Kultur Archive - Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/category/kultur/ Die lokale Wochenzeitung Mon, 30 Mar 2026 12:17:28 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.4.8 https://www.shaz.ch/wp-content/uploads/2018/11/cropped-AZ_logo_kompakt.icon_-1-32x32.jpg Kultur Archive - Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/category/kultur/ 32 32 Die Früchte des Nussbaums https://www.shaz.ch/2026/03/30/die-fruechte-des-nussbaums/ Mon, 30 Mar 2026 08:33:30 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10749 Wie geht Kunst im Exil? Adar Tank sagt: Sie will nicht nur kurdische Kunst machen, sondern sie muss. Ein Gespräch über Zugehörigkeit und Repräsentation. Adar Tank Bevor wir beginnen, ist mir wichtig, etwas zu sagen.  AZ Ja? Ich werde in meiner Geschichte oft von Schmerz sprechen. Aber ich möchte diese Geschichte nicht als aussergewöhnlich traurig oder dramatisch […]

The post Die Früchte des Nussbaums appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
Wie geht Kunst im Exil? Adar Tank sagt: Sie will nicht nur kurdische Kunst machen, sondern sie muss. Ein Gespräch über Zugehörigkeit und Repräsentation.

Adar Tank Bevor wir beginnen, ist mir wichtig, etwas zu sagen. 

AZJa?

Ich werde in meiner Geschichte oft von Schmerz sprechen. Aber ich möchte diese Geschichte nicht als aussergewöhnlich traurig oder dramatisch verstanden wissen. Sie ist einfach Realität, und zwar nicht nur meine, sondern die von tausenden Kurd:innen. Sie ist eine Geschichte des Widerstandes.

Adar Tank ist Kurdin. 1998 kommt sie im Flüchtlingscamp Makhmour zur Welt. Makhmour entstand zu Beginn der 1990er-Jahre, als rund 17 000 Kurd:innen vor der türkischen Armee in den Nordirak flüchteten.

Adar Tank studiert in der Stadt Erbil Zahnmedizin. 2023 flüchtet sie vor dem Krieg in die Schweiz und erhält die Bewilligung, zu bleiben. Fast von Beginn weg lebt sie in Schaffhausen. Nicht viel später lerne ich sie kennen. Im Januar dieses Jahres sitzen wir in der «Garage» in Schaffhausen zusammen auf der Bühne, um über Verwurzelung und Entwurzelung zu sprechen. 

Seither ist in Kurdistan ein weiterer Krieg ausgebrochen. Erst vergangene Woche ist in der Nähe von Makhmour ein irakischer Stützpunkt mit Kamikaze-Drohnen angegriffen worden. Adar Tank ist Künstlerin, und ich denke wieder öfter an die Gemälde, die ich von ihr kenne: Die Frauenkörper, die sie malt, sind oft von Leid gezeichnet, aber auch von Kraft. Ich möchte verstehen, wie sie im Exil Kunst macht und was dies mit ihrem Selbstverständnis als Kurdin macht. Wir treffen uns Anfang dieser Woche zu Tee und Süssem, zwei Tage nach dem kurdischen Neujahrsfest Newroz, das dieses Jahr unter dem Stern der Freiheit und der Demokratie stand.

Adar, wie bist du ins neue Jahr gestartet?

Was soll ich sagen: Es ist immer noch Krieg. Schon als ich ein kleines Kind war, habe ich immer wieder gehört, irgendwann werde Frieden sein. Die Kurd:innen werden frei sein. Doch derartige Versuche sind – wie jüngst in der Türkei – bis anhin gescheitert. Darum habe ich grosse Zweifel an einem Frieden. Und trotz alldem bin ich besser in dieses Jahr gestartet als in die anderen, die ich bisher in der Schweiz verbracht habe. Ich kann von mir sagen: Ich existiere. Ich kenne meinen Weg besser, habe Freunde und eine gute Umgebung. Und ich habe Hoffnung, dass ich dieses Jahr das Zahnmedizinstudium wieder aufnehmen kann.

Du hast dafür in den vergangenen Wochen die C1-Prüfungen in Deutsch abgelegt.

Genau. Ich hoffe, dass es das letzte Mal ist, dass ich eine Sprache lerne.

Wie meinst du das?

Sprache war stets ein Trauma für mich. In ­Makhmour sprechen wir Kurdisch Kurmanci. Ich hatte bis zur Volljährigkeit keinen Kontakt zu Menschen ausserhalb Makhmour, wir sind völlig isoliert aufgewachsen. In Erbil kam darum Kurdisch Sorani – und Arabisch – dazu. Und dann an der Universität auch noch Englisch. Ich kann dir heute nicht mehr sagen, wie ich schon im ersten Jahr die Prüfungen bestanden habe, ich habe nur Bahnhof verstanden. Wohl waren es Glück und die hohen Erwartungen, die ich an mich selbst hatte. Und jetzt bin ich Flüchtling und lerne schon wieder eine neue Sprache.

Du lebst mit deinem Bruder in Schaffhausen. Welche Sprache sprecht ihr miteinander?

Vor allem Kurdisch. Aber ich merke, dass mir manches heute auf Deutsch leichter fällt. Manchmal macht mich das traurig: der Gedanke, dass ich meine Muttersprache vergessen könnte. Und dass mein Nachwuchs sie nicht kennt, wenn ich in der Schweiz bleiben sollte.

Willst du denn in der Schweiz bleiben?

Die Schweiz war nichts, das ich mir ausgesucht hätte. Sie war ein Muss, keine Option. Ich will das Leben hier nicht schlecht machen, ich habe ja alles, und ich will mich in der Schweiz verwurzeln. Aber ich bevorzuge mein Leben in Makhmour. Die Kurd:innen haben dort mitten im Nichts Leben erschaffen, und dieses Leben war bedeutungsvoll für mich. Gleichzeitig habe ich Angst davor, je dorthin zurückzukehren. Was, wenn ich mich nicht mehr zugehörig fühle? Was passiert dann?

Heimat muss ein kompliziertes Wort für dich sein.

Ich würde dazu gern eine Geschichte erzählen.

Sicher.

Sie stammt von einem Kämpfer der PKK, der uns Kinder in Makhmour in Selbstverteidigung unterrichte. Er erzählte, wie er sich während einer militärischen Aktion verirrt hatte und seine Kollegen nicht wiederfand. Die Region war gefährlich, darum versteckte er sich im Stamm eines hohlen Baumes. Dort blieb er lange Zeit, tagelang. Er hatte weder zu essen noch zu trinken, so hatte er eines Tages Halluzinationen. Eine dieser Halluzinationen war ein grosser Nussbaum, der Früchte trug, die der Kämpfer früher einmal gesammelt hatte. Doch er war sich nicht sicher, ob der Baum wirklich real war, und so sagte er sich: Ich bleibe im Versteck, damit ich nicht enttäuscht werde. Wäre er nach draussen gegangen und hätte dort keinen Nussbaum vorgefunden, hätte er alle Hoffnung verloren. Er blieb, bis Kollegen ihn irgendwann fanden. Für mich ist Heimat wie dieser Nussbaum: Sie ist eine Hoffnung. Ich bin nicht verloren, sondern einfach weit weg zuhause. Wenn ich aber dorthin zurückgehen und mich fremd fühlen würde, wüsste ich nicht, wohin ich noch gehörte.

Du bist nun seit drei Jahren in der Schweiz. Was spendet dir in Schaffhausen ein Gefühl der Zugehörigkeit?

Der Rhein. Ich gehe fast jeden Tag an den Rhein und beobachte die Bewegung des Wassers. Ich fühle, dass es mich anzieht, mich zu sich ruft, ganz besonders wenn ich traurig bin. Vielleicht schwimme ich diesen Sommer das erste Mal im Rhein. Manchmal fahre ich Kanu – ich wusste nicht, dass ich Wassersport toll finde, bevor ich in der Schweiz war!

In Makhmour und Erbil gibt es keine Gewässer, gell?

Nein, das ist alles Wüste. Und diese Wüste ist mein Zuhause, ich finde sie so schön: den freien Horizont zu sehen, die Verbindung zwischen Himmel und Erde, wie die Sonne untergeht.

Die Heimat Wüste, aber auch ein bisschen der Rhein?

Vielleicht. Es gibt eine Redewendung bei uns: Nass zu sein bedeutet Freude.

Foto: Robin Kohler

Hier in Schaffhausen kennt man vor allem deine Kunst. In deinen Gemälden ist der weibliche Körper ein wichtiges Element. In der Museumsnacht im Allerheiligen vergangenen Herbst zum Beispiel hast du ein Bild gemalt, auf dem eine Frau keinen Kopf hat – stattdessen spriessen Blumen aus ihrem Hals. Woher kommt dieser Schwerpunkt?

Eines der Fächer, das ich an der Schule hatte, heisst Jineologie. Jin: Frau, Logie: Wissenschaft. In diesem Fach haben wir gelernt, dass Frauenkörper und die Welt gleich sind. Die Welt erneuert sich ständig: Im Herbst werden die Blätter zu Laub, im Frühling öffnen sich die Blumen. Frauen haben auch einen solchen Zyklus: Sie haben eine Periode, und wie die Erde können sie Leben erschaffen und Kinder aus ihrem Körper nähren. Das Gemälde, das du ansprichst, zeigt im Übrigen eine kurdische Frau. 

Woran ist das erkennbar?

An der roten Schleife, die um ihren Körper weht. Wenn bei uns eine Frau heiratet, bindet man ihr manchmal eine solche rote Schleife um die Taille. Das bedeutet, dass sie noch Jungfrau ist. Damit, dass diese Schleife auf dem Gemälde um ihren nackten Körper im Wind weht, äussere ich Kritik an diesem Umstand.

Deine allererste Einzelausstellung hattest du 2015 in Amed, Nordkurdistan. Wie hat Kunst dich mit der Welt verbunden?

Lange Zeit konnte ich mich ohne Kunst nicht akzeptieren. Ich wusste nicht, ob ich ohne Kunst überhaupt existiere. Das künstlerische Umfeld war der einzige Weg, damit ich mich nicht immer fremd fühlte. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, wenn ich ein, zwei Monate lang nicht gemalt habe.

Und heute?

Langsam verstehe ich, dass ich mich auch ohne Kunst akzeptieren muss, einfach als Mensch. Aber sie ist ein Teil von mir. Ich mache Kunst vor allem dann, wenn ich Schmerzen habe. Ich meine das nicht in einem negativen Sinn. Kunst bringt mich dazu, genau hinzuschauen: Wenn ich Blumen anschaue, sehe ich ein Gemälde mit wunderbaren, naiven Verbindungen und Harmonien von Farbtönen. Das macht mich empfindlich, eben fast wie ein Schmerz. Dieser Schmerz macht mir Freude, ich mag ihn und vermisse ihn, wenn ich ihn nicht fühle. In ihm liegt für mich mehr Bedeutung als in Glück. Trotzdem haben mir viele Leute angeraten, stattdessen einfach Glück zu malen.

Warum?

Weil sie traurig sind, wenn sie meine Kunst sehen. Während meiner Zeit an der Universität in Erbil haben mir Professor:innen gesagt, sie wollten deshalb nicht mehr an meine Ausstellung kommen. Sie wollten sich nicht mit der kurdischen Realität konfrontieren, die 40 Autominuten von ihnen entfernt stattfand. Das hat mich wütend gemacht, aber ich habe nach einer Weile aufgegeben zu versuchen, ihnen die Situation zu erklären.

Werden deine Gemälde in der Schweiz anders verstanden als in Erbil oder in Kurdistan?

Ja. In Kurdistan habe ich mich, anders als manche kurdische Künstler:innen, europäisch orientiert: Ich habe zum Beispiel die «Venus» von Boticelli interpretiert oder den «Kuss» von Klimt. Hier wird meine Kunst als kurdische Kunst verstanden. Ich zeige meine Identität deutlicher, weil sie hier weniger bekannt ist.

Hast du manchmal das Gefühl, etwas repräsentieren zu müssen?

Ein bisschen. Aber ich mag es auch einfach, eine nackte Frau zu malen und mit meiner Kultur zu verbinden, das macht mir Spass. Heute kann ich kaum noch malen, ohne einen Schal oder etwas anderes aus meiner Kultur einzubauen. So fühle ich mich meinem Bild zugehörig. Es ist ein Müssen genauso wie ein Wollen. Letztlich geht es mir in jedem Bild darum, etwas zu suchen.

Wonach suchst du?

Nach dem, was fehlt. Wenn man nichts hat und nirgendwo hingehört, sucht man nach allem. Zum Beispiel suche ich in einem Bild nach Freiheit. Freiheit ist für mich nicht mehr eine Flagge oder ein Staat, sondern einfach Ruhe. Freiheit ist, sagen zu können: Ich spreche diese Sprache, und das ist akzeptiert.

Woran arbeitest du gerade?

Im Kulturlabor steht ein unfertiges Gemälde von mir, an dem ich wegen der Schule lange nicht habe arbeiten können. Ich vermisse es. Es zeigt einen Frauenkörper in einer vom Krieg zerstörten Stadt, und die Frau spielt Geige, ohne aber eine Geige in der Hand zu halten. Wir sagen: «Musik ist die feinste Form des Krieges.» Die Frau wird ausserdem einen langen Zopf tragen, das habe ich von Anfang an gewusst. Auch er ist bedeutungsvoll.

Inwiefern?

Lange Haare sind für Kurdinnen sehr wichtig und gelten als schön. Der Zopf ist ein Symbol dafür, dass kurdische Frauen immer arbeiten, zuhause genauso wie an der Front als Kämpferinnen. Das Symbol wurde weltweit bekannt, als die Kurd:innen gegen ISIS kämpften: Ein ISIS-Terrorist hat eine junge Kämpferin aus Rojava getötet und ihr den Zopf abgeschnitten. Danach haben sehr viele Frauen, nicht nur Kurdinnen, ihre Haare geflochten, um ihre Solidarität auszudrücken.

Zu Beginn unseres Gesprächs sagtest du, die Geschichte der Kurd:innen sei auch eine Geschichte des Widerstands. Die kurdische Diaspora hat eine starke Tradition zum politischen Widerstand: Erst Ende Januar fand auf dem Herrenacker eine grosse Demonstration für Rojava statt.

Ja, weil wir keine andere Option haben. Seit Jahrhunderten stehen Kurd:innen vor der Vernichtung. Besonders wir Kurd:innen in ­Makhmour sind seit Jahrzehnten Geflüchtete und staatenlos. Wir haben keine Menschenrechte, unser Lebensraum war und ist nicht zum Leben gemacht. In den ersten Jahren sind Dutzende Kinder an Schlangenbissen gestorben oder an Skorpionstichen. Kurd:innen zeigen nicht nur im Krieg Widerstand, sondern mit dem Leben selbst.

Wir schenken Dir diesen Artikel. Aber Journalismus kostet.
Hier geht es zum Probe-Abo: drei Monate lang jede Woche eine AZ für nur 48 Franken.

The post Die Früchte des Nussbaums appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
Touch, don’t look https://www.shaz.ch/2026/03/18/touch-dont-look/ Wed, 18 Mar 2026 07:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10705 Wer sagt, dass alte Rechner hässlich sind? In Schaffhausen eröffnet Nikolai Knopp-Stockfisch demnächst das charmanteste Computer-Museum der Schweiz. Anne-Christine Schindler Obwohl er spät dran ist, hat sich Nikolai Knopp-Stockfisch fürs Treffen mit der AZ extra seinen Bart neu geflochten. Winkend fährt er auf dem Gaswerkareal vor. Der Bart wippt fröhlich.Gemeinsam mit seinem Mann Lenard hat […]

The post Touch, don’t look appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
Wer sagt, dass alte Rechner hässlich sind? In Schaffhausen eröffnet Nikolai Knopp-Stockfisch demnächst das charmanteste Computer-Museum der Schweiz.

Anne-Christine Schindler

Obwohl er spät dran ist, hat sich Nikolai Knopp-Stockfisch fürs Treffen mit der AZ extra seinen Bart neu geflochten. Winkend fährt er auf dem Gaswerkareal vor. Der Bart wippt fröhlich.
Gemeinsam mit seinem Mann Lenard hat Nikolai Knopp-Stockfisch hier am Lindli ein kleines Nerd-Paradies geschaffen. In der Zwischennutzung haben sich die beiden zwei Räume gesichert: Im einen organisiert Lenard Strategiespiele, im andern eröffnet Nikolai in wenigen Tagen ein Computermuseum.

«Diskette» heisst es und ist klein und fein, wie das Speichermedium. Knopp-Stockfisch schliesst die Tür auf und man spürt ihm die Freude an, dass er seine Leidenschaft bald mit der grossen, weiten Welt teilen kann.

Die Böden im Ausstellungsraum sind frisch abgeschliffen, die Wände haben Lenard und Nikolai fliederfarben gestrichen. Vor dem Fenster fliesst der Rhein vorbei. Auf Tischen sind Computer aus den Achtziger- und Neunzigerjahren aufgereiht.

«Soll ich alle einschalten?», fragt Knopp-Stockfisch. Surrend und ratternd fahren die Geräte hoch. Der Amstrad PPC 512, Baujahr 1987, meldet sich mit einem insistierenden Piepen.

Gutes für Grosis

Der Amstrad PPC sieht aus wie eine abstrahierte Schreibmaschine, läuft mit acht dicken Batterien, Typ D, «die gleichen, die auch in den fetten Boomboxen steckten», erklärt Nikolai Knopp-Stockfisch. Relativ teuer seien die gewesen, und sie hielten, wenn man Glück hatte, zwei Stunden. «Das musste man wirklich wollen», kommentiert er trocken.

Oder hier, der legendäre Apple Lisa. Bei der Lancierung 1983 kostete er 10 000 Dollar. Ein Rohrkrepierer.
Seine Ausstellungstücke findet Knopp-Stockfisch auf Flohmärkten. Manchmal qualmt so ein Computer beim ersten Einstecken. Magic Smoke nennt man das in der Szene. Das stinke dann höllisch, für Tage, sagt er.

Zischend öffnet Nikolai Knopp-Stockfisch eine Hülse Spezi. Erzählt, wie er als Vierjähriger auf den Macintosh Plus angefixt wurde, den sein Vater eines Tages nach Hause brachte. Im Städtchen bei Köln, wo er aufwuchs, sei er schon als Primarschüler der Computerfachmann «für alle Bekannten und deren Katzen» gewesen.

«Soll ich den Party-Trick vorführen?»

Nikolai Knopp-Stockfisch

Als Steve Jobs 1998 im obligaten Rollkragenpulli den iMac präsentierte – eine bunte Kiste, die an eine Kreuzung von einem Bonbon und einem Motorradhelm erinnerte und statt mit einem Diskettenlaufwerk mit einem Schlitz für CD-Roms und USB-Anschlüssen daherkam – versetzte das den zwölfjährigen Disketten-Fan Nikolai in ungläubiges Erstaunen.

Später studierte er Informatik. Das Studium habe sein Nerdtum auf ein neues Level gehoben, sagt er: Weil da plötzlich so viele Leute mit mit den gleichen Interessen und viel Wissen waren.

Auch bei Google war das so. Elf Jahre lang tüftelte er dort an Software herum, legte eine ordentliche Karriere hin. Er glaubte an die Vision, das Umfeld, das inoffizielle Google-Motto: Don’t be evil. Einmal gewann sein Team einen «Awesomeness Award».

Dann kam die erste grosse Runde Layoffs: Im Januar 2023 entliess Google über Nacht 12 000 seiner US-Angestellten per E-Mail. Das Klima änderte sich, die Interessen der Shareholder wurden wichtiger. «Die Magie war für mich raus», sagt Knopp-Stockfisch. Ende 2024 hängte er seinen Job an den Nagel.

Jetzt macht er vorerst, was er möchte. «Das», sagt er, «ist der Luxus aus elf Jahren Grosskonzern.»
Knopp-Stockfisch sieht aus wie ein Metalhead und ist auch einer. Er erzählt von LAN-Partys – Gaming-Sessions mit anderen Computerfans, die ihre alten Kisten an einen Ort schleppen, um gemeinsam zu gamen – bei denen es ähnlich wild zu und hergehe wie im Moshpit. Man brülle sich an, lasse allen Druck ab, und wenn man fertig sei, helfe man wieder den Grosis über die Strasse.

Das macht Spass, und die Grosis haben auch etwas davon.

Serious Business und Spassgeräte

Am Fenster steht ein Compaq Portable II, Baujahr 1986, in Koffer-Optik. Mit knapp elf Kilogramm ist er ungefähr so schwer wie eine moderne Hightech-Nähmaschine, verfügt allerdings über deutlich weniger Speicherplatz. Googelt man den Compaq Portable II, spuckt das Internet ein Filmchen von Knopp-Stockfisch aus, der das Teil, mit lüpfiger Computermusik unterlegt, durch Zürich spazieren trägt.

«Soll ich den Party-Trick vorführen?», fragt er mit der ihm eigenen Mischung aus Freundlichkeit und Begeisterung, und man stellt sich gleich lebhaft vor, wie er das Monstrum auf einen Beer-Pong-Tisch wuchtet.

Der Trick ist wirklich ziemlich cool: Nikolai Knopp-Stockfisch hat die originale Festplatte – sie böte heute Platz für ein TikTok-Video oder ein WhatsApp-Sticker-Set (aber nicht für beides) – durch eine grössere ersetzt und das Gerät dazu gebracht, das Netflix-Logo abzuspielen. Allein das ist ein Brüller.

Dann flimmert ein Anime-Video mit catchy Sound über den grünen Röhrenbildschirm. Als er den Portable II an der Fantasy Basel aufgebaut hatte, gerieten die Besucher:innen ab diesem charmanten Anachronismus völlig aus dem Häuschen. Knopp-Stockfisch erzählt von Anime-Fans in Cosplay, die vor dem Computer tanzten. «Jö!», ruft er.

Lenard, der im Nebenraum gewerkelt hat, streckt den Kopf zur Tür rein, um sich zu versichern, dass die Getränkeversorgung sichergestellt ist. Tee, Kaffee?, will er wissen. Fühlen sich alle wohl?

Im Ausstellungskonzept der Diskette sind regelmässig wechselnde Themen vorgesehen. «Tragbare Mikrocomputer ab 1980» ist das erste. «Mikro» im Vergleich zu den raumfüllenden Rechnern, die Grossunternehmen und dem militärisch-industriellen Komplex vorbehalten waren. Apple, IBM und Co. bewarben die neuen, kleineren Rechner damals als Revolution.

Eine schlaue Marketing-Strategie; tatsächlich aber auch der Beginn eines «neumodischen, fancy elektronischen Zeitalters des Businessmachens», wie Knopp-Stockfisch es formuliert.

«Das zum Beispiel ist serious business», sagt er und zeigt auf einen Knochen in einer Dockingstation: «Very Important Business-Personen konnten damit ihre Very Important Business-Marketingtermine ausserhalb des Büros wahrnehmen, ohne auf ihre Zahlen und Slideshows verzichten zu müssen.» Compaq zum Beispiel, erklärt Knopp-Stockfisch, bewarb seine Portable-Serie damit, dass sich die Geräte unter einem Flugzeugsitz verstauen liessen.

Und dann gab es Spassgeräte wie den Commodore 64, vor dem Knopp-Stockfisch jetzt steht.

Er lässt Chiptunes laufen. «Das ist so ein Klassiker», sagt er. «Der Commodore konnte das; in der MS-DOS-Microsoft-Welt war Biep das höchste der Gefühle.»

Bis heute habe der C64 eine eingefleischte Fanbase. Man glaubt es ihm sofort.

Nikolai Knopp-Stockfisch redet schnell und sprudelnd. Seine Leidenschaft ist ansteckend. Zu jedem Computer im Raum hat er ein Schildchen gestaltet, einen Erklärtext geschrieben, ausserdem mehrere Bögen mit Challenges vorbereitet, manche für Kinder, andere für Turbonerds. «Das Motto ist Touch, don’t look», sagt er und holt einen Stapel Papier.

Die Journalistin darf eine Kinder-Challenge lösen: Gestalten mit dem Programm KidPix, das Apple 1989 für seinen Macintosh veröffentlichte. Damit lassen sich Dinosaurier stempeln, kleine Monde, Buchstaben und Hündchen, die lustige Geräusche machen. Während auf dem Bildschirm eine wilde Collage entsteht, erzählt Knopp-Stockfisch von Andy Warhol, der Mitte der Achtziger mit dem Commodore Amiga Bilder malte. Die Kunstwelt war baff.

Als das Meisterwerk fertig ist, klemmt der Nadeldrucker. Nikolai Knopp-Stockfisch freut sich und holt WD-40.

Liebevolle Bastelei

Zum Bastler wurde Knopp-Stockfisch eher zufällig. Eines Tages legte ihm ein Arbeitskollege ein Ali-Express-Päckchen mit Bauteilen auf den Schreibtisch; in der Google-Werkstatt baute er sie zusammen. Werkeln ist ein soziales Ding, gemeinsame Flohmarkt-Ausflüge und Schaltplanstudien, aber auch viel learning by doing: Das meiste habe er sich auf YouTube reingeschlürft, sagt Knopp-Stockfisch.

Wie eine Schnitzeljagd sei das, oder ein Nerd-Puzzle: «Ich nehme den Lötkolben und suche das eine kleine Bauteil für, weiss ich nicht, 50 Rappen, was jetzt gerade die Füsse hochgelegt hat, tausche das aus, und dann läuft die Kiste wieder.» Seine Skills setzt er auch in der reparierBar ein, wo er den kaputten Handmixern, Kaffeemaschinen und Lampen Schaffhausens neues Leben schenkt.

Draussen geht die Sonne unter, gülden glimmen die Rechner im Abendlicht. Bald lässt Knopp-Stockfisch erstmals die Öffentlichkeit auf sie los. Saaltexte möchte er bis dahin noch anbringen, den alten Nadeldrucker wieder zum Laufen bringen. Lenard kümmert sich um die Schnittchen und den Kaffee.

Später, der Rhein hat die Sonne schon lang verschluckt, schickt Knopp-Stockfisch ein Signal-Video. Es ist der Drucker, der wieder läuft; eine ordentliche Portion Schmiermittel hat das Problem gelöst. Ratternd spuckt er das Meisterwerk aus. «Ta-daa!», ruft es fröhlich im Hintergrund.

Die Vernissage war am Samstag, 14. März. Seither ist die Diskette einmal pro Monat geöffnet. Infos und alle Daten auf www.diskette.ch.

Wir schenken Dir diesen Artikel. Aber Journalismus kostet.
Hier geht es zum Probe-Abo: drei Monate lang jede Woche eine AZ für nur 48 Franken.

The post Touch, don’t look appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
Klassischer Rebell https://www.shaz.ch/2026/02/19/klassischer-rebell/ Thu, 19 Feb 2026 08:34:18 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10619 Zur Uraufführung seiner Sinfonie «Gaia» kehrt Silvan Loher in die Kleinstadt zurück – an einen Ort, der auch schwere Erinnerungen hervorruft. Und er kommt mit einer Botschaft. Silvan Loher kehrt nach Schaffhausen zurück; in eine Stadt, die für ihn bis heute mit schwierigen Erinnerungen verbunden ist. Beinahe 10 Jahre ist es her, seit der Komponist […]

The post Klassischer Rebell appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
Zur Uraufführung seiner Sinfonie «Gaia» kehrt Silvan Loher in die Kleinstadt zurück – an einen Ort, der auch schwere Erinnerungen hervorruft. Und er kommt mit einer Botschaft.

Silvan Loher kehrt nach Schaffhausen zurück; in eine Stadt, die für ihn bis heute mit schwierigen Erinnerungen verbunden ist. Beinahe 10 Jahre ist es her, seit der Komponist nach Norwegen auswanderte. Sein neuestes Werk ist eine Widmung an Mutter Natur, an Gaia, die personifizierte Erde. Wir treffen den Musiker zu einem Spaziergang entlang des Rheins, der aufgrund des anhaltenden Regens unruhig scheint. Ein Gespräch über starre Regeln, Klangwelten – und ein allgegenwärtiges Ohnmachtsgefühl.

Wir schenken Dir diesen Artikel. Aber Journalismus kostet.
Hier geht es zum Probe-Abo: drei Monate lang jede Woche eine AZ für nur 48 Franken.

AZ: Herr Loher, Sie haben vorgeschlagen, sich für das Interview am Rhein zu treffen. Warum gerade hier?

Silvan Loher: Meine schönsten Erinnerungen an Schaffhausen sind mit dem Rhein verbunden. Meine Eltern hatten einen Weidling, mit dem wir früher oft zum Schaaren gestachelt sind. Wasser bedeutet mir generell viel. Natürlich, Oslo ist eine der grünsten Hauptstädte der Welt, und mein Partner und ich wohnen direkt am Fluss, der sich durch die Stadt schlängelt. Aber der Rhein ist etwas besonderes.

Der Rhein weckt also schöne Erinnerungen. Und was verbinden Sie mit Ihrer Heimat Schaffhausen?

Das ist etwas komplizierter. Meine Kindheit und Jugend war nicht immer nur glücklich. Ich war anders als die anderen. Schon von klein auf begann ich, mich im Komponieren auszuprobieren. Mit 13 begriff ich zudem, dass ich homosexuell bin, und vertraute mich meiner Familie an, die glücklicherweise sehr offen war. Zu Beginn der Kanti erzählte ich es meinen besten Freundinnen und Freunden. Aber in einer Kleinstadt verbreitet sich eine solche Nachricht nun mal rasend schnell. Ich wurde gemobbt und ausgegrenzt, und Schaffhausen fühlte sich dadurch noch enger an – fast klaustrophobisch. Es war keine leichte Zeit. Auch abgesehen davon hatte ich Mühe. Mich störte dieses erzwungene, starre Festhalten am Lehrplan in der Kantonsschule – es sei denn, man war Spitzensportler (lacht).

Wie blicken Sie heute auf diese Jahre zurück?

Heute habe ich das Gefühl, ich kann das hinter mir lassen. Es hilft, zu sehen, wie viel sich seither verändert hat: Sexualität und Identität sind für Kinder und Jugendliche heute viel normaler. Es ist kein grosses Unbekanntes mehr – auch wenn es Gegenbewegungen von rechts gibt, gerade unter jungen Männern. Die Mehrheit der Gesellschaft ist aufgeschlossener. In Norwegen arbeite ich als Springer in einer Kita; dort gibt es Kinder, deren Eltern zwei Männer oder zwei Frauen sind. Den anderen Kindern ist das völlig egal.

Später an der Hochschule für Musik und Theater Basel machten Sie ähnliche Erfahrungen, passten erneut nicht ins Schema. Würden Sie das Studium heute noch einmal machen?

Nein, ich würde eine andere Schule wählen. Mein Studium in Basel war ziemlich katastrophal. Ich passte einfach nicht hinein. Ich habe eine rebellische Seite, das gebe ich zu: Wenn mir jemand sagt, es sei problematisch, dass mir die Musik toter Komponisten näher steht als die zeitgenössische Musik, dann beisse ich mich erst recht fest. Man riet mir von meinen musikalischen Überzeugungen ab, aber ich dachte: Nein, ich gebe nicht auf. Gerade in einem künstlerischen Beruf ist es so wichtig, die eigene Stimme zu entwickeln, statt sich von viel älteren Lehrpersonen in ein Schema pressen zu lassen. Sie entschieden, wie man heute komponieren soll – obwohl das überhaupt nicht meiner Natur entsprach.

Was entspricht denn Ihrer Natur, besonders beim Komponieren?

Der Grund, wieso mich die Tradition der klassischen Musik schon als Kind so eingenommen hat, ist simpel: Diese Musik hat eine derart eindrückliche Poesie inne, eine Tiefe, eine extreme Schönheit. Ungefähr nach dem Ersten Weltkrieg gab es aber einen Punkt, an dem sich die Menschen plötzlich entschieden, Bisheriges niederzureissen. Auch in der Kunst. Seitdem versucht man fast manisch, das Rad neu zu erfinden – und hat dabei das Publikum verloren.

Wie meinen Sie das?

Es ist, als würde man ein Buch in einer fremden Sprache lesen. Wenn ein Musikstück nichts bietet, woran man sich festhalten kann, bleibt es verschlossen. Welche Art von klassischer Musik ist denn heute noch beliebt? Es sind Werke von Künstler:innen, die bereits tot sind. Die grossen Opernhäuser spielen nur sehr wenig von lebenden Komponist:innen, weil das Publikum da einfach nicht kommt. Für mich ist etwas schiefgelaufen, wenn Leuten, die eigentlich gerne sinfonische Konzerte besuchen, die Musik von Toten mehr zusagt als solche aus der Gegenwart. Das beziehe ich auch auf mich selbst: Wenn meine Musik nicht ankommt, dann liegt das nicht daran, dass das Publikum zu blöd ist. Wir Komponist:innen müssen uns fragen, was wir ändern können.

Ihr neues Werk «Gaia» thematisiert die Umweltkrise. Sie versuchen die Menschen nicht nur musikalisch zu erreichen, sondern auch politisch. Geht das überhaupt?

Das Werk bezieht sich besonders auch auf das sechste Massenaussterben, in dem wir uns befinden. Tierrechte und Naturschutz sollten für mich gar keine politischen Fragen sein, sondern – wenn überhaupt – rechtliche. Die Gesetze zum Schutz gegen Tierquälerei und für das Klima existieren – doch sie werden häufig nicht befolgt. Ich bin sicher, eines Tages wird man diesen Kampf in eine Reihe mit all den anderen Freiheitsbewegungen stellen. Ob ich das Thema musikalisch transportieren kann, möchte ich nun mit «Gaia» zum ersten Mal herausfinden. Ich habe keine Illusionen, mit meiner Musik die ganze Welt zu verändern. Aber ich glaube, die Sinfonie kann sensibilisieren. Beim Konzert werden Vertreter des WWF Fragen beantworten. Wenn nur eine Person danach die Tiere nachschlägt, die im Werk vorkommen, ist das ein Schritt. Man muss klein anfangen: Früher dachte ich immer, ich könne die ganze Welt auf einmal retten. Heute denke ich lokaler.

Ihr Werk ist eine Liebeserklärung an die Natur, eine Hymne auf ihre Schönheit und ein Klagegesang über ihren Verlust. Ich lese aber auch etwas anderes heraus: Wut und Ohnmacht. Es sind Gefühle, die sehr viele Menschen in Zeiten der Umweltkrise verspüren. Teilen Sie diese?

Ich kenne diese Gefühle gut – sowohl Wut, als auch Ohnmacht. Ich habe viel Zeit darin investiert, sie entweder zu bekämpfen oder zu nutzen, etwa durch mein Engagement in der norwegischen Grünen-Partei und in Tierschutzorganisationen. Einmal nahm ich sogar vor dem norwegischen Umweltdepartement an einem Sitzstreik teil. All das kam aus einer inneren Verzweiflung heraus und dem Verlangen, etwas zu tun. Doch es hat mich ausgebrannt. Während der Pandemie, als ich meine Arbeit verlor, geriet ich in eine tiefe Krise: «Wieso schreibe ich diese Musik, die nur wenige Leute hören?» oder «Wieso habe ich Komposition studiert? Warum habe ich nicht Biologie gewählt, um etwas Nützliches zu tun?» Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf. Gleichzeitig trug ich die Ideen für «Gaia» schon lange in mir und den Wunsch, meine Gedanken zur ökologischen Krise musikalisch zu verarbeiten.

Und ist dafür ausgerechnet die klassische Musik das richtige Sprachrohr? Könnte ein Popsong nicht mehr Menschen erreichen?

Sicher, wenn jemand einen solchen Song schreiben will, wäre das grossartig. Aber trotzdem ist die klassische Musik mein Werkzeug und die Art, wie ich empfinde. Kunst hat eine lange Tradition, gesellschaftliche Entwicklungen zu kommentieren, auch wenn es bei Themen wie Klima und Umweltschutz noch ein neueres Phänomen ist.

Trotzdem ist die klassische Musik weiterhin ein Nischeninteresse. Damit scheint man die jüngeren Generationen nicht unbedingt ansprechen zu können.

Mich erstaunt es selbst, aber tatsächlich ist das in Norwegen etwas anders: Dort besuchen viele junge Menschen die Oper, ich vermute, weil der Staat den Kulturbereich stark subventioniert und die Angebote erschwinglich sind. Vergleichen Sie das mal mit der Oper in Zürich – dort kosten die Tickets ein halbes Vermögen. Konzerte sind so wichtig: Musik existiert nur in dem Moment, in dem sie gespielt wird. Ja, man kann sie auf Aufnahmen nochmals anhören, aber geschriebene Noten sind noch kein Kunstwerk, sondern es ist das, was letztlich erklingt. Und ich bin ein Mensch, der vor Ort ist, dem man Fragen stellen kann – und der die Musik mit seinem heutigen Empfinden geschrieben hat. So gibt es auch viele andere gegenwärtige Künstler:innen, die zugängliche Werke schreiben. Diese Stimmen müssen gehört werden – gerade heute, wo die Klassik zur Nische wird.

The post Klassischer Rebell appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
Kuschelrapper kuscht nicht https://www.shaz.ch/2026/02/07/kuschelrapper-kuscht-nicht/ Sat, 07 Feb 2026 08:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10552 Patrick Portmann sitzt für die SP im Kantonsrat. Seine rappende Kunstfigur Sympaddyc hat gerade ein zweites Album herausgegeben und polarisiert die Schaffhauser Rapszene. Schaffhausens Rapszene hat so etwas wie einen Anti-Thron, besetzt von einem Mann mit dunkler Topffrisur. Er ist der Antiheld schlechthin auf dem Platz: Patrick «Paddy» Portmann ist Kantonsrat und ehemaliger Co-Präsident der […]

The post Kuschelrapper kuscht nicht appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
Patrick Portmann sitzt für die SP im Kantonsrat. Seine rappende Kunstfigur Sympaddyc hat gerade ein zweites Album herausgegeben und polarisiert die Schaffhauser Rapszene.

Schaffhausens Rapszene hat so etwas wie einen Anti-Thron, besetzt von einem Mann mit dunkler Topffrisur. Er ist der Antiheld schlechthin auf dem Platz: Patrick «Paddy» Portmann ist Kantonsrat und ehemaliger Co-Präsident der SP Schaffhausen. Ausserdem ist er Pflegefachmann im Altersheim und Polizeigewerkschafter. Und dann eben auch noch Rapper. Unter dem Namen Sympaddyc macht er seit ungefähr 2007 Musik. Gerade ist sein zweites Album erschienen. 

Wo über den Mann mit dem Seitenscheitel und den vielen Hüten gesprochen wird, ist ein latent belustigtes Zucken der Mundwinkel selten weit. Denn einerseits macht er scheinbar ohne Scham Dinge, die einfach nicht als sehr cool gelten. Einmal hat er sich rappend für die Ständeratskandidatur der SP empfohlen. Für die Präsidentinnenfeier der letztjährigen Kantonsratspräsidentin Eva Neumann hat er mit der gesamten Fraktion einige Lines einstudiert. Andererseits ist seine offensichtlichste Eigenschaft eine, die weder zum Klischee eines Politikers noch eines Polizeigewerkschafters gehört. Und schon gar nicht zu einem Rapper: Sympaddyc ist fast schon absurd freundlich. «Für die eine zwenig Rapper für die andre zwenig Intellekt», geht eine seiner eigenen Lines.

Mit dieser Freundlichkeit, ein wenig Beharrlichkeit und einem grossen Coup hat er etwas geschafft, woran sich manch Provinz-Provokateur die Zähne ausbeisst: Sympaddyc ist kontrovers. Vielleicht ist in der Schaffhauser Rapszene keiner so umstritten wie er. Im Verlauf der Arbeit an diesem Artikel wurden Telefone abrupt beendet, Zitate zurückgezogen, und jemand warnte, ein Artikel über Sympaddyc sei bloss Öl ins Feuer gegossen.

Das isch mini Stadt

Sympaddyc kommt in einer Lacoste-Trainerjacke und nervös zum Gespräch mit der AZ. In der medialen Öffentlichkeit steht er vorrangig als Politiker, die Aufmerksamkeit als Musiker sei er sich weniger gewohnt. Am sehr frühen Morgen hatte er aus der Nachtschicht-Pause heraus eine Liste mit einer Auswahl seiner Songs geschickt. Sie bilden verschiedene Teile seines Schaffens ab. Darunter ist eine Aufnahme von Sympaddyc mit Kindern auf einer Bühne – er gibt Kurse an Schulen. Da ist der Track «Mini Stadt» über Schaffhausen: «Mini Freud, mini Liebi, mini Wort, min Dialekt, mini City, beschte Ort. Das isch mini Stadt, das isch mini Stadt». Ein andermal ist «Alles verbi». Darauf besingt er eine Trennung so, dass man das Gefühl bekommt, er habe sich vor dem Texten in die Prävention von geschlechtsspezifischer Gewalt eingelesen. In Sympaddycs etwas holprigen Reimen gibts keinen Stress mit Queens und Bitches, sondern facettenreiche weibliche Persönlichkeiten, die sich von ihm getrennt haben, was ihn traurig macht: «Du hesch dich glöst vo mir, du gahsch din eigne Weg, ich bi nöd bös uf dich, nur fallt de Abschied schwer». 

Es gibt ein einziges Kriterium, das darüber entscheidet, ob der Feminismus von linken Soft-Boys zu süsser Zuckerguss über einen bitteren Kuchen ist oder vielleicht doch ein zaghafter Hoffnungsschimmer: Authentizität. Von den Personen, mit denen die AZ für diesen Text gesprochen hat, haben mehrere gesagt, dass Sympaddyc als Rapper manchmal nicht ernstgenommen wird. Aber niemand hat ihm unterstellt, nicht authentisch zu sein. Wahrscheinlich darf man ihm glauben wenn er sagt: «Toxische Männlichkeit hat mich schon immer abgeschreckt. So recht konnte ich diesem Männerbild nie entsprechen. Die Schule war nicht nur einfach für mich.» Elmar Oettli alias Sherpa stammt wie Portmann aus Beringen, er war in der Sek eine Klasse über ihm und weiss deshalb: «Er war schon als Schüler so extrem aufrichtig und freundlich. Den konnte man ins Gesicht beleidigen und er blieb trotzdem nett. Heute schätze ich das, damals fanden wir das natürlich gespenstisch.»

Provinz-Rap ist ein seltsames Hobby für einen Teenie, der schon für die Provinz-Sek zu zart ist. «Aber es war nun mal der Rap, in den ich mich verliebte. Und ein wenig wollte ich mich auch aus Prinzip nicht abschrecken lassen.»

So wie er es selbst erzählt, waren es auch nicht die anderen Jungs, die ihn zum Rap brachten, sondern die jungen Frauen in der Pflege-Berufsschule. Sie hätten ihn zu Konzerten mitgeschleppt, sagt er. Er begann, mit einem Freund zuhause über alte Kassetten zu trällern. Der Freund hörte bald wieder auf, Portmann machte weiter.

Für ein Jahrzehnt war er einfach ein nicht sehr norm-cooler Typ, der ausserhalb der Codes der Szene rappte. Stress gibts erst, wenn sich einer wie er einmischt.

Sympaddyc und der SHypher

Im Dezember letzten Jahres trat diese Schaffhauser Rap-Szene so auf, wie sie eigentlich nicht ist: Geeint. Aus «Liebe zu Hip-Hop und um den Rest der Schweiz auf die Schaffhauser Szene aufmerksam zu machen», trommelte Raphael De Quervain, Künstlername DuZo, alle Namen zusammen, die ihm in den Sinn kamen. Über 40 Rapper:innen aus dem Kanton haben eine Sequenz zum SHypher beigesteuert. Herausgekommen sind 19 Minuten mit etwas vielen Referenzen an «Bloss e chlini Stadt» – vor allem aber sind sie ein zugängliches Schaufenster für diesen Teil der Kultur des Kantons und eine organisatorische Meisterleistung. Sogar Sulaya reiht sich zum Schluss noch ein. 

Den Teil Sympaddycs kann man sich in Minute 16 zu Gemüte führen. «Hend meh Street Credibility als s SRF» rappt er, eine Referenz daran, dass sich ein Teil der Schaffhauser Rapper:innen vom Cypher-Team des SRF übergangen fühlt. Dass Sympaddyc wiederum am SHypher vertreten ist, ist allerdings auch keine Selbstverständlichkeit.

Die Acts, die zum Track beigetragen haben, wurden in Gruppen eingeteilt, die gemeinsam filmten. Während einer rappt, posen die anderen dieser Gruppe im Hintergrund. Sympaddyc in einer davon unterzubringen, sei nicht einfach gewesen, sagt Organisator DuZo. Einerseits weil Sympaddycs Terminkalender voll gewesen sei und ihm nicht alles gepasst habe. Aber auch deswegen, weil sich manche geziert hätten, in einer Gruppe mit ihm zu arbeiten, sagt DuZo. 

Sympaddyc selbst weiss auch, dass es in der Szene Vorurteile gegen ihn gibt. «Ich habe mich sehr gefreut, dass ich an den SHypher eingeladen worden bin. Für mich ist es ein Zeichen, dass ich wieder akzeptierter bin.»

Denn es hat Zeiten gegeben, da ist er auf offener Strasse so angefeindet worden, dass er damit irgendwann zur Polizei gegangen sei. 

Megan not amused 

Das kam so: 2018 hätten Kollegah und Farid Bang in der BBC-Arena auftreten sollen. Kurz davor hatten die zwei Rapper einen Eklat ausgelöst, weil sie in Deutschland einen Echo-Award bekommen hatten, trotz antisemitischer und sexistischer Texte. Paddy Portmann stand mit Anna Rosenwasser und Isabelle Lüthi an der Spitze des Widerstandes gegen das Schaffhauser Konzert. Sie waren erfolgreich, Medien in der ganzen Schweiz berichteten über die Absage – doch ein Teil der Schaffhauser Rapper war not amused. Das habe ein Ausmass angenommen, das es für ihn «wirklich unangenehm» geworden sei, sagt Sympaddyc. «Heute merke ich nicht mehr viel davon, offen geht mich niemand mehr an.»

DuZo will nicht verraten, welche Leute auch heute nicht in einem Videoframe mit Sympaddyc erscheinen wollen. Aber im Jahr nach der Konzertabsage hatte sich die damals grösste Nachwuchshoffnung des Platzes Schaffhausen offen gegen Sympaddyc gestellt: Max Blattner (damals Albrecht) alias Megan rappte in «Veilchen» darüber, wie Sympaddyc Konzerte verhindere statt selbst aufzutreten, «du willst kredibil sein, erzähl das deinem Wahlkreis». Und er disste ihn, weil er Fans sowohl im Altersheim als auch in der Grundschule hat. Er und Sympaddyc seien vor Jahren als Rapper aneinandergeraten, sagt Megan heute. Aber er wolle nicht mehr auf ihm herumhacken. Telefoniert man etwas weiter, bekommt man kleine Fingerzeige, wo der Hate sonst ungefähr zu finden sein könnte. Aber dazu später mehr. Auf Veilchen hatte Megan Sympaddyc nicht nur persönlich angegangen, sondern auch gerappt, «keine Line ist klar, versteht ihr da ein Wort?». 

Über die musikalische Qualität Sympaddycs sagen auch Personen, die ihm wohlgesonnen sind, auffällig oft Sachen wie: Man wolle sich «kein Urteil erlauben». Eine enger Freund Sympaddycs wird deutlicher.

Der C-Real-Faktor

In einem Jungschi-Lager – Portmann ist religiös aufgewachsen und ist es bis heute – ergatterte er über Umwege den MSN-Kontakt eines Mannes, der als Musiker in Schaffhausen weitherum geschätzt wird und der schon einige Jahre vor Portmann den Rap für sich entdeckt hatte: Cyrille Huber alias C-Real. Er war es, der ihm den Künstlernamen Sympaddyc verpasst hat, so mindestens erzählt es Sympaddyc. Cyrille Huber hingegen sagt, er könne sich nicht mehr genau erinnern, wie sie sich kennengelernt hätten. Er weiss aber noch, dass er sich für etwas Besseres hielt als der Anfänger aus Beringen: «Früher habe ich manchmal etwas zu viel von mir selbst gehalten. Ich habe auch erst lernen müssen, mich auf Paddy einzulassen und ihn so zu respektieren, wie er ist.» Dass er das gelernt habe, liege daran, dass Paddy einfach immer wieder auf ihn zugekommen sei «und mich auf seine Projekte gezogen hat». Mittlerweile sehe er grosse Stärken: «Paddy hat ein gutes Feeling für ein breites Publikum, er kann Menschen musikalisch ansprechen. Da konnte ich von ihm lernen. Seine Texte dürften für mich hingegen etwas ausgeklügelter sein», sagt C-Real. Sympaddyc habe ihn nicht nur als Musiker, sondern auch als Mensch überzeugt: «Ich habe mich auch mit ihm angefreundet, als ich gemerkt habe, dass sein politisches Engagement Hand und Fuss hat.» Gehe es um Politik, sei Sympaddyc für ihn ein Leitstern.

Bild: Robin Kohler

Dass Sympaddyc eng mit C-Real zusammenarbeitet (aktuell wohnen sie sogar zusammen), gibt ihm musikalische Glaubwürdigkeit, sagen mehrere Szenekenner. Es ist so etwas wie ein Gütesiegel. «Musikalisch können wir alle noch was von C-Real lernen» sagt zum Beispiel Sherpa. «Sympaddyc profitiert wohl von diesem Fachwissen und von diesem Respekt.» 

Sympaddyc sagt, er wisse selbst, dass er nicht der beste Rapper sei. Musik ist ihm wichtig, um das neue Album zu finanzieren, habe er in die Nachtschicht gewechselt. Aber wenn er wählen muss, gehen seine anderen Aufgaben vor. Er ist Politiker, bevor er Rapper ist. Das zeigt sich vielleicht auch daran, dass ihn der Kommentar eines SVP-Mannes mehr stört als solche aus der Szene. Der Kantonsrat Pentti Aellig hat seine Frisur unlängst mit jener Kim Jong-Uns verglichen. Sympaddyc findets nicht lustig: «Ich habe kreisrunden Haarausfall und schneide meine Haare so, um kahle Stellen etwas zu kaschieren». Einen äusserlichen Vergleich mit einem der schlimmsten Diktatoren weltweit sei «völlig unangebracht» und toxisch männliches Bodyshaming.

Vielleicht ist eine Art, sich toxischer Männlichkeit zu entziehen, sein eigenes Können realistisch und unaufgeregt einzuschätzen. «Ich bin nicht wie C-Real, der erstens einfach dieses krasse Talent hat und ausserdem auch seine ganze Freizeit in die Musik investiert. Ich bin viel schneller als er auch mal zufrieden mit einem Track.» Er profitiere enorm von der Zusammenarbeit. 

C-Real wiederum sagt, er habe das Gefühl, nach dem Farid-Bang-Kollegah-Zerwürfnis versöhnend auf Sympaddyc und die Szene eingewirkt zu haben. Dass Sympaddyc damit bis heute polarisiere: «Das ist ein Erfolg. Ich finds auch einfach geil, dass er mit der Aktion Leute gezwungen hat, mal Stellung zu nehmen. Und falls das für manche wirklich heute noch ein Thema ist, finde ich diese Typen scheisse.»

Santa sagt nichts

Hört man sich aber noch etwas weiter um, zeigen manche nach Neuhausen und nach Stein am Rhein. Dort dominiert die Crew SAR, in der zum Beispiel Santino Gaido alias Santa das Drachentöten besingt.

Santa scheint sich nicht besonders zu freuen, als die AZ anruft: Ein schlechter Mensch sei Sympaddyc nicht. Die Frage, ob er trotzdem noch immer Stimmung gegen ihn mache, beantwortet er nicht, jetzt sei mal langsam gut mit den Fragen, sagt er und hängt auf. Zwei Rapper aus Neuhausen sind für die AZ vor Redaktionsschluss nicht erreichbar. 

So recht will heute niemand mehr etwas von dem Beef wissen, ganz vergessen scheint er trotzdem nicht. «Die Szene gönnt nicht», sagt DuZo. «Ein Teil davon ist ein undankbarer Haufen», der ausserdem zersplittert sei: «Es gibt die Friedlicheren, die Agressiveren, die Old Schooler und und und. Manche haben halt einfach diese Angst, man klaue ihnen die Gonfi vom Brot.» Sherpa siehts etwas positiver. Er habe das Gefühl, die hitzigen Gemüter beruhigten sich langsam – dieses Jahr jährt sich die Konzert-Absage zum 8. Mal. Zudem sei ein Generationenwechsel im Gang. 

Felix Frey von den neuen Stadtschaffhauser Lokalmatadoren DMS Boyz ist zum Beispiel so jung, dass er keine eigenen Erinnerungen an die Farid Bang/Kollegah-Episode hat. Er habe von diesem Beef gehört, grundsätzlich gelte für ihn: «Ich will eh nicht von irgendeinem Tubel Musik hören.» Er kenne die Hip-Hop-Szene nicht gut, sagt Frey, er hätte beim SHypher das erste Mal einen grösseren Berührungspunkt mit ihr gehabt und dabei auch das erste Mal mit Sympaddyc zu tun gehabt. «Er war der mit Abstand Sympathischste aus dem Haufen, ich fand seinen Part auch deshalb fucking fresh, weil er fucking sympathisch war.» 

Nicht verstecken

Vielleicht war Sympaddyc seiner Szene auch einfach voraus. Beim Kaffee im Reber gefragt, ob es ihn störe, wenn er belächelt werde, nimmt Patrick Portmann die Hände vor die Brust und überlegt kurz. «Naja», sagt er, «ich finde, verstecken muss ich mich unter den Schaffhauser Rapper:innen nicht.» Er sei stolz auf die Songs, die ins Programm von Radio Top aufgenommen worden seien, die respektable Anzahl Videoaufrufe auf Youtube, die vielen Auftritte in der Region, und darauf, dass «Mini Stadt» lange das Stadionlied beim FC Schaffhausen war. «So viel erfolgreicher waren die anderen Rapper bis jetzt auch nicht.» Später wird er fragen, ob er mit dieser Antwort wohl zu hart ausgeteilt habe. 

Aber was will der Mann mit dem sozialen Gewissen eigentlich von dieser Rap-Szene, an der er so viel zu kritisieren hat – und sie an ihm? «Ich will gar nicht um jeden Preis Teil der Szene sein und bin es auch nur bedingt. Was ich will, ist meine Musik machen», so Portmann. «Und mir das nicht ausreden lassen von Menschen, die sagen, ich gehöre hier nicht hin, die sagen, dass Rap nur Personen mit einer bestimmten Attitüde gehöre. Vielleicht macht es meine Präsenz auch anderen wiederum einfacher, sich etwas zu trauen.»

Auf dem SHypher-Track rappen zwei Frauen. Eine von ihnen ist Fabienne W. alias Aline. Sie bestätigt das: «Es ist ein Statement und es kann Frauen ermutigen, wenn sie sehen, dass es in dieser Szene nicht nur Platz für harte Typen hat.»

Als sich Portmann zurück in seiner WG fürs Foto an einen Text setzten soll, legt er im Hintergrund einen Beat auf. Der Authentizität wegen, sagt er, sonst fühle sich das komisch an. «Ich bin nicht gut vor der Kamera, das sagen mir auch Videographer immer wieder.» Im Hintergrund läuft ein C-Real-Beat, Sympaddyc rappt leise mit, während er abgelichtet wird, über die Schultern schaut ihm ein Plüschkamel. 

Wie so oft bei Antihelden ist es mit Sympaddyc so: Nur wer sich nicht darum schert, cool zu sein, ist am Ende frei. Und dann vielleicht doch wieder sehr cool.

Wir schenken Dir diesen Artikel. Aber Journalismus kostet.
Hier geht es zum Probe-Abo: drei Monate lang jede Woche eine AZ für nur 48 Franken.

The post Kuschelrapper kuscht nicht appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
«Ich bin hier fehl am Platz» https://www.shaz.ch/2026/01/26/ich-bin-hier-fehl-am-platz/ Mon, 26 Jan 2026 09:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10529 In New York arbeitete GMD Three an Grossprojekten, dann spülte es ihn in die Kleinstadt zurück.Jetzt wird ihm eben diese Stadt zu eng. Eine Begegnung. Ein unscheinbarer Magnet an der Aludose hält die Kugel in Schach, damit nichts klimpert, wenn spätnachts Stadtmauern, Hauswände oder Autobahnschilder als Bildträger herhalten. Lärm macht dem Sprayer die meisten Probleme. […]

The post «Ich bin hier fehl am Platz» appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
In New York arbeitete GMD Three an Grossprojekten, dann spülte es ihn in die Kleinstadt zurück.
Jetzt wird ihm eben diese Stadt zu eng. Eine Begegnung.

Ein unscheinbarer Magnet an der Aludose hält die Kugel in Schach, damit nichts klimpert, wenn spätnachts Stadtmauern, Hauswände oder Autobahnschilder als Bildträger herhalten. Lärm macht dem Sprayer die meisten Probleme. Lärm und das Zwielicht, in dem die Farben zu einheitlichem Grau verblassen. Auch das hat der Sprayer bedacht: eine selbstgemachte Blindenschrift, kleine Klötzchen, die er ertastet. Viel Energie fliesst in sein Ziel: nicht von den Uniformierten entdeckt zu werden.

Graffiti ist eine genauso öffentlichkeitswirksame wie vergängliche Kunstform: Kaum ist die Farbe an der Hauswand angetrocknet, tritt schon der nächste Sprayer auf den Plan. «Das Sprayen lebt davon, dass die Leute das praktizieren, und es ist auch ein Weg, sich innerhalb der Szene auszutauschen», erklärt GMD Three. «Wie bei einem Hund, der sein Revier markiert und so die Infos an die anderen Hunde weitergibt – das sind die Tags

GMD selbst ist längst aus dem Schatten getreten. Und er hat seine Tricks verraten. Der Reiz, illegal zu malen, ist nicht mehr da, wie er sagt. Heute arbeitet er als Fotograf,  Cinematograph und Gestalter von Stage Visuals. Und kann auf Projekte mit Beyoncé, Taylor Swift oder den Fantastischen Vier zurückblicken. 

GMD gehörte zu den ersten, die den kontemporären, «amerikanischen» Stil des Sprayens nach Schaffhausen brachten. «Eigentlich war ich kein schwieriger Teenie, würde ich sagen. Ich rauche bis heute nicht, trinke nicht, nehme keine Drogen.» Nicht einmal Kaffee, erzählt uns seine Ehefrau Anne später, trinke der Künstler. «Mein Laster war das Sprayen, weil das die einzige Plattform für mich war, auf der ich mich kreativ ausdrücken konnte – auch wenn das oft die legale Grenze überschritten hat.»

Die Karriere von GMD hat in den Jahrzehnten, seit er als Teenager mit der Spraydose durch die Nächte Schaffhausens zog, sogar einen eigenen IMDb-Eintrag nach sich gezogen. 

In wenigen Monaten packt GMD wieder seine sieben Sachen. Nächstes Ziel: Italien, zusammen mit seiner Ehefrau. Bevor er uns durch die Lappen geht, trifft sich die AZ mit ihm – und versucht, diesen Mann zu erfassen, der hierzulande noch immer unter dem Radar fliegt. 

Nun, da der 54-Jährige wieder hier in Schaffhausen sitzt, bereit, schon wieder die Umzugskisten zu packen und weiterzuziehen, stellt sich die Frage: Was, wenn dir einmal die Welt zu Füssen lag – und du nun wieder im kleinkarierten Städtli feststeckst?

Ein riesiger Speicher

So geheimnisvoll GMD zunächst wirkt, so offen zeigt er sich im Gespräch. An diesem verschneiten Nachmittag sind wir vor ihm da; bei seinem Atelier an der Mühlenstrasse, im Gebäude der ehemaligen Lederwarenfabrik.

Diese Vergangenheit steckt noch in den Mauern, als er aufschliesst – endlose Decken, verstaubte Stahlträger, dunkler Linoleumboden. Heute arbeitet hier ein Künstler: Beinahe jede freie Fläche ist besetzt mit Requisiten, Souvenirs und Equipment. In einem Regal thront ein roter Löwenkopf, wie er für traditionelle Tänze zum chinesischen Neujahr benutzt wird. Darunter alte Analogkameras, DJ-Platten und grüne Kisten, randvoll mit Festplatten; ein Speicher für alles, was der 54-Jährige in den letzten Jahrzehnten geschaffen hat.

Lifeline in die Stadt

Manchmal fühlt man sich zurückversetzt in die Zeit, als man versehentlich diese eine Taste am Kassettenrecorder erwischte, der alles in doppelter Geschwindigkeit abspielen liess. Dieser Mann hat viel erlebt – und noch mehr zu erzählen. 

GMD Three kam 1971 in Bulgarien zur Welt. Als die Eltern sich trennten und die Mutter einem neuen Partner in die Schweiz folgte, blieben GMD und sein Vater zunächst im Heimatland zurück. Ein Jahr später, mit 12, reiste er zu seiner Mutter nach Feuerthalen. Von seinem Atelier aus blickt er über die Zürcher Grenze hinüber, auf Höhe des Wasserkraftwerks. «Ich habe genau dort gegenüber gelebt», erzählt er. «Und die Arova-Treppe, die habe ich gehasst. Aber sie war meine lifeline in die Stadt.» 

Man versteht erst mit der Zeit, warum diese lifeline so wichtig für den Jungen war. Denn Schweizerdeutsch lernte GMD relativ schnell. Doch hört man ihn heute über die Schulzeit sprechen, köchelt eine Wut in seiner Stimme. «In Bulgarien war eines der coolsten Dinge, die du tragen konntest, eine Jeanshose. Also kaufte mir meine Mutter hier eine, und ich trug sie stolz in der Schule. Ich wurde beschimpft, als schwul bezeichnet. Erst da checkte ich: Die Hose hat meine Mutter irgendwo im Ausverkauf geholt – es war eine Frauenjeans.»

Jahre später in den USA ist ihm klar geworden, dass auch er diverse Stereotype mit im Gepäck trug. Das erzählt er im Gespräch zwischen dampfendem Kaffee und Sprudelwasser. «Als ich in die USA kam, hatte ich so viele Vorurteile. Ich dachte zum Beispiel, alle Schwarzen würden Hiphop hören. Und das bisschen Englisch, das ich damals konnte, hatte ich von Hiphop-Platten gelernt, den Slang übernommen», sagt er. «Ein Kollege musste mich während eines Meetings einmal zur Seite ziehen: ‹Du musst wirklich ein bisschen weniger fuck sagen›, sagte er.» Als er spricht, spürt man die Scham über dieses frühere Ich heraus. Dabei wird er mit seinen Vorurteilen im Feuerthalen der 1980er-Jahre nicht alleine gewesen sein.

GMD beschreibt seine Jugend als scheisse. «Ich bin selbst fast homophob geworden, ohne es zu merken. So sehr wollte ich beweisen, dass ich nicht schwul war.» Das Label des Aussätzigen blieb, und der junge Mann suchte ein anderes Ventil, um sich auszuleben. Eigentlich wollte er Grafiker werden; ein Beruf, der ihm verwehrt blieb. «Mit einem ausländischen Namen konntest du das vergessen. Das habe ich erst im Nachhinein kapiert.» Diese Erkenntnis ist mit ein Grund, warum er bis heute nur als GMD auftritt. G.M.D. steht nicht nur für die Initialen des Künstlers, sondern auch für Gatherer of the Matter: Sammler der Materie. Die Zahl Three ist ein nostalgisches Relikt aus Zeiten mit seiner alten Sprayer-Crew aus Zürich.

Überforderung und Kunstschienen

In den späten 1980er-Jahren begann er also eine Ausbildung im Manor als Dekorationsgestalter, richtete Innenräume und Schaufenster ein. Schon vor der Lehre griff GMD erstmals zur Spraydose. Zeitgleich arbeitete er als DJ. «Ich habe das eine Zeit lang fast schon religiös betrieben, davon gelebt, so gut es ging.» 

Immer mehr landete er auf einer alternativen Kunstschiene, wo die Werke experimenteller und die Partynächte wilder wurden. Alte Fotos aus dieser Zeit zeigen den jungen Schaffhauser mit Gasmaske (die durchaus auch einen praktischen Nutzen hatte), Camouflage-Hosen, klobigen Skischuhen oder Schusswesten, die an Equipment für Paintball-Spieler erinnern. Heute hat GMD einen anderen, schlichteren Signature-Look gefunden: eine tief geschnittene, überaus lockere Jogginghose (er sagt, davon hat er zwölf identische Stück), dazu eine Jacke mit asymmetrischem, silbern glänzendem Reissverschluss (davon besitzt er drei).

Ausserdem zur Ausstattung gehört ein simpler Filzhut (wie viele er davon besitzt, sagt er nicht). Sein Ziegenbart beginnt zu ergrauen, die markanten Augenbrauen dagegen sind weiterhin tiefschwarz – und wandern beim Sprechen immer wieder bis an die Haarlinie. Die Kanten haben sich mit den Jahren ein wenig geglättet. Die Selbstdarstellung aber ist geblieben.

GMD war 17, als ihn seine Mutter aus dem Haus schmiss. Überfordert, vermutet er heute; er beschreibt das Verhältnis zu ihr als schwierig, und von seinem Vater habe er zuletzt mit 15 gehört. Der Teenager kam stattdessen bei Freunden unter. Er mietete eine alte Garage als Atelier, bewegte sich in einer Szene, die in den 1980er-Jahren – zumindest hier – noch immer in den Kinderschuhen steckte.

Den Höhepunkt seiner Karriere als Sprayer verortet GMD in den Jahren 1992 und 1993 – insgesamt musste er sich zwei Mal wegen Sachbeschädigung verantworten und sass einmal sogar eine 45-tägige Gefängnisstrafe ab. «Ich glaube, es gab da einen Detektiv, der auf mich angesetzt wurde und jahrelang herausfinden musste, wer ich war», denkt er zurück. Er grinst dabei. «Der ist wohl fast verzweifelt, weil er sich so lange die Zähne ausgebissen hat.»

Der junge Mann plante jedes Projekt sorgfältig; wo er es umsetzte, wie er vorging, welchen Fluchtweg er notfalls nehmen könnte. «Es war fast unmöglich, mich währenddessen zu erwischen. Doch in den 90ern explodierte das Ganze und wurde plötzlich zu einer richtigen Szene.» Als endlich genügend Beweise für eine Razzia zusammengekommen waren, sammelte die Polizei jede einzelne Dose ein. «Das zweite Mal wurde ich dann zwei Jahre später nochmal erwischt, weil… Naja, ich hatte halt nicht aufgehört.» 

Während er erzählt, lehnt er sich ausladend in seinem Stuhl zur Seite, als wäre er eine Fahnenstange, die vom Wind niedergedrückt wird. Die Erinnerung an diese Zeit gefällt ihm. Doch als die Szene in den Mainstream schwappte, ebbte auch seine Lust am Strassengraffiti ab. Es war damals, gemeinsam mit seiner Crew, dass er erstmals den Big Apple besuchte. Und danach jeden Sommer zurückkehrte.

Seinen Durchbruch hatte er allerdings nicht in New York, sondern 1996 in Zürich: mit einem Einrichtungs-Auftrag im ehemaligen «Sensor»-Club, laut Tages-Anzeiger dem «State of the Art der 90er-Jahre», der auf drei Stockwerken mehr als 1200 Ravern das reinste Schlaraffenland bot.

Von der Hiphop-Szene stolperte er so in die Techno-Welt, ausserhalb seiner Komfortzone. «Aber damals kam zum ersten Mal jemand zu mir und sagte: Hier hast du 60 K, mach etwas damit.» Das Endergebnis, das er uns auf alten Negativabzügen und verblichenen Fotos zeigt, ist eine treffgenaue Verschmelzung der Sci-Fi-Welten von «Blade Runner» und «Alien».

Am Telefon erreichen wir Anne, die Ehefrau von GMD. Sie erinnert sich an die Zeit, als die beiden sich gerade erst kennenlernten, das war 1994. Sein offenes Auftreten imponierte ihr, seine Neugierde, vor allem aber, «dass er so gern diskutierte», erzählt sie.

Die Hochzeit folgte drei Jahre später, ohne Ehering, im Stadthaus in Zürich. Anne trug ein blaues Kleid, GMD ein exzentrisches Outfit mitsamt klobigen Skischuhen. Sie erinnert sich noch daran, wie das laute Scheppern durchs Stadthaus hallte. «Anne hat mich sehr unterstützt, mich immer so akzeptiert, wie ich bin – fast mehr, als es meine Familie zu der Zeit konnte», sagt GMD, als wir ihn auf seine Beziehung ansprechen.

Dass Anne die Doppelbürgerschaft der Schweiz und der USA besitzt, vereinfachte die Pläne, die beide schon seit einigen Jahren verfolgten: das Auswandern nach Amerika. 

Medaillen in New York

Dann ging alles schnell – zumindest gemäss dem Gespräch in der alten Fabrikhalle. Das Paar fand eine Wohnung im damals noch günstigen Chinatown in New York. GMD baute ein Studio auf, Anne arbeitete als Korrektorin für Modezeitschriften wie Vogue oder InStyle

In Übersee machte er bedeutende Schritte. Der Künstler versammelte Angestellte unter sich, bildete aus. Er kreierte Visualisierungen für Shows von Popstars, für Auftritte bei den Grammy-Verleihungen und den Swiss Music Awards (eines der wenigen Grossprojekte, die er für die Schweiz umsetzte). In den 2000er-Jahren gründete er ein eigenes Animationsstudio unter seinem Künstlernamen, und kämpfte sich durch die Krisen nach 9/11 und dem Wirtschaftscrash. Endlich schien er sein Gewässer gefunden zu haben – fern vom gehänselten Schuljungen, fern vom Ausgeschlossenen, als der er sich in Schaffhausen gefühlt hatte.

GMD erinnert sich besonders an einen Moment, der dieses «Angekommen sein» exemplarisch zeigt: ein Besuch im Kino mit einem Freund, anfangs der 2000er-Jahre. «Zu Beginn kam natürlich der Werbeblock», erzählt er, «und zwei der Clips waren von mir. «Meine eigene Arbeit erstmals so zu sehen – da bin ich total ausgerastet. Und der Freund nebenan meinte nur so: ‹Hey buddy, calm down, this isn’t even the movie yet›, es hat kein Schwein interessiert, aber es war ein geiler Moment.» Von da an ging es aufwärts.

Zurück kam das Ehepaar 2020, beschleunigt durch die Pandemie. Geplant war ein Umzug nach Europa, am liebsten gen Süden. Das New Yorker Kapitel ist für sie abgeschlossen.

Das harte Pflaster

Der Kaffee ist längst getrunken, das Wasserglas steht leer auf dem Tisch. Wird er vom Schwelgen in Erinnerungen unterbrochen und denkt über die letzten paar Monate und Jahre nach, wirkt er ruhiger. Auch frustrierter. 

Dabei hatte die Rückkehr durchaus auch Vorteile: Beide sahen bekannte Gesichter wieder, auch die Beziehung zu Mutter und Stiefvater konnte GMD in dieser Zeit kitten. Doch sowohl GMD als auch Anne sind hier, im kleinen Schaffhausen, gestrandet. «Dein Netzwerk ist ein riesiger Faktor», sagt Anne. «Das habe ich auch bei meiner Arbeit gemerkt, als ich zurückgekommen bin. Diese Diplomgläubigkeit, die es hier gibt… der Abschluss hat mehr Wert als der CV selbst.» 

Auch GMD hat einen wuchtigen Lebenslauf vorzuweisen. Und doch: In der Schweiz läuft es nicht wie erhofft. «Ich lebe von der Zusammenarbeit mit anderen», erzählt er. In der Schweiz werden kleinere Brötchen gebacken. Keine milliardenschwere Modeindustrie, keine gigantischen Musiklabels, kein Hollywood. «Die Schweiz ist ein extrem hartes Pflaster für Kunstschaffende. Die Schweizer sind konservativ: Wenn alle etwas machen, will man auch dabei sein. Aber niemand will der erste sein», sagt er. «Darum wird meistens die Vergangenheit zelebriert, nicht die Gegenwart.» Der Grossteil der Aufträge, die er heute annimmt, stammen aus den USA. Mailand sei nun der Ort, wo beide wieder ihre Nische finden wollen. «Hier bin ich fehl am Platz. Die Leute starren mich auf der Strasse an, ich sehe auch heute nicht so aus, als ob ich hierher gehöre.»

GMD Three prallte oft auf Mauern, Absperrungen, Grenzen – und hinterliess stets seine Handschrift. So vergänglich wie das Graffiti ist sein Interesse, am selben Punkt zu verharren. «Er hat diesen Drive, immer etwas zu kreieren», sagt Anne dazu. «Auf Englisch würde man sagen: an inquisitive mind.» Der Umzug nach Mailand ist für diesen Herbst angesetzt.

Wir schenken Dir diesen Artikel. Aber Journalismus kostet.
Hier geht es zum Probe-Abo: drei Monate lang jede Woche eine AZ für nur 48 Franken.

The post «Ich bin hier fehl am Platz» appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
Doomscrollen mit Vergnügen https://www.shaz.ch/2025/12/04/doomscrollen-mit-vergnuegen/ Thu, 04 Dec 2025 10:26:37 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10383 Higgs Chicks wollen sich nicht von Country-Stereotypen fesseln lassen. Ihr erstes Album ist ein melancholischer Beitrag zum Genre – und sprengt dessen Ketten. Wir sind alle kleine WürmchenDie viel müssen und nichts wollenWir folgen unserem KopfeUnd das Herz sitzt im Schwanz Wir singen laute LiederÜber unsern UntergangDoch hören tun wir gar nichtsEs sind keine Ohren […]

The post Doomscrollen mit Vergnügen appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
Higgs Chicks wollen sich nicht von Country-Stereotypen fesseln lassen. Ihr erstes Album ist ein melancholischer Beitrag zum Genre – und sprengt dessen Ketten.

Wir sind alle kleine Würmchen
Die viel müssen und nichts wollen
Wir folgen unserem Kopfe
Und das Herz sitzt im Schwanz

Wir singen laute Lieder
Über unsern Untergang
Doch hören tun wir gar nichts
Es sind keine Ohren dran

Was ist der Mensch, wenn nicht ein Tier mit Allüren: ein Wesen mit mindestens so viel Begabung zur Vernunft wie zur Selbstzerstörung, das eigentlich so viel weiss und im entscheidenden Moment doch ratlos ist. Wird es die Katastrophe dereinst überleben, wenn es sie nicht abwenden kann?

Es sind hilflose Strophen, die Beat Wipf da anstimmt. Aber in seinem Tonfall liegt kein Klagen – höchstens etwas Endgültiges. «Würmchen» ist einer der auffälligsten Tracks auf der Platte, die er zusammen mit Marc Zimmermann vor Kurzem veröffentlicht hat. «Doomscrolling mit Kurt» heisst diese (Doomscrolling bezeichnet das exzessive Lesen negativer Nachrichten im Internet), und sie hat nicht weniger vor, als Ketten zu sprengen.

Denn die «Higgs Chicks», so haben die beiden Schaffhauser ihr Musikprojekt benannt, machen Country-Musik. Und das geht mit einer gewissen Vorschussangst einher, wie Beat Wipf es ausdrückt: «Wenn man sagt, man macht amerikanische Musik, bewegt man sich schnell auf dünnem Eis.» Der Higgs-Chicks-Country will sich in keine rechtskonservative Redneck-Ecke gestellt sehen, in der das Genre – trotz Bestrebungen zahlreicher queerer oder schwarzer Künster:innen wie etwa Lil Nas X oder Jett Holden – oft verortet wird. Das greife zu kurz, sagen Wipf und Zimmermann, auch wegen der Geschichte von Country. Das Banjo beispielsweise, Inbegriff des Bluegrass, wurde einst von versklavten Menschen aus Westafrika entwickelt, bevor es Teil der amerikanischen Kultur wurde. Country ist Teil widerständiger Geschichte, und daran wollen Higgs Chicks anknüpfen.

Forscherhaltung

Aber diesen Disclaimer immer wieder zu liefern, ist anstrengend. Einen Sticker mit dem Bandnamen und dem Untertitel «Kraut-Country gegen Faschismus» zu drucken, ist effektiver. Das Präfix «Kraut» verweist auf den experimentellen, emanzipativen Krautrock, der ab den 1960er-Jahren in Westdeutschland entstand.

«Doomscrolling mit Kurt» ist also ein Beitrag zum Genre und orientiert sich dabei an den Grossen. So interpretiert das Duo zum Beispiel mit der schwermütigen Ballade «I’m So Lonesome» einen Track von Hank Williams, einem der einflussreichsten Countrymusiker aller Zeiten, der einst – trotz eines kurzen Lebens – Grössen wie Bob Dylan und Johnny Cash beeinflusst hat. «Long Way Home» ist eine melancholische Hommage an Tom Waits und Kathleen Brennon, die die Stimmung aufhellt, und «Tennessee Stud» stammt ursprünglich von Folk-Sänger Jimmy Driftwood. Gleichzeitig zeigt genau dieser Song auch, wie die Band das Genre unterwandert: Die einfachen Gitarrenriffs und Wipfs Gesang werden von einem jaulenden Theremin begleitet.

Sie seien beide als Forscher unterwegs, sagen Zimmermann und Wipf übereinstimmend: Sie wollen die Musik verstehen, um sie neu zu erschaffen. «Ich habe jahrelang mein Taschengeld für Platten ausgegeben, die Cover studiert und Zusammenhänge gesucht: Wer hat was produziert, wer war dieser Little Richard, wer McKinley Morganfield?», erzählt Zimmermann. Ab den späten 1970ern, als er noch «jung und hübsch und dünn» gewesen sei, habe er in unzähligen Bands gespielt, stets mit dem Interesse, einen anderen Dreh in die Musik zu bringen. Und als er schliesslich in der Schweiz und noch später bei Min King und den Aeronauten landete, habe er genau das tun können: alles zu allem transformieren.

Wipfs musikalische Ursprünge liegen demgegenüber etwas weiter weg vom jetzigen Projekt: im Eastcoast-Rap der 1990er-Jahre. Aber er habe als Zehnjähriger auch angefangen, Gitarre zu spielen. Das – und so manche alte Platte im Elternhaus – führte ihn zu Blues, Country und Folk. Eigene Musik habe er bisher aber nie gemacht, und gesungen habe er in diesem Format auch noch nie; dafür brauchte es Marc Zimmermann. «Ich habe Teile dieses Albums jahrelang mit mir herumgetragen», sagt Wipf.

Der Zufall will es, dass sich die beiden auch aus einem Forschungsumfeld kennen: dem Museum zu Allerheiligen. Dort arbeitete Wipf als Techniker, und Zimmermann leitet bis heute den Besucherservice. Dass die Forschungsexpedition in die Musikgefilde gemeinsam geschah, war trotzdem nicht gegeben. Denn Zimmermann hatte sich eigentlich von der Bühne verabschiedet, nachdem der Aeronauten-Frontmann Olifr Guz Maurmann Anfang 2020 verstorben war. Als diese Band aber ein paar Jahre später eine Best-Of-Platte veröffentlichen wollte, waren Kurzfilme zur Promotion gefragt. «Da bin ich mit gutem Beispiel vorangegangen und habe mir Beat geschnappt, um zusammen den Song ‹1 bis 10› zu covern und einen Clip in einem Rapsfeld zu produzieren.» Das Lied hat es nun auch auf die Platte geschafft.

Das gemeinsame Projekt sollte aber klein bleiben, «so klein, dass man mit der Bahn touren kann» wie Zimmermann es sagt. Inzwischen reicht für die Musik der Higgs Chicks nicht einmal mehr ein PKW aus: mehrere Gitarren, akustisch oder elektrisch, sechs- oder zwölfsaitig, mal im Modell Dobro oder Lap-steel, dazu mehrere Bassgitarren, ein Banjo und mehrere Perkussions-Instrumente, aber auch eine Orgel, Keyboards und ein Synthesizer sind auf der ersten Platte zu hören.

Wir gleiten über Optionen
Hinweg in Zeit und Raum
Die Spuren, die wir lassen
Klar undeutbare Kunst

Das führt zu so mancher anarchischer Spielerei. Besonders hervorzuheben ist nebst «Würmchen», ein Track, der mit einem Dance-Beat und Synthie aufmacht und nur noch via Gitarre an Country erinnert, das letzte Lied der Platte: «Wünschelfuchs». Hier wabert zunächst eine Gitarre, die an einen Bassverstärker angehängt und darum als solche kaum wiederzuerkennen ist. Während sie sich fast überschlägt, stossen jazzige Drums dazu. Eine synthetische Cello-Melodie und ein Klavier, das irgendwo in dem Gemenge auch noch passiert, führen die Zuhörerin in einen Studel irgendwo zwischen Rock und Free Jazz. «Wünschelfuchs» ist ein schwerer und unheimlich cooler Song, der nach der Macht strebt und der Platte ein fulminantes Ende beschert. Zimmermann nennt ihn «eine gnadenlose Übertreibung».

Ein Versprechen

Und dann ist da natürlich der titelgebende Track, «Doomscrolling mit Kurt». Kurt muss man sich übrigens als Vierbeiner vorstellen: Es handelt sich um Marc Zimmermanns Schäferhund, der die Higgs-Chicks-Experimente im Studio mitverfolgt hat. Entstanden ist ein Song wie ein lässiger, erschöpfter Spaziergang samt Gitarrensoli und Theremingejauchze. Wenn das Doomscrolling ist, dann sind die Schrecken dieser Welt gut auszuhalten.

Allerdings wird es kein Leichtes sein, die aufwändigen Songs zu zweit auf die Bühne zu bringen. Die Lust, sie neu zu deuten und zu inszenieren, ist da – und weitere Lieder offenbar bereits im Köcher. So soll kommendes Jahr ein Higgs-Chicks-Song auf einem Tribute-Album der Hamburger Punkband Abwärts erscheinen. Und irgendwann soll auch eine zweite Platte erscheinen, schicken Wipf und Zimmermann voraus – eine, die die jetzigen Gefilde verlässt und sich in Richtung Soul und Rock vortastet. Vielleicht ist das Ende von «Würmchen» also ein Versprechen:

Die Welt ist voll von Zeichen
Und eingerissenen Brücken
Die Flucht führt im Kreise
Ohn’ End und Anfang
Ohn’ End und Anfang
Ohn’ End und Anfang
Ohn’ End und Anfang

*

Die Plattentaufe von «Doomscrolling mit Kurt» findet am Freitag, 19. Dezember, im TapTab statt. Unterstützt werden die Higgs Chicks von Bottervogel. Konzertbeginn um 21 Uhr. Die Platte kann schon jetzt auf allen Streaming-Diensten angehört werden.

The post Doomscrollen mit Vergnügen appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
«Es ist ein mentales Game» https://www.shaz.ch/2025/10/13/es-ist-ein-mentales-game/ Mon, 13 Oct 2025 12:11:06 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10175 Die Violinistin Muriel Oberhofer ist auf bestem Weg zur Solo-Karriere, von der viele träumen. Wie kommt man da hin? Wer Perfektion anstrebt, muss hart arbeiten und darf sich keine Fehler erlauben, denn die Konkurrenz verzeiht nichts. Man kennt die Szenen aus Filmen wie «Whiplash» oder «Black Swan», die den ehrgeizigen Aufstieg (und oft auch den […]

The post «Es ist ein mentales Game» appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
Die Violinistin Muriel Oberhofer ist auf bestem Weg zur Solo-Karriere, von der viele träumen. Wie kommt man da hin?

Wer Perfektion anstrebt, muss hart arbeiten und darf sich keine Fehler erlauben, denn die Konkurrenz verzeiht nichts. Man kennt die Szenen aus Filmen wie «Whiplash» oder «Black Swan», die den ehrgeizigen Aufstieg (und oft auch den Fall) junger Talente an Kunst-, Musik- oder Tanzakademien nachzeichnen – meist in dramatischer Übertreibung: Mentoren mit sadistischen Methoden, fiese Mitstreiter:innen und ewiges Konkurrenzdenken.  Aber sind diese Szenarien wirklich so übertrieben? 

Muriel Oberhofer muss es wissen: Nach sechs Jahren Studium hat die Schaffhauserin ihre Ausbildung an der Royal Academy of London mit einem Master of Arts in Violine abgeschlossen und ergänzt ihre Ausbildung nun mit dem «Professional Performance Diploma» an der Manhattan School of Arts, wo sie auch Privatlektionen bei Starviolinist Pinchas Zukerman erhält – auf dessen persönliche Einladung. 

Die Koryphäe war während eines Vorspiels für die Aufnahme in einen Meisterkurs zufällig vor Ort und schnell von Oberhofers Können überzeugt. Er gab ihr spontan eine Musiklektion – alle anderen mussten warten. Es folgte die Einladung nach New York, die nur «exceptionally gifted», also aussergewöhnlich begabten Talenten zuteil wird. Also alles gar nicht so schlimm im Kampf um die erste Geige? Oder hat Muriel Oberhofer das Spiel um den Platz ganz vorne bis jetzt einfach am besten gespielt?

Der Weg der 25-Jährigen erscheint auf den ersten Blick sehr gradlinig. Sie stammt aus einer Musikerfamilie über mehrere Generationen, verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in Zürich, bevor ihre Eltern mit ihr und ihren beiden Brüdern nach Schaffhausen zogen. Eine musikalische Karriere wurde ihr zwar nicht vorgeschrieben, aber sie war definitiv nicht ausgeschlossen: «Es war eine sehr greifbare Option für mich.» 

Dieses und kein anderes

Oft genug hätte ihr Weg aber auch einen anderen Abzweiger nehmen können. Schon die Wahl ihres Instruments war mehr oder weniger purer Zufall: Sie könne sich nicht mehr daran erinnern, aber mit drei Jahren habe sie auf die Violine auf einem CD-Cover gezeigt und den Eltern verkündet, genau dieses Instrument lernen zu wollen. Und als sie kurze Zeit später auf dem Weg zum Eiskunstlaufen eine kleine Kindergeige in einem Schaufenster sah, war es beschlossene Sache: diese musste es sein. 

Mit vier Jahren begann Muriel Oberhofer mit dem Geigenunterricht und hat ihr Instrument seither kaum mehr aus den Händen gelegt. Mittlerweile spielt sie auf einer über 300-jährigen Violine des Geigenbauers Vincenzo Rugeri. Eine Leihgabe, wie es üblich ist auf Profi-Niveau. 

Als wir die Musikerin in Schaffhausen treffen, ist sie gerade auf dem Sprung zurück nach New York. Der Sprung vom beschaulichen Städtchen in die Megacity könnte nicht grösser sein. Die sechs Jahre Studium in London hätten es ihr aber einfacher gemacht, sich im Big Apple zurechtzufinden: Wenn man mit London comfortable werde, sei das auch in New York möglich, sagt Oberhofer. Seit einem Jahr studiert sie dort, eines hat sie noch vor sich, danach «werde es spannend». Mit ihrem Studierenden-Visum kann sie noch ein Jahr länger in den USA arbeiten, bevor sie sich um ein Global-Talent-Visum bemühen müsste, das mit einigen Auflagen verbunden ist. Der Aufwand lohne sich aber, New York sei eine gute Ausgangslage für eine internationale Karriere sowohl in den Staaten als auch in Europa. Das Pendeln über den Atlantik sei gerade noch so vertretbar. 

Bereits mit Anfang zwanzig spielte Muriel Oberhofer in renommierten Hallen wie der Wigmore Hall in London, dem Auditorio Nacional de Música in Madrid und der Tonhalle Zürich und absolviert regelmässig Masterklassen bei bekannten Namen wie Hilary Hahn oder Peter Zazofsky. Als sie jünger war, gewann sie den Schweizerischen Jugendmusikwettbewerb, ihr Studium in London schloss sie mit Bestnoten und Auszeichnung ab. Das liest sich alles sehr beeindruckend. 

War sie ein klassisches Wunderkind? Sie lächelt. Das Üben sei ihr immer leichtgefallen, sagt Oberhofer, sie sei mit vergleichbar geringem Einsatz relativ weit gekommen. So gingen Musik und Schule auch immer gut zusammen. Aber es brauche beides: Talent und harte Arbeit. Oberhofer habe es ausserdem immer geliebt, auf der Bühne zu stehen und vorzuspielen. Ob man das als Talent bezeichnen könne, wisse sie nicht, aber es sei sicher ein treibender Faktor gewesen. 

Muriel Oberhofer konzertierte im August im Sorell Hotel Rüden mit Pianist Julian Chan. Bild: zVg / Muriel Oberhofer

Seit sie 12 Jahre alt war, nahm sie Unterricht bei Klaidi Sahatci, dem Konzertmeister der Tonhalle Zürich. Trotzdem war es ihr möglich, neben ihren Geigenstunden die Matura zu machen. Es gibt ein Förderprogramm für «Jugendliche mit künstlerischem Spitzenpotenzial» an der Schaffhauser Kantonsschule – ursprünglich als Programm für Sport und Kunst konzipiert und während Muriel Oberhofers Schulzeit für sie angepasst und ausgebaut. Es war einfacher, Absenzen zu bekommen, sie durfte gewisse Stunden fehlen, musste aber alles nacharbeiten. Im letzten Jahr am Gymnasium begann der Bewerbungsprozess für die weitere Ausbildung, Oberhofer war viel unterwegs. 

Wie war es, schon früh immer das grosse Ziel der Solo-Karriere vor Augen zu haben? Blieb da viel Zeit für anderes? Sie sei sicher nicht diejenige gewesen, die immer im Ausgang gewesen sei, sagt Oberhofer. Aber einfach, weil die Doppelbelastung ermüdend gewesen sei: «Den Ausgleich suchte ich eher in meinem anderen Hobbies Ballett und Eiskunstlauf.» Für die wichtigen Dinge habe sie sich aber schon Zeit genommen, Maturreise oder Maturball fanden nicht ohne sie statt. Nur die Aufnahmeprüfung für das Studium an der Royal Academy of London fiel genau auf den Tag der Maturaarbeit-Abgabe – während Muriel Oberhofer in London noch schwitzte, waren ihre Kolleg:innen schon am Feiern.

Geschickt gespielt 

Im Bachelorstudium sei der Leistungsdruck dann grösser geworden, schliesslich arbeiteten alle auf das gleiche Ziel hin. Und wenn Talente mit dem gleichen grossen Traum aufeinandertreffen, werden schon mal die Ellenbogen ausgefahren. Im Master habe sich dieses Denken dann massiv beruhigt. «Die Musik ist nicht wie ein olympischer Sport, bei dem es nur einen Gewinner gibt», sagt Oberhofer. Jeder könne seinen eigenen Weg finden. Wenn man es geschickt anstelle, fänden sich einige Nischen. 

Muriel Oberhofer aber musste sich nicht arrangieren. Sie gehört zu den wenigen, die auf der Solo-Route bleiben konnten. Hat sie die anderen ausgespielt? War am Ende sie die Fiese, wie man sie aus Filmen kennt, und ist damit durchgekommen? Oberhofer lacht: «Nein, eher im Gegenteil, ich habe immer versucht, mit allen auszukommen.» Das habe ihr einige Vorteile verschafft. Vernetzung ist auch im klassischen Musikmarkt extrem wichtig, schon im Studium bemühen sich die angehenden Profis um Engagements, gründen Ensembles, oder helfen in Orchestern aus, um möglichst viel auftreten zu können. Und Muriel Oberhofer wurde oft angefragt. «Ich hatte Glück, dass ich die meisten Konzerte als Solistin bekommen habe.» 

Nun ist sie auf bestem Weg, eine bekannte Solistin zu werden. Die Sache mit diesem Anspruch anzugehen, wäre aber wohl der falsche Ansatz gewesen. «Ich möchte meine Kunst mit den Menschen teilen», sagt sie. Darauf, auf welcher Stufe der Berühmtheit dies passiere, habe man letzten Endes wohl wenig Einfluss. Klar hoffe sie, dass ihr Name bekannt werde: «Aber ich wäre auch zufrieden, wenn ich einfach davon leben kann, Musik zu machen.» Gehört das Unterrichten als Brotjob nicht sowieso dazu, wenn man nicht gerade Ann Sophie Mutter oder Itzhak Perlman heisst? Für sie wäre das kein Müssen, betont Muriel Oberhofer: «Ich würde sehr gerne unterrichten. Ich selbst habe ja auch das Glück, tolle Mentoren zu haben, die mir ihr Wissen weitergeben.» 

Die Noten sind im Kopf

Das Wort «Glück» benutzt Oberhofer ziemlich oft. Vielleicht hat es tatsächlich eine Rolle gespielt, vielleicht stapelt die Schaffhauserin auch einfach tiefer, als sie müsste.

Doch auch der grosse Solistinnen-Traum ist am Ende nur ein Job, für den man bezahlt wird. Man sollte mit allen Musikstücken, die einem vorgelegt werden, etwas anfangen können, sagt die Violinistin, schliesslich sei man letzten Endes Dienstleisterin. Und schaut man Muriel Oberhofer bei der Arbeit zu, versteht man, wovon sie spricht. Sie weiss genau, dass es nicht nur ein Genuss ist, im schönen Abendkleid vor dem Orchester zu stehen. Die Verantwortung, das Konzert zu tragen, ist gross. Ihre beste Freundin sei Profi-Skicrosserin auf olympischem Niveau. Ihre Vorbereitung sei sehr ähnlich: Visualisierung der Strecke, extreme Konzentration, Abruf der Leistung im entscheidenden Moment: «Es ist ein mentales Game.» Ein gewisses technisches Level sollte man natürlich immer griffbereit halten. Die Noten sind sowieso im Kopf. Das Phänomen Jugendgedächtnis sei übrigens faszinierend, findet Oberhofer: «Was man in seiner Jugend einübt, bleibt eingraviert. Das stimmt wirklich.» Und wenn sie die Noten technisch einmal verinnerlicht habe, werde es interessant: «Irgendwann leben die Stücke in mir, dann kann ich mich ganz auf die Performance konzentrieren.» Die eigene Interpretation sei wichtig, das müsse man als Solistin mitbringen: «Man muss das Stück in der Art präsentieren, die Sinn macht für einen selbst. Wenn man das nicht kann, wirkt es auch nicht überzeugend.» 

Kann man als Profi-Geigerin je auslernen? Muriel Oberhofer winkt ab: «Anfangs dachte ich das wirklich. Dass man die Technik irgendwann draufhat. Aber nein, auch mein Mentor übt noch tagein, tagaus seine Tonleitern. Er sagt immer, wenn man das Gefühl habe, alles erreicht zu haben, dann sei die Karriere zu Ende.» Sie lacht: «Und wenn einer der besten Geiger der Welt so etwas über sich sagt, habe ich nicht die Arroganz, etwas anderes zu behaupten.»

Wir schenken Dir diesen Artikel. Aber Journalismus kostet.
Hier geht es zum Probe-Abo: drei Monate lang jede Woche eine AZ für nur 48 Franken.

The post «Es ist ein mentales Game» appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
Endlich Wurzeln schlagen https://www.shaz.ch/2025/10/06/endlich-wurzeln-schlagen/ Mon, 06 Oct 2025 07:42:36 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10157 Als «Lena Sereia» hat Lena Heusser ihr Debütalbum veröffentlicht. Ein Gespräch über Verletzlichkeit, weite Reisen und nicht länger verschlossene Augen. Sie habe sich mal für einen Job gemeldet, als sie verzweifelt gewesen sei. Nachtschicht in einer Fabrik. Lena Heusser hat die Ellbogen auf dem Holztisch aufgestützt, während sie erzählt, die braunen Haare sind lose zusammengebunden. […]

The post Endlich Wurzeln schlagen appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
Als «Lena Sereia» hat Lena Heusser ihr Debütalbum veröffentlicht.
Ein Gespräch über Verletzlichkeit, weite Reisen und nicht länger verschlossene Augen.

Sie habe sich mal für einen Job gemeldet, als sie verzweifelt gewesen sei. Nachtschicht in einer Fabrik. Lena Heusser hat die Ellbogen auf dem Holztisch aufgestützt, während sie erzählt, die braunen Haare sind lose zusammengebunden. Neben ihrer Schulter fliesst der Rhein vor sich hin. 
«Alle Mitarbeitenden mussten mitten in der Nacht in einem runtergekühlten Raum am Fliessband stehen und kleine Schäleli mit Fertigsalat befüllen. Ich war so dick eingepackt, ich konnte mich kaum bewegen, und vor Müdigkeit bin ich fast eingeschlafen, als ich Schale für Schale bereit gemacht habe.»
Sie trägt ein verblichenes, blaues Hemd, das ihr ein wenig zu gross ist und von den vielen Waschgängen vermutlich unsagbar weich auf der Haut liegt. Ihre Nägel sind heruntergekaut – beim Sprechen erwischt sie sich immer wieder dabei, wie sie an den Fingerkuppen knabbert. 

«Die Vorgesetzten haben mich angeschrien, wenn ich nicht schnell genug gearbeitet habe. Vom vielen Desinfektionsmittel ist meine Haut an den Händen aufgeplatzt, so trocken war sie. Das war so ziemlich das dümmste, was ich je für Geld gemacht habe.»
Es ist ein sonniger Nachmittag, als wir mit Lena Heusser zum Gespräch in der Rhybadi zusammensitzen. Auch hier hat die 31-Jährige schon ihr Geld verdient. Der Lebenslauf Heussers, er ist beachtlich – und diente ihr halbes Leben lang nur einem Ziel: Raus aus der Schweiz, dieser «einen, grossen Fonduemasse», wie sie sagt. Ihre Reisen führten sie nach Indien und auf die Philippinen, nach Venezuela und Brasilien, nach Slowenien, Portugal, Tschechien und Frankreich.

Heussers Dasein könnte beim Durchschnittsschweizer leicht den auf der Zunge liegenden Reiz auslösen, das Wort «Hippie» in den Mund zu nehmen. «Die Leute haben nun mal gern Schubladen», sagt die Schaffhauserin auf den Titel angesprochen. Darüber muss sie lachen. «Manchmal vergesse ich, dass Leute mich komisch oder sonderbar finden. Ich mache einfach das, was ich für richtig halte, und natürlich bin ich manchmal auch unsicher.» Der Begriff Hippie stört sie nicht. «Ich finde ihn nur ein bisschen zu einfach gefasst. Ich könnte auch bei jedem, der einen Bürojob hat und verheiratet ist, sagen: Schau, ein Bünzli. Das greift zu kurz.»

Erst seit diesem Frühling hat sie wieder einen Ort, den sie ihr Zuhause nennen kann: einen umgebauten Bauwagen, sechs auf zwei Meter, hier in der Region. Und sie hat ein Souvenir von ihren Reisen mitgebracht. Ihr Erstlingswerk heisst «Pé no chão» – eine EP mit sechs Songs in Mundart, Englisch und Portugiesisch – und bedeutet übersetzt soviel wie «mit beiden Füssen auf dem Boden stehen» oder «bodenständig sein». Bis sie hier angekommen ist, hat es einen langen Weg gebraucht.

Reissaus Richtung Sonnenaufgang

Lena Heusser veröffentlicht ihre Musik als Lena Sereia. Sereia, das ist die Meerjungfrau. Ein Fabelwesen, das durch die Weltmeere zieht und von der Strömung davongetragen wird, ohne festen Boden unter den Füssen. Doch die Kiemen sind Heusser nicht sofort gewachsen: Zunächst versuchte sie es noch auf der konventionellen Schiene, machte als Teenagerin eine Lehre als Speditionskauffrau – schickte Pakete in die Welt hinaus und nicht sich selbst. 
Etwa ein Jahr nach dem Lehrabschluss hatte sie genug: «Ich merkte schnell, dass mir das Hamsterrad in der Schweiz nicht gut tut. Ich habe nach etwas anderem gesucht.» Also liess sie sich zur Tauchlehrerin ausbilden und nahm mit Anfang 20 Reissaus Richtung Sonnenaufgang; nach Südostasien, arbeitete in der Tourismusbranche. «Es war eine tolle Zeit, aber auch eine, in der ich noch sehr jung war und keine Ahnung hatte, was ich eigentlich wollte», erzählt sie heute.

Sie zog weiter nach Indien und machte dort, direkt am Schopf der philosophischen Bewegung, eine Ausbildung zur Yogalehrerin. Erstmals setzte sich die junge Schaffhauserin mit einem substanzenfreien Leben auseinander, mit Meditation, mit dem eigenen Körper.
In die Schweiz kehrte sie zu dieser Zeit nur punktuell zurück, jeweils zwei oder drei Monate, um Geld zu verdienen. Ihr Lebenslauf wurde länger als die Quittung eines Shoppingfanatikers nahe der Grenze; Gastronomie, Verkauf, Lehrvertretung, kleine Nebenjobs hier und dort. «Geld war immer ein Thema», meint Heusser dazu. Einerseits sei es eine sehr lehrreiche Zeit ohne Verpflichtungen gewesen. Andererseits: «Wenn ich zum Beispiel meine Eltern besuchen wollte, musste ich zuerst nachschauen, ob das Geld für ein Flugticket reicht. Ich hatte keinen Fixpunkt, ich fühlte mich nicht geerdet.» Das Konto war oft im Tiefbereich – keine Schulden, aber erst recht kein finanzielles Polster.

Als sie in Indien lebte, wollte Heusser erst nichts mehr mit der Schweiz zu tun haben. Diese harsche Sichtweise überdachte die 31-Jährige später. «Das Unstete hat mir irgendwann zu schaffen gemacht. Ich wollte meiner Heimat nochmal eine Chance geben.» Also kehrte sie zurück ins kleine Becken, ins Städtli, und heuerte im Service an; wer Heusser nicht aus der Rhybadi kennt, erinnert sich vielleicht an ihre Zeit in der Fassbeiz. Direkt in der Nähe des Betriebs bewohnte sie zeitweise eine kleine Stadtwohnung. 

Bossa Nova und Chruut und Rüebli

Dort, inmitten der Altstadt, wurde Heusser schliesslich von einer Welle erfasst, die sie in eine neue Richtung schob: Es war das erste Mal, dass sie über ein Dasein als Musikerin nachdachte. Ihr damaliger Partner machte sie damit bekannt. «Bis dahin hatte ich mit Musik wenig zu tun, ich dachte immer, das sind die reinsten Magier.» Gemeinsam reisten die beiden als Strassenmusiker durch Europa, kreuz und quer, «chli Chruut und Rüebli». Heusser erinnert sich gern an diese Zeit zurück: «Er ist Brasilianer und hat angefangen, mir alte Bossa-Nova-Klassiker beizubringen, eine beliebte Musikrichtung aus Südamerika.» Durch ihn begann sie, portugiesisch zu lernen und machte gleichzeitig erste, zaghafte Schritte mit einer brasilianischen Live-Band, die zufällig auf der Suche nach einer Sängerin war.

Auf die Routine folgte ein Schnitt: Die Trennung von ihrem Partner, gepaart mit der Pandemie. Heusser entschied sich, ihre Trauer in einem spirituellen Zentrum in Schweden zu verarbeiten, das Persönlichkeitsentwicklungen predigt. Der Draht zu ihrer Schweizer Heimat war nur mehr ein dünner Faden. Sie fühlte sich entkoppelt und hatte nur wenige Freunde hier, die ihre Interessen und Herangehensweisen teilten. An diesem Punkt in ihrem Leben nahmen die eigenen Schatten immer mehr Raum ein: «Geschichten aus meiner Kindheit, die mich bis heute beeinflussen», wie Heusser andeutet, und für die sie schliesslich auch eine Therapie besucht. 

Heute, mit Anfang 30, sieht sie ihre Erfahrungen aus den letzten Jahren mit neuen Augen. «Es war mir wichtig, mich selber kennenzulernen, und ich hatte das Gefühl, dafür weit weggehen zu müssen. Es hat Zeit gebraucht.» Und es hat gekostet: «Die Beziehungen, die ich hier hatte und auch heute wieder habe, konnte ich damals nicht vertiefen. Ich merkte: Ich kann nicht so viel hergeben, wie ich gerne würde. Und ich bekomme auch nicht so viel.» Heute könnte sie nicht mehr so im Leben umhertreiben wie früher. Ohne Anker sein. Mittlerweile ist Heusser, nach jahrelangem Fortbleiben, wieder offiziell hier angemeldet. Trotzdem geht sie jedes Jahr ein paar Monate lang nach Brasilien, besucht dort ihren neuen Partner, mit dem sie auch ihre EP aufgenommen hat. Aber es sei Schaffhausen, das sie mit Ruhe versorge, sagt Heusser. «Die Schnelllebigkeit, das Aufregende, das hatte ich alles schon. Jetzt möchte ich, dass meine Projekte richtige Wurzeln bekommen können.»

Nicht mehr blind

Die Früchte dieser Arbeit zeigen sich nun: Sechs Tracks aus sechs Monaten, rund 23 Minuten und drei Sprachen. Anfang September taufte Heusser ihr Debüt «Pé no chão» in der Rhybadi. Sie richtete sich nicht auf der kleinen Holzbühne ein, die am Ende des Stegs bereitsteht, sondern gegenüber – auf den alten Holzplanken. Dort verteilten sie und ihr Partner verblichene Perserteppiche, Sitzsäcke aus Leder und kleine Tische aus Bambus. In einer Schale entzündeten sie ein kleines Feuer. Sie war barfuss. 

Ein paar Tage später, wie sie am Rhein sitzt, zeigt sich Heusser nachdenklich, wenn man etwas nachbohrt. Sie scheint mit den gesammelten Reisemeilen auch Einsichten gewonnen zu haben, die über eine eigene Selbstfindung hinausgehen: «Es ist ein Privileg, in der Schweiz aufgewachsen zu sein: Ich habe nie in meine Karriere investiert per se, ich konnte auf Reisen gehen», sagt sie. «Da ist dieses omnipräsente Thema, wenn man als weisser Mensch in ein Land geht, in dem die Mehrheit nicht weiss ist; wenn man mehr Chancen erhalten hat, wenn man auch angefeindet wird, weil andere dein Privileg erkennen.

Das hat mich gezwungen, mich mit meiner Rolle auseinanderzusetzen – mit der Geschichte, die wir als Weisse mit diesen anderen Ländern teilen.» Es wäre einfacher, blind zu sein, sagt Heusser zum Schluss. «Aber ich bin dankbar, dass ich es nicht mehr bin.»

Wir schenken Dir diesen Artikel. Aber Journalismus kostet.
Hier geht es zum Probe-Abo: drei Monate lang jede Woche eine AZ für nur 48 Franken.

The post Endlich Wurzeln schlagen appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
«Melancholie ist ein wohliges Gefühl» https://www.shaz.ch/2025/08/02/melancholie-ist-ein-wohliges-gefuehl/ Sat, 02 Aug 2025 07:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=9854 Rune Dahl Hansen gehört zu den spannendsten Musikern der Region. Nun hat der 32-Jährige das Atelierstipendium des Kantons Schaffhausen erhalten. Ein Gespräch zwischen Umbruch und Aufbruch. Gerade noch war der Schweizer Publikumsliebling des Synthie-Pop, Walter Frosch, mit dem Album «Star 10110» in der Tasche auf US-Tournee gegangen. Und nur wenige Monate davor streuten die Höllenhunde […]

The post «Melancholie ist ein wohliges Gefühl» appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
Rune Dahl Hansen gehört zu den spannendsten Musikern der Region. Nun hat der 32-Jährige das Atelierstipendium des Kantons Schaffhausen erhalten. Ein Gespräch zwischen Umbruch und Aufbruch.

Gerade noch war der Schweizer Publikumsliebling des Synthie-Pop, Walter Frosch, mit dem Album «Star 10110» in der Tasche auf US-Tournee gegangen. Und nur wenige Monate davor streuten die Höllenhunde von YC-CY ein neues Album ins Netz. Und jetzt sollen beide Projekte vorüber sein, auf Eis gelegt sind sie. Das haben Mike Saxer und Rune Dahl Hansen, Masterminds hinter beiden Bands, dem Musikblog «Reverb Dream» verraten. Gleichzeitig haben die beiden an den Schaffhauser Kulturtagen mit Spear Flower ein neues Projekt auf die lokalen Bühnen gehievt.

Bewegung gibt es auch bei Dahl Hansen selbst: Er hat vor einem Monat das Atelierstipendium des Kantons Schaffhausen erhalten und wird demnächst nach Berlin reisen, um sein Soloprojekt weiterzuentwickeln. Zeit also, den Mann zu treffen, der ständig in mehreren Bands zugleich zu sein scheint. Wir spazieren die Altstadt hinunter zum Lindli. Im Laufen ist es einfacher zu reden. So knirscht der Kies unter unseren Schuhen, während wir in Bewegung bleiben.

AZ: Stimmt es, dass du jeden Tag versuchst, Lieder zu schreiben, Rune?

Rune Dahl Hansen: Ja. Obwohl ich nicht nur schreibe, sondern generell versuche, produktiv zu sein: ein Lied fertigmachen, es abmischen, ein Cover gestalten. Ich brauche jeden Tag eine Form von Produktivität, damit ich dann mit gutem Gewissen etwas anderes machen kann.

Das erinnert mich ans Schreiben eines Tagebuchs – daran, einen Prozess zu sehen, um ihn verstehen zu können und damit vielleicht sich selbst. Ist Songwriting ein ähnlicher Prozess für dich?

Für mich kommt dieser Prozess näher ans Fischen heran. Ich weiss nie, wann ein guter Tag ist. Ich bin ein verkopfter Mensch. Die besten Tage sind die, an denen ich nicht so viel nachdenke, sondern einfach mit etwas anfangen kann. Darum will ich jeden Tag etwas machen, um die guten Momente auch wirklich zu erwischen.

Verarbeitest du alle Fragmente, die so entstehen, zu Songs?

Nein, gar nicht. Es entsteht viel mehr Quatsch als Brauchbares. Und man belügt sich gern, um potenziell gute Ideen aufrecht zu erhalten – darum verschwende ich auch viel Zeit an schlechte Ideen. Wenn die richtigen Leute dann sagen, dass es scheisse ist, gibt es für mich immerhin keine Zweifel daran, dass ich eine Idee fallen lassen muss.

Wie kamst du dazu, Musik zu machen?

Ich war elf Jahre alt, als meine Familie von Dänemark nach Schaffhausen zog. Wir haben aber jede Schulferienwoche in Dänemark verbracht. Meine Freunde dort waren sehr mit Trends beschäftigt, mit Secondhandkleidern zum Beispiel. Der Hippie-Style hatte ein Revival, und dazu hat auch eine Gitarre gehört. Alle hatten zuhause eine Gitarre rumstehen und haben darauf «Smoke On The Water» gespielt. Nach einem Jahr waren die Gitarren für sie uninteressant. Mich haben sie nicht mehr losgelassen. Hier in Schaffhausen habe ich dann Stunden genommen, die mich aber schnell gelangweilt haben. Mein Lehrer hat mir an keinem Punkt vermittelt, dass ich selber Musik machen könnte. Weiterentwickelt habe ich mich erst über Schülerbands – und dann, später, mit den richtigen Leuten.

Du bist in Beringen aufgewachsen. Wie war das?

Es hat sich für mich immer so angefühlt, als wären meine Freunde in Dänemark ein Jahr voraus. Auch in Modefragen. Einmal hat mich ein Freund besucht, der enge Hosen getragen hat. Ich hatte das noch nie gesehen, das war total mindblowing! Ich habe das auch ausprobiert, in Beringen, und habe Sprüche gehört. Dafür tragen alle die Leute, die damals etwas sagten, jetzt Skinny Jeans.

Zeit verläuft auf dem Land anders.

Definitiv. Mir haben dort die Vorbilder komplett gefehlt. Ich war das älteste Kind in der Familie, ich habe zwei jüngere Schwestern. Ich habe mir alles selber zusammensuchen müssen, als ich endlich selber einen Computer mit Internet hatte.

In Schaffhausen hat man dich das erste Mal 2011 auf einer grösseren Bühne gehört. Du warst Sänger und Gitarrist von MOSA Nature, euer zweiter Gig war als Vorband der Aeronauten. Dachtest du damals daran, mit Musik gross rauszukommen?

Lustigerweise war mir das absolut egal. Ich war in Beringen so isoliert von dieser Szene, dass sie mir fremd war. Mir hat einfach die Musik Spass gemacht und ich wusste lange nicht, was ich anderes wollte. Darum habe ich mich damals in diese Welt hineingezwungen und gehofft: Wenn alle Brücken hinter mir brennen, dann mache ich vielleicht nur noch das. Trotzdem dauerte es lange, bis ich Verbündete gefunden habe, die ähnliches wollten wie ich.

Dann hast du Mike Saxer kennengelernt und bist zu YC-CY dazugestossen.

Genau, Mike ist so ein Verbündeter. Wir haben eine ähnliche Einstellung zum Leben, und ich kann zwar nicht für ihn sprechen, aber ich glaube, dass wir uns manchmal ziemlich ähnlich fühlen. Er hat mich damals über Facebook angeschrieben, ob ich nicht Lust hätte, in einer Band zu singen. Ich kannte ihn nicht gut, Gregi und Remo nur ein bisschen. Aber es hat von der ersten Probe an mit allen gepasst. Und ich war zudem in einer sehr destruktiven Phase, habe in einer scheusslichen WG in Zürich gewohnt und war wütend auf alles – die Stimmung der Band hat gut zu meinem Zustand gepasst. Die Band fanden anfangs übrigens fast alle schrecklich, viele sind aus den Konzerträumen rausgelaufen, mit den Jahren wurde es dann immer besser. Aber es hat mega Spass gemacht. Wollen wir uns setzen?

Rune Dahl Hansen zeigt auf eine Sitzbank am Rheinufer. Wir sind an der Grenze zu Deutschland angelangt. Später wird er erzählen, dass seine Eltern vor einigen Jahren von Beringen ins Haus gleich hinter diesem Bänkli gezogen sind.

AZ: Was sagt es über die Schweiz aus, dass die Synthie-Band Walter Frosch hier zum Hit wurde und der Noise von YC-CY im Ausland?

Rune Dahl Hansen: Wir haben vielleicht nirgends in eine Schublade reingepasst. Und physisch derart anstrengende und asoziale Konzerte hatten in den Schweizer Clubs keinen Platz. Wir hier haben eine Dezibel-Obergrenze und weisen einander auf Scherben am Boden hin. In anderen Ländern zelebriert man das Chaos.

Für wen magst du lieber Musik machen?

Ich mache Musik, weil es mir Spass macht und etwas vom Sinnvollsten ist, was ich mit meiner Zeit machen kann. An Konzerten fühle ich mich oft ausgestellt, gerade weil ich nicht die Rampensau schlechthin bin. Zu gewissen Szenen und Orten fühle ich aber eine feste Verbundenheit, die mir Lust macht, etwas von mir zu geben.

Nun ist Walter Frosch, wie auch YC-CY, auf Eis gelegt. Warum?

YC-CY gab es fast zehn Jahre, irgendwann hatten wir dafür einfach zu wenig Energie. Mit Walter Frosch ist innert kurzer Zeit sehr viel passiert, aus dem Mike und ich viel gelernt haben. Wir haben alles probiert, was als Band in der Pop-Sphäre dazugehört: Wir haben sehr viel Musik herausgebracht, wir haben Promozeugs gemacht, Pressefotos, und so weiter. Wir haben zu allem ja gesagt, das war der Grundgedanke dieser Band. Und wenn wir jetzt darauf zurückblicken, war viel dabei, was wir nicht wieder so machen würden. Mit dieser Vergangenheit zu leben, ist immer schwieriger geworden.

Wie meinst du das?

Zum Einen war ein Teil der Szene, in der wir uns bewegt haben, nicht sehr ansprechend für uns. Wir hatten keinen Spass daran, die älteren, poppigen Lieder an den Konzerten zu spielen, die manche viel lieber hören wollten. Zum Anderen wurde die Musik selbst zunehmend einengend. Wir haben versucht, all unsere Bedürfnisse in diese Band hineinzuquetschen, und mussten merken: Das geht nicht. Wir wollten ein Rap-Album machen, eine Punk-Platte, alles unter dem Namen Walter Frosch. Die Band hatte sich da aber bereits als «New ­Wave»-Projekt etabliert. Walter Frosch hat sich festgefahren angefühlt.

Der Schlussstrich ist ein Befreiungsmanöver?

Für andere funktioniert es vielleicht, die immergleiche Musik zu spielen, auf der Bühne den Hans zu machen und damit Geld zu verdienen. Für uns tut es das nicht – wir müssen zu hundert Prozent hinter dem Projekt stehen können.

Dahl Hansen und sein Verbündeter Mike Saxer waren Walter Frosch – hier an den Kulturtagen 2023.
Dahl Hansen und sein Verbündeter Mike Saxer waren Walter Frosch – hier an den Kulturtagen 2023.

Mir ist schon länger aufgefallen, dass du in sehr vielen unterschiedlichen Gruppen Musik machst. Zusätzlich hast du das Solo-Projekt RDH gestartet. Woher kommt dieser Drang, sich immer neu erfinden zu wollen?

Ich brauche Veränderung, um das Musikmachen spannend zu halten. Ich interessiere mich für viel verschiedene Musik und es würde mich traurig machen, ein Leben lang mit nur einem Genre zu verbringen.

Trotz der verschiedenen Bandnamen und Projekte hat deine Musik eine gemeinsame Linie.

Das passiert nicht bewusst. Aber ich kann nicht vermeiden, dass alles auf irgendeine Art sehr melancholisch klingt. Das höre ich jedenfalls oft von den Leuten – für mich ist das alles gar nicht so traurig. Das ist einfach meine Grundstimmung. Melancholie ist ein wohliges Gefühl für mich. Und sie ist ein Messgerät: Wenn sich etwas so anfühlt, dann finde ich es meistens gut, unabhängig vom Genre oder der Kunstform.

Als ich nach einem deiner Musikprojekte, «Worldwide Online Suicide», gesucht habe, erhielt ich in der Suchmaschine stattdessen die Telefonnummer der Dargebotenen Hand.

Stimmt, das haben wir auch gemacht! Das war als einzelnes Tape gedacht, das wir lange nicht fertiggestellt haben. Wir haben es nur veröffentlicht, damit es nicht auf der Festplatte herumliegt. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt aber schon das Interesse daran verloren.

Mit «A Life In Disguise» hast du 2023 unter dem Titel RDH dein erstes Solo-Tape herausgegeben. Die vier Tracks wirken genauso melancholisch, futuristisch auch, manchmal dystopisch. Wie kam das zustande?

Ich hatte einfach Lust darauf, Ambient-Lieder zu machen. Ich habe die Skizzen beim Spazieren angehört, oft war das Wetter ähnlich wie heute, und das hat sich irgendwie richtig angefühlt. Ich wollte kein grosses Ding daraus machen. Die Idee war vielmehr zu kommunizieren, dass ich von Bandprojekten losgelöst existiere und dass ich offen bin für Kollaborationen. Wie auf einer Dating-App, quasi (lacht). Beim ersten Tape war alles noch sehr unbeschwert, fürs zweite stellen sich schon wieder Fragen: Was will ich genau machen, wie fest will ich wieder in diese professionelle Musikwelt eintauchen?

Eines deiner Lieder auf dem Tape heisst «I Will Die Poor». Spielst du damit auf die Musikbranche an?

Viele Tracks sind einfach nach den Samples benannt, die reingeschnitten sind. In dem von dir genannten Audiosample werden Leute in den 70er-Jahren an der Wall Street gefragt, wie sie ihr Geld anlegen. Die einen haben keine Ahnung von Investments, die anderen sagen, sie würden die Hälfte ihres Geldes damit verdienen. Aber natürlich hat der Name auch einen Bezug zu meinem Leben. Weil das wahrscheinlich so sein wird.

Welchen Umgang hast du heute mit der Musikindustrie?

Wir haben diesen Zirkus besonders stark mit Walter Frosch erlebt, vieles war für uns ganz neu und wir haben einfach versucht, uns ans Tempo der anderen Bands aus der Pop-Szene anzupassen. Die ganze Selbstvermarktung war uns aber schnell zu viel. Das alles hatte so einen faulen Beigeschmack, ich glaube, daran haben wir uns die Finger verbrannt. Heute sind Mike und ich beide vorsichtiger und selektiver. Im Dschungel der Musikbranche haben wir aber auch viele tolle Menschen kennengelernt. Ein solches Netzwerk möchte ich in Zukunft mit mehr Bedacht aufbauen.

Nun steht der Aufenthalt in Berlin bevor. Arbeitest du an RDH weiter, oder wird Berlin wieder etwas ganz Neues?

Ich werde vermutlich dasselbe machen wie jetzt: an verschiedenen Projekten und Kollaborationen arbeiten, bestimmt auch RDH und Spear Flower. Eine Freundin von mir aus Prag ist nach Leipzig gezogen, und wir wollen zusammen eine Band oder eine Platte machen. Und ich will all die Halbbekanntschaften, die ich gemacht habe, weiterverfolgen. Wer weiss, was daraus entstehen kann?

Wo willst du musikalisch noch hin?

Eine Freundin von mir macht Videospiele. Ich fände zum Beispiel spannend, dazu oder zu Filmen Soundtracks zu machen. Ansonsten stehe ich gerade voll am Punkt eines Neustarts. Und ich freue mich zu sehen, was aus diesem Moment wird.

Wir schenken Dir diesen Artikel. Aber Journalismus kostet.
Hier geht es zum Probe-Abo: drei Monate lang jede Woche eine AZ für nur 48 Franken.

The post «Melancholie ist ein wohliges Gefühl» appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
«Nur über Kunst zu reden reicht mir nicht aus» https://www.shaz.ch/2025/07/14/nur-ueber-kunst-zu-reden-reicht-mir-nicht-aus/ Mon, 14 Jul 2025 10:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=9663 Der junge Künstler Jan Thoma stellt Worte ins Zentrum seiner Arbeit. Ein Gespräch über 700-Kilo-Kunstwerke, nachdenkliche Notizen und Neuanfänge. Kaum hat man das mächtige Tor am Rebleutgang passiert, steht da eine schlichte, hüfthohe Säule mitten im Raum. Darauf gestapelt sind dutzende Zettel, alle mit einem kurzen Text versehen. «Die Menschheit spielt den Ikarus», ist einer […]

The post «Nur über Kunst zu reden reicht mir nicht aus» appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>
Der junge Künstler Jan Thoma stellt Worte ins Zentrum seiner Arbeit. Ein Gespräch über 700-Kilo-Kunstwerke, nachdenkliche Notizen und Neuanfänge.

Kaum hat man das mächtige Tor am Rebleutgang passiert, steht da eine schlichte, hüfthohe Säule mitten im Raum. Darauf gestapelt sind dutzende Zettel, alle mit einem kurzen Text versehen. «Die Menschheit spielt den Ikarus», ist einer davon. Ein anderer: «Ich bin ein Stein.» Ab heute Donnerstag wird sich jeder Gast einen solchen Zettel von der Säule klauben, nur um sich zu fragen: «Was mache ich jetzt damit? Stecke ich ihn mir zuhause an die Pinnwand, wo ich ihn jeden Tag sehen kann? Oder stopfe ich ihn in die Tasche meiner Jeansjacke, wo er vergessen geht, bis die Temperaturen wieder kalt genug werden?»
Genau solche Fragen will Jan Thoma mit seiner Arbeit provozieren.

Auf die Idee sei er beim Glückskeksessen gekommen, erzählt er: «Der Zufall entscheidet, was man mitnimmt. Entweder könnte diese kleine Nachricht für dich lebensbewegend sein – oder du schmeisst sie direkt wieder weg. Das fand ich witzig.»

Die Glückskeks-Säule ist nur eines der Werke Thomas, die ab sofort im Ausstellungsraum des Garage-Kollektivs zu sehen sind. Entstanden sind sie in knapp einem halben Jahr Wohnen, Schaffen und Denken Anfang des Jahres in der deutschen Hauptstadt; es sei das erste Mal gewesen, dass er sich voll und ganz auf die Kunst fokussieren konnte, berichtet Jan Thoma. Auf dem Schaffhauser Kunstteppich ist der junge, introvertierte Mann noch relativ neu. Gleichzeitig hat er innert eines Jahres sowohl das begehrte Atelierstipendium des Kantons Schaffhausen erhalten als auch einen Förderbeitrag von Stadt und Kanton für weitere Projekte. Wer ist dieser Mann?

Kunst macht Thoma seit etwa sechs Jahren. Davor stand der gebürtige Büsinger lieber auf dem Skateboard, statt an Kunst zu denken, und fasste einen klassischen Berufsweg ins Auge: ein Bachelorstudium der Umweltnaturwissenschaften an der ETH. «Das war ein grosser Fehler», gibt er rückblickend zu, mit einem Ausdruck peinlicher Berührtheit im Gesicht.

Er versuchte es abermals, nun mit Germanistik und Kunstgeschichte, und begann parallel, im Atelier der Kammgarn West mit Siebdruck zu experimentieren. Auch an der Uni Zürich blieb er nur ein Semester lang. «Irgendwann merkte ich: Nur über die Kunst zu reden reicht mir nicht aus», erzählt Thoma. Sein damaliger Mitbewohner war bereits an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) eingeschrieben. Aus dem anfänglichen «Über die Schulter schauen» bei den viel spannenderen Online-Vorlesungen dieses Mitbewohners wurde allmählich eine Faszination. Und irgendwann konnte Thoma es nicht mehr leugnen: Das Kunst-Studium an der ZHdK hatte es ihm angetan.

«Mein Traum ist aber natürlich der, den ganz viele Leute haben: davon leben zu können.»

Jan Thoma

Seither arbeitet Thoma mit der Kamera, mit der direkten Umgebung, und vor allem: mit Worten und Schrift. Mit mehreren Teilzeitjobs finanziert er sich den Alltag, etwa als Bademeister in der Rhybadi während der Sommermonate, in den kälteren Jahreszeiten packt er im TapTab-Club als Organisator mit an. «Mein Traum ist aber natürlich der, den ganz viele Leute haben: davon leben zu können», sagt er über seine Kunst. Im letzten Sommer holte er sich das Diplom.

Dass es Worte sind, die sein Schaffen prägen und stetig neu formen, zeigt sich auch, als er uns zum Gespräch trifft. Immer wieder hält Thoma inne und überlegt, bevor er zu einer Antwort ansetzt. Seine Sätze ziehen sich teils zäh in die Länge. Dies einem vom letzten Wochenende pochenden Schädel zuzuschreiben, würde dem Büsinger jedoch nicht gerecht – die Formulierungen und Ausdrücke, die er wählt, scheinen zu viel Gewicht zu haben. So ist es auch mit der Kunst. Er führt uns an ein nächstes Werk heran: eine grosse, weisse Wand, direkt ausgeschnitten aus dem umgebenden Raum.

Diese Wand gibt es heute nicht mehr, Thoma hat sie vernichtet. Aber es sei die Arbeit gewesen, die ihm am meisten am Herzen gelegen habe. Nur mit Mühe schaffte es Thoma damals, das über 700 Kilo schwere Stück auszufräsen, erzählt er, mit einem Knie angewinkelt auf einem alten Drehstuhl sitzend.
«Das Kapital Wand: Cutting Beuys» war seine Diplomarbeit, mit der er im letzten Sommer das Fine-Arts-Studium abschloss. Es handelt sich um ein Stück Wand aus der Kammgarn, den ehemaligen Hallen für neue Kunst, die 2014 ihre Türen schlossen – aber nicht um irgendein Stück.

«Früher hing das wunderbare Werk des Künstlers Joseph Beuys, «Das Kapital Raum 1970-1977», in den Hallen, hier in Schaffhausen. Ich konnte mir das Werk damals leider nicht live ansehen», sagt Thoma. Er selbst habe erst während des Studiums davon gehört. «Von da an habe ich mich richtig in das ganze Thema hineingesteigert, las mich ein und realisierte, welchen Bekanntheitsgrad die Ausstellung auch international bekam.
Einmal lief ich an einem Abend durch diese alten Hallen, dort im zweiten Stock, wo der Boden fehlt», so Thoma. «Die Sonne strahlte an eine der Rückwände, sie warf seltsame Schatten. Und erst als ich näher herantrat, verstand ich, warum.»

Teil des Kunstwerks von Beuys waren zahlreiche Schieferplatten gewesen, die er an die Wand gehängt hatte. Über die Jahre hinweg hatten sich diese leicht bewegt und einen Abrieb auf der weissen Wand hinterlassen. «Das hat mich so geflasht: Die Reste dieser Zeit waren tatsächlich noch immer sichtbar.»

«Mein Kapital: die Idee.»

Jan Thoma

Das Artefakt wurde zum Zentrum von Thomas Abschlussarbeit. «Ich hatte unheimliches Glück, dass alles geklappt hat. Die Bewilligung hatte ich eingeholt. Aber das schiere Gewicht dieses Wandstücks hatte ich völlig unterschätzt.» Zwei Meter auf 1.80 Meter umspannte das Werk, das er für seinen Abschluss nach Zürich verfrachten musste. «Beuys hat damals den Kunstbegriff neu definiert. Er sagte: Jeder Mensch ist ein Künstler, eine Künstlerin. Weil wir die Fähigkeit haben, uns Sachen auszudenken, haben wir auch das Kapital, Kunst zu schaffen», sagt Thoma.

«Darum war es für mich gerade so faszinierend: Aus den Resten seines Werkes konnte ich ein ganz neues Werk erschaffen. Mein Kapital: die Idee.»

Mit Blick auf seine Ausbildung merkte Thoma: Es ist die Schrift, die sich durch sein gesamtes Schaffen zieht. «Klar kann man seine Nachricht immer verschleiern. Aber wenn ich will, kann ich in einem Wort mitteilen, was ich sagen möchte», sagt er. «Denk im Vergleich dazu an die Malerei: Mit einem Pinselstrich dasselbe aussagen zu können, finde ich viel schwieriger.»

Es ist die kurze, prägnante Textform, die Thoma am meisten reizt. Gedanken, die ihm zu jeder Tageszeit zufliegen können – und die er dann sofort in einem schwarzen, in Leder gebundenen und schon etwas abgegriffenen Buch einfängt, das er stets bei sich trägt. «Jeder Moment ist für mich inspirierend. Das ist einer der Gründe, weshalb ich Kunst so sehr liebe. Sie entsteht für mich überall», meint Thoma dazu.

Konkrete Themen verfolgt er daher nicht, in seiner Kunst kommt alles vor, was ihn täglich beschäftigt. Das können schöne Momente sein – aber auch Stress. «Tatsächlich war es bei mir lange so, dass ich nur dann schreiben konnte, wenn es mir schlecht ging. Davon musste ich mich lösen. Ich merkte, dass ich die Texte im Nachhinein gar nicht mehr lesen mochte, weil sie zu sehr mit diesen Erinnerungen zusammenhingen.»

Bewusst wurde ihm dies erst, als er sich für einmal voll und ganz auf die Kunst fokussieren konnte, ohne mit dem halben Kopf seinen unzähligen Nebenjobs nachzurennen. Das war in Berlin-Mitte – dort, wo die Werke entstanden, die nun in der Garage verteilt sind. Möglich wurde das durch das Atelierstipendium des Kantons Schaffhausen, das Thoma vergangenes Jahr erhalten hat.
Und es ermöglichte ihm auch ein langersehntes Treffen: «Das Kapital Raum 1970-1977» von Joseph Beuys ist mittlerweile im Hamburger Bahnhof (Museum für Gegenwart) in Berlin ausgestellt. Dort, in seiner temporären Heimat, konnte Thoma es sich schliesslich doch in echt ansehen.

Vor knapp zwei Wochen ist der Büsinger nun wieder zurückgekehrt. Im Gepäck: Die Ausstellung «Ich bin kein Berliner».

Künftig will Thoma Schaffhausen aber in noch viel grösserem Stil prägen. Als Künstler – aber auch als Kurator. Mehrere Projekte dazu sind bereits im Gange, eines davon ist ein «Off Space» für Schaffhausen, also ein Experimentierfeld für Kunstschaffende, das losgelöst von einem festen Standort funktionieren kann. «Das Ganze funktioniert ähnlich wie eine Galerie, ist aber nicht kommerziell.» Für das Vorhaben erhielt Thoma vor Kurzem einen weiteren Förderbeitrag von Kanton und Stadt, rund 20000 Franken. «Eine Idee wäre, es im alten Gaswerkareal aufzuziehen. Aber eben: Eigentlich könnte dieser Raum überall entstehen.» Im September ist eine Installation im öffentlichen Raum geplant. «Ich kann schon ein bisschen stolz sein, dass meine Ideen angenommen werden», sagt Thoma, ein leichtes Lächeln auf den Lippen.

Jan Thoma wirkt wie ein Ruhepol, er selbst beschreibt sich als introvertiert. Er scheint jemand zu sein, der seine Gedanken auf alles und jeden in seiner Umgebung richten kann.

Und doch ist da noch eine weitere Seite, mit der er im Gespräch überrascht. «Soll ich aufs Dach hochklettern, damit ihr ein gutes Foto bekommt?», fragt er. Es wird nicht sofort klar, was er meint: Das Gebäude, in dem wir uns zum Gespräch trafen und das auch sein altes Musikstudio beherbergt, ziert auf der Vorderseite ein kleines Vordach. Den einen Fuss setzt er auf den Briefkasten, den anderen auf das Treppengeländer, schon sitzt Thoma oben und lässt die Beine herunterbaumeln. «Auf diesem Dach war ich noch nie, aber allgemein mache ich das noch gern. Auf Dächer klettern, meine ich.»

Es ist eine Aussage, die so gar nicht zu seinem stillen Auftreten passt, zum Image des bedachten, in sich gekehrten Künstlers. Aber vielleicht zeigt sie auch nur das zweite Gesicht des 26-Jährigen auf: Jene Seite, die mit dem Skateboard über Kanten springt und die jedes Jahr am «Hill Bomb» den Berg in Opfertshofen herunterrast – ohne Helm, versteht sich. «Das Hill Bomb ist gefährlich, aber es gehört einfach dazu», sagt er.

Die Ausstellung «Ich bin kein Berliner» findet vom 10. bis zum 27. Juli 2025 im Ausstellungsraum des Garage-Kollektivs statt, am Rebleutgang 2. Sie öffnet jeweils freitags und samstags ab 18 Uhr.

The post «Nur über Kunst zu reden reicht mir nicht aus» appeared first on Schaffhauser AZ.

]]>