Autobahn durchs Dorf schneidet, gehen wir dem Mülibach nach aufwärts […]

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Auf der Suche nach einem Sehnsuchtsort: Unsere Serie «Randern» geht in die neue Saison.

Nora Weisst du, wo die Trolle wohnen?
Robin Trollst du mich?
Nora Nein, komm mit!

Wir fahren bei brütender Hitze mit dem Bus nach Bargen, der nördlichsten Gemeinde der Schweiz. Hier, wo die Autobahn durchs Dorf schneidet, gehen wir dem Mülibach nach aufwärts ins kühle Mülital. Beim Weier nach den letzten Häusern zweigen wir rechts ab und folgen später einem Naturpfad zu unserer Linken. Unsere Wanderschuhe tragen uns vorbei an blühenden und zirpenden Wiesen. Robin sagt: «Stell dir vor, das ist der letzte Weg, den du antrittst. Und du hast alle Zeit der Welt.»

Ein schimmernder Bläuling flattert vor uns auf. Vielleicht ist es Hermann Hesses berühmter «kleiner, blauer Falter»: 

«So mit Augenblicksblinken / So im Vorüberwehn / Sah ich das Glück mir winken, / Glitzern, flimmern, vergehn.»

Unser lyrisches Ich ist beflügelt. Bald werden wir die Trolle sehen.

Der «locus amoenus»

Unterwegs kommen wir auf etwas Berauschendes zu sprechen. Seit der Mensch existiert, sucht er nach dem locus amoenus, dem lieblichen Ort. Der literarische Topos dieses Lustplätzchens entspringt der Vorstellung eines «goldenen Zeitalters». Er liegt oft auf einem lichten Hain im Wald, ist mit einer Quelle ausgestattet und von singenden Vögeln umgeben. Der locus amoenus spielt in Theokrits antiker Hirtendichtung genauso eine Rolle wie 2000 Jahre später in den damals populären Idyllen Salomon Gessners (derselbe, der 1780 die «Zürcher Zeitung» gründete, aus der die NZZ entstand). Gerade in Zeiten von Verunsicherung prosperiert die Sehnsucht nach einer Realitätsflucht in die Idylle. Liegt am Ziel unseres Wegs also vielleicht der locus amoenus?

Bevor wir das herausfinden, müssen wir an den Trollen vorbei. Wir sehen sie bereits, sie stehen am Wegrand. Pummelig, aufgeplustert, gelb. Mit den nordischen Wichten haben sie wenig zu tun. Vielmehr handelt es sich bei diesen Wiesenbewohnerinnen um Trollblumen. In Büttenhardt werden sie «Trolle» genannt, in Bargen «gfüllti Bachbommele», in Thayngen «Chöbesli» und in Opfertshofen «Bueberolle» – das sind nur einige der überlieferten Namen, welche man der heute gefährdeten Blume in Schaffhausen einst gab. Nirgendwo sonst im Kanton sieht man Trollius so häufig wie am Ort unserer heutigen Wanderung. Die ganze Zeit über säumt sie unseren Weg und ergiesst sich über den Talkessel, der sich vor uns lichtet: die Galliwies. Unser Ziel. 

Unberührt?

Die Galliwies scheint aus der Zeit gefallen. In der abgeschiedenen Flur konnten sich nach dem Rückzug der Gletscher wegen des kühlen Klimas verschiedene subalpine Pflanzen halten. Auch die höchst seltene Wanstschrecke und eine Vielfalt an Schmetterlingen und Faltern tummeln sich auf der Galliwies, die seit 1963 unter Naturschutz steht.

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Ein Infoschild verrät, dass die Flur auf alten Karten noch als Bärenwiesli ausgewiesen ist. Ob der letzte Bär im Kanton im Jahr 1575 hier erlegt wurde, ist aber nicht verbürgt. Wir steigen am Weg entlang die Anhöhe der Galliwies hoch und setzen uns in den Schatten eines Baumes mit Blick ins Tälchen, wo zwei Bächlein zusammenfliessen. Wir packen Landjäger, Äpfel und Studentenfutter aus. Ein leichter Windhauch erfrischt uns. Ja, das kommt dem locus amoenus ziemlich nahe.

Der liebliche Ort ist eine Idealisierung. Genauso wie die Vorstellung, dass die Galliwies «unberührt» sei. Die aussergewöhnliche Artenvielfalt konnte hier nur gedeihen, weil die Menschen im Mittelalter den Wald nutzten. Durch weidendes Vieh und Brennholzschlag entstanden lichte Waldweiden und Magerwiesen. Die Aufforstungen in den vergangenen 150 Jahren drängten die Galliwies auf einen Drittel der einstigen Fläche zurück.

Bevor wir unseren locus amoenus verlassen, steigen wir durch den Wald zur Iblenquelle, um zu trinken. Im Waldbächlein, das später in die Durach mündet und unsere städtischen Brunnen mit Wasser versorgt, entdecken wir Feuersalamanderlarven. Auf dem Rückweg bei über 30 Grad treffen wir einen Einheimischen. Vor 50 Jahren seien sie hier im Winter in der Schlaufe rund um die Galliwies Langlauf gefahren. «Das, was wir jetzt hier haben», sagt er und weist auf die sengende Sonne, «ist erst der Anfang».

Wanderung: 6 Kilometer, 320 Höhenmeter, Ca. 1,5 Stunden ohne Pausen

Randern – Teil drei
Wir, zwei Schaffhauser:innen, kennen die spektakulärsten Ausflugsziele unseres Kantons. Denken wir zumindest. Für diese Wandersaison haben wir uns vorgenommen, diese vermeintliche Gewissheit zu hinterfragen.
Wir suchen nach Orten, an denen wir noch nie waren oder die wir noch nie bewusst wahrgenommen haben. Destinationen, die unsere Neugierde wecken und im Verdacht stehen, echte Geheimtipps zu sein, auf dem Randen oder anderswo im Randgebiet, das wir unsere Heimat nennen. Wer von uns beiden kann den anderen mit der spannenderen Wanderung – pardon Randerung – der schöneren Aus- oder Einsicht und gemütlicheren Beizen zum Einkehren übertrumpfen? Randern Sie uns nach, wir freuen uns auf Ihre Meinung! 

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Bequem, aber riskant https://www.shaz.ch/2026/05/29/bequem-aber-riskant/ Fri, 29 May 2026 07:50:30 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10965 Stadt und Kanton führen in ihren Verwaltungen Microsoft 365 ein, obwohl die US-Administration damit theoretisch auf persönliche Daten der Schaffhauser:innen zugreifen könnte. Der Datenschutzbeauftragte warnte – und wurde übergangen. «Verwaltungssoftware» rangiert ziemlich weit oben auf der Liste der Begriffe, mit denen kein Zeitungsartikel beginnen sollte. Bleiben Sie trotzdem dran, denn dahinter verbirgt sich einiges an […]

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Stadt und Kanton führen in ihren Verwaltungen Microsoft 365 ein, obwohl die US-Administration damit theoretisch auf persönliche Daten der Schaffhauser:innen zugreifen könnte. Der Datenschutzbeauftragte warnte – und wurde übergangen.

«Verwaltungssoftware» rangiert ziemlich weit oben auf der Liste der Begriffe, mit denen kein Zeitungsartikel beginnen sollte. Bleiben Sie trotzdem dran, denn dahinter verbirgt sich einiges an politischer Sprengkraft. Grosse Fragen stehen im Raum: Wer kontrolliert unsere Daten? Wer hat Zugriff darauf? Und ist es schlau, in der Ära Trump das Funktionieren einer Verwaltung von einem US-Konzern abhängig zu machen?

Im Kleinen geht es darum: Stadt und Kanton Schaffhausen gehen in die Cloud. Weil die alten Microsoft Office-Lizenzen bald auslaufen, stellen sie ihre Verwaltungen auf Microsoft 365 um. Die Stadt hat mit dem Rollout bereits begonnen, beim Kanton steht die Einführung noch an.

Auch Basel-Stadt, Solothurn, Schwyz, St. Gallen, Bern, Luzern, Zürich und der Bund haben in den letzten Jahren zu M365 gewechselt oder sind dran. Wie Schäfchen, die anderen nachlaufen; denn eigentlich hatte der Europäische Gerichtshof 2020 geurteilt, dass der Schutz von Personendaten in den USA nicht genügend gewährleistet sei. Daraufhin setzte der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte Microsoft auf die Schwarze Liste von Unternehmen, die den Anforderungen des eidgenössischen Datenschutzgesetzes nicht genügen. Auch der Schaffhauser Datenschutzbeauftragte hat früh Bedenken angebracht und Sicherheitsmassnahmen gefordert – und wurde übergangen. Das zeigen verwaltungsinterne Dokumente der Stadt, in die die AZ gestützt auf das Öffentlichkeitsprinzip Einsicht erhalten hat.

Risiko mit luftigem Namen

Das Risiko, das den Datenschützer:innen schlaflose Nächte bereitet, trägt den luftigen Namen Cloud Act. So heisst ein Gesetz, das Donald Trump schon während seiner ersten Amtszeit 2018 unterzeichnete. Es verpflichtet US-Tech-Konzerne, der Regierung Zugriff auf sämtliche Daten zu geben, die in ihren Clouds gespeichert sind – ohne dass die betroffenen Behörden oder Unternehmen davon erfahren. 

Dieser Zugriff geschieht zwar nicht willkürlich; das erratische Verhalten von Trump wirft aber die berechtigte Frage auf, ob er sich im Zweifelsfall an rechtsstaatliche Verfahren halten wird. Das ist kein hypothetisches Szenario, Donald Trump sitzt faktisch an einem Kill-Switch. Das heisst: Gefällt ihm ein Entscheid irgendwo auf der Welt nicht, kann er die kritische Infrastruktur per Dekret lahmlegen, sofern sie von einem US-Techkonzern stammt (siehe auch Box auf Seite 4). 

Als Microsoft vor einigen Jahren sein M365-Paket vorstellte, mahnten die kantonalen Datenschützer:innen deshalb zur Vorsicht. Ihr Warnruf verhallte in den Gängen vieler Verwaltungen. Die Verlockung einer Software-Lösung, die reibungslos funktioniert, war zu gross. Microsoft ist einer der grössten Software-Anbieter weltweit; seine Angebote sind bekannt, breit verfügbar und gut integrierbar. Sie scheinen alternativlos.

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Stadt und Kanton erklärten sich 2022 in einem gleichlautenden Beschluss bereit, sämtliche Risiken auf sich zu nehmen und in die Cloud zu gehen. Sie kommunizierten damals, dass ein wesentlicher Faktor im Entscheid für M365 gewesen sei, dass man die Daten auf Servern in der Schweiz speichern würde. Nur: Das nützt nichts. Laut dem Cloud Act können US-Behörden auch dann auf Daten zugreifen, wenn sie hier in Rechenzentren gespeichert sind. Darauf wies der kantonale Datenschützer Christoph Storrer die Schaffhauser Behörden bereits 2021 hin. Und schlug Lösungen vor – vergeblich.

Wer macht die Datentriage?

Die Lösungen, die Storrer gern gesehen hätte, tragen sperrige Namen wie «Double Key Encription» oder «Cloud Access Security Broker». Im Kern geht es dabei darum, sensible Daten – etwa Angaben über religiöse oder politische Ansichten, über die Gesundheit oder die ethnische Herkunft einer Person – so zu verschlüsseln, dass weder Microsoft noch die US-Regierung sie lesen kann.

Stadt und Kanton prüften die Vorschläge des Datenschützers und verwarfen sie als zu teuer oder zu mühsam. Ausserdem befürchtete man, dass der Schlüssel zu den Daten verloren gehen könnte. 

Stattdessen wollen die Behörden hauptsächlich auf ein «Labeling-System» setzen. Schützenswerte Daten sollen als solche gekennzeichnet werden; das soll verhindern, dass sie überhaupt in die Cloud gelangen. Die Mitarbeiter:innen sind selbst für die Datentriage verantwortlich. Damit wird auch die Verantwortung auf sie abgewälzt. Wenn beispielsweise eine Lehrerin für die Vorbereitung eines Klassenlagers die Essgewohnheiten ihrer Schüler:innen zusammenträgt und einer ihrer Schüler aus religiösen Gründen kein Schweinefleisch isst, macht sie sich möglicherweise strafbar, wenn sie diese Information in der Cloud abspeichert. 

Storrer macht sich keine Illusionen: «Das wird niemals zu hundert Prozent befriedigend durchgeführt werden können.»

Trotz seiner Bedenken entschied die Stadt, am Labeling-System festzuhalten. Davon allerdings erfuhr der Datenschutzbeauftragte erst, als die Einführung von M365 in der städtischen Verwaltung unmittelbar bevorstand – und das nur, weil sich «besorgte Mitarbeitende der öffentlichen Verwaltung» bei ihm gemeldet hatten. So steht es in einem Brief, in dem Storrer letzten November dem Stadtrat seinen Ärger kundtat. Darin empfahl er ein letztes Mal, sensible Daten zu verschlüsseln – und aus datenschutzrechtlichen Gründen die Einführung zu sistieren, bis entsprechende Massnahmen getroffen worden seien. Geschehe das nicht, könne das «auch strafrechtlich (Verletzung des Amtsgeheimnisses) relevant sein».

Auch diese Warnung führte bei der Stadt zu keinem Umdenken. Und so griff der Datenschützer schliesslich zum drastischsten Mittel, das er hat: Er stellte Stadt und Kanton eine Verfügung aus. Darin akzeptiert er zähneknirschend das Vorgehen der Stadt. Viel bleibt ihm auch nicht übrig: In einem gleichlautenden Beschluss haben Stadt- und Regierungsrat 2022 entschieden, die datenschutzrechtlichen Risiken bei der Einführung von M365 in Kauf zu nehmen. 

Mit der Verfügung verpflichtet Storrer Stadt und Kanton aber auf eine engmaschige und aufwändige Kontrolle: Die Verwaltungsmitarbeiter:innen seien konsequent auf das Labeling zu sensibilisieren und zu schulen; ausserdem solle eine externe Firma jährlich prüfen, dass besonders schützenswerte Personendaten korrekt klassifiziert und nicht weitergegeben werden. 

Wenn man schon am Labeling festhalte, müsse man das wenigstens einigermassen seriös durchführen, sagt Storrer. Glücklich mit dieser Lösung ist er nicht: «Was ich mit der Verfügung gemacht habe, ist eigentlich nur noch Schadensbegrenzung.»

Bald zu spät?

Auf Anfrage der AZ halten Regierungsrat Marcel Montanari (FDP) und Stadtrat Daniel Preisig (parteilos) fest, dass man die Einschätzungen und Empfehlungen des Datenschutzbeauftragten ernst nehme und in der weiteren Umsetzung der Einführung von Microsoft 365 berücksichtigen werde. Auch die «Prüfung von Ausstiegsszenarien und Alternativen» sei «Teil der aktuellen Arbeiten». Dafür arbeite man aktiv bei verschiedenen Initiativen mit, unter anderem mit der Digitalen Verwaltung Schweiz, die die Digitalisierungsaktivitäten von Bund, Kantonen und Gemeinden koordiniert. Die Stadt treibt die Einführung von M365 indes wie geplant voran. «Es gibt keinen Grund für eine künstliche Projektverzögerung», so Preisig. 

Man werde die Cloud einführen und sich im Nachhinein Gedanken machen, vermutet Datenschützer Christoph Storrer. Die Daten der Schaffhauser:innen seien dann aber bereits bei Microsoft. Und ist es einmal so weit, lässt sich nicht mehr verhindern, dass US-Geheimdienste darauf Zugriff nehmen könnten. 

Trump und der Kill-Switch
M365 ist ein Allround-Paket. E-Mail, Kalender, Datenablage, Tools für Dokumentbearbeitung, Telefonie: Alles ist drin. Genau hier liegt das zweite grosse Risiko – vielleicht gar das grössere als der Cloud Act. Eine so umfassende Verwaltungssoftware wie M365 gehört zur kritischen Infrastruktur. Und Donald Trump sitzt am Kill-Switch. Heisst: Wenn ihm ein Verwaltungsentscheid nicht passt, kann er sie per Dekret einfach abschalten und die Verwaltung handlungsunfähig machen.
Dass das kein hypothetisches Szenario ist, zeigt das Beispiel des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Vor einem Jahr verhängte die US-Regierung Sanktionen gegen dessen Chefankläger, weil der gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu ermittelt und einen internationalen Haftbefehl gegen ihn verhängt hatte. Sein Microsoft-Konto wurde gesperrt, er verlor Zugang zu seinen E-Mails. 
Ein solches Szenario wäre auch im Fall Schaffhausen denkbar. Was, wenn sich der Kanton gegen US-Strafzölle äussert oder sich der Präsident an den vielen US-Konzernen stört, die hier Steuern sparen, und daraufhin einfach das Volkswirtschaftsdepartement lahmlegen kann? Stadt und Kanton schätzen dieses Risiko auf Anfrage als «sehr gering» ein. Christoph Storrer hingegen spricht von einer «Wahnsinnsabhängigkeit», in die sich Stadt und Kanton begeben. 
In Den Haag hat man aus der Geschichte gelernt: Der Strafgerichtshof wechselt auf eine Open Source-Lösung, um in Zukunft nicht mehr von US-Softwareanbietern abhängig zu sein. Denn Alternativen gibt es durchaus. Wie gut sie im Verwaltungskontext funktionieren, darauf fallen die Antworten unterschiedlich aus. Das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein jedenfalls hat sich im Lauf der letzten beiden Jahre fast vollständig von Microsoft gelöst. Auch das Bundesgericht in Lausanne setzt auf Open Source-Software. 
Inzwischen kommt schweizweit Bewegung in die Sache. In verschiedenen Parlamenten gibt es Vorstösse. Der Bund, der letztes Jahr an 54 000 Arbeitsplätzen M365 eingeführt hat, hat unlängst bekanntgegeben, sich von Microsoft lösen zu wollen. Auch die Stadt Zürich möchte aussteigen. Winterthur wiederum hat kürzlich entschieden, bei der geplanten Einführung von M365 einen Marschhalt einzulegen. Um Politik und Verwaltung mehr Zeit für den Entscheid für oder gegen M365 zu verschaffen, hat die Stadt gebrauchte Office-Lizenzen gekauft, statt den Wechsel in die Cloud voranzutreiben.

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«Beringen ist ein Skandal» https://www.shaz.ch/2026/05/21/beringen-ist-ein-skandal/ Thu, 21 May 2026 10:01:26 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10955 Aktivist:innen blasen zum Widerstand gegen die Datencenter in der Region. Auf den Monat Juli ist ein einwöchiges Camp angekündigt. Was ist vom Kollektiv «Aufstände der Allmende» zu erwarten? Es ist noch dunkel, als am frühen Sonntagmorgen eine Gruppe vermummter Menschen das Baugerüst des Mühleradhauses neben dem Rheinfall erklimmt. Zuoberst angekommen, montieren sie ein Transparent, zehn […]

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Aktivist:innen blasen zum Widerstand gegen die Datencenter in der Region. Auf den Monat Juli ist ein einwöchiges Camp angekündigt. Was ist vom Kollektiv «Aufstände der Allmende» zu erwarten?

Es ist noch dunkel, als am frühen Sonntagmorgen eine Gruppe vermummter Menschen das Baugerüst des Mühleradhauses neben dem Rheinfall erklimmt. Zuoberst angekommen, montieren sie ein Transparent, zehn auf zehn Meter gross muss es sein. «KI kurzschliessen», steht da: «Kein neues Datenzentrum in Beringen!»

Noch am gleichen Tag stellen sich die Aktivist:innen, nun nicht mehr vermummt, hinter einen Infostand in Neuhausen. Dort plaudern sie mit der Bevölkerung, wollen wissen, was die Anwohner:innen über die Datencenter in der Region denken. Und sie lassen die Neuhauser:innen Fussbälle auf die Visagen von Elon Musk, Jeff Bezos und Konsorten kicken, die sie auf Schuhkartons geklebt haben.

Der erste regionale Auftritt der «Aufstände der Allmende» ist genauso ein Vernetzungsversuch wie eine Kampfansage: Schaffhausen soll gegen die Serverfarmen in Beringen und Herblingen aufbegehren. Auch visuell ist die Stossrichtung der neuen Bewegung unmissverständlich: In sozialen Medien rufen die Aktivist:innen mit Sturmmaske und Bolzenschneider zum Feldzug gegen die Herrschaft des Kapitals auf – und zu einem einwöchigen Widerstands-Camp in der Region, kommenden Juli.

Es wären Bilder, die Schaffhausen seit der Besetzung eines Schweinestalls in Guntmadingen nicht mehr gesehen hat (AZ vom August 2020). Was wollen die «Aufstände der Allmende», kurz AdA, hier erreichen?

Vorbild Zapatistas

Ein verschlüsseltes Telefongespräch wäre ihm am liebsten, schreibt uns Anfang dieser Woche ein Mann, der sich mit dem Namen Jannis Baumer vorstellt. Das sei sein richtiger Name, zumindest «für die Medien», sagt der Pressesprecher der AdA. «Die Schweiz hat europaweit die zweithöchste Dichte an Datencentern», beginnt er in Berner Dialekt zu erklären. «In der Gemeinde Beringen zeigt sich die Entwicklung dieses ökologischen und sozialen Skandals exemplarisch.»

Das Kollektiv, für das Baumer spricht, verweist in seinem Namen auf eine Fläche, die historisch gemeinschaftlich genutzt wurde: Als Allmende festgelegte Wälder und Weiden stellten sicher, dass auch Menschen mit wenig Bodenbesitz ans Nötigste kamen. Selbst das Symbol von AdA, ein umgekehrtes A, steht in der Mathematik für den Allquantor, also: für alle. In der Bewegung steht die gerechte Nutzung und Verteilung von Land, Wasser und anderer natürlicher Ressourcen im Vordergrund – und darum auch der Kampf gegen den Kapitalismus und insbesondere den privatisierten Ressourcenwahnsinn von Big Tech.

Auch wenn die AdA sich nicht als Vertreter:innen einer klaren Ideologie ansehen, so liegen ihre Bezugspunkte doch auf der Hand. Zunächst einmal gibt es Verflechtungen mit der jüngeren Klimabewegung: Spenden an die AdA gehen aufs Konto des Klimastreiks Basel. Eine historisch für sie wichtige Referenz, erklärt Jannis Baumer, sei der Aufstand der indigenen Völker Mexikos im Jahr 1994. Die Zapatistas besetzten ab 1994 mehrere Städte im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas und erklärten der damaligen Regierung den Krieg. «Sie haben das Ende vom Ende der Geschichte eingeläutet», sagt Baumer. Was er damit meint: Die Zapatistas widersprachen mit ihrem damaligen Handeln jenen, die vom ideologischen Sieg des Kapitalismus (dem «Ende der Geschichte») geschwärmt hatten. So sagt auch Baumer: «Wir möchten aufzeigen, dass ein anderes Leben möglich ist, ein Leben jenseits des Kapitalismus.»

Krieg und Fürsorge

Einmal ist die Bewegung, zu deren Grösse Jannis Baumer übrigens auf Nachfrage schweigt, bereits in Erscheinung getreten: Im Juni vor einem Jahr nahm sie die seit Jahren umstrittene Umfahrungsstrasse Aarwangen im Oberaargau ins Visier. Was sie mit dem angriffslustigen Slogan «Autoindustrie entwaffnen, Land zurückholen» ankündigten, sah in der Realität dann aber vielmehr verspielt aus: Die Aktivist:innen pflanzten Bäume und ein Wildblumenbeet auf die Baustelle der Autobahn und nahmen im Anschluss den nahen Spychigwald in Beschlag. Für ein verlängertes Wochenende boten sie ihren Besucher:innen und sich selbst Lagerfeuer, Konzerte und kleine Kletterkurse.

Tatsächlich schwingt auch in der Rhetorik von AdA nicht nur Krieg und Revolution, sondern auch ein Fokus auf Fürsorge mit. Der «fürsorgliche Umgang miteinander, mit allen Lebewesen und unseren Lebensgrundlagen» ist in den Aktions-Guidelines der Gruppe festgeschrieben, und rassistische, koloniale oder patriarchale Gewalt haben in ihrem Aktivismus nichts verloren, hält Jannis Baumer fest. Dass der mitunter brachiale Auftritt des Kollektivs auf breite Bevölkerungsteile abschreckend wirkt, steht neben diesen Ansprüchen. Das Kollektiv löst den scheinbaren Widerspruch zwischen Militanz und Achtsamkeit nicht auf, auch dann nicht, wenn Baumer sagt: «Uns geht es darum, die herrschende Ordnung zu stören. Dabei ist uns klar, dass eine wirkmächtige Bewegung die zerstörerischen Projekte von Tech-Oligarchen und Politiker:innen auch materiell bekämpfen muss und nicht nur mit Worten.» Heisst: Sachen angreifen steht auf dem Programm.

Am Sonntag hing das Kollektiv Transparente in Neuhausen auf. Foto: zVg
Am Sonntag hing das Kollektiv Transparente in Neuhausen auf. Foto: zVg

Das «Widerstands-Camp», das die AdA auf die erste Juliwoche in der Region ankündigt – vermutlich auf einem Stück Land in Beringen –, wird in diesem Spannungsfeld liegen, falls es denn zustande kommt. Es ist also nicht auszuschliessen, dass vom Camp aus die Datencenter-Infrastruktur angegriffen wird. Gleichzeitig soll im Camp Vernetzung und Information möglich sein, wie Jannis Baumer sagt: «Wir wollen einen zugänglichen Ort für Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen schaffen. So soll ein Raum entstehen, in dem sich globale Kämpfe mit lokalen Widerständen gegen Datencenter und den KI-Hype verbinden können.» Verschiedene Workshops zu den Themen Wasserverbrauch, Repression und Militarisierung oder auch zu der KI inhärenten Ausbeutung des globalen Südens rahmen das Programm.

«Viele sind fassungslos»

Im Spychig-Wald hält seit der Aktion der AdA eine Gruppe Anwohner:innen jeden Monat eine Mahnwache ab. Der erste Auftritt des Kollektivs zeigte also Wirkung. Aber wie wird es in Schaffhausen ankommen?

Denn hier hat sich in den vergangenen Monaten eine Kluft aufgetan: Die Pläne des ersten Datencenters provozierten noch einen Aufschrei. Seither haben sich die Datencenter-Pläne vervielfacht: Gemäss Schaffhauser Nachrichten soll eine zweite Serverfarm in Beringen zu stehen kommen. Und nahe des Stadions in Herblingen soll ein drittes, riesiges Zentrum zu stehen kommen, hinter der gar Amazon stecken soll. Doch auf diese Pläne ist weder Protest noch Debatte gefolgt. Nur ganz kurz wurde es laut, als die vom Kanton geplanten Windräder auf dem Randen mit dem Energiehunger der Server begründet wurden (AZ vom 30. Oktober 2025). Das Signal des Regierungsrates, dass man solche Pläne einfach bewilligen müsse, wenn sie sich an die Vorgaben halten, hallt noch nach.

Die SP-Kantonsrätin Eva Neumann hat das erste Datencenter in Beringen von Stunde eins an bekämpft. Sie kritisierte das Bewilligungsverfahren, die Intransparenz, die Unklarheiten bezüglich Abwärme und Ressourcenverschleiss. «Mich sprechen auch heute noch viele auf die Datencenter an», sagt sie. «Viele sind fassungslos, dass man gegen diese Pläne nichts unternehmen können soll. Aber ich weiss inzwischen auch nicht mehr, was man noch machen könnte.»

Darum hofft Eva Neumann auf einen breiten Protest in der Region. Das habe in den 1980er-Jahren gegen die Glasfabrik im Herblingertal auch gewirkt.

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Ärger im Wald https://www.shaz.ch/2026/05/21/aerger-im-wald/ Thu, 21 May 2026 09:58:07 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10952 Eigentlich wollen alle dasselbe: einen gesunden, guten Wald. Doch wenn es darum geht, was dieser können soll, wachsen die Emotionen in den Himmel. Ein Verstehensversuch. Im April prangte plötzlich ein leuchtend gelbes Plakat am Stadthaustor: «Stoppen Sie sofort die krassen Fällarbeiten im Wald auf dem Hohberg. Wir sind schockiert!» Die gleiche Botschaft fand sich auch […]

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Eigentlich wollen alle dasselbe: einen gesunden, guten Wald. Doch wenn es darum geht, was dieser können soll, wachsen die Emotionen in den Himmel. Ein Verstehensversuch.

Im April prangte plötzlich ein leuchtend gelbes Plakat am Stadthaustor: «Stoppen Sie sofort die krassen Fällarbeiten im Wald auf dem Hohberg. Wir sind schockiert!» Die gleiche Botschaft fand sich auch vor den Räumlichkeiten von Grün Schaffhausen. Angebracht hatten sie besorgte Bürger:innen. Zudem schickten sie einen offenen Brief an die Stadtregierung mit der Forderung nach einer Erklärung für die Massnahmen am Hohberg und warum diese einen «derart zerstörerischen Eindruck» hinterlassen hätten. Dem dramatischen Appell legten sie Fotos von gefällten Stämmen und Forstmaschinen-Spuren bei. Es war ein Ruf unter vielen, die sich im Moment um den Wald Sorgen machen. In und um die Wälder rumort es.  

Kapitel eins: Ärger

Auch andere nehmen das wahr: Im Stadtrat wurde gerade über Simon Furters Postulat für einen erholungsfreundlichen und naturnahen Stadtwald debattiert. Leserbriefschreibende beklagen aktuelle Forstmassnahmen, sprechen von einem «Trauerspiel» und von «klaffenden Wunden». Der Tenor: Die Nutzungsfunktion des Waldes als Energie- und Rohstofflieferant werde den anderen Funktionen übergeordnet. Solche Aussagen wiederum zogen die Reaktion eines strapazierten Regierungsrates nach sich: Martin Kessler sagte Mitte April an der Generalversammlung des Waldeigentümerverbandes, dass man die Diskussion über die Waldpflege doch denen überlassen soll, die wirklich eine Ahnung vom Thema hätten.

Auch Förster wehren sich gegen die Unterstellungen. So etwa der Schleitheimer Förster Christoph Gasser. Er schreibt der AZ in einem Mail von Grenzen, die überschritten wurden. Verbale Beleidigungen oder Anpöbelungen seien sie, die Forstarbeiter, sich ja gewohnt – aber aufgeschlitzte Reifen an Forstfahrzeugen, wie es kürzlich am Geissberg vorgekommen sei – das gehe eindeutig zu weit. Vor sechs Jahren führte Gasser uns durch sein Revier und erklärte, wie es den Bäumen geht in Zeiten von Klimawandel, Extremwetter und Trockenperioden (siehe AZ vom 20. Februar 2020). Nun, sechs Jahre später, landet seine E-Mail in unserem Postfach fast zeitgleich mit dem offenen Brief der besorgten Bürger:innen. Was ist da eigentlich los im Wald?

Kapitel zwei: Waldbegehung

Ein guter Monat nach dem Eingriff auf dem Hohberg stehen wir mit Nico Schwager, Abteilungsleiter Wald und Landschaft bei Grün Schaffhausen, am «Tatort». Ruhig und verlassen liegt der Aussichtspunkt in der Nachmittagssonne, ein kräftiger Wind rauscht durch die mächtigen Baumkronen rund um den Grillplatz. Es geht weiter über eine hübsch blühende Wiese, ein schmaler Trampelpfad führt an den Waldrand. Von den Spuren der Forstmaschine auf der Wiese oberhalb des steilen Waldstücks, von denen die besorgten Bürger:innen berichteten, ist nichts mehr zu sehen. Das Waldgebiet hier ist eines der wenigen stadtnahen Gebiete, die nicht nur der Erholungsfunktion, sondern auch der Funktion Lebensraum zugewiesen sind. So ist es im Waldfunktionsplan festgehalten. Wir sehen uns im schmalen, steilen Waldstück um. Zwei mächtige Eichen wachsen hier gen Himmel, daneben stehen vier, fünf frische Wurzelstöcke. Hier auf dem Hohberg gehe es darum, den Eichenbestand zu schützen und zu fördern, erklärt Schwager: «Wir steuern den Wald über das Licht.» Damit die Eichen als ausgeprägte Lichtbaumart genügend Sonnenlicht abbekommen, mussten einige andere Bäume weichen. Sie haben mit ihrem dichten Blattwerk die jungen Eichen daran gehindert, stabile Wurzeln zu schlagen. Es profitieren dadurch auch andere Arten wie Feld- und Spitzahorn oder auch Kirschbaum, die unter dem dichten Blätterdach ebenfalls ihre Mühe hatten.

Er verstehe den Ärger der Anwohner, wenn ihr Wald plötzlich ganz anders aussehe. Aber man müsse die Waldentwicklung in einem längeren Zeitraum betrachten, so Schwager: «In den nächsten Jahren sollen an dieser Stelle keine Eingriffe im Baumbestand stattfinden, damit die jungen Bäume aufwachsen können.»

Auf die Plakataktion angesprochen, zieht er eine Augenbraue hoch. Man könne jederzeit bei Grün Schaffhausen anrufen, wenn man Fragen habe, sagt er: «Wir geben gerne Auskunft über die geplanten Massnahmen.»

Urheber der Plakate am Stadthaus und bei Grün Schaffhausen sind der Hohberg-Anwohner Peter Mégel und seine Partnerin Andrea Maria Stirling. Eigentlich sei das ja nicht ihre Art, sagen die beiden fast entschuldigend, als wir sie nach den Gründen ihrer Aktion fragen. «Wir sind keine Aktivisten.» Aber der Eingriff hier am Hohberg sei für sie ohne Vorwarnung gekommen. Und schockierend gewesen. Das habe etwas ausgelöst. «Natürlich haben wir erst einmal emotional reagiert.»

Ihre darauffolgende Aktion indessen hat die gewünschte Wirkung nicht verfehlt: Die Stadt lud die Plakatsteller zum Austausch vor Ort ein. Gleichzeitig wies Stadträtin Katrin Bernath sie in ihrer Antwort auf den offenen Brief klar darauf hin, dass eine öffentliche Darstellung mit Namensnennung von Personen, die sich tagtäglich für die Natur in Schaffhausen einsetzen würden, nicht akzeptabel sei. Der AZ antwortet Bernath auf Nachfrage, die Stadtregierung sei immer offen für einen Austausch zu verschiedenen Interessen und Sichtweisen. Aber bei dieser Form der Kritik fehle der Respekt gegenüber den Mitarbeitenden.

Für die Aktivisten, die keine sein wollen, war die Aktion Mittel zum Zweck: Dass sie auf eine Audienz mit den Verantwortlichen der Stadt eingeladen wurden, wissen sie zu schätzen. «Es liegt uns fern, nur zu stören. So was machen wir nicht. Aber wir wollen mitreden.» Ihnen sei es vor allem darum gegangen, ihren Standpunkt klarzumachen: «Wir sagen nicht, dass alle Förster böse sind, überhaupt nicht. Es geht uns um eine Neuordnung der Gewichtung der verschiedenen Ansprüche.» Es sei ihnen ein Anliegen, den emotionalen Wert des Waldes auf gleiche Ebene wie die anderen Nutzungen zu bringen. «Als einen weiteren Anspruch, den man an den Wald stellen kann.»

Kapitel drei: Einer für alle

Der Wald muss vielen Ansprüchen gerecht werden. In Schaffhausen nimmt er viel Raum ein: 42 % der Gesamtfläche des Kantons ist bewaldet, er ist damit nach dem Tessin der zweitwaldreichste Kanton der Schweiz. Der Wald ist Refugium für Erholungssuchende, Lebensraum, Energie- und Rohstofflieferant, Schutzzone für Flora und Fauna und ein grosser Spielplatz für Freizeitaktivitäten.

«Das Betreten von Wald und Weide in ortsüblichem Umfange ist grundsätzlich jedermann gestattet.»
 
So steht es im Schweizer Zivilgesetzbuch unverändert seit 1912. Von diesem Jedermannsrecht machen die Menschen gerne und viel Gebrauch. Wo früher der Wald vor allem als Holzlieferant genutzt wurde, und manchmal zum Sammeln von Pilzen oder Beeren (auch das ist nach Gesetz explizit erlaubt), sind die Ansprüche an ihn über die Jahrzehnte gewachsen. Und somit auch die potenziellen Konfliktlinien.

Alle wollen etwas vom Wald. So sehr, dass dem Wald seit dem 19. Jahrhundert per Gesetz verschiedene Nutzungen zugeteilt werden, anfangs vor allem in seiner Funktion als Schutz- und Bannwald. Seit den 1970er-Jahren werden in der Waldfunktionsplanung die verschiedenen Funktionen bestimmt, explizit unter der Mitwirkung der Bevölkerung. In Schaffhausen sind dies die Schutzfunktion, Wohlfahrtsfunktion (darin Erholungs- und Walderlebnisfunktion), Lebensraum- und Naturschutzfunktion sowie Nutzungsfunktion. Dass sich diese Ansprüche ab und an in die Quere kommen, ist unvermeidbar. Wald ist multifunktional und soll alle Bedürfnisse auf kleinem Raum erfüllen.

Dabei können sich Ansprüche sogar innerhalb einer Funktion widersprechen. Erholungssuchende zum Beispiel haben konträre Ansprüche: Familien möchten eher eine gute Infrastruktur, gepflegte Grillstellen oder einen Waldspielplatz. Spaziergänger:innen wollen ihre Ruhe auf sicheren Wegen. Und Biker:innen wollen möglichst keinen Spaziergänger:innen begegnen. Kann der Wald all dem überhaupt gerecht werden?

In Schaffhausen prallen die Meinungen aufeinander, der Ton scheint rauer geworden. Immer öfter scheint das Verständnis für andere Waldnutzer:innen zu fehlen. Man berichtet uns von missachteten oder mit Farbe verschmierten Absperrblachen bei Holzschlägen, von Anpöbelungen und Beschimpfungen. Das sei früher so nicht vorgekommen.

Peter Mégel und Andrea Maria Stirling sagen, all die Eingriffe am Wald seien von den Behörden sauber begründet worden: Man habe ihnen gesagt, diese seien nötig gewesen für die Verjüngung des Waldes, um Lichtinseln zu schaffen, die Biodiversität zu fördern und Sicherheit zu garantieren. Die Frage, ob diese Argumente denn nicht auch in ihrem Interesse seien, bejahen die beiden nur teilweise. Die Massnahmen hätten zumindest mit mehr emotionaler Feinheit kommuniziert werden können, finden sie. Sowieso: Es gehe ihnen vor allem um die Kommunikation.  

Im Gespräch bleibt das Misstrauen gegen die Behörden spürbar: Peter Mégel sagt, er wolle sich bald auch einem weiteren grossen Thema widmen: der Sicherheit im Wald. «Das ist eine indiskutable, heilige Kuh. Förster wie auch alle anderen Verantwortlichen brauchen diesen Aspekt als Grund, damit sie ihr Programm durchziehen können.» Man finde ja kaum noch richtig alte Bäume im Wald.

Nach dem Holzschlag im Erholungswald am Hohberg: Nico Schwager erklärt, warum der Baumschlag als Aufwertungsmassnahme zu betrachten ist.
Nach dem Holzschlag im Erholungswald am Hohberg: Nico Schwager erklärt, warum der Baumschlag als Aufwertungsmassnahme zu betrachten ist.

Es ist ein Gefühl der Ohnmacht und der Angst, etwas Vertrautes zu verlieren, ohne darauf Einfluss nehmen zu können, das hier mitschwingt. Auch dass Förster Sicherheit als Argument vorschieben würden, um Bäume zu fällen: Das alles hört Nico Schwager nicht zum ersten Mal. Sicherheit gehe aber halt trotzdem vor, gerade in Gebieten, die viel genutzt würden und in denen Kinder spielen. Er betont: «Der Stadtwald gehört der Bevölkerung.» Was man dabei nicht vergessen dürfe: «Die Betriebsplanung und die Massnahmen brauchen eine gewisse Langfristigkeit, damit sich der Wald entwickeln kann.»

Oder anders gesagt: Bäume wachsen nicht schneller, bloss weil die Leute sich dies wünschen. Der Wald hat eine andere Zeitrechnung. Zeitlos ist er höchstens aus menschlicher Sicht, weil unsere Lebenszeit kürzer ist als die eines Baumes. «Wir arbeiten hier an einem Mehrgenerationenprojekt», sagt auch Schwager. «Wir bewirtschaften den Wald, den mehrere Generationen vor uns gepflanzt und gepflegt haben. Und unsere Aufgabe ist es wiederum, dass die Waldleistungen, die wir heute haben, zukünftig erhalten bleiben.»

Und auch wenn ein Waldbestand so wirken mag, also wäre er ewig gleich – er verändert sich ständig. Die Strategie von Grün Schaffhausen, um dem Klimawandel zu begegnen: «Im Erholungswald folgen wir der Strategie der Baumartenvielfalt und einer guten Altersdurchmischung. Diese Aspekte werden in Zukunft noch wichtiger werden.»

Kapitel vier: Keine Wunder

Der Wald wird irgendwie überleben, da sind sich alle einig. Aber er wird sich durch den Klimawandel verändern. Der Schleitheimer Förster Christoph Gasser sagt es pointiert: «Wir müssen uns von dem gewohnten Bild unseres Waldes verabschieden. Das fällt schwer. Aber wenn wir das Gefühl haben, der Klimawandel gehe auf wundersame Weise an unserem Wald vorbei, wenn wir die Natur einfach machen lassen, dann stellen wir uns eigentlich auf die Stufe der Klimaleugner.»

Der Waldnutzungsplan wird alle zwanzig Jahre neu verhandelt. Dann werden die jeweiligen Pläne in jeder Gemeinde während 20 Tagen öffentlich aufgelegt und es können Anregungen und Einwände eingereicht werden. In vier Jahren ist es wieder so weit. Peter Mégel und Andrea Maria Stirling befürchten, dass es dann schon zu spät sein wird: «Wir haben Angst, dass der Wald, wie wir ihn kennen, bis dahin weg ist.» Deshalb wollen sie dranbleiben: «Solange man der Bevölkerung nicht ihren Erholungswald gibt, wird es immer Probleme geben.» Das stehe sogar im Forstlehrbuch, das sich die beiden extra gekauft haben.

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Berformance hinter Gittern https://www.shaz.ch/2026/05/18/berformance-hinter-gittern/ Mon, 18 May 2026 07:22:19 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10933 Vier Köpfe der Firma Berformance müssen für bis zu neun Jahre in Haft. Der ehemalige Hauptsponsor des FC Schaffhausen hat laut Gericht gewerbs- und bandenmässigen Betrug begangen. Der Schaden beträgt 107 Millionen Euro. «Das ist ein Multimilliarden-Business, wo wir jetzt sind.»Berformance-CEO Christian L. in einem abgehörten Telefongespräch Das Landgericht Erfurt, Bundesland Thüringen, sprach am 7. […]

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Vier Köpfe der Firma Berformance müssen für bis zu neun Jahre in Haft. Der ehemalige Hauptsponsor des FC Schaffhausen hat laut Gericht gewerbs- und bandenmässigen Betrug begangen. Der Schaden beträgt 107 Millionen Euro.

«Das ist ein Multimilliarden-Business, wo wir jetzt sind.»
Berformance-CEO Christian L. in einem abgehörten Telefongespräch

Das Landgericht Erfurt, Bundesland Thüringen, sprach am 7. Mai langjährige Haftstrafen gegen vier Köpfe von Berformance aus. Erfinder und Gründer Andreas B. muss wegen gewerbs- und bandenmässigen Betrugs für neun Jahre und neun Monate hinter Gitter. Das gleiche Strafmass erhielt Gerrit K., der so etwas wie der Finanzverwalter war. Die Höchststrafe für dieses Delikt liegt bei zehn Jahren. Geschäftsführer Christian L. muss für achteinhalb Jahre in Haft. Seine Ehefrau Marion L. wegen Beihilfe für vier Jahre.

Das Urteil lautet auf Betrug in 7284 Fällen. Mit Begriffen wie Kryptowährung, Künstliche Intelligenz, Blockchain und dergleichen lockte Berformance Investorinnen und Investoren mit Traumrenditen – das angelegte Geld würde sich innert dreier Jahre verdreifachen. Der Gewinn werde durch die Verpachtung von Geldautomaten erwirtschaftet, die Bitcoin in Bargeld umtauschen, versprachen die Verantwortlichen. Oder mit Hochleistungscomputern, die Rechenleistung für Anwendungen wie Künstliche Intelligenz bereitstellen. Gemäss dem Gericht flossen die Einnahmen nicht in Geräte, sondern in ein Ponzi-System. Das heisst, dass ein Geschäftsmodell nur auf dem Papier existiert. Wer investiert, erhält über einen gewissen Zeitraum Geld ausbezahlt, um das Vertrauen von neuen Investorinnen zu gewinnen. Aber mit den neuen Einzahlungen werden die Auszahlungen an bisherige Anlegerinnen und Anleger gedeckt. Das System funktioniert so lange, wie das Geschäft exponentiell wächst. Danach bricht es zusammen. Laut Urteil beträgt die Schadenssumme 107 Millionen Euro. Ein wesentlicher Teil davon wurde in der Schweiz eingesammelt. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

In der Urteilsbegründung sagte der vorsitzende Richter, man hätte erkennen können, dass es sich um ein Schneeball- beziehungsweise Ponzi-System gehandelt habe. Ausserdem lobte er die vorbildliche Arbeit der Ermittler. So folgte das Gericht weitgehend den Anträgen der Staatsanwaltschaft.

Stolz beim FC Schaffhausen

Im September 2023, Berformance gab es seit fünf Jahren, enthüllte die AZ das Geschäftsmodell von Berformance. Mittels einer verdeckten Aktion, in der wir uns als potenzielle Investoren ausgaben, hatten wir uns ins System eingeschleust, um einige hochrangige Berformer zu treffen, wie man sich untereinander nannte. Wir fanden uns in der VIP-Loge des FC Schaffhausen wieder. Denn im Juni 2023 war Berformance Hauptsponsor des Klubs geworden. Das Stadion hiess ab sofort Berformance Arena. Der Deal kam durch ein gemeinsames Netzwerk von Berformance und Murat Yakin, Trainer des Schweizer Männernationalteams, und dessen Bruder Hakan zustande. Den Yakins wurden immer wieder Verbindungen zum FCS nachgesagt (was sie stets dementierten).

Christian L. drohte der AZ im Namen von Berformance mehrmals mit einer Schadenersatzklage. Auch andere Beteiligte wollten uns mit Millionenklagen unter Druck setzen. Der damalige Berformance-Kadermann Simon Grether, ein ehemaliger Schweizer Profifussballer, durfte im Tages-Anzeiger erzählen, der AZ-Bericht beinhalte «etliche Falschbehauptungen», übertriebene Darstellungen und «schlechte Recherchen». Konkret belegen konnte er das nicht. «Für viele klingt es utopisch, was wir machen», sagte Grether, «weil sie das Geschäft nicht kennen – mir ist es zu Beginn auch nicht anders gegangen.»

Der FC Schaffhausen berief eine Pressekonferenz ein, bei der auch Christian L. auftrat. «Es ist etwas Längerfristiges», begann der FCS-Mediensprecher. «Macht auch ein bisschen stolz.» Der damalige Geschäftsführer des Klubs, Süha Demokan, sagte: «Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Wir haben rechtlich abgeklärt, Handelsregister, Strafregister et cetera, und uns fiel nichts auf, was gegen eine Zusammenarbeit sprechen würde.» Gemäss Beteiligten sollte Berformance dem Klub mehrere hunderttausend Franken bezahlen. Schon nach einigen Wochen blieben die Überweisungen aus.

Weder Süha Demokan noch der damalige FCS-Präsident Roland Klein wollen sich heute zu dieser Angelegenheit äussern.

Nach unserer Recherche vergingen nochmals einige Monate, bis die Behörden zuschlugen. Bei einer grossangelegten internationalen Razzia im Juni 2024 wurden zahlreiche Leute verhaftet, die unter Verdacht standen, bei Berformance mitgewirkt zu haben. Darunter auch die vier Verurteilten, die seither in Untersuchungshaft sitzen. Federführend war das Landeskriminalamt Thüringen in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Erfurt.

Die Anklageschrift gegen die vier Köpfe umfasst 722 Seiten; die dazugehörigen Akten über 7500 Seiten. Darin befinden sich auch zahlreiche Transkripte von abgehörten Telefongesprächen. Einmal unterhielten sich Andreas B. und Gerrit K. darüber, wie man das Kon-strukt möglichst «komplex» gestalten kann. Offenbar nicht nur, um Leute zu täuschen, sondern auch mit dem Ziel, die Rolle von B. zu verschleiern. B. war nämlich schon mehrmals wegen Betrugs verurteilt worden. Die Anwälte von B. sowie den anderen Verurteilten stritten sämtliche Vorwürfe ab. Sie beteuerten sinngemäss, dass ihre Mandanten ein ganz normales Unternehmen geführt hätten und forderten Freisprüche. Gegen das Urteil wollen sie voraussichtlich Berufung einlegen.

Über 5000 Geschädigte

Zahlreiche Personen investierten hohe Beträge in Berformance. Ersparnisse aus jahrelanger Arbeit. Die Staatsanwaltschaft geht von über 5000 Betroffenen aus (manche schossen mehrmals Geld ein, woraus sich die Zahl von 7284 Betrugsfällen ergibt). Da ist der fünfzigjährige Entwicklungsingenieur, der 105 000 Euro aus seinem Bausparvertrag einbezahlte. Und Verwandte von Investitionen überzeugte. Da ist der Junge Anfang zwanzig, der 25 000 Euro angelegt hat und dann seine Grossmutter um weitere 20 000 anpumpte. Oder da ist die Kauffrau Ende fünfzig, die 100 000 Franken anlegte, nachdem sie ihre Pensionskasse aufgelöst hatte. «Wir sind immer noch in finanzieller Not wegen der Berformance», berichtet uns ihr Ehemann, der selber 11 000 Franken investiert hat. «Wenn man alles verloren hat an Pensionskassengeldern, ist es nicht leicht in unserem Alter.»

In Deutschland haben einige Anwaltsbüros Sammelklagen von Geschädigten lanciert. Dass die Opfer zumindest Teile ihres Gelds zurückerhalten, ist ziemlich unwahrscheinlich. Das lassen zumindest zahlreiche andere Fälle von Ponzi-Systemen vermuten.

Die Spur des Geldes

Wohin flossen die Millionen? Laut den Ermittlern führt die Spur in die Schweiz, zu einem schwerreichen Schweizer Unternehmer und seinem österreichischen Geschäftsführer. Beide traten regelmässig bei Veranstaltungen von Berformance auf. Der Österreicher war bei der Firmengründung von Berformance offiziell beteiligt. Im November 2023 hatten Ermittler des Landeskriminalamts Thüringen ein Telefongespräch zwischen Andreas B., Christian L. und Gerrit K. abgehört. Darin berichteten die drei, dass sie 110 Millionen Euro in Aktien eines Unternehmens investiert hätten, das dem Schweizer Unternehmer gehöre. Der Unternehmer habe ihnen eine Steigerung des Aktienwerts um das zwei- bis fünffache in Aussicht gestellt. Doch die Investition, so die drei, habe sich als «gefakte Scheisse» herausgestellt. Die Aktien seien «wertlos». «Im Endeffekt müssen wir drei jetzt feststellen, dass wir nichts haben», sagte Andreas B. Der «Vogel» hingegen habe «das Geschäft des Lebens» gemacht.

Gegen den Unternehmer und seinen Geschäftsführer wurde ein separates Strafverfahren eröffnet. Für die Behörden ist ihre Rolle im Berformance-System noch unklar. Es gilt die Unschuldsvermutung. Ob es überhaupt zu einer Anklage und einem Gerichtsprozess kommt, steht noch nicht fest.

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Nicht müssen: wollen https://www.shaz.ch/2026/05/16/nicht-muessen-wollen/ Sat, 16 May 2026 07:13:20 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10931 16 Spiele ohne Niederlage: Noch nie waren die Spielvi-Frauen dem Aufstieg so nah. Was macht dieses Team gerade richtig? Anpfiff auf dem Sportplatz Bühl: Die Spielvi-Frauen setzen an diesem Sonntag im Mai zum Duell gegen FF Züri Unterland an. Die ersten Minuten sind verhalten. Und dann, nach nicht einmal einer Viertelstunde, sieht die Zürcher Stürmerin […]

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16 Spiele ohne Niederlage: Noch nie waren die Spielvi-Frauen dem Aufstieg so nah. Was macht dieses Team gerade richtig?

Anpfiff auf dem Sportplatz Bühl: Die Spielvi-Frauen setzen an diesem Sonntag im Mai zum Duell gegen FF Züri Unterland an. Die ersten Minuten sind verhalten. Und dann, nach nicht einmal einer Viertelstunde, sieht die Zürcher Stürmerin ein Loch in der Spielvi-Defensive. Sie erkennt die Chance, sprintet nach vorn, schiesst – und trifft. In einer Ecke des Kunstrasens jubelt eine kleine, pinke Fangemeinde ins Megaphon.

Noch vor ein, zwei Jahren hätte ein solcher Fehler die Schaffhauserinnen in eine Negativspirale gestossen. Heute aber ist er ihr Weckruf. Nur acht Minuten später schiesst Irina Keiser nach einem Freistoss den Ausgleich. Von da an überrollt die Maschine Spielvi ihre Gegnerinnen: Darlyn Iannattone holt das 2:1, Pascale Pfeiffer drei Minuten später das 3:1. In der zweiten Halbzeit legt Keiser mit dem 4:1 nach. Auch ein letztes Gegentor kurz vor Abpfiff ändert nichts mehr an den Tatsachen: Die Spielvi hat ihre erste echte Nagelprobe der Rückrunde bestanden. Und sie ist dem Aufstieg in die zweite Liga so nah wie nie.

Die höhere Resilienz – das Nichtverzagen bei einem Gegentor – ist ein Grund dafür. Hört man sich in der Spielvi und ihrer Fankurve um, ist das aber nur ein Puzzleteil des jetzigen Erfolg.

Stabiler Kern

Spätestens mit der EM vergangenen Jahres ist Frauenfussball aus dem Schatten der Männerligen getreten. Lang aber wurden fussballbegeisterte Mädchen ins Abseits gestellt: 1967 gründete die Wehrsportvereinigung Schaffhausen die erste Damenmannschaft des Kantons, die nach einem Umweg in den FC Schaffhausen ab 1971 in der Spielvi mittschuttete. Sieben Jahre später wurde sie mangels Nachwuchs wieder aufgelöst. Weitere Anläufe, ein Frauenteam zu gründen, scheiterten – vereinzelte Mädchen spielten bei den Jungs mit. Aufwind erhielt das Frauenteam erst mit einer Gruppe Mädchen rund um Pascale Pfeiffer, Captain der ersten Stunde (siehe dazu unser Porträt von Pfeiffer in der AZ vom 16. Mai 2024).

Diese Frauen stellen bis heute den Kern des Teams dar: die Stürmerin Darlyn Iannattone, die Mittelfeldspielerinnen Anela Ademi und Pascale Pfeiffer sowie die Verteidigerinnen Jorina Duss, Lara Galliker und Irina Keiser. Wir treffen sie zwei Tage nach dem Sieg gegen Züri Unterland auf dem Bühl im Training. «Wir kennen uns teilweise schon seit früher Kindheit und sehen einander öfter als unsere Leute zuhause», sagt Anela Ademi. «Die Spielvi ist ein Stück Zuhause für uns.» Ein weiterer Vorteil der Alteingesessenen: Sie sind mit 22 bis 25 Jahren noch nicht einmal im besten Fussballerinnenalter. «Andere Frauenteams sind im Durchschnitt älter, und älter heisst tendenziell Familie», erklärt Lara Galliker. «Danach ist ein Comeback oft schwierig.»

An der Kernstruktur der Spielvi-Frauen zu rütteln vermochten auch die jüngsten Kapriolen des FC Schaffhausen nicht: Ab Juli, wenn die laufende Saison beendet ist, will der FCS eine eigene Frauenabteilung stellen, die sich von der untersten Liga nach oben spielen soll – leistungsorientiert, wie man den FCS kennt. Der Klub spekulierte dafür auf eine Zusammenarbeit mit der eingespielten Spielvi. Diese aber erteilte ihm eine Abfuhr: Der Breitensport, die Nachwuchsförderung und der Vereinsgedanke stehe bei ihr im Vordergrund. Vereinzelte Spielvi-anerinnen werden Stand jetzt zwar wechseln, darunter vier des ersten Frauenteams, jedoch keine aus dessen Mitte.

Nachwuchsförderung in house

Im Windschatten der Frauen 1 konnten in der Spielvi ganze Generationen Wurzeln schlagen: 2021 – im Jahr, in dem die Pionierinnen um Pascale Pfeiffer in die dritte Liga aufgestiegen waren – trainierten in der Frauenabteilung bereits 80 Mädchen und Frauen ab acht Jahren, 2023 waren es deren 100. Und jetzt sind in den sieben Teams schon über 150 Spielerinnen im Einsatz. «Das ist klar ein Verdienst der Frauen, die sich nicht nur als Spielerinnen, sondern auch als Trainerinnen, im Vorstand sowie als Funktionärinnen sichtbar machen», sagt Lara Galliker. Sie ist zusammen mit Pfeiffer für die Juniorinnenabteilung zuständig. «Diese enorme Präsenz führt dazu, dass Nachwuchsspielerinnen Vorbilder sehen und eine Perspektive haben: Der Verein bietet ihnen auch nach der Juniorinnenzeit eine Bühne, ob auf dem Feld oder in einer leitenden Rolle.» Aus diesen Gründen, sagt Galliker, gelinge die Integration des Nachwuchses ins erste und zweite Frauenteam.

Aktuell jüngstes Teammitglied ist Fiona Gloor: Die 16-Jährige steht im Spiel gegen Züri Unterland in der ersten Halbzeit im Goal, in der zweiten übernimmt die erfahrene 21-Jährige Ramiya Mahentiran. Rotationen wie diese gehören in anderen Teams nicht zur Spielstrategie. Coach Gaetano Longhitano hat dafür aber deutliche Worte: «Ich bin der Meinung: Du brauchst alle, um zu gewinnen.» Ihm sei es wichtiger, Vertrauen zu zeigen und seine Spielerinnen auf diese Art anzuspornen, anstatt immer nur die beste Elf auf den Rasen zu stellen. «Ich will, dass die Ladies jetzt keinen Druck verspüren, sondern einfach ums Verrecken gewinnen wollen. Nicht müssen: wollen.»

16 Spiele ungeschlagen

Zusätzlich angespornt sind die Frauen, weil der Aufstieg für manche schon drei Mal nicht geklappt hat – einmal sogar sehr knapp. «Die Enttäuschung darüber war saugross», erinnert sich Pascale Pfeiffer. «Wir sind dieses Mal aber mehr Spielerinnen, wir sind fitter als letztes Mal, und wir haben ein Netz, das uns unterstützt: Aushilfen aus dem Frauenteam 2, der Vorstand, Helferinnen und Fans an der Seitenlinie tragen uns. Auch das war vor zwei Jahren anders.» Und trotzdem, ergänzt Pfeiffer, sei das Frauen 1 bescheiden geblieben. «Wir gehen in Bezug auf unser Können tendenziell zu demütig auf den Platz. Das ist nicht immer ein Vorteil, aber jetzt hilft es uns, bis zum Schluss konzentriert zu bleiben. Wir wissen, es ist noch nicht gelaufen.»

Gerade kämpfen die Spielvi-Frauen an drei Wochenenden hintereinander gegen die gewichtigsten Gegnerinnen ihrer Liga. Gegen Züri Unterland machten sie vor zwei Wochen das 4:2. Am Sonntag nach dem Gespräch mit der AZ, vor fünf Tagen also, holten die Schaffhauserinnen gegen die Tabellenzweite Veltheim ein 3:3 heraus – der Sieg über den temporeichen und emotionalen Match war nah, in den letzten Minuten schoss die Spielvi allerdings mit einem Eigengoal den Ausgleich. Trotzdem: Seit genau 16 Spielen sind die Spielvi-Frauen schon ungeschlagen.

Im dritten Spiel kommenden Sonntag bestreiten sie Team Furttal, das sie in der Hinrunde mit 3:2 geschlagen haben. Tabellenerste sind sie schon jetzt – und sie haben einen guten Vorsprung an Punkten zur Konkurrenz Veltheim. Gewinnen sie auch dieses Mal, steht dem Aufstieg in die zweite Liga nichts mehr im Weg.

Aus der Kurve heisst es: Das wär der krasseste Sieg des Frauenfussballs seit dem zusammengekauften Triumph des FC Neunkirch. Und was sagt das Team?

«Manchmal bin ich etwas sprachlos», sagt Anela Ademi. «Gerade kommen so viele Emotionen zusammen: Befriedigung, weil wir so viel investiert haben und sich das in den meisten Ergebnissen widerspiegelt. Druck, weil wir schon lange daran arbeiten. Und einfach riesige Freude, dass es so gut läuft und wir das zusammen geschafft haben.»

Lara Galliker sagt, dass ein Aufstieg des ersten auch dem zweiten Team neue Bahnen öffnen würde, das jetzt nur eine Liga weiter unten spielt – denn dieses kann nur aufsteigen, wenn es auch das erste schafft. «Und uns würde der Aufstieg mehr Respekt verschaffen. Nicht zuletzt wäre es schlicht auch ein ‹Lucky Punch›, wenn es uns im zehnten Jahr gelingen würde.»

Die sechs Pionierinnen, die sich in- und auswendig kennen; die Integration talentierten Nachwuchses, der schnell auch Spielzeit erhält; das dahinterstehende Vertrauen der Coaches in ihr Team; und nicht zuletzt die höhere Resilienz und Fitness: Hinter dem jetzigen Erfolg der Spielvi-Frauen stehen verschiedene Gründe. Hört man sie darüber sprechen, wie sie zueinander stehen und wie stolz sie angesichts ihres Erfolgs aufeinander sind, ist es ein Leichtes, sich vom Spielvi-Fieber anstecken zu lassen.

Der Merksatz von Coach Longhitano ist eingebrannt: Nicht müssen, sondern wollen.

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Von einem, der sich treiben liess https://www.shaz.ch/2026/05/11/von-einem-der-sich-treiben-liess/ Mon, 11 May 2026 06:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10913 Weidlingsbauer Urs Kohler geht in Pension. In den letzten Jahren war er nicht mehr so oft im Schaaren anzutreffen. Wer ist der Mann hinter den Booten? Ein mit Filzstift beschriebenes Schild weist die steile Treppe zum Büro von Urs Kohler hoch, das wie ein Horst über der Holz-Werkhalle in Thayngen liegt. Oben steht Kohler hinter […]

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Weidlingsbauer Urs Kohler geht in Pension. In den letzten Jahren war er nicht mehr so oft im Schaaren anzutreffen. Wer ist der Mann hinter den Booten?

Ein mit Filzstift beschriebenes Schild weist die steile Treppe zum Büro von Urs Kohler hoch, das wie ein Horst über der Holz-Werkhalle in Thayngen liegt. Oben steht Kohler hinter seinem Reissbrett. Und ständig läutet das Telefon.

«Das chömer scho aaluege» – «chömer mache» – «kei Problem». Kohler, in kurzer Arbeitshose trotz Apriltag von 10 Grad, schreibt einen weiteren Termin auf seinem Reissbrett ein. Auf diesem plant er die letzten Wochen bis zu seiner Pensionierung. Mit Kugelschreiber und Leuchtstift hat er ein gedrungenes, rudimentäres Raster aufs Papier gezeichnet. «Das müsst ihr nicht verstehen. Das muss nur ich verstehen», meint er.

Am 30. Juni ist sein letzter Arbeitstag. Fünf Weidlinge fertigt der Zimmermann bis dahin noch an, bevor er das Geschäft in die Hände seines Nachfolgers legt. Damit endet eine Ära auf dem Rhein.

Urs Kohler ist ein Mann, der Fragen mit zusammengezogenen Augenbrauen begegnet und geradeheraus antwortet. Fast demonstrativ kratzt er sich mit dem Baumeter am Rücken. Er ist aus knorrigem Holz geschnitzt. Und genau betrachtet sind seine Boote, in denen ganz Schaffhausen auf dem Rhein treibt, ein wenig wie er.

Sein eigener Herr

Für Urs Kohler müssen die Dinge handlich sein und funktionieren. Auf der Werkbank steht sein Computer: ein uralter Windows 98, der noch nie das Internet gesehen hat. «Der ist tiptop und braucht keine Updates, der läuft einfach.» Den Laptop daneben braucht Kohler nur für Mails. Auch der abgewetzte Bürostuhl tut seinen Dienst noch, alles im Raum ist mit einer dünnen Schicht Sägemehl überzogen.

Ein anderer hätte hier oben vielleicht ein schöne Fensterfront mit Blick nach draussen eingebaut. Doch Kohler stören die milchigen Kunststoffplatten, die ihrer statt montiert sind, nicht. Rustikal sei es hier, findet er, und beisst in sein Znüni-Sandwich.

Das ungezwungene Leben hat es ihm schon immer angetan. Er sei sehr freiheitsliebend, sagen Freunde. Urs Kohler, früher auch Gögs genannt (wieso, das wisse er auch nicht wirklich), ist in Neuhausen aufgewachsen. Ursprünglich lernte er Betriebsdisponent bei der SBB: Einen Kleinbahnhof eigenständig führen und verwalten, diese Vorstellung passte ihm. So wurde er als junger Mann Bahnhofsvorsteher in Schlatt, wohnte in der Dienstwohnung am Gleis.

«Natürlich ist es eine schöne Aufgabe.
Aber ich habe das nicht gesucht, es hat sich einfach ergeben.»

Urs Kohler

Aber bald zog es ihn in die Welt hinaus. Er packte seine Sachen und ging für ein Jahr nach Amerika. Nach seiner Rückkehr hatte die SBB keine Stelle mehr frei, so fing er als Handlanger auf dem Bau an, holte später den Zimmermannsbrief nach.

Nach weiteren Aufenthalten in Amerika, wo er Jugendcamps und Reisen leitete, machte er sich 1993 selbstständig: zusammen mit Schreiner Christian Bareiss mietete er die Halle in Thayngen, wo die beiden seither ihre getrennten Handwerksbetriebe führten (auch Bareiss übergab seine Nachfolge kürzlich in junge Hände).

2002 kam ein entscheidender Umbruch für Kohler: Kollege Peter Wanner rief ihn an und fragte, ob er sein Weidlings-Geschäft übernehmen wolle. Wanner, der einzige Schaffhauser, der damals traditionelle Weidlinge baute, wollte in die Philippinen auswandern. Und kaum ein Handwerker, den man beim Stacheln auf dem Rhein antraf, hatte auch die Räumlichkeiten, um die Zehnmeter-Boote zu bauen.

Kohler schon. Nach einigen Diskussionen zu Hause – er war damals bereits junger Vater – wagte er den Schritt. Er kaufte Wanners Knowhow und die nötige einmalige Zehnmeter-Längskreissäge, die früher dem Militär gehörte.

Originelle Interessen

Neben der grossen Holzwerkhalle liegt Urs Kohlers Werft. Hier harrt ein halbfertiger Weidling eingespannt seiner Vollendung. Kohler lässt seinen prüfenden Blick vom Weidlingsspitz über die Länge der Bootskante gleiten. Er sucht die Ideallinie. «Das muss man von Hand abschleifen, es darf nicht holpern.» Als Nächstes wird er die Schnürleiste auf die Bootskante zimmern sowie etwas weiter unten zur Verstärkung die Schnürlatte, auf die man sich setzen kann.

An der Bauweise, die er von Peter Wanner übernahm, hat Kohler praktisch nichts geändert. Er ist nicht der Perfektionist, der von der Suche nach der besten, elegantesten Lösung getrieben wird. Für Kohler muss es nichts Spezielles, nichts möglichst Innovatives sein.

Das war auch nicht nötig. Das Geschäft lief nach der Übernahme gut, neben Weidlingen bot Kohler weiterhin andere Holzbauarbeiten an. Bald hatte er bis zu fünf Angestellte. Doch er war nie der Selbstständige, der sich rund um die Uhr abrackert, um sein Business voranzutreiben. Auf seiner Website heisst es bis heute, diese sei noch «in Aufbau». Denn was braucht man schon mehr, als Kohlers Kontaktangaben?

Kohler strebte nicht danach, immer grösser zu werden. 2016 fällte er einen bemerkenswerten Entscheid. Er fuhr seine gewachsene Zimmerei wieder zum Quasi-Einmann-Betrieb herunter. Fortan baute er vor allem noch Weidlinge. «Der Sohnemann war damals gross, den mussten wir nicht mehr durchfüttern. So konnte ich etwas reduzieren», meint Kohler heute.

Schliesslich hatte er neben dem Job immer auch andere vielfältige Interessen. Er ging oft zu Berg und ist bis heute angefressener Gleitschirmflieger. Und auch über das eine oder andere originelle Hobby mag man staunen: So trat Kohler bereits mehrfach als Statist im Fernsehen auf. Seine Frau und er schauten manchmal «Inspector Barnaby», wo viel in Pubs rumgesessen wird. «Ich habe immer gesagt, ich möchte einfach mal in einem Film in einer Ecke sitzen und ein Bier trinken», so Kohler belustigt.

Der Wunsch erfüllte sich: Als er für den Film über «Zwingli» wegen eines Weidlings angefragt wurde, heuerte er sogleich auch als bärtiger Fährmann an. Und auch sein Bier in der Beiz bekommt er in einer späteren Filmszene noch vorgesetzt. Träumchen erfüllt, Bier getrunken. Auch wenn im Becher eigentlich nur Wasser war.
Der Bootsbauer ist zufrieden mit dem Leben. Eben auch, weil er das kann: sich zufrieden geben.

Nur nichts Hochgestochenes

Andere (meist Männer) mögen etwas Archaisches darin sehen, ein Boot zu bauen. Geeignet, um Bedeutungsvolles zu tun. Nicht so Kohler: «Natürlich ist es eine schöne Aufgabe. Aber ich habe das nicht gesucht, es hat sich einfach ergeben.»

Urs Kohler macht die Sachen so, wie er für sie richtig hält und zerdenkt sie nicht. Er wehrt sich auch mit Händen und Füssen gegen jeglichen philosophischen Überbau, Hochgestochenes geht ihm gegen den Strich. Über Studierte, insbesondere Lehrer, spöttelt er gern und bei Kunden kann er auch mal etwas ruppig klingen. Der Bootsbauer ist beileibe keiner, der höfelet.

In den vergangenen Jahren sah man ihn auch kaum auf dem Rhein und im Schaaren an den Wochenenden. Denn brät er dort eine Wurst am Feuer, wird er ständig angehauen von Weidlingsleuten, die dieses oder jenes mit ihm besprechen wollen.

Manche der Altlinken scheuten sich auch nicht, ihn an einem Samstag wegen eines Problems anzurufen. Kohler war stets eine Schlüsselperson in der Szene rund um den Schaaren, dazugehören mochte er aber eher nicht. Im Grunde will er einfach seinen Frieden.

Die Verantwortung ist ihm aber wichtig. Das merkt man gerade auch jetzt, wo es um seine Nachfolge geht. Es liegt ihm viel daran, dass sein Bootsbaubetrieb ruhig und zuverlässig in neue Gewässer übergehen kann. Ende Saison übergibt der 68-Jährige das Ruder seinem temporären Mitarbeiter der vergangenen sechs Jahre: Oliver Leutwiler.

Aus anderem Holz

Kohlers Nachfolger ist aus anderem Holz geschnitzt. Leutwiler ist gelernter Orgelbauer. Der 30-Jährige hat eine gewinnende, sanftmütige Art. Er ist ein präziser Feinhandwerker und setzt sich gern mit historischer Baustilkunde auseinander. Der Bootsbau sei etwas grober, sagt er, fasziniere ihn aber genauso wie die Kunst des Orgelbaus: «Der gemeinsame Nenner ist das alte Holzhandwerk. Bei Orgeln als auch Booten handelt es sich um schöne, einzeln angefertigte Objekte. Beim einen ist es die Verbindung zur Musik, die ich stimmig finde, beim andern jene zum Wasser.»

Er wolle die Weidinge nicht neu erfinden, habe aber Lust, sie weiterzuentwickeln und gewisse Dinge zu optimieren, wenn er es sich denn zeitlich leisten könne. So wolle er am Kistenmechanismus tüfteln und allenfalls Zubehör für den Weidling entwickeln. Neben den Booten müsse er in der Nebensaison sowieso auch weiteres Holzhandwerk anbieten, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten: «Ich denke etwa an die Restaurierung alter Holzobjekte.»

Halle und Inventar übernimmt er von Kohler vorerst mietweise. Ob der Patron dem Weidlingsbau ein Tränchen nachweinen wird, wenn er am 30. Juni den Schlüssel für seine Werft übergibt?
«Nein», sagt dieser verschmitzt. «Ich kann mich gut trennen.» Dennoch schaut auch er wohlwollend auf die Früchte seiner Arbeit.

Ein Highlight war für ihn das Langschiff, das er für die historische «Hirsebreifahrt» von Zürich nach Strassburg im Jahr 2016 herstellen durfte – sowie ein zweites für die Fahrt, die just kommenden August wieder stattfindet. Selbst wenn man nichts von Sentimentalitäten hält: Das ist ein runder Abschluss.

Und was die Zeiten betrifft, welche Kohler nicht mehr auf dem Reissbrett in seinem Büro planen muss: Er hat schöne Pläne für die Pensionierung. Gleitschirmfliegen, Wandern, Holzen, Werken – und vielleicht die eine oder andere Bieridee. Er spiele mit dem Gedanken, zusammen mit Kollegen einen Bagger zu kaufen – um zu baggern.

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Sie muss, sie muss zu viel https://www.shaz.ch/2026/05/08/sie-muss-sie-muss-zu-viel/ Fri, 08 May 2026 06:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10903 Die Bachstrasse scheitert an den Ansprüchen, die an sie gestellt werden. Nun will die Stadt sie aufwerten. Nur: Macht auch der Kanton mit? Sie ist gerade einmal 750 Meter lang. Und doch ist die Bachstrasse jüngst wieder zum Schauplatz gehässiger Voten und autokratischer Forderungen geworden: von Grünen und mehr oder weniger grünen Liberalen, von gegängelten […]

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Die Bachstrasse scheitert an den Ansprüchen, die an sie gestellt werden.
Nun will die Stadt sie aufwerten. Nur: Macht auch der Kanton mit?

Sie ist gerade einmal 750 Meter lang. Und doch ist die Bachstrasse jüngst wieder zum Schauplatz gehässiger Voten und autokratischer Forderungen geworden: von Grünen und mehr oder weniger grünen Liberalen, von gegängelten PKW-Mobilisten und verdrängten Velofahrerinnen. (Von den Schaffhauser:innen, die tatsächlich an dieser Strasse wohnen, hört man dagegen nichts – man muss annehmen, dass ihre Stimmen im Lärm untergehen.)

Mitten im Gerangel standen bis letzte Woche auch die Regierungen von Stadt und Kanton: In erstaunlichem Tempo setzte letzterer im April ein Postulat um, das ihm per 1. Mai die Vormacht über die Bestimmung der maximalen Fahrgeschwindigkeit auf der Bachstrasse gab. Eine Gruppe Städter:innen sammelte darauf, ebenfalls in erstaunlichem Tempo, 875 Unterschriften für eine Temporeduktion und überreichte sie dem Stadtrat – wohl in der Hoffnung, dass dieser in letzter Minute das Steuer herumreissen würde (siehe Seite 17 in dieser AZ).

Darauf liess sich der Stadtrat letztlich nicht ein, wohl wissend, dass er mit solchen Provokationen beim Kanton abblitzen würde. Die Spannungen betreffend Temporeglementen in der Stadt bleiben bestehen – das zeigt sich jetzt auch im südlichen Teil der Altstadt (siehe dazu Seiten 2 und 7 dieser AZ).

Mitten in dieser Gemengelage und fernab der Aufmerksamkeit, hat die Stadt Anfang April die Aufwertung der Bachstrasse öffentlich ausgeschrieben. Das Dossier hat Potenzial, zum nächsten Austragungsort verkehrspolitischer Querelen zu werden. Denn die Visionen der Stadt sind weit fortgeschritten. Das zeigen die Ausschreibungsunterlagen, in welche die AZ Einsicht hatte.

Problem Nummer 1: der Platz

Auf der Bachstrasse müssen im äussersten Fall schon heute zwei Lastwagen und mindestens ein Velo, sicher aber zwei Velos und zwei Autos aneinander vorbeikommen. Daran ändert sich auch mit der Aufwertung nichts: zwei Fahrspuren für den motorisierten Verkehr, umsäumt von je einem Velostreifen und einem Trottoir.

Im Vergleich zum Jetzt ändern sich lediglich die Verhältnisse dieser Spuren: Die Trottoirs sollen durchgehend zwei Meter breit (und damit normkonform) und die Velospuren durchgehend 1,8 Meter breit werden. Für den motorisierten Verkehr bleiben damit 5,6 Meter für beide Spuren – aktuell sind es drei bis vier Meter pro Spur. Rundherum gibt es Veloabstellplätze und, wo Platz übrig ist, Baumalleen.

Das ist das eigentliche Stichwort an der Bachstrasse: der Platz. Die Stadt prüfte verschiedene Varianten, wie alle Verkehrsteilnehmenden gut und sicher aneinander vorbeikommen könnten und die Strasse auch optisch mehr hergeben würde. In einer Variante war der Radweg abgesetzt; das aber könnte zu Konflikten zwischen Velofahrenden und Fussgängerinnen führen.

In einer anderen erhielt das Auto gleich viel Platz wie jetzt; das ginge aber auf Kosten der Aufenthaltsqualität. Eine Variante wollte sogar den Gerberbach wieder freilegen; das wiederum hätte die Stadt eine ganze Velospur gekostet. Mehr Platz ist an der Bachstrasse faktisch nur auf zwei Arten zu haben: entweder, indem die teils schützenswerten Häuser an ihrem Rand abgerissen werden. Oder (tief durchatmen!) indem die Längsparkplätze auf der Westseite der Strasse abgebaut werden und der Autoverkehr in die halbleeren Parkhäuser am Altstadtrand einkehrt. Die Stadt hat sich vorerst für letzteres entschieden.

Die Bachstrasse muss zu viel

Zoomt man aus den Details aufs grosse Ganze, zeigen die Aufwertungspläne zwei Dinge.
Erstens: Die Aufwertung kann, aber muss nicht mit einer Tempobeschränkung auf 30 Stundenkilometer einhergehen. Das bestätigt Baureferentin Katrin Bernath auf Nachfrage. «Die Aufwertung und die Verkehrssignalisation waren immer unterschiedliche Themen. Die Aufwertung soll auch funktionieren, wenn auf der Bachstrasse weiterhin Tempo 50 gilt.»

In der Aufwertung der Bachstrasse mischt auch der Bund mit: Im Rahmen des Agglomerationsprogramms 2. Generation (kurz AP2) beschloss er, das Projekt mitzufinanzieren. Das ist mittlerweile über zehn Jahre her. Später war die Bachstrasse auch als flankierende Massnahme für den zweiten Fäsenstaubtunnel vorgesehen.

Aber, so Bernath: «Die Aufwertung der Bachstrasse, wie sie im AP2 vorgesehen ist, war von Beginn weg zeitlich auf mindestens zehn Jahre vor der Eröffnung der zweiten Röhre angelegt. Sie muss auch funktionieren, wenn es keinen zweiten Tunnel gibt.» Dass die Aufwertung auch mit Tempo 50 funktional ist, bestätigt ein Gutachten der Stadt, das die AZ auf Anfrage erhalten hat (siehe Infokasten unten).

Das Tempo-Gutachten zur Bachstrasse (hier klicken für mehr):

Im Kontext des Aufwertungsprojekts schaute sich das Winterthurer Planungsbüro Unseld die Bachstrasse an und erstellte ein Gutachten zur möglichen Herabsetzung der Höchstgeschwindigkeit. Die AZ erhielt das Gutachten via Einsichtsgesuch auf Basis des Öffentlichkeitsgesetzes.

Insgesamt bescheinigt das Planerbüro «akuten Handlungsbedarf» an der Bachstrasse. Eine Temporeduktion muss nachweislich notwendig, zweckmässig und verhältnismässig sein – so will es das Gesetz. Im Gutachten steht fest, dass alle drei Parameter erfüllt sind, um an der Bachstrasse ein Tempo-30-Regime einzuführen – egal, ob dies im Rahmen des Aufwertungsprojekts oder unabhängig davon geschieht.

Zwar lasse sich eine Tempoherabsetzung auf 30 Stundenkilometer mit der Sicherheit und dem Verkehrsfluss auf der Bachstrasse nicht rechtfertigen. Aber: An nahezu allen Liegenschaften an der Bachstrasse wird der Immissionsgrenzwert überschritten. Die Strasseneigentümerin ist darum gesetzlich verpflichtet, Massnahmen zu ergreifen.

Eine Lärmschutzwand wäre, so die Gutachter weiter, mit dem Ortsbild unverträglich und auch aufgrund des baulichen Aufwandes unverhältnismässig. Mit Tempo 30 und einem lärmarmen Belag würde die Zahl der von Lärm Betroffenen dagegen auf Null sinken.

Nicht zuletzt empfehlen die Planer eine Umsetzung von Tempo 30 im Rahmen der Aufwertung. Rechtlich zulässig wäre sie aber auch vor deren Umsetzung.

Zweitens zeigen die Pläne, was die Bachstrasse derzeit alles können und sein muss. Nämlich so ziemlich alles: Fahrfläche für die unterschiedlichsten Kaliber auf Rädern, manchmal gar für den gesamten Autobahnverkehr; Parkfläche für PKWs und Haltestelle für Busse; gleichzeitig auch Schulweg für hunderte Kinder und Jugendliche, Spazierweg und Vorgarten zahlreicher Anwohner:innen, und nicht zuletzt: ein Ort, um vom einen belebten Quartier ins andere zu kommen. Das B in ihrem Namen steht längst für eine Beengung; die jetzige Baustelle auf Höhe des Schwabentors hat dies umso spürbarer gemacht.

Interessanterweise ist diese Beengung in der Geschichte der Bachstrasse angelegt. Ihre Zeiger waren von Anfang an nur auf eines gestellt: Wachstum, Wachstum, Wachstum.

Ein Opfer des eigenen Erfolg

Man muss fast 200 Jahre zurückgehen, um die Geschichte der Bachstrasse zu verstehen. 1831 zerbricht der Stadtstaat und führt in der Stadt Schaffhausen zu einem Umdenken. In der Hoffnung auf bessere Handelsbeziehungen trägt sie ihre Schutzmauern ab und baut auf dem freigewordenen Platz eine Ringstrasse. Auf der Ostseite der Stadt, wo noch bis 1862 der Ampelnturm in die Höhe ragt, entsteht die spätere Bachstrasse, die parallel zum damals noch stolzen Gerberbach verläuft. Dieser Bach plagt die Stadt immer wieder mit Überschwemmungen und engt zudem den aufkommenden Verkehr ein, weshalb sie ihn nach und nach und 1937 schliesslich ganz in den Untergrund verbannt (AZ vom 9. November 2023).

Die Bachstrasse hat von Anfang an zwei Aufgaben: Sie soll den Verkehr von der Altstadt fernhalten und die Quartiere zusammenbringen. Auf Höhe Schützengraben sowie in der Weber- und Repfergasse öffnet sich die Altstadt zur neuen Achse hin – auf der anderen Seite öffnet sich das Hafenviertel Unterstadt. So wird die Bachstrasse selber zum Quartier, wo gewohnt und Handel betrieben wird.
Als 1937 der letzte Teil des Gerberbachs überdeckt ist, fängt man an, Autos über die Bachstrasse zu lenken. Sie wird bald zur wichtigsten Nord-Südverbindung durch die Stadt.

Ein Tag im Jahr 1926: 82 Personenautos, 78 Lastautos, 98 Pferdefuhrwerke, 1166 Velos.

Ein Tag im Jahr 1934: 367 Personenautos, 214 Last- oder Lieferautos, 2 Busse, 142 Motorräder, 2174 Velos.

Ein Tag im Jahr 1947: 555 Personenautos, 383 Last- oder Lieferautos, 116 Motorräder, 2900 Velos, 7 Busse.

Noch bis in die 1960er-Jahre hält die Stadt an ihrer Durchgangsachse fest. Sie macht die Bachstrasse damit zum Opfer ihres eigenen Erfolgs. Im Jahr 1975 fahren tagtäglich 18 000 Autos durch die Strasse, die darum einen neuen Namen erhält: «Stöhnerachse». Geld, um etwas daran zu ändern, nimmt die Stadt damals noch nicht in die Hand. Als etwa der Architekt Emil Winzeler vorschlägt, die Bachstrasse im Einbahnregime umzugestalten, um das Wohngebiet vom Verkehr zu entlasten, antwortet der damalige Baureferent Jörg Aellig: teuer, darum unrealistisch. Am gleichen Argument scheitern Träume, die Bachstrasse abzusenken – oder ganz vom Verkehr zu befreien.

Der Kanton hat derweil andere Pläne: Er fördert eine Autobahn, die den Transitverkehr schlucken und die Stadt gleichzeitig an den internationalen Warenverkehr anschliessen soll. Bis diese Autobahn kommt, spitzt sich die Lage an der Bachstrasse weiter zu: In den 1990ern preschen jeden Tag 20 000 Autos über sie.

An Auffahrt 1992 blockieren Aktivist:innen der Gruppe «atemlos» die Bachstrasse und protestieren gegen die schlechte Luft. Von der Passerelle aus seilen sie Fahrräder, Kinderwagen und Stoffpuppen ab.

Aufatmen können die Bachstrasse und ihre Stadt erst 1996: Mit der Eröffnung der Autobahn halbiert sich der Verkehr innert weniger Jahren. Auf diesem Stand verharrt die Bachstrasse bis heute mit rund 10 000 Fahrzeugen an einem durchschnittlichen Wochentag.

Perspektivenfragen

Stadt und Kanton hatten also schon früh unterschiedliche Vorstellungen davon, was aus der Bachstrasse werden soll. Dahinter stehen zweifellos politische Differenzen zwischen den beiden Exekutiven und ihren Räten. Es ist aber auch schlicht eine Frage der Perspektive.

Für den Kanton war und ist die Bachstrasse eine wichtige Achse zwischen Stadt und Land. Und sie ist Teil eines Leistungsnetzes zwischen Stuttgart, Zürich und dem Bodenseeraum – der Regierungsrat förderte die Autobahn, weil die Bachstrasse diesen Verkehr nicht schlucken konnte. Die Stadt hingegen, die ein lebenswerter und sicherer Lebensraum für ihre Einwohner:innen sein will, sieht in der Bachstrasse einen Störfaktor mitten im Siedlungsgebiet.

«Heute sind über 300 Menschen an der Bachstrasse übermässigem Lärm ausgesetzt», sagt die städtische Baureferentin Katrin Bernath. «Im Sanierungshorizont 2043 sind es schon rund 570. Ergreifen wir keine Massnahmen, sind diese Menschen von Überschreitungen der Lärmgrenzwerte betroffen.»

Tagsüber werden an der Bachstrasse bis zu 70 Dezibel gemessen, nachts bis zu 60 Dezibel.
Auch auf diesen Umstand will das Aufwertungsprojekt reagieren. Es hat allerdings ein letztes Problem: die Zeit.

Problem Nummer 2: die Zeit

Das Agglomerationsprogramm der 2. Generation, von dem bereits die Rede war, läuft nur noch bis Ende 2027. Für die Stadt bedeutet das: Bis dann muss eine Finanzierungsvereinbarung mit dem Bund vorliegen – ansonsten verfallen die 1,1 Millionen Franken Fördermittel, die das AP2 einst in Aussicht gestellt hat.

Der Zeitdruck lässt sich auch am aktuellen Plan des Tiefbauamts ablesen: Demgemäss muss bis Ende dieses Jahres ein Bauprojekt vorliegen. Danach stehen für den gesamten politischen Prozess nur noch wenige Monate zur Verfügung. Denn bevor die Stadt weiter umsetzen kann, muss der Regierungsrat das Kantonsstrassenprojekt genehmigen und der Kantonsrat den Kredit für den Kantonsbeitrag sprechen. Danach muss auch noch der Bund alles absegnen. Verzögerungen liegen also eigentlich nicht drin.

Nur: Wird der bürgerlich dominierte Kantonsrat ein Projekt, in dem es auch nach Bäumen und Parkplatzabbau riechen könnte, durchwinken? Die aktuellen verkehrspolitischen Debatten rund um Tempo 30 oder 50 stehen symptomatisch für die Differenzen zwischen Stadt und Kanton sowie zwischen Links und Rechts.

Baudirektor Martin Kessler sagt auf Anfrage: «Das Tiefbauamt arbeitet im Auftrag der Stadt. Der Regierungsrat hatte bis jetzt gar nicht mit dem Aufwertungsprojekt zu tun.» Er selber habe sich daher noch nicht im Detail damit beschäftigt. Das wird er bald ändern müssen. Zum AP2 hat Kantonsrat Maurus Pfalzgraf (Grüne) diese Woche eine Kleine Anfrage mit suggestivem Titel eingereicht: «Riskiert der Regierungsrat, dass eine Bundesmillion den ‹Bach› heruntergeht?»

Auch der Kantonsingenieur Dino Giuliani mahnt: «Ich schätze das Risiko, dass der Planungsprozess und der politische Prozess sich verzögern und das Bewilligungsverfahren bis Ende 2027 nicht eingeleitet werden kann, als erheblich ein. Die Welt ginge damit nicht unter, die Bachstrasse ist auch heute funktionsfähig. Es wäre einfach schade, mit Verbesserungen länger zuwarten zu müssen.»

Giuliani ist aber zuversichtlich, dass ein Projekt gelingt, das auf beiden Seiten – Stadt und Kanton – auf Zustimmung stösst. «Unterschiedliche Meinungen betreffen lediglich die Signalisation der Höchstgeschwindigkeit, nicht die Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur.»

Die Räte dürfen noch zeigen, ob sie das auch so differenziert sehen.

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Das Erdbeben von Flurlingen https://www.shaz.ch/2026/05/01/das-erdbeben-von-flurlingen/ Fri, 01 May 2026 06:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10859 Der «Bindi-Streik» bewegte vor 80 Jahren die ganze Schweiz. Eine historische Spurensuche zwischen dem Arova-Gelände in Flurlingen und dem Sozialarchiv in Zürich. Flurlingen, Juni 1946. Dutzende Arbeiterinnen sitzen dicht gedrängt in einem Saal und blicken für ein Foto in die Kamera. Auf den Tischen stehen halbvolle Biergläser, an den Kleiderbügeln hängen Taschen und Jacken. Die […]

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Der «Bindi-Streik» bewegte vor 80 Jahren die ganze Schweiz. Eine historische Spurensuche zwischen dem Arova-Gelände in Flurlingen und dem Sozialarchiv in Zürich.

Flurlingen, Juni 1946. Dutzende Arbeiterinnen sitzen dicht gedrängt in einem Saal und blicken für ein Foto in die Kamera. Auf den Tischen stehen halbvolle Biergläser, an den Kleiderbügeln hängen Taschen und Jacken. Die Frauen tragen Hemden, in manchen Gesichtern stehen Zweifel und Müdigkeit. Doch die Mehrheit der versammelten Arbeiterinnen strahlt Freude aus. Zu jenem Zeitpunkt ahnen sie wohl schon, dass sich ihr Risiko in der Not lohnen wird. Sechseinhalb Wochen lang legen sie ihre Arbeit nieder – und werden den Kampf gegen die Betriebsleitung gewinnen.

Zum 80. Mal jährt sich in diesem Mai der Beginn des Streiks in der Bindfadenfabrik in Flurlingen, wo jahrzehntelang aus Hanf, Sisal und später aus Kunststoff Schnüre, Seile oder Gürtel hergestellt wurden. Als billigere Arbeitskräfte und wegen der stereotypen Zuschreibung einer besseren Feinmotorik machten Frauen damals den Grossteil der Angestellten in der Textilindustrie aus. Doch da sie gewerkschaftlich nur schwach organisiert waren, barg die Arbeitsniederlegung für Frauen besondere Gefahren. Bei Streiks in der Schweiz im frühen 20. Jahrhundert wurden Arbeiterinnen etwa auf schwarze Listen bei anderen Arbeitgebern gesetzt oder deren Kinder sogar der Zugang zur städtischen Krippe verweigert.

Doch als die Fabrikleitung der «Bindi» nach dem Zweiten Weltkrieg trotz der kontinuierlichen Lohnsenkungen auch noch Grenzgängerinnen aus Deutschland zu Dumpinglöhnen engagieren wollte, hatte die Belegschaft genug. Angestellte legten sich auf die Strasse, als die Firma in Lastwagen versteckte Grenzgängerinnen in die Fabrik schleusen wollte. Mit dabei war die Schaffhauser AZ. Am 8. Mai 1946 publizierte sie einen Aufruf: «Die Belegschaft der «Bindi» ist gewillt, so lange keine Grenzgänger mehr im Betriebe zu dulden, bis die vertragliche Regelung der Löhne und Arbeitsbedingungen mit den Gewerkschaften geregelt sind.» Die Schaffhauser Nachrichten wiederum, die «freisinnige Hofpresse» und Sprachrohr «der «Flurlinger Millionäre», wie der ehemalige AZ-Chefredaktor Georg Leu in einer Broschüre zum «Bindi-Streik» schrieb, stellten sich gegen den Streik.

Nach sechseinhalb Wochen «hartem und opferreichem Kampf» erreichten die Arbeiterinnen eine Lohnerhöhung und zum ersten Mal einen Kollektivvertrag. Der «Bindi-Streik» wurde zum Kristallisationspunkt einer der grössten und erfolgreichsten Streikbewegungen der Schweizer Geschichte mit 159 Arbeitsniederlegungen und über 425 000 Beteiligten zwischen 1945 und 1949. Wieso war es ausgerechnet das kleine Flurlingen, von wo aus die Streikwelle Fahrt aufnahm?

Helikoptergeräusche

Spurensuche in der Gegenwart: An einem Mittwochnachmittag Anfang April tritt eine Frau mit einer Katzentragtasche aus dem Gebäude, in dem sich einst die Fabrikkantine befand. Heute ist es eine Tierklinik. Seit über 25 Jahren ist die 1968 in Arova umbenannte Bindfadenfabrik geschlossen. Statt dem Brummen von Textilmaschinen hört man hier tagsüber höchstens noch Geräusche aus einer Auto- oder Sägewerkstatt. Auch der King Fish Aquarienshop, der Bandraum der Mundart-Soul-Gruppe Min King und weitere private Mieter sind hier zu Hause. Die Zwirnerei von einst steht leer.

Wenn der Leiter des technischen Dienstes, Walter Weder, den renovierten ehemaligen Dachstock der Bindfadenfabrik betrachtet und sich überlegt, was hier einmal unterkommen könnte, kommt ihm ein Fitnessstudio in den Sinn. Die Vergangenheit spielt hingegen kaum eine Rolle. «Seit ich in den 1980er-Jahren hier begann, haben sich die Angestellten nie mit diesem Streik auseinandergesetzt», sagt Weder im Gespräch. Vor 40 Jahren begann er zunächst als Betriebsmechaniker, wurde dann Werkstattleiter und arbeitet nun als Leiter des technischen Dienstes der Arova Hallen. Er ist eine Art Haushistoriker und leitet Führungen für Besucher:innen.

Blick in den Maschinenraum der Bindfadenfabrik, 1949. Bild: zVg / Stadtarchiv Schaffhausen
Blick in den Maschinenraum der Bindfadenfabrik, 1949. Bild: zVg / Stadtarchiv Schaffhausen

«Nur einmal während meiner Zeit war der Streik Thema. Als die Gewerkschaft in den 1990er-Jahren noch einmal einen Aufruf zur Erinnerung lancierte. Unsere Geschäftsleitung erteilte ein Hausverbot.» Statt auf dem Gelände der Fabrik habe die Kundgebung beim Velounterstand stattgefunden. «Ich wusste, dass der Streik ein Erdbeben in der Schweiz ausgelöst hatte. Wir waren Pioniere. Aber die Fabrikleitung sah das natürlich nicht gerne.»

Auf die Frage, wie man sich den Ort 1946 vorstellen könne, antwortet Walter Weder mit Erinnerungen an die Geräusche der Bindfadenmaschinen, die er ab den 1980er-Jahren jeden Tag hörte. «Man konnte hier drinnen nicht ohne Gehörschutz arbeiten. Wenn man die Maschinen startete, tönten sie wie ein Helikopter. Als ob sie in die Höhe gingen.» Später beim Rundgang durch das Gelände zeigt Weder ein Haus, das früher als Kita für die Kinder der Gastarbeiter:innen genutzt wurde. Auch auf ein Gebäude, das während der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, weist Weder hin. Er bleibt vor den ehemaligen Fenstern der Fabrik stehen, durch die nur sehr wenig Licht einfiel. «Dunkel, stickig und dreckig war es vor 80 Jahren hier drin.» In vielen der Räume riecht es mittlerweile nach frisch geschliffenem Boden und neu gestrichenen Wänden. Nur in einem zeugen der abgewetzte Boden und die verklebten Betonstützen von den tonnenschweren Maschinen und dem staubigen Gewusel von damals.

Hörnli und Brot

Doch die schlechten physischen Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie waren nur einer der Gründe, weshalb die Angestellten 1946 ihre Arbeit niederlegten, wie die Historikerin Elisabeth Joris im Gespräch mit der AZ erzählt: «Man muss den Streik im Kontext der Situation der Frauen im Zweiten Weltkrieg sehen», sagt Joris. «In der Schweiz existierte der Industriestandort auch während des Kriegs. Die Belastungen für die Frauen waren hoch und ihre Löhne massiv niedriger als jene der Männer.» Wegen der Krise sanken die Reallöhne der Frauen dann noch mehr.

In ersten Streiks 1945 in der Baselbieter Schappe-Industrie, in der aus Abfallprodukten Seide hergestellt wurde, stellten Arbeiterinnen die Forderung nach besseren Stundenlöhnen. «Das Problem war, dass der Stundenlohn der Frauen in der Schappe-Industrie nicht einmal für ein Kilo Hörnli reichte», sagt die Historikerin. «Der Männerlohn hingegen reichte für ein Kilo Hörnli und ein Stück Brot.» Zahlreiche der Streiks zwischen 1945 und 1949 in der Textil- und Uhrenindustrie fanden vor dem Hintergrund der Lohnfrage statt und wurden von Frauen getragen. Exemplarisch dafür steht jener in der Bindfadenfabrik in Flurlingen 1946.

Die Streikwelle sei lange Zeit nicht erinnert worden. Erst im Zuge des Frauenstreiks 1991 begann Joris zusammen mit anderen Historikerinnen, sich vertieft mit den Arbeitsniederlegungen zwischen 1945 und 1949 zu beschäftigen. «Damals fragten wir uns, wann Frauen vor uns schon gestreikt hatten, und stiessen auf die Fotos aus der Zeit nach 1945, unter anderem auf jene aus Flurlingen.» Einige der Bilder liegen heute im Sozialarchiv in Zürich und zeugen von den Kundgebungen in jenen Jahren. «Man sieht auf den Bildern eine starke Präsenz der Frauen. Eine Lust am Aktivwerden», sagt Joris. Ihre Outfits seien vielfältiger als jene der Männer, die jeweils in einheitlichen Kleidern und mit erhobener Faust dastünden: «Die Frauen geben ein bunteres Bild ab. Sie strahlen Lebensfreude aus.»

Welle mit Erfolg

Neben Kundgebungen auf dem Walther-Bringolf-Platz kam es in der ganzen Schweiz zu Solidaritätsstreiks mit der «Bindi»-Belegschaft. Wieso es gerade der Arbeitskampf in Flurlingen war, der so viele Menschen mobilisierte, dafür hat der Direktor des Sozialarchivs, Christian Koller, eine Vermutung: «Vor allem die Frage der Grenzgängerinnen und das sehr schlechte Image Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg waren ausschlaggebend», sagt der Historiker im Gespräch mit der AZ. Die Fabrikleitung engagierte die deutschen Arbeiterinnen, kurz nachdem die Grenzen zum wirtschaftlich katastrophal dastehenden Deutschland wieder passierbar waren. «Die Leiter der Bindfadenfabrik standen da als schamlose Unternehmer, die zu den schlechtesten Bedingungen Grenzgängerinnen engagierten, von denen man nicht einmal wusste, ob sie bis vor Kurzem noch Anhängerinnen des Nationalsozialismus waren.» Verschiedene Gewerkschaften sahen im Arbeitskampf in der Bindfadenfabrik auch einen Warnstreik für etwas Grösseres. «Zu jener Zeit stand die Möglichkeit eines landesweiten Bauarbeiterstreiks im Raum. Der Bundesrat tat alles, um dies zu verhindern.» Die Angst vor einer Wiederholung des Landesstreiks von 1918, der damals herrschende Arbeitskräftemangel im Bau und die Wohnungsnot liess die Regierung nervös werden. Dass die neue Labour-Regierung in Grossbritannien gerade dabei war, den Kohlebergbau zu verstaatlichen, kam noch dazu: «In der Presse wurden Debatten darüber geführt, ob es bald keine freien Marktwirtschaften mehr geben würde ausserhalb der Schweiz.»

Rechte Seite: Angestellte der Bindfarbenfabrik posieren für den Fotografen in der werkeigenen Fremdarbeiterinnen-Unterkunft im Jahr 1963. Bild: zVg / Stadtarchiv Schaffhausen
Angestellte der Bindfarbenfabrik posieren für den Fotografen in der werkeigenen Fremdarbeiterinnen-Unterkunft im Jahr 1963. Bild: zVg / Stadtarchiv Schaffhausen

In dieser aufgeheizten Stimmung wussten die Gewerkschaften ihren Vorteil auszunutzen und sowohl der Arbeitskampf in der Bindfadenfabrik als auch Dutzende andere Streiks zwischen 1945 und 1949 waren erfolgreich. Die Statistik zeigt, dass die Löhne der streikenden Arbeiterinnen prozentual höher stiegen als jene der Angestellten, die nicht streikten. «Auch führte die Streikwelle nach 1945 zu zahlreichen Gesamtarbeitsverträgen, in denen die Friedenspflicht verankert wurde», sagt Koller. Er hält die einseitige Fokussierung der Streikgeschichte auf den Landesstreik 1918 und den sogenannten Arbeitsfrieden 1937 für nicht ausreichend. «Erst nach der Streikwelle zwischen 1945 und 1949 kam es zu einem massiven Rückgang der Arbeitsniederlegung.»

Mit dem Wirtschaftsaufschwung in den kommenden Jahrzehnten stiegen die Löhne massiv – und bis auf eine kleine Streikwelle während der Erdölkrise in den 1970er-Jahren ging lange Zeit nicht mehr viel. «In den 1970er-Jahren gab es Fälle, in denen die Gewerkschaften gar nicht mehr wussten, wie man einen Streik führt», sagt Koller. Erst in den 1990er-Jahren setzte in den Gewerkschaften eine Diskussion ein, die Streikfähigkeit wieder zu erlangen, um wenigstens in der Lage zu sein, bei Verhandlungen Streik anzudrohen.

Im April 2026 sind auf dem Arova-Gelände keine Spuren mehr des «Bindi-Streiks» von 1946 zu finden. «Die Arbeitsbedingungen, die vor 80 Jahren in der Bindfadenfabrik in Flurlingen herrschten, gibt es heute in der Schweiz nicht mehr», sagt Koller. «Sie existieren aber weiterhin an vielen anderen Orten der Welt, wohin die Textilindustrie ausgelagert wurde.»

Der Streik in der Bindfadenfabrik bleibt ein zentrales Ereignis der Schweizer Streikgeschichte – und ein eindrücklickes Beispiel dafür, wie ein Arbeitskampf zum Erfolg führen kann.

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Der Goldesel https://www.shaz.ch/2026/04/30/der-goldesel/ Thu, 30 Apr 2026 00:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10864 Die Windler-Stiftung in Schaffhausen ist reicher als der ganze Kanton. Wann wird das zu einem Problem für die Demokratie? von Marlon Rusch und Simon Muster Das Hallenbad der KSS hat schon bessere Tage gesehen. Der Uringeruch hat sich in die Fugen gefressen, die Garderoben verströmen den Charme einer Zivilschutzanlage, der Keller mit den technischen Anlagen […]

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Die Windler-Stiftung in Schaffhausen ist reicher als der ganze Kanton. Wann wird das zu einem Problem für die Demokratie?

von Marlon Rusch und Simon Muster

Das Hallenbad der KSS hat schon bessere Tage gesehen. Der Uringeruch hat sich in die Fugen gefressen, die Garderoben verströmen den Charme einer Zivilschutzanlage, der Keller mit den technischen Anlagen sieht aus wie eine Tropfsteinhöhle. Doch bald ist damit Schluss. Der Neubau soll keine Wünsche offen lassen: verschiedene Schwimmbecken, dazu ein Fitnessbereich, eine Saunalandschaft, ein Restaurant und eine Tiefgarage. Der Badetempel kostet 80 Millionen Franken und soll 2030 eröffnet werden. Es wird eines der teuersten Schwimmbäder sein, das in der Schweiz je gebaut wurde.

Möglich gemacht hat das die Windler-Stiftung. Als sich die Stadt 2021 mit der Frage beschäftigte, was für eine Badi sie sich künftig leisten kann, legte die Stiftung 30 Millionen Franken auf den Tisch. Damit war klar: Es wird die Deluxe-Variante (AZ vom 3. November 2023). Heute aber sagt der SP-Stadtparlamentarier Matthias Frick gegenüber der Schaffhauser AZ und der ZEIT: «Wir haben uns kaufen lassen.»

Die Windler-Stiftung ist die mächtigste Stiftung der Schweiz – gemessen an ihrem Wirkungsgebiet. Das Vermögen, das sie verwaltet, ist doppelt so gross wie das Eigenkapital des Kantons Schaffhausen. Und das KSS-Hallenbad ist nicht das einzige Beispiel dafür, dass die Stiftung in der Region immer mehr mitbestimmt.

Doppelt so reich wie der Kanton

Dabei fing die Stiftung bescheiden an. In den 1940er-Jahren erbten Jakob und Emma Windler aus dem Stein am Rhein von ihrem Grossonkel, dem Industriepionier Robert Gnehm, ein Aktienpaket der Basler Chemiefirma Sandoz. Statt das Erbe zu verprassen, lebten die kinderlosen Geschwister wie Kirchenmäuse. Den Kaffee, so erzählt man sich, brühten sie zweimal auf, um Geld zu sparen. Beim Bäcker liessen sie sich Wurstweggen ohne Füllung geben.

Nach ihrem Tod gingen die Aktien 1989 in die Jakob und Emma-Windler-Stiftung. Die Dividenden, so hatten es die beiden Stifter festgelegt, sollten für soziale Zwecke in der Heimat eingesetzt werden – und «zur Erhaltung und Verschönerung des überlieferten Ortsbildes von Stein am Rhein». Verwalten wird das Geld heute von einem vierköpfigen Stiftungsrat, in dem statutengemäss zwei Kaderleute der Novartis und die Stadtpräsidentin von Stein am Rhein sitzen.

Nachdem die Sandoz 1996 zusammen mit der Ciba-Geigy zum Pharmariesen Novartis fusioniert hatte, schossen die Aktienerträge in die Höhe. Vor der Fusion hatte das Paket jährlich etwas mehr als eine Million Franken eingebracht, 2010 waren es bereits über 20 Millionen.

Fast grenzenlos viel Geld also, um Stein am Rhein herauszuputzen. Die Sanierung der Burg Hohenklingen: 20 Millionen. Die Pflästerung der mittelalterlichen Altstadt: 15 Millionen. Ein neues Parkhaus (zur Verschönerung des Ortsbildes durch Auto-Entlastung): zehn Millionen.

Lange hinderten die eng formulierten Statuten die Stiftung, noch mehr Geld auszugeben.

Dann kam die Corona-Pandemie. Noch bevor der Kanton eine Lockerung des engen Stiftungszwecks bewilligte, begann die Windler-Stiftung, Steiner Gewerbetreibende vor dem Konkurs zu retten. Zudem sprach die Stiftung eine Million Franken und übernahm im ganzen Kanton Kita-Beiträge von Eltern, die ihre Kinder während des Lockdowns nicht in die Kita schickten und trotzdem zahlen sollten (AZ vom 28. Mai 2020).

Doch wie viel Geld die Stiftung auch ausgab, sie wurde reicher und reicher. Bei der Stiftungsgründung 1989 hatten die Aktien einen Wert von 31 Millionen Franken, heute sitzt die Stiftung auf 1,6 Milliarden Franken. Wohin also mit dem ganzen Geld?

Proaktives Fördern

Janine Händel ist sich gewohnt, mit grossen Zahlen zu jonglieren. Die Juristin und ehemalige Diplomatin leitete die Roger-Federer-Foundation, die laut eigenen Angaben drei Millionen Kinder in Afrika unterstützt hat. Seit einem Jahr ist sie Geschäftsführerin der Windler-Stiftung. Ihr Auftrag: die Institution zu transformieren. Händel sagt, die Stiftung wolle stärker «systemisch und strategisch« arbeiten, um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen: «Es ist ein Traumjob.» Im Zentrum der neuen Strategie steht eine «proaktive Fördertätigkeit». Weil viel zu wenige Fördergesuche eingehen, geht die Stiftung heute selbst auf Organisationen zu, bei denen sie «Handlungsbedarf» erkennt. Wie ihr Vorgänger führt Händel die Geschäfte von einem kleinen Büro in der Steiner Altstadt aus, inzwischen hat sie aber zwei Dutzend Leute unter sich, die sich in Kultur, Gesellschaft, Bildung und Sozialem auskennen und die Projekte begleiten. Einige davon streifen als Scouts durch den Kanton und halten Ausschau nach neuen Projekten. »Die Statuten lassen uns grossen Freiraum«, sagt Händel. Nur geografisch seien ihr enge Grenzen gesetzt: Es dürfen nur Projekte mit einem Bezug zum Kanton Schaffhausen gefördert werden. Mit der neuen Strategie hat die Stiftung im vergangenen Jahr 41,5 Millionen Franken vergeben, so viel wie noch nie. 307 Projekte erhielten Geld ­– vom Theaterfestival in Stein am Rhein über den Neubau des Tierheims in Schaffhausen bis zu einem Jugendtreff in Merishausen.

Kann daran etwas falsch sein? Sehr wohl, findet der SP-Grossstadtrat Matthias Frick. Für ihn ist die Windler-Stiftung «ein Motor für die Privatisierung»

Bei der Suche nach neuem «Handlungsbedarf» wird die Stiftung immer öfter in Bereichen fündig, für die eigentlich die öffentliche Hand zuständig sei – etwa beim Bau eines neuen KSS-Schwimmbads. Doch eigentlich darf die Stiftung den Staat nicht in seinen Grundaufgaben unterstützen, die Statuten schliessen das «in der Regel» aus. Damit das Geld trotzdem fliessen kann, braucht es kreative Lösungen.

Eine solche fand die Stadt etwa 2020, als sie sich entschied, die Bachturnhalle in ein Theater umzubauen. Dafür übernahm sie nur einen Teil der Kosten, etwa für die Sanierung der Fassade oder der sanitären Anlagen. Den Innenausbau zum Theater finanzierte zum grössten Teil die Windler-Stiftung. Damit das Geld für den Ausbau der städtischen Liegenschaft fliessen konnte, überwies die Stiftung das Geld an den Verein Schauwerk.

Finanzreferent Daniel Preisig bestätigt, dass sich die Stadt und die Windler-Stiftung besprechen, wenn grosse Investitionen anstehen: «Wir treffen uns regelmässig.»

Doch bei diesen kreativen Lösungen, findet Frick, gebe die Stadt der Stiftung zu viel Einfluss. Das habe sich beim Neubau des KSS-Schwimmbads gezeigt. Dieses wird seit Jahrzehnten von einer Genossenschaft betrieben. Die Stadt hält zwar 97 Prozent der Genossenschaftsanteile und betreibt es damit faktisch. An der Generalversammlung hat sie aber nur eine Stimme unter Hunderten.

2019 forderte der Grosse Stadtrat deshalb ohne Gegenstimme, dass die Kontrolle der öffentlichen Hand gestärkt werden müsse, etwa indem das Bad in eine städtische Verwaltungsabteilung eingegliedert wird. Doch dann kamen die Neubaupläne und das 30-Millionen-Geschenk der Windler-Stiftung (AZ vom 3. März 2022). «Damit war klar, dass die Genossenschaft bleiben wird», erinnert sich Matthias Frick, der vor ein paar Wochen beim Stadtrat einen Vorstoss mit kritischen Fragen zur Zusammenarbeit mit der Stiftung eingereicht hat. Er sagt: «Um an das Geld zu kommen, verzichtet das Parlament auf demokratische Kontrolle.»

Das «Phänomen Windler-Stiftung»

Jüngstes Beispiel dafür, wie der Staat und die Windler-Stiftung Hand in Hand arbeiten, ist die Erweiterung des Hallensportzentrums im Schweizersbild. Und wie beim Hallenbad wurde das Projekt grösser und grösser.

Hinter dem Projekt steht die Gemeinnützige Stiftung Schweizersbild (GSS) von Unternehmer Giorgio Behr. Ursprünglich sollte es rund 20 Millionen Franken kosten, inzwischen ist der Preis doppelt so hoch. 14,4 Millionen Franken, also mehr als einen Drittel, zahlt die Windler-Stiftung. Auch Stadt und Kanton beteiligen sich mit je sechs Millionen Franken, sofern die Stimmbevölkerung dem Kredit im Juni zustimmt. Im Gegenzug erhält die öffentliche Hand «dringend nötigen» Raum und Kapazität für den Schulsport, wie die Stadt schreibt.

Matthias Frick ist nicht gegen das neue Hallenbad oder Hallensportzentrum, ihm geht es bei seiner Kritik um Grundsätzliches: «Die Stiftung springt ein, wo der Staat zögert. Und dann ist die Debatte erledigt. Das ist undemokratisch.» Andere sagen heute nur hinter vorgehaltener Hand, dass sie den Einfluss der Stiftung auf die Politik für zu gross halten. Wer will sich schon die Möglichkeit verbauen, in Zukunft selbst gefördert zu werden?

Auf der Breite finanziert die Windler-Stiftung einen Badetempel mit. Montage: Andrina Gerner
Auf der Breite finanziert die Windler-Stiftung einen Badetempel mit. Montage: Andrina Gerner

Das war nicht immer so: 2002 startete die SP Stein am Rhein eine kritische Debatte zum «Phänomen Jakob und Emma-Windler-Stiftung» und publizierte eine 16-seitige Broschüre. Darin thematisierten die Sozialdemokrat:innen etwa die fehlende Einflussmöglichkeit des Einwohnerrats und der Stimmbevölkerung auf Bauprojekte, die die Stiftung mitfinanziert.

Der damalige Steiner Stadtpräsident und Stiftungspräsident «Kaiser» Franz Hostettmann zeigte sich an einem Podium irritiert über die Kritik. Natürlich sei die Stiftung ein Phänomen; das sei aber kein Grund, sie zu einem Politikum zu machen: «Wir sollten einfach dankbar sein.»

Doch nur wenige Jahre später zeigte sich, wie stark die Stiftung mitentscheidet, was in Stein gebaut, gepflegt und gefördert wird ­– ohne politisches Mandat.

Als in den 1970er-Jahren die Industrie in Stein am Rhein zugrunde ging, musste sich das Städtchen neu erfinden. Wo die Menschen früher Schuhe, Stühle und Nudeln fabrizierten, begannen sie nun, sich auf ihre historische Altstadt zu besinnen. Und die Windler-Stiftung gab den Ton an. Unter Stapi und Stiftungspräsident Hostettmann wurde 2007 die Bau- und Nutzungsordnung überarbeitet und zu einer der strengsten des Landes gemacht. Keines der historischen Altstadthäuser sollte das Bild stören. Weil die neuen Regeln aber aufwendige und teure Sanierungen vorschrieben, standen immer mehr Häuser leer und begannen zu bröckeln. Die Stiftung engagierte einen Altstadt-Bauberater, der Hauseigentümer kostenlos beraten sollte, doch damit konnte das selbst geschaffene Problem nicht gelöst werden. Schliesslich begann die Stiftung, «problematische Liegenschaften», selbst aufzukaufen und zu sanieren. Laut Janine Händel besitzt die Windler-Stiftung heute elf Häuser im Städtchen. In den kommenden Jahren finanziert sie zudem den Grossteil der Kosten für die Sanierung des Steiner Rathauses und der anliegenden Liegenschaften.

Trotzdem betont Händel: «Wir machen keine Politik.» Lieber spricht sie von «Subsidiarität» und «Komplementarität». Händel meint damit, dass die Stiftung keine staatlichen Basisaufgaben übernehme, sondern nur dort einspringe, wo es Lücken gibt. Doch nicht immer ist klar, was zuerst war: das Geld oder die Lücke, die damit gestopft werden soll.

Ein Schwerpunkt der Stiftung für die kommenden Jahre ist eine «Ausbildungs- und Weiterbildungsoffensive» in der Pflege. Seit die Schweiz vor fünf Jahren die Pflegeinitiative angenommen hat, müssen Bund und Kantone für ausreichend diplomierte Pflegefachpersonen sorgen. Schaffhausen hat sich entschieden, Personen, die älter als 25 Jahre sind, bei der Pflegeausbildung finanziell zu unterstützen. Die Windler-Stiftung ihrerseits erweitert die Unterstützung mit 4,2 Millionen Franken auf jüngere Personen. Dazu kommen Beiträge für die Weiterbildung von Pflegekräften. Schliesslich, so die Stiftung, seien die finanziellen Mittel des Kantons begrenzt.

Dabei hat der Kanton seit der Annahme der Pflegeinitiative einen Überschuss von 85 Millionen Franken erzielt. Dennoch hat er mit der Umsetzung der Initiative lange gezögert. Die Gewerkschaft VPOD machte Druck. Doch selbst Gewerkschafter und Altenpfleger Patrick Portmann beantragt nun für seine Weiterbildung Stiftungsgelder. «Die Stiftung zahlt, auch wenn es eigentlich die Aufgabe des Kantons ist», sagt er.

«Kein Demokratie-Defizit»

Stiftungsexperte Georg von Schnurbein sieht die Zusammenarbeit von Staat und Stiftungen gelassen. Er leitet das Center for Philantropy Studies an der Universität Basel ­und sagt: «Ich sehe kein Demokratie-Defizit.»

Stiftungen würden durch die staatliche Aufsicht kontrolliert, sie müssten jährlich einen Bericht bei der kantonalen Stiftungsaufsicht einreichen; die Steuerverwaltung überprüfe die Gemeinnützigkeit; und bei Mutationen schaue sich das Handelsregisteramt die Stiftung genau an. «Es gibt in der Schweiz kaum eine Rechtsform, die mehr kontrolliert wird als eine Stiftung.»

Georg von Schnurbein, dessen Institut selbst zu einem grossen Teil durch Stiftungsgelder finanziert wird, sieht vor allem Chancen: Wollten Politiker wiedergewählt werden, müssten sie sich entsprechend verhalten, «eine Stiftung hingegen hat keinen Druck und kann es sich leisten, weit in die Zukunft zu denken und Dinge auszuprobieren.»

Es gibt jedoch Beispiele, die zeigen, dass mehr demokratische Mitwirkung durchaus möglich wäre. Die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte etwa, die von der Tochter des Winterthurer Immobilienunternehmers und Philanthropen Bruno Stefanini geführt wird, hat ein Kultur-Komitee ins Leben gerufen, wo jedes Jahr zufällig ausgewählte Laien aus der Winterthurer Stadtbevölkerung entscheiden, welche Kulturprojekte mit insgesamt 500 000 Franken gefördert werden.

Die verschwiegene Hans-Wilsdorf-Stiftung in Genf, der man nachsagt, sie sei ein «Staat im Staat», hat sich vor ein paar Jahren sogar entschieden, freiwillig Steuern zu bezahlen. Damit anerkenne die Stiftung «die Vorrangstellung des Staates gegenüber unseren Aktivitäten», wie der Geschäftsführer auf Anfrage schreibt.

Die Windler-Stiftung lädt die Steiner Bevölkerung inzwischen einmal pro Woche in die Obere Stube ein, eines ihr herrlich sanierten Altstadthäuser. Die Geschäftsführerin hört sich dort an, was die Bevölkerung beschäftigt. Janine Händel sagt: «Nicht Macht, sondern Demut ist mein leitendes Prinzip.»

Eine Version dieser Recherche erscheint in der aktuellen Schweiz-Ausgabe von Die Zeit.

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