Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/ Die lokale Wochenzeitung Thu, 15 Jan 2026 09:08:39 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.4.7 https://www.shaz.ch/wp-content/uploads/2018/11/cropped-AZ_logo_kompakt.icon_-1-32x32.jpg Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/ 32 32 Animal Politique https://www.shaz.ch/2026/01/16/animal-politique/ Fri, 16 Jan 2026 07:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10479 Seit einem Jahr sitzt Linda De Ventura im Nationalrat. Wie wird man Bundespolitikerin? Und wie verändert einen die Bundespolitik? Wir haben sie ein Jahr lang begleitet. Die Stimmung in der Kammgarn ist an diesem Junisonntag getrübt, der Prosecco blubbert in den Gläsern lustlos vor sich hin. Bis gerade eben hatten die Genoss:innen an den Bildschirmen […]

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Seit einem Jahr sitzt Linda De Ventura im Nationalrat. Wie wird man Bundespolitikerin? Und wie verändert einen die Bundespolitik? Wir haben sie ein Jahr lang begleitet.

Die Stimmung in der Kammgarn ist an diesem Junisonntag getrübt, der Prosecco blubbert in den Gläsern lustlos vor sich hin. Bis gerade eben hatten die Genoss:innen an den Bildschirmen den letzten Akt eines politischen Dramas mitverfolgt. Auf der Bühne hält nun ein trotziger, abgewählter Ständerat Simon Stocker eine Brandrede, und die Köpfe in der Menge nicken im Takt seiner Ansagen.

Linda De Ventura steht etwas abseits, und man sieht ihr die Erschöpfung der vergangenen Wochen an. Nur wenige Monate, nachdem sie die Nachfolge von Martina Munz im Nationalrat angetreten hatte, hob das Bundesgericht die Wahl von Simon Stocker auf. Anstatt sich erst einmal im Bundeshaus zurechtfinden zu können, musste die Neo-Nationalrätin zurück in den Wahlkampfmodus – doch am Ende half alles nichts. Die Bürgerlichen hatten mit der Wahl von Severin Brüngger die politischen Verhältnisse im Kanton wieder zurechtgerückt, und in der Kammgarn hört man an diesem Nachmittag immer wieder, dass dafür auch ein Kartoffelsack als Kandidat gereicht hätte.

Dann dreht sich De Ventura aufgebracht zu mir, dem Journalisten. Ich hatte sie seit ihrer Amtseinführung im Dezember 2024 immer wieder begleitet, um diese Reportage über ihr erstes Jahr im Nationalrat vorzubereiten. Nun, an diesem Junisonntag in der Kammgarn, macht sie unter anderem mich für den Wahlausgang verantwortlich. Die SN hätten Wahlkampf für den FDP-Kandidaten betrieben, während die AZ als Gegengewicht versagt habe. Ich entgegne, dass die AZ Journalismus und keine Politik mache. Wir diskutieren, werden uns an diesem Tag aber nicht einig.

Die Niederlage von Simon Stocker hat Linda De Ventura empfindlich getroffen. Sie, die sich unter Freund:innen und im Heimeligen am wohlsten fühlt, stand nun alleine auf der grossen Bühne in Bern; ohne ihren ehemaligen AL-Weggefährten und Freund Simon Stocker, als einzige linke Vertreterin eines bürgerlichen Kantons.

Es war der Tiefpunkt eines Jahres, in dem es für Linda De Ventura sonst nur bergauf ging. Nach dem aufreibenden Wahlkampf ging es nicht lange, und der Staub war von den Kleidern abgeklopft. Während andere Jahre brauchen, um im Haifischbecken Bern den Kopf über Wasser halten zu können, wirft sich De Ventura von Beginn weg Hals über Kopf ins Getümmel.

Ankunft

Als Linda De Ventura Anfang Dezember 2024 im Nationalratssaal vereidigt wird, sitzt eine über 30-köpfige Delegation aus Familie, Freund:innen und politischen Weggefährten auf den Zuschauerrängen. Bei der Anreise von Schaffhausen nach Bern war die Stimmung ausgelassen. Eine Nervosität darüber, dass sie vor dem vorläufigen Höhepunkt ihrer politischen Karriere steht, war De Ventura in der S-Bahn kaum anzumerken. «Linda geniesst es, wenn sie von vielen Menschen umgeben ist», erklärte mir die Schaffhauser SP-Präsidentin Romina Loliva beim Umsteigen in Winterthur. «Sie wäre nervöser, wenn sie heute alleine wäre.»

Nach der Vereidigung trifft sich die Schaffhauser Gruppe im bundeseigenen Restaurant «Galerie des Alpes». Die Wintersession wird scherzhaft auch «Apéro-Session» genannt, weil besonders oft die Gläser unter der Bundeshauskuppel klirren. «Ich verstehe vieles noch nicht, aber Apéro kann ich», scherzt De Ventura, als ich sie an einem Stehtisch voller Falafel und Käsehäppchen frage, wie sie den ersten Tag erlebt hat. Sie interessiere sich auch für die sozialen Dynamiken. «In Schaffhausen werden Kompromisse mit Bürgerlichen oft auch bei einem Kaffee oder Bier geschmiedet. Ist das in der Bundespolitik auch so, oder bleiben die Fraktionen unter sich?»

Wer sich ein Jahr später umhört, erhält das Bild einer Politikerin, die sich schnell im sozialen Gefüge und politischen Alltag zurechtgefunden hat. Das wichtigste Körperteil des Animal Politique sind die Ellenbogen, seine wichtigste Fähigkeit aber, Verbündete zu machen.

Die 39-jährige Schaffhauserin bringt den Vorteil mit, dass sie mit elf Jahren im Kantonsrat über parlamentarische Erfahrung verfügt und in der Schaffhauser Politik schon genug hartes Brot beissen musste, um an den für Linke ungünstigen Machtverhältnissen nicht zu verzweifeln. Berührungsängste zur Gegenseite kennt sie entsprechend keine. Ihr Kantonsratsmandat hat sie ebenso wie das Präsidium des Mieterinnen- und Mieterverbands Schaffhausen behalten. Ihren Job als Schulsozialarbeiterin bei der Stadt Schaffhausen hingegen hat sie gekündigt, De Ventura ist heute Vollzeit-Politikerin. Am Rande der Session spielt sie als Mittelfeldspielerin für den FC Helvetia, das Fussballteam der Frauen im Parlament.

Alle aus ihrer Fraktion, mit denen man über sie spricht, sagen, sie sei von Beginn an fleissig, kompetent und gut vorbereitet gewesen. Teamplayerin ist ein Wort, das mehrfach fällt, aber auch Begriffe wie «Landei» oder «Pfadimädchen». De Ventura sei begeistert vom kulturellen und gastronomischen Angebot in Bern, hört man. Solche Zuschreibungen sind wohlwollend gemeint, verraten aber auch etwas Gönnerhaftes. «Linda ist in ihrem ersten Amtsjahr Linda geblieben, sie verkleidet sich nicht», konstatiert Romina Loliva von Schaffhausen aus. Sie arbeite viel und seriös, nehme sich selbst aber auch nicht zu ernst.

In Bern sagt SP-Nationalrat Fabian Molina: «Man spürt, dass sie gerne Nationalrätin ist». Im Oktober 2025 besuchten die beiden unter anderem die tibetische Exilregierung in Dharamsala, Indien. Eigentlich war es eine Reise der Parlamentarischen Gruppe Schweiz-Tibet, aber kurzfristig wurde ein Platz frei. Linda De Ventura sprang ein und dokumentierte den Besuch begeistert auf den sozialen Medien. Auf einem Bild posiert sie zusammen mit weiteren Politiker:innen bei einer Audienz beim Dalai Lama. Andere Bilder zeigen sie auf einer Wanderung zwischen den steilen Bergwänden des Himalaya in Bhutan, «nach den Meetings mit dem Premierminister, dem Aussenminister und dem Parlament.»

Getrübte Stimmung bei Linda De Ventura und Bea Will nach der Abwahl von Simon Stocker im Sommer 2025.
Getrübte Stimmung bei Linda De Ventura und Bea Will nach der Abwahl von Simon Stocker im Sommer 2025.

Startrampe Sicherheitspolitik

Realpolitik geschieht in der Schweiz fernab der Kameras, staubtrocken und in Geheimnisse gehüllt. In welche Kommission man berufen wird, entscheidet darüber, ob man sich einen Namen machen kann oder als Hinterbänkler endet. Neuankömmlinge müssen nehmen, was frei ist. Die Hallauerin Martina Munz musste sechs Jahre warten, bevor sie in die Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie nachrücken und aufblühen konnte. Linda De Ventura wiederum landete in der Sicherheitspolitischen Kommission (SIK), einem harten Pflaster für Linke. Und besonders für linke Frauen. Sie haben in den meisten Fällen keinen Militärdienst geleistet, was ihnen, wenn sie die Armee kritisieren, von den bürgerlichen Kommissionsmitgliedern und Militärs genüsslich vorgehalten wird. Wie giftig dieser Ton werden kann, konnte man im Mai 2022 mitverfolgen, als der Schaffhauser SVP-Politiker Thomas Hurter einer Grünen Sicherheitspolitikerin, die sich gegen eine massive Erhöhung des Armeebudgets ausgesprochen hatte, vom Rednerpult aus die Frage stellte: «Warum sitzen Sie in der Sicherheitspolitischen Kommission?»

Auf diesem harten Pflaster baut sich Linda De Ventura eine Startrampe. Sie, die sich zuvor nie besonders mit der Armee auseinandergesetzt hatte, taucht nun voll ein. Sie lässt sich von den Militärs erklären, wie eine Aushebung abläuft, und fragt Männer in ihrem Umfeld, wie sie den Armeedienst erlebt haben. Sie besuchte einen Rekrutierungstag in Rüti, nimmt an Anlässen der Offiziersgesellschaft Schaffhausen teil und reist mit einer Delegation im Bundesratsjet in den Kosovo, wo sie Verteidigungsminister Martin Pfister beim Besuch von Swisscoy-Truppen begleitet.

Ihre Arbeit und ihre Art werden in der Kommission geschätzt. Sie sei interessiert und habe ihre Rolle in der Kommission schnell gefunden, sagt der Bündner Mitte-Sicherheitspolitiker Martin Candinas. «Sie ist ihrer Parteilinie treu, wir sind uns also oft in Armeebelangen nicht einig. Menschlich schätze ich sie sehr.» Als ich die SP-Nationalrätin im Dezember 2025 in der Wandelhalle des Bundeshauses interviewe, klopfte ihr Marco Tuena, SVP-Nationalrat und ebenfalls Mitglied der SIK, beim Vorbeigehen auf die Schulter. Zu mir sagt er: «Eine Pazifistin ist Linda auf jeden Fall nicht.»

De Ventura reicht in ihrem ersten Amtsjahr Vorstösse zu sexualisierter Gewalt in der Armee, mehrere zur Beschaffung des Kampfjets F-35 und einem weiteren Debakel, dem Halbstundentakt zwischen Zürich und Schaffhausen, ein. Einmal fragt sie den Bundesrat, wie dieser auf die Einstufung der deutschen AfD zum rechtsextremen Verdachtsfall zu reagieren gedenke. Dafür erhält sie vom rechtslibertären Nebelspalter das Prädikat «AfD-Hasserin», eine Auszeichnung, auf die sie stolz ist. Vor der Abstimmung über die Service-citoyen-Initiative, die sie ursprünglich unterschrieben hatte und nun als Sicherheitspolitikerin bekämpfte, tritt sie zu Streitgesprächen im Blick, beim Tele Züri und in der AZ in den Ring.

Spätestens seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Jahr 2022 diskutiert die SIK auch die grosse Geopolitik. Als Achillesferse der Sicherheitspolitik der SP, nach der Bürgerliche in der Debatte gerne schlagen, erweist sich dabei ausgerechnet ihr eigenes Parteiprogramm. Dort steht seit 2010: «Die SP setzt sich für die Abschaffung der Schweizer Armee ein.» Als De Ventura in einem Streitgespräch in der AZ zur Service-citoyen-Initiative auf den Passus im Parteiprogramm angesprochen wird, reagiert sie genervt. Der Vorwurf, der ihrer Partei deswegen gemacht werde, sei lächerlich. «Wir von der SP nehmen die Verpflichtungskredite der Armee-Botschaften an, die auf realistische Bedrohungsszenarien ausgerichtet sind, etwa Cyber- und Luftangriffe, Drohnen, Desinformationskampagnen oder Sabotage.»

Ich spreche Linda De Ventura auf diesen Militärjargon an. Ich würde bei ihr eine Faszination für die Armee verspüren, was mich als Dienstverweigerer irritiere. Lässt sie sich von den Militärs instrumentalisieren?

Sie denkt länger als sonst nach und sagt dann, dass es zur Politik gehöre, sich intensiv mit den einzelnen Themen auseinanderzusetzen. Die Sicherheitspolitik fasziniere sie, das stimme. «Für mich bedeutet Politik, dass man zwar die Maximalforderung langfristig erreichen will, sich aber auch an der politischen Realität orientiert.» Das bedeute in der aktuellen Sicherheitspolitik, dass sie dafür sorgen muss, dass das Geld für die richtigen Dinge ausgegeben wird. Die Abschaffung der Armee sei zwar weiterhin ein Fernziel von ihr. «Aber aktuell ist das nicht realistisch und auch nicht richtig. Je besser man sich mit einem Thema auskennt, desto schwieriger ist es, an einfache Lösungen zu glauben.»

Solche Aussagen bieten sich an, um eine Entwicklung von der kompromisslosen AL-Frau zur kalkulierten Realpolitikerin zu zeichnen. Es wäre eine falsche Zeichnung. Linda De Ventura wollte nie mit wehenden Fahnen untergehen und galt schon als AL-Kantonsrätin als eine, mit der man Kompromisse findet. Sie glaubt an eine bessere Welt und daran, dass der Weg dahin schlussendlich durch die Parlamentssäle führt. Die einen reiben sich an den unbeugsamen Machtverhältnissen, die dort herrschen, auf und gehen auf Konfrontation. Andere gehen an ihnen zu Grunde. De Ventura blüht auf.

In ihrer zweiten Wintersession gelingt De Ventura ihr bisher grösster Wurf. Die Schwesterkommission im Ständerat wollte Soldaten wieder erlauben, Munition nach Hause zu nehmen. Kurz nach dem Entscheid im Dezember 2025 schreibt Linda De Ventura eine Nachricht in den WhatsApp-Chat der SP Schaffhausen: «Unsere Ständeräte sollten wissen, dass sie mit einem Ja zur Taschenmunition mehr Femizide und Suizide in Kauf nehmen. Sollen wir einen offenen Brief starten?» Zusammen mit SP-Sekretärin Naemi Solla gestaltet sie in kurzer Zeit die Plakate zur Aktion. Wenige Tage später haben rund 1900 Personen aus Schaffhausen den Brief unterschrieben. Im Rat scheitert das Anliegen dann deutlich, keiner der beiden Schaffhauser Ständeräte drückt die Ja-Taste.

Hier kommen ihre grössten Stärken zusammen. Ihr Drive, ihre ehrlich enthusiastische Art Politik zu machen haben nun nationale Schlagkraft.

Zwischenbilanz

Ende 2025 gab der ehemalige Ständerat Simon Stocker dem Tages-Anzeiger ein Interview, in dem er auch ein wenig über Bundesbern schnödet. Er habe erwartet, dass er in Bern Kompromisse schmieden würde. «Und dann ist man da und merkt, dass es halt auch eine grosse Show ist, eine Inszenierung. Auf allen Seiten.»

Nach ihrem ersten Jahr im Nationalrat kann man festhalten: Linda De Ventura hat ihre Rolle gefunden. Und sie liegt ihr.

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«Es liegt ein Fluch auf diesem Restaurant» https://www.shaz.ch/2026/01/12/es-liegt-ein-fluch-auf-diesem-restaurant/ Mon, 12 Jan 2026 08:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10469 Die Stadt wünscht sich von ihrem Theaterrestaurant nur eines: einen guten Service. Daran ist schon wieder ein Pächter gescheitert. Muss das Konzept grundsätzlich überdacht werden? Es ist der wohl sonnigste Ort der ganzen Stadt. Schon im Frühjahr zieht es die Menschen auf den Herrenacker, um die wärmenden Strahlen einzusaugen. Dazu einen gemütlichen Kaffee auf der […]

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Die Stadt wünscht sich von ihrem Theaterrestaurant nur eines: einen guten Service. Daran ist schon wieder ein Pächter gescheitert. Muss das Konzept grundsätzlich überdacht werden?

Es ist der wohl sonnigste Ort der ganzen Stadt. Schon im Frühjahr zieht es die Menschen auf den Herrenacker, um die wärmenden Strahlen einzusaugen. Dazu einen gemütlichen Kaffee auf der Terrasse des Theaterrestaurants und der Moment ist perfekt. Glücklich, wer an diesem Ort seine Gäste bewirten darf. Könnte man meinen. 

In den letzten zwanzig Jahren gaben sich sechs Gastronomen im Lokal, das von der Stadt verpachtet wird, die Klinke in die Hand. Die meisten blieben nur wenige Jahre, manche auch nur einige Monate. Ende 2025 herrschte einmal mehr Ausnahmezustand an der Topadresse. Ein Zettel an der Türe informierte darüber, dass der Betrieb ad interim von Carlotta und Ayoub Carlino übernommen wurde. Das Wirtepaar führte zuvor in der Oberstadt ein italienisch-marokkanisches Restaurant. Warum die bisherigen Pächter, Gianni Ranallo und Giacomo Lubello von der Gastro Vibez GmbH, das Handtuch werfen, davon stand auf dem Zettel nichts. 

Wir erreichen Ranallo auf seinem Handy. Er habe mit der Stadt abgesprochen, dass weder er noch die Stadt über die Sache reden, schickt er vorweg und betont: «Es wird keine gegenseitigen Beschuldigungen geben.» Auf die Frage, was es denn auf sich habe mit der Pechsträhne dieses Restaurants, beginnt er dann doch zu erzählen: «Es gibt bestimmt irgendwo Gastronomen, die perfekt ins Theaterrestaurant passen. Wir waren es nicht.» Und er fügt scherzhaft an: «Auf diesem Restaurant liegt ein Fluch!»

Die Welt der Gastronomie ist bekanntermassen ein hartes Pflaster und verzeiht nicht viel. Das haben Gianni Ranallo und sein Team von Beginn an gespürt, wie sie im Februar 2025 gegenüber dem Bock sagten: Hohe Fluktuation beim Personal und Qualitätsprobleme führten zur Entscheidung, ihr zweites Restaurant «Vibez» in der Stahlgiesserei in andere Hände zu geben, um die Kräfte bündeln zu können. Dies hatte scheinbar nicht die erhoffte Wirkung. Wenige Monate später müssen sie nun auch das Theaterrestaurant abgegeben. Alle Zeichen deuten auf einen drohenden Konkurs der Gastro Vibez GmbH hin, darauf lässt auch die Auflösung des Pachtvertrages mit der Stadt schliessen. Ranallo will sich dazu nicht äussern. Sind Gianni Ranallo und Giacomo Lubello einfach die nächsten, die dem Fluch des Theaterrestaurants zum Opfer gefallen sind? 

Nicht nur. Recherchen zeigen, dass hinter gezogenen Vorhängen chaotische Zustände geherrscht haben. Stimmen aus der Schaffhauser Gastroszene sprechen von einer fehlenden Kontinuität und Qualität. Was die Frage aufwirft: Hat die Stadt zu lange zugeschaut?

Eine seltsame Sache

Die Stadt wünscht sich ihr Restaurant als Einheit mit dem Theater. Es ist ihr erklärtes Ziel, dem Theaterpublikum (und allen anderen Gästen) ein gutes gastronomisches Angebot zu bieten. Die einzige Auflage an die Restaurantbetreiber ist dabei eigentlich ein Angebot: das Exklusivrecht, das Catering bei Veranstaltungen im Theater zu übernehmen. Alle anderen kulinarischen Vereinbarungen wie die Pausenverpflegung werden bilateral mit dem Theater abgesprochen und sind kein Muss. 

Die Vorteile des Theaterrestaurants liegen also eigentlich auf der Hand. Aber eben nur, wenn Theaterbetrieb ist. Wenn nämlich keine Vorstellung laufe, sei auch im Restaurant tote Hose, heisst es von Gastronomenseite. Es sei schwierig, die Leute auf den Herrenacker zu bringen, Sonne hin oder her. Man müsse sich eine Stammkundschaft aufbauen, die den Weg findet. Zudem sei es anspruchsvoll, ein Restaurant in dieser Grösse kostendeckend zu führen. Nicht viele hätten die entsprechende Erfahrung. Es werde immer eine Herausforderung sein, einen geeigneten Pächter dafür zu finden. Klar ist: Wenn das gebotene Gastronomiekonzept gut ist und verstanden wird, wird es angenommen. So die Idealvorstellung. 

Das Restaurant braucht also sein Theater. Ohne einander geht es nicht. Miteinander aber offenbar auch nicht. Warum bloss scheitern so viele Gastronomen an diesem vermeintlichen Juwel?

Die AZ hat mit drei Gastrokennern gesprochen, erhielt aber keine einheitliche Antwort. Die kritische Grösse sei das Personal. Schon länger sei es schwierig, geeignete und zuverlässige Mitarbeitende zu finden. Wie man hört, gab es im Theaterrestaurant unter Ranallo eine hohe Personalfluktuation, immer wieder habe auch das nötige Personal für den Betrieb gefehlt. Darunter litt die Kontinuität des Angebots. Und die Qualität. Im aktuellen Fall habe die Gastro Vibez die Latte zu hoch angesetzt, heisst es. Der rote Faden habe von Anfang an gefehlt und die Speisen hätten dauernd variiert. Das habe die Gäste eher verwirrt als neugierig gemacht. Und wenn diese sich einmal ein Bild gemacht hätten, sei es enorm schwierig, dieses wieder gerade zu biegen. 

«Mit Schaffhausen habe ich abgeschlossen»

Gianni Ranallo, Gastronom

Ranallo sei ein Gastronom aus ganzem Herzen, der anpacken könne, heisst es weiter. Aber er habe sich zu viel aufgehalst. Neben den beiden Restaurants war er auch noch am «Padel Vibez», einer Sporthalle im Mühlental, beteiligt. Eine seltsame Sache sei es gewesen, das Theaterrestaurant unter ihm. Es sei erstaunlich, dass der Betrieb so lange offenbleiben konnte. Solche Aussagen überraschen Ranallo nicht. «Es wurde viel geredet. Aber Aussenstehende wissen es ja immer besser.» Er betont, er sei mit der Stadt im Guten auseinandergegangen. «Mit Schaffhausen habe ich abgeschlossen.» 

Gastroberater sollte es richten

Das Verhältnis zwischen dem Theater und seiner Gastronomie, das hohe Ansprüche an die Restaurantbetreiber stellt, scheint kompliziert. Aber die Stadt hat in diesem Fall auf jemanden gesetzt, der überfordert war und sich zu viel zutraute. Hätte die Stadt nicht früher eingreifen müssen? 

Termin beim städtischen Immobilienchef Florian Keller. Seit dem Pachtantritt Mitte 2023 hätte seine Abteilung durch das Stadttheater und aus der Bevölkerung Rückmeldungen zum Betrieb im Theaterrestaurant erhalten, sie seien also informiert gewesen über den Geschäftsgang. Und offensichtlich war die Stadt durch das, was sie hörte, so besorgt, dass sie im Herbst 2024 auf eigene Kosten einen Gastroberater engagiert hat. Dieser gab beratendes Feedback zum Restaurantkonzept, was den Lauf der Dinge aber offensichtlich nicht aufhalten konnte. 

Trotzdem beendeten die Stadt und die Pächter das Pachtverhältnis erst per Ende November 2025, also mehr als ein Jahr später. Die Gastro Vibez musste danach wohl nicht einmal einen Kochlöffel einpacken: «Das gesamte Inventar befindet sich im Eigentum der Stadt Schaffhausen, weshalb ein nahtloser Weiterbetrieb des Theaterrestaurants möglich war», sagt Keller.

Es ist nicht die einzige kritische Frage an die Adresse der Stadt. Aus der Gastroszene kommt der Vorwurf, die Stadt würde ihre Gastrobetriebe zu wenig unterstützen (die Stadt besitzt nebem dem Theaterrestaurant noch fünf weitere Restaurants). Bereits 2022 forderte Alt-Grossstadträtin Iren Eichenberger in einer Kleinen Anfrage, die Stadt müsse sich doch um ihr Restaurant kümmern. Dies als Reaktion auf den Weggang der letzten Pächterin des Theaterrestaurants. Und mit dieser Meinung ist sie anscheinend nicht allein. 

Damals antwortete die Stadtregierung: «Die Führung des Betriebes obliegt dem Pächter, in eigener Verantwortung». Ähnlich klingt es heute bei Immobilienchef Florian Keller: «Solange die Miete Ende des Monats ankommt, mischen wir uns nicht ein.» Auch wenn das für die Gastronomen das Scheitern bedeutet?

«So lange die Miete Ende des Monats ankommt, mischen wir uns nicht ein.»

Florian Keller, Abteilungsleiter Städtische Immobilien

In Fall der Gastro Vibez habe die Stadt ja proaktiv nachgefragt, wie der Betrieb laufe, sagt Keller. Bedingungslos könne die Stadt seine Pächter:innen aber nicht unterstützen – «dafür fehlen die rechtlichen Grundlagen». Alles hänge davon ab, ob ein Betriebskonzept von Anfang an funktioniere. Dieser Punkt wurde zum Auftakt von Ranallos Gastspiel im Theaterrestaurant aber wohl verpasst. Es gab wenig Vorlaufzeit, worauf sich der Pächter aber eingelassen hatte. Die Stadt kam ihm entgegen, indem sie Starthilfe geleistet hat – «im üblichen Rahmen». Die Sterne standen also schon zu Beginn ungünstig.

Im Moment besteht beim Theaterrestaurant kein Pachtverhältnis, die Stadt ist selbst zur Gastronomin geworden. «Wir wollten auf keinen Fall, dass in der Hauptsaison neben dem Theater alles dunkel bleibt», erklärt Keller. «Aber es war ein Sprung ins kalte Wasser für alle.» Vor allem für das jetzige Wirtepaar, das von der Stadt angestellt wurde und das, wenn es sich beweisen kann, als neue Pächter infrage käme. 

Die Suche nach neuen Pächtern müsse momentan aber warten, es gehe nun vor allem darum, den Restaurantbetrieb in ruhige Gewässer zu führen, sagt Keller. Man müsse ohnehin über die Bücher gehen und ein paar Grundsatzentscheide fällen. Das Hauptziel sei, den Leuten einen guten Service zu bieten.

Wäre es angesichts der wiederkehrenden Probleme nicht besser, das Restaurant unabhängig vom Theater zu führen? Könnte so der Fluch womöglich gebrochen werden? Das ist laut Keller keine Option: «Das Restaurant profitiert vom Theater als Publikumsmagnet und Kundenlieferant.» Trotz der vielen gescheiterten Versuchen in den vergangenen Jahrzehnten lässt sich Keller nicht beirren: «Ich glaube an dieses Restaurant!» 

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Leben und Sterben auf der Steig https://www.shaz.ch/2026/01/10/leben-und-sterben-auf-der-steig/ Sat, 10 Jan 2026 08:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10463 Die Schulanlage Steig wird erweitert. Wo bald gespielt und gelernt wird, gräbt man gerade nach Spuren der Zerstörung und einer gefürchteten Krankheit. «Danki Gott, Gott gebi Glück und Gsundheit trüli, ersetzi Gott eure Almosen a Seel und Lib. Gott gebi Segen und Gsundheit trüli.»  Tief aus der Vergangenheit hallt der Spruch der um Almosen bittenden […]

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Die Schulanlage Steig wird erweitert. Wo bald gespielt und gelernt wird, gräbt man gerade nach Spuren der Zerstörung und einer gefürchteten Krankheit.

«Danki Gott, Gott gebi Glück und Gsundheit trüli, ersetzi Gott eure Almosen a Seel und Lib. Gott gebi Segen und Gsundheit trüli.» 

Tief aus der Vergangenheit hallt der Spruch der um Almosen bittenden «Aussätzigen» um die alten Mauern des ehemaligen «Sondersiechenhauses», dem heutigen Altersheim Steig an der Stokarbergstrasse. Das Areal hat eine bewegte Geschichte, die gerade neu beleuchtet wird: Bevor die Bagger anrücken und das geplante Erweiterungsprojekt der angrenzenden Steigschule umsetzen, wird hier statt mit dem Schlagbohrer mit dem Pinsel gearbeitet. Denn unter dem Schulhof befindet sich eine archäologische Schatzkammer. 

Der Ort liegt in einer sogenannten archäologischen Schutzzone – man wusste schon vor Grabungsbeginn, dass hier mit historisch bedeutenden Funden zu rechnen ist. Ein wichtiger Blick in die Vergangenheit. «Wir wollen Lücken schliessen, welche die schriftlichen Quellen nicht ausfüllen können», sagt Kantonsarchäologin Katharina Schäppi. Neben dem Sondersiechenhaus für Lepra-Kranke befand sich hier eine Kapelle mit dazugehörigem Friedhof und später die alte Steigkirche. Schriftliche Zeugnisse dokumentieren die Existenz dieser Einrichtungen, geben aber keine Auskunft über den Alltag der Menschen, die hier lebten. Ihre Spuren finden sich aber unmittelbar unter dem Teer des heutigen Schulhausplatzes. Die Knochen haben viel zu erzählen. 

«Gestörte» Skelette

Das Sondersiechenhaus stand hier einst allein auf weiter Flur – aus gutem Grund natürlich. Es wurde 1470 als zweistöckiger Fachwerkbau errichtet und ist bis heute fast unverändert in dieser Form erhalten. Das von der Stadt verwaltete Haus ersetzte wohl kleinere Klausen, in denen die Aussätzigen bis dahin hausten. Denn schon um 1308 wurden die «siechen Lüten zu dem Velt», die Feldsiechen, erstmals urkundlich erwähnt. Fast zeitgleich wurde eine Kapelle gebaut, in der für die Kranken die Messe gehalten wurde. Sie stand auch den umliegenden Bauern, Rebleuten und Taglöhnern offen – säuberlich getrennt von den «Siechenden», den kranken Menschen. 

Die Dreikönigskapelle, deren Grundmauern gerade ausgegraben werden, überdauerte die Jahrhunderte bis zu ihrem Abbruch im Jahr 1894 zugunsten einer grösseren, im neugotischen Stil erbauten Kirche. Auch ein Teil des alten Friedhofs musste dem Neubau weichen. Und hier, wo sich alte und neue Schichten treffen, zeigt sich die verwobene Geschichte des Areals besonders gut. 

Die Dreikönigskapelle diente jahrhundertelang der seelischen Erbauung der «Sondersiechen», bevor sie der Steigkirche weichen musste. Heute stehen hier Veloständer. Bild zVg / Stadtarchiv

Voruntersuchungen per Radar konnten erste Fragen klären: Die Grundmauern der beiden Kirchen sind grösstenteils noch vorhanden. Die pragmatische Bauweise aus Zeiten, als es noch keine Bagger gab, kommt dem Grabungsteam zugute: Die Baugrube für die 1895 erbaute Steigkirche (sie fiel 1944 den verirrten Bomben der Alliierten zum Opfer und wurden abgerissen) wurde sehr effizient angelegt. Heisst, gerade so breit und tief wie nötig. Die umliegende archäologische Schicht blieb unberührt und ist daher gut erhalten. Dort, wo sie von den Kirchenmauern «gestört» wird, wird es archäologisch besonders interessant, da diese Schichten älter sein müssen als die sie durchkreuzenden Grundmauern. Priorisiert werden deshalb Skelette, die durch Folgebauten oder spätere Neubelegung beschädigt wurden oder unvollständig sind: Ältere Gräber überlagern sich mit einer jüngeren Nutzung des Friedhofs. 

An bestimmten Punkten wurden gezielte Sondierungen durchgeführt, um den Umfang des einstigen Friedhofs einzugrenzen und die Anzahl Gräber zu schätzen. Schäppi und ihr Team gingen von 750 Gräbern aus. Diese hohe Zahl für den vergleichsweise kleinen Friedhof erklärt sich durch die lange Nutzungsdauer und die sehr dichte Belegung über 700 Jahre. Die seit September laufende Grabungskampagne bestätigt die Schätzungen. Die freigelegten Skelette werden katalogisiert, geborgen und danach anthropologisch untersucht.

Das Feld der neuzeitlichen Archäologie ist noch relativ jung. Auf der Steig überlagern sich mittelalterliche und neuzeitliche Schichten. Interessant sind neben den Gräbern vor allem jene Funde, die etwas über den Alltag der Leute erzählen – unscheinbare Spuren wie Keramik-Scherben oder alte Kacheln. Das Ziel sei, alles zu bergen, was durch die Bauarbeiten zerstört würde, erklärt Katharina Schäppi: «Im Bereich des Neubaus wird es danach keinerlei archäologische Überreste mehr geben.» 

Bei der Untersuchung der Skelette lässt sich – wenn auch nicht auf den ersten Blick, aber anhand detaillierter Betrachtung – viel über die Lebensumstände der Verstorbenen herausfinden: über ihr Alter, ihre Ernährung und allfällige Gebrechen zum Beispiel. Die Lepra-Erkrankung vieler der hier Bestatteten nachzuweisen, wird allerdings nicht ganz einfach. Die Krankheit hinterlässt an den Knochen kaum Spuren. 

Biblische Seuche

Lepra, die «kalte und langsame Krankheit», wie sie beschrieben wurde; ihr haftet etwas Biblisches an. Früher durch ein Ungleichgewicht der Körpersäfte erklärt, ist die Ursache der Krankheit das Bakterium Mycobacterium leprae, das Haut und Nervenbahnen schädigt. Das Neue Testament berichtet über die Wundertaten Jesu, darunter die Heilung eines Lepra-Kranken durch Handauflegen. Die Berührung eines Aussätzigen – ein absoluter Skandal, nicht nur zu biblischen Zeiten. Die Angst vor einer Ansteckung war gross. 

Dennoch: «Die mit dem Aussatz behafteten wurde beim ersten Auftreten dieser Krankheit grosser Liebe und Aufmerksamkeit gewürdigt» heisst es in einer Abhandlung über die Geschichte des Schaffhauser Sondersiechenhauses aus dem Jahr 1874. Die Kirche fühlte sich wohl verpflichtet, sich um die Aussätzigen zu kümmern, weil die Krankheit ursprünglich aus dem Vorderen Orient durch Wallfahrten und mit den Kreuzzügen nach Europa gebracht wurde. Durch die rigorose Absonderung der Kranken weit ausserhalb der Stadtmauern sollte die Seuche eingedämmt werden. 

Dabei ist heutzutage klar: Die heute heilbare Krankheit ist nicht sehr ansteckend – Mycobacterium leprae vermehrt sich nur langsam und betrifft vor allem immunschwache Personen. Allerdings: Die äussere Erscheinung der Leprosen, die oft jahrelang mit der langsam fortschreitenden Krankheit lebten, und die harten Konsequenzen, welche eine Ansteckung mit sich brachte, waren furchteinflössend. 

Lepraverdächtige mussten sich einer Leibesuntersuchung unterziehen und zu sogenannten Schauen erscheinen. Erst ab 1532 konnten diese in Schaffhausen durchgeführt werden, davor war die Diözese Konstanz zuständig – eine lange Reise, nur um im schlimmsten Fall mit der traurigen Gewissheit wieder heimzukehren. Bestätigte sich nämlich der Verdacht, wurde die erkrankte Person auf ihr Leben als Ausgesonderte vorbereitet, in dem strenge Regeln herrschten. Die Kranken mussten ins Siechenhaus ziehen, waren dort aber nicht eingesperrt. Es war ihnen erlaubt, sich unter Vorgaben frei zu bewegen und ihren Unterhalt mit Betteln zu erwerben. Dazu trugen sie besondere Kleidung, Handschuhe sowie Klappern, sogenannte «Brätscheli», um den Gesunden ihre Anwesenheit anzukünden. Sie durften nichts und niemanden berühren. 

Auch aus der Kirchengemeinde wurden sie ausgesondert: Vor ihrem Eintritt in das Siechenhaus wurde eine erkrankte Person – wie eine Verstorbene – ausgesegnet, also für tot erklärt. Ihr Besitz ging an die Angehörigen über. 

Die 1895 eingeweihte Steigkirche existierte nur knapp fünfzig Jahre. Im Vordergrund liegt das ehemalige Sondersiechenhaus, das heute bereits über 500 Jahre auf dem Buckel hat. Foto: zVg / Stadtarchiv
Die 1895 eingeweihte Steigkirche existierte nur knapp fünfzig Jahre. Im Vordergrund liegt das ehemalige Sondersiechenhaus, das heute bereits über 500 Jahre auf dem Buckel hat. Foto: zVg / Stadtarchiv

Gefälschte Arztzeugnisse

Die Idee hinter all dem: Isolation. Damit diese wirksam gehalten werden konnte, schaffte das Siechenhaus ganz eigene Anreize, um die leprosen Menschen möglichst an Ort und Stelle zu halten. Das Haus verfügte über eine Badstube und gefundene Schröpfköpfe lassen vermuten, dass ein Sodbrunnen zur Verfügung stand. Die hygienischen Bedingungen in der Einrichtung lagen daher wohl sogar über jenen der durchschnittlichen Bevölkerung. 

Davon profitierten auch «fremde Siechen», die auf Bettel-Wanderungen ein Anrecht auf eine Übernachtungsmöglichkeit in anderen Siechenhäusern hatten. Es wird angenommen, dass mit Rückgang der Krankheitsfälle die Institution auch für an sich gesunde, aber in prekären Verhältnissen lebende Menschen  interessant wurde. Es gab wohl Fälle von gefälschten Krankheitsbescheinigungen, um von den Vorteilen des Siechenhauses zu profitieren – eine Ansteckung nahm man in der Not wohl bewusst in Kauf. Den Kranken standen neben den sanitären Einrichtungen nämlich auch Pfründe zu, also Lebensmittelrationen. 

Oft wurden sie von Verwandten nach Möglichkeit zusätzlich finanziell unterstützt, aber dieses Glück hatten längst nicht alle. Wohlhabende Bürger:innen bedachten das Siechenhaus mit regelmässigen Spenden, in der Hoffnung, so ein wenig Seelenheil zu heischen. Das Heim lag ausserdem strategisch günstig an der Hauptverkehrsachse in den Klettgau. Durchreisende hatten die Gelegenheit, eine Gabe in den heute noch existierenden Opferstock an der Pforte des Hauses zu legen. Der Weg über die Stokarbergstrasse war ausserdem bis ins 16. Jahrhundert die einzige Verbindung zwischen dem Ober- und Unterlauf des Rheinfalls für den Warentransport; Güter wurden an der Schifflände umgeladen und unterhalb des Laufens wieder verschifft.

Sonderstatus zu allen Zeiten

Die Massnahmen zur Eindämmung der Lepra schienen indes Wirkung zu zeigen, der letzte dokumentierte Eintritt einer Lepra-Kranken datiert ins 17. Jahrhundert. Noch lange nach dem Verschwinden der Lepra-Fälle in der Region war es die Aufgabe des «Brätscheli-Manns», in der Kluft der Aussätzigen und mit einer Klapper durch die Gassen zu ziehen, um die sonntäglichen Almosen einzusammeln. 

Mit der Zeit bauten gutbetuchte Schaffhauser:innen in der Umgebung des ehemaligen Siechenhauses ihre Sommerresidenzen, es entstanden prachtvolle Bauten an bester Wohnlage. Das Haus selbst liess sich vom Strudel der Zeit nicht mitreissen. 

Nachdem das Sondersiechenhaus in seinem ursprünglichen Zweck nicht mehr benötigt wurde, wandelte sich die Einrichtung zum Heim für unheilbar Kranke und später zum Armenhaus. Heute ist es ein Altersheim – seine Sonderfunktion als Obdach für pflegebedürftige Menschen in besonderen Situationen hat es seit seinen Ursprüngen immer bewahrt. 

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Dünne Luft https://www.shaz.ch/2025/12/22/duenne-luft/ Mon, 22 Dec 2025 08:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10426 Im August berichtete die AZ über einen millionenschweren Steuerdeal zwischen dem Kanton und einem US-Unternehmen. Nun hat die OECD dieses Schlupfloch geschlossen. Was bedeutet das für Schaffhausen? «Geschätzter Kollege, Sie wollen mit Ihrer Motion die strategische Standortattraktivität steigern, explizit über Steueranreize, wie Sie es nennen würden. Wir würden es eher Steuerdumping nennen.»  -– Jacqueline Badran, […]

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Im August berichtete die AZ über einen millionenschweren Steuerdeal zwischen dem Kanton und einem US-Unternehmen. Nun hat die OECD dieses Schlupfloch geschlossen. Was bedeutet das für Schaffhausen?

«Geschätzter Kollege, Sie wollen mit Ihrer Motion die strategische Standortattraktivität steigern, explizit über Steueranreize, wie Sie es nennen würden. Wir würden es eher Steuerdumping nennen.» 

-– Jacqueline Badran, Zürcher Nationalrätin der SP

Diesen Montag debattierte der Nationalrat über neue Regeln der OECD zur globalen Mindeststeuer, die spezifisch auf die Schweiz und noch spezifischer auf den Kanton Schaffhausen abzielen. 

Die Vorgeschichte: 

Seit 2024 ist die globale Mindeststeuer in Kraft, seither müssen grosse, international tätige Unternehmen mit einem Umsatz von 750 Millionen Euro und mehr mindestens 15 Prozent Steuern auf ihren Gewinn bezahlen. Die Schweiz war nie Feuer und Flamme für die internationale Steuerrevolution. 

Schaffhausen erst recht nicht. 

Die Schweiz ist eine der grössten Profiteure des internationalen Steuerwettbewerbs. Eine Datenbank der Universitäten Kalifornien, Berkley und Kopenhagen, die regelmässig aktualisiert wird, zeigt, dass 39 Prozent der in der Schweiz eingenommenen Unternehmenssteuern von Profiten internationaler Firmen stammen, die diese zur Steuervermeidung in die Schweiz transferieren. 

Im vergangenen Jahrzehnt haben sich viele internationale Unternehmen, besonders aus den Vereinigten Staaten, im Kanton Schaffhausen niedergelassen. Als es darum ging, die globale Mindeststeuer ins kantonale Gesetz zu giessen, höhlte sie die Regierung (mit Unterstützung der Linken im Kantonsrat, AZ vom 2. Oktober 2025) so weit wie möglich aus. 

Die Regeln der globalen Mindeststeuer sind auf hunderten, selbst für geschulte Geister kaum durchdringbaren Seiten festgehalten. Die kantonale Steuerverwaltung stellte deshalb bereits 2023 zwei Fachspezialisten an, die das Regelwerk durchforsteten. Doch auch im verworrensten Regelwerk verstecken sich Schlupflöcher. 

300 Millionen abgeschrieben

Als die AZ im August 2024 publik machte, dass der US-amerikanische Autozulieferer Aptiv trotz globaler Mindeststeuer von einem mehrere hundert Millionen schweren Steuergeschenk des Kantons profitiert hatte, rieben sich Steuerexpert:innen die Augen. Das Unternehmen, das inzwischen auch seinen Hauptsitz von Dublin nach Schaffhausen verlegt hat, schrieb in seinem Jahresbericht, das Unternehmen habe eine Steuererleichterung von schätzungsweise 330 Millionen Franken für den Zeitraum von zehn Jahren erhalten. 

Zum Vergleich: Das entspricht fast dem Dreifachen der gesamten Unternehmenssteuern, die der Kanton im Jahr 2023 eingenommen hat. Die AZ klopfte bei Wirtschaftsprofessoren, Treuhändern und Steuerexperten an und fragte, ob, warum und vor allem wie solche Steuergeschenke nach der Einführung der globalen Mindeststeuer überhaupt noch möglich seien. Die meisten konnten sich den Mechanismus hinter dem Schlupfloch nicht erklären. Dominik Gross von Alliance Sud hatte eine Vermutung: Hinter dem millionenschweren Steuergeschenk für Aptiv könnte ein besonders undurchsichtiger Steuertrick stecken: der «Step up». Er erlaubt es Firmen, die sich neu in der Schweiz niederlassen, bisher unversteuertes Eigenkapital (zum Beispiel Patente) aufzudecken und während maximal zehn Jahren vom steuerbaren Gewinn abzuziehen – was zu einer effektiven Steuerlast von deutlich unter den von der OECD vorgeschriebenen 15 Prozent führen kann.

Seit vergangener Woche ist nun klar: Der Steuerexperte hatte mit seiner Vermutung recht, der Kanton hatte Aptiv einen Step up gewährt. 

Doch nun verbietet eine bisher wenig beachtete Änderung im dichten OECD-Regelwerk genau diesen Steuertrick – und stellt Schaffhausen vor ein Problem.

Ende vergangene Woche berichteten die Zeitungen von CH Media, mit Verweis auf die Aptiv-Recherche der AZ, über die Verschärfung, welche die OECD im Januar 2025 auf Druck der abtretenden US-Regierung von Joe Biden beschlossen hatte. Faktisch bedeutet diese, dass Deals wie jene zwischen dem Kanton Schaffhausen und Aptiv nicht mehr erlaubt sind, und zwar rückwirkend. Darunter sollen alle Abmachungen fallen, die nach dem 30. November 2021 geschlossen wurden. 

Während die Verschärfung in der Öffentlichkeit bisher kaum registriert wurde, hat sie am Hauptsitz von Aptiv an der Spitalstrasse bereits Anfang Jahr für Kopfschmerzen gesorgt. CH Media zitiert aus dem Quartalsbericht des Autozulieferers, aus dem ersichtlich wird, dass das Unternehmen den grössten Teil (rund 300 Millionen Franken) des Schaffhauser Steuergeschenks bereits abgeschrieben hat. Das heisst: Aptiv weiss, dass es die in Schaffhausen gesparten Steuern anderswo wird zahlen müssen.

Wie viele weitere Unternehmen mit ähnlichen, nun verbotenen Deals an den Rhein gelockt wurden, möchte Finanzdirektorin Cornelia Stamm Hurter auf Anfrage mit Verweis auf das Steuergeheimnis nicht bekannt geben. Mindestens ein weiterer Konzern in der Region rechnet aber bereits mit höheren Steuern: die FMC Corporation, ein US-amerikanischer Chemiekonzern, der 2023 eine Tochterfirma in Neuhausen eröffnet und dafür millionenschwere Steuererleichterungen vom Kanton erhalten hat (AZ vom 25. April 2025). 

Die Beispiele Aptiv und FMC zeigen: Die Schweiz und Kantone wie Schaffhausen, die eine agressive Steuerpolitik fahren, büssen durch das angepasste Regelwerk an Attraktivität für Konzerne ein. 

Hurters in New York

Das macht die Schaffhauser Regierung nervös. Im Februar 2025 begleitete Cornelia Stamm Hurter ihren Ehemann, Nationalrat Thomas Hurter, im Rahmen des «Parliamentary Hearing at the United Nations» nach New York zu einem Lunch des Schweizer Generalkonsultats und des Swiss Buisness Hub. Der Swiss Buisness Hub ist Teil des Generalkonsulats und unter anderem dafür zuständig, bei US-Firmen Werbung für den Wirtschaftsstandort Schweiz zu machen. Am Lunch anwesend waren neben einer Delegation von Schweizer  Parlamentarier:innen ein Vertreter der Schweizerischen Botschaft sowie der stellvertretende Generalkonsul, wie Stamm Hurter auf Anfrage bestätigt. «Ich war als Begleitung meines Ehemanns, der Präsident der Schweizer Delegation der Interparlamentarischen Union ist,  in New York und habe alle Kosten selbst getragen.» Sie habe beim Lunch die Möglichkeit genutzt, die Interessen des Wirtschaftsstandorts Schaffhausens zu platzieren.

Vom Zeitpunkt der geänderten OECD-Regeln im Januar 2025 sei die Regierung überrascht gewesen, so kurz vor der Amtseinführung von Donald Trump – «obwohl bekannt war, dass seine Administration Vorbehalte gegenüber diesen Regelungen hat». «Es ist bereits deutlich erkennbar, dass die Trump-Administration alles daran setzt, die USA als Standort für international agierende US-Unternehmen wieder attraktiver zu machen. Wie erfolgreich diese «America-First»-Politik sein wird, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.»

Dominik Gross von Alliance Sud hält wenig davon, dass die Schaffhauser Regierung nun mit dem Finger auf die Vereinigten Staaten zeigt. «Gewissen OECD-Ländern – nicht unbedingt den USA – ist die Schweizer Steuerdumping-Politik nach wie vor ein Dorn im Auge. Dass sie jede Gelegenheit nutzen, um spezifische Schweizer Schlupflöcher zu schliessen, ist völlig legitim.» 

Gross sagt, dass die Schweiz gerade beim Step up nicht auf Unterstützung anderer Steueroasen wie Irland, Singapur oder Luxemburg zählen kann, da der Steuertrick eine Schweizer Eigenheit sei und diese somit konkurrenziere. Dazu passt: Aptiv übersiedelte nicht etwa aus den Vereinigten Staaten, sondern aus Irland nach Schaffhausen.  

Die neuen Regeln brächten im Vergleich mit den Konkurrenzstandorten keinen Nachteil für die Schweiz, sie würden lediglich ein exklusives Schweizer Privileg unterbinden. «Kantone wie Schaffhausen oder Zug, die viele Firmen mit dem Step up angezogen haben, geraten jetzt unter Druck.»

Zu spät für die Steuererklärung

Das führt zurück zur Nationalratsdebatte von Anfang Woche. Als Reaktion auf die Regelverschärfung der OECD reichten die Wirtschaftskommissionen des National- und Ständerats, in letzterer sitzt SVP-Mann Hannes Germann, Mitte Oktober eine Motion ein. Darin fordern die Wirtschaftspolitiker:innen, dass die verschärften Regeln erst für Abmachungen gelten sollen, welche die Kantone ab dem 1. Januar 2025 mit Konzernen getroffen haben. 

Konzerne wie Aptiv könnten so weiter von ihren Steuergeschenken profitieren, der Kanton dürfte einfach künftig keine neuen Unternehmen mit einem Step up nach Schaffhausen locken (oder, in den Worten von Jacqueline Badran: kein Steuerdumping mehr betreiben).

Cornelia Stamm Hurter wird die Debatte am Montag im Nationalrat also mit Erleichterung verfolgt haben: Die bürgerliche Mehrheit stimmte für die Motion. Zwar hatte sich der Regierungsrat nie öffentlich für oder gegen das Geschäft geäussert, Ständerat Hannes Germann bezeichnet den Entscheid des Nationalrats in einer Mail an die AZ aber als «in unserem (SH) Sinne».

Bundesrätin Karin Keller-Sutter (FDP) argumentierte hingegen erfolglos, dass der Bundesrat den Vorstoss frühestens im Herbst 2026 umsetzen kann – zu spät für die betroffenen Unternehmen, die ihre Steuererklärung bis spätestens Mitte 2026 eingereicht haben müssen. Ein weiteres Problem: Die OECD könnte der Schweiz, sollte sie sich nun um die neuen Regeln foutieren, den sogenannten Q-Status entziehen. Dieser ist eine Art Gütesiegel und signalisiert, dass die Schweiz sich an die Regeln hält. Gleichzeitig garantiert er Unternehmen in der Schweiz, dass sie nicht zusätzlich von anderen Ländern besteuert werden können. Sollte die Schweiz durch die Umsetzung der Motion den Status verlieren, «könnten sich für viele Schweizer Unternehmen erhebliche Nachteile ergeben.» Das schreibt ausgerechnet der Wirtschaftsverband Swissholding in einer Stellungnahme zur Motion. 

Diese wird am Erscheinungstag dieser Zeitung im Ständerat diskutiert. Die Debatte dürfte interessant werden: Die meisten Kantone lehnen sie ab. Angesichts der breiten Front gegen die Motion fragte die Winterthurer SP-Nationalrätin Céline Widmer deshalb in der Debatte am Montag: «Welchem Interesse dient dieser Aktivismus, den die Wirtschaftskommissionen hier an den Tag legen?»

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«Braco weiss, wieso du vor ihm stehst» https://www.shaz.ch/2025/12/20/braco-weiss-wieso-du-vor-ihm-stehst/ Sat, 20 Dec 2025 11:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10423 In Singen trat am Sonntag ein Wunderheiler auf, der seit 30 Jahren seinen Blick verkauft. Der Genesungs-Selbsttest. An Rennen, wie ich es sonst mehrmals pro Woche tue, ist gerade nicht zu denken. Seit Monaten schmerzt mein Sprunggelenk, in der Sehne ist ein Riss – das dauert, sagen alle, die es wissen müssen. Bisher hat mir […]

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In Singen trat am Sonntag ein Wunderheiler auf, der seit 30 Jahren seinen Blick verkauft. Der Genesungs-Selbsttest.

An Rennen, wie ich es sonst mehrmals pro Woche tue, ist gerade nicht zu denken. Seit Monaten schmerzt mein Sprunggelenk, in der Sehne ist ein Riss – das dauert, sagen alle, die es wissen müssen. Bisher hat mir die Schulmedizin zwar noch immer auf die Beine geholfen, aber Spass machen ihre Methoden nicht.

Da scheint in der dezemberlichen Dunkelheit zwischen Physiotherapie und KSS-Becken, wohin ich mein Training zwischenzeitlich verlegt habe, plötzlich ein Licht auf. Am Morgen des dritten Advents, so lese ich, ist ein wandelndes Wunder in Singen zu Gast. 

Braco (ausgesprochen wie Bravo, einfach mit z) nämlich, ein Mann mit langem grauem Haar und Hundeaugen, kann kraft seines Blickes Menschen heilen. Das sagen zumindest Vornamen aus aller Welt auf seiner Website: Eine berichtet von einen Mann, der im Rollstuhl zur Begegnung mit Braco kam und den Saal gehend verliess; ein Langzeitarbeitsloser habe nur drei Tage, nachdem der Wundermann ihm in die Seele geblickt hatte, einen neuen Job gefunden. 

Sich selbst sieht Braco allerdings nicht als Heiler; «Hilfe geben» nennt er sein Metier, das ihn über drei Jahrzehnte zum Millionär gemacht hat, wie mehrere Zeitungen schreiben.

Zwar finden sich auch Einschätzungen von Sektenexperten, die Bracos Business als bedenklich einstufen, im Volkshaus Zürich darf der Guru neuerdings nicht mehr auftreten und Schwangere und Kinder sind zu den Begegnungen nicht zugelassen. Aber, so denke ich irgendwann bei aller Skepsis, ist denn ein begeistertes Statement von Supermodel Naomi Campbell gar nichts mehr wert? Immerhin hat gar die UN dem Mann mit den Hundeaugen einen Friedenspfahl verliehen.

Gegen läppische 20 Euro Eintritt (günstiger als jede Franchise) eine Chance darauf haben, beschwerdefrei aus der Stadthalle zu sprinten? Einen Versuch ist es wert.

Fremdkörper in der Schafherde

Der Sonntagmorgen ist grau, doch kaum betrete ich die Stadthalle, ist die Welt eine andere. Auf mehreren weiss betuchten Tischen liegen Rosen, Bücher mit dem Antlitz des Heilers, Schmuck und goldene Kerzen in Sonnenform blitzen auf. 

Das Foyer füllt sich, doch ich bleibe mit 30 Jahren Abstand die Jüngste, in Jeans und Faserpelz hochgradig underdressed. Eine alte Dame im Rollstuhl hat drei von Bracos Kinderbüchern auf dem Schoss, überall bilden sich Grüppchen von Leuten, die einander zu kennen scheinen. 

Mir wird unwohl. Erst ein Zwicken im Fuss erinnert mich: Nein, ich bin schon richtig hier. 

Kurz vor zehn Uhr bittet eine laute Männerstimme endlich in den Saal und ziemlich bestimmt darum, die Handys auszumachen. Im länglichen Raum ertönt atmosphärische Musik, auf der Bühne thronen links und rechts Blumensträusse. Mir scheint, als versammelten wir uns zu einer Abdankung. Ich setze mich in eine der hinteren Reihen, zu allen Seiten lassen sich die weiss gekleideten Menschen nieder, die zuvor hinter den Verkaufstischen standen. Männer mit Gelfrisur positionieren sich seitlich, um die Menge im Blick zu haben. Etwa 40 Leute sind gekommen, etwa 10 Crewmitglieder passen auf uns auf, als wären wir ihre Schafherde. 

Statt Braco betritt eine blonde Frau mit Mikrofon die Bühne. Würde sie nicht permanent wiederholen, wie heilsam die Kräfte des Heilers, der sich selbst nicht so nennt, sind, wäre ihre säuselnde Stimme sogar entspannend. Die Frau fragt, wer zum ersten Mal da sei – blitzartig gehen drei Hände in den ersten zwei Reihen in die Höhe. Ich behalte meine unten und glaube zu spüren, wie mich der Blick eines Hirten von der Seite trifft. Mein Fuss pocht.

Auftritt Augapfel

Dann, nach geschlagenen 25 Minuten, ist es endlich so weit. Wir sollen aufstehen, sagt die Frau, und Braco immer in die Augen sehen. Ich entkreuze meine Beine und tue, wie mir geheissen. 

Braco schiesst viel hastiger als gedacht aus einer Seitentür und stellt sich mittig auf die Bühne. Er trägt ein dunkelblaues Samtsakko, die Haare sind kürzer als auf den Bildern. Ganz langsam lässt er den Blick von links nach rechts schweifen.

Ich sehe seine Augen, diese heilenden Äpfel, kaum, die Frau vor mir tigert hin und her, weil ihr ein grossgewachsener Crewmann die Sicht versperrt. Eine andere Besucherin schräg vor mir beginnt wie wild zu zittern, als würden Stromströsse durch sie hindurchgejagt. Nach einer Minute hört das Zittern auf und sie beginnt zu schwanken, bedrohlich weit nach hinten, sodass ich vor meinem inneren Auge schon sehe, wie sie bald auf dem Stuhl zusammenklappt. Die zitternde Frau hält ein Foto vor sich hin, die Tigernde und ihre Nachbarin auch. Allzu lange kann ich aber nicht hinsehen. Der Aufpasser hat noch jedes Mal meinen Blick gefangen, schweifte er zu weit ab.

Da bimmelt ins ruhige Starren plötzlich ein Weckergeräusch hinein, worauf ein Weissgewandeter panisch davonspringt und sein Handy zum Schweigen zu bringen versucht. Die im roten Zweiteiler neben mir, auch Teil von Bracos Stab, verwirft die Hände.

Das Blut schiesst mir in die Füsse. Ich müsste mich dringend bewegen, traue mich aber nicht. Ich hätte vorher wohl etwas essen sollen, fällt mir irgendwann auf. Braco zieht die Mundwinkel hoch, da muss ich auch ein bisschen lächeln. Ausser Unwohlsein spüre ich aber nichts. Es ist alles dermassen absurd. Der heilende Blick, so scheint mir, kommt gar nicht bei mir an.

Und dann, bevor ich es geschafft hätte, mich mal nur auf Bracos Augen zu konzentrieren, verschwindet der Wundermann schon wieder von der Bühne. Keine fünf Minuten müssen das gewesen sein. 

Die Gemeinde setzt sich wieder, die blonde Frau fragt die Novizen in den vorderen Reihen, wie es ihnen ergangen sei. Sie haben eine Energie gespürt, eine unglaubliche Wärme, eine Horizonterweiterung. Eine Vierte sagt, fast entschuldigend, sie habe gar nichts gespürt. Fast entfährt mir ein Halleluja. Die Moderatorin nickt verständnisvoll: «Nicht alle spüren etwas – und man spürt nicht immer dort etwas, wo man denkt, dass das Problem war. Braco aber weiss, wieso du vor ihm stehst.» Manchmal komme der Effekt auch erst später, wenn man ihn gar nicht mehr mit der Begegnung in Verbindung bringt. Nach 33 Minuten ist der ganze Spuk vorbei.

Als ich aus dem Saal gehe, sind die Schmerzen in meinem Fuss weg. Irritiert gehe ich zum Ausgang, wo mir eine Frau in Weiss ein Sträusschen Rosen in die Hand drückt, das ich dankend ablehne, was sie wiederum ablehnt. 

Draussen muss ich mich an einer roten Ampel kurz sammeln. Als ich bei Grün wieder loslaufe, zieht es im rechten Fuss. Ich bin erleichtert.

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Geld vor Fachlichkeit https://www.shaz.ch/2025/12/18/geld-vor-fachlichkeit/ Thu, 18 Dec 2025 15:06:37 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10420 Schaffhausen hat kein Kinder- und Jugendgesetz. Das führt zu Konflikten zwischen Kanton und Gemeinden – und auch zu Fehlentscheiden. Das bestätigt das Obergericht in einem neuen Urteil. Es wählt deutliche Worte. Clara* ist ein rebellisches Kind. Das Mädchen streitet viel und lässt sich wenig sagen, und das schon seit Jahren. Dann kommt die Pandemie, der […]

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Schaffhausen hat kein Kinder- und Jugendgesetz. Das führt zu Konflikten zwischen Kanton und Gemeinden – und auch zu Fehlentscheiden. Das bestätigt das Obergericht in einem neuen Urteil. Es wählt deutliche Worte.

Clara* ist ein rebellisches Kind. Das Mädchen streitet viel und lässt sich wenig sagen, und das schon seit Jahren. Dann kommt die Pandemie, der Lockdown belastet die Familie zusätzlich. Yvonne S.* erzieht Clara alleine und ist mit ihrem Kind zunehmend überfordert. Als sich auch die Beratungsangebote des Kantons erschöpfen, entscheidet sich Yvonne S. schweren Herzens, Clara in einem Sonderinternat in einem Nachbarkanton zu platzieren. 2021 zieht die Tochter aus.

Im Sonderinternat macht Clara Fortschritte, lernt sich an Regeln zu halten. Nach zwei Jahren darf sie für ihr viertes Primarschuljahr zurück in ihre alte Schule im Kanton Schaffhausen. Und sie wohnt wieder zuhause bei Yvonne S. Drei kantonale Stellen – der Kinder- und Jugenddienst (KJD), der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst der Spitäler Schaffhausen (KJPD) und die Abteilung Schulische Abklärung und Beratung (SAB) – empfehlen der Familie eine externe Begleitung, damit Mutter und Kind sich wieder aneinander gewöhnen und die Beziehung sich verbessert.

Die externe Begleitung heisst im Fachjargon sozialpädagogische Familienbegleitung, kurz SPF. Sie ist dazu da, Familien mit Kindern in schwierigen Lagen zu unterstützen. Ihr Einsatz kann die Haushaltsführung betreffen, Fragen der Finanzen oder aber der Erziehung: Wer übernimmt in der Familie welche Aufgabe, welche Rituale braucht es dafür? Wie reagiert die Mutter auf Trotz oder aggressive Schübe des Kindes – und wie setzt sie ihm am besten Grenzen?

Yvonne S. ist einverstanden. Im November 2023 beginnt eine Sozialpädagogin ihre Arbeit bei der Familie.

Genau zwei Jahre später gilt die Geschichte der Familie S. als Exempel. Und zwar für einen Systemfehler. Darin geht es um Geld, um die Verantwortung von Gemeinden und vom Kanton, und um ein Gesetz, das es noch nicht gibt.

«Eine schwerwiegende Geschichte»

In der Sozialpolitik gibt es einen Grundsatz: Freiwilligkeit vor Zwang. Auch, weil Massnahmen, für die sich Betroffene selbst entscheiden, oftmals besser anklingen als angeordnete. Die sozialpädagogische Familienbegleitung, kurz SPF, ist auch darum beliebt: Sie ist niederschwellig und holt die Betroffenen nahe an ihrem Alltag ab. Das Gesetz will es aber, dass Familien freiwillige Angebote selber bezahlen müssen, wenn sie dies können. Die Kosten für eine SPF für ein halbes Jahr können sich aber gut einmal im vierstelligen Bereich bewegen – kann eine Familie das nicht bezahlen, kann sie einen Antrag an die Sozialhilfestelle der Wohngemeinde stellen.

Das ist auch bei Yvonne S. so: Die SPF liegt finanziell nicht drin. Der Kinder- und Jugenddienst beantragt darum eine Kostenübernahme bei der Sozialhilfebehörde ihrer Wohngemeinde, im Wissen, dass ein Sonderinternat ein Vielfaches kosten würde. Diese heisst das Vorgehen vorerst gut. Drei Monate später trifft ein Antrag auf Verlängerung bei der Kommission ein. Zwei Mal wird eine Verlängerung um drei Monate bewilligt. 

Erfahrungsgemäss ist eine sozialpädagogische Familienbegleitung, die ein bis zwei Jahre dauert, am erfolgreichsten. Aber nach neun Monaten findet die Behörde: Jetzt ist Schluss. 

Sie begründet ihren Entscheid in einem Schreiben lapidar: Bei der Familie S. handle es sich offenbar «um eine längere und schwerwiegende Geschichte». Darum solle sich die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde KESB damit befassen.

Ob es sich dabei um einen fachlichen Entscheid handelt oder einen monetären, lässt sich dem Schreiben nicht entnehmen. Tatsache ist, dass es für Schaffhauser Gemeinden günstiger kommt, wenn die KESB involviert ist. Bei Massnahmen, welche die KESB angeordnet hat, werden die Kosten zu jeweils 50 Prozent vom Kanton und von den Gemeinden getragen. Muss eine Gemeinde aber eine freiwillige Massnahme wie eine SPF über die Sozialhilfe finanzieren, tut sie dies zu 75 Prozent selbst. Das hat mit einer Reform des Sozialhilfegesetzes zu tun, die seit 2017 in Kraft ist. Heisst: Eine angeordnete Massnahme der KESB entlastet die Gemeindekassen. Erfahrungsgemäss greifen in Schaffhausen vor allem kleine Gemeinden auf diesen Anreiz zurück. Der Fall von Yvonne S. ist dahingehend besonders, dass sie gerade nicht in einer kleinen Gemeinde lebt.

Es gibt also einen Fehlanreiz im System: Die Fachlichkeit – das, was für eine Familie am besten ist – wird dem Geld geopfert. Das weiss auch der Schaffhauser Regierungsrat. Er hat im Januar dieses Jahres in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage von Linda de Ventura (SP) eingeräumt, dass die aktuelle Finanzierungsregel «in vielerlei Hinsicht Fehlanreize» birgt und das zu Fehlentscheiden führen kann.

Eine Studie solls richten

In anderen Kantonen sind derartige Fragen zum Beispiel in einem Kinder- und Jugendgesetz geregelt. Eine gesetzliche Regelung empfiehlt auch die Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und -direktoren SODK. Der Kanton Schaffhausen hat bis anhin aber nichts dergleichen.

In der Antwort auf die Kleine Anfrage hält der Regierungsrat fest, dass es seit 2017 tatsächlich schwieriger worden ist, freiwillige Massnahmen zu finanzieren. Das führt auch zu längeren Wartezeiten: «Vom Zeitpunkt der Feststellung eines Unterstützungsbedarfes […] vergehen oft acht Wochen und mehr. Diese Zeitdauer ist nicht nur aus Sicht der hilfesuchenden Familien zu lang, sondern auch aus fachlicher Sicht problematisch.» Dadurch werde der präventive Ansatz, aufkommende Schwierigkeiten möglichst frühzeitig anzugehen, ausgehebelt. Geschrieben hat diese Zeilen Bettina Grubenmann, die seit Frühling 2024 die kantonale Dienststelle Familie und Jugend leitet – davor war sie Pädagogikprofessorin an der Fachhochschule St. Gallen. Grubenmann ist auch Teil einer Arbeitsgruppe, welche die Einführung eines Kinder- und Jugendgesetzes vorantreiben soll. «Noch sind dazu genauere Abklärungen nötig», sagt sie. «Wir geben erst eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. So können wir evaluieren, ob ein Kinder- und Jugendgesetz für Schaffhausen wirklich sinnvoll ist.» Damit sei kommendes Jahr zu rechnen.

Bis dahin will der Kanton sich bei einem Teil der Massnahmen in der freiwilligen Kinder- und Jugendhilfe in gleichem Umfang an den Gemeindekosten beteiligen wie bei KESB-Massnahmen. Also zu 50 Prozent. Mit dieser Anpassung ist aktuell eine Arbeitsgruppe beauftragt. Der Fehlanreiz im System soll damit bald Geschichte sein. Auch das stellt Grubenmann für kommendes Jahr in Aussicht. 

«Gravierende Verfahrensmängel»

Für Yvonne S. ist damit – noch im Sommer 2024 – nichts gelöst. Sie wehrt sich gegen den Entscheid der Sozialhilfebehörde ihrer Wohngemeinde, dass die KESB ihren Fall übernehme: Sie sagt, ihr Recht auf rechtliches Gehör sei in der Beurteilung verletzt worden. Doch Yvonne S. blitzt auch beim Departement des Innern (DI) ab. Es argumentiert sogar fast identisch wie die Vorinstanz. Und es ergänzt einen entscheidenden Satz: Es könne nicht angehen, dass die Eltern «aus freien Stücken über Leistungen entscheiden bzw. diese beziehen, welche im Nachhinein die Sozialhilfe und damit die Allgemeinheit tragen» solle. 

Dann wird der Kinder- und Jugenddienst aktiv. Denn er war es, der die SPF einst für die Familie beantragt hat – nicht Yvonne S. selber. Der KJD zieht den Entscheid des DI vor Obergericht weiter. Das passiert selten. KJD-Leiterin Mirjam Gross hält fest: «Es handelt sich um punktuelle Interventionen. Aber konstruktive Kritik muss möglich sein, vor allem, wenn ein Entscheid fachlich falsch ist.»

Nun hat das Obergericht ein Machtwort gesprochen: Es heisst die Beschwerde von Yvonne S. gut und weist die Sache «aufgrund gravierender Verfahrensmängel» an die kommunale Sozialhilfebehörde zurück. Diese muss nun erneut beurteilen, ob sie eine SPF weiterfinanziert. Das Urteil von Anfang November liegt seit dieser Woche öffentlich auf. Insbesondere kritisiert das Obergericht das Departement des Innern: Es habe den Standpunkt der Sozialhilfekommission allzu kritisch übernommen und die Aktenlage nicht ernsthaft geprüft. Das DI argumentierte nämlich, die SPF habe über längere Zeit keine Wirkung gezeigt, was das Obergericht zurückweist: Es ging gerade darum, dass Yvonne S. und Clara wieder zusammenleben können. Und das gelang, während die Sozialpädagogin die Familie unterstützte.

Der Rechtsdienst des DI teilt auf Anfrage der AZ mit, dass er das Urteil akzeptiert und die Erwägungen des Obergerichts in künftigen Fällen berücksichtigen werde. 

Für Yvonne S. und ihre Tochter Clara kommt er naturgemäss zu spät. Weil sie die sozialpädagogische Familienbegleitung nicht selber finanzieren konnte, wurde diese abgeklemmt. Die Situation der Familie hat sich dennoch verbessert – mit einer neuen Stelle der Mutter und einem neuen Partner, der auf Tochter Clara einen positiven Effekt hatte. Sie besucht weiterhin ihre Schaffhauser Schule.

* Die Namen von Yvonne S. und Clara sowie auch ihre Wohngemeinde sind der Redaktion bekannt. Yvonne S. konnte sich gegenüber der AZ nicht persönlich äussern, gab aber ihr Einverständnis, dass der KJD von ihrer Situation berichtet.

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«Man darf mich ruhig noch grüssen» https://www.shaz.ch/2025/12/14/man-darf-mich-ruhig-noch-gruessen/ Sun, 14 Dec 2025 08:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10408 Der Neunkircher Andreas Walt tut sich das Amt des Gemeinderats nicht mehr länger an. Zeit für einen Rückblick. Und für Klartext. Es brodelt weiter im beschaulichen Städtchen: Vor einer Woche verabschiedete die Neunkircher Gemeindepräsidentin Magdalena Guida Andreas Walt offiziell aus dem Gemeinderat, nachdem der parteilose Kunstschlosser Mitte November seinen sofortigen Rücktritt bekanntgegeben hatte. Er war […]

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Der Neunkircher Andreas Walt tut sich das Amt des Gemeinderats nicht mehr länger an. Zeit für einen Rückblick. Und für Klartext.

Es brodelt weiter im beschaulichen Städtchen: Vor einer Woche verabschiedete die Neunkircher Gemeindepräsidentin Magdalena Guida Andreas Walt offiziell aus dem Gemeinderat, nachdem der parteilose Kunstschlosser Mitte November seinen sofortigen Rücktritt bekanntgegeben hatte. Er war im Rahmen der Gesamterneuerungswahlen Ende 2024 in den Gemeinderat gewählt worden.

Als Grund für den Rücktritt nur ein Jahr danach nannte er den zeitlichen Aufwand, der neben der Arbeit in seinem Handwerksbetrieb nicht mehr zu bewältigen gewesen sei. Aber: Ist das angesichts des Kampfplatzes, der die Neunkircher Exekutive geworden ist, die ganze Wahrheit?

Wir treffen den 52-Jährigen in der Cafeteria des Neunkircher Altersheims. Kopfnicken von verschiedenen Seiten, man kennt den grossgewachsenen Mann. Ein kräftiger Händedruck, Walt legt seine Mütze auf den Tisch. Darauf gestickt: «Föck it».

AZ: Ist das Ihre Grundhaltung? Auf dem Chäppli?

Andreas Walt: (Lacht) Nein, das Label gehört zu einem Projekt eines Freundes von mir, der damit sozial Randständige unterstützt. Der Spruch drückt lediglich aus, dass man sich selbst sein soll.

Die Cafeteria-Mitarbeiterin nimmt unsere Bestellung auf. «Sind Sie nicht der Gerhard? Der aus Deutschland? Ah nein, die Haare sind zu wenig lang.» – «Zu wenig lang?! (Walt steht auf, die Haare fallen ihm weit in den Rücken) Habe ich tatsächlich noch einen Doppelgänger? Das ist mir schon einmal passiert!»

Wie begegnet man Ihnen auf der Strasse? Haben die Leute Ihren Abgang aus dem Gemeinderat schon registriert?

Ja, natürlich. Kürzlich sagte ich zur Gemeindepräsidentin – mit der ich übrigens ein gutes Verhältnis habe –, sie solle ihren Parteikollegen ausrichten, dass diese mich ruhig weiterhin normal grüssen können. Ich bin immer noch der Gleiche. Ich verstelle mich nicht.

Das passt ziemlich gut zum Spruch auf der Mütze.

Das stimmt.

Es klingt aber auch so, als gäbe es andere Gründe für Ihren Austritt als den offiziell genannten.

Ich darf eh nichts sagen. Gschnorr gibt es sowieso. Aber nicht von mir.

Was dürfen Sie nicht sagen?

Als Gemeinderat ist man zwangsgebunden.

Wie meinen Sie das?

In solchen Ämtern ist man von gewissen Amtsträgern abhängig. Auch von solchen, die es sehr gut verstehen, vor allem für sich selbst zu schauen. Und das meine ich ganz allgemein. Wer kennt das nicht aus der Politik: alles ein grosser Sändelikasten. In der Privatwirtschaft kann man jederzeit die Fesseln durchschlagen, wenn einem alles auf den Sack geht – in der Politik nicht.

Aber solche internen Machenschaften werden in der Regel ja immer recht schnell bekannt – wenn auch meistens nicht offiziell. Warum kommt man mit so etwas durch?

Indem man es einfach macht. Man muss nur dreist genug sein. Je frecher und direkter, je auffälliger man ist, desto weniger trauen sich die Leute, etwas zu sagen. Gerne ballen die Bürger ihr Fäustchen in der Hosentasche und grummeln in ihr Bärtchen, ohne laut zu werden… Das ist nichts Neues, oder?

Waren also interne Differenzen das Problem?

Das Amt an sich war für mich sehr belastend. Es wird erwartet, dass man als Gemeinderat sofort alles weiss und kann. Diese Erwartungshaltung… manchmal sind die Leute richtig frech geworden. Dabei war ich da gerade mal ein paar Wochen im Amt! Es braucht Zeit, sich einzuarbeiten. Man übernimmt ja auch die Altlasten der Vorgänger. Bestes Beispiel: die Heizzentrale. Ich habe das schon mehrfach in der Öffentlichkeit gesagt: Das ist ein kompletter Irrsinn, den man auf Biegen und Brechen durchboxen will!

Der umstrittene Neubau der Heizzentrale Muzell lässt die Zornader vieler Neunkircher schon lange immer wieder anschwellen und führte auch an der Gemeindeversammlung letzte Woche zu neuen Diskussionen. Kritisiert wurde, dass der Gemeinderat das eigentlich schon beschlossene Projekt im Sommer eigenmächtig sistiert hatte, um es noch einmal neu beurteilen zu lassen (siehe dazu ausführlicher AZ vom 26. Juni 2025).

Dies vor allem deshalb, weil das Projekt im Interesse Weniger (in den Kreisen der SVP um den ehemaligen Gemeindepräsidenten) und an der Bevölkerung vorbei aufgezogen worden sei, da diese sich generell zu wenig deutlich zu Wort melde, heisst es auf der anderen Seite. Der Gemeinderat will ausserdem bis Mitte 2026 alternative Wärmequellen prüfen, dank derer sich ein Neubau möglicherweise erübrigen würde. Die über vier Millionen Franken für den Neubau wurden per Antrag an der Gemeindeversammlung dennoch wieder in das Budget aufgenommen. Die echauffierten Meinungen zur Heizzentrale werden sich so bald also nicht abkühlen.

Bei Ihrem Amtsantritt waren Sie als Hochbaureferent mit für das strittige Thema zuständig.

Ja, weil ich es übernehmen musste. Es wurde mir aufgrund der Wählerstimmen so zugeteilt. Eigentlich interessierte ich mich für das Sozialreferat, in diesem Bereich war ich beruflich öfters unterwegs und habe entsprechend Erfahrung. Aber Skills zählen offensichtlich nichts.

Andreas Walt startete sein Amt als Hochbaureferent; nach drei Monaten kam es zu einem Wechsel, da die oft ortsgebundenen Aufgaben neben der Arbeit in der eigenen Firma nicht zu schaffen waren. Auf seine Bitte hin konnte er das Hochbau- gegen sein Wunschreferat abtauschen. Der Wechsel habe sich zum Wohl der Gemeinde aufgedrängt, erklärte die Gemeindepräsidentin damals gegenüber den Schaffhauser Nachrichten.

Sie wussten also vor Ihrer Wahl nicht, welches Referat Sie erhalten würden – wie haben Sie sich vorbereitet?

Auf dieses Amt kann man sich nicht wirklich vorbereiten.

Dann noch einmal von Anfang an: Warum haben Sie sich überhaupt zur Wahl aufstellen lassen?

Weil es sonst niemand gemacht hätte. Und weil ich hinter die Kulissen sehen wollte. Es sei schon viel Arbeit, sagte man mir in den Vorgesprächen, aber das wäre alles nicht so schlimm, man würde mich unterstützen. Das wahre Ausmass kriegt man im Vorfeld nicht mit. Mit bestehenden Gemeinderäten habe ich mich nicht grossartig ausgetauscht, die hätten eh nicht viel gesagt. Die hatten das sinkende Schiff ja sowieso schon verlassen (lacht). (Anm. d. Red.: Die Wahl von Magdalena Guida zur Gemeindepräsidentin hatte die Kündigung sämtlicher Gemeinderät:innen und einiger Verwaltungsangestellter zur Folge).

War gerade diese Tatsache nicht abschreckend?

Schauen Sie, morgen habe ich einen Auftrag auf einer Baustelle. Ich werde knietief im Schlamm stehen. Ich bin alles gewöhnt. Es gibt nichts, was mich noch überraschen könnte.

Das klingt ziemlich verbittert.

Nein, ich kann von diesen Erfahrungen nur profitieren. Das Amt als Gemeinderat hatte ich anfangs tatsächlich anders eingeschätzt. Aber wenn etwas Neues kommt, ist es immer vergleichbar mit etwas, das ich schon durchlebt habe.

Haben Sie aufgrund dieser Lebenserfahrung relativ schnell die Reissleine gezogen?

Wollen Sie den wahren Grund hören?

Ja.

In der Gemeindeverwaltung sitzen sehr viele Leute, die einen wirklich guten Job machen und sich jeden Tag ein Bein ausreissen für dieses Dorf, das will ich betonen. Bei diesen Leuten, und natürlich auch bei den Neunkirchern, möchte ich mich herzlich für die Zusammenarbeit und das Vetrauen bedanken. Aber es gab einzelne, die nicht merkten, dass sie sich mit ihrem Verhalten gegen das eigene Gremium wandten und meiner Meinung nach immer noch nicht verstehen, was ein Gremium ist und wie man sich darin zu verhalten hat. Ich kam mir manchmal vor wie im Kindergarten. Als Geschäftsführer würde ich jemandem, der sich so daneben verhält, die Tür weisen. Aber in der Politik geht das nicht so einfach. Das konnte und wollte ich nicht länger unterstützen. Es ist interessant: Was man weiss und was kommuniziert wird, unterscheidet sich je nach Fall extrem. Dazu bekommt man noch gewisse Gepflogenheiten mitgeteilt, wie man zu kommunizieren hat. Das ist teilweise echt frech.

Und führt in ein Dilemma.

Das war mitunter auch ein Grund, wieso ich gegangen bin. Man wollte mich dazu bewegen, wenigstens noch bis Ende Jahr zu bleiben. Teilweise wurde versucht, mir ein schlechtes Gewissen einzureden. Aber ich muss gar nichts. Es ist meine Zeit und ich entscheide, was ich damit mache. Für das Hochbaureferat arbeitete ich bis 120 Stunden im Monat für knapp 2000 Franken – zusätzlich zu meiner täglichen Arbeit von etwa 180 Stunden monatlich. Ich habe fast nicht mehr geschlafen, es war sehr belastend. Welchen Aufwand das Amt mit sich bringt, wissen die wenigsten. Man gibt sein Bestes und läuft irgendwann auf. Aber die Leute sehen das nicht. Einige schauen sogar, wo sie noch extra piesacken können. Jede «Verfehlung» wird sofort kommentiert oder angezeigt. Gewisse Leute sagten hintenrum, ich sei faul und mache zu wenig. Aber ich habe zwei Firmen. Und eine Familie. Ich muss mich nicht rechtfertigen.

Im zu verabschiedenden Budget 2026 wurde die Entschädigung für die Exekutive erhöht – was nicht unbemerkt blieb und an der Gemeindeversammlung zu Fragen führte. Magdalena Guida erklärte den Entscheid damit, dass der Aufwand für ein solches Amt tatsächlich enorm sei.

Ist das nicht frustrierend? Wenn man in den Maschinenraum gesehen hat und nun genau weiss, was schiefläuft? Wie geht man damit um?

(Zuckt mit den Schultern) Ich weiss, wie die Menschen ticken. Überrascht hat mich wie gesagt nichts. Ich wollte dahinter blicken, damit ich auch diese Erfahrung abhaken kann. Darum war es einen Versuch wert. Man kann nicht nicht lernen.

Wollten Sie wirklich etwas verbessern?

Ich hatte ehrlich gesagt keine grosse Erwartungshaltung; so kann man sich selbst weniger enttäuschen. Aber: Man muss alles ausprobiert haben, dann darf man sich erlauben, mitzureden. Ich wurde oft von oben herab behandelt, weil ich ja eh keine Ahnung hätte und nicht gerade dem allgemeinen oder erwarteten Bild entsprach. Es wurde mir aber auch von verschiedener Seite gesagt, dass ich der Einzige gewesen sei, der funktioniert habe. Vielen verstanden meinen Abgang. Das war eine schöne Genugtuung.

Was müsste passieren, dass dieser Gemeinderat funktioniert, dass das Amt attraktiver wird?

Es wäre so viel einfacher, wenn man einfach mal machen würde. Machen ist wie wollen, nur krasser. Zusammensitzen, Lösungen finden und vor allem Probleme lösen. Aber nein, es wird so vieles einfach totgeschwiegen. Den Amtsträgern geht es oft nur um das eigene Profilieren. Auch bei mir hiess es: Jetzt bist du Politiker. Aber ich verweigerte dieses Etikett vehement. Sich um Sozialfälle kümmern, Baustellen anschauen – was ist daran politisch? Ich bin mit einer guten Portion gesundem Menschenverstand geboren und gehe mit allen gleich um. Ich bin nur ehrlich und ich kann dazu stehen. Das können nicht viele. Darum sollte es aber gehen in diesem Amt.

Letzte Woche wurde mit Daniela Affolter eine erste Kandidatin für Andreas Walts Nachfolge bekanntgegeben. Die Ersatzwahl wird im Januar stattfinden.

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Zusammenprall https://www.shaz.ch/2025/12/11/zusammenprall/ Thu, 11 Dec 2025 11:02:49 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10406 Terrainkämpfe und gepfefferte Communiques: Der Konflikt zwischen Privatunternehmer Samuel Gründler und der Stadt eskaliert. von Nora Leutert und Simon Muster Der Streit um die Wärmeverbünde zwischen Unternehmer Samuel Gründler und der Stadt Schaffhausen erreicht eine neue Eskalationsstufe: Inzwischen wird die Auseinandersetzung buchstäblich auf offener Strasse ausgetragen. Am vergangenen Montag schoss ein Schreiben in die Schaffhauser […]

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Terrainkämpfe und gepfefferte Communiques: Der Konflikt zwischen Privatunternehmer Samuel Gründler und der Stadt eskaliert.

von Nora Leutert und Simon Muster

Der Streit um die Wärmeverbünde zwischen Unternehmer Samuel Gründler und der Stadt Schaffhausen erreicht eine neue Eskalationsstufe: Inzwischen wird die Auseinandersetzung buchstäblich auf offener Strasse ausgetragen.

Am vergangenen Montag schoss ein Schreiben in die Schaffhauser Redaktionsstuben. Absender: Der Stadtrat. Die Medienmitteilung war verfasst wie ein Ermittlungsbericht, Tatbestand und Täter waren klar benannt: Der Stadt lägen «Erkenntnisse» und «Hinweise» vor, dass Samuel Gründlers Energieverbund AG mit ihrem Fernwärmenetz Liegenschaften erschlossen haben soll, die ausserhalb des ihr erlaubten Gebietes liegen. Dies im Quartier Niklausen und an der Winkelriedstrasse. Gründler, mit anderen Worten, soll also über den Zaun gefressen haben. Beziehungsweise: unten durch.

Die Kommunikationsoffensive des Stadtrats wirkt erratisch und getrieben. Wieso informiert er die Öffentlichkeit über blosse «Hinweise»? Normalerweise versucht die öffentliche Hand, Konflikte so lange wie möglich unter dem Deckel zu halten – eine öffentliche Schlammschlacht sucht man selten.

Doch das Manöver der Stadt ergibt mehr Sinn, sobald man sich die zwei Personalien genauer anschaut, die hier aufeinandertreffen: Seit einigen Jahren tobt ein Revierkampf zwischen dem neuen Platzhirsch Gründler und der Stadt in Person von Werkdirektor und Stadtpräsident Peter Neukomm. Bis 2021 sass die Stadt gemütlich auf ihrem Gasnetz und baute dieses sogar weiter aus, statt auf erneuerbare Energien umzusteigen. Doch dann kam Samuel Gründler und trieb die Stadt mit seinen Ambitionen vor sich hin: Der Unternehmer will selbst schnell Wärmeverbünde bauen und mit der Wärmeversorgung viel Geld verdienen.

Gründler brachte die Stadt dazu, von der eigenen Planung abzurücken. Die Stadt versuchte, Gründler vorerst zu blockieren und reservierte gewisse Gebiete für sich, um dort selbst in ihrem eigenen Tempo Wärmeverbünde zu bauen. Gleichzeitig überliess sie Gründler unter Druck in freihändiger Vergabe gewisse Terrains, die er erschliessen durfte. Doch Gründler wollte mehr. Vor allem spähte er auf die Quartiere Alpenblick, Niklausen und Buchthalen, die er beim Bau seiner grossen Heizzentrale im Grubenquartier mit einkalkuliert hatte. Doch dort schob ihm die Stadt einen Riegel – als rechtsgültig sieht Gründler die Absage aber nicht an, wie er der AZ sagte (siehe Porträt vom 18. September 2025).

Samuel Gründler ist einer, der Tatsachen schafft und sich nicht gerne von bürokratischem Klein-Klein ausbremsen lässt. Und nun scheint er einen Kniff gefunden zu haben, gegen den Willen des Stadtrats expandieren zu können.

Schrittweise Reviererweiterung?

Fragt man den Stadtpräsidenten, dann hat Samuel Gründler bereits Fakten geschaffen. Der Stadt lägen Hinweise auf sichtbare Bautätigkeiten vor, Rückmeldungen von betroffenen Anwohner:innen sowie Gesuche für das Verlegen von Leitungen im öffentlichen Grund. Wie Gründler aber vorgegangen sein soll, erfährt man aus dem Stadthaus nicht.

Wer also mehr über das Gerücht erfahren will, das die Stadt in Umlauf gebracht hat, muss mit gut informierten Personen aus der Stadtpolitik sprechen. Und erfährt mehr: Offenbar soll sich Samuel Gründler schon länger Gedanken darüber machen, wie er an den Grenzen seines Konzessionsgebiets grosse private Liegenschaftsbesitzer an seinen Wärmeverbund anschliessen kann, die dringend ihre veralteten Heizsysteme ersetzen wollen. Dies, so hört man, ist Gründler nun bei mindestens zwei grossen Liegenschaften gelungen. Die Informationen der AZ lassen darauf schliessen, dass es sich bei den fraglichen Privaten um eine oder mehrere Siedlungen einer Wohnbaugenossenschaft an der Winkelriedstrasse handelt sowie um die Mehrfamilienhäuser im Eschengut, die einer St. Galler Immobilienfirma gehören, hinter der wiederum die UBS steckt.

Wie mehrere Quellen berichten, sollen die grossen Liegenschaftsbesitzer privat Baugesuche eingereicht haben, um ihre Leitungen im öffentlichen Grund zu verlegen. Der Clou dahinter: Private brauchen keine Konzession vom Stadtrat, wenn sie sich für eine gemeinsame Heizlösung mit einem Nachbarn zusammenschliessen wollen, sondern lediglich eine Bewilligung, um die Strasse aufzubrechen. Doch nachdem sie die Bewilligung erlangt hatten, so die Vermutung, sollen sie mit Gründler zusammengearbeitet haben, um an sein Fernwärmenetz anzuschliessen.

Hat der Unternehmer also mit Hilfe von privaten Baugesuchen die öffentliche Strasse mit seinen Leitungen gequeert und hüpft so von Privatgrund zu Privatgrund über sein Konzessionsgebiet hinaus?

Jagd auf die Filetstücke

Für die Stadt wäre das ein Problem, weil sie einheitliche Spielregeln schaffen möchte – und weil SH Power ihre eigenen, in den Gebieten geplanten Wärmeverbünde selbst weniger lukrativ betreiben könnte, wenn die grossen Filetstücke an der Winkelriedstrasse und im Alpenblick bereits weg sind.

Anruf bei Samuel Gründler. Dieser gibt sich nonchalant und gelassen wie immer. Er wisse nicht mehr als die Medien und lasse sich überraschen, was man ihm genau vorwerfe, sagt er zurückgelehnt. «Wir halten uns an den Konzessionsvertrag und ans geltende Recht. Wir haben nirgendwo ausserhalb unseres Perimeters auf öffentlichem Grund Rohre verlegt.» Sein Grundsatz, den er vertritt, ohne Genaueres sagen zu wollen: Was nicht verboten sei, dürfe man machen. Und es sei auch nicht verboten, clevere Lösungen zu finden. Er sei seinen Kund:innen verpflichtet und manchmal mache für diese ein Zusammenschluss in der Nachbarschaft Sinn.

Gründler stellt also den Vertrag mit der Stadt nicht in Abrede – offenbar legt er diesen einfach anders aus als die Stadt.

Wer genau in Niklausen und an der Winkelriedstrasse im Boden buddelte, ist also unklar. Haben die Grundeigentümer die Leitungen selbst gebaut, um so über das nächste Privatgrundstrück bei Gründler anschliessen zu können? Laut Konzessionsvertrag – ein solcher liegt der AZ vor – scheint der Fall eigentlich klar – Gründler hätte die Stadt proaktiv informieren müssen, wenn er tatsächlich aktiv geworden ist: «Werden Wärmeverbünde von Dritten initiiert und geplant und dabei Leitungsverlegungen im öffentlichen Grund vorgesehen, ist SH Power so früh wie möglich einzubeziehen.»

Aber auch die Stadt muss sich Fragen gefallen lassen. Für die Aufbruchbewilligungen der Privaten, mit denen die Leitungen über die Konzessionsgrenzen hinweg gelegt wurden, ist die Stadt selbst zuständig.
Hat die eine Hand also bewilligt, was die andere nun beklagt? Der offene Grabenkampf um die Wärmeverbünde in der Stadt Schaffhausen geht weiter.

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Abgehängt https://www.shaz.ch/2025/12/07/abgehaengt/ Sun, 07 Dec 2025 10:33:19 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10386 An der Munothalde will ein windiger Immobilienunternehmer im grossen Stil umbauen. Die Mietenden bezweifeln seine Professionalität. Blickt man den Hang Richtung Munot hinauf, verschwindet der kubische Wohnblock am Bachstieg 11 trotz seiner Grösse fast hinter den kahlen Bäumen. Die gelbe Fassade hat an Frische eingebüsst, an mehreren Stellen bröckelt der Putz ab. Das mehrstöckige Haus […]

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An der Munothalde will ein windiger Immobilienunternehmer im grossen Stil umbauen. Die Mietenden bezweifeln seine Professionalität.

Blickt man den Hang Richtung Munot hinauf, verschwindet der kubische Wohnblock am Bachstieg 11 trotz seiner Grösse fast hinter den kahlen Bäumen. Die gelbe Fassade hat an Frische eingebüsst, an mehreren Stellen bröckelt der Putz ab. Das mehrstöckige Haus an der Munothalde gehört zusammen mit zwei anderen Häusern zu einem Ensemble, das in den Dreissigerjahren vom bekannten Schaffhauser Architekten Wolfgang Müller erbaut und erst im Januar 2024 aus dem Verzeichnis schützenswerter Kulturdenkmäler der Stadt entlassen wurde (weil für «zu durchschnittlich» befunden). Die gut 90 Jahre, die der Block bereits auf dem Buckel hat, sind ihm anzusehen. Dass gegen den Verfall schon länger wenig unternommen wird, auch.

Trotzdem ist der Bachstieg 11, an der Sonnenhalde des Emmersbergs in grüner Umgebung gelegen, mit schneller Anbindung an den Bahnhof und dennoch bezahlbaren Mieten, noch immer interessant als Wohnort. Und auch als Investitionsobjekt, wie sich im vergangenen halben Jahr zeigte.
Der Block ist im Frühling 2025 an einen neuen Besitzer übergegangen. Und seit ein paar Wochen ist klar: Hier wird bald alles anders.

Umbau-Modell Taubenschlag

An einem Freitagmorgen Anfang Oktober wuchsen vor den Fenstern der Bewohner:innen des Bachstiegs 11 plötzlich Bauprofile in die Höhe. Wenig später flatterte der dazugehörige eingeschriebene Brief ins Haus: Ein «Neubauprojekt» stehe an. Die Mieter:innen im Haus müssten deshalb bis Ende März 2027 ausziehen, die Kündigung werde folgen. Der Brief liegt der AZ vor. Unterschrieben hat ihn eine Treuhandfirma aus Luzern.

Als die Bauprofile um das Haus bereits drei Wochen standen, erfolgte die Baueingabe für das Grundstück. Darin ist plötzlich nur noch von einem Umbau mit Sanierung statt von einem Neubau die Rede. Laut Baueingabe soll der Spatenstich zudem bereits im März 2026 statt im April 2027 erfolgen.

Die Pläne, die die AZ eingesehen hat, legen aber offen, dass nach dem «Umbau» nichts mehr so sein wird, wie es heute ist: Der Eigentümer will das Haus nicht nur sanieren und an heutige Energiestandards angleichen, sondern auch fundamental umstrukturieren. Aus den derzeit zehn Wohnungen sollen 24 Studios à 31 Quadratmeter und eine Zweizimmerwohnung à 42 Quadratmeter entstehen. Stauraum in Keller oder Dachboden gäbe es praktisch keinen mehr, dafür mehr und grössere Balkone.

Grundsätzlich darf ein Eigentümer mit seinem Haus tun, was er will, befindet es sich innerhalb der gesetzlichen Schranken. Doch die Unstimmigkeiten und die schlechte Kommunikation gegenüber den Mietenden irritieren. Auch, weil der neue Hausbesitzer – ein Samuel W., dessen Firma Glatt/Bach AG das Grundstück gehört und dessen andere Firma Hochstrasse AG darauf bauen will – unter den Mietenden bereits vor der Offenlegung der Baupläne für Unmut gesorgt hat.

Gefühlt schon abgeschrieben

Von den zehn Wohnungen im Block sind derzeit noch acht bewohnt, mehrere Mietende sind schon seit über einer Dekade am Bachstieg 11 zuhause. Zwei Mietparteien sind innerhalb des letzten halben Jahres ausgezogen, Nachmieter:innen gab es seither keine.

Die AZ hat mit fünf Mieter:innen gesprochen, die im Haus gewohnt haben oder noch immer dort wohnen. Unabhängig voneinander berichten sie seit dem Besitzerwechsel im Frühling 2025 von Schäden, die über Monate hinweg nicht repariert wurden; von einem Kühlschrank, der seine Temperatur nicht mehr regulieren kann oder einer WC-Spülung, bei der man mit dem Wasserkrug nachhelfen muss.

Auch von Unterhaltsarbeiten im und ums Haus sei nichts zu spüren, obwohl Nebenkosten eingezogen werden. Beim Besuch der AZ liegen Dreck und nasses Laub im Treppenhaus, die gemeinschaftlich genutzte Waschmaschine sei zudem länger nicht betriebsfähig gewesen, weil niemand das prallvolle Münzfach geleert habe, erzählen Mietende.

Das Problem: Der Eigentümer Samuel W. ist für seine Mieter:innen nicht erreichbar, weder per Telefon noch per E-Mail.

Die Mängel in den Wohnungen haben bereits zu mehreren Mietschlichtungsverfahren geführt, zu denen der Eigentümer allerdings nicht erschienen sei. Auch zu zuvor vereinbarten Terminen zur Wohnungsabgabe sei er mehrfach unentschuldigt nicht aufgetaucht, berichten Mietende; ein eingeschriebener Brief an den Eigentümer mit den Wohnungsschlüsseln sei wieder an den Bachstieg 11 zurückgekommen.

Der drohende Umbau ist bereits im Treppenhaus zu spüren.
Der drohende Umbau ist bereits im Treppenhaus zu spüren.

Im Gespräch mit den Mietenden entsteht das Bild einer gut vernetzten Hausgemeinschaft, die ihre Wohnungen allesamt schätzt, aber weiss, dass sie renoviert werden müssen. Das Gefühl, dass das Haus und sie selbst aber eigentlich bereits abgeschrieben wurden, treibt die Mieter:innen um. Sie würden «links liegen gelassen», der Umgang mit ihnen sei «despektierlich» und «sehr, sehr unprofessionell». Mehrere Personen, mit denen die AZ gesprochen hat, äussern den Verdacht, dass im Haus gar keine Verwaltung eingesetzt sei.

Das einzige, woran sich die Mieter:innen festhalten können, ist eine Privatadresse in Engelberg, auf die die Eigentümerfirma Glatt/Bach AG gemeldet ist.

Das Phantom von Engelberg

Rita Schirmer-Braun wohnt seit 15 Jahren am Bachstieg 11, von ihrer 3-Zimmerwohnung überblickt sie fast die gesamte Altstadt. Nachdem sie aus dem Brief der Treuhandfirma Mitte Oktober entnommen hatte, dass sie ihre geliebte Wohnung wohl bald verlassen muss, ging die pensionierte Klimaseniorin in die Offensive.

Eines Oktobermorgens fuhr Schirmer-Braun also kurzerhand nach Engelberg. «Ich wollte sehen, ob die Eigentümerfirma eine Briefkastenfirma ist», sagt sie. In der Treppensiedlung, zu der die Engelberger Adresse führte, fand sie den Namen W. Sie klingelte – und traf tatsächlich auf einen eher jungen Mann. «Er wohne hier, hat er gesagt, und ist mir Rede und Antwort gestanden. Eigentlich ganz nett», erinnert sich Schirmer-Braun. Er habe sich Zeit genommen für ihre Fragen. Den Unterschied zwischen der Aushöhlung des Hauses, die im geplanten Umbau stattfinden würde, und einem Neubau, habe er ihr aber auch nicht erklären können. Zum Abschied gab W. seiner Mieterin eine Handynummer mit, unter der sie ihn erreichen könne.

In der Engelberger Treppensiedlung haben neben der Glatt/Bach AG noch vier weitere Firmen ihren Sitz, darunter die Hochstrasse AG, mit der W. nun am Bachstieg 11 umbauen will. Bei drei der fünf Firmen ist Samuel W. einziger und zeichnungsberechtigter Verwaltungsrat. Ausser, dass er britischer Staatsangehöriger ist, findet sich im Netz nicht viel über den Immobilienunternehmer.

Anruf unter der Nummer, die Samuel W. der Schaffhauser Mieterin vor seiner Wohnungstür aushändigte. W. nimmt ab. Er spricht deutsch mit englischem Akzent und hat eine raue Stimme. Auf Fragen von der Zeitung reagiert er zunächst skeptisch, verliert sich in einer Tirade darüber, dass er als Käufer auch Rechte habe, um sich danach für den groben Ton zu entschuldigen.

Er sagt, für den Bachstieg 11 gebe es keine andere Option als eine Totalsanierung. «Das ganze Haus ist ein grosser Mangel, seit dreissig Jahren hat niemand mehr darin investiert.» Dass der Block so viele Baustellen habe, sei ihm nicht klar gewesen, als er ihn gekauft hatte. «Jetzt darin zu investieren, wäre herausgeschmissenes Geld.»

Von dem Brief an die Bewohner:innen will er am Telefon zunächst nichts gewusst haben, irgendwann räumt er ein, dass die Formulierung, es gebe ein «Neubauprojekt», schlicht ein Tippfehler sei. «Für die Mieter spielt das sowieso keine Rolle.»

Auf die Frage, weshalb er nicht zu Mietschlichtungsverfahren und Wohnungsabgaben erschienen sei, reagiert er deutlich: «Die Mieter sollten darüber glücklich sein! Schäden, die entstanden sein könnten, interessieren mich nicht», sagt W. geradeheraus. Zu Schlichtungsverfahren zu kommen, empfinde er als Zeitverschwendung. «Ich überlasse die Entscheidung über Mietzinsreduktionen dem Amt und akzeptiere diese.» Dies bestätigen mehrere Mieter:innen, die den Weg übers Schlichtungsamt gegangen sind und nun von einer Mietzinsreduktion profitieren.

Das Geld, das W. mit den Mieter:innen heute noch verdienen kann, scheint ihm herzlich egal. Und die Menschen, die in seinem Haus leben, auch.

Ruft man bei der Treuhandfirma an, die den Informationsbrief an die Bewohner:innen des Bachstiegs 11 unterschrieben hat und die laut Eigentümer für den Unterhalt vor Ort verantwortlich sei, weiss der Geschäftsführer von nichts. Seine Firma kümmere sich nur um die Buchhaltung am Bachstieg 11. Auf den Informationsbrief angesprochen, druckst der Treuhänder erst herum. Dann sagt er doch, das Schreiben habe er angestossen, weil die Mietenden mit Fragen auf ihn zugekommen seien, als sie die Bauprofile entdeckten. Über die Baupläne aber wisse er nichts.

Die neue Normalität?

Wer aber soll einst in die neuen Studios am Bachstieg 11 einziehen? Samuel W. macht einen grossen Bedarf an kleinen Mietwohnungen geltend. «Meine Erfahrung zeigt, dass es diesbezüglich unter jungen Leuten, Einzelpersonen, Paaren oder kleinen Familien, eine hohe Nachfrage gibt. Sie wollen kein grosses, sondern ein bequemes und elegantes Apartment, das nicht viel zu putzen gibt», sagt er am Telefon.

Mit der Hochstrasse AG habe er an der Krebsbachstrasse in Schaffhausen bereits einen Neubau mit 18 Kleinwohnungen gebaut – und die Nachfrage nach solchen Wohneinheiten steige. Den Einwand, dass 30 Quadratmeter ohne Stauraum für mehr als eine Person knapp bemessen sei, lässt er nicht gelten. «Diese Wohnungen sind nicht klein, das ist heute normal.»

Dass Samuel W. mit seinen Bauvorhaben allerdings nicht immer einfach so durchmarschieren kann, wie er dies am Telefon darstellt, zeigt die Liegenschaft direkt unterhalb des Bachstiegs 11: Das Haus an der Bachstrasse 46 – mehr Bruchbude als Wohnhaus, die Rückseite liegt komplett offen – gehört ebenfalls Samuel W.s Firma Glatt/Bach AG. Und auch hier stecken seit Längerem Bauprofile im Boden.

Das Baugesuch, das W. für dieses Grundstück bereits im Oktober 2024 eingereicht hatte, ähnelt den Plänen für die obere Liegenschaft. An der Bachstrasse sind 17 Kleinwohnungen geplant, die sich in ihrer Grösse aber stärker unterscheiden – und das heute dort stehende Haus soll tatsächlich abgerissen und neu gebaut werden. Gegen die Pläne wurde allerdings Beschwerde eingelegt, mittlerweile liegt der Fall vor Obergericht.

Dass solch kleine und vereinzelnde Wohneinheiten im Zuge des verdichteten Bauens immer häufiger werden, ist wahrscheinlich. Ein Blick auf die Klingelschilder an W.s Block an der Krebsbachstrasse zeigt, dass seine Kleinstwohnungen dort gut ausgelastet sind. Die vielen provisorisch angebrachten Namensschilder an Briefkästen und Klingeln weisen jedoch auf viele Wechsel hin.

Ob sich das Verhältnis zu seinen Mieter:innen dort allerdings professioneller gestaltet als am Bachstieg 11, bleibt fraglich. Eine Mieterin von der Munothalde, die anonym bleiben möchte, sagt: «W. hat keinerlei Erfahrung darin, wie man ein Haus bewirtschaftet, in dem Leute wohnen. Ich glaube nicht, dass sich das so bald ändern wird.» Mehrere Mietende haben ihre Erfahrungen mit dem Eigentümer nun in einem Schreiben an die Baupolizei weitergeleitet.

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Doomscrollen mit Vergnügen https://www.shaz.ch/2025/12/04/doomscrollen-mit-vergnuegen/ Thu, 04 Dec 2025 10:26:37 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10383 Higgs Chicks wollen sich nicht von Country-Stereotypen fesseln lassen. Ihr erstes Album ist ein melancholischer Beitrag zum Genre – und sprengt dessen Ketten. Wir sind alle kleine WürmchenDie viel müssen und nichts wollenWir folgen unserem KopfeUnd das Herz sitzt im Schwanz Wir singen laute LiederÜber unsern UntergangDoch hören tun wir gar nichtsEs sind keine Ohren […]

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Higgs Chicks wollen sich nicht von Country-Stereotypen fesseln lassen. Ihr erstes Album ist ein melancholischer Beitrag zum Genre – und sprengt dessen Ketten.

Wir sind alle kleine Würmchen
Die viel müssen und nichts wollen
Wir folgen unserem Kopfe
Und das Herz sitzt im Schwanz

Wir singen laute Lieder
Über unsern Untergang
Doch hören tun wir gar nichts
Es sind keine Ohren dran

Was ist der Mensch, wenn nicht ein Tier mit Allüren: ein Wesen mit mindestens so viel Begabung zur Vernunft wie zur Selbstzerstörung, das eigentlich so viel weiss und im entscheidenden Moment doch ratlos ist. Wird es die Katastrophe dereinst überleben, wenn es sie nicht abwenden kann?

Es sind hilflose Strophen, die Beat Wipf da anstimmt. Aber in seinem Tonfall liegt kein Klagen – höchstens etwas Endgültiges. «Würmchen» ist einer der auffälligsten Tracks auf der Platte, die er zusammen mit Marc Zimmermann vor Kurzem veröffentlicht hat. «Doomscrolling mit Kurt» heisst diese (Doomscrolling bezeichnet das exzessive Lesen negativer Nachrichten im Internet), und sie hat nicht weniger vor, als Ketten zu sprengen.

Denn die «Higgs Chicks», so haben die beiden Schaffhauser ihr Musikprojekt benannt, machen Country-Musik. Und das geht mit einer gewissen Vorschussangst einher, wie Beat Wipf es ausdrückt: «Wenn man sagt, man macht amerikanische Musik, bewegt man sich schnell auf dünnem Eis.» Der Higgs-Chicks-Country will sich in keine rechtskonservative Redneck-Ecke gestellt sehen, in der das Genre – trotz Bestrebungen zahlreicher queerer oder schwarzer Künster:innen wie etwa Lil Nas X oder Jett Holden – oft verortet wird. Das greife zu kurz, sagen Wipf und Zimmermann, auch wegen der Geschichte von Country. Das Banjo beispielsweise, Inbegriff des Bluegrass, wurde einst von versklavten Menschen aus Westafrika entwickelt, bevor es Teil der amerikanischen Kultur wurde. Country ist Teil widerständiger Geschichte, und daran wollen Higgs Chicks anknüpfen.

Forscherhaltung

Aber diesen Disclaimer immer wieder zu liefern, ist anstrengend. Einen Sticker mit dem Bandnamen und dem Untertitel «Kraut-Country gegen Faschismus» zu drucken, ist effektiver. Das Präfix «Kraut» verweist auf den experimentellen, emanzipativen Krautrock, der ab den 1960er-Jahren in Westdeutschland entstand.

«Doomscrolling mit Kurt» ist also ein Beitrag zum Genre und orientiert sich dabei an den Grossen. So interpretiert das Duo zum Beispiel mit der schwermütigen Ballade «I’m So Lonesome» einen Track von Hank Williams, einem der einflussreichsten Countrymusiker aller Zeiten, der einst – trotz eines kurzen Lebens – Grössen wie Bob Dylan und Johnny Cash beeinflusst hat. «Long Way Home» ist eine melancholische Hommage an Tom Waits und Kathleen Brennon, die die Stimmung aufhellt, und «Tennessee Stud» stammt ursprünglich von Folk-Sänger Jimmy Driftwood. Gleichzeitig zeigt genau dieser Song auch, wie die Band das Genre unterwandert: Die einfachen Gitarrenriffs und Wipfs Gesang werden von einem jaulenden Theremin begleitet.

Sie seien beide als Forscher unterwegs, sagen Zimmermann und Wipf übereinstimmend: Sie wollen die Musik verstehen, um sie neu zu erschaffen. «Ich habe jahrelang mein Taschengeld für Platten ausgegeben, die Cover studiert und Zusammenhänge gesucht: Wer hat was produziert, wer war dieser Little Richard, wer McKinley Morganfield?», erzählt Zimmermann. Ab den späten 1970ern, als er noch «jung und hübsch und dünn» gewesen sei, habe er in unzähligen Bands gespielt, stets mit dem Interesse, einen anderen Dreh in die Musik zu bringen. Und als er schliesslich in der Schweiz und noch später bei Min King und den Aeronauten landete, habe er genau das tun können: alles zu allem transformieren.

Wipfs musikalische Ursprünge liegen demgegenüber etwas weiter weg vom jetzigen Projekt: im Eastcoast-Rap der 1990er-Jahre. Aber er habe als Zehnjähriger auch angefangen, Gitarre zu spielen. Das – und so manche alte Platte im Elternhaus – führte ihn zu Blues, Country und Folk. Eigene Musik habe er bisher aber nie gemacht, und gesungen habe er in diesem Format auch noch nie; dafür brauchte es Marc Zimmermann. «Ich habe Teile dieses Albums jahrelang mit mir herumgetragen», sagt Wipf.

Der Zufall will es, dass sich die beiden auch aus einem Forschungsumfeld kennen: dem Museum zu Allerheiligen. Dort arbeitete Wipf als Techniker, und Zimmermann leitet bis heute den Besucherservice. Dass die Forschungsexpedition in die Musikgefilde gemeinsam geschah, war trotzdem nicht gegeben. Denn Zimmermann hatte sich eigentlich von der Bühne verabschiedet, nachdem der Aeronauten-Frontmann Olifr Guz Maurmann Anfang 2020 verstorben war. Als diese Band aber ein paar Jahre später eine Best-Of-Platte veröffentlichen wollte, waren Kurzfilme zur Promotion gefragt. «Da bin ich mit gutem Beispiel vorangegangen und habe mir Beat geschnappt, um zusammen den Song ‹1 bis 10› zu covern und einen Clip in einem Rapsfeld zu produzieren.» Das Lied hat es nun auch auf die Platte geschafft.

Das gemeinsame Projekt sollte aber klein bleiben, «so klein, dass man mit der Bahn touren kann» wie Zimmermann es sagt. Inzwischen reicht für die Musik der Higgs Chicks nicht einmal mehr ein PKW aus: mehrere Gitarren, akustisch oder elektrisch, sechs- oder zwölfsaitig, mal im Modell Dobro oder Lap-steel, dazu mehrere Bassgitarren, ein Banjo und mehrere Perkussions-Instrumente, aber auch eine Orgel, Keyboards und ein Synthesizer sind auf der ersten Platte zu hören.

Wir gleiten über Optionen
Hinweg in Zeit und Raum
Die Spuren, die wir lassen
Klar undeutbare Kunst

Das führt zu so mancher anarchischer Spielerei. Besonders hervorzuheben ist nebst «Würmchen», ein Track, der mit einem Dance-Beat und Synthie aufmacht und nur noch via Gitarre an Country erinnert, das letzte Lied der Platte: «Wünschelfuchs». Hier wabert zunächst eine Gitarre, die an einen Bassverstärker angehängt und darum als solche kaum wiederzuerkennen ist. Während sie sich fast überschlägt, stossen jazzige Drums dazu. Eine synthetische Cello-Melodie und ein Klavier, das irgendwo in dem Gemenge auch noch passiert, führen die Zuhörerin in einen Studel irgendwo zwischen Rock und Free Jazz. «Wünschelfuchs» ist ein schwerer und unheimlich cooler Song, der nach der Macht strebt und der Platte ein fulminantes Ende beschert. Zimmermann nennt ihn «eine gnadenlose Übertreibung».

Ein Versprechen

Und dann ist da natürlich der titelgebende Track, «Doomscrolling mit Kurt». Kurt muss man sich übrigens als Vierbeiner vorstellen: Es handelt sich um Marc Zimmermanns Schäferhund, der die Higgs-Chicks-Experimente im Studio mitverfolgt hat. Entstanden ist ein Song wie ein lässiger, erschöpfter Spaziergang samt Gitarrensoli und Theremingejauchze. Wenn das Doomscrolling ist, dann sind die Schrecken dieser Welt gut auszuhalten.

Allerdings wird es kein Leichtes sein, die aufwändigen Songs zu zweit auf die Bühne zu bringen. Die Lust, sie neu zu deuten und zu inszenieren, ist da – und weitere Lieder offenbar bereits im Köcher. So soll kommendes Jahr ein Higgs-Chicks-Song auf einem Tribute-Album der Hamburger Punkband Abwärts erscheinen. Und irgendwann soll auch eine zweite Platte erscheinen, schicken Wipf und Zimmermann voraus – eine, die die jetzigen Gefilde verlässt und sich in Richtung Soul und Rock vortastet. Vielleicht ist das Ende von «Würmchen» also ein Versprechen:

Die Welt ist voll von Zeichen
Und eingerissenen Brücken
Die Flucht führt im Kreise
Ohn’ End und Anfang
Ohn’ End und Anfang
Ohn’ End und Anfang
Ohn’ End und Anfang

*

Die Plattentaufe von «Doomscrolling mit Kurt» findet am Freitag, 19. Dezember, im TapTab statt. Unterstützt werden die Higgs Chicks von Bottervogel. Konzertbeginn um 21 Uhr. Die Platte kann schon jetzt auf allen Streaming-Diensten angehört werden.

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