Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/ Die lokale Wochenzeitung Thu, 16 Jul 2026 10:19:41 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 https://www.shaz.ch/wp-content/uploads/2018/11/cropped-AZ_logo_kompakt.icon_-1-32x32.jpg Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/ 32 32 Im Anti-Paradies https://www.shaz.ch/2026/07/16/im-anti-paradies/ Thu, 16 Jul 2026 10:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11110 Gespräche über Reggae-Hypes und kulturelle Aneignung: Wir besuchten mit dem Schaffhauser Musiker «Bob Moehrley» das Konzert von Julian Marley, der in der Kammgarn spielte. Sombrero-Hut, Irokesenschnitt, Dreadlocks: Die Kopfbedeckungen der Kammgarn-Besucher:innen sind vielfältig an diesem Donnerstagabend Anfang Juli. Blickt man durch den vollen Konzertsaal, fallen der hohe Altersdurchschnitt sowie die zahlreichen barfuss wandelnden Zuschauer:innen auf. […]

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Gespräche über Reggae-Hypes und kulturelle Aneignung: Wir besuchten mit dem Schaffhauser Musiker «Bob Moehrley» das Konzert von Julian Marley, der in der Kammgarn spielte.

Sombrero-Hut, Irokesenschnitt, Dreadlocks: Die Kopfbedeckungen der Kammgarn-Besucher:innen sind vielfältig an diesem Donnerstagabend Anfang Juli. Blickt man durch den vollen Konzertsaal, fallen der hohe Altersdurchschnitt sowie die zahlreichen barfuss wandelnden Zuschauer:innen auf.

Julian Marley, der britisch-jamaikanische Musiker und Sohn der Reggae-Legende Bob Marley, und seine siebenköpfige Band «The Uprising» machen auf ihrer Europa-Tour Halt in Schaffhausen. Als Marley auf die Bühne kommt, merkt man schnell: Der Geist seines berühmten Vaters, dem er wie aus dem Gesicht geschnitten ist, umweht den 51-jährigen Künstler.

Aber nicht nur ihn: Auch ein Schaffhauser Musiker im Publikum hat sich von der Reggae-Legende inspirieren lassen und bezieht sich sogar mit seinem Künstlernamen auf ihn. Christian Möhr, alias «Bob Moehrley», Frontsänger der lokalen Band «The Waiters», steht mit einem Bier in der Hand und in kurzen Hosen, rotem Shirt und Cap an der Bar. Nach dem ersten Song kommt der auf die Sechzig zugehende Schaffhauser zum Fototermin nach draussen. Das Konzert gefalle ihm, sagt er auf dem Vorplatz. «Aber die Texte sind mir zu religiös.» Die Frage, ob das alles auch auf säkulare Art und Weise geniessbar sei, bejaht er aber schnell. «Das ist so, wie wenn man Sympathien für die Fussballmannschaft eines anderen Landes hat.»

Ortswechsel. Neustadtbar. Vor dem Konzert wollten wir vom Schaffhauser Musiker wissen, was Reggae für ihn bedeutet. Christian Möhr nimmt einen Schluck von seinem Bier und dreht sich eine Zigarette. Der selbstständige Elektriker schmückt viele seiner Sätze mit Witz aus. Anders, als man annehmen könnte, sieht Möhr nicht aus wie ein unglaubwürdiges Imitat der Reggae-Ikone, sondern eher wie ein Vertreter der linksalternativen Szene. «Ich komme aus der Punkbewegung», sagt er dann auch zu Beginn des Gesprächs. «Die Philosophie von Reggae und Punk sind ähnlich. Es geht um Protest. Die einen protestieren laut, direkt, mit Krach. Die anderen mit Resignation, Slowdown und Religion.»

Perücken-Debatte

Um Protest ging es auch bei der Gründung von Möhrs Band 2011: Der Kanton Schaffhausen hatte gerade eine neue Werbekampagne lanciert, um junge, gutverdienende Familien anzuziehen. Er warb mit idyllischen Flussszenen, Handorgelklängen und Sprüchen wie «Start a company», «Just relax» oder «Make dreams happen» für das «kleine Paradies». Eine Idyllisierung, die nur schon beim Zusehen (der Clip findet sich auf Youtube) nach Protest schreit. Das dachten sich auch zahlreiche Künstler:innen, die 2011 im TapTab die «Operation Paradiesdämmerung» organisierten, um Schaffhausen eine andere Hymne zu geben, als sie dem Kanton vorschwebte.

«Paradiesdämmerung» hiess auch einer der Songs, die «Bob Moehrley & The Waiters» an jenem Abend spielten und in dem Zeilen wie «Flüchtling nei, aber Riichi het me gern» zu hören waren. Das Stück bestand aus einem klassischen Roots-Reggae-Rhythmus mit mehreren Trompetensolos. «Doch mir hend no en AZ und es Radio Rasa, es TapTab und es paar Beizli vo Lüt mit lange Hoor.» Mit Bezug zu religiösem Rastafari-Jargon (I and I) endete die Zeile: «Ich und Ich im chline Paradies.»

Man kann nachvollziehen, warum der Punk-Sänger Möhr und seine Mitstreiter:innen ausgerechnet klassischen Roots-Reggae als Sound für ihren Protest wählten: Es war die klischierte Antwort auf eine klischierte Inszenierung, ein satirischer Protest gegen das Schaffhauser Establishment und seine Pläne für die Region. Befremdlich dabei: Die Dreadlocks-Perücken mit rot-gelb-grüner Verzierung, die die Bandmitglieder trugen. Sie wirken geschmacklos und erinnern an karnevaleske Karikaturen fremder Kulturen und an Blackfacing. So hielt mit ihrem Auftritt schon vor über zehn Jahren jene Debatte über kulturelle Aneignung in Schaffhausen Einzug, die im Sommer 2022 durch die deutschsprachigen Feuilletons ziehen sollte: Der Auftritt einer Reggae-Band, deren weisse Mitglieder Dreadlocks trugen, löste eine wochenlange Debatte über kulturelle Aneignung aus.

Schon 2013 seien sie auf ihren Auftritt und die Perücken angesprochen worden, sagt Möhr. «Journalisten haben sich bei uns gemeldet und uns gebeten, nicht mehr mit Perücken aufzutreten. Wir waren uns der Wirkung gar nicht bewusst. Wir wollen nichts kopieren und schon gar nicht aneignen.» Seither bleiben die Perücken im Schrank.

Reggae verkörpert vieles – die Verarbeitung des jahrhundertelangen britischen und spanischen Kolonialismus und Rassismus in Jamaika genauso wie Kritik an Politik, sozialen Missständen und Waffengewalt auf der Insel. Aber auch homophobe Inhalte sind Teil der Textsortimente zahlreicher Reggae-Künstler:innen. In der Schweiz ist die Musik Jamaikas Projektionsfläche für Karibik-Klischees von Good Vibes und Sunshine oder Lebenseinstellung. Aber auch Protestmusik gegen die Biederkeit. Und eben auch Anlass zur Kritik. Gerade die parodische Übernahme einer Musik, die so eng mit der von Kolonialismus, Rassismus, Armut und Gewalt geprägten Geschichte des Herkunftsortes verbunden ist, wirft manche Fragezeichen auf. Hat die Debatte von 2022 den Reggae-Hype von einst, der Christian Möhr zu seiner parodischen Schaffhauser-Mundart-Reggae-Band inspiriert hatte, überrollt?

Nostalgischer Abgesang

Im Unterschied zu heute war Reggae damals, als Christian Möhr zum musikalischen Protest ansetzte, in Schaffhausen sehr populär, wie ein Anruf bei Min-King-Sänger und Szene-Kenner Philipp Albrecht zeigt: «In den Nullerjahren fanden in ganz Europa, aber auch in Schaffhausen, zahlreiche Reggae-Dancehall-Partys statt. Und jene Orte, wo viele Leute hingehen, werden in der Kleinstadt dann auch für alle anderen zum Anziehungspunkt. Unabhängig davon, ob sie zur Szene gehören.» Zur Hochphase traten auch in Schaffhausen grössere Nummern aus Jamaika auf.

Schon seit mehreren Jahren sei die Reggae-Welle aber vorbei. «Jetzt ist es wieder ein Nischending wie früher – dafür vielleicht ehrlicher.»

Während die Musik in Jamaika also gerade von zahlreichen jungen Künstler:innen auf moderne Art weiterentwickelt wird, scheinen die Schaffhauser Fans am vom grossen Bob Marley geprägten Bild von Sonnenschein, Lockerheit und Marihuana-Konsum hängen geblieben zu sein. Diesen Eindruck erhält man zumindest an jenem Donnerstagabend in der Kammgarn.

Ganz der Papa: Reggae-Musiker Julian Marley singt von Frieden und Liebe. © David Schelker

In der Mitte der Bühne steht Julian Marley und bewegt seine Arme durch die Luft. Er singt über die gleichen Themen wie sein Vater: Spiritualität, Religion, soziale Gerechtigkeit, Frieden, Liebe. Seine Lyrics animieren zum Weitermachen, zum Glauben an eine Zukunft, auch wenn die Gegenwart schwierig ist. Das Publikum tanzt im Off-Beat-Rhythmus hin und her, manche halten sich die Hände auf den Kopf, andere tanzen im Kreis. Musikalisch wirkt das wie ein verstaubter nostalgischer Abgesang. Aber das mehrheitlich angegraute Publikum ist begeistert.

Christian Möhrs Resumé über den Besuch Julian Marleys fällt weniger euphorisch aus: «S’isch läss. Aber er isch einfach de Sohn vom Bob.» Sicher ein guter Musiker. Wenn es sich ergeben würde, würde er ein Bier mit ihm trinken. «Aber ich wüsste nicht, was mich explizit interessiert an seinem Leben.»

Der Öko-Punk, der aus Energiegründen auf die Nutzung von KI verzichtet, spielt zwar Reggae, hat aber mit all dem Drumherum nicht viel am Hut. Seine Band spielt einmal im Jahr ein Konzert. Das 2022 erschienene Album «Am Rhy» handelt von Klimakrise, Stromverzicht und Szenen aus dem Alltag. Der grösste Hit trägt den Titel «Din letschte Joint».

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Fallen und Lassen https://www.shaz.ch/2026/07/16/fallen-und-lassen/ Thu, 16 Jul 2026 04:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11102 Unsere Autorin ist Zürcherin. Seit fünf Jahren arbeitet sie in Schaffhausen. Zu ihrem Jubiläum fragt sie sich, ob man hier je ankommen kann. Zwischen Zürich und Schaffhausen liegen der Rhein, ein Fleck Deutschland, mehrere Felder und die von Kerosin heimgesuchte Agglo, in der ich aufgewachsen bin. Die beiden Regionen haben miteinander eine längere Vorgeschichte als […]

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Unsere Autorin ist Zürcherin. Seit fünf Jahren arbeitet sie in Schaffhausen. Zu ihrem Jubiläum fragt sie sich, ob man hier je ankommen kann.

Zwischen Zürich und Schaffhausen liegen der Rhein, ein Fleck Deutschland, mehrere Felder und die von Kerosin heimgesuchte Agglo, in der ich aufgewachsen bin. Die beiden Regionen haben miteinander eine längere Vorgeschichte als ich mit ihnen. Das ist einer der Gründe, warum es eine schlechte Idee ist, als Zürcherin über Schaffhausen zu schreiben.

Der andere Grund ist einfacher: Zürich ist unsympathisch, und ich gefalle gerne. Ich schreibe selten über mein Zürcherinnendasein, weil ich die Bedenken nachvollziehen kann. Zürich kann furchtbar grossspurig sein: Jeder Abstimmungssonntag bedeutet Neubauten mit Preisschildern in Millionenhöhe. Jeder andere Tag bedeutet 1,7 Kilo Koks, das die Nasen hochgezogen wird. Die Menschen sind immer wahnsinnig gut angezogen und blicken mit ihren avantgardistischen Launen auch mal herablassend auf alles andere. Das ist logischerweise nicht das Zürich, das ich mag: Mein Zürich ist vertraut, schön, voller Widersprüche und Überraschungen. Aber es ist das «Die-Nase-hoch-Zürich», das in Schaffhausen ankommt – und ich mit ihm.

Ich arbeite jetzt seit fünf Jahren hier, in Schaffhausen, und davon soll dieser Text handeln. Denn auf eine sonderbare Art kenne ich Schaffhausen heute besser als meine langjährige Heimatstadt Zürich.

*

Manches, an dem wir Journalist:innen uns gerne abarbeiten, ist in jeder Stadt gleich. Bocksteife Diskussionen über Parkplätze und Begegnungszonen etwa. Oder, dass extrem Rechte im Parlament sitzen und der Kontroverse zuliebe auch noch eine Kolumne in der Lokalzeitung bekommen. Anderes ist an Schaffhausen aussergewöhnlich, juckt hier aber niemanden wirklich: die Stimmpflicht. Die 171 Erker. Das goldene Skrotum.

Schaffhauser:innen haben trotzdem Recht, wenn sie sich und ihre Heimat als einzigartig ansehen. Mich erstaunt kein bisschen, dass ein Leben lang hier bleibt, wem die soziale Behaglichkeit keine Platzangst macht.

Klar, da sind der Randen und der Rhein, beide wunderschön und vielfach besungen. Dann: die üppige Theaterlandschaft und die wirklich verdammt gute Musik, die in Schaffhausen gespielt wird. Für mich spezifisch: Casiofieber, YC-CY (und die Aeronauten, und Walter Frosch, und das Lo Fat Orchestra, und…). Das kulturelle Leben lässt das kleine Schaffhausen gross und offen wirken.

Weitere grössere und kleinere Einzigartigkeiten in loser Reihenfolge: die Hyperfixation auf Saunas. Die unabhängigen Medienhäuser. Das erste KI-Radio. Das Appenzeller-Gate im Grossen Stadtrat. Vermutungen in sozialen Medien, dass es zwischen einem Fitnessbänkli am Lindli und gestohlenen Schwaneneiern einen Zusammenhang geben könnte. Der blanke Zorn, der anderen Bänkli entgegenschwang. Die völlig bizarren Schlagzeilen, die Schaffhausen in der nationalen – was sage ich: in der internationalen – Presse schreibt: Sarco. Berformance, überhaupt der FCS. Simon Stocker (Zürich, du ewig schlechte Nachricht!). Schaffhausen schreibt den Stoff für die ganz grossen Bühnen.

Interessanterweise denkt Schaffhausen sich selbst nie in solchen Dimensionen. Vielmehr hält es etwas auf die eigene Provinzialität. Man hat einen ganzen Strauss an internationalen Firmen im Köcher und bleibt trotzdem bieder. Man will nicht Kulturhauptstadt werden und auch keine Velobrücke bauen. Als ich vergangenen Herbst am «Bocktoberfest» war, erwartete ich angesichts des Originals wenigstens ein paar Eskapaden auf der Breite. Doch sie blieben aus und das Fest endete lauwarm. Und wo es Eskapaden geben könnte, gibt sich Schaffhausen extra strenge Vorschriften – zum Beispiel bei bewilligten Demonstrationen. Vielleicht ist mir auch aus diesem Grund die Demo nach dem Rundschau-Beitrag über Fabienne W. so eingefahren: Schaffhausen sprach für einmal eine Sprache, die ich aus Zürich sehr gut kenne, die des spontanen Protests.

*

Ich bin heute noch vorsichtig, wenn ich so öffentlich über Schaffhausen urteile (auch dieser Text bereitet mir Qualen). Am Anfang aber war es mir fast unmöglich.

Ich begann mit ganz kleinen Entdeckungen. Die erste Entdeckung war, wo Schaffhausen liegt: am anderen Ende der Zuglinie, entlang der sich mein Leben zieht. Die ersten Jahre in Niederglatt. Das erste Mal Ausgang in Bülach. Der erste Schatz im Rafzerfeld. Studieren und Zuhausesein in Zürich, aber der erste richtige Job in Bülach. Noch heute bringt mich die S9 zu Familienfesten, zur Klassenzusammenkunft, zu Beerdigungen.

Schaffhausen fühlte sich auf dieser Zugverbindung wie der nächste notwendige Schritt an. Jener weg vom Grosskonzern Tamedia, wo ich vormals arbeitete, hin zur AZ auch.

Aus hiesiger Sicht aber war die Entscheidung der AZ, unter all den hervorragend vernetzten und schreibenden Einheimischen auch eine Auswärtige mitmachen zu lassen, eine heikle. Meine Kollegin Nora Leutert sagte mir, dass Schaffhauser:innen einander gern in Beziehungsnetzen verorten. Sie kennen sich aus der Scaphusia, aus der Schulzeit, aus dem Turnverein und aus der Partei. Und sie wollen wissen, was die Tochter von diesem oder der Freund von jenem da in der Zeitung schreibt.

Ich habe diese Nähe zu Beginn schlecht ausgehalten. Rückblickend schwang aber auch Neid auf das soziale Kapital meiner Schaffhauser Kolleg:innen mit, und vielmehr noch auf ihre Glaubwürdigkeit. Verrissen sie die Aussagen eines Politikers, kam es sozusagen aus den eigenen Reihen, es blieb greifbar und legitim. Versuchte eine Auswärtige dasselbe, war es Einmischung.

Vor meinem Vorstellungsgespräch erklärte mir jemand, was in Schaffhausen wichtig ist: Falkenbier und Handball. Über beides schrieb ich in fünf Jahren kein einziges Mal. Und da alle einander schon zu kennen schienen, überlegte ich, auf welchen Wegen ich neue Kontakte knüpfen könnte. Eine kurze Zeit lang waren das Dating-Apps. Ich verwarf die Idee schnell wieder: Eine Kollegin identifizierte die Person, die mich neugierig gemacht hatte, sofort.

Herzklopfen hatte ich in dieser Zeit trotzdem oft. Eine Ärztin sagte mir einmal, der Körper kann nicht unterscheiden zwischen Verliebtsein und Angst. Beides versetzt ihn in Alarmbereitschaft.

*

A person floating in the rhine, relaxed

Schaffhausen hat viel mit mir gemacht in den fünf Jahren. Ich merke es schon an den ganz kleinen Dingen: daran, dass ich das Wort «Schoofseckel» lieb gewonnen habe (auch wenn ich Kollegin Andrina Gerner fragen muss, wie es im Schaffhauserdialekt geschrieben wird). Oder daran, dass es mich ärgert, dass im Roman, den ich gerade lese, der Rhein eine Rolle spielt, aber nicht Schaffhausen. Oder daran, dass die Autokorrektur auf meinem Handy aus «Spital» jetzt «Spitäler» macht. Ich weiss, dass hier wirklich niemand «Munotstadt» sagt. Ich weiss über die Schaffhauser Abstimmungen meist bestens Bescheid, muss zuhause in Zürich aber das Abstimmungsbüchlein studieren.

Und ich merke, dass ich heute mit der Nähe kokettiere, die mich am Anfang so abschreckte.

Einmal im Jahr lädt der Regierungsrat die Schaffhauser Medien zum Abendessen und Weintrinken in den Staatskeller ein. Es geht um Austausch und ums Duzis, und es wird erwartet, dass in diesem Keller bleibt, was dort besprochen wird. Ich war diesen Frühling zum ersten Mal da und widerstand der Versuchung, die Veranstaltung als Gemauschel und Filz abzutun. Ich merkte, dass ich die Inside-Jokes verstand und dass ich Konter geben konnte. Ich bin offenbar bestens integriert, dachte ich mir, immer noch nicht wissend, ob ich das wirklich nur gut finde.

Nähe spüre ich übrigens auch daran, wie irritiert ich bin, wenn die nationale Presse über Schaffhausen herfällt. Ich ertappe mich beim Gefühl, dass sie Schaffhausen nicht gerecht wird, dass sie die Region verklärt. Der Tagi beispielsweise pries die Rhybadi letztes Jahr als «eine Art Oase, in der das Credo ‹Miteinander statt nebeneinander, Harmonie statt Dissonanz› lautet». Ja, ja, draussen im Kaff ist die Welt halt noch in Ordnung! Ich konterte damals mit einer Glosse, die Zürcher:innen von der friedlich-langweiligen Rhybadi fernhalten sollte («Letten Stay Home», AZ vom 14. August 2025).

Und doch lehrt Schaffhausen mich die Grenzen dieser Integration. Ich kann all das wissen und Schaffhausen so gut kennen, dass ich es nicht mehr verkläre. Ich kann Schaffhausen gegen aussen verteidigen und mich hier wohl fühlen – ich gehöre trotzdem nicht vollends dazu.

*

Im vergangenen Herbst war ich mit drei Schaffhauser:innen auf dem Randen. Sie bekämpfen die Windräder, die dort geplant sind. Ihre Sorge, dass ich nicht verstehen könnte, wie identitätsstiftend der Randen für Schaffhausen ist, war offenkundig: Wir stiegen auf den Hagenturm, nur damit sie mir zeigen konnten, wie schön es dort ist. Später schrieb ich einen Text mit dem Titel «Haamet verteidigen». Und ich schrieb: «Dass unsere heimatlichen Landschaften langfristig so oder so anders aussehen werden, dem müssen wir wohl ins Auge sehen.» Dabei war ich in diesem «uns» gar nicht mitgemeint. Ich denke nicht, dass ich das je werde, egal, ob ich hierherziehe oder nicht, schlicht weil ich nicht hier grossgeworden bin.

Das ist nicht schlimm. Gerade als Journalistin bin ich manchmal froh, abends wieder nach Hause gehen zu können und Schaffhausen Schaffhausen sein zu lassen. Einige Dinge werde ich ohnehin nicht ändern. Zum Beispiel, dass ich schneller gehe als die Schaffhauser:innen. Wann immer ich hier aus dem Zug steige oder im Grossverteiler poste, werde ich zu Fuss ausgebremst. Ich gewöhne mich nicht daran. Und ich werde meine Zürischnurre nicht loswerden. Ich habe absolut kein Gehör für Dialekte, nach fünf Jahren sage ich zwar «füüf» statt «foif» und «üüs» statt «ois», aber sogar das war ein bewusster Entscheid.

Ich werde nie ganz ankommen. Trotzdem nehme ich mir heraus, Schaffhausen Woche für Woche weiterzuentdecken, darüber zu schreiben und zu urteilen.

Vor zwei Wochen sass ich abends in der Rhybadi und sah das Munotglöggli bimmeln, zum allerersten Mal. Neben mir sass eine Kantonsrätin, die ebenso staunte wie ich.

Selbst Einheimische werden mit Schaffhausen nie ganz fertig.



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Newsdeprimiert https://www.shaz.ch/2026/07/11/newsdeprimiert/ Sat, 11 Jul 2026 06:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11071 Seit einer Woche sendet Radio Schaffhuuse – rund um die Uhr, komplett KI-generiert. Taugt das etwas? Ein Logbuch aus der medialen Isolation.

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Seit einer Woche sendet Radio Schaffhuuse – rund um die Uhr, komplett KI-generiert. Taugt das etwas? Ein Logbuch aus der medialen Isolation.

Mittwoch, 1. Juli

11:59 Gleich startet der Launch-Event von Radio Schaffhuuse, dem ersten KI-Radio der Schweiz. Vorerst läuft es als einjähriger Testbetrieb. Der Meeting-Point ist voll, fürs leibliche Wohl liegen Brote bereit, auf denen liebevoll der Name des Senders aufgebacken ist. «Mer isch eigentlich blöd, wenn mers nöd bruucht», überhöre ich an einem der Apérotischli.

12:15 Die Präsentation beginnt: Radio Schaffhuuse übernimmt Beiträge von Schaffhausen24, dem Online-Portal des Bock-Verlags. Zur vollen Stunde sendet es Nachrichten aus der Region, zur halben nationale und internationale News. Verleger Giorgio Behr betont, dass die Beiträge von Redaktor:innen geschrieben oder geprüft würden; die KI übernehme lediglich die «Fleissarbeit», in diesem Fall die automatisierte Zusammenfassung und Vertonung. So etwas hört man in diesem Zusammenhang oft, als Journalistin bin ich skeptisch. Immerhin wird die Recherche nicht zur automatisierbaren «Fleissarbeit» gezählt. Auch das ist mir schon begegnet.

13:00 Die Moderator:innen von Radio Schaffhuuse reden mit den geklonten Stimmen der Bock-Redaktion und von Personen aus dem Bock-Umfeld. Gerade verliest «Mark» News zum Naturpark, in bester Radiomanier im Plauderton, der allerdings ans Kommentieren grenzt («ein echtes Plus für die intakte Kulturlandschaft direkt vor deiner Haustür»). Im Gegensatz zu seinem Stimmengeber Mark Amstutz – Vizepräsident des Stiftungsrats der Gemeinnützigen Stiftung Schweizersbild – redet «Mark» Österreichisch. Schweizerdeutsch kann die KI noch nicht.

17:30 Mark Liebenberg, in seiner Funktion als Präsi des Schaffhauser Pressevereins, sagt dem SRF-Regionaljournal: «Wenn das ein Roboter machen kann – why not?» Ich frage mich, ob der Rest des Pressevereins das auch so sieht.

19:10 Auf Radio Schaffhuuse erzählt KI-Moderator «Mark» das Guetnachtgschichtli vom kleinen flauschigen Böckli. Im Chläggi hat es von einem Graureiher gelernt, dass man ganz still sein muss, um die Schönheit der Welt zu sehen. Diese weise Lehre nimmt es mit zurück in die Stadt, wo es sich auf dem Herrenacker in sein weiches Bettchen kuschelt. Dingdong läutet das Munotglöggli.

19:12 Auf Marks Bettmümpfeli folgt Funk (Aint No Stoppin Now von Mc Fadden & Whitehead), gefolgt von Psycho, Puddle of Mud. Die Kinder, die sich das Geschichtli angehört haben, stehen jetzt wohl im Bett.

DONNERSTAG, 2. Juli

09:37 In der wöchentlichen Planungssitzung wird mir aufgetragen, während der Arbeit an diesem Text auf jegliche News zu verzichten – bis auf Radio Schaffhuuse. «Du musst dich in völlige Isolation mit dem Radio begeben», heisst es. Ich protestiere schwach. Keine Chance. Also füge ich mich meinem Schicksal.

14:29 Statt News zu senden, übt die KI Metakritik. «Aus Zucchetti und Camembert zaubert die künstliche Intelligenz in unter 30 Minuten ein Rezept. Mehr als drei Viertel der Schweizer Bevölkerung nutzen KI bereits im Alltag», sagt «Mark». «Doch die smarte Technik bringt handfeste Herausforderungen: Deepfakes manipulieren politische Debatten, gleichzeitig bauen Algorithmen die Arbeitswelt und den Schulunterricht massiv um. Verbindliche Regeln fehlen jedoch. Die Schweiz steht politisch erst am Anfang, bis Ende Jahr soll in Bern eine erste Gesetzesvorlage zur KI-Regulierung vorliegen.»

19:06 Das Böckli lernt im Guetnachtgschichtli dasselbe wie gestern. «Wieso sind KI-Inhalte oft so pseudo-deep?», frage ich Perplexity. «Weil viele KI-Texte auf Wirkung statt auf echte gedankliche Entwicklung optimiert sind», antwortet die KI. «Sie klingen bedeutungsschwer, wiederholen aber oft nur dieselbe Aussage in schöner Form.»

Freitag,3. Juli

11:00 In den Regionalnews dominieren heute zwei Nachrichten. Erstens der polizeiliche Grosseinsatz vor der Aksa-Moschee in Schaffhausen; zweitens, dass die Bibliothek Agnesenschütte wegen Umzugs am 27. August um 18 Uhr ihre Türen schliesst. Neben einer Geschichte mit einem sehr hohen Aktualitätswert hat man sich offenbar für eine entschieden, deren Newswert gegen null tendiert.

11:04 Nach Wetter und Verkehr versucht sich «Salomé» an einer abenteuerlichen Zwischenmoderation. Der Umzug der Bibliothek sei ein «spannender Wandel für die Schaffhauser Literaturszene. Genauso massgeschneidert geht es weiter: Das ist Beyoncé mit Levis Jeans.» Dieser Übergang macht zwar keinen Sinn, das kann aber mal passieren. Aus meiner (kurzen) Zeit als Radiopraktikantin weiss ich, dass es nicht immer ganz einfach ist, sich originelle Zwischenmodis aus den Fingern zu saugen.

21:04 Der Umzug der Agnesenschütte beschäftigt die KI immer noch. Er kam gerade wieder in den Nachrichten. Wie auch immer; jetzt sitze ich in der Abendsonne, stricke Socken und lasse mich vom Radio mit Fleetwood Mac beschallen. Das Leben ist gut, die Isolation fühlt sich erträglich an.

21:42 Auch die KI ist in Feierabendstimmung. «Heute liegt nicht mehr drin, als mir Essen liefern zu lassen», sagt «Salomé». Jetzt isst sie also schon. Wann wird sie uns erobern?

21:57 Ich schaue auf Youtube nach, wie ich nach der Fersenkappe weiterstricken muss. Bevor das Filmchen anfängt, wird Werbung für ein Tagi-Abo eingespielt. Perfektes Zielgruppenmarketing. Argh!

Samstag, 4. Juli

9:00 News aus der Region. Heute feiert die internationale Bodenseefechterschaft ihr hundertjähriges Bestehen. Ohne Radio Schaffhuuse hätte ich das wohl nicht erfahren. Die Meldung von gestern, dass bei der Aksa Moschee aktuell Einsatzkräfte vor Ort seien, die nach den Verkehrsnachrichten eingespielt wird, ist nun aber definitiv Fake-News.

9:37 Vergeblich warte ich auf die News aus der Schweiz und der Welt, die jeweils um halb ausgestrahlt werden. Offenbar fallen sie zugunsten von Rihanna und Shakira aus.

10:00 Die Regionalnews sind die gleichen wie vor einer Stunde. Zugegebenermassen läuft an einem Wochenende in den Sommerferien newsmässig vermutlich nicht viel. Überprüfen kann ich es nicht. Langsam kickt die Newsdeprivation rein. Wie gern würde ich jetzt Zeitung lesen.

10:03 Auf die Sendung «Schaffhauser Bauer» habe ich gespannt gewartet. Die Landwirtschaft stehe im Moment vor Herausforderungen, kündigt die KI an, «drum hören wir jetzt Venga Boys».

10:12 No offense, aber diese Sendung klingt wie die Zusammenfassung einer Medienmitteilung über Biolandbau. Mir fällt Bertolt Brecht ein, der wenig vom Radio als bourgeoises Medium hielt, das sich «nur auf Reproduktion oder Referat» beschränke. «Ein Mann, der was zu sagen hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm dran. Noch schlimmer sind Zuhörer dran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat», schrieb er in seiner Radiotheorie. Ihm schwebte ein Hörer:innenradio à la Rasa vor. Definitiv die Antithese zu Radio Schaffhuuse.

15:00 Auf der Musikinsel Rheinau wird «von hochkarätigen Dozierenden an musikalischen Rohdiamanten geschliffen» und die Reasco AG in Neuhausen heisst ab sofort Wisag. Instinktiv öffne ich die SRF-News-App und schliesse sie wieder. Ich kann nicht mehr.

Sonntag, 5. Juli

09:00 Nachrichten. Zur Musikinsel Rheinau höre ich dasselbe wie gestern. Die zweite Newsmeldung ist neu: Etwas zum KSS-Hallenbad. Gespannt spitze ich die Ohren.

09:02 Die Meldung ist, dass es im KSS-Hallenbad ein Nachtschwimmen gibt. Wann, ist offen. Die KI hat lediglich die Existenz des Konzepts «Nachtschwimmen» verkündet, als schwammiges Abstraktum. Vielleicht geben die Meinungen und Kolumnen mehr her, die jetzt auf dem Pogramm stehen?

9:03 Die KI kündet die Meinungen und Kolumnen an. Aber hören tun wir sie erst mal nicht. Denn: «Nach so viel Tiefgang braucht es musikalische Abwechslung.» Da platzt mir der Kragen. Ich gebe auf und öffne die Republik-App.

09:11 In der Republik fragt sich Wissenschaftsjournalistin Cornelia Eisenach, wieso wir KI-generierte Texte oft gar nicht mehr von menschgemachten unterscheiden können. Sogenannte Large Language Models (LLMs) reihen Worte nach Wahrscheinlichkeiten aneinander. Deshalb klingen alle KI-generierten Texte so ähnlich. Sie überzeugen uns trotzdem – weil KIs immer eine Antwort parat haben, die gut klingt, auch wenn sie nicht stimmt. Genau gleich funktioniert auch unsere Gesellschaft, schreibt Eisenach. Wer überzeugend und selbstbewusst genug auftritt, kommt damit ziemlich weit. Fazit: «Wir sind Bullshit längst gewohnt. Die KI hat ihn nur skaliert.»

09:59 Die Radio-KI hat gelogen: Während der einstündigen Meinungen-und-Kolumnen-Sendung hat sie bis auf die Sendungsankündigung keine Meinungen oder Kolumnen gebracht. Ich schiebe das auf den Testbetrieb, das wird sich bestimmt noch ändern. Denn was Cornelia Eisenach schreibt, weiss man bestimmt auch bei Radio Schaffhuuse: «Es ist sozial akzeptierter zu bullshitten als zu lügen.»

20:00 Vor den News läuft wie oft Werbung für den Meeting-Point. So finanziert sich Radio Schaffhuuse. Auch die Radiospots sind KI-generiert und entsprechend günstig zu haben. (Die Investitionen in den Sender wiederum «könne man stemmen», sagte mir Giorgio Behr.)

MONTAG, 6. Juli

07:43 Montagmorgen auf dem Weg in die Redaktion. Ein Tagi-Interview mit der SRG-Personalchefin («Bis Ende Jahr werden über 300 Vollzeitstellen abgebaut sein, die restlichen 600 folgen noch») erinnert mich daran, wie gefährdet mein Job ist.

11:00 In den Nachrichten auf Radio Schaffhuuse vermeldet die KI eine leichte Entspannung auf dem regionalen Arbeitsmarkt. «Ein Lichtblick bleibt die Jugendarbeitslosigkeit, die stabil verharrt.» Wenn das ein Lichtblick sein soll, leben wir wirklich in düsteren Zeiten.

16:03 Gespannt habe ich auf die Rubrik «Gemeindenews» gewartet. Damit scheint es, wie bei den Meinungen und Kolumnen, aber noch nicht recht zu klappen. Die KI bringt keine Gemeindenews und sagt dann: «Das waren die Gemeindenews auf Radio Schaffhuuse. Auch im Jahr 2024 (sic) bleibt die Gemeindepolitik sachlich und dynamisch.» Es folgt Moondance von Van Morrison. Mit leerem Kopf groove ich mit.

Dienstag, 7. Juli

10:27 Es ist der letzte Tag meines Selbstversuchs und etwas wehmütig höre ich «Mark» zu, wie er über steigende Temperaturen und Altlasten in bleikontaminierten Schiessständen berichtet. Seine Stimme ist mir im Lauf der Woche vertraut geworden, mit seinem österreichischen Einschlag klingt er von allen Moderator:innen am menschlichsten. Trotzdem bleibt etwas Unheimliches. Dieses Phänomen hat einen Namen: Uncanny Valley (unheimliches Tal). Je mehr menschliche Züge künstliche Charaktere annehmen, desto eher lösen sie Unbehagen aus.

18:47 Das Uncanny Valley bekommt eine ganz neue Dimension, als ich auf dem Nachhauseweg im Zug das norddeutsche Radio Helgoland google, von dem die Technologie und das Konzept hinter Radio Schaffhuuse stammen. Nachdem es während der Pandemie eingegangen war, wurde es von seinem Gründer mithilfe von KI als Einmann-Betrieb wieder aufgezogen. Der nutzte dafür die Stimmen seiner ehemaligen Mitarbeiter:innen. Zum Beispiel die von Molly, der längst verstorben ist, aber noch immer stündlich das Wetter moderiert. Mich schauderts. Mark ist mir lieber.

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Wo der Igel pfeift https://www.shaz.ch/2026/07/10/wo-der-igel-pfeift/ Fri, 10 Jul 2026 06:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11079 Als die «Aufstände der Allmende» auf Schweizer Boden gegen die Beringer Datencenter campieren wollten, ging die Polizei dazwischen. Jetzt sind sie in Deutschland. Was haben sie dort erreicht?

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Als die «Aufstände der Allmende» auf Schweizer Boden gegen die Beringer Datencenter campieren wollten, ging die Polizei dazwischen. Jetzt sind sie in Deutschland. Was haben sie dort erreicht?

Im kleinsten Dachstock des Städtchens Tengen lässt sich die Luft an diesem Samstag kneten. Um die 30 vorwiegend junge, politisch denkende Menschen haben sich in ihn hineingezwängt, um zu diskutieren. Thema sind die Kobalt-Minen in der Demokratischen Republik Kongo. Aber die Diskussion wird schnell grundsätzlich: Liesse sich künstliche Intelligenz auch für gute Zwecke einsetzen? Angenommen, sie würde nicht unweigerlich die mächtigsten Egomanen dieser Welt noch reicher machen?

Irgendwann ist die Luft draussen.

«Die Forschung nutzt KI, um Krebs zu erkennen. Die Trefferquote ist sogar höher als bei Fachärzt:innen!»

«Ja, aber in unserem System heisst das auch nur, dass am Personal gespart werden wird.»

«Und trainierte Tauben sind in der Krebserkennung übrigens genauso zuverlässig!»

Zeit fürs Abendessen. Die «Aufstände der Allmende» (AdA) planen keine Revolution auf leere Mägen.

Das «Widerstands-Camp», das die Organisator:innen hier aufgebaut haben, hätte in der Nähe von Beringen stattfinden sollen. Monate im Voraus hatte das Kollektiv seinen Kampf gegen das Datencenter, das dort gebaut wird, angekündigt und kritisiert, wie viel Trinkwasser und Strom es dereinst benötigen wird. Aktionen auf der Baustelle hatte es nicht ausgeschlossen.

Aber dann kam das Gesetz dazwischen, und mit ihm die Drohnen und Polizeihunde.

Graubereiche – beiderseits?

Während die Sonne am frühen Donnerstagmorgen letzter Woche die Nebelreste der Nacht vertreibt, richten die Aktivist:innen auf einem Feld im zürcherischen Benken ihre Zelte auf. Das Landstück gehört einem «solidarischen Bauern», werden sie der Presse erzählen; dieser kommt persönlich vorbei. Gegen halb elf Uhr informieren die AdA die Gemeinde, dann aktivieren sie ihre Follower:innen in den sozialen Medien: «Komm gerne vorbei!»

Die Kantonspolizei Zürich sieht das anders. Am frühen Nachmittag fährt sie mit Dutzenden Beamten sowie mit Hunden und Überwachungsdrohnen auf, kesselt die Aktivist:innen ein und nimmt Personalien auf. «Um zu zeigen, dass wir ready sind.» So begründet ein Polizist das Aufgebot laut einer Aktivistin.

Am Abend telefoniere ich mit einem Mediensprecher der Polizei. «Solche Camps benötigen immer auch die Bewilligung der Gemeinde», erklärt er mir. «Das ist, wie wenn Fahrende mit Wohnwagen kommen: Auch wenn sie eine Bewilligung des Grundbesitzers haben, benötigen sie Infrastruktur, zum Beispiel Wasser und Toiletten. Wenn Fäkalien ins Erdreich gelangen, haben wir ein Umweltschutzproblem.»

«Wir hatten ein Umweltschutzkonzept», entgegnet Sara, die für die AdA als Mediensprecherin fungiert, «übrigens ganz im Gegensatz zum Datencenter in Beringen.» Dass die Polizei den Aufbau lokaler Strukturen mit allen Mitteln zu verhindern versuche, finden die Aktivist:innen bedenklich. Ihr sei klar gewesen, dass sich das Camp in einem legalen Graubereich bewege, sagt Sara. «Das tat die Polizei aber genauso: Sie hat unser Camp räumen lassen, ohne eine Verfügung der Gemeinde vorweisen zu können.» Ob das stimmt, kommentiert die Kantonspolizei nicht. Am Montag haben drei Kantonsräte eine Anfrage zur Räumung des Camps eingereicht. Sie stellen darin auch die Frage der Verhältnismässigkeit.

Fotos: David Schelker

Kurzzeitig finden die «Aufstände der Allmende» am Freitag Unterschlupf in der Garage in der Stadt Schaffhausen. Während sich rundherum die Schaffhauser:innen mit Weisswein und Käsewürfeln auf die Sommerferien einstimmen, hören im Reb-leutgang ein paar Dutzend Interessierte einen Input zu einer geplanten Lithium-Mine im Norden Portugals. Die Mine würde dereinst 400 Mal so gross werden wie der Herrenacker, sagt der junge Referent etwas nervös, und das Lithium würde Batterien von 20 Millionen Elektroautos versorgen. Doch die lokale Bevölkerung wehre sich: Sie stellen ihre Traktoren in den Weg, führen Demos durch, besetzen Häuser.

Zur gleichen Zeit zeigen die Aktivist:innen in Beringen, woraus sie gemacht sind. Die Gesichter hinter Masken und Alufolie versteckt, stellen sie sich zwischen die Kameras der nationalen Medien und die Baustelle des Datencenters. Auch diese Pressekonferenz ist polizeilich begleitet.

Davon steht am nächsten Tag in den Artikeln und Sendungen nichts – dafür sind das Beringer Datencenter und sein enormer Durst jetzt schweizweit bekannt. Skepsis begegnet der AdA nur in Bezug auf ihre mögliche Gewaltbereitschaft, und Fragen dazu beantworten sie ausweichend: Man schätze eine Vielfalt der Strategien, wie sie die Anti-AKW-Bewegung schon an den Tag gelegt hat. Der Wortlaut ist dagegen deutlich: «Für eine digitale Infrastruktur, die der Bevölkerung tatsächlich zugutekommt, müssen Big Tech und die kapitalistische Produktionsweise, die Big Tech hervorgebracht hat, zerschlagen werden», sagt ein Sprecher, der sich als Laurent vorstellt.

Dabei passen weder Kampfrhetorik noch die Aussicht auf Vandalismus zu dem, was ich tags darauf in Tengen vorfinde.

«Repressive Harmonie»

Neben der «Lebensgemeinschaft für nachhaltige Entwicklung» haben die Aktivist:innen am Freitagabend ihre Zelte wieder aufgeschlagen. Ein Wegweiser zeigt, wo das Awareness-Zelt ist und wo das mobile WC; auf dem Büchertisch liegen Broschüren zum Kiesabbau im Altdorfer Wald und zu einem Geothermiekraftwerk im jurassischen Haute-Sorne, ein Schild am Wasserspender ruft dazu auf, Techoligarchen den Hahn abzudrehen.

Man achtet aufeinander. Die meisten stellen sich nicht nur mit Deckname vor, sondern auch mit ihren Pronomen. Die Inputs, Beiträge und Diskussionen werden simultan übersetzt, es sind regelmässige Pausen eingeplant, um niemanden zu überfordern. Und zwischendurch hält jemand einen sprenkelnden Wasserschlauch in die Luft. Die fröhliche Stimmung hilft wohl auch, die Übermacht der global vernetzten Tech-Infrastruktur überhaupt auszuhalten. Die Aktivist:innen sehen sich im «heart of the beast», im Herzen des Monsters also. Beispiele dafür sehen sie unzählige, das Datencenter in Beringen ist nur eines davon. Ein anderes: Die Schweizerische Nationalbank hat schon über elf Milliarden Dollar in das Unternehmen Nvidia investiert. Nvidia ist Marktführerin in KI-Computing – und hat ihre zweitwichtigste Forschungsstätte in Israel. Sticker auf Trinkflaschen, Zeichnungen und die Bücher in den Händen der Aktivist:innen: Sie erzählen von Solidarität mit Palästina.

Die Polizei sieht auch hier in Tengen nach dem Rechten, einmal täglich mindestens, manchmal öfters. Als ich vor Ort bin, kommt mir einmal eine Aktivistin entgegen und ruft in die Menge: «Die Polizei kommt kurz, aber es ist chillig.» Der Bürgermeister hat in Aussicht gestellt, nicht einzuschreiten, solange die Gruppe unauffällig bleibe.

Der neue Standort hat aber zweifellos Nachteile. Neuankömmlinge werden tröpfchenweise am Bahnhof Thayngen mit dem Auto abgeholt. Die Vernetzung mit der Schaffhauser Bevölkerung ist schwierig, und überhaupt muss sich die Region jetzt nicht mehr mit dem Versuch der AdA auseinandersetzen, eine Debatte über Sinn und Unsinn von KI zu starten. Im Gespräch mit einem jungen Menschen mit Ohrringen und fröhlicher Stimme lerne ich ein Wort, das diesen Zustand einfängt: repressive Harmonie. Der Frieden ist nur ein scheinbarer, und er ist Resultat von Ausgrenzung der dissidenten Stimmen. «Das haben wir ja gesehen: Unser Protest wird in der Schweiz unterdrückt.»

Ich kehre am Dienstag zum Camp zurück. Die Anspannung der ersten Tage ist fast schon demonstrativer Gemächlichkeit gewichen. Auf dem Programm stünden zwei Inputs. Die Podiumsdiskussion zu KI im Kontext globaler Kriegsmaschinerie – man hätte zum Beispiel lernen können, dass Daten aus dem Sommerhit 2016 «Pokémon Go» mutmasslich eine KI für Kriegsdrohnen trainiert haben – ist abgesagt. Der zweite Programmpunkt, ein Skill-Sharing zu direkter Aktion, startet mit einer halben Stunde Verspätung. Jemand spielt im Schneidersitz Gitarre. Es riecht nach Sonnencreme.

Dem Beringer Gemeindepräsidenten Roger Paillard trieb die Aussicht aufs Camp tatsächlich Sorgenfalten auf die Stirn. Dass er sich geweigert habe, dem Camp eine Bewilligung im Dorf auszustellen, stimme jedoch nicht. «Gerade in einer Demokratie müssen auch kritische Stimmen Platz haben, das ist unheimlich wichtig», hält er gegenüber der AZ fest. Doch ein mehrtägiges Camp von bis zu 200 Leuten nahe des Wohngebiets sei eine Nummer zu gross gewesen. «Zudem haben die Organisator:innen mit dem Parkplatz der Badi, den Fussballfeldern und der Schulhauswiese drei Standorte vorgeschlagen, die anderweitig genutzt werden», sagt Paillard. Eine zeitlich beschränkte Protestveranstaltung hätte man bewilligt. Ein solches Gesuch sei nicht eingegangen.

In Tengen haben die Aktivist:innen ein Anschlagbrett gebastelt, auf dem man der KI Fragen stellen kann; beantworten tut sie dann aber ein anonymer Mensch. Jemand hat gefragt, was der Sinn des Lebens sei. Auf das Antwortzettelchen hat der Mensch einen Igel gezeichnet. Liedchen pfeifend liegt er unter einem Baum.

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Der Frohsinn trotzt https://www.shaz.ch/2026/07/02/der-frohsinn-trotzt/ Thu, 02 Jul 2026 07:03:40 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11056 Seit vierzig Jahren kocht und wirtet Heike Möckli im Frohsinn. Besuch bei einer lebenden Legende. Thomas Hauser betritt den Frohsinn. «Ah, ein prominenter Stammgast», begrüssen wir den ehemaligen Stadtparlamentarier. Da könne er ja glatt Eintritt verlangen, erwidert der FDP-Mann, während er sich an den grossen, runden Beizentisch setzt. Der parteilose Pensionär Dieter Toluzzi neigt sich […]

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Seit vierzig Jahren kocht und wirtet Heike Möckli im Frohsinn. Besuch bei einer lebenden Legende.

Thomas Hauser betritt den Frohsinn. «Ah, ein prominenter Stammgast», begrüssen wir den ehemaligen Stadtparlamentarier. Da könne er ja glatt Eintritt verlangen, erwidert der FDP-Mann, während er sich an den grossen, runden Beizentisch setzt. Der parteilose Pensionär Dieter Toluzzi neigt sich zu ihm rüber und reibt den Daumen über Zeige- und Mittelfinger: «Immer goohts um de Zapfe, gell?». Toluzzi sei ein Plauderi, winkt Hauser ab.

Früher Donnerstagabend in der Quartierbeiz in Buchthalen, Stadt Schaffhausen. Der Stammtisch füllt sich, der Aschenbecher tuts noch schneller. Die obligate Jassrunde hockt ebenfalls da, zwei Mann schauen ihnen zu. In der Mitte von allem: Heike Möckli. Die Wirtin mit den blondierten Haaren schwirrt herum, richtet in der Küche die vorbestellten Wurst-Käse-Salate und die Cordon Bleus, rotiert dann zurück in die Gaststube, wo sie immer wieder mit grossem Hallo begrüsst wird. Sie raucht eine Zigarette, reisst ein Witzchen, trinkt ein Gläschen. Wenn die Gäste etwas erzählen, staunt sie gern, oft ein wenig atemlos, doch wirklich überraschen kann sie nichts. Heike hat so eine Art, man will ihr einfach gefallen. Sie ist der Magnet, der den Abend zusammenhält. Ja, für manchen hält sie die ganze Woche zusammen. Und natürlich das Quartier.

Seit 40 Jahren führt Heike Möckli den Frohsinn, kocht und schenkt zugleich aus. Sie selbst wird in wenigen Tagen 70. Du bist ja eine Legende, Heike, sagen wir. «Eine lebende, zum Glück», entgegnet sie und macht schockiert grosse Augen, lacht dann schallend – wie so oft, wenn ihr ein Spruch gelingt. Sie verschwindet zurück in die Küche, in der bestimmt 40 Grad herrschen.

Wir wundern uns über diese Wirtin, die es nicht einfach hat im Leben. Und über diesen Ort, der uns das grassierende Beizensterben schmerzlich bewusst macht. Denn im Frohsinn zeigt sich, was es zu verlieren gibt.

Wenn Handwerker Servietten falten

Am Stammtisch trinken sie bei der Sommerhitze «Söseli», so sagen sie hier: Schaffhauser Rotwein, gestreckt mit stillem Wasser. Wir lehnen erst dankend ab, überlegen es uns anders. «Was ist das für ein Charakter, den man nicht überreden kann?», meint ein Gast in slawischem Akzent lobend und schenkt uns ein.

Früher gab es in Buchthalen noch fünf Beizen. Sonntagmorgens zog man von einer zur anderen, nahm mal eine Stange, mal einen Kaffee. Heute ist der Frohsinn die einzige Wirtschaft, die es im Quartier noch gibt. Manche Arbeiter und Pensionierte kommen jeden Werktag zu Kaffee und Znüni. Wegen Heikes Brötchen, sagen sie. Stammgast Dieter Toluzzi indessen ist auch am Samstagmorgen da, wenn nicht offen ist, er hat einen Schlüssel. An den Abenden – geöffnet ist mittwochs und donnerstags – kommen Vereine und andere Gäste, und das längst nicht nur aus der Umgebung. Viele kennen Heike schon lange und sind irgendwann hier hängen geblieben. Heike weiss wieso: «Ich sah mal hübsch aus».

Zeit für den Znacht. Die Jasser setzen sich ins hintere Eck und schaufeln ihren Wurst-Käse-Salat in sich hinein. Dieter Toluzzi erhebt sich vom Stammtisch. Er müsse jetzt nach Hause, Nasi Goreng kochen. «Wie betont man das eigentlich richtig, Nasi Goreng?», fragt Thomas Hauser.

«So, wie ich es gesagt habe», antwortet Toluzzi.

Da kommt dem Hauser ein Witz in den Sinn, ein wahrer noch. Helmuth Kohl und Mitterand seien einmal zusammen im Flugzeug gesessen. «Sie gerieten in Turbulenzen, meinten abzustürzen. Als sie dann doch wohlbehalten unten ankamen, sagte Kohl, man habe im Sinkflug noch Dutzis gemacht. Mitterand habe gesagt: Nous sommes per Dü.»

Ogi sei das gewesen, nicht Kohl, ruft ein anderer.

Wie der Abend im Frohsinn fröhlicher wird, beobachten wir Ungewöhnliches: Viele der Gäste marschieren wie selbstverständlich hinters Buffet und bewirten sich selbst. Ein ehemaliger Bauunternehmer sitzt draussen im Garten und faltet Servietten. «Das ist sein Job alle zwei Wochen», sagt dessen 16-jähriger Sohn, der Heike von kleinauf kennt und ebenfalls wöchentlich hier ist. Auch in der Küche kann die Frohsinn-Wirtin auf eine treue Helferin zählen, die nach dem langen Arbeitstag aus Zürich nach Hause fährt, um mit ihr Gemüse zu rüsten, zu brutzeln und abzuwaschen. Alles freiwillig. Erstaunlich.

Die Blick-Affäre

Montagmorgen, 10 Uhr. Wir kehren zurück in den Frohsinn, auch wegen der sagenumwobenen Brötchen. Stammgast Dieter Toluzzi hat seinen Kaffee bereits ausgetrunken. Als er sich verabschiedet, nimmt er wie jeden Tag den Blick mit nach Hause – auch wenns heute noch etwas früh dafür ist. Der Gipsermeister, der ihn auch lesen will, war schliesslich noch nicht da. Prompt kommt jener wenig später dann doch in den Znüni. «Also, jetzt hole ich den Blick zurück», sagt die Wirtin und schreitet davon, um das Boulevard-Blatt bei Toluzzi einzutreiben.

Heike Möckli und der Frohsinn, das war Liebe auf den ersten Blick. Als junge Frau, sie war in Etzwilen aufgewachsen, hatte sie sich bei einem Besuch in die Quartierbeiz verguckt. Diese und keine andere musste es sein. Es klappte aber nicht sofort. Die gelernte Landschaftsgärtnerin lebte in ihren 20ern nämlich in Amerika. Aufgeschlossen wie sie war, lernte sie dort viele Leute kennen, schipperte auch mal ein halbes Jahr auf einem Segelschiff entlang der costaricanischen Küste und von einem Jöbchen zum nächsten. Sie kam nur ab und zu nach Hause. Nach der Begegnung mit dem Frohsinn schrieb sie immer wieder an dessen Besitzer, ob die Beiz nicht zu haben wäre.1986 bekam sie schliesslich ein Ja. Gerade hatte sie sich auch als Stewardess bei der Lufthansa beworben. Doch sie entschied sich für die Schweizer Quartierbeiz. Sie brachte das Club Sandwich aus Amerika mit in die Heimat, das es noch heute im Frohsinn gibt, und wie sie sagt, nicht mehr als fünf Franken Erspartes. Sechs Jahre danach habe sie alleine durch das Beizern den Frohsinn kaufen können.

Der Zusammenbruch

Die Znüni-Brötli an diesem Montagmorgen sind geschmiert (mit viel Mayonnaise), gegessen und in der Tat legendär. Heike lädt zur Pause an ihr Tischchen draussen im Hof hinter der Küche. «Es war nicht immer nur alles himmelhochjauchzend», sagt sie. Nach ihrer Rückkehr nach Schaffhausen hatte sie nicht bloss eine Beiz, sondern etwas später auch zwei Kinder mit ihrem damaligen Mann. Sie sorgte bald alleine für sie. Ihre Tochter Laura lebt mit einer kognitiven Beeinträchtigung und wohnt auch heute noch zusammen mit Heike in der Wirtswohnung im Frohsinn. Tagsüber arbeitet sie im diheiplus, in der Freizeit ist sie viel mit ihrer Mutter auf Achse. «Wir gehen an Konzerte, in den Europa-Park, wir haben verschiedene Saisonkarten oder den KiK-Pass für die Kammgarn», erzählt Heike. «Langsam fällt es mir etwas schwerer, so viel unterwegs zu sein, aber im Nachhinein sage ich mir immer, Gott sei Dank hat mich meine Tochter motiviert, etwas Tolles zu unternehmen.» Und sie fügt an: «Ich weiss nicht mehr, wie ich das immer alles geschafft habe, Beizern und die Kinder. Aber irgendwie geht es, du kannst alles schaffen.»

Oder man hat einen Zusammenbruch, entgegnen wir.

«Den hatte ich auch, 2013», sagt Heike. «Ich hatte damals viele Gäste mit Beziehungsproblemen, die sie in der Beiz austrugen. Das kannst du jahrelang verarbeiten, bis du selbst einmal geschwächt bist. Dann reisst es plötzlich ein.» Sie ging nach Aadorf in die Klinik. «Aber man gab mir Ratschläge, die konnte ich gar nicht umsetzen. Ich konnte als Wirtin nicht mein Pensum reduzieren. Und meine Tochter wollte ich auch nicht in eine Institution geben. So ging ich nach einer Woche nach Hause, mit Medikamenten.»

Solidarwirtschaft

Heike hielt durch, wie immer. Die Existenzängste wurden mit der Zeit geringer, und sie selbst nehme das Beizern deshalb heute etwas lockerer, sagt sie. Der Grund dafür, dass es den Frohsinn noch gebe, sei klar: Ihre Beiz ist ein Einfraubetrieb. Sie hatte kaum je Festangestellte. Das funktioniert heute nur noch, weil die Gäste auch mal geduldig warten und mit aushelfen. «Sie merken, dass ich langsamer bin und manchmal etwas am Anschlag.»

Auf einem Veranstaltungsbrett ist ein Open-Air-Kino draussen angekündigt, auch Mittagstische für Familien mit Kindern gibt es im Frohsinn regelmässig. All das organisieren die Buch­thaler Frauen, einige von ihnen junge Mütter. Sie wollen Heike unterstützen. Und sie wollen nicht, dass ihre Quartierbeiz verschwindet. So tragen die Stammgäste das Geschirr nach dem Essen eben selbst zurück in die Küche. Oder sie bringen den Teller mit dem Menü, das Heike regelmässig für einen Nachbarn kocht, kurz bei diesem zu Hause vorbei.

In Zeiten der politischen Rücksichtslosigkeit, in denen die grundsätzliche Einigung auf ein Zusammenleben bröckelt, in Zeiten, in denen also die Beizen sterben, trotzt der Frohsinn der Gleichgültigkeit: Es ist ein Ort, wo einem der oder die andere noch nicht egal ist. Und der deshalb lebt. Heike Möckli denkt jedenfalls auch mit 70 nicht ans Aufhören.

Am Samstag, 4. Juli, steigt ein Fest zu Heikes Wirtinnen-Jubiläum – und ihrem Geburtstag. Ab 18 Uhr.

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Verbraten https://www.shaz.ch/2026/07/02/verbraten/ Thu, 02 Jul 2026 06:57:04 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11051 Weil die Stadt ihre Preisordnung anpasst, muss eine Bewohnerin einer Servicewohnung fürs Mittagessen blechen – egal, ob sie im Speisesaal isst oder selbst kocht. Ruth Schiessers Wohnung ist klein, aber sie hat es sich wohnlich eingerichtet im Altersheim Kirchhofplatz. Ein runder Holztisch füllt fast den gesamten Eingangsbereich. Links schliesst ein Wohn- und Schlafraum an, mit […]

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Weil die Stadt ihre Preisordnung anpasst, muss eine Bewohnerin einer Servicewohnung fürs Mittagessen blechen – egal, ob sie im Speisesaal isst oder selbst kocht.

Ruth Schiessers Wohnung ist klein, aber sie hat es sich wohnlich eingerichtet im Altersheim Kirchhofplatz. Ein runder Holztisch füllt fast den gesamten Eingangsbereich. Links schliesst ein Wohn- und Schlafraum an, mit einem sauber gemachten Bett an der Wand. Rechts liegt die Küche, in der fast jede freie Fläche belegt ist: mit frischen Nektarinen, mit Tomaten und Gewürzen. Schiesser war gerade erst auf dem Wochenmarkt. Sie koche sehr gern, erzählt die Seniorin, während sie einen Krug mit Leitungswasser befüllt und auf dem Tisch bereitstellt. «Und ich will etwas Rechtes kochen – nicht nur Birchermüesli und Café complet.»

Seit gestern, dem 1. Juli, verbratet sie jedes Mal Bares, wenn sie kocht. Auf Anfang des Jahres hat die Stadt stillschweigend die Regeln geändert: Neu müssen Bewohner:innen wie Ruth Schiesser auch dann für das Mittagessen im Restaurant zahlen, wenn sie es gar nicht essen. Eine Änderung, die mit mehreren tausend Franken pro Jahr zu Buche schlagen kann.

Fast 3000 Franken im Jahr

Schon im Spätsommer vor einem Jahr mussten die Bewohner:innen der städtischen Altersheime tief schlucken: Die Stadt korrigierte die Tarifverordnung nach oben (AZ vom 21. August 2025). Die Folge war eine Preiserhöhung in allen städtischen Alterszentren, im Schnitt um zehn Prozent.

Damals sagte Bruno Bischof, Leiter des Sozialversicherungsamts Schaffhausen, der AZ: Der Anteil der Bezüger:innen von Ergänzungsleistungen dürfte weiter steigen. «Die Ausgaben der Bewohner:innen steigen, während deren Einnahmen in der Regel gleich bleiben. Das kann dazu führen, dass auch Personen, welche bis anhin ohne EL ausgekommen sind, einen Antrag stellen müssen.»

Der Stadtrat rechtfertigte die Preiserhöhungen in den Altersheimen vor allem mit der Teuerung. Was er damals aber nicht kommunizierte: Mit der neuen Taxordnung hat sich auch die Regelung für die Verpflegung geändert. Bisher konnten sich Bewohner:innen von Servicewohnungen von den Mahlzeiten im Heim abmelden und selbst den Herd anwerfen; den Betrag für das Essen erhielten sie dann zurückerstattet. Das ist seit Anfang des Jahres nicht mehr der Fall: Möglich sind nur noch permanente Abmeldungen mit einzelnen Mahlzeiten, die nach Wunsch bezogen werden können – allerdings nicht beim Mittagessen. Das zahlen die Senior:innen, ob sie es nun essen oder nicht.

Es ist eine neue Preispolitik, die von der Öffentlichkeit bisher unbemerkt blieb. Sie fiel erst auf, als Ruth Schiesser sich an die AZ wandte. Eines der städtischen Alterszentren geriet mit der Umsetzung in Verzug: Das Alterszentrum am Kirchhofplatz – eben dort, wo Schiesser in ihrer Servicewohnung lebt.

Schiesser erhielt vor einigen Wochen einen entsprechenden Informationszettel. Sie sagt, sie habe bisher kaum im hauseigenen Restaurant gegessen – ausser es gab etwas, das sie nicht mehr selbst koche, «Braten zum Beispiel». Seit dem 1. Juli zahlt sie nun täglich acht Franken für ein Mittagessen, das sie nicht will. Auf ein ganzes Jahr hochgerechnet sind das 2920 Franken.

Schiesser sagt, sie wisse, dass diese acht Franken kein Riesenbetrag seien. Ihre Rente sei allerdings auch nicht riesig. Und: «Mir sind die Kontakte nach aussen sehr wichtig, ich will vielleicht einmal bei einer Freundin oder einem Freund zu Mittag essen, gemeinsam irgendwohin gehen.» Manchmal sei sie auch einfach nicht da; immer dienstags etwa besucht sie das Aquafit. «Auch das ist mir wichtig, findet aber genau über Mittag statt.»

Mit der Regeländerung fühle sie sich nun gezwungen, im Altersheim zu essen und den eigenen Kochlöffel ruhen zu lassen. «Wofür haben wir denn einen Herd, einen Ofen, wenn man nur noch Frühstück und Abendessen zubereiten kann? Dafür brauche ich keine Küche.»

«Das erstaunt uns sehr»

Für Essen bezahlen, das man weder will noch braucht – das findet Yolanda Gottardi, die Geschäftsführerin der Pro Senectute Schaffhausen, ebenfalls stossend: «Dass mit der starken Erhöhung der Taxen auch noch eine Änderung umgesetzt wurde, die eine Beschneidung der Selbstbestimmtheit und der Selbstständigkeit bedeutet, erstaunt uns sehr», sagt sie. Die Servicewohnungen hätten eine Kochgelegenheit, die es ermögliche, selbstständig für die eigene Mahlzeit zu sorgen.

Das heisst: «Die Senior:innen können kochen und essen, wann, was und mit wem sie wollen. Das ist ein Stück Freiheit in einem immer enger werdenden Freiraum.» Und, so Gottardi: «Dazu kommen die stetig steigenden Kosten, die ältere Menschen besonders treffen und sich mit dieser neuen Praxis nochmals verschärfen. Erstaunt sind wir aber vor allem über das Bild und die Haltung der Stadt gegenüber älteren und alten Menschen.»

Auch SP-Kantonsrat und VPOD-Gewerkschafter Patrick Portmann kritisiert die Praxisänderung der Stadt. Diese würde die Autonomie der Bewohner:innen beschneiden und sie finanziell weiter unter Druck setzten. «Der Anteil an EL-Bezüger:innen ist ohnehin schon hoch», so Portmann.

Die «Fürsorgepflicht»

Für die neue Taxverordnung ist SP-Sozial- und Sicherheitsreferentin Christine Thommen zuständig. Sie antwortet schriftlich und argumentiert mit einer «Fürsorgepflicht den Bewohnenden gegenüber», als die AZ sie auf die Preisregelung anspricht:

Als Anbieterin von Pflegeplätzen müsse die Stadt das Wohlergehen der Bewohnenden sicherstellen, so Thommen – dazu gehören auch jene der Servicewohnungen. Damit trage man eine Verantwortung für eine gesunde Ernährung und dafür, dass keine Mangelernährung auftrete. Laut Thommen ist also diese Fürsorgepflicht der Grund, weshalb das Mittagessen nicht mehr rückvergütet werden kann. Das gilt für alle städtischen Alterszentren seit Beginn des Jahres, am Kirchhofplatz hätten allerdings «organisatorische Gründe und personelle Engpässe» für eine verzögerte Umsetzung bis gestern, 1. Juli, gesorgt.

Für Ruth Schiesser ist die Begründung mit der Mangelernährung eine Ausrede. «Die Stadt müsste es doch eigentlich begrüssen, dass man die Wohnung auch einmal verlässt und sich mit Bekannten trifft, oder nicht?», findet sie.«Heute war ich zum Beispiel einkaufen. Aber es ist mir schwergefallen, das gebe ich zu. Ich bin nicht mehr allzu mobil.» Den Weg zur Migros oder zum Wochenmarkt legt sie zu Fuss zurück. Dank ihrem ÖV-Abo muss sie keine einzelnen Billette lösen, wenn sie mit dem Bus fahren will. «Ich weiss selbst nicht, wie lange das noch klappen wird für mich, ich sehe auch nicht mehr gut.» Trotzdem möchte sie das Kochen beibehalten. Jüngstes Beispiel: Eintopf aus frischem Gemüse vom Markt.

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«Die AZ ist mein Kind» https://www.shaz.ch/2026/06/25/die-az-ist-mein-kind/ Thu, 25 Jun 2026 03:01:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11029 Nach vier Jahrzehnten endet Hans-Jürg Fehrs Zeit bei der AZ. Eine Debatte über Selbstverständnis, persönliche Opfer und darüber, wie politisch die AZ sein soll. * Interview: Nora Leutert und Simon Muster Hans-Jürg Fehr, du trittst als Verwaltungsratspräsident zurück und hast bei der AZ nichts mehr zu sagen. Was ist das für ein Gefühl? Hans-Jürg Fehr Ein […]

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Nach vier Jahrzehnten endet Hans-Jürg Fehrs Zeit bei der AZ. Eine Debatte über Selbstverständnis, persönliche Opfer und darüber, wie politisch die AZ sein soll.

*

Interview: Nora Leutert und Simon Muster

Hans-Jürg Fehr, du trittst als Verwaltungsratspräsident zurück und hast bei der AZ nichts mehr zu sagen. Was ist das für ein Gefühl?

Hans-Jürg Fehr Ein gutes. Und zwar deshalb, weil es die AZ noch gibt.

Wieso hörst du auf?

Ich werde 78, ich finde, es reicht. Man sollte dann aufhören, wenn man gut übergeben kann. Die AZ ist stabil instabil, das ist ihr Grundzustand. In der Redaktion und im Verwaltungsrat hat es gute Leute, es ist höchste Zeit für einen Generationenwechsel.

Was macht das mit dir persönlich?

Es ist keine Wehmut, keine Trauer damit verbunden. Und wenn ich mal gar nichts zu tun hätte, erforsche ich die Geschichte meines Heimatdorfes Rheinklingen weiter, über das ich schon vier Bändchen schrieb. Ich bin gut ausgelastet. Es entsteht kein Loch.

Das fällt uns schwer zu glauben, nach all den Jahren, in denen du bei der AZ den Ton angegeben hast.

Ich musste mich schon oft verabschieden: als Parteipräsident, als Nationalrat und in anderen Mandaten. Ich habe Routine darin, zu gehen. Und ich gehe der AZ ja auch nicht ganz verloren, ich bleibe Grossaktionär.

Ein Wörtchen kannst du immer noch mitreden.

Ich sitze euch noch im Nacken, ja (lacht).

1978 hast du als Lückenbüsser bei unserer Zeitung angefangen.

Ja, mir wurde eine Frau vorgezogen, die etwas von Mode verstand. Das sagt eigentlich schon ziemlich viel über die Denkweise der damaligen Führungsriege aus. Man merkte, dass der Klassenkampf vorüber ist und wollte sich am Publikumsgeschmack orientieren. In den Arbeiterfamilien entschied die Frau, welche Zeitung abonniert wird. Und am wichtigsten waren für die Arbeiterfrauen die Todesanzeigen und die Inserate der Grossverteiler, wegen des Haushaltsbudgets.

Die modekundige Redaktorin, die man einstellte, kündigte aber bald wieder. Später wurde sie Chefredaktorin der Glückspost.

Sie hätte bei der AZ unter anderem Ratsberichterstattung machen sollen, das entsprach ihr überhaupt nicht. So stellte man Bernhard Ott und mich dafür ein, der Parlamentsjournalismus war unser Einfallstürchen. Obwohl man besonders Bernhard eigentlich nicht wollte.

Wieso nicht?

Mich kannte man nicht, ich studierte und wohnte in Zürich. «Ötter» aber war schon negativ aufgefallen, er hatte in der Kanti-Schülerzeitung «Info» gegen Walther Bringolf und die SP geschossen.

Als junge Redaktoren tratet ihr zusammen mit anderen Student:innen in die SP ein. Wir haben gehört, dass ihr euch an den Parteiversammlungen im Restaurant Falken auch mal über die alten Genossen mokiert haben sollt, wenn sie euch unbedarft oder kleinbürgerlich vorkamen.

So würde ich das nicht sagen. Wir Jungen sassen im Falken am mittleren Tisch und hatten komplett andere Ansichten darüber, wie eine Partei funktionieren soll. Die SP war sehr autoritär, rote Patriarchen wie Bringolf gab es landauf, landab. Wir waren antiautoritär. Ich glaube aber nicht, dass wir auf die Anliegen der Arbeiter mit Häme reagierten. Die meisten von uns waren aus der Unterschicht. Das würde ich sogar für mich beanspruchen, ich bin zwar kein Arbeiterkind, mein Vater war Wagner, meine Mutter Schneiderin. Ich komme also aus einem eher ein handwerklich-bäuerlichen Milieu.

Ihr sollt damals aber auch Arbeiter verprellt haben.

Ich weiss, dass es diese Erzählung gibt und ich sage nicht, das sie nicht stimmt. Meine Erinnerung ist aber anders. Ich wurde nach meinem Eintritt schnell städtischer Parteipräsident und als solcher versuchte ich, eine Spaltung zwischen Linksintellektuellen und Arbeitern, die es anderswo gab, zu verhindern. Wir haben auf jede Wahl hin krampfhaft Arbeiter gesucht, die auf die Liste kamen. Wir haben ein Auseinanderbrechen weder provoziert noch gewollt.

Nicht nur bei der SP, auch bei der AZ kämpften Hans-Jürg Fehr und Bernhard Ott gegen streng hierarchische, verkrustete Strukturen. Die AZ war damals eine Parteipostille, die zur Unionsdruckerei gehörte und fast zu Tode gespart wurde. Fehr und Ott wollten sie reformieren. Sie drängten umzimperlich vorwärts. Ott stiess als Personalvertreter in den Verwaltungsrat der Druckerei vor, 1986 holten er und Fehr zur Palastrevolution aus: Sie setzten sich mit ihrem Sanierungskonzept durch und gelangten an die Schalthebel der Macht: Ott als Geschäftsführer der Unionsdruckerei, Fehr als Verlagsleiter.

Ihr habt damals die grauen Herren bei der AZ verdrängt. Woher stammte euer Selbstverständnis, dass ihr es nicht nur besser wisst, sondern den Laden auch gleich übernehmen wolltet?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, wir hatten vor allem die Einsicht, dass sich bei der AZ etwas ändern muss und dass wir dafür in die Führung müssen. Es gab einen enormen Reformbedarf und wir als 68er waren veränderungswillige Leute. Und ja, wir hatten die ziemlich forsche Überzeugung, dass wir das können. Das war vielleicht auch etwas überheblich. Wir waren ja überhaupt nicht ausgebildet dafür, wir waren Historiker (lacht). Aber wir haben natürlich geschuftet wie blöd.

Mit Erfolg, zumindest zuerst. Mitte der 90er dann wolltet ihr die Zeitung gross umbauen. Das ging aber in die Hose – ihr habt euch verschätzt. Kam euch euer Selbstbewusstsein da in den Weg?

Rückblickend vielleicht. Die erste Reformphase war noch erfolgreich, darunter die Wiedereinführung der Samstagsausgabe. Dann wurde uns von einer Grossgönnerin eine Million zur Verfügung gestellt, die wir in unser Projekt «Take-Off» steckten, mit dem wir in kürzester Zeit grandios scheiterten. Wir wollten uns gegen die Tageszeitung, die Schaffhauser Nachrichten, behaupten, haben das aber nicht genug durchdacht.

Die Firma wurde aufgesplittet. Du wurdest Verlagsleiter und Chefredaktor in Personalunion und musstest Jahr für Jahr mit mehr Verlust kämpfen, dem Personal die Pensen und den 13. Monatslohn kürzen. Das macht keiner gern.

Den Jungen mussten wir nahelegen, sie sollen eine neue Stelle suchen, wir hatten nicht Platz für alle. Das waren grauenhafte Zeiten. Ich bekam Herzprobleme. Und dann sprangen auch noch die Grossinserenten ab, Denner und Coop. Plötzlich fehlten 200’000 Franken Einnahmen jährlich. Wir taten, was wir längst hätten tun sollen: Wir wurden zur Wochenzeitung.

Verlagsleiter Hans-Jürg Fehr im Jahr 2000 mit Redaktorin Bea Hauser. Foto: Rolf Baumann
Verlagsleiter Hans-Jürg Fehr im Jahr 2000 mit Redaktorin Bea Hauser. Foto: Rolf Baumann

Hattest du dich damals schon nach einem Ausstieg aus diesem Hiobs-Posten umgesehen?

Ich hatte immer auch eine politische Laufbahn, die in jener Zeit Richtung Nationalrat zeigte. Ich wurde damals – wenn auch nicht als einziger – als Nachfolger Ursula Hafners gehandelt.

War die politische Karriere dein Fluchtplan?

Nein. Ganz abgesehen davon, wie es bei der AZ weitergegangen wäre: Ich wusste, ich mache nicht für immer dasselbe. Das kann ich ja jetzt erzählen: Ich habe mich auch mal auf die Stelle des Radiodirektors beworben. Ich bin ins Finale gekommen und auf dem zweiten Platz gelandet. Das zeigt schon, dass ich noch etwas anderes im Leben wollte.

1999 schliesslich wurdest du Nationalrat. Warst du auch etwas froh, dem bedrückenden Umfeld der serbelnden AZ zu entkommen?

Ich glaube nicht, dass ich der AZ je entkommen bin (lacht).

Operativ schon.

Gefühlsmässig und von der Verantwortung her aber nicht. Als Verwaltungsratspräsident war ich dauernd um Geldbeschaffung bemüht.

Bernhard Ott sprang nach deiner Wahl in den Nationalrat für dich in die Bresche und kehrte höchst widerwillig zurück, um den mühsamen AZ-Chefposten zu übernehmen. Er arbeitete zu jener Zeit eigentlich als Historiker. Hat er sich geopfert, damit du in Bern Karriere machen konntest?

Unser Ziel war vom ersten Moment an dasselbe: Wir wollten diese Zeitung am Leben erhalten und blieben stets in ihrer Umlaufbahn. Ehrlich gesagt fand ich wohl damals, das sei doch klar, dass er jetzt meinen Posten übernimmt. Ich hatte dasselbe ja auch jahrelang getan. Ich habe damals wohl nicht gesehen, was das für ihn bedeutete.

Du hattest schliesslich auch eine schillernde Zukunft vor Augen. Plötzlich standest du auf einer nationalen Bühne, strittest mit Christoph Blocher in der Arena.

Ja, das war sicher ein Aufstieg in der Prominenzskala. Ich war aber schon zuvor auf nationaler Ebene aktiv, etwa in der Medienkomission der SP Schweiz. Ich wollte eigentlich schon immer über Schaffhausen hinaus schauen.

Ist Macht etwas, das dich kitzelt?

Ich bin ein sehr politischer Mensch.

Was war deine Motivation, trotz deiner nationalen Karriere Verwaltungsratspräsident der AZ zu bleiben?

Man könnte auch sagen, die AZ ist mein Kind. Ich habe ja selbst keine.

War dir die AZ aber auch als Sprachrohr wichtig, um dich wehrhaft zu fühlen? Du wurdest als Politiker von den SN und der nationalen Presse oft hart und hämisch angegangen, gerade noch vor einem Jahr nannte dich die NZZ einen «linken Dogmatiker».

Tatsächlich habe ich während meiner 14 Jahre in Bern lückenlos in jeder AZ eine Kolumne geschrieben. Und natürlich war es für mich als SPler gut zu wissen, dass es in Schaffhausen eine Zeitung gibt, die über alles etwas korrekter und gerechter berichtet.

Als Verwaltungsratspräsident lagst du aber nicht nur in Minne mit der AZ-Redaktion. Du hast immer wieder mal Forderungen gestellt, wie die Zeitung zu sein bräuchte, obwohl die Redaktion sehr begrenzte Mittel hatte. Geschäftsleiter Bernhard Ott hat einmal fast den Bettel hingeworfen.

Wir mussten bis heute immer mal wieder klarstellen, dass der Verwaltungsrat nicht nur ein Abnickgremium ist. Ich erinnere mich etwa an die Einführung von Druckfarbe – die Redaktion weigerte sich. Wir mussten gegen ihren Willen durchsetzen, dass die AZ wieder farbig wird. Man kann im Redaktionsalltag auch etwas versaufen. Hie und da braucht es den Blick von aussen.

Das zieht sich durch: In verschiedenen Momenten deiner Karriere warst du überzeugt, dass du weisst, was der richtige Weg ist. Und setztest dich durch.

Das ist mit solchen Chefpositionen verbunden. Da macht man sich hie und da auch unbeliebt und muss das aushalten.

Das war für dich aber nie ein Problem, unbeliebt zu sein?

Doch, ich bin nicht gerne unbeliebt.

Auch bei der heutigen Redaktion sieht sich der Verwaltungsrat nicht nur als Abnickgremium, wie du sagtest.

Wir sind ein Verwaltungsrat, der nahe am Personal ist, zwei aus dem Siebner-Gremium sind Angestellte. Hier gibt es also Mitbestimmung wie sonst nirgends. Dem zum Trotz muss man hie und da in den Clinch, dann wird es halt mal heftig. Ich bin sogar der Meinung, dass auch die Eigentümer der Zeitung etwas zu sagen haben zu müssen.

Bei der AZ bist das unter anderem vor allem du.

Letztlich ja. Den Eigentümern ist es doch nicht egal, womit sie ihr Geld verlochen. Sonst könnten sie sich statt einer Zeitung ja auch ein Boot kaufen. Es gibt einen Eigentümerwillen und der Verwaltungsrat vertritt diesen.

Wo hättest du bei der jetzigen AZ-Redaktion gerne eingegriffen?

Ich möchte eigentlich vor allem sagen, wie mich die Entwicklung der Zeitung freut. Die junge Redaktion, die vor gut zehn Jahren begann, hat begriffen, was eine Wochenzeitung ist. Nämlich etwas anderes als einfach eine Tageszeitung pro Woche. Der Vorgängerredaktion fiel es schwer, hier umzudenken. Das gefällt mir an der jetzigen Redaktion, genauso wie ihr Ideenreichtum und ihre investigativen Qualitäten. Und dann gibt es die eine oder andere Sache, die mir nicht gefällt – nur so viel dazu (lacht).

Anders gefragt: Was sollte die AZ deiner Meinung nach politisch sein?

Ich finde, dass die AZ politisch und publizistisch das Gegenstück zur lokalen Tageszeitung, den Schaffhauser Nachrichten, sein muss. Hierin sehe ich eine ihrer Existenzberechtigungen, eine wichtige sogar. Das bürgerliche Tageszeitungsmonopol braucht ein Korrektiv. Das war die AZ schon immer und das muss sie auch heute sein. Sie muss Haltung zeigen und für die Durchsetzung politischer Inhalte kämpfen.

Das macht die jetzige Redaktion weniger, als du es gerne hättest: Wir finden, der Job von Journalist:innen ist es nicht, den Leser:innen zu diktieren, wie sie abstimmen müssen.

Ich erwarte bei Abstimmungen einfach mehr Haltung von der AZ. Die Leute stecken in einem Entscheidungsmoment, ich glaube viele hätten gerne, dass die AZ ihnen Argumente auftischt, warum sie so und nicht anders abstimmen sollten.

Wahrscheinlich ziehen sich solche Konflikte zwischen Redaktion und Eigentümerin durch die Geschichte der Zeitung?

Das war schon immer so, ja. Die Konfliktfreiheit gibt es nicht, schon gar nicht in einer Vater-Kind-Beziehung.

Nach all den Jahrzehnten in wichtigen Entscheidungspositionen: Würdest du sagen, du bist altersmilde geworden oder verhärteter darin, deine Meinung durchzusetzen?

Ich bin eindeutig gelassener geworden. Ich suche keine Auseinandersetzungen mehr, weiche ihnen auch mal aus. Wenn man auf die 80 zugeht, lässt man auch mal eine Fünf gerade sein. Man kann das Altersmilde nennen – definitiv nicht Altersweisheit, man wird mit dem Alter nicht unbedingt gescheiter.

Dürfen wir nach deinem Rückzug aber weiterhin mit Leserbriefen zu politischen Themen rechnen?

Nun, ich schreibe immer Leserbriefe – ihr bringt sie nur nie.

Wenn du nicht mehr unser Verwaltungsratspräsi bist, sieht es vielleicht anders aus. Dann kannst du uns auch mal rügen in einem Leserbrief.

Nein, das würde ich als total illoyal empfinden. Selbst wenn ich einen guten Grund dazu hätte (lacht).

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Auf Sonderwegen https://www.shaz.ch/2026/06/25/auf-sonderwegen/ Thu, 25 Jun 2026 03:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11035 Schaffhausen hat die höchste Asylquote der Schweiz. Damit liesse sich gut Populismus machen. Doch die Sache ist komplizierter. Ende 2025 hatte der Kanton Schaffhausen die höchste Asylquote der Schweiz. Mit 1,54 Prozent übertrifft er nicht nur alle anderen Kantone, sondern übertrifft auch die Erwartung des Bundes: Dieser sieht für Schaffhausen eine Quote von 1,0 Prozent […]

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Schaffhausen hat die höchste Asylquote der Schweiz. Damit liesse sich gut Populismus machen. Doch die Sache ist komplizierter.

Ende 2025 hatte der Kanton Schaffhausen die höchste Asylquote der Schweiz. Mit 1,54 Prozent übertrifft er nicht nur alle anderen Kantone, sondern übertrifft auch die Erwartung des Bundes: Dieser sieht für Schaffhausen eine Quote von 1,0 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung vor. In realen Zahlen heisst das: Statt rund 900 Personen mit Status N, F oder S haben in Schaffhausen letztes Jahr deren 1383 gelebt.

Dazu kommt: Die 26 Gemeinden im Kanton tragen die Verantwortung für die Asylsuchenden nicht gleichmässig. Gemeinden wie Dörflingen oder Trasadingen beherbergten Ende Jahr nur gerade eine Person im Asylprozess – die Gemeinde Bargen nahm, gemessen an der Bevölkerungszahl, 4000 Mal mehr Menschen auf.

Eigentlich hätte der Bund – zusammen mit den Kantonen – die Aufgabe, Menschen im Asylbereich gleichmässig zu verteilen. Und nachdem sich die Schweizer Stimmbevölkerung in den vergangenen Monaten einmal mehr vehement am Thema Asyl abarbeitete, würden sich diese Zahlen allzuleicht populistisch verwerten lassen. Ganz besonders im Spitzenkanton Schaffhausen.

Wie sind solche riesigen Unterschiede möglich?

In diesem Artikel lernen Sie, geschätzte:r Leser:in, vor allem eines: Vom Kontext losgelöste Zahlen führen schnell in die Irre.

Kapitel 1: Vermeintliche Extreme

In einer gross angelegten Recherche-Kooperation unter der Leitung von Reflekt und Öffentlichkeitsgesetz.ch hat die Schaffhauser AZ die Asylzahlen des Bundes unter die Lupe genommen (mehr dazu am Schluss des Texts). Öffnen wir also den Blick kurz für das ganze Land:

Seit dem Jahr 2022 befinden sich in der Schweiz so viele Menschen im Asylprozess wie noch nie. Jedes Jahr war ein neuer Rekord – nicht nur absolut, sondern auch proportional zur ständigen Wohnbevölkerung. 2025 kamen auf 100 Einwohner:innen genau 1,4 Personen, deren Asylverfahren noch läuft (N), die vorläufig aufgenommen sind (F) oder die den Schutzstatus (S) haben. Die landesweite Quote ist damit höher als während des Kosovokriegs (1,2 Prozent), und sie ist deutlich höher als während der sogenannten «Flüchtlingskrise» in den Zehnerjahren (2016: 0,8 Prozent). Wieder ist ein Krieg die Ursache für die hohen Zahlen: Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine vertrieb Millionen Menschen aus ihrem Zuhause, und Zehntausende von ihnen fanden in der Schweiz Zuflucht.

So kletterte die Zahl der Menschen im Asylprozess auch in Schaffhausen in die Höhe, und zwar von 0,69 Prozent der Gesamtbevölkerung im Jahr 2021 auf 1,54 Prozent im Jahr 2025.

Diese Aufwärtsbewegung zeigt sich in allen Kantonen – aber nicht in gleichem Ausmass. Beispielsweise ist der Kanton Thurgau seit Jahrzehnten deutlich unter dem nationalen Durchschnitt, Ende 2025 liegt die Quote gar bei 1,05 Prozent. Damit liegt unser Nachbarkanton nach Obwalden auf dem zweituntersten Platz.

«Mich beunruhigen diese Zahlen nicht», sagt Andi Kunz. Er empfängt die AZ an einem Dienstagmorgen in den Räumen des kantonalen Sozialamts in der Stahlgiesserei, zusammen mit Simone Flacher, interimistische Abteilungsleiterin der Asyl- und Flüchtlingsbetreuung. Die beiden wollen einige Dinge klarstellen.

Kunz weist darauf hin, dass der Zeitpunkt 2025 eine Momentaufnahme ist in einem System, das ständig auf neue Gegebenheiten reagiert. Man müsse auch die historische Entwicklung berücksichtigen. «Abweichungen von der Regelquote gab es in Schaffhausen immer wieder. Wir können darauf vertrauen, dass das Staatssekretariat für Migration darum bemüht ist, diese Abweichungen wieder auszugleichen.»

Tatsächlich lag die Schaffhauser Asylquote in den vergangenen 30 Jahren meistens nah am Schweizer Durchschnitt – und zwischen 2002 und 2014 sogar deutlich darunter:

Auch der Vergleich mit anderen Kantonen sei schwierig, ganz besonders mit dem nahen Kanton Thurgau. «Der Thurgau erhält als Standortkanton von Bundesasylzentren eine Kompensation für die besonderen Aufgaben, indem ihm weniger Personen im erweiterten Verfahren zugewiesen werden.»

Das Staatssekretariat für Migration (SEM), das für die Verteilung der Asylsuchenden ohne freie Wohnsitzwahl in die Kantone zuständig ist, bestätigt die Aussage von Kunz. Die aussergewöhnlich hohe Quote an Menschen im Asylprozess in Schaffhausen kann es sich jedoch nicht erklären. Seinerseits sei der Verteilschlüssel in den letzten Jahren mit geringen Abweichungen eingehalten worden.

Zum Verteilsystem des SEM (klicken für mehr)

Das SEM will Asylsuchende gleichmässig auf die Kantone verteilen, tut dies aber nicht rigide. Es achtet demnach nicht nur auf die absolute Anzahl Personen im Asylprozess, sondern auch darauf, welchen Kriterien sie entsprechen. Dies zeigt ein internes Dokument, das der AZ vorliegt. Beispielsweise werden betreuungsintensivere Fälle wie unbegleitete Minderjährige oder Personen mit schweren gesundheitlichen Problemen oder mit einer Behinderung möglichst ausgeglichen verteilt. Auch die Staatsangehörigkeit wird berücksichtigt sowie der Umstand, ob bereits Familienmitglieder in der Schweiz leben.

1,54 Prozent: Die Zahl ist nicht nur eine Momentaufnahme, sondern lässt auch offen, welche Faktoren in sie hineinspielen. Ein kleines Beispiel: Wenn eine Asylsuchende ein Baby bekommt, wird dies im Maschinenraum Asylsystem als neues Asylgesuch verarbeitet. Ob Schaffhausen besonders attraktiv ist für Personen mit Schutzstatus S, sodass sie seltener ausreisen als aus anderen Kantonen, oder ob die Schaffhauser:innen besonders engagiert Ukrainer:innen bei sich aufgenommen haben, lässt sich also nicht ablesen.

Kapitel 2: Zum Beispiel Bargen

Nicht nur innerhalb des Landes, auch innerhalb des Kantons Schaffhausen sind die Asylsuchenden ungleich auf die Gemeinden verteilt. Während Kantone wie Zürich oder St. Gallen auf eine fast rigide Gleichmässigkeit achten, sind die Unterschiede in Schaffhausen deutlich: In den Gemeinden mit dem höchsten Anteil an Asylsuchenden leben insgesamt 18 Prozent der Bevölkerung. Sie nehmen aber 27 Prozent aller Asylsuchenden im Kanton auf.

Dass das Dörfchen Buch in diesem Ranking ganz zuoberst steht, erstaunt hier niemanden: Das Durchgangszentrum Friedeck ist seit Jahrzehnten ein fester Teil der Gemeinde (nachzulesen zum Beispiel in der AZ vom 7. April 2022). Rund jede fünfte Person, die in Buch lebt, befindet sich im Asylprozess – das ist im Übrigen nicht nur ein Kantons-, sondern ein Landesrekord, und zwar schon seit 30 Jahren. Dass Bargen mit einer Quote von 6,42 Prozent an zweiter Stelle liegt, ist aber eine Überraschung: Noch bis ins Jahr 2020 lebte im kleinen Dorf keine einzige Person im Asylprozess. Der Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg ist hier besonders frappant: Zwischen 2021 und 2025 stieg die Quote um satte 5,89 Prozent an.

Am unteren Ende des Rankings liegt Büttenhardt: 2025 kommen auf 472 Einwohner:innen genau null Asylsuchende, dicht gefolgt von Dörflingen mit einer (1) Person auf 1073 Einwohner:innen.

Diese Extreme haben nicht mit Solidarität oder einer allfälligen Unwilligkeit der Gemeinden zu tun – die Zeiten, in denen sich Gemeinden über Ausgleichszahlungen quasi freikaufen konnten (das berühmteste Beispiel dafür ist das Aargauer Kaff Oberwil-Lieli) sind vorbei. Es gibt zwei Gründe dafür: Einer kommt aus der Verwaltung, der andere aus dem Markt.

In Bargen ist die Asylquote innert weniger Jahre von 0,0 auf 6,42 Prozent angestiegen. Foto: Robin Kohler
In Bargen ist die Asylquote innert weniger Jahre von 0,0 auf 6,42 Prozent angestiegen. Foto: Robin Kohler

Grund Nummer 1: Das kantonale Sozialamt koordiniert die Verteilung der vom Bund zugewiesenen Asylsuchenden seit dem Jahr 2020 zentral (davor teilten sich Gemeinden und Kanton diese Verantwortung). «Dieser Entscheid fiel damals mit den Gemeinden zusammen», betont Andi Kunz. Bis heute erfahre man zu dieser Architektur viel Zustimmung. Simone Flacher ergänzt: «Wir haben als Kompetenzzentrum in der Flüchtlingsbetreuung viel Erfahrung und können mehr leisten als eine Teilzeitstelle in der Sozialarbeit in einem kleinen Dorf.» Der Systemwechsel sei mehrheitlich ein Erfolg, mit einer Ausnahme. «Früher war das Engagement der Gemeinden, Geflüchtete bei der sozialen Integration vor Ort zu unterstützen, grösser. Diese Aufgabe fällt dem Sozialamt, das die örtlichen Gegebenheiten weniger kennt, deutlich schwerer», so Flacher.

Grund Nummer 2 ist der Wohnungsmarkt. Um etwa das Beispiel Bargen zu verstehen, muss man die Unterbringungsstrategie des Kantons verstehen. Anders als etwa Zürich oder St. Gallen baute Schaffhausen in den vergangenen Jahren keine neuen Kollektivunterkünfte auf, sondern mietete stets Wohnungen auf dem Markt an. Und in Bargen hat das Sozialamt eben günstige Wohnungen gefunden. Gerade in reichen Gemeinden wie Buchberg, Rüdlingen oder Stetten gibt es dagegen schlicht keinen günstigen Wohnraum. Aber auch das sei eine Momentaufnahme, sagt Kunz: Bargen war sogar eine Zahlergemeinde, als es noch Ausgleichszahlungen gab. «Auch hier muss man die Verteilgerechtigkeit über einen längeren Zeitraum ansehen.»

Die Schaffhauser Unterbringungsstrategie ist historisch gewachsen; und lange gab es viel verfügbaren und günstigen Wohnraum. Sie ist nicht nur ein wirtschaftlicher Entscheid, sondern auch ein politischer: Personen, die dem Kanton Schaffhausen zugeteilt werden, haben tendenziell höhere Chancen auf Bleiberecht – beispielsweise sind sogenannte Dublin-Fälle hier seltener als etwa in Zürich. «Der Kanton Schaffhausen kann auch davon ausgehen, dass viele der zugewiesenen Personen aus dem Asylbereich hier bleiben werden», sagt Kunz. «Darum ist es sinnvoll, sie früh in der Integration zu unterstützen.»

Epilog: Die Grenzen des Systems

Der Schaffhauser Weg schrieb die Integration früh gross – aber es ist ein Weg, der an seine Grenzen stösst. Per 1. Juni 2025 standen im Kanton insgesamt 383 Wohnungen leer, vor sechs Jahren waren es noch fast dreimal so viele. Darum muss das Sozialamt umdenken. Das hatte schon politisch pikante Folgen: Im Sommer vergangenen Jahres machte die AZ öffentlich, dass der Kanton zehn Mieter:innen von günstigen Wohnungen an der Krebsbachstrasse kündigte, um dort Menschen aus dem Asylbereich unterzubringen (AZ vom 17. Juli 2025). Und wie Radio Munot im Herbst berichtete, sucht das Sozialamt nach Gewerbeflächen und Lagerräumen, die zu Wohnraum umgenutzt werden könnten. Andi Kunz tönt «einen ganzen Strauss an Massnahmen» an, den das Sozialamt derzeit prüfe. «Innere Verdichtung ist eine, die Umnutzung von Liegenschaften eine andere, die Anpassung der Mietzinsobergrenze eine andere. Wir haben auch in Richtung kleinerer Kollektivunterkünfte oder Neubauten keine Scheuklappen.» Man sei derzeit in der Sondierungsphase.

Ob eine zentrale oder eine proportionale Verteilung von Asylsuchenden deren Integration besser unterstützt und politische Konflikte reduziert, ist indes nie untersucht worden. Die Schweiz mit ihren 26 Kantonen hat 26 Wege, Asylsuchende unterzubringen. Angesichts dessen, dass dieses Land seit Jahrzehnten darüber diskutiert, wie viele Menschen es aufnehmen soll, weiss es erstaunlich wenig darüber, wie es die Verantwortung für diese Menschen am besten verteilt.

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Projekts «Asyl-Atlas», einer gemeinsamen Recherche von Reflekt, Öffentlichkeitsgesetz.ch sowie von elf Redaktionen in der ganzen Schweiz. Grundlage der Recherchen ist die erstmalige Auswertung eines Datensatzes des Staatssekretariats für Migration (SEM) zur Verteilung von Personen im Asylprozess auf die Gemeinden. Unterstützt wurde das Projekt vom LokalHub. Alle Ergebnisse sind online unter asylatlas.ch abrufbar.

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Fischer gegen Kapitän https://www.shaz.ch/2026/06/20/fischer-gegen-kapitaen/ Sat, 20 Jun 2026 05:30:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11017 In Schaffhausen sorgt eine kleine Muschel für Schlagzeilen. Und Streit: Fischerei und Schifffahrt sind sich uneins, was zu tun ist.

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In Schaffhausen sorgt eine kleine Muschel für Schlagzeilen. Und Streit: Fischerei und Schifffahrt sind sich uneins, was zu tun ist.

In Schaffhausen streiten sich Fischerei und Schifffahrt. Grund dafür: der niedrige Wasserstand und die Quaggamuschel. Sie verstopfte einmal mehr die Fahrrinne der Kursschiffe. Ausgerechnet der schönste Abschnitt der Rheinstrecke zwischen Schaffhausen und Stein am Rhein war bis gestern nicht befahrbar, und das mitten in der Saison. Und einmal mehr rückte der Bagger an, um die Rinne von den Muschelschalen zu befreien – ab heute gilt wieder der reguläre Fahrbetrieb. 

Die Massnahme erzürnte die Fischer, sie schossen mit scharfen Worten gegen die Schifffahrtsgesellschaft (URh) und warfen ihr vor, die Behörden vor sich herzutreiben, damit ihre viel zu grossen «Schlachtschiffe» fahren könnten. Die URh zeigte sich irritiert. Der Streit um die invasive Muschel löste ein nationales Medienecho aus, dessen Tragweite sogar die beiden Kontrahenten erstaunte. Wir bringen Fischervereinspräsident Marco Stoll und den obersten Kapitän der URh, Geschäftsführer Remo Rey, an einen Tisch.

Marco Stoll und Remo Rey, Sie sitzen sich hier im Disput gegenüber, obwohl Sie eigentlich gegen den gleichen Feind kämpfen: eine kleine Muschel. 

Remo Rey So ist es.

Marco Stoll (lacht) Mit dieser Feststellung hätte ich das Gespräch auch begonnen. Die Muschel ist auch für uns Fischer ein leidiges Thema, sie verändert das Ökosystem. (Mehr dazu im Kasten, Anm. d. Red.)

Trotzdem hat der Fischereiverband die URh für die jüngsten Massnahmen gegen die Quaggamuschel scharf kritisiert. Warum sind Sie aus dem Nichts so auf die Barrikaden gegangen?

Stoll Im Grunde geht es uns gar nicht um diese eine Ausbaggerung. Ich lebe jetzt 46 Jahre hier am Rhein und noch nie hat man an der Schifffahrtsrinne herumgegraben. 

2024 wurde mit einer ersten Baggermassnahme gegen die Muscheln ein Präzedenzfall geschaffen. Damals glaubte man, es sei eine einmalige Sache. Doch man merkte schnell, dass die Quaggamuschel zum dauerhaften Thema werden würde. Deshalb: Wehret den Anfängen. Wir wollen, dass der Rhein in Ruhe gelassen wird. 

Rey Auch wir wissen, dass die Abbaggerung nicht die dauerhafte Lösung aller Probleme ist, aber sie hilft, dass der Tourismus nicht komplett einbricht. Unser Betrieb nützt nicht nur unserem Unternehmen, sondern auch der touristischen Wertschöpfung in der Region. 

Deshalb waren wir ehrlich gesagt sehr irritiert über den Frontalangriff des Fischereiverbands gegen uns. Wir haben die aktuelle Situation ja nicht verschuldet, wir alle nicht.

Stoll Dass die Muschelablagerungen ein Problem für die Schiffe sind, sehen wir auch. Aber wir haben Angst, dass solche «Notfallaktionen» in Zukunft zum Dauerzustand werden. Deshalb sind wir lieber jetzt laut, als dass wir später permanent und immer wieder gegen solche Massnahmen ankämpfen müssen. 

Der Fischereiverband fordert ausserdem ganz klar eine Anpassung der Schiffe an den Rhein, und nicht umgekehrt. Passt Ihnen das, Herr Rey?

Rey Der Rhein ist eine Strasse, er darf befahren werden. Wir haben eine Konzession vom Bund, die uns erlaubt, hier unterwegs zu sein. Die Kantone müssen dafür sorgen, dass die Schiffbarkeit weiterhin möglich ist, so steht es im Binnenschifffahrtsgesetz. Wir haben also nicht nur das Recht, auf dem Fluss zu fahren, sondern auch die Pflicht, den Fahrplan einzuhalten. 

Stoll Für uns Fischer und Naturschützer ist der Rhein keine Wasserstrasse, sondern ein sensibles Ökosystem, einer der letzten nicht regulierten Flussabschnitte, das ist einmalig hier. Hier gibt es Lebewesen, die es sonst kaum mehr gibt, aber sie sind permanent unter Druck – und sie können keine Interviews geben oder Medienmitteilungen schrieben. Es gibt hier viele Flachwasserzonen. Jedes Mal, wenn ein Kursschiff vorbeifährt, werden Tonnen von Wasser bewegt. Das ganze Ökosystem wird durchgepflügt, und das x-mal am Tag.  Deshalb unsere Forderung: Kursschifffahrt gerne, aber sie muss sich den Rahmenbedingungen anpassen. Auch wir Fischer müssen uns anpassen. Wir haben keine Chance gegen die Quagga-Muschel. Wir müssen also lernen, mir ihr klarzukommen.

Was fordern Sie konkret?

Stoll Seit sechzig Jahren fährt man mit diesen grossen Schiffen auf dem Rhein – und sie wurden immer grösser. Wir fordern, dass die jetzige Situation als Gelegenheit zügig genutzt wird, um einen sanfteren Schifffahrtsbetrieb zu starten: kleinere Schiffe mit weniger Tiefgang und weniger Wellenschlag. 

Rey Wir brauchen die Schiffe in der aktuellen Grösse, damit wir an sonnigen Tagen keine Menschen stehen lassen müssen, Einnahmen generieren und das ganze Jahr über Löhne zahlen können – nicht nur während der Saison. 

Die URh hat sich den Gegebenheiten schon immer angepasst. Vor 30 Jahren sind wir noch mit doppelter Geschwindigkeit den Rhein hochgefahren. Das könnten wir auch jetzt noch tun. Machen wir aber nicht, weil der Wellenschlag dem Rhein nicht gut tut. Es geht uns nicht darum, möglichst schnell übers Wasser zu brettern, sondern darum, die Schönheit der Region zu schützen. 

Das müssen Sie auch, denn sie ist Ihr Kapital. 

Rey Es mag so aussehen, als würden wir nur punktuell reagieren, aber hinter den Kulissen läuft viel. Die grossen Pläne werden gemacht, doch es braucht einfach Zeit. Niemand hat Erfahrungen mit den aktuellen Problemen, das ist eine wirklich schwierige Aufgabe. Mit unserer kürzlich vorgestellten «Vision 2035» arbeiten wir darauf hin, unsere Flotte den Veränderungen anzupassen – leichtere Bauweise, weniger Tiefgang. Aber ein neues Schiff kostet 18 bis 20 Millionen Franken, und wir brauchen mindestens zwei davon. Keine Schifffahrtsgesellschaft kann sich das aus eigener Tasche leisten. Die Frage ist, ob die Bevölkerung den Wert unseres Angebots für die Region erkennt und bereit ist, darin zu investieren. 

Stoll Darf ich dazu etwas Provokatives sagen?

Unbedingt.

Stoll Die Flotte ist also auf Maximalkapazität ausgerichtet. Und allfällige Kollateralschäden, so wie ich sie vorhin beschrieben habe, nimmt man in Kauf. 

Rey Nein, so habe ich das nicht gesagt. 

Stoll So kam es aber bei mir an. 

Rey Man kann das so deuten, aber wir brauchen eine gewisse Menge an Passagieren, damit sich der Betrieb überhaupt lohnt. Sonst müssen wir personelle Massnahmen ergreifen. Geplant und in Abklärung ist die Anschaffung von Schiffen mit wesentlich geringerem Tiefgang,  ausschliesslich für den Rhein. Auf dem See wären diese wie Nussschalen, kaum noch steuerbar bei Wind und Wellen. Wir müssen gut abwägen und das Angebot auf die beiden Streckenabschnitte anpassen.  

Eine Muschel als Brandbeschleuniger (hier klicken für mehr)

Sie sind nur die Spitze des Eisbergs: Die Ablagerungen toter Muscheln im Rhein sind nur ein Teil der massiven Auswirkungen, welche die invasive Quagga-Muschel in Schweizer Gewässern hat – und nicht nur hier: Im Lake Michigan etwa macht die Muschel bereits 95 Prozent der gesamten Biomasse aus. 

Ein Szenario, das man in der Schweiz verhindern will. Die Muschel, die ursprünglich aus dem Schwarzen Meer stammt, wurde in die ganze Welt verschleppt. In der Schweiz wurde sie 2014 erstmals in Basel nachgewiesen, von dort gelangte sie als blinde Passagierin in die nächsten Gewässer. Das Problem: Sie hat hier keine Fressfeinde, filtert aber ihrerseits ihren neuen Nachbarn das Plankton aus dem Wasser. Womit sie, eigentlich fast am Ende der Nahrungskette stehend, Einfluss auf das ganze Ökosystem hat. 

Aber nicht nur die Tierwelt muss sich ihr stellen, auch menschliche Infrastrukturen kämpfen mit dem hartnäckigen Schalentier: Die Muschel haftet sich an Wasserfassungen und Wasserwerke und verstopft regelmässig die Leitungen, die dann kostenintensiv saniert werden müssen – bis der Kreislauf von Neuem beginnt. Die Quagga-Muschel wirkt im Rhein und Bodensee als Brandbeschleuniger für grössere Probleme, die der Klimawandel bereits ausgelöst hat. 

Noch ist keine Lösung in Sicht.

Die Zeit läuft gegen Sie. Die URh hat jetzt schon zu kämpfen. Die Jahresrechnung 2025 schloss erneut mit einem Verlust ab. Müssten Sie nicht eher früher als später auf die veränderten Umstände reagieren?

Rey Diesen Zukunftsfragen können wir natürlich nicht ausweichen, das stimmt. Da sind wir auch schon länger dran. Es geht um klimatische Veränderungen, extremes Hoch- oder eben Niedrigwasser. Das sind die Hauptfragestellungen, die gar nichts mit der Quaggamuschel zu tun haben. Diese kommt noch on top. Und diese Problematik bindet Ressourcen. Seit einer Woche bin ich nur damit beschäftigt, Medienanfragen zu beantworten. 

Stoll Das leidige Thema treibt mich auch schon die ganze Woche um. Das ist einfach nicht zielführend im Moment. Aber: Die Reaktionen zeigen, dass wir wohl einen Nerv getroffen haben. Mit so einem grossen Medienecho haben wir nicht gerechnet. Es ist ein guter Zeitpunkt, das andere grosse Problem mit anzusprechen, nämlich die zu grossen Schiffe, die schon immer eine Belastung waren für den Rhein, auf gewissen Strecken zumindest. Ich glaube, wir Fischer sind nicht die einzigen, die so denken. 

Was würde eigentlich passieren, wenn gar nichts gegen die Quaggamuschel unternommen würde?

Rey Die Nulloption wurde tatsächlich besprochen, und die URh kann einschätzen, was sie bedeuten würde. Wenn man gar nichts macht, würde die Schiffsrinne an der betroffenen Stelle verlanden. Es würde ein neuer Ökoraum entstehen. Das könnte ja sogar eine Chance sein. Für die Schifffahrt wäre vielleicht ein alternativer, direkter Weg unter der Hemishofer Brücke hindurch denkbar. 

Stoll Man soll eine neue Rinne baggern?

Rey Das wäre natürlich ein grosser Eingriff, aber man hätte im Gegenzug der Natur etwas zurückgegeben. 

Stoll Da sprechen wir aber von einem sehr grossen Bauprojekt. Das wäre ein Kanal!

Rey Beim Bewässerungsprojekt Bibertal wird im Moment ja auch sehr stark in die Natur eingegriffen. 

Stoll Ja, das war eine Lektion für uns Fischer, dort haben wir es verpasst, rechtzeitig zu intervenieren und im Sinne des Gewässerschutzes im Gegenzug strengere Auflagen bei der Landwirtschaft im Bibertal einzufordern. Wir haben aus unseren Fehlern gelehrt.  

Rey Es stellt sich doch aber immer die Frage, für wen man den Eingriff macht. Wasserfassungen sind wichtig für die Bevölkerung und für die Landwirtschaft, damit wir leben können in diesem Raum. Ich finde es berechtigt, dass man die Natur schützt, das stelle ich nicht infrage. Aber man muss klar sagen: Schlussendlich profitieren wir alle von der Natur.

Aber wäre zuschauen und abwarten wirklich eine Option? Das klingt ein bisschen nach Kapitulation vor der Muschel.

Stoll Im Moment wäre Abwarten die günstigste Variante gewesen und hätte einen nicht nachhaltigen Eingriff verhindert, der das Problem einmal mehr zeitlich und räumlich verlagert. Deshalb wäre dies eine echte Option, die man unserer Meinung nach nicht genug geprüft hat.

Rey Nein, volkswirtschaftlich wäre es nicht die günstigste Variante. Der Tourismus und die Gastronomie würden massiv darunter leiden. Schon jetzt klagen Gastrobetriebe in Stein am Rhein und auch die Tourismusbetriebe rund um den Rheinfall über Einbussen wegen fehlender Schiffspassagiere. Bei einem dauerhaften Unterbruch oder einer Zweiteilung der Strecke würden Leute ihre Stelle verlieren, Steuereinnahmen wegfallen und so weiter.

Stoll Dann sind wir mal gespannt, wann die nächsten Massnahmen angekündigt werden…

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Die Stadt und ihre Türme https://www.shaz.ch/2026/06/18/die-stadt-und-ihre-tuerme/ Wed, 17 Jun 2026 23:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11011 Seit zwei Jahren ragen die Rhytech-Hochhäuser in den Neuhauser Himmel. Geplant war ein Stück Stadt. Aber ist es auch eines geworden?

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Seit zwei Jahren ragen die Rhytech-Hochhäuser in den Neuhauser Himmel. Geplant war ein Stück Stadt. Aber ist es auch eines geworden?

von Simon Muster und Sharon Saameli

Freitagnachmittag im Rivi Skyfall, 80 Meter über Neuhausen. Auf unserer Augenhöhe gleitet ein Mäusebussard durch die Lüfte. Schauen wir zusammen mit ihm auf Neuhausen hinunter: Er beobachtet eine Gruppe klitzekleiner Menschen, die ums Rheinfallbecken flanieren. Links fallen ihm zwei grosse, rot-weisse Stofffetzen auf, die auf hohen Fabrikhallen wehen. Er segelt weiter, über Riegel- und Wohnhäuser, über gesichtslose Einkaufszentren und Imbissbuden. 

Was sieht dieser Mäusebussard: ein Dorf oder eine Stadt?

Geht es nach dem Gemeinderat, ist Neuhausen bereit für die Ära Stadt. Anfangs dieser Woche lancierte er eine neue Image-Kampagne: «Von Natur aus urban». Die Kampagnenplakate zeigen junge Menschen hinter Laptops, auf hippen Gravel Bikes oder mit Ping-Pong-Schlägern in den Händen. Neuhausen: nicht länger der Vorort, ja das «Ghetto» von Schaffhausen, sondern jung, verspielt und eigenständig.

Als Marker für diese Entwicklung vom Dorf zur Stadt stehen die beiden Rhytech-Hochhäuser. Seit zwei Jahren ragen sie nun in den Neuhauser Himmel, als Herzstück der «Rhyfall Village», welche die Eigentümerin, die nationale Immobilienriesin Halter AG, als lebendiges Quartier aufs Papier zeichnete. Ihre Pläne auf dem Rhytech-Areal lösten dazumal massiven Protest aus: gegen «vertikale Slums», gegen den Schattenwurf ins Dorf, gegen die «Verschandelung» des Rheinfallufers (nachzulesen zum Beispiel in der AZ vom 15. Februar 2018).

Wie steht Neuhausen heute zu diesen Türmen? Und was machen die Türme mit Neuhausen – reichen sie, um das Kaff Stadt nennen zu können?

*

Im Rivi Skyfall sitzt uns ein gut gelaunter Felix Tenger gegenüber, vor ihm ein Espressotässchen. Der 61-Jährige ist seit Anfang 2021 Gemeindepräsident von Neuhausen und schaffte 2024 die Wiederwahl. Am Abend vor unserem Treffen hat er seinem Parlament eine goldene Jahresrechnung präsentieren können: Das Steuereinkommen und das Nettovermögen pro Einwohner:in zeigen steil nach oben. Das liege auch an jenen, die ins Rhytech gezogen sind und ins SIG-Areal, erzählt Tenger. Rund ein Drittel der Rhytech-Bewohner:innen sei von auswärts zugezogen, vor allem aus Zürich – der Rest stamme aus Neuhausen und dem Kanton Schaffhausen. «Das Publikum ist sehr gemischt», erzählt uns Tenger, «Unsere Erwartungen an den Bevölkerungsmix haben sich erfüllt.» Seiner Meinung nach ist das Projekt Rhytech also gelungen. Auch die Türme selbst hätten sich nach einer Eingewöhnungszeit harmonisch in die Umgebung eingefügt. «Die Skyline ist zum neuen Kennzeichen von Neuhausen geworden.»

Die ersten Akzente dieser Skyline gehen auf die Boomjahre der Nachkriegszeit zurück. Das Öl war billig, der Wirtschaft lief es himmlisch, und die Bevölkerung wuchs innert zwanzig Jahren um ein Viertel an. Als Ausdruck dieser Potenz baute man in die Höhe. Das erste Hochhaus von Neuhausen war 1965 bezugsbereit, weitere folgten (mehr dazu in der AZ vom 4. Mai 2023). Doch der wirtschaftliche Abschwung der 1980er-Jahren dämpfte auch die Fortschrittseuphorie: Die Baukolosse begannen wie Fremdkörper zu wirken, die man sich ins eigene, heimelige Dorf geklotzt hatte. Die Bauten standen in der breiten Bevölkerung fortan für soziale Kälte und Vereinzelung. Das schreibt die auf Wohnfragen spezialisierte Sozialwissenschaftlerin Evelin Althaus in einem Aufsatz zum Phänomen Hochhaus: «Von ‹Betonbunkern› oder gar von ‹Ghettos› ist die Rede, meistens jedoch, ohne das Leben vor Ort wirklich zu kennen.» 

Anfang der 2010er-Jahre läutete der Neuhauser Gemeinderat den zweiten Hochhaus-Boom im Kaff ein. Mit Betonbunkern sollte das nichts zu tun haben, sondern mondän wirken. Dahinter stand einerseits die Idee der Verdichtung, denn Neuhausen fehlte das Bauland. Genauso aber wollte der Gemeinderat mehr steuerkräftige Personen anlocken. 

Wie Felix Tengers goldene Zahlen zeigen, ist das gelungen. Doch ist mit dem Geld auch Leben im Rhytech eingekehrt?

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Kurz vor Mittag steigen wir an diesem Montag aus dem Zug beim badischen Bahnhof in Neuhausen. Das stattliche Bahnhofsgebäude, 1863 vom Schaffhauser Intelligenzblatt zur «schönsten Station der Welt» gekürt, geht im Schatten der Rhytechtürme unter. Der neue Spielplatz, eher unkonventionell direkt am Bahngleis, ist leer. 

Auf dem Rhytech-Areal ist es ruhig, aber nicht ausgestorben. Die wenigen Kinder, die schon von der Schule zurück sind, tummeln sich vor dem Denner. Im Schatten der jungen Bäume und in der Lounge eines Cafés vertilgen vereinzelte Arbeiter schweigsam Pitas mit Ćevapčići und Ajvar. Urban wie wir sind, isst die Hälfte des Reporterteams aber vegan. Der Tibeter, den wir deswegen für unser Mittagessen besuchen wollten, ist heute geschlossen, das geht auf unsere Kappe. Das Bistro gegenüber ist zwar modern eingerichtet, aber auch zu, schon seit Oktober. Auch weitere Ladenflächen stehen leer. Noch Ende Jahr sagten die Betreiber des Areals gegenüber den SN, es mangle nicht an Interessenten, aber man sei «bei der Auswahl der Mieterschaft wählerisch». Die Angebote müssten zum Tourismus-Konzept passen, «ein Chocolatier wäre für uns zum Beispiel interessant.» Offenbar hat sich noch kein Chocolatier gemeldet. Auf den Schaufenstern im Rhytech versprechen derweil farbige Schriftzüge, was hier einst alles aufgehen soll – oder hätte aufgehen können: ein Optiker, eine Hörberatung, ein Deko-Shop. Scannt man den QR-Code, um mehr zu erfahren, folgt eine Fehlermeldung. 

Wir kaufen einen Kaugummi im Kiosk und fragen die Verkäuferin, ob es immer so ruhig sei. Sie sei nun seit ein paar Monaten hier und der Laden sei sehr schön, aber es fehle an Kunden, berichtet sie. Es brauche wohl noch mehr Werbung, bis das Areal zum Leben erwacht. «Wir haben jetzt auch am Sonntag offen, vielleicht hilft das etwas.» Das Sushi vom Tibeter könne sie uns aber sehr empfehlen. 

Mit der Bodennutzung hapert es also in der Neuhauser Metropolis noch. Und in der Höhe? Wir fragen bei der Halter AG nach, wie viele der 96 Eigentumswohnungen und 116 Mietwohnungen belegt sind, hören aber von der PR-Abteilung nichts. Also müssen wir undercover recherchieren. Hinter einem Jogger drücken wir uns in den Westturm, jenen mit den Mietwohnungen. Sie kosten zwischen 1325 Franken (1,5 Zimmer im 10. Stock) und «Preis auf Anfrage» («Exklusive Panorama-Residenz» mit 5,5 Zimmern im 23. Stock). Wir fahren mit dem Lift ganz nach oben, in den 24. Stock. Den Blick aufs Panorama versperren Sichtbeton und Eichenholztüren. In den oberen Stockwerken ist noch eine Handvoll Wohnungen frei, in den unteren, den günstigen, sind alle vergeben.

Und bei den Eigentumswohnungen? Im Haus im Osten sind auf dem Bildschirm, der als Klingelschild fungiert, drei Wohnungen als Leerstand verzeichnet. Zwei Firmen vermieten möblierte Wohnungen. Eine davon, «mydiHei», richtet sich primär an Expats, und vermietet in der Regel für mehrere Monate, wie wir auf der Website lesen. Offenbar ist das Interesse aber noch nicht so gross. Die CEO des Unternehmens schreibt uns, dass die Nachfrage von Expats in Neuhausen «derzeit noch nicht ausreichend» sei. Aktuell seien die Studios zur Hälfte leer. 

Gerüchte, denen zufolge ein guter Teil der Eigentumswohnungen Zweitwohnungen seien, können wir nicht überprüfen. Eine Erwartung hat sich aber klar nicht erfüllt: In die Rhytech-Türme sind deutlich weniger Familien mit Kindern gezogen als vorgesehen. Die Gemeinde Neuhausen musste deswegen explizit auch schon die Schülerprognose nach unten korrigieren (siehe AZ vom 21. August 2025). 

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Wir verlassen die Rhyfall Village mit einem gemischten Eindruck. Die urbane Wohnlage ist beliebt, aber ein lebendiges Quartier ist oberhalb des Rheinfalls noch nicht entstanden. Wir rufen den GLP-Einwohnerrat Fabian Bolli an. Mit 29 Jahren steht er nicht nur stellvertretend für jene, von denen Neuhausen gerne mehr hätte. Als Einwohnerrat warf er auch immer wieder Ideen ein, wie Neuhausen als Stadt entwickelt werden könnte: mit einer eigenen Rhybadi, einem Schnellzughalt oder dem Beitritt zum Regionalen Naturpark. Gelungen ist der Mentalitätswandel bisher nicht, sagt Bolli. «Ich bin Neuhauser in mindestens dritter Generation. Einige hier sind sehr stolz darauf, noch ein Dorf zu sein», erklärt er. Doch das entspreche schon lange nicht mehr der Realität. Dafür sei das Rhytech-Areal sinnbildlich. «Wir haben eine Stadt gebaut, jetzt müssen wir auch eine Stadt entwickeln.» Dann würde auch im Rhytech-Areal der volle Mehrwert entstehen, den man den Leuten einst versprochen hat.

Wir wollen uns von Bollis Enthusiasmus anstecken lassen. Und zukunftsoptimistisch gesprochen strahlen die Rhytech-Türme durchaus Urbanität aus: In Neuhausen sind noch Dinge möglich, die in der grössten Stadt im Kanton völlig undenkbar wären. Während Schaffhausen jedes Solarpanel verbietet, das man vom Munot aus sehen könnte, sendet Neuhausen über dem wichtigsten Touri-Hotspot der Region, dem Rheinfall, ein Signal aus: We get shit done.

Doch unsere Euphorie wird gedämpft, als wir mit dem nächsten Neuhauser sprechen: Thomas Leuzinger, SP-Einwohnerrat, kaum je um ein kantiges Wort verlegen und jüngst rund um die Burgunwiese wieder aktiver geworden – die Enttäuschung über den Verlust der letzten grossen Freifläche im Zentrum ist bei ihm noch spürbar. Leuzinger findet, die Politik behandle Neuhausen wie ein «adipöses Dorf»: Die Raumplanung strahle entsprechend nicht Kreativität, sondern vielmehr Konzeptlosigkeit aus. «Das ist das Gegenteil von Urbanität. In urbanen Gebieten antizipiert man die Probleme, die Hochhäuser mit sich bringen. Hier hat man einfach gebaut.» Nun habe Neuhausen zwar ein neues Quartier – aber ein privates, bei deren Besitzer man um Erlaubnis fragen müsse, wenn man zum Beispiel eine Standaktion machen oder Unterschriften sammeln will.

2013, als die Rhytech-Pläne auf dem Tisch lagen, freute sich Leuzingers Partei noch über die luftige Gestaltung und die Grünflächen. Heute ist das linke Unbehagen gegenüber Hochhäusern, nunmehr Symbole von Luxus und renditegetriebener Spekulation, nicht mehr zu überhören – im Zürcher Stadtparlament machte die Linke jüngst gar einen Schulterschluss mit der SVP, um das vertikale Bauen zu verhindern. 

Auch gegen die Neuhauser Hochhäuser gab es Widerstand. Noch bis ins Jahr 2019 kämpfte die IG R.O.T. («Rhytech ohne Türme») gegen die Bauten, so lange, bis ihr das Geld ausging. 

Roland Müller, der die Protestgruppe damals in den Medien vertrat, blickt heute jeden Tag von seinem Wohnzimmerfenster auf die beiden Hochhäuser. Als wir ihn für ein Telefongespräch anfragen, schickt er uns ein Foto, das im Winter weit oben in einem der Türme entstanden ist. «Schattenwurf der Tower», schreibt er dazu, «ich wohne im Haus mit den Solarpanels, links vom Schatten. Bald ist es ganz dem Schattenwurf ausgesetzt.»

Er habe sich mit den Hochhäusern abgefunden, sagt Müller, auch wenn die Dominanz so nah am Rheinfall enorm sei. Als die IG damals Einsprache erhob, setzte sich Müller noch für eine vertikale Begrünung ein. «Aber der Profit war wohl wichtiger als die Schaffung von etwas Schönem und Sozialem. Ich halte Verdichtung nicht für falsch. Aber sie muss der Umwelt etwas zurückgeben. Und diese Verdichtung schafft weder einen ökologischen noch einen sozialen Mehrwert für die Neuhauser:innen.» 

Hochhäuser vermitteln schnell einen Eindruck von Stadt: Ihre Dichte, ihre Anonymität und ihre insgesamt grösseren Massstäbe geben ein Gefühl von Bedeutung. Visuell erinnern die Promenaden des Rhytech-Areals an pompöse Kapitalanlagen wie die Zürcher Europaallee – und es hat etwas Befreiendes, wenn eine Gemeinde so starke bauliche Statements setzt. Aber für Urbanität braucht es mehr, als nur in die Höhe zu bauen: Begegnungsorte zum Beispiel, eine lebendige Kulturszene und Orte, in denen Reibung möglich wird. Die Rhytech-Türme allein machen aus Neuhausen noch keine Stadt. Aber sie machen es Neuhausen unmöglich, sich noch als Dorf zu sehen. Und so sind die Befürworter von damals heute wohlwollend und trauen sich kaum, eine Enttäuschung auszudrücken, während die einstigen Gegner sich zwischen Resignation und radikaler Akzeptanz bewegen.

Epilog

Am vergangenen Sonntag stimmte Neuhausen – entgegen dem Engagement des Besitzers der Halter AG – nicht nur gegen den 10-Millionen-Deckel, sondern entschied auch über die Zukunft der letzten unbebauten Fläche im Zentrum, der Burgunwiese. Noch 2022 hatte die Stimmbevölkerung die verpatzte Raumplanung des Gemeinderats, welche viele zweifellos in den Rhytech-Türmen sahen, mit einem wuchtigen Ja zu einem grossen Burgunpark quittiert. Nun, nach jahrelangem Hin und Her, gaben die Neuhauser:innen den Plänen des Gemeinderats trotzdem nach: Auf der Wiese entsteht nicht nur ein Park, sondern auch ein Alterszentrum. 

Die Träume und Freiräume, aber auch die Gräben von damals: Sie scheinen endgültig zu einem neuen Status quo zementiert.

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