FC Schaffhausen Archive - Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/tag/fc-schaffhausen/ Die lokale Wochenzeitung Mon, 11 Mar 2024 10:42:32 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.4.7 https://www.shaz.ch/wp-content/uploads/2018/11/cropped-AZ_logo_kompakt.icon_-1-32x32.jpg FC Schaffhausen Archive - Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/tag/fc-schaffhausen/ 32 32 Das Haus Fontana https://www.shaz.ch/2024/03/11/das-haus-fontana/ https://www.shaz.ch/2024/03/11/das-haus-fontana/#respond Mon, 11 Mar 2024 10:28:52 +0000 https://www.shaz.ch/?p=8298 Die Witwe des früheren FCS-Besitzers Aniello Fontana muss Konkurs anmelden. Aufstieg und Fall eines Familienimperiums. Auf dem Höhepunkt seiner Blüte glich das Haus Fontana einem kleinen Imperium. Dazu gehörten ein Profifussballclub, der FC Schaffhausen, weiter eine der grössten Immobilienfirmen der Region, ein Vier-Sterne-Hotel, eine Grafik- und eine Hauswartungsfirma, eine diamantförmige Villa. Jeden Monat erhielten 240 […]

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Die Witwe des früheren FCS-Besitzers Aniello Fontana muss Konkurs anmelden. Aufstieg und Fall eines Familienimperiums.

Auf dem Höhepunkt seiner Blüte glich das Haus Fontana einem kleinen Imperium. Dazu gehörten ein Profifussballclub, der FC Schaffhausen, weiter eine der grössten Immobilienfirmen der Region, ein Vier-Sterne-Hotel, eine Grafik- und eine Hauswartungsfirma, eine diamantförmige Villa. Jeden Monat erhielten 240 Angestellte und eine Fussballmannschaft samt Betreuer pünktlich ihren Lohn. Wir schreiben von einem kleinen Imperium, weil sich sein Einfluss über fast vierzig Jahre rasant vergrösserte, und weil an der Spitze all jener Äste stets Aniello und Agnes Fontana standen, die Oberhäupter des Hauses.

Jetzt, im Februar 2024, steht ein kurzer Text im Amtsblatt: «Vorläufige Konkursanzeige Agnes Fontana.» Das Kantonsgericht hat den Konkurs über ihr privates Vermögen eröffnet. Als wir sie anrufen, erwidert sie freundlich, sie gebe keinen Kommentar dazu ab.

Die Kunsteisbahn
Die Geschichte des Hauses Fontana beginnt in einem Tram. Agnes Hubli, siebzehn Jahre alt, fuhr jeden Tag von Schaffhausen nach Neuhausen. Sie arbeitete in der SIG, im Büro. Mit ihr im Tram sass Aniello Fontana, ein Jahr älter. Auch er arbeitete in der SIG, als Maschinenschlosser. Sie beobachteten sich heimlich. So erzählten sie es einmal einer Reporterin des Schaffhauser Magazins, die das Paar besuchte.

Auf den ersten Blick waren sie recht unterschiedlich. Agnes Hubli stammt aus einer Mittelstandsfamilie. Ihr Vater arbeitete sich vom Hilfsarbeiter zum Inhaber eines Handwerkerbetriebs hoch. «Ich bin geborgen aufgewachsen», sagte sie rückblickend, «aber im Wissen, dass man im Leben kämpfen muss.» Aniello Luca Giulio Orazio Fontana kam mit neun Jahren aus Süditalien in die Schweiz, in Begleitung seiner alleinerziehenden Mutter. Ihr ganzer Besitz war in einem Koffer verstaut. Als junger Mann schwor sich Aniello, so viel Geld zu verdienen, dass er nie mehr von jemandem abhängig sein würde.

An einem Nachmittag im Januar 1965 trafen sich Aniello Fontana und Agnes Hubli auf der neu eröffneten Kunsteisbahn in Schaffhausen. Das Spiel «Paarfangen» war gerade angesagt. Danach begleitete er sie nach Hause, und die beiden wurden ein Paar. Drei Jahre darauf, im Sommer 1968, heirateten sie. Erst dann zogen sie zusammen. Sie hatten das Konkubinatsverbot geachtet, das es unverheirateten Paaren untersagte, unter einem Dach zu wohnen.

Eine Zeitlang lebten die Fontanas ein kleinbürgerliches Leben. Sie seien sich charakterlich eigentlich gar nicht so unähnlich, beide ein bisschen pingelig, ein bisschen Stubenhocker, erzählten sie.

Sie kümmerte sich um den Haushalt und die drei Kinder. Er kümmerte sich ums Geschäft, denn er war ein sehr talentierter Händler. «Wenn Aniello einen Fünfliber auf dem Trottoir fand», erzählt ein ehemaliger Geschäftskollege, «machte er daraus eine Tausendernote.» Mit dem Verkauf von Küchen und alten Autos hatte Aniello Fontana Ende der Siebzigerjahre genug Geld beisammen, um erste Häuser zu kaufen.

1985 gelang den Fontanas – beide waren inzwischen Ende dreissig – ein grosser Schritt vorwärts: Sie kauften die Ritter Immobilien, eine gut aufgestellte Firma aus dem Städtchen Neunkirch. In der Branche rätselt man bis heute über den Kauf. Manche heben Agnes Fontanas Rolle hervor, sagen, ohne ihr Kapital sei die Übernahme nicht möglich gewesen. Die Fontanas waren nun zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten im Immobiliengeschäft geworden.

Sie kauften ein 2500 Quadratmeter grosses Grundstück am südlichen Rand Neunkirchs. Darauf liessen sie eine diamantförmige Landhausvilla bauen. Die Eingangshalle allein ist 30 Quadratmeter gross. Der Boden besteht aus Marmor. In der Küche gibt es einen Pizzaofen. Das Wohnzimmer ist mit breiten Fensterfronten versehen, aus denen man auf einen grossen Garten blickt. Über eine Wendeltreppe gelangt man hinunter zum Hallenbad, das eine Gegenstromanlage besitzt. Ein Raum weiter befindet sich ein mit dicken Mauern und Türen gesicherter Schutzraum.

Der Fussballclub
Juni 2013. In den Schaffhauser Nachrichten erschien ein Artikel mit dem Titel «Aniello Fontana regelt die Nachfolge». Das Haus Fontana stand im Zenit seiner Macht.

Vom Neunkircher Diamanten aus hatten Agnes und Aniello Fontana ihr Reich vergrössert. Mehr Häuser waren hinzugekommen, mehr Angestellte, mehr Einladungen zu gesellschaftlichen Anlässen, und sogar ein Fussballclub.

Die Übernahme des FC Schaffhausen war fast so erstaunlich wie der Kauf der Immobilienfirma Ritter. Aniello Fontana hatte nie Fussball gespielt. Er war Captain eines Curlingteams. Als ihn ein Curlingkollege fragte, ob er den FCS übernehmen wolle, habe er geantwortet: «Danke, aber ich verstehe nichts von Fussball.»

Zwei Wochen später hatten die Fontanas ihre Meinung geändert. Sie erkannten wohl die guten geschäftlichen Aussichten, die ein Engagement bei einem Fussballclub bot; das Netzwerk, die öffentliche Präsenz, das Informelle bei einer Zigarre. Aniello Fontana kümmerte sich weiterhin ums Geschäft, und Agnes richtete eine VIP-Lounge im ersten Stock des Containerkiosks im Stadion Breite ein. Die Werbeeinnahmen stiegen auf 800 000 Franken pro Saison. Neu gab es Klopapier mit aufgedrucktem Klublogo und süsse «FCS-Rasenplätz» in Confiserien.

Tatsächlich wuchs das Haus Fontana immer weiter, und die eine Million Franken, die man fast jedes Jahr für das verlustreiche Fussballgeschäft einschiessen musste, war verschmerzbar. Wir schreiben verschmerzbar, rein buchhalterisch gesehen, aber auch emotional. Denn der Fussball und dieser Club wuchsen ihnen ans Herz (und das Geschäft lief ja auch nicht schlecht).

Neben dem Zeitungsartikel war ein Foto der Familie Fontana abgedruckt. Als elegant gekleidete Patrons schauen Agnes und Aniello in die Kamera. Neben ihnen stehen ihre drei Kinder. Agnes hatte die Aufnahme orchestriert. Die Kinder und ihre Ehepartner mussten sich dem Alter nach aufstellen. Links im Bild ist Andrea zu sehen, die Älteste, Jahrgang 1974. Sie lebte für den FCS. Schon mit Anfang zwanzig stieg sie beim Marketing des Klubs ein. Zu Andreas Rechten steht Diana Bianca, Jahrgang 1977. Früher einmal Miss Schaffhausen und bald auch im Marketing des FCS angestellt. Hinter Diana steht Fabio Aniello, der Jüngste, Jahrgang 1979. Wie sein Vater hat Fabio eine Lehre als Maschinenschlosser abgeschlossen. Mit dem FCS hatte er laut Bekannten wenig am Hut, er stieg schon früh in den familieneigenen Immobilienbetrieb ein. Für Mitglieder des Hauses Fontana gab es keine Türschwellen.

Die Familie Fontana im Jahr 2013. (Archiv Schaffhauser Nachrichten)

In fünfzig Jahren hatten Agnes und Aniello Fontana ein kleines Imperium erschaffen, das nun in eine Dynastie übergehen sollte. Andrea, Diana und Fabio übernahmen die Immobiliengeschäfte. «Das Werk muss weiter bestehen», sagte Tochter Andrea. Nur der Fussballclub blieb im Besitz der Eltern.

«Wenn ich Eltern und Kinder bei den Spielen getroffen habe», sagt Heinz Rähmi, jahrelang Fussballfunktionär und Gönner des FCS, «war ich immer beeindruckt: Diese Familie hält zusammen, egal, was kommt.»

Das Denkmal
In diesen goldenen Jahren hatte Aniello Fontana eine Vision. Er wollte ein neues Stadion bauen. Zunächst dachte er in gewaltigen Dimensionen. Der erste Projektentwurf sah Kosten von 150 Millionen Franken vor. Mit der Zeit wurde das Projekt auf 60 Millionen Franken reduziert. Ohne neues Stadion würde es keinen Profifussball mehr in Schaffhausen geben, wiederholten die Fontanas immer wieder. In ihrer Rhetorik gab es keine Alternative. Anfang 2017 wurde das neue Stadion im Herblingertal eröffnet.

Kritiker warfen ihnen vor, es gehe nur darum, sich ein Denkmal zu setzen. Und auch wenn die Fontanas tatsächlich an die Alternativlosigkeit des Stadions glaubten, ist es doch ein Denkmal geworden. Und die Sache mit Denkmälern ist, dass es immer Kosten gibt. Auf die Baukosten folgten die Hypothekarkosten und die Betriebskosten und die Unterhaltskosten. 630 000 Franken fielen dafür jedes Jahr laut einem internen Geschäftsplan an.

2012, als das neue Stadion in Herblingen noch ganz am Anfang stand. © Peter Pfister

Agnes und Aniello Fontana begannen, Häuser und Wohnungen zu verkaufen, um jene Kosten zu finanzieren. Innert sechs Jahren, zwischen 2014 und 2020, verkauften sie 19 Wohnungen, vier Wohngebäude, zwölf Stockwerkeinheiten und das Hotel Chlosterhof in Stein am Rhein (gemäss Schaffhauser Amtsblatt). Ausserdem wurde das Aktienkapital des Hotels in der Höhe von 2,4 Millionen Franken vernichtet.

Gleichzeitig wurde Aniello Fontana krank. Während seiner Lehre war er in Kontakt mit Asbest gekommen, was nun, fünfzig Jahre später, zu einem unheilbaren Tumor im Brustfell führte. Schwer krank, im Spitalbett, gab er ein Interview über die Eröffnung des Stadions. Neben ihm wachte Agnes Fontana über das Gesagte. «Immer hat mich meine Frau ermutigt, weiterzumachen», sagte er. Er starb am 20. Januar 2019 im Alter von 71 Jahren.

Die Fontanas verkauften den Klub an Roland Klein – 28 Jahre nach der Übernahme, zu einem Zeitpunkt, da die Fontana-Enkel und selbst die Kinder gar nichts anderes kannten, als am Wochenende zu den Spielen zu gehen und sich irgendwie für den Klub verantwortlich zu fühlen. Aber recht plötzlich mussten sie ihren Klub, ihre Arbeitsstelle verlassen. Auch die Diamantvilla in Neunkirch traten sie ab. Laut Anzeige betrug der Preis 2,55 Millionen Franken.

Eine Firma aber behielt Agnes Fontana, eine Einzelfirma namens Fontana Invest II. Damit gehörte ihr weiterhin ein Teil des Stadions. Nämlich alles, was mit Fussball zu tun hat: Spielfeld, Tribünen, Imbissstände. Ihr gehörte also ein halbes Stadion ohne Fussballclub. Aber irgendwie fühlte sie sich immer noch für alles verantwortlich.

Ohne Agnes Fontana, darin sind sich viele Bekannte der Fontanas einig, hätte es das Haus Fontana nie zu derart grosser Blüte gebracht. In all den Jahren befolgte sie eine Regel: Bleibe im Hintergrund. Nun, im Mai 2020, inmitten der Coronapandemie, brach sie diese Regel. Sie gab dem Blick ein grosses Interview.

Roland Klein, dem neuen Besitzer des FC Schaffhausen, warf sie vor, die Miete nicht zu bezahlen (wegen der Pandemie war sie bereits gezwungen gewesen, den Mietzins zu senken – angesichts der hohen Kosten eine ruinöse Angelegenheit). Sie drohte, den Klub aus dem Stadion zu werfen. Der Verkauf des FCS sei ein Fehler gewesen, sagte sie. «Es ist kein Herzblut mehr im Verein. Hätten wir die Möglichkeit, würden wir als Familie den Klub zurücknehmen.»

Kurz darauf meldete sich die Baufirma, die das Stadion im Auftrag der Fontanas erstellt hatte. Die Einzelfirma Fontana Invest II schulde ihr noch 3,2 Millionen Franken für den Bau. Wie bei Einzelfirmen üblich, haftete die Inhaberin Agnes Fontana mit ihrem privaten Vermögen für die Schulden. Trotzdem blieb sie hartnäckig. Sie behielt das Stadion, das Denkmal der Fontanas, und das Denkmal frass weiterhin Geld. Hypothekarkosten, Betriebskosten, Unterhaltskosten.

In der Familie war man besorgt. Man stritt sich. Im Grunde ging es darum, wie sehr sich die Familie noch mit dem Klub identifizierte. Einem Klub, den der Patron und die Patronin erst gar nicht übernehmen wollten, der dann zur Säule beim Aufbau ihres kleinen Imperiums wurde, und der es am Schluss beinahe zum Einstürzen brachte. Schliesslich, im September 2021, gab Agnes Fontana nach und trat ihren Teil des Stadions ab.

«Der Verkauf von Klub und Stadion war das Richtige für die Familie», sagt ein Mitglied der Familie Fontana. «Nicht für den Familienfrieden, aber für die Familie.»

Die Türschwelle
Das Haus Fontana ist mit dem ruinösen Bau des Stadions nicht nur geschrumpft. Seit dem Verkauf des Denkmals in Herblingen gibt es auch Türschwellen.

Agnes Fontana musste Mitte Februar 2024, kurz vor ihrem 76. Geburtstag, Konkurs anmelden. Wie vom Gesetz vorgeschrieben, fällt auch ihr privates Vermögen – Schmuck, Bargeld, Kunstwerke et cetera – in die Konkursmasse.

Fabio, das jüngste Kind, führt das Immobiliengeschäft mit der Firma Ritter und einem Hauswartungsbetrieb. Laut Website arbeiten dort insgesamt 39 Leute. Vor Kurzem gab Fabio Fontana bekannt, dass man ein Fitnessstudio für die Mitarbeitenden eingerichtet habe («die Work-Life-Balance beginnt bei uns!»). Ausserdem führte er die Vier-Tage-Woche ein: 34 Stunden Arbeitszeit statt 42 Stunden bei gleich bleibendem Lohn. Auf den Konkurs seiner Mutter am Telefon angesprochen, sagt er: «Dazu kann ich keine Stellung nehmen. Danke.»

Diana, das mittlere Kind, arbeitete nach dem Verkauf des FC Schaffhausen noch eine Weile unter dem neuen Klubbesitzer.

Andrea, die Älteste, hat ihren Anteil am Familienbetrieb verkauft. Zusammen mit ihrem Ehemann sowie ihren drei Kindern hat sie eine eigene Immobilienfirma im Kanton Thurgau gegründet. Sie wollen sich nicht zum Konkurs äussern.

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Das Ökosystem Berformance https://www.shaz.ch/2023/12/01/das-oekosystem-berformance/ https://www.shaz.ch/2023/12/01/das-oekosystem-berformance/#respond Fri, 01 Dec 2023 07:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=8046 Alles unklar beim FC Berformance Schaffhausen. Während die Verant­wortlichen eine sonderbare Show abziehen, lassen neue Recherchen den Hauptsponsor noch dubioser erscheinen. 24. November 2023, kurz vor 17 Uhr. Wir stehen vor dem Stadion des FC Schaffhausen in Herblingen. Es nieselt. In wenigen Minuten soll eine Pressekonferenz stattfinden, die vor vier Monaten angekündigt worden ist. In […]

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Alles unklar beim FC Berformance Schaffhausen. Während die Verant­wortlichen eine sonderbare Show abziehen, lassen neue Recherchen den Hauptsponsor noch dubioser erscheinen.

24. November 2023, kurz vor 17 Uhr. Wir stehen vor dem Stadion des FC Schaffhausen in Herblingen. Es nieselt. In wenigen Minuten soll eine Pressekonferenz stattfinden, die vor vier Monaten angekündigt worden ist. In diesen vier Monaten schien sich dieser 24. November bei den Klubverantwortlichen als Endpunkt einer Erlösungsfantasie etabliert zu haben, immer dazu da, unerwünschte Fragen ins Unbestimmte abzuweisen. Und unerwünschte Fragen gibt es viele.

Im Juli wurde bekannt, dass der FC Schaffhausen einen neuen Hauptsponsor namens Berformance gewonnen hat. Auch das Stadion in Herblingen trägt den Namen des Unternehmens.

Ein Undercovereinsatz hatte uns Ende September in die VIP-Lounge von Berformance geführt (lesen Sie hier die Reportage). Dabei blickten wir ins Innere eines äusserst perfiden Systems: Berformance verspricht gutgläubigen Menschen absurd hohe Gewinne, wenn sie Geld investieren. Das Geld soll sich innert dreier Jahre verdreifachen. Bislang sind tausende Leute darauf angesprungen. Worin das Geld investiert wird, ist unklar. In den Verträgen, die Berformance vorlegt, gibt es keine konkreten Angaben.

Absolut schleierhaft ist deshalb, wie die traumhaften Renditen zustande kommen sollen.

Wir betreten das Stadion. Vorbei an Wänden aus Sichtbeton führen Betonstufen hinab in die Katakomben. In einem fensterlosen Raum findet die Pressekonferenz statt. Eine Wand ist mit gelber Tapete überzogen, darauf die Logos von FCS und Berformance.

Roland Klein, der Klubpräsident, erscheint im Raum, an Krücken gehend. Er musste sein Knie operieren lassen. Deshalb hat er sich schon im August aus der Klubleitung zurückgezogen. Seither treibt der FCS wie ein antriebsloses Schiff umher. Am liebsten würde Roland Klein den Klub verkaufen. Es gibt auch einen Interessenten. Aber die Verhandlungen ziehen sich in die Länge.

Klein geht schweigend nach hinten und setzt sich auf einen Stuhl in einer Ecke. Den ganzen Abend wird er schweigen. Als sei er gar nicht der Alleinaktionär dieses Vereins, sondern bloss ein interessierter Bürger.

FCS-Besitzer und -Präsident Roland Klein schweigt im Hintergrund. © Robin Kohler

Bigboss Lux

Um Punkt 17 Uhr beginnt die Medienkonferenz. Anwesend sind einige Klubverantwortliche sowie der Gründer und CEO von Berformance.

Ein Video läuft auf einem Bildschirm: Ein riesiges Schild mit dem Berformance-Logo wird am Stadion angebracht, begleitet von dramatischer Musik.

Als Erster erhält Massimo Balloi das Wort. Er arbeitet auf der Geschäftsstelle des Klubs. Mit Freude könne er uns heute mitteilen, sagt er, dass Berformance – er spricht den Namen stets als «Performance» aus – bis zum Sommer 2025 Trikotsponsor des Klubs bleibe. Zusätzlich ist Berformance bis Mitte 2026 Namensgeber des Stadions.

Dann räuspert sich Christian Lux, der Bigboss von Berformance (so wird er vom FCS-Mediensprecher vorgestellt). Ein grosser, gutgekleideter Mann. Über seine Biografie gibt es nur wenige Informationen: Jahrgang 1976, aufgewachsen in Potsdam, Brandenburg. Ruderer in der Jugend. Auf Instagram folgt er seinen grossen Träumen: Businesscoachs und Kryptoinfluencer und Dutzenden von Profilen mit Fotos von leichtbekleideten jungen Frauen.

Über Christian Lux’ Ausbildung oder sein Berufsleben ist nur bekannt, dass er kurz bei einer kleinen Immobilienfirma beteiligt war. 2019 gründete er mit Andreas Baese Berformance. Baese war zuvor bei zwei betrügerischen Firmen involviert, die Kundinnen und Kunden mit vollmundigen Gewinnversprechen in die Irre führten. Erst mit Autos, dann mit Hochleistungscomputern. Die Justiz schaltete sich ein.
Bei Berformance ist die Rede von angeblichen Rechenzentren, die fantastische Gewinne abwerfen würden. Aber niemand konnte uns sagen, wo sich diese Anlagen befinden sollen (als wir doch einmal auf ein Rechenzentrum in Norwegen stiessen, stellte sich heraus, dass Berformance keine Geschäftsbeziehung zu diesem Zentrum pflegte). Darüber hinaus gibt es ein grundsätzliches Problem: Sämtliche Informatiker, die wir kontaktiert hatten, sagten, dass solche Rechenzentren ganz bestimmt nicht derart hohe Renditen abwerfen würden.

Vielleicht kann uns Christian Lux nun aufklären?

«Wir machen Dinge nicht selbst», beginnt Christian Lux. «Wir bieten Vertriebsdienstleistungen an, ja? Also wir sind ein Unternehmen, das Vertrieb und Marketing für Dritte macht. Zu uns kommen Unternehmen, die ein Geschäftsmodell haben, und sagen: Vertreiben können wir es nicht, aber ihr seid möglicherweise in der Lage, es professionell zu vertreiben, an Endkunden, an Businesskunden. Und genau das tun wir.»

Je länger Lux redet, desto allgemeiner, unkonkreter, unverständlicher wird er.

«In einem Satz würde ich sagen: Berformance ist Marketing- und Vertriebsdienstleister für Dritte. Allerdings in einem ganz speziellen Segment.»

Lux spricht schnell, geschliffen. Als ob er an einem Seminar für Start-up-Gründer auftreten würde, reiht er Begriffe aneinander, die in der Investorengemeinde gerade en vogue sind.

«Alles, was wir tun und vertreiben, hat etwas zu tun mit: Blockchain, künstliche Intelligenz, Hardware und Software. Im Bereich: Digitalization, Sustainability, Health Care, Edutainment, Experience …»

Die Klubverantwortlichen schauen zufrieden ins Publikum. Roland Klein schweigt.

Seit Juli 2023 trägt das FCS-Stadion den Namen des Sponsors.

Dann dürfen wir eine Frage stellen: Herr Lux, können Sie mal ganz konkret erklären, wie Ihr Unternehmen Geld verdient?

Man habe Verträge mit Partnerfirmen, und man erhalte eine Kommission, antwortet Christian Lux. «So wie ein Autohändler eine Marge erhält, wenn er ein Fahrzeug verkauft.»

Die Partnerfirma

Das grosse Geld, das Berformance verspricht, hängt also von unbekannten Partnerfirmen ab – auf diese Erklärung sind wir vorbereitet. Wir haben uns eine der angeblich wichtigsten Partnerfirmen angeschaut: i-HPC International, gegründet im Frühling 2022 in der estnischen Hauptstadt Tallinn. «i-HPC betreibt Rechenzentren in ganz Europa», heisst es in einem kürzlich veröffentlichten Werbevideo von Berformance.

Im estnischen Firmenregister ist der neuste Jahresabschluss von i-HPC zu finden. Ende 2022 besass das Unternehmen ein Vermögen von 2500 Euro. Wenn eine Firma nur schon ein einziges Rechenzentrum betreibt, müsste dieser Betrag viel höher sein. Ein kleiner Prozessor allein kostet bereits mehrere Tausend Euro.

Im erwähnten Werbevideo von Berformance wird auch behauptet, man habe «speziell angepasste Hardware entwickelt». Die speziell angepasste Hardware findet man mit einer kurzen Suche: Es sind anscheinend Produkte eines chinesischen Unternehmens, die als eigene Produkte ausgegeben werden. Beim Onlineversand Alibaba zurzeit für 7000 US-Dollar pro Stück zu kaufen.

Diese chinesische Hardware soll eine Rechenleistung «von mehreren Petaflops erreichen». Über die Einheit Petaflop muss man an dieser Stelle nur so viel wissen: Das Supercomputerzentrum der ETH Zürich erbringt 25 Petaflops. Mit einem Millionenbudget.

Und das ist noch nicht alles. Hochrangige Berformance-Leute sind an Partnerfirmen wie i-HPC beteiligt, was durch komplizierte Firmenkonstrukte verschleiert wird. Die Partnerfirmen sind also Teil eines künstlichen Ökosystems, das Berformance wohl aufgebaut hat, um sich einen glaubwürdigen Anstrich zu geben. Bei näherem Hinschauen erinnert dieses Ökosystem an eine Filmkulisse.

Mutmasslich funktioniert das System Berformance so lange, wie weitere gutgläubige Menschen Geld investieren. Und zurzeit funktioniert es. Das eingesammelte Geld ist auf ein Vermögen von 33 Millionen Euro angewachsen, wie die neusten Geschäftszahlen zeigen (nicht von Berformance selbst, sondern von der Firma im Ökosystem, die als Geldspeicher dient).

Unerfülltes Versprechen

Christian Lux redet noch ein bisschen weiter. Seine Versprechungen werden nicht kleiner. «Wir sehen den FCS, auch wenn jetzt alle lächeln, in der Super League», sagt er. Dann meldet sich auch Süha Demokan, der an Roland Kleins Stelle den Klub führt, zu Wort. Er spricht von «gemeinsam angedachten Projekten», wie zum Beispiel einem «Zutritt zum Stadion als digitale Erlebniswelt».

Nach 21 Minuten und 20 Sekunden bricht der Mediensprecher die seit vier Monaten geplante Fragerunde ab. Man habe keine Zeit mehr, denn heute Abend stehe noch ein Spiel gegen Neuchâtel Xamax an.

Die Medienschaffenden dürfen Christian Lux und Interimschef Süha Demokan einzeln befragen. Sie haben zwei, höchstens drei Minuten Zeit. Der FCS-Mediensprecher stoppt die Zeit mit seinem Telefon.

«Wir verfolgen kein wirtschaftliches Ziel», sagt Christian Lux zu einer Journalistin von Tele Top. «Wir wollen bekannter werden. Wenn sich der Name etwas einprägt, dann haben wir schon eine ganze Menge erreicht.»

«Ich glaube, in der heutigen Zeit mit Social Media, wo Kommentare abgegeben werden können oder Meinungen zu Firmen entstehen, wird man wahrscheinlich zu vielen Firmen etwas finden», sagt Süha Demokan, als er von der Radio-Munot-Journalistin auf die Kritik an Berformance angesprochen wird. Demokan ist bemüht, staatsmännisch zu klingen. Selbstsicher fährt er fort: «Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Wir haben rechtlich abgeklärt, Handelsregister, Strafregister et cetera, und uns fiel nichts auf, was gegen eine Zusammenarbeit sprechen würde.»

Wir gehen auf Christian Lux zu, vorbei an Roland Klein, der schweigend den Raum verlässt. «Skurriler Auftritt von Schaffhausen-Boss Klein» titelt der Blick kurz darauf.

«Herr Lux, eine Frage zu Ihrer Partnerfirma i-HPC», sagen wir. «Sie behaupten, i-HPC betreibe Rechenzentren in ganz Europa. Das Vermögen dieser Firma beträgt aber nur 2500 Euro. Das geht doch nicht auf.»

Es gäbe Rechenzentren von i-HPC an verschiedenen Standorten in Europa, erwidert Lux. «Ich könnte sie Ihnen benennen, aber wir haben uns darauf geeinigt, dass Sie den Chef von i-HPC direkt anfragen. Der wird Ihnen sagen, wo es steht.»

«Wirklich?»

«Ja. Wir kennen den Herren schon viele, viele Jahre. Der versteht sein Business seit mehr als einem Jahrzehnt sehr, sehr gut.»

Zu diesem Zeitpunkt haben wir unsere Fragen bereits an i-HPC übermittelt. Trotz der Versprechungen von Christian Lux, trotz mehrerer Nachfragen während fast einer Woche antwortet die Partnerfirma nicht.

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Club der verloren gegangenen Träume https://www.shaz.ch/2020/06/15/club-der-verloren-gegangenen-traeume/ https://www.shaz.ch/2020/06/15/club-der-verloren-gegangenen-traeume/#comments Mon, 15 Jun 2020 07:52:38 +0000 https://www.shaz.ch/?p=4714 Ein geleakter Businessplan von Aniello Fontana offenbart das ganze finanzielle Dilemma des FC Schaffhausen. Es war ein einziger grosser Chnorz. Ein Jahr ist vergangen, seit Roland Klein den FC Schaffhausen für einen symbolischen Franken übernommen und das Erbe von Aniello Fontana angetreten hat. Es war ein Jahr der negativen Schlagzeilen, der gegenseitigen Beschuldigungen und der […]

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Ein geleakter Businessplan von Aniello Fontana offenbart das ganze finanzielle Dilemma des FC Schaffhausen.

Es war ein einziger grosser Chnorz. Ein Jahr ist vergangen, seit Roland Klein den FC Schaffhausen für einen symbolischen Franken übernommen und das Erbe von Aniello Fontana angetreten hat. Es war ein Jahr der negativen Schlagzeilen, der gegenseitigen Beschuldigungen und der Erfolglosigkeit. «Schaffhausen-Zoff immer irrer», titelte der Blick, nachdem sich Anfang Mai schliesslich auch noch Agnes Fontana zu Wort gemeldet hatte. Die Witwe des langjährigen FCS-Mäzens Aniello Fontana drohte in den Schaffhauser Nachrichten damit, den Club aus dem Stadion zu werfen. Klein konterte: «Sie können uns gerne kündigen, im Hinblick auf die hohen Kosten für das Stadion würden Sie uns sogar einen Gefallen tun.»

Das Dilemma ist offensichtlich: Es ist keiner mehr da, der die Probleme des Clubs mit Geld löst. Der FCS hat jahrzehntelang nur als professioneller Fussballclub existiert, weil der Immobilienhändler Fontana unermüdlich Geld in den Verein gepumpt hat. Es begann Ende 1991 damit, als der FCS laut Vereinschronik «vor dem Ruin» stand und Fontana den Club vor dem Kollaps rettete, indem er Schulden von 1,1 Millionen Franken tilgte. Seither folgten weitere Millionen. Einige frühere Weggefährten, die anonym bleiben möchten, sagen gegenüber der AZ, Fontana habe inklusive Stadionbau 30 Millionen Franken in den Club investiert, andere nennen gar 45 Millionen.

Nur einmal schwarze Zahlen
Es heisst auch, der Club habe in den 27 Jahren unter Fontana in fast jedem Jahr ein Defizit verursacht. Einzig im Jahr 2003 habe der FCS schwarze Zahlen geschrieben. Das war, als der Verein bis in den Cuphalbfinal in Basel vorstiess und von den hohen Ticketeinnahmen profitierte, die dank der damals 27 000 Zuschauerinnen und Zuschauer zustande kamen.

Seit dem Tod von Aniello Fontana aber ist der grosse Streit ums Geld entbrannt. Bittere Ironie der Geschichte: Der ehemalige Patron des Clubs ist daran nicht ganz unschuldig.

Das Firmengeflecht
Fontana hat um den Bau des Stadions ein kompliziertes Firmengeflecht installiert. Da ist die Firma Methabau, die den Mantelteil des Stadions besitzt. Dann die Firma Fontana Invest II, deren einzige Verwaltungsrätin inzwischen die Witwe Agnes Fontana ist. Irgendwie ist die Basler WIR-Bank involviert, die beim Bau einst als Geldgeberin auftrat. Und dann gibt es die Stadion Schaffhausen AG, die eigentlich nichts besitzt und von der keiner genau weiss, wozu sie überhaupt nützlich ist, ausser vielleicht um Steuern und Sozialabgaben zu optimieren und ein paar Fans dazu zu bringen, völlig überteuerte Aktien zu kaufen und den Club damit zu subventionieren.

Jetzt allerdings zeigen sich die Schwächen dieses Konstrukts. Die verschiedenen Protagonisten haben sich verkracht und legen sich gegenseitig Steine in den Weg. Dabei sind sie aufeinander angewiesen. Ohne FCS keine Mieteinnahmen für die Fontanas und womöglich gar der Konkurs der Stadionbesitzerin Fontana Invest. Und ohne Stadion keine Spielstätte für den Club und damit unter Umständen keine Lizenz, was in letzter Konsequenz gar den Zwangsabstieg in die Niederungen des Amateurfussballs bedeuten könnte.

Es sei denn, der Club bekommt von der Stadt und der Liga tatsächlich die Erlaubnis, wieder an einen anderen Ort umziehen zu können. «Wir prüfen aktuell, ob wir wieder im Stadion Breite trainieren und spielen können, sollte es zu einer Kündigung kommen. Eine Machbarkeitsstudie ist in Abklärung, Stadtrat Raphaël Rohner habe ich darüber bereits informiert.» Das sagte Roland Klein Anfang Mai in den SN.

Wie ernst dieser Plan ist, bleibt offen. Der zuständige Stadtrat Raphaël Rohner sagt heute, einen Monat später, es sei noch kein offizielles Gesuch des FCS eingegangen, wieder auf der Breite spielen zu können. Auch das Neuhauser Stadion Langriet ist offenbar keine Option. Hier sei ebenfalls keine Anfrage gestellt worden, sagt Gemeindepräsident Stephan Rawyler. Auf die Frage, ob der Wegzug eine leere Drohung war, antwortet Roland Klein nicht.

Stadtrat Raphaël Rohner moniert derweil: «Wir verfügen zurzeit noch immer nicht über die für eine objektive Beurteilung der Situation und des effektiven Handlungsbedarfs notwendigen Informationen, vor allem in Bezug auf die Verträge und die finanzielle Lage der Eigner.» Die Stadt tappt im Dunkeln.

Klar ist einzig: Ohne FCS im Herblingertal ist Aniello Fontanas Stadion vollkommen sinnlos.

Der Businessplan von 2012
Aber um wie viele tausend Franken geht es in diesem Streit? Wie viel zahlt der Club für die Nutzung des Stadions? Ist es wirklich zu teuer, oder ist das nur eine Ausrede?

Roland Klein und Methabau schweigen. Laut Agnes Fontana und den SN zahlt der Club derzeit 350 000 Franken Miete pro Jahr, wovon 200 000 für den Stadionteil und 150 000 für den Mantelteil (Garderoben, VIP-Bereich, Büros und Sitzungszimmer) anfallen.

Klar ist: Auf der Breite waren die Kosten deutlich tiefer. In der Challenge League verlangte die Stadt als Vermieterin 20 000 Franken pro Jahr, in der Super League 40 000. Das gibt die Stadt gegenüber der AZ bekannt.
Zum Vergleich: Der FC Wil bezahlt laut der Stadionbesitzerin, der Stadt Wil, jährlich eine Miete von 27 500 Franken sowie einen Infrastrukturbeitrag von knapp 50 000 Franken.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, wenn Klein aus finanziellen Gründen Fontanas Stadion verlassen will. Allerdings: Aniello Fontana musste doch irgendeinen Plan haben, wie das Stadion finanziert werden sollte. Wie sah dieser Plan aus?

Ein Businesskonzept des FCS aus dem Jahr 2012, das der AZ vorliegt, zeigt detailliert, wie Fontana einst gerechnet hat. Zwar sind einige Zahlen inzwischen überholt, so kostete das Stadion nicht 22 Millionen Franken, wie im damaligen Businessplan festgehalten, sondern nur 16 Millionen. Zumindest war das die im Abstimmungsmagazin 2015 kolportierte Zahl. Dennoch lassen sich aus dem Businessplan Rückschlüsse ziehen, vor allem auf die jährlichen Kosten des Stadions.



Laut aktualisiertem Businessplan fallen für Hypotheken (3 Prozent), voraussichtlich bei der Kreditgeberin WIR-Bank, pro Jahr 262 000 Franken an. Für die Rückzahlung eines Darlehens, wahrscheinlich von der Firma Methabau, kommen 145 000 Franken dazu. Die Betriebs- und Unterhaltskosten sowie Zahlungen in einen Erneuerungsfonds machen zusammen 224 000 Franken aus. Allein für das Stadion fallen demnach Kosten von 631 000 Franken pro Jahr an. Vor diesem Hintergrund wird klar, weshalb die Stadionbesitzerin Agnes Fontana der Firma Methabau laut deren Aussagen in den SN noch 3,2 Millionen Franken schuldet. Gegenüber der WIR-Bank dürften die Schulden wohl noch deutlich höher sein. Die Bank äussert sich auf Nachfrage der AZ nicht. Die Zahlen indes erhärten den Verdacht, dass sich die Fontana Invest eine weitere Mietreduktion womöglich gar nicht leisten kann.

Insgesamt zeige der Businessplan, dass das finanzielle Konzept von Aniello Fontana niemals habe aufgehen können. So zumindest ist die Einschätzung von Andreas Mösli, Geschäftsführer des FC Winterthur, der die Zahlen für die AZ studiert hat. «Das Stadion ist ein Klumpen, der Geld kostet», konstatiert er. Und: Die budgetierten Ausgaben, beispielsweise für die Sicherheitskosten (100 000 Franken) seien zu tief angesetzt, während die Einnahmen, beispielsweise aus Ticketverkäufen (600 000 Franken), zu optimistisch berechnet wurden: «Nicht einmal mit 2800 Personen pro Spiel kommen wir auf diesen Betrag», sagt Mösli. Der FCS hat im Schnitt rund 1500 Gäste. Darunter seien aber zahlreiche Tickets für Kinder, Sponsoren oder Saisonkartenbesitzer, die gratis oder sehr günstig abgegeben werden, meint Mösli.

16 Wohnungen in 2 Jahren verkauft
Dass der Club die Kosten des Stadions langfristig nicht aufbringen kann, schien 2018 auch Aniello Fontana zu dämmern. Im Laufe des Jahres hat Fontana dieses Loch vermutlich gestopft, indem er Wohnung um Wohnung verkauft hat.

Belegt ist: Insgesamt haben Aniello und Agnes Fontana 2018 und 2019 laut den Schaffhauser Amtsblättern 16 Wohnungen im Kanton Schaffhausen verkauft, hinzu kamen Stockwerkverkäufe des Hotels Chlosterhof in Stein am Rhein. «Wir haben für den Stadionbau alle unsere Liegenschaften verkauft, um das Stadion zu finanzieren und damit in Schaffhausen weiterhin Profifussball zu garantieren», sagte Agnes Fontana Anfang Mai im Blick. Noch im August 2019 wurden offene Rechnungen bei der Stadion Schaffhausen AG im Umfang von 112 000 Franken beglichen, wie Unterlagen zeigen.

Ihr Mann aber hätte es wissen können. Viele, auch nahestehende Personen, hatten es ihm gesagt: Aniello, das Stadion ist zu teuer. Alternative Szenarien, ein Challenge-League-Stadion, wurden diskutiert, doch Fontana wollte nicht hören.

Auch Andreas Mösli kann es heute noch nicht nachvollziehen: «Es war ein Fehler, dieses Stadion zu bauen», sagt er. Auch der FC Winterthur befasste sich in den letzten Jahren mit der Frage, ob man ein neues Stadion erstellen solle, um die Auflagen der Liga einhalten zu können. «Wir haben mehrere Standorte geprüft und wieder verworfen. Ein neues Stadion an einem anderen Standort wäre zu teuer geworden», sagt Mösli. Schliesslich wurde das bisherige Stadion Schützenwiese sanft renoviert und ergänzt. Die Stadt Winterthur investierte knapp neun Millionen Franken, woran sich der FCW mit einer Million beteiligen musste. Der FCS hingegen erhielt von der Stadt Schaffhausen praktisch keinen Rappen. Und: Die Winterthurer Schützenwiese ist nicht Super-League-tauglich. Das heisst: Sollte der FC Winterthur irgendwann einmal aufsteigen, wird er am Stadion nochmals nachbessern und investieren müssen, solange die Auflagen der Liga nicht geändert werden.

In dieser Lage war der FC Schaffhausen schon einmal. Und das ist womöglich mit ein Grund, warum Aniello Fontana dieses Stadion unbedingt bauen wollte. Er hatte einen Traum.

Der Traum von der Super League
Im Sommer 2004 stieg der FCS in die höchste Liga auf. Das Stadion Breite genügte den Auflagen der Liga allerdings schon damals nicht. Erst auf den letzten Drücker half die Stadt mit, die Breite so einzurichten, dass die Liga zumindest provisorisch ihren Segen geben konnte, um Super-League-Spiele durchführen zu können. Und dann gab es sie, diese magischen Momente, die der Fussball bewirken kann. Sie fanden auf der Breite statt, unter den Augen von Aniello Fontana.

Es ist der 14. November 2004, Temperaturen um den Gefrierpunkt, als 7250 Zuschauerinnen und Zuschauer auf die Breite kommen, einige hocken auf Bäumen, um den aktuellen Aufsteiger FC Schaffhausen gegen den amtierenden Schweizer Meister FC Basel zu sehen. Dank eines Eigentores des Basler Aussenverteidigers David Degen gewinnt der FCS 1:0. Nach dem Match johlen und jubeln die FCS-Spieler rund um ihren Trainer Jürgen Seeberger herum, der gerade live ins Sportpanorama zugeschaltet wird und dem Moderator Matthias Hüppi ein paar Fragen beantworten soll. Seeberger sagt: «Entschuldigung Herr Hüppi, ich verstehe überhaupt nichts.»

Vielleicht waren es Spiele und Emotionen wie diese, von denen Fontana auch später noch geträumt hat und die er seinem FCS auch in Zukunft ermöglichen wollte.

Es hat sich ausgeträumt
Fern von Schaffhausen, in Basel, liest der frühere FCS-Spieler und Clubangestellte Martin Thalmann die aktuellen Schlagzeilen rund um den Club. «Es tut mir weh, was derzeit passiert», sagt er. «Aniello Fontana hat langfristig gedacht, für die nächsten 40, 50 Jahre. Jetzt ist der Club in einer schwierigen Phase», meint Thalmann. «Aber vielleicht haben sie in Zukunft wieder ein starkes Team beisammen und schaffen den Aufstieg.»
Stand heute, scheint dieser Traum weiter weg als je zuvor. Denn was nützt es, ein modernes Stadion zu haben, wenn man es sich nicht leisten kann? Ist es überhaupt möglich, einen Challenge-League-Club kostendeckend zu führen?

Andreas Mösli sagt: «Nein. Es braucht einen Mäzen oder mindestens einen Hauptsponsor, der mit Herzblut und dem nötigem Geld dabei ist.»

Axel Thoma, einst Sportchef beim FCS, bei GC und beim FC Wil, findet hingegen: «Ja, es ist möglich.» Während fünf Saisons beim FC Wil sei ihm das gelungen. Dafür brauche es aber ein Konzept. Seines lautete: Spieler verkaufen. «Im Schnitt haben wir dadurch pro Saison eine halbe Million Franken eingenommen», meint Thoma. «So kann es aufgehen.»

Andreas Mösli ist skeptisch: «Wir hatten einmal Glück, als wir Manuel Akanji verkauft haben.» Akanji, heute Nationalspieler, kickte einst in Winterthur, bevor er via Basel nach Dortmund wechselte. «Dieser Transfer hat unseren Hauptsponsor ein paar Saisons lang entlastet. Aber solche Einnahmen kann man nicht budgetieren.»

Und die Swiss Football League meint: «Der Betrieb eines Fussballunternehmens kann auch ohne Mäzen funktionieren. Der FC St. Gallen beweist in dieser Saison eindrücklich, dass der sportliche Erfolg nicht zu Lasten einer umsichtigen Unternehmensführung erzwungen werden muss.»

In St. Gallen träumen sie vom Meistertitel 2020. In Schaffhausen leckt man die Wunden der Ära Fontana. Das war schon anders. 2003 empfing der FCS die St. Galler zuhause auf der Breite zum Cup-Viertelfinal. 3800 Zuschauerinnen und Zuschauer und Aniello Fontana waren mit dabei. Die FCS-Fans hissten ein Spruchband: «Ihr gehört an die OLMA, wir zum Finale.» Der FCS siegte dank eines Treffers von Enzo Todisco, der sein Glück kaum fassen konnte.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Diese Siege sind nicht vom Himmel gefallen. Fontana hat sich und dem FCS solche Momente mit Geld erkauft. Diese Zeit ist jetzt zumindest fürs Erste vorbei. Es hat sich ausgeträumt.

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Ciao Capo Ciao https://www.shaz.ch/2019/02/04/ciao-capo-ciao/ https://www.shaz.ch/2019/02/04/ciao-capo-ciao/#respond Mon, 04 Feb 2019 08:16:35 +0000 https://www.shaz.ch/?p=3194 Aniello Fontana – vom Einwandererbub zum Immobilienkönig, vom Curling-Amateur zum Besitzer des FC Schaffhausen. Ein Nachruf. Was von Aniello Fontana bleibt? Natürlich: das neue Stadion, die vielen Bilder von euphorischen Fussballern des FC Schaffhausen, seine Familie, Hunderte Immobilien. Vor allem aber bleibt seine Stimme, breiter Schaffhauser Dialekt, ruhig, mild, zumindest in seinen letzten Lebensjahren. An […]

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Aniello Fontana – vom Einwandererbub zum Immobilienkönig, vom Curling-Amateur zum Besitzer des FC Schaffhausen. Ein Nachruf.

Was von Aniello Fontana bleibt? Natürlich: das neue Stadion, die vielen Bilder von euphorischen Fussballern des FC Schaffhausen, seine Familie, Hunderte Immobilien.

Vor allem aber bleibt seine Stimme, breiter Schaffhauser Dialekt, ruhig, mild, zumindest in seinen letzten Lebensjahren.

An einem grauen Nachmittag, es war vor ziemlich genau vier Jahren, im Februar 2015, sass Aniello Fontana an einem riesigen Sitzungstisch in einem hellen Raum seiner Immobilienfirma, rund um den Tisch standen grauenhafte Holzstühle mit Zebramuster. Er hat stets zu diesen Stühlen gehalten, warum auch immer, Einzelanfertigungen von anno weissichnicht; Fontanas kleiner Körper versank fast darin.

Das Gespräch drehte sich um den Bau des neuen FCS-Stadions im Herblingertal, denn kurz darauf stimmte die Stadt Schaffhausen über einen Beitrag ans Projekt ab (was jedoch recht deutlich abgelehnt wurde).

Bald holte Fontana ein paar dicke Ordner hervor und sagte, schauen Sie, wir haben alles nachgerechnet, hundertmal, wir könnten morgen mit dem Bau beginnen. Er schob die Ordner über den Tisch, und man konnte sich alles anschauen: die budgetierten Einnahmen, die Mieter, den Materialtypus des Kunstrasens und und und.

Ärger darüber, dass man danach, salopp gesagt, schrieb: «Fontanas Stadion taugt nichts!», bevor es überhaupt gebaut war, liess sich der Patron nicht anmerken. Später konnte man kritisieren, dass auch das gebaute Stadion wenig tauge, und der Capo blieb gelassen; tatsächlich, er gab einem seine Direktwahl ins Büro.

Wenn man die Nummer jetzt wählt, fehlt diese milde Stimme, stattdessen ertönt eine fremde, junge.

Am Sonntag, 20. Januar 2019, starb Aniello Fontana, 71-jährig, an einer Tumorerkrankung, deren Diagnose er zweieinhalb Jahre zuvor erhalten hat. Aniello Luca Giulio Orazio Fontana, 1947–2019, steht in der Todesanzeige der Familie.

«Der beste Verkäufer»
Im September 1956, mit neun Jahren, stand Aniello Fontana auf dem Perron des Bahnhofs Schaffhausen, daneben seine Mutter und ein Koffer, worin ihr ganzer Besitz verstaut war. Dieser Moment ist auf einem Foto festgehalten. Später hat es Fontana stolz herumgezeigt, unter Freunden, Geschäftspartnern, Konkurrenten.

Er hat immer gern erzählt, wie er und seine Mutter von der Amalfiküste, 50 Kilometer südlich von Neapel, mit nichts in die Schweiz gekommen sind, wie er sich hochkämpfte zu einem der grössten Immobilienunternehmer Schaffhausens, wie er Präsident des FCS wurde, obwohl er selbst nie Fussball gespielt hat.

Zwischenzeitlich beschäftigte Fontana über 200 Angestellte. In den 28 Jahren als FCS-Präsident hat er um die 20 Millionen Franken in den Klub investiert, exklusive der 16 Millionen, die sein Anteil des Stadions kostete.

Wie gross Fontanas Vermögen zuletzt war, 40, 80, 100 Millionen Franken? Niemand weiss das so genau. Wie überhaupt niemand genau weiss, wie Aniello Fontana so schnell aufsteigen konnte.

In den 1960er-Jahren begann er eine Lehre als Maschinenschlosser beim Industrieunternehmen SIG in Neuhausen. Dass der Asbest, mit dem er damals in Berührung kam, dereinst zu einem unheilbaren Tumor im Brustfell führen sollte, konnte er damals noch nicht wissen. Nach der Lehre wechselte er die Kleider und wurde Verkäufer – zunächst brachte er für die Firma Arbonia Forster Küchen unter die Leute. «Er war der beste Verkäufer, den ich kannte», sagt ein Geschäftskollege von damals. «Das zog sich durch sein ganzes Leben: Er hat im richtigen Moment die richtigen Leute gekannt und überzeugt.»

Fontanas Talent hätte sich auch in der Politik bewähren können. Mit 30 wurde er Präsident der FDP Neunkirch, wo er damals wohnte. Ein paar Jahre später verpasste er jedoch die Wahl in den Einwohnerrat, worauf man politisch nichts mehr zu Ohren bekam. Er habe sich mehr für seine Geschäfte als für Politik interessiert, erzählen Zeitzeugen, dort sei es zügiger vorangegangen.

Husarenstück und Scherereien
In der Tat. Fontana verkaufte nicht nur Küchen wie ein Wilder, sondern auch Oldtimer, und bald, zum Ende der 1970er-Jahre, erwarb er in Neunkirch seine ersten Häuser. Das entscheidende Jahr kam 1985, als er alleiniger Besitzer der Ritter Immobilien wurde, einer damals nicht unbedeutenden Firma. Da war er gerade mal 38 Jahre alt.

Wie konnte er das bezahlen? Der Firmengründer, Walter Ritter, war schwer krank und suchte einen Nachfolger, vermutlich war der Preis nicht allzu schlecht. Gleichwohl spricht man in der Branche von einem «Husarenstück».

Manche streichen die Rolle von Aniello Fontanas Frau Agnes beim Kauf hervor, geborene Hubli, Tochter eines alteingesessenen Handwerkunternehmens. Das Paar hatte 1968 geheiratet und bekam drei Kinder, die heute alle im familieneigenen Betrieb arbeiten; nicht umsonst ist vom Fontana-Clan die Rede.

Drei Jahre nach der Übernahme der Ritter Immobilien, 1988, liess Fontana am Südostrand von Neunkirch eine mächtige Villa bauen, gut doppelt so gross wie ein geräumiges Einfamilienhaus, der Grundriss in Form eines Diamanten, dazu gewaltige Fensterfronten und viel Umschwung.

Aha, ein Neureicher, schnödete man im Städtli.

«Wenn Aniello einen Fünfliber auf dem Trottoir fand», erzählt ein ehemaliger Kollege, «machte er daraus eine Tausendernote.»

Es ist kein Zufall, dass keiner seiner früheren Kollegen und Konkurrenten namentlich erwähnt sein will (sie möchten «das Erbe nicht beschmutzen», sagen sie, manche aufrichtig, manche sarkastisch).

Am Ende von gemeinsamen Geschäften habe es oft «Scherereien» gegeben, hört man, und manchmal musste auch ein Gericht zur Schlichtung herbeigezogen werden.

 

Keine Ahnung von Fussball
1991 wurde Aniello Fontana Präsident des FC Schaffhausen – der Klub, wenngleich stark verschuldet, stand damals an der Schwelle zur Nationalliga A. Dabei hatte Fontana noch nicht einmal ernsthaft gegen einen Fussball getreten. Seine sportliche Erfahrung beschränkte sich auf ein bisschen Handball in der Jugend und auf sein Curlingteam «CC Kaufleute 1», dessen Captain und Skip er während über zehn Jahren war (Höhepunkt war der zweite Rang an der Schaffhauser Kantonalmeisterschaft 1987).

Arthur Ulmer, Ehrenmitglied des FC Schaffhausen und langjähriger Gönner, spielte damals in derselben Curlingmannschaft. Er erinnert sich: «Als feststand, dass der vormalige FC-Präsident John Keiser zurücktreten wollte, fragte ich Aniello, ob er die Aufgabe übernehmen wolle, doch er lehnte ab: ‹Danke, aber ich verstehe nichts von Fussball.› Zwei Wochen später rief er mich allerdings zurück und meinte, er habe sich das nochmals überlegt, er würde den Klub übernehmen, sofern er schuldenfrei sei. So hat sich das ergeben.»

«Ich bin mir sicher», fährt Arthur Ulmer fort, «dass Aniello gesehen hat, dass er mit dem FCS gute Werbung für seine Geschäfte erhalten würde, und umgekehrt, auch wenn er das nie so gesagt hat. So hat er den Klub gleich geführt wie seine Unternehmen: hartnäckig.»

Aus der schuldenfreien Übernahme wurde aber nichts. Wie sich herausstellte, war der Klub nicht nur, wie offiziell bekannt gegeben, mit 400 000 Franken in den Miesen, insgesamt belief sich das Minus auf 1,3 Millionen, was dazumal einem ganzen Saisonbudget entsprach.
Die Sparkur, die Fontana dem Verein verschrieb, kam insbesondere bei den Spielern nicht gut an. Geschlossen stimmte die erste Mannschaft um ihren Kapitän Jogi Löw 1991 gegen Fontana als neuen Präsidenten. Gleichwohl setzte sich Fontana mit 92 zu 22 Stimmen durch. Als Erstes führte er, mitten in der Saison, eine Lohnkürzung um 20 Prozent ein.

So erzählt man sich die Legende, dass Präsident Fontana kurz darauf, nach einem Auswärtsspiel in La-Chaux-de-Fonds, zusammen mit dem Team im Bus nach Hause fahren wollte. Die Spieler jedoch verweigerten ihm den Zutritt, mit der Begründung, er gehöre nicht dazu, worauf sich Fontana nach einer anderen Fahrgelegenheit umsehen musste (seine Frau habe ihn nach Stunden des Wartens abgeholt, erzählt man sich).

2007, anlässlich der 111-Jahr-Feier des FCS, meinte Jogi Löw gut gelaunt zu Fontana: «Du warst der einzige Präsident, der mich je zu einer Lohnreduktion überreden konnte.»

Die Zukunft ist offen
In den 28 Jahren unter Aniello Fontana als FCS-Präsident blieb es zwar selten ruhig, richtig unangenehm, so, wie das bei fast allen Profiklubs in der Schweiz der Fall war, wurde es jedoch kaum. Auf den Cupfinal 1994 folgte der Absturz in die erste Liga; nach drei Super-League-Saisons nach dem Aufstieg 2004 rutschte der Verein abermals in die erste Liga; zuletzt hat er sich jedoch als Challenge-League-Klub gefestigt.

Gleichzeitig entwickelte sich ein Geflecht von einem Dutzend Firmen, vornehmlich in der Immobilienbranche. Diese Betriebe hat Fontana in den letzten Jahren an seine Kinder überschrieben.

Um die Nachfolge des FC Schaffhausen zu regeln, blieb dem Capo letztlich zu wenig Zeit, die Krankheit war unerbittlich. Jetzt muss der Familienclan in die Hosen steigen; es wird schwierig genug werden.

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Paragraph eins: Der Trainer hat immer Recht https://www.shaz.ch/2017/02/23/paragraph-eins-der-trainer-hat-immer-recht/ https://www.shaz.ch/2017/02/23/paragraph-eins-der-trainer-hat-immer-recht/#respond Thu, 23 Feb 2017 07:58:53 +0000 https://www.shaz.ch/?p=3514 Murat Yakin soll den FC Schaffhausen retten. Warum tut er sich das an? Wie findet sich der Grandseigneur in der Provinz zurecht? Und vor allem: Wo steckt Mutter Emine? Eine Paragraphenlehre. Murat Yakin ist gerne der Chef, war er immer: im Fussball, in der Familie, überall. Also sagt Yakin über Yakin: «Y bin dr Boss, […]

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Murat Yakin soll den FC Schaffhausen retten. Warum tut er sich das an? Wie findet sich der Grandseigneur in der Provinz zurecht? Und vor allem: Wo steckt Mutter Emine? Eine Paragraphenlehre.

Murat Yakin ist gerne der Chef, war er immer: im Fussball, in der Familie, überall. Also sagt Yakin über Yakin: «Y bin dr Boss, jä.» Diese Hierarchie ist Garantie, dass alles in seinem Sinn abläuft.

Murat Yakin weiss, was er will. Besser aber weiss er, was er nicht will: Leute, die ihm dreinreden. Er mag es nicht, bei der Arbeit gestört zu werden. Weil ihm das der FC Schaffhausen biete, sei er hierhergekommen, sagt er. Aber nicht nur. Besonders das Timing habe gepasst, ebenso die gute Infrastruktur im neuen Stadion, und ein Gespräch mit Präsident Aniello Fontana, der Mann sei mit viel Herzblut dabei, habe ihn vollends überzeugt, hier als Trainer anzuheuern.

Murat Yakin lächelt, Fältchen assortieren sich um die dunklen Augen; er sitzt auf der Trainerbank im brandneuen Stadion, Trainingsanzug, Jacke, Doppelschicht Mützen auf dem Kopf, grau melierter Fünftagebart. Er sieht frisch aus, Oberschenkel und Schultern sind fast so breit wie zu seinen Zeiten als Spieler. Neben seiner imposanten Erscheinung von 1,88 Metern wirken die FCS-Profis um ihn herum wie Buben.

Gerade hat er das Training beendet, die Stimmung im Team war ernst, Yakin war ernst – sein Team verlor am Tag zuvor gegen Servette. So kann er trotz aller Freundlichkeit nicht verbergen, dass er jetzt lieber etwas anderes täte, als Fragen zu beantworten.

Es ist ruhig im Stadion, nur Jungprofi Danilo Del Toro schiebt noch eine Extraschicht, Sprints, Schüsse, Sprints, man hört ihn schwer schnaufen. Sonst: Stille. Es ist diese Ruhe, die Yakin sucht. «Hier gibt es kein Dutzend Leute um den Verein, die alles kommentieren und sich überall einmischen.»

Für diese Ruhe verzichtet er auf eine Menge Geld. Beim FCS verdient er weniger als 10’000 Franken monatlich, kein Hungerlohn zwar, aber in der Branche eher untere Klasse. Bei Spartak Moskau hatte er mehr als das Zwanzigfache kassiert, zwei Millionen pro Jahr sollen es gewesen sein. Muratov Yakinov taufte ihn der «Blick».

Überhaupt: Moskau. Manche sagen, das Abenteuer in Russland sei ein Karriere-Killer gewesen. Einerseits arbeitete er dort nur mässig erfolgreich, andererseits das Geld: Viele andere Klubs sehen ihn nun, wie er mit einem abschreckenden Preisschild um den Hals herumläuft.

18 Monate war er ohne Job gewesen. Bis der FCS Ende 2016 auf gut Glück anklopfte. «Abstieg verhindern!» – das ist Yakins oberstes Gebot. Es ist das erste Mal in all seinen Fussballjahren, dass er sich mit sowas beschäftigen muss.

Zwischen Äckern und Nagelfluh
Vor Moskau war es nur steil bergauf gegangen in Yakins Trainerlaufbahn. Mit nur 31 Jahren beendete Yakin seine Karriere als Spieler, zu viele Verletzungen, und fing direkt an, als Coach zu arbeiten, ohne Pause. Jetzt ist er 42 und schon seit elf Jahren Coach in den obersten Ligen. Concordia Basel, Thun, Luzern, FC Basel – überall war er erfolgreich gewesen, Aufstieg, Cupfinal, Cupsieg, Meister, Europa und Champions League.
Und da stellt sich schon die Frage: Wie passt ein Grandseigneur des Schweizer Fussballs, 49 Länderspiele und siebenfacher Meister, hierher in die Provinz, zwischen die Äcker des Klettgaus, die schlafenden Pflastersteine und die Nagelfluh des Reiats – zum Tabellenletzten FCS?

Vorab: Yakin hat sich dem Fussball von unten gut angepasst, sprich: Ein Trainer, der trainiert, trägt Trainingsanzug. Das ist etwas gewöhnungsbedürftig, denn eigentlich kannte man ihn anders; meist war er in feinen Zwirn gekleidet. Er galt ja lange als Glamourboy. Teure Anzüge, teurere Uhren, teuerste Autos. Pomade auf den Lippen und Gel im Haar. Die Klatschpresse liebte ihn.

«Ach», lächelt Yakin, «das interessiert mich alles nicht.» Ausserdem hätten die Medien sonst nichts mehr zu berichten. «Das wär ja schade.»

In Schaffhausen jedenfalls hat man ihn noch nie mit Anzug gesehen. Selbst zur Bleigiessen-Gala der «Schaffhauser Nachrichten» erschien er als Einziger in Jeans und Retro-Trainingsjacke (und versprühte dennoch am meisten Glanz). Bloss die dicke Uhr am Handgelenk und das nach hinten gekämmte, glänzende Haar erinnerten an den Glamourboy von einst. Man wird sehen, wie sich Yakin weiter in der Provinz schlägt. Zum Anfang gelingt ihm das nicht schlecht. Zumindest äus­serlich. Jetzt muss der Abstieg noch verhindert werden. Es hängt viel davon ab.

Gelingt es Yakin, den FCS vom letzten Platz zu hieven, ist alles gut. Er wird – quasi mit der Brechstange wiedereingegliedert in den Arbeitsmarkt – neue Aufgaben finden, auch in höheren Ligen oder im Ausland. Anders, wenn nicht. Dann wird er vermutlich hier und dort als Coach mittelmässiger Schweizer Vereine herumgereicht werden, bis er schliesslich öfter bei Aeschbacher als im Sportstudio zu Gast ist.

Um das zu verhindern, hat Yakin einen klaren Plan mit dem FCS. Oft brütet er darüber, wenn er die 45 Minuten von Oberengstringen bei Dietikon, wo er mit Frau und Tochter wohnt, zur Arbeit fährt.

Das yakinsche Gesetz
Wie Yakin nämlich nach Schaffhausen kam, sagte er zu seinen Spielern: «In der Theorie gewinne ich immer. Aber ihr müsst mitmachen. Ihr müsst mir helfen, das Spiel zu gewinnen.» Irren ist zwar die des Menschen gemässe Form des Seins, nicht aber die des Yakins. So schreibt das yakinsche Gesetz vor: § 1 – Der Chef hat immer Recht. § 2 – Hat der Chef einmal Unrecht, tritt automatisch § 1 in Kraft.

Der FCS spielte zu Beginn der Rückrunde 2:2 gegen Aarau und verlor 2:3 gegen Servette. Zufrieden sei er nicht mit den Resultaten, meint Yakin. Fünf Gegentore, zu viel für den Defensiv-Fachmann. Offenbar haben ihn die Spieler nicht gut genug unterstützt. Doch was geschieht, wenn das yakinsche Gesetz verletzt wird? Es rumort im Gebälk, und zwar mächtig. Dazu vier Geschichten.

Als er im Sommer 2001 als Spieler zum FC Kaiserslautern wechselte, traf er auf Trainer Andreas Brehme – «den unfähigsten Coach, den ich je kennengelernt habe». Yakin stürmte ins Büro des Präsidenten und drohte: «Den Brehme werde ich bald dermassen verhauen, dass er nicht mehr weiss, wer er ist.»

Später musterte Yakin, unterdessen Coach des FC Luzern, seinen jüngeren Bruder Hakan Yakin aus dem Spielerkader. «Muri war in dieser Zeit eher etwas übermotiviert», sagt Hakan. «Das heisst konsequent», erwidert Murat. Walter Stierli, damaliger FCL-Präsident, erinnert sich: «Murat macht alles für den Erfolg.» Er brauche enorm viel Freiraum. Und: «Er ist schwierig zu führen, weiss, wie er seinen Willen durchsetzen kann.» Ob dieser Wille gleichzeitig auch seine Schwäche ist, weil er in Sturheit enden kann? Fehlt es ihm an Empathie, wie oft zu hören ist? Ist sein Umgang mit Mitmenschen zu kühl? «Schwächen hat ein Trainer nur, wenn er nicht erfolgreich ist», meint Stierli trocken.

Und dann gibt es ja noch die Episode mit Alex Frei beim FC Basel. Er hatte es gewagt, § 1 zu missachten – und wurde aussortiert, Verstoss ist Verstoss, keine Widerrede. «Einzelnen dieser Spieler war nicht ganz klar, ob ich noch immer der Kumpel oder Trainer bin», sagt Yakin heute; er hatte mit Frei zusammengespielt. Nati-Rekordtorschütze Frei beendete seine Karriere mitten in der Saison, im April 2013.

«Big Boss» Emine
Im Allgemeinen ist festzustellen, dass Murat Yakin höchstens zwei Jahre beim selben Verein blieb, meist war es gar nur eines. Beim FCS hat er für eine halbe Saison unterschrieben. Bruder Hakan assistiert ihm – diese Hierarchie besteht schon seit der frühen Kindheit der Yakins. Muri ist der Chef, Hatsch die Nummer zwei.

Wobei: Wie alles ist auch die Chefsache relativ. Der «Big Boss» sei eigentlich Mutter Emine, so Sohn Murat. Die Offizierstochter aus Istanbul, vor über 40 Jahren in die Schweiz immigriert, ist das Familienoberhaupt; alleinerziehende Mutter von acht Kindern, Grossmutter und Urgrossmutter von über 30 Enkeln und Urenkeln. Trotz ihrer 82 Jahre sei sie noch sehr fit, erzählt Murat Yakin, und oft dabei.

Emine beobachtet ihre Kinder mit Argusaugen, besonders ihre jüngsten Söhne Murat und Hakan. Gefürchtet war sie früher unter Trainern ihrer Söhne, wenn sie mit ihrem Dreirad wieder einmal zu einer unangemeldeten Privataudienz erschien. Und hätte der FCS ein Trainingslager irgendwo im Süden durchgeführt, die Mutter hätte ihn begleitet, so, wie sie das immer tat, egal ob in Basel oder Luzern, in London oder Bukarest.

Auch in Schaffhausen war sie schon mehrmals; sie wird im Eröffnungsspiel gegen Winterthur im Stadion sitzen. «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser», findet die Chefin. Darum sollte man § 3 nicht ausser Acht lassen: Das Wort «Trainer» ist im Zweifelsfall durch «Mama» zu ersetzen.

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