Mode Archive - Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/tag/mode/ Die lokale Wochenzeitung Mon, 11 Nov 2024 08:25:46 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.4.8 https://www.shaz.ch/wp-content/uploads/2018/11/cropped-AZ_logo_kompakt.icon_-1-32x32.jpg Mode Archive - Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/tag/mode/ 32 32 «Dior macht doch keine Kunst!» https://www.shaz.ch/2024/11/11/dior-macht-doch-keine-kunst/ Mon, 11 Nov 2024 08:21:44 +0000 https://www.shaz.ch/?p=8947 Piera Honegger kreiert High Fashion, die Berühmtheiten begeistert. Eurovision-Star Nemo trug eines ihrer Werke. Doch mit der Modebranche kann die Schaffhauserin nichts anfangen. Im Grossraumatelier türmen sich Stoffberge, Schneiderpuppen versperren die engen Gänge, Skizzen von Menschen mit langen Beinen baumeln von Pinnwänden. Hier, im dritten Stock der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel, teilen […]

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Piera Honegger kreiert High Fashion, die Berühmtheiten begeistert. Eurovision-Star Nemo trug eines ihrer Werke. Doch mit der Modebranche kann die Schaffhauserin nichts anfangen.

Im Grossraumatelier türmen sich Stoffberge, Schneiderpuppen versperren die engen Gänge, Skizzen von Menschen mit langen Beinen baumeln von Pinnwänden. Hier, im dritten Stock der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel, teilen sich 25 angehende Modedesigner ihren Kreativspot. Jede hat ihr Pult, ihre Kleiderstange. Am Fenster baumeln Kordeln aus Jeansstoff von der Decke. Hier ist Piera Honeggers Platz.

Seit Sommer 2023 lebt die 21-Jährige mehrheitlich in Basel, wo sie mittlerweile im dritten Semester Modedesign studiert.

Aufgewachsen ist Honegger auf dem Emmersberg. In der Kunstszene ihrer Heimat trat sie schon ein paar Mal in Erscheinung: An der Interna 22 stellte sie in der Kammgarn aus und wirkte an kleineren Modeshows mit. Diesen Sommer stand sie als Pianistin der Band Klub Mathé auf der Talent Stage des Stars in Town. Und: ESC-Star Nemo trug am Openair Gampel einen ihrer Looks auf der Bühne.

Dass jemand auf einer grossen Bühne trägt, was sie hier fabriziert, habe sie «gepusht», sagt Honegger, als sie sich auf ihren Ateliertisch setzt und die Füsse auf dem Stuhl abstellt.

Es ist auch ein kleiner Triumph über das System. Denn die Jungdesignerin wählt in ihrer Kunst einen Weg, mit dem sie sich den Mechanismen der heutigen Modebranche bewusst entgegenstellt.

Frei nach Fundus
Piera Honegger macht Kunst aus Material, das andere in die Tonne kippen. Unter ihren Füssen reihen sich Kartonkisten mit Stoffresten aneinander, in einem 90-Liter-Abfallsack wartet ein gigantischer Knäuel aus schwarzweiss gestreiften Jersey-Bahnen auf seine modische Auferstehung. An der Kleiderstange daneben hängen einige ihrer Entwürfe. Ein dunkler fransender Pulli, dessen mehrschichtige Stoffstreifen in der Mitte V-förmig ineinanderfliessen. Eine kurze, grellpinke Jacke aus einer alten Matratze, an die sie gerade noch eine Kapuze annähen will. Ein blumiges Patchwork aus gerafften, bunten Stoffen, von dem Honegger noch nicht genau weiss, ob es Oberteil oder Jupe sein soll.

Honeggers Teile sind Unikate. Weil sie nur mit Stoffresten arbeitet, kann sie kein Stück ein zweites Mal fertigen. Das Material fischt sie aus der Restekiste der Schule oder bekommt es geschenkt. Das hat einerseits ökologische Gründe: Seit Jahren trägt Honegger privat nur Second-Hand-Kleidung, über die noch immer dominierende Fast Fashion in der Modebranche kann sie sich blitzartig in Rage reden. Andererseits kanalisiert sie mit dieser Einschränkung ihre Kreativität. «Würde ich zusätzlich neue Stoffe verwenden, wären die Möglichkeiten noch grenzenloser», sagt die Designerin.

Um sie schneller abändern zu können, verfasse sie viele ihrer Ideen statt im dicken Skizzenbuch mittlerweile digital, sagt Honegger. Mit ihren Einfällen hantiert sie schnell und sprunghaft. «Notiere ich heute zehn Ideen, überzeugen mich morgen sieben davon nicht mehr», sagt die Studentin. Vieles verleide ihr schnell, Stoffe wie Technik.

Neue Projekte entstehen bei Honegger primär vom Stoff ausgehend, über den sie gerade stolpert, und weniger von einer fixen Vorstellung der Designerin ausgehend. «Diese Fäden», sagt Piera Honegger und fasst wie zur Demonstration tief in den Abfallsack mit den schwarzen Stoffstreifen, «habe ich gesehen und dachte: geil!» Was genau daraus werden soll, ergebe sich dann «im Prozess».

Ihre wichtigste Ressource dabei: Intuition. Und weil sie nur mit Reststoffen arbeitet, vertraut sie dieser ziemlich blind, schneidet, färbt und näht dem Bauchgefühl entlang, bis sie am Ende einen Entwurf in den Händen hält. «Das gefällt mir dann, oder eben nicht.»

Früh übt sich
Hört man ihr zu, könnte man meinen, Honegger sei schon immer Modemacherin gewesen. «Meine Mutter erzählte mir letztens, dass ich mich schon als Kind immer selbst ankleiden wollte», sagt Piera Honegger. Daran mag sie sich zwar nicht erinnern, aber gebastelt, genäht und gezeichnet habe sie schon früh. Mit den Schnittmustern ihrer Mutter, einer Handarbeitslehrerin, habe sie zuhause Etuis und Puppenkleider genäht, und dann irgendwann beschlossen, es mit Kleidern für Menschen zu probieren.
Modedesignerin werden, das wollte sie schon in der Oberstufe.

Seit 2020 teilt Piera Honegger ihre Entwürfe auf einem Instagram-Account, dem gut 400 Menschen folgen. Anfangs, noch während sie die Kantonsschule besuchte, zeigte sie dort einzelne Stücke; einen Hut aus einem alten Kissen, einen mehrlagigen Jupe aus Joghurtkartons. Die Bildunterschriften – ein Fest der Lakonik: «En chüssihuet» und «Joghurtkonsum». Bald nach der Matura bezog Honegger ein Atelier im Westflügel der Kammgarn, das sie aber mit dem Umzug nach Basel wieder aufgeben musste. Ab 2022, als Honegger an der Zürcher Hochschule der Künste das Propädeutikum absolvierte, tauchen auf ihrer Instagram-Seite ganze Looks auf, aufwändig designt und inszeniert. Mit diesem Dossier hat sie im Frühling 2023 die Aufnahmeprüfung an die Basler Hochschule geschafft.

Bei aller Leidenschaft für die Sache und dem intakten Selbstverständnis als Künstlerin drückt doch auch immer ein wenig Selbstironie durch Piera Honeggers Sätze. «Fragt mich nicht, warum genau ich was mache», sagt sie. So, als wäre alles hier, auch der Erfolg mit Nemo, einfach ein guter Zufall.

Dabei weiss die Schaffhauserin künstlerisch ziemlich genau, was ihr zusagt – und was nicht.

Mehr Kunst als Mode
«Mir gefallen komplexe Stoffe», sagt Piera Honegger und holt ihre Stoffmusterkiste hervor. Mit rotem Faden steht ihr Name daraufgestickt – ein Geschenk ihrer Mutter, um Ordnung in die Nähsachen der damaligen Primarschülerin zu bringen. Darin liegen zwei Dutzend Proben, lagenweise Streifen auf einen Stoff genäht, manchmal vier, fünf aufeinander. Dazwischen Risse, die die unteren Schichten sanft hervortreten lassen.

Ihr momentanes Lieblingsstück aber hängt über ihrem Tisch: Ein Muster aus Denim- und drei, vier weiteren Stoffen, die sich über einem roten Netzstoff in Bahnen schlängeln. Diese Technik hat sie für ihren neusten Look verwendet, der mit seiner ausgefallenen Silhouette sofort den Blick fängt. Puffärmel aus alten Jeans über hautengen roten Ärmeln, ein Puff-Detail aus Denim an jedem Finger, eine ausladende Schlaghose.

Alltagstauglich ist ein Bruchteil von Piera Honeggers Entwürfen. Sie kämpfe öfters damit, dass ihre Teile am Körper durch die vielen Schichten und die komplexe Machart nicht gut halten. Bei den Eierkarton-Looks (Bildunterschrift: «Ei-ngekleidet») habe sie fürs Shooting konstant die Hilfe einer Freundin gebraucht, um die Teile zusammenzuhalten, bei der Jacke aus Luftpolsterfolie ebenso. Wie Nemo ihre schwere Hose, die ausschliesslich aus verwebten Stoffstreifen ohne Innenkleid besteht, für eine gesamte Bühnenshow habe tragen können, sei ihr bis heute schleierhaft. In Zukunft sollen ihre Outfits aber genau für solche Auftritte tauglicher werden.

Die meisten ihrer Teile würde sie denn auch nicht auf der Strasse tragen, sagt Piera Honegger. Kleidung für den Tagesgebrauch zu kreieren, ist aber auch gar nicht ihr Ziel.

Post High Fashion
Zwischen «ready-to-wear-Kleidung» für den Alltagsgebrauch und High Fashion – primär an Modeschauen, auf roten Teppichen und an Shootings zu sehen – liegen eben Welten, erklärt Honegger. «Ich bewege mich eher in der Kunst- als in der Modewelt», sagt sie. Sie wolle designen für Leute, die performen. Die ihre Entwürfe auch als Kunst ansehen.

Von der High Fashion-Branche will die Modedesignerin dennoch nichts wissen. «Da kenne ich mich gar nicht aus, ich kann vielleicht drei Marken aufsagen», sagt sie lachend. Grosse Brands wie Dior oder Prada machten mittlerweile zwar Alltags- und High Fashion-Kollektionen. Aber: «Dior macht doch keine Kunst!» Letztens hätte ihre Klasse in einer Vorlesung die neue Show des Haute-Couture-Labels Balenciaga angeschaut. «Das macht nicht viel mit mir.»

Mit Fast Fashion kann Honegger nichts anfangen.

Ihre Inspiration hole sie sich denn auch eher von Künstlerinnen als auf dem Runway. «Das Installative, vielleicht auch das Pompöse, das gefällt mir. Wenn man in einen Raum hineinkommt, einen Look ansieht und erstmal denkt: ‹Uff, das versteh ich nicht.› Und sich dann darauf einlässt und Dinge entdeckt, das finde ich spannend.»

Mit dieser Vorliebe für die Extravaganz scheint Piera Honegger im Atelier der Basler Hochschule gut aufgehoben. Ein meterlanger Filzmantel baumelt vor einem Fenster, ein Kleid aus mit Leim verhärtetem Stoff liegt wie bei antiken Statuen in kunstvollen Falten um eine Puppe drapiert. Hier haben alle ihren eigenen Stil. «Wir inspirieren uns gegenseitig, statt in Konkurrenz zueinander zu stehen», erzählt Honegger.

Die Freiheit vor dem Sturm
Statt Noten gibt es nach der Aufnahmeprüfung bis zur Bachelorarbeit hier nur mündliche Rückmeldungen. In einzelnen Intensivwochen vertiefen sich die Studierenden in spezifische Themen wie Hose oder Jacke, um das Gelernte dann direkt umzusetzen. Gerade hat die mehrwöchige «Studiophase» begonnen, in der die angehenden Modedesignerinnen abgesehen von einigen Mentoratslektionen ganz sich selbst überlassen sind. Der Auftrag, wie Piera Honegger ihn auffasst: «Macht irgendetwas!»

Eine grosse künstlerische Freiheit, die aber auch ihre Tücken birgt: Sie selbst arbeite sehr strukturiert und schaffe deswegen auch meist ein Produkt fertig, sagt Honegger. Als Werk einen unabgeschlossenen «Arbeitsprozess» abzugeben, sei aber auch akzeptiert.

Davon können andere nur träumen. Mitte Oktober war Honegger mit ihrem Jahrgang bei einer Projektwoche in Antwerpen, wo eine der renommiertesten Modedesignschulen Europas steht. «Dort heisst es: Mach eine krasse Hose, und sonst geh», erzählt sie.

Die Härte der Modebranche ausserhalb der vier Wände ihres Ateliers hat sie auch mit Nemos Auftritt in ihrem Dress zu spüren bekommen. Geld habe sie für die Ausleihe nicht bekommen, das sei aber die Norm. Bezahlt werden die Designerinnen mit Präsenz auf den Social-Media-Beiträgen der Stars – das ist in Piera Honeggers Fall aber nicht geschehen. «Das nervt mich», sagt sie. «Aber in dieser Branche weht ein anderer Wind.»

Bevor sie sich auf dem Markt behaupten muss, steht aber erst noch ein Praktikumssemester an, in dem die Studierenden im Ausland Erfahrungen in der Branche sammeln sollen. Honegger will nach London. «Für die Connections», sagt sie mit einem Zwinkern.

Ob sie danach aber überhaupt bei einem Label einsteigt, lässt die Schaffhauserin noch offen. «Vielleicht gründe ich auch ein eigenes Label, oder ich mache etwas ganz etwas anderes», sagt sie offenherzig. Der Reststoff und die Visionen dürften ihr so schnell nicht ausgehen.

Jetzt aber wartet der Stoffknäuel auf Piera Honegger. Sie will nochmal weben, diesmal ein elegantes Kleid oder einen langen Jupe. Hauptsache: Brüche.

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Der Modezar und sein Briefkasten https://www.shaz.ch/2023/12/23/der-modezar-und-sein-briefkasten/ https://www.shaz.ch/2023/12/23/der-modezar-und-sein-briefkasten/#respond Sat, 23 Dec 2023 07:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=8125 Anders Holch Povlsen ist der reichste Däne. Ein gutes Stück seines Reichtums fliesst durch einen Schaffhauser Briefkasten. Die Serie «Succession» ist ein Welthit. Ein skrupelloser, aber gesundheitlich angeschlagener Medienmogul spielt seine Kinder mit Intrigen und Winkelzügen gegeneinander aus, um herauszufinden, wer seinen milliardenschweren Medienkonzern irgendwann übernehmen soll. Wie so häufig bei amerikanischen Hits gibt es […]

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Anders Holch Povlsen ist der reichste Däne. Ein gutes Stück seines Reichtums fliesst durch einen Schaffhauser Briefkasten.

Die Serie «Succession» ist ein Welthit. Ein skrupelloser, aber gesundheitlich angeschlagener Medienmogul spielt seine Kinder mit Intrigen und Winkelzügen gegeneinander aus, um herauszufinden, wer seinen milliardenschweren Medienkonzern irgendwann übernehmen soll.

Wie so häufig bei amerikanischen Hits gibt es ein Vorbild aus einem anderen Teil der Welt. In diesem Fall kommt das Vorbild aus Dänemark: Dort heisst die Serie «Arvingerne», «Die Erbschaft.» Etwas weniger pompös behandelt auch die dänische Serie die Frage, wie ein millionenschweres Erbe auf die Kinder verteilt werden sollen. Vielleicht war es der Erfolg von «Die Erbschaft», die den dänischen Journalisten Søren Jakobsen dazu inspirierte, seinem Buch über die steinreiche Povlsen-Familie den gleichen Titel zu geben. Ihren Reichtum verdankt die Povlsen-Familie einem Modeimperium namens Bestseller, zu dem unter anderem Vero Moda, Vila und Jack and Jones gehören. Doch ihren Reichtum geniesst die Familie lieber im Verborgenen. Sie hat dafür gesorgt, dass auch offizielle Dokumente möglichst wenig über sie preisgeben. Die Struktur des Firmennetzwerks der Familie ist riesig und weit verzweigt. Autor Jakobsen beschreibt es so: «Kaum ein Medium wird aus der Struktur der Bestseller-Group schlau.»

Und genau hier kommt der Schaffhauser Briefkasten ins Spiel. Wie Recherchen der AZ zeigen, ist dieser einer der Dreh- und Angelpunkte in diesem komplizierten Firmenkonstrukt. Anhand von Unternehmensunterlagen, Einblick in das britische Katasteramt, Gesprächen mit dänischen Wirtschaftsjournalisten und Schweizer Steuerexperten kann die AZ zeigen, wie der Patron der Familie den Schaffhauser Briefkasten dafür verwendet hat, die eigentliche Cashcow des Imperiums – das Chinageschäft – steuergünstig an seinen designierten Nachfolger zu übergeben.

Es ist die Geschichte einer Familie, die ihre Geschäfte lieber im Schatten abwickelt – und ihn in Schaffhausen gefunden hat.

Der Briefkasten an der Promenadenstrasse 19 in Schaffhausen. (Foto: Robin Kohler)

Der Aufstieg

Auch wenn sie nicht gerne darüber reden: Die Geschichte eines jeden Milliardärs beginnt mit Glück. Im Fall von Troels Holch Povlsen kommt das Glück 1975 in Kisten: Randvoll mit überschüssigen Sommerkleidern aus der darbenden Kleiderfabrik seines Onkels. Für Troels, damals 26, ist der Zeitpunkt ideal: Er hat kurz davor sein Examen als Bekleidungstechniker an der Textilschule in Ringkøbing an der Westküste Dänemarks in den Sand gesetzt. Die Interessen des jungen Troels liegen sowieso woanders: Eigentlich liebt er vor allem Antiquitäten und historische Häuser – vier Jahrzehnte später wird er dieser Leidenschaft mit Hilfe eines Schaffhauser Briefkasten frönen.

Aber vorerst sitzt Troels Holch Povlsen auf Kisten mit Sommerkleidern. Er beweist damit ein erstes Mal, was für seine Karriere entscheidend sein würde. Sein Gespür dafür, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein: Er karrt die Kisten von der Fabrik im Landesinnern an die Westküste und verkauft sie an Sommergäste.

Innert kürzester Zeit eröffnet er weitere Läden und gründet bald die Bestseller A/S. Schnell übersteigt die Nachfrage aber die Kapazität der Textilfabrik seines Onkels. 1978 fliegt er deshalb nach Kalkutta, Indien.

Das Geschäftsmodell, das Troels Holch Povlsen dort entwickelt, ist relativ simpel und nimmt den Aufstieg von Fast Fashion in den nächsten Jahrzehnten vorweg: Anstatt Kleider in eigenen Fabriken zu produzieren, lässt er sie von Subunternehmern im fernen Osten herstellen. Die gegen Tiefstlöhne produzierte Billigmode wird dann an den besten Adressen in europäischen Städten verkauft, beworben durch europäische Models. In Schaffhausen etwa im Vero Moda am Fronwagplatz oder im Jack and Jones an der Vordergasse.

Ein Geschäftsmodell, mit dem sich Garn zu Gold spinnen lässt: Mitte 90er-Jahre schätzt ein dänisches Wirtschaftsmagazin Troels Holch Povlsens Vermögen auf umgerechnet rund 650 Millionen Schweizer Franken. Damit kauft er sich zum Beispiel das 900 Hektaren grosse Landgut Gyllingnæs an der Ostküste, ein malerisches Anwesen auf einer Landzunge mit bestem Blick auf den Horsens Fjord.

Troels Holch Povlsen stellt die Weichen auf Dynastie. Mit seiner Frau, Merete Holch Povlsen, zeugt er die zwei Söhne Niels und Anders und beginnt früh damit, letzteren als Nachfolger aufzubauen. Alles läuft nach Plan. Doch dann lernt er auf dramatische Weise eine Lektion, die den Familienkonzern für die nächsten Jahrzehnte prägen wird: Reichtum versteckt man am besten.

Die Attacken

Das Jahr 1998 beginnt für die Familie Holch Povlsen mit Drohungen, die in den Lack ihrer Autos gekratzt wurden. Später folgen zahlreiche Erpresserbriefe, einen davon findet die Familie wenige Meter vor dem Schlafzimmer der Eltern auf dem Landgut Gyllingnæs. Der Erpresser droht der Familie mit dem Tod, es sei denn, sie würden ihm Millionen von Dänischen Kronen überweisen. Er unterzeichnet seine Briefe mit dem Kürzel R.H. – Robin Hood.

In den folgenden zehn Monaten eskalieren die Drohungen, bevor am 28. Oktober 1998 ein ehemaliger Soldat von der Polizei gefasst wird. Im Gepäck hatte er einen Elektroschocker, eine Gaspistole, Klebeband sowie einen Kanister Benzin. Sein Ziel: das Landgut Gyllingnæs.

Nur fünf Jahre später wollen indische Kriminelle die beiden Söhne entführen. Stattdessen kidnappen sie aus Versehen den Sohn eines führenden Angestellten der Bestseller Group. Der junge Mann kann befreit werden, wahrscheinlich nur dank Troels Holch Povlsens Kontakten zum indischen Establishment, die er seit seinem ersten Besuch in Kalkutta Ende der 70er-Jahre hegt und pflegt.

Diese beiden dramatischen Episoden – da sind sich die wenigen Journalisten, die sich eingehend mit der Povlsen-Familie auseinandergesetzt haben, einig – haben dazu geführt, dass sich die Holch Povlsens noch mehr aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Heute geben sie kaum noch Interviews. Ein Porträt über Anders Holch Povlsen, das im Mai 2021 in der dänischen Tageszeitung Politiken erschien, trug den Titel «Der scheue Milliardär».

Diese Verschlossenheit überträgt die Familie auch auf ihre Unternehmensstruktur. Aus dem einfachen Geschäft mit Sommerkleidern an der Westküste Dänemarks ist ein opakes Netz aus Briefkastenfirmen und Holdings gewuchert, das es der Öffentlichkeit erschwert, die dahinter versteckten Geldströme zu verstehen.

Die Briefkästen

Der dänische Journalist Søren Jakobsen spricht von einer systematischen Geheimhaltung, durch die «niemand in der Öffentlichkeit die Inhalte, Einnahmen und Steuerzahlungen durchschauen kann».

Einerseits bedient sich die Famile dazu ausgeklügelter Tricks. Aber auch sehr simplen: Es gehört zu den Eigenheiten des Firmenimperiums, dass die Povlsens viele der Aktien- und Holdinggesellschaften, auf die sie ihr Familienvermögen verteilen, nach wichtigen Daten benannt sind. Zahlenreihen, die man sich nur schwer merken und schlecht auseinanderhalten kann.

Obwohl die Kleidermarken der Bestseller Group Anfang der 2000er-Jahre die Einkaufsstrassen der grossen europäischen Metropolen säumen, weiss kaum jemand, dass dahinter eine dänische Firma mit dem kryptischen Namen «Aktiengesellschaft vom 25.3.1983» steht.

Der Methode bedient man sich auch, als der Generationenwechsel eingeleitet wird. Als Anders Holch Povlsen, der älteste Sohn und auserwählte Kronprinz des Modeimperiums, im Januar 1994 im Alter von 22 Jahren zum CEO der Kleidermarke Vila wird, benennt sein Vater die Firma kurzerhand in «Aktiengesellschaft vom 4.1.1994» um.

Als Anders 28 Jahre alt ist, folgt der nächste grosse Schritt: Durch eine Aufspaltung der «Aktiengesellschaft vom 25.3.1983» geht die Bestseller Group von Troels Holch Povlsen an seinen Sohn Anders über. Das Geschenk hat aber einen Haken: Seine Eltern übergeben ihm zwar die Firma, behalten aber vorerst genug Aktien, um ihn weiter überstimmen zu können. Anders Holch Povlsen wird also zum Multimillionär in Ausbildung.

Noch wichtiger: Die Eltern behalten das lukrative Chinageschäft der Bestseller Group ganz in ihren Händen. Diese Firma – Bestseller Fashion Group China Limited – hat sich seit 1996, als Troels Holch Povlsen sie mit zwei weiteren Dänischen Geschäftspartnern eröffnete, rasant entwickelt (Troels Holch Povlsen hält 50 Prozent der Aktien, seine Geschäfttspartner je 25 Prozent). So rasant, dass die beiden Geschäftspartner 2012 auf einer chinesischen Liste der reichsten Ausländer mit einem Vermögen von umgerechnet 800 Millionen Franken aufgeführt werden.

Die innerfamiliäre Stabsübergabe ist also erst wirklich erfolgt, wenn Anders den Schlüssel zu dieser Goldmine in den Händen hält.

Genau das geschieht im Jahr 2010, und es geschieht in Schaffhausen. Auch hier tun die Povlsens das, was sie so gerne tun: Komplizierte Firmenkonstrukte bauen. Am 19. Mai 2010 wird die Holch Povlsen Schweiz AG vorerst in Zürich gegründet, nur um sie einen Monat später nach Schaffhausen zu verlegen. Wiederum einen Monat später wird die noch junge Firma bereits wieder gespalten: einmal in die 1.8.1996 AG – benannt nach dem Datum, als die beiden Geschäftspartner von Troels Holch Povlsen in China ankamen –, einmal in die Holch Povlsen Schweiz AG. Im Spaltungsplan, welcher der AZ vorliegt, wird ersichtlich, dass die Holding in einen Briefkasten, der alle Immobilienbeteiligungen hält, und in einen, der alle Beteiligungen am Modegschäft besitzt, gespalten wird. Wir nennen die beiden Firmen deswegen einfachheitshalber «Mode-Briefkasten» und «Immobilien-Briefkasten».

Zwar bleibt Troels Holch Povlsen bei beiden Schaffhauser Briefkästen Alleinaktionär. Aber lediglich auf dem Papier und nur für kurze Zeit. Einen Tag nach der Spaltung in Schaffhausen wird in Dänemark eine Holding eingetragen, die prompt alle Aktien des Mode-Briefkastens übernimmt. Ihr neuer Besitzer: Anders Holch Povlsen. Sein Vater behält währenddessen das Immobiliengeschäft für sich. Die beiden Briefkästen von Vater und Sohn befinden sich bis heute an der selben Adresse.

Gemeinsam haben die beiden Schaffhauser Firmen auch, dass sie sehr reich sind: Während der Immobilien-Briefkasten Beteiligungen im Wert von 176 Millionen übernimmt, erhält der Mode-Briefkasten Beteiligungen im Wert von über 294 Millionen Franken. Die wertvollsten davon: 50 Prozent Anteil an der Bestseller Fashion Group China Limited – dem hochprofitablen Chinageschäft. Ausserdem besitzt hält der Mode-Briefkasten auch Anteile an weiteren Unternehmen in den Niederlanden, der Schweiz und in Singapur – Platz 4, 5 und 9 auf der Rangliste der Steueroasen der NGO Tax Justice Network.

Ein Ausschnitt aus dem Firmenimperium der Schaffhauser Briefkästen. (Grafik: Andrina Gerner)

Fazit dieses treuhänderischen Hütchenspiels: Mit nur einer Spaltung schenken Troels und Merete Holch Povlsen ihrem Sohn 294 Millionen Franken, und wichtiger, die Schlüssel zum Chinageschäft.
Wahrscheinlich ganz ohne Steuern: Das Verschieben von Vermögen durch eine Holdingspaltung an die nächste Generation ist in der Schweiz grundsätzlich steuerfrei. Die AZ hat dem Anwalt, der die Spaltung für eine grosse Rechtskanzlei begleitet hat und bei beiden Firmen bis heute im Verwaltungsrat sitzt, Anfang Woche eine Gesprächsanfrage geschickt. Doch er lehnte ab, er könne «so kurzfristig nicht telefonieren». Die schriftliche Frage blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Der Schaffhauser Briefkasten macht Sohn Anders Holch Povlsen auf einen Schlag sehr reich und dann noch viel reicher: 2016 berichtet die dänische Wirtschaftszeitung Finans, dass der Schaffhauser Briefkasten im Jahr zuvor umgerechnet rund 190 Millionen Franken Gewinn erzielte. Das ist doppelt so viel wie der gesamte Rest des Firmennetzwerks. Mit Blick auf die komplizierte Firmenstruktur in Schaffhausen bilanzierten die dänischen Journalisten damals: «Dies könnte darauf hindeuten, dass Anders Holch Povlsen die chinesischen Anteile seines Vaters übernommen hat, was jedoch nicht überprüft werden kann.» Die Recherche der AZ kann diese Vermutung nun bestätigen.

Das System dahinter funktioniert vereinfacht so: Im Chinageschäft fallen Gewinne an, die als Dividenden zuerst an die Holding in Hong Kong und anschliessend in den Mode-Briefkasten in Schaffhausen fliessen. In der Schweiz unterliegen diese Dividenden zwar den – im internationalen Vergleich sehr tiefen – Unternehmenssteuern, können aber bis auf fünf Prozent weiter reduziert werden. Danach schüttet die Firma Geld nach Dänemark aus.

Troels und Merete Holch Povlsen schenken ihrem Sohn 294 Millionen und das Chinageschäft – wahrscheinlich steuerfrei.

Anhand der Unterlagen des dänischen Handelsregisters lässt sich ausrechnen, wie viel Geld dort seit 2015 durch den Schweizer Durchlauferhitzer in die Taschen von Anders Holch Povlsen geflossen ist: über 610 Millionen Schweizer Franken. Würde man das in 100-Franken-Noten sauber bündeln, man bräuchte rund 277 Briefkästen, um das ganze Geld darin zu stapeln.

Heute ist Anders Holch Povlsen der reichste Däne. Sein Vermögen wird von Forbes auf 6.9 Milliarden Dollar geschätzt. Er ist neben seinem eigenen Modekonzern auch als Grossaktionär an den Onlinehändlern Zalando und Asos beteiligt. Und er ist auch der grösste Grundbesitzer in Schottland: Er besitzt mehr Land als der König und die Church of England zusammen.

Während sein Sohn Anders Multimilliardär wurde, hat sich der Vater Troels seinem eigentlichen Interesse widmen können: historische Gebäude aufkaufen und restaurieren. Es ist so etwas wie ein Pensionsprojekt.

Die Verschwiegenheit

Zwar läuft der grösste Teil von Troels Holch Povlsens neuem Firmenimperium über eine dänische Muttergesellschaft, doch einige Bereiche – Immobilien an bester Lage sowie eine Investmentfirma – gehören dem zweiten Briefkasten, der aus der Spaltung 2010 hervorgegangen ist – dem Immobilien-Briefkasten. In London etwa besitzt der Briefkasten ein Gebäude an bester Lage im Stadtteil Mayfair. In der Stadt Bath – ein beschaulicher Kurort im Südwesten von England – besitzt die Firma zwei schöne klassizistische Bauten. In den vergangenen fünf Jahren erzielte die Immobilienfirma gemäss Finanzberichten aus dem britischen Handelsregister einen Gewinn von umgerechnet 21,5 Millionen Franken.

Wie viel davon nach Schaffhausen fliesst, ist unklar: Die Schweizer Muttergesellschaft ist in der Schweiz im Gegensatz zu Dänemark und Grossbritannien nicht verpflichtet, ihren Finanzbericht zu veröffentlichen.

Überhaupt gibt man sich in der Schweiz lieber bedeckt. Viele Treuhänder und Steuerexperten, die die AZ für diese Recherche kontaktiert hat, wollten lieber keine Auskunft geben. Die, die trotzdem sprachen, taten dies nur anonym. In der Schweiz gibt es zudem kein Register für wirtschaftlich Berechtigte von Unternehmen – Angaben darüber, wem die Firma effektiv gehört –, was international eigentlich zum Standard gehört. Diese Reportingpflichten sind für die Unternehmen aufwendig und kostspielig, für die Öffentlichkeit aber zentral. Dass hinter den beiden Schaffhauser Briefkästen ein dänischer Modekonzern steckt, erfährt man nur im dänischen Handelsregister.

Für Konzerne und Familien wie die Povlsens sind das alles Standortvorteile: Neben tiefen Steuern finden sie hier genau das, was sie am zweithöchsten gewichten: Verschwiegenheit.

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Dieser Text entstand mit finanzieller Unterstützung des AZ-Recherche­fonds «Verein zur Demontage im Kaff». Der Fonds fördert kritischen, unabhängigen Lokaljournalismus in der Region Schaffhausen, insbesondere investigative Recherchen der Schaffhauser AZ. Spenden an den Recherchefonds: IBAN CH14 0839 0036 8361 1000 0.

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