Gesellschaft Archive - Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/category/gesellschaft/ Die lokale Wochenzeitung Thu, 25 Jun 2026 09:00:43 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.4.8 https://www.shaz.ch/wp-content/uploads/2018/11/cropped-AZ_logo_kompakt.icon_-1-32x32.jpg Gesellschaft Archive - Schaffhauser AZ https://www.shaz.ch/category/gesellschaft/ 32 32 «Die AZ ist mein Kind» https://www.shaz.ch/2026/06/25/die-az-ist-mein-kind/ Thu, 25 Jun 2026 03:01:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11029 Nach vier Jahrzehnten endet Hans-Jürg Fehrs Zeit bei der AZ. Eine Debatte über Selbstverständnis, persönliche Opfer und darüber, wie politisch die AZ sein soll. * Interview: Nora Leutert und Simon Muster Hans-Jürg Fehr, du trittst als Verwaltungsratspräsident zurück und hast bei der AZ nichts mehr zu sagen. Was ist das für ein Gefühl? Hans-Jürg Fehr Ein […]

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Nach vier Jahrzehnten endet Hans-Jürg Fehrs Zeit bei der AZ. Eine Debatte über Selbstverständnis, persönliche Opfer und darüber, wie politisch die AZ sein soll.

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Interview: Nora Leutert und Simon Muster

Hans-Jürg Fehr, du trittst als Verwaltungsratspräsident zurück und hast bei der AZ nichts mehr zu sagen. Was ist das für ein Gefühl?

Hans-Jürg Fehr Ein gutes. Und zwar deshalb, weil es die AZ noch gibt.

Wieso hörst du auf?

Ich werde 78, ich finde, es reicht. Man sollte dann aufhören, wenn man gut übergeben kann. Die AZ ist stabil instabil, das ist ihr Grundzustand. In der Redaktion und im Verwaltungsrat hat es gute Leute, es ist höchste Zeit für einen Generationenwechsel.

Was macht das mit dir persönlich?

Es ist keine Wehmut, keine Trauer damit verbunden. Und wenn ich mal gar nichts zu tun hätte, erforsche ich die Geschichte meines Heimatdorfes Rheinklingen weiter, über das ich schon vier Bändchen schrieb. Ich bin gut ausgelastet. Es entsteht kein Loch.

Das fällt uns schwer zu glauben, nach all den Jahren, in denen du bei der AZ den Ton angegeben hast.

Ich musste mich schon oft verabschieden: als Parteipräsident, als Nationalrat und in anderen Mandaten. Ich habe Routine darin, zu gehen. Und ich gehe der AZ ja auch nicht ganz verloren, ich bleibe Grossaktionär.

Ein Wörtchen kannst du immer noch mitreden.

Ich sitze euch noch im Nacken, ja (lacht).

1978 hast du als Lückenbüsser bei unserer Zeitung angefangen.

Ja, mir wurde eine Frau vorgezogen, die etwas von Mode verstand. Das sagt eigentlich schon ziemlich viel über die Denkweise der damaligen Führungsriege aus. Man merkte, dass der Klassenkampf vorüber ist und wollte sich am Publikumsgeschmack orientieren. In den Arbeiterfamilien entschied die Frau, welche Zeitung abonniert wird. Und am wichtigsten waren für die Arbeiterfrauen die Todesanzeigen und die Inserate der Grossverteiler, wegen des Haushaltsbudgets.

Die modekundige Redaktorin, die man einstellte, kündigte aber bald wieder. Später wurde sie Chefredaktorin der Glückspost.

Sie hätte bei der AZ unter anderem Ratsberichterstattung machen sollen, das entsprach ihr überhaupt nicht. So stellte man Bernhard Ott und mich dafür ein, der Parlamentsjournalismus war unser Einfallstürchen. Obwohl man besonders Bernhard eigentlich nicht wollte.

Wieso nicht?

Mich kannte man nicht, ich studierte und wohnte in Zürich. «Ötter» aber war schon negativ aufgefallen, er hatte in der Kanti-Schülerzeitung «Info» gegen Walther Bringolf und die SP geschossen.

Als junge Redaktoren tratet ihr zusammen mit anderen Student:innen in die SP ein. Wir haben gehört, dass ihr euch an den Parteiversammlungen im Restaurant Falken auch mal über die alten Genossen mokiert haben sollt, wenn sie euch unbedarft oder kleinbürgerlich vorkamen.

So würde ich das nicht sagen. Wir Jungen sassen im Falken am mittleren Tisch und hatten komplett andere Ansichten darüber, wie eine Partei funktionieren soll. Die SP war sehr autoritär, rote Patriarchen wie Bringolf gab es landauf, landab. Wir waren antiautoritär. Ich glaube aber nicht, dass wir auf die Anliegen der Arbeiter mit Häme reagierten. Die meisten von uns waren aus der Unterschicht. Das würde ich sogar für mich beanspruchen, ich bin zwar kein Arbeiterkind, mein Vater war Wagner, meine Mutter Schneiderin. Ich komme also aus einem eher ein handwerklich-bäuerlichen Milieu.

Ihr sollt damals aber auch Arbeiter verprellt haben.

Ich weiss, dass es diese Erzählung gibt und ich sage nicht, das sie nicht stimmt. Meine Erinnerung ist aber anders. Ich wurde nach meinem Eintritt schnell städtischer Parteipräsident und als solcher versuchte ich, eine Spaltung zwischen Linksintellektuellen und Arbeitern, die es anderswo gab, zu verhindern. Wir haben auf jede Wahl hin krampfhaft Arbeiter gesucht, die auf die Liste kamen. Wir haben ein Auseinanderbrechen weder provoziert noch gewollt.

Nicht nur bei der SP, auch bei der AZ kämpften Hans-Jürg Fehr und Bernhard Ott gegen streng hierarchische, verkrustete Strukturen. Die AZ war damals eine Parteipostille, die zur Unionsdruckerei gehörte und fast zu Tode gespart wurde. Fehr und Ott wollten sie reformieren. Sie drängten umzimperlich vorwärts. Ott stiess als Personalvertreter in den Verwaltungsrat der Druckerei vor, 1986 holten er und Fehr zur Palastrevolution aus: Sie setzten sich mit ihrem Sanierungskonzept durch und gelangten an die Schalthebel der Macht: Ott als Geschäftsführer der Unionsdruckerei, Fehr als Verlagsleiter.

Ihr habt damals die grauen Herren bei der AZ verdrängt. Woher stammte euer Selbstverständnis, dass ihr es nicht nur besser wisst, sondern den Laden auch gleich übernehmen wolltet?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, wir hatten vor allem die Einsicht, dass sich bei der AZ etwas ändern muss und dass wir dafür in die Führung müssen. Es gab einen enormen Reformbedarf und wir als 68er waren veränderungswillige Leute. Und ja, wir hatten die ziemlich forsche Überzeugung, dass wir das können. Das war vielleicht auch etwas überheblich. Wir waren ja überhaupt nicht ausgebildet dafür, wir waren Historiker (lacht). Aber wir haben natürlich geschuftet wie blöd.

Mit Erfolg, zumindest zuerst. Mitte der 90er dann wolltet ihr die Zeitung gross umbauen. Das ging aber in die Hose – ihr habt euch verschätzt. Kam euch euer Selbstbewusstsein da in den Weg?

Rückblickend vielleicht. Die erste Reformphase war noch erfolgreich, darunter die Wiedereinführung der Samstagsausgabe. Dann wurde uns von einer Grossgönnerin eine Million zur Verfügung gestellt, die wir in unser Projekt «Take-Off» steckten, mit dem wir in kürzester Zeit grandios scheiterten. Wir wollten uns gegen die Tageszeitung, die Schaffhauser Nachrichten, behaupten, haben das aber nicht genug durchdacht.

Die Firma wurde aufgesplittet. Du wurdest Verlagsleiter und Chefredaktor in Personalunion und musstest Jahr für Jahr mit mehr Verlust kämpfen, dem Personal die Pensen und den 13. Monatslohn kürzen. Das macht keiner gern.

Den Jungen mussten wir nahelegen, sie sollen eine neue Stelle suchen, wir hatten nicht Platz für alle. Das waren grauenhafte Zeiten. Ich bekam Herzprobleme. Und dann sprangen auch noch die Grossinserenten ab, Denner und Coop. Plötzlich fehlten 200’000 Franken Einnahmen jährlich. Wir taten, was wir längst hätten tun sollen: Wir wurden zur Wochenzeitung.

Verlagsleiter Hans-Jürg Fehr im Jahr 2000 mit Redaktorin Bea Hauser. Foto: Rolf Baumann
Verlagsleiter Hans-Jürg Fehr im Jahr 2000 mit Redaktorin Bea Hauser. Foto: Rolf Baumann

Hattest du dich damals schon nach einem Ausstieg aus diesem Hiobs-Posten umgesehen?

Ich hatte immer auch eine politische Laufbahn, die in jener Zeit Richtung Nationalrat zeigte. Ich wurde damals – wenn auch nicht als einziger – als Nachfolger Ursula Hafners gehandelt.

War die politische Karriere dein Fluchtplan?

Nein. Ganz abgesehen davon, wie es bei der AZ weitergegangen wäre: Ich wusste, ich mache nicht für immer dasselbe. Das kann ich ja jetzt erzählen: Ich habe mich auch mal auf die Stelle des Radiodirektors beworben. Ich bin ins Finale gekommen und auf dem zweiten Platz gelandet. Das zeigt schon, dass ich noch etwas anderes im Leben wollte.

1999 schliesslich wurdest du Nationalrat. Warst du auch etwas froh, dem bedrückenden Umfeld der serbelnden AZ zu entkommen?

Ich glaube nicht, dass ich der AZ je entkommen bin (lacht).

Operativ schon.

Gefühlsmässig und von der Verantwortung her aber nicht. Als Verwaltungsratspräsident war ich dauernd um Geldbeschaffung bemüht.

Bernhard Ott sprang nach deiner Wahl in den Nationalrat für dich in die Bresche und kehrte höchst widerwillig zurück, um den mühsamen AZ-Chefposten zu übernehmen. Er arbeitete zu jener Zeit eigentlich als Historiker. Hat er sich geopfert, damit du in Bern Karriere machen konntest?

Unser Ziel war vom ersten Moment an dasselbe: Wir wollten diese Zeitung am Leben erhalten und blieben stets in ihrer Umlaufbahn. Ehrlich gesagt fand ich wohl damals, das sei doch klar, dass er jetzt meinen Posten übernimmt. Ich hatte dasselbe ja auch jahrelang getan. Ich habe damals wohl nicht gesehen, was das für ihn bedeutete.

Du hattest schliesslich auch eine schillernde Zukunft vor Augen. Plötzlich standest du auf einer nationalen Bühne, strittest mit Christoph Blocher in der Arena.

Ja, das war sicher ein Aufstieg in der Prominenzskala. Ich war aber schon zuvor auf nationaler Ebene aktiv, etwa in der Medienkomission der SP Schweiz. Ich wollte eigentlich schon immer über Schaffhausen hinaus schauen.

Ist Macht etwas, das dich kitzelt?

Ich bin ein sehr politischer Mensch.

Was war deine Motivation, trotz deiner nationalen Karriere Verwaltungsratspräsident der AZ zu bleiben?

Man könnte auch sagen, die AZ ist mein Kind. Ich habe ja selbst keine.

War dir die AZ aber auch als Sprachrohr wichtig, um dich wehrhaft zu fühlen? Du wurdest als Politiker von den SN und der nationalen Presse oft hart und hämisch angegangen, gerade noch vor einem Jahr nannte dich die NZZ einen «linken Dogmatiker».

Tatsächlich habe ich während meiner 14 Jahre in Bern lückenlos in jeder AZ eine Kolumne geschrieben. Und natürlich war es für mich als SPler gut zu wissen, dass es in Schaffhausen eine Zeitung gibt, die über alles etwas korrekter und gerechter berichtet.

Als Verwaltungsratspräsident lagst du aber nicht nur in Minne mit der AZ-Redaktion. Du hast immer wieder mal Forderungen gestellt, wie die Zeitung zu sein bräuchte, obwohl die Redaktion sehr begrenzte Mittel hatte. Geschäftsleiter Bernhard Ott hat einmal fast den Bettel hingeworfen.

Wir mussten bis heute immer mal wieder klarstellen, dass der Verwaltungsrat nicht nur ein Abnickgremium ist. Ich erinnere mich etwa an die Einführung von Druckfarbe – die Redaktion weigerte sich. Wir mussten gegen ihren Willen durchsetzen, dass die AZ wieder farbig wird. Man kann im Redaktionsalltag auch etwas versaufen. Hie und da braucht es den Blick von aussen.

Das zieht sich durch: In verschiedenen Momenten deiner Karriere warst du überzeugt, dass du weisst, was der richtige Weg ist. Und setztest dich durch.

Das ist mit solchen Chefpositionen verbunden. Da macht man sich hie und da auch unbeliebt und muss das aushalten.

Das war für dich aber nie ein Problem, unbeliebt zu sein?

Doch, ich bin nicht gerne unbeliebt.

Auch bei der heutigen Redaktion sieht sich der Verwaltungsrat nicht nur als Abnickgremium, wie du sagtest.

Wir sind ein Verwaltungsrat, der nahe am Personal ist, zwei aus dem Siebner-Gremium sind Angestellte. Hier gibt es also Mitbestimmung wie sonst nirgends. Dem zum Trotz muss man hie und da in den Clinch, dann wird es halt mal heftig. Ich bin sogar der Meinung, dass auch die Eigentümer der Zeitung etwas zu sagen haben zu müssen.

Bei der AZ bist das unter anderem vor allem du.

Letztlich ja. Den Eigentümern ist es doch nicht egal, womit sie ihr Geld verlochen. Sonst könnten sie sich statt einer Zeitung ja auch ein Boot kaufen. Es gibt einen Eigentümerwillen und der Verwaltungsrat vertritt diesen.

Wo hättest du bei der jetzigen AZ-Redaktion gerne eingegriffen?

Ich möchte eigentlich vor allem sagen, wie mich die Entwicklung der Zeitung freut. Die junge Redaktion, die vor gut zehn Jahren begann, hat begriffen, was eine Wochenzeitung ist. Nämlich etwas anderes als einfach eine Tageszeitung pro Woche. Der Vorgängerredaktion fiel es schwer, hier umzudenken. Das gefällt mir an der jetzigen Redaktion, genauso wie ihr Ideenreichtum und ihre investigativen Qualitäten. Und dann gibt es die eine oder andere Sache, die mir nicht gefällt – nur so viel dazu (lacht).

Anders gefragt: Was sollte die AZ deiner Meinung nach politisch sein?

Ich finde, dass die AZ politisch und publizistisch das Gegenstück zur lokalen Tageszeitung, den Schaffhauser Nachrichten, sein muss. Hierin sehe ich eine ihrer Existenzberechtigungen, eine wichtige sogar. Das bürgerliche Tageszeitungsmonopol braucht ein Korrektiv. Das war die AZ schon immer und das muss sie auch heute sein. Sie muss Haltung zeigen und für die Durchsetzung politischer Inhalte kämpfen.

Das macht die jetzige Redaktion weniger, als du es gerne hättest: Wir finden, der Job von Journalist:innen ist es nicht, den Leser:innen zu diktieren, wie sie abstimmen müssen.

Ich erwarte bei Abstimmungen einfach mehr Haltung von der AZ. Die Leute stecken in einem Entscheidungsmoment, ich glaube viele hätten gerne, dass die AZ ihnen Argumente auftischt, warum sie so und nicht anders abstimmen sollten.

Wahrscheinlich ziehen sich solche Konflikte zwischen Redaktion und Eigentümerin durch die Geschichte der Zeitung?

Das war schon immer so, ja. Die Konfliktfreiheit gibt es nicht, schon gar nicht in einer Vater-Kind-Beziehung.

Nach all den Jahrzehnten in wichtigen Entscheidungspositionen: Würdest du sagen, du bist altersmilde geworden oder verhärteter darin, deine Meinung durchzusetzen?

Ich bin eindeutig gelassener geworden. Ich suche keine Auseinandersetzungen mehr, weiche ihnen auch mal aus. Wenn man auf die 80 zugeht, lässt man auch mal eine Fünf gerade sein. Man kann das Altersmilde nennen – definitiv nicht Altersweisheit, man wird mit dem Alter nicht unbedingt gescheiter.

Dürfen wir nach deinem Rückzug aber weiterhin mit Leserbriefen zu politischen Themen rechnen?

Nun, ich schreibe immer Leserbriefe – ihr bringt sie nur nie.

Wenn du nicht mehr unser Verwaltungsratspräsi bist, sieht es vielleicht anders aus. Dann kannst du uns auch mal rügen in einem Leserbrief.

Nein, das würde ich als total illoyal empfinden. Selbst wenn ich einen guten Grund dazu hätte (lacht).

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Fischer gegen Kapitän https://www.shaz.ch/2026/06/20/fischer-gegen-kapitaen/ Sat, 20 Jun 2026 05:30:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11017 In Schaffhausen sorgt eine kleine Muschel für Schlagzeilen. Und Streit: Fischerei und Schifffahrt sind sich uneins, was zu tun ist.

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In Schaffhausen sorgt eine kleine Muschel für Schlagzeilen. Und Streit: Fischerei und Schifffahrt sind sich uneins, was zu tun ist.

In Schaffhausen streiten sich Fischerei und Schifffahrt. Grund dafür: der niedrige Wasserstand und die Quaggamuschel. Sie verstopfte einmal mehr die Fahrrinne der Kursschiffe. Ausgerechnet der schönste Abschnitt der Rheinstrecke zwischen Schaffhausen und Stein am Rhein war bis gestern nicht befahrbar, und das mitten in der Saison. Und einmal mehr rückte der Bagger an, um die Rinne von den Muschelschalen zu befreien – ab heute gilt wieder der reguläre Fahrbetrieb. 

Die Massnahme erzürnte die Fischer, sie schossen mit scharfen Worten gegen die Schifffahrtsgesellschaft (URh) und warfen ihr vor, die Behörden vor sich herzutreiben, damit ihre viel zu grossen «Schlachtschiffe» fahren könnten. Die URh zeigte sich irritiert. Der Streit um die invasive Muschel löste ein nationales Medienecho aus, dessen Tragweite sogar die beiden Kontrahenten erstaunte. Wir bringen Fischervereinspräsident Marco Stoll und den obersten Kapitän der URh, Geschäftsführer Remo Rey, an einen Tisch.

Marco Stoll und Remo Rey, Sie sitzen sich hier im Disput gegenüber, obwohl Sie eigentlich gegen den gleichen Feind kämpfen: eine kleine Muschel. 

Remo Rey So ist es.

Marco Stoll (lacht) Mit dieser Feststellung hätte ich das Gespräch auch begonnen. Die Muschel ist auch für uns Fischer ein leidiges Thema, sie verändert das Ökosystem. (Mehr dazu im Kasten, Anm. d. Red.)

Trotzdem hat der Fischereiverband die URh für die jüngsten Massnahmen gegen die Quaggamuschel scharf kritisiert. Warum sind Sie aus dem Nichts so auf die Barrikaden gegangen?

Stoll Im Grunde geht es uns gar nicht um diese eine Ausbaggerung. Ich lebe jetzt 46 Jahre hier am Rhein und noch nie hat man an der Schifffahrtsrinne herumgegraben. 

2024 wurde mit einer ersten Baggermassnahme gegen die Muscheln ein Präzedenzfall geschaffen. Damals glaubte man, es sei eine einmalige Sache. Doch man merkte schnell, dass die Quaggamuschel zum dauerhaften Thema werden würde. Deshalb: Wehret den Anfängen. Wir wollen, dass der Rhein in Ruhe gelassen wird. 

Rey Auch wir wissen, dass die Abbaggerung nicht die dauerhafte Lösung aller Probleme ist, aber sie hilft, dass der Tourismus nicht komplett einbricht. Unser Betrieb nützt nicht nur unserem Unternehmen, sondern auch der touristischen Wertschöpfung in der Region. 

Deshalb waren wir ehrlich gesagt sehr irritiert über den Frontalangriff des Fischereiverbands gegen uns. Wir haben die aktuelle Situation ja nicht verschuldet, wir alle nicht.

Stoll Dass die Muschelablagerungen ein Problem für die Schiffe sind, sehen wir auch. Aber wir haben Angst, dass solche «Notfallaktionen» in Zukunft zum Dauerzustand werden. Deshalb sind wir lieber jetzt laut, als dass wir später permanent und immer wieder gegen solche Massnahmen ankämpfen müssen. 

Der Fischereiverband fordert ausserdem ganz klar eine Anpassung der Schiffe an den Rhein, und nicht umgekehrt. Passt Ihnen das, Herr Rey?

Rey Der Rhein ist eine Strasse, er darf befahren werden. Wir haben eine Konzession vom Bund, die uns erlaubt, hier unterwegs zu sein. Die Kantone müssen dafür sorgen, dass die Schiffbarkeit weiterhin möglich ist, so steht es im Binnenschifffahrtsgesetz. Wir haben also nicht nur das Recht, auf dem Fluss zu fahren, sondern auch die Pflicht, den Fahrplan einzuhalten. 

Stoll Für uns Fischer und Naturschützer ist der Rhein keine Wasserstrasse, sondern ein sensibles Ökosystem, einer der letzten nicht regulierten Flussabschnitte, das ist einmalig hier. Hier gibt es Lebewesen, die es sonst kaum mehr gibt, aber sie sind permanent unter Druck – und sie können keine Interviews geben oder Medienmitteilungen schrieben. Es gibt hier viele Flachwasserzonen. Jedes Mal, wenn ein Kursschiff vorbeifährt, werden Tonnen von Wasser bewegt. Das ganze Ökosystem wird durchgepflügt, und das x-mal am Tag.  Deshalb unsere Forderung: Kursschifffahrt gerne, aber sie muss sich den Rahmenbedingungen anpassen. Auch wir Fischer müssen uns anpassen. Wir haben keine Chance gegen die Quagga-Muschel. Wir müssen also lernen, mir ihr klarzukommen.

Was fordern Sie konkret?

Stoll Seit sechzig Jahren fährt man mit diesen grossen Schiffen auf dem Rhein – und sie wurden immer grösser. Wir fordern, dass die jetzige Situation als Gelegenheit zügig genutzt wird, um einen sanfteren Schifffahrtsbetrieb zu starten: kleinere Schiffe mit weniger Tiefgang und weniger Wellenschlag. 

Rey Wir brauchen die Schiffe in der aktuellen Grösse, damit wir an sonnigen Tagen keine Menschen stehen lassen müssen, Einnahmen generieren und das ganze Jahr über Löhne zahlen können – nicht nur während der Saison. 

Die URh hat sich den Gegebenheiten schon immer angepasst. Vor 30 Jahren sind wir noch mit doppelter Geschwindigkeit den Rhein hochgefahren. Das könnten wir auch jetzt noch tun. Machen wir aber nicht, weil der Wellenschlag dem Rhein nicht gut tut. Es geht uns nicht darum, möglichst schnell übers Wasser zu brettern, sondern darum, die Schönheit der Region zu schützen. 

Das müssen Sie auch, denn sie ist Ihr Kapital. 

Rey Es mag so aussehen, als würden wir nur punktuell reagieren, aber hinter den Kulissen läuft viel. Die grossen Pläne werden gemacht, doch es braucht einfach Zeit. Niemand hat Erfahrungen mit den aktuellen Problemen, das ist eine wirklich schwierige Aufgabe. Mit unserer kürzlich vorgestellten «Vision 2035» arbeiten wir darauf hin, unsere Flotte den Veränderungen anzupassen – leichtere Bauweise, weniger Tiefgang. Aber ein neues Schiff kostet 18 bis 20 Millionen Franken, und wir brauchen mindestens zwei davon. Keine Schifffahrtsgesellschaft kann sich das aus eigener Tasche leisten. Die Frage ist, ob die Bevölkerung den Wert unseres Angebots für die Region erkennt und bereit ist, darin zu investieren. 

Stoll Darf ich dazu etwas Provokatives sagen?

Unbedingt.

Stoll Die Flotte ist also auf Maximalkapazität ausgerichtet. Und allfällige Kollateralschäden, so wie ich sie vorhin beschrieben habe, nimmt man in Kauf. 

Rey Nein, so habe ich das nicht gesagt. 

Stoll So kam es aber bei mir an. 

Rey Man kann das so deuten, aber wir brauchen eine gewisse Menge an Passagieren, damit sich der Betrieb überhaupt lohnt. Sonst müssen wir personelle Massnahmen ergreifen. Geplant und in Abklärung ist die Anschaffung von Schiffen mit wesentlich geringerem Tiefgang,  ausschliesslich für den Rhein. Auf dem See wären diese wie Nussschalen, kaum noch steuerbar bei Wind und Wellen. Wir müssen gut abwägen und das Angebot auf die beiden Streckenabschnitte anpassen.  

Eine Muschel als Brandbeschleuniger (hier klicken für mehr)

Sie sind nur die Spitze des Eisbergs: Die Ablagerungen toter Muscheln im Rhein sind nur ein Teil der massiven Auswirkungen, welche die invasive Quagga-Muschel in Schweizer Gewässern hat – und nicht nur hier: Im Lake Michigan etwa macht die Muschel bereits 95 Prozent der gesamten Biomasse aus. 

Ein Szenario, das man in der Schweiz verhindern will. Die Muschel, die ursprünglich aus dem Schwarzen Meer stammt, wurde in die ganze Welt verschleppt. In der Schweiz wurde sie 2014 erstmals in Basel nachgewiesen, von dort gelangte sie als blinde Passagierin in die nächsten Gewässer. Das Problem: Sie hat hier keine Fressfeinde, filtert aber ihrerseits ihren neuen Nachbarn das Plankton aus dem Wasser. Womit sie, eigentlich fast am Ende der Nahrungskette stehend, Einfluss auf das ganze Ökosystem hat. 

Aber nicht nur die Tierwelt muss sich ihr stellen, auch menschliche Infrastrukturen kämpfen mit dem hartnäckigen Schalentier: Die Muschel haftet sich an Wasserfassungen und Wasserwerke und verstopft regelmässig die Leitungen, die dann kostenintensiv saniert werden müssen – bis der Kreislauf von Neuem beginnt. Die Quagga-Muschel wirkt im Rhein und Bodensee als Brandbeschleuniger für grössere Probleme, die der Klimawandel bereits ausgelöst hat. 

Noch ist keine Lösung in Sicht.

Die Zeit läuft gegen Sie. Die URh hat jetzt schon zu kämpfen. Die Jahresrechnung 2025 schloss erneut mit einem Verlust ab. Müssten Sie nicht eher früher als später auf die veränderten Umstände reagieren?

Rey Diesen Zukunftsfragen können wir natürlich nicht ausweichen, das stimmt. Da sind wir auch schon länger dran. Es geht um klimatische Veränderungen, extremes Hoch- oder eben Niedrigwasser. Das sind die Hauptfragestellungen, die gar nichts mit der Quaggamuschel zu tun haben. Diese kommt noch on top. Und diese Problematik bindet Ressourcen. Seit einer Woche bin ich nur damit beschäftigt, Medienanfragen zu beantworten. 

Stoll Das leidige Thema treibt mich auch schon die ganze Woche um. Das ist einfach nicht zielführend im Moment. Aber: Die Reaktionen zeigen, dass wir wohl einen Nerv getroffen haben. Mit so einem grossen Medienecho haben wir nicht gerechnet. Es ist ein guter Zeitpunkt, das andere grosse Problem mit anzusprechen, nämlich die zu grossen Schiffe, die schon immer eine Belastung waren für den Rhein, auf gewissen Strecken zumindest. Ich glaube, wir Fischer sind nicht die einzigen, die so denken. 

Was würde eigentlich passieren, wenn gar nichts gegen die Quaggamuschel unternommen würde?

Rey Die Nulloption wurde tatsächlich besprochen, und die URh kann einschätzen, was sie bedeuten würde. Wenn man gar nichts macht, würde die Schiffsrinne an der betroffenen Stelle verlanden. Es würde ein neuer Ökoraum entstehen. Das könnte ja sogar eine Chance sein. Für die Schifffahrt wäre vielleicht ein alternativer, direkter Weg unter der Hemishofer Brücke hindurch denkbar. 

Stoll Man soll eine neue Rinne baggern?

Rey Das wäre natürlich ein grosser Eingriff, aber man hätte im Gegenzug der Natur etwas zurückgegeben. 

Stoll Da sprechen wir aber von einem sehr grossen Bauprojekt. Das wäre ein Kanal!

Rey Beim Bewässerungsprojekt Bibertal wird im Moment ja auch sehr stark in die Natur eingegriffen. 

Stoll Ja, das war eine Lektion für uns Fischer, dort haben wir es verpasst, rechtzeitig zu intervenieren und im Sinne des Gewässerschutzes im Gegenzug strengere Auflagen bei der Landwirtschaft im Bibertal einzufordern. Wir haben aus unseren Fehlern gelehrt.  

Rey Es stellt sich doch aber immer die Frage, für wen man den Eingriff macht. Wasserfassungen sind wichtig für die Bevölkerung und für die Landwirtschaft, damit wir leben können in diesem Raum. Ich finde es berechtigt, dass man die Natur schützt, das stelle ich nicht infrage. Aber man muss klar sagen: Schlussendlich profitieren wir alle von der Natur.

Aber wäre zuschauen und abwarten wirklich eine Option? Das klingt ein bisschen nach Kapitulation vor der Muschel.

Stoll Im Moment wäre Abwarten die günstigste Variante gewesen und hätte einen nicht nachhaltigen Eingriff verhindert, der das Problem einmal mehr zeitlich und räumlich verlagert. Deshalb wäre dies eine echte Option, die man unserer Meinung nach nicht genug geprüft hat.

Rey Nein, volkswirtschaftlich wäre es nicht die günstigste Variante. Der Tourismus und die Gastronomie würden massiv darunter leiden. Schon jetzt klagen Gastrobetriebe in Stein am Rhein und auch die Tourismusbetriebe rund um den Rheinfall über Einbussen wegen fehlender Schiffspassagiere. Bei einem dauerhaften Unterbruch oder einer Zweiteilung der Strecke würden Leute ihre Stelle verlieren, Steuereinnahmen wegfallen und so weiter.

Stoll Dann sind wir mal gespannt, wann die nächsten Massnahmen angekündigt werden…

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Die Stadt und ihre Türme https://www.shaz.ch/2026/06/18/die-stadt-und-ihre-tuerme/ Wed, 17 Jun 2026 23:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=11011 Seit zwei Jahren ragen die Rhytech-Hochhäuser in den Neuhauser Himmel. Geplant war ein Stück Stadt. Aber ist es auch eines geworden?

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Seit zwei Jahren ragen die Rhytech-Hochhäuser in den Neuhauser Himmel. Geplant war ein Stück Stadt. Aber ist es auch eines geworden?

von Simon Muster und Sharon Saameli

Freitagnachmittag im Rivi Skyfall, 80 Meter über Neuhausen. Auf unserer Augenhöhe gleitet ein Mäusebussard durch die Lüfte. Schauen wir zusammen mit ihm auf Neuhausen hinunter: Er beobachtet eine Gruppe klitzekleiner Menschen, die ums Rheinfallbecken flanieren. Links fallen ihm zwei grosse, rot-weisse Stofffetzen auf, die auf hohen Fabrikhallen wehen. Er segelt weiter, über Riegel- und Wohnhäuser, über gesichtslose Einkaufszentren und Imbissbuden. 

Was sieht dieser Mäusebussard: ein Dorf oder eine Stadt?

Geht es nach dem Gemeinderat, ist Neuhausen bereit für die Ära Stadt. Anfangs dieser Woche lancierte er eine neue Image-Kampagne: «Von Natur aus urban». Die Kampagnenplakate zeigen junge Menschen hinter Laptops, auf hippen Gravel Bikes oder mit Ping-Pong-Schlägern in den Händen. Neuhausen: nicht länger der Vorort, ja das «Ghetto» von Schaffhausen, sondern jung, verspielt und eigenständig.

Als Marker für diese Entwicklung vom Dorf zur Stadt stehen die beiden Rhytech-Hochhäuser. Seit zwei Jahren ragen sie nun in den Neuhauser Himmel, als Herzstück der «Rhyfall Village», welche die Eigentümerin, die nationale Immobilienriesin Halter AG, als lebendiges Quartier aufs Papier zeichnete. Ihre Pläne auf dem Rhytech-Areal lösten dazumal massiven Protest aus: gegen «vertikale Slums», gegen den Schattenwurf ins Dorf, gegen die «Verschandelung» des Rheinfallufers (nachzulesen zum Beispiel in der AZ vom 15. Februar 2018).

Wie steht Neuhausen heute zu diesen Türmen? Und was machen die Türme mit Neuhausen – reichen sie, um das Kaff Stadt nennen zu können?

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Im Rivi Skyfall sitzt uns ein gut gelaunter Felix Tenger gegenüber, vor ihm ein Espressotässchen. Der 61-Jährige ist seit Anfang 2021 Gemeindepräsident von Neuhausen und schaffte 2024 die Wiederwahl. Am Abend vor unserem Treffen hat er seinem Parlament eine goldene Jahresrechnung präsentieren können: Das Steuereinkommen und das Nettovermögen pro Einwohner:in zeigen steil nach oben. Das liege auch an jenen, die ins Rhytech gezogen sind und ins SIG-Areal, erzählt Tenger. Rund ein Drittel der Rhytech-Bewohner:innen sei von auswärts zugezogen, vor allem aus Zürich – der Rest stamme aus Neuhausen und dem Kanton Schaffhausen. «Das Publikum ist sehr gemischt», erzählt uns Tenger, «Unsere Erwartungen an den Bevölkerungsmix haben sich erfüllt.» Seiner Meinung nach ist das Projekt Rhytech also gelungen. Auch die Türme selbst hätten sich nach einer Eingewöhnungszeit harmonisch in die Umgebung eingefügt. «Die Skyline ist zum neuen Kennzeichen von Neuhausen geworden.»

Die ersten Akzente dieser Skyline gehen auf die Boomjahre der Nachkriegszeit zurück. Das Öl war billig, der Wirtschaft lief es himmlisch, und die Bevölkerung wuchs innert zwanzig Jahren um ein Viertel an. Als Ausdruck dieser Potenz baute man in die Höhe. Das erste Hochhaus von Neuhausen war 1965 bezugsbereit, weitere folgten (mehr dazu in der AZ vom 4. Mai 2023). Doch der wirtschaftliche Abschwung der 1980er-Jahren dämpfte auch die Fortschrittseuphorie: Die Baukolosse begannen wie Fremdkörper zu wirken, die man sich ins eigene, heimelige Dorf geklotzt hatte. Die Bauten standen in der breiten Bevölkerung fortan für soziale Kälte und Vereinzelung. Das schreibt die auf Wohnfragen spezialisierte Sozialwissenschaftlerin Evelin Althaus in einem Aufsatz zum Phänomen Hochhaus: «Von ‹Betonbunkern› oder gar von ‹Ghettos› ist die Rede, meistens jedoch, ohne das Leben vor Ort wirklich zu kennen.» 

Anfang der 2010er-Jahre läutete der Neuhauser Gemeinderat den zweiten Hochhaus-Boom im Kaff ein. Mit Betonbunkern sollte das nichts zu tun haben, sondern mondän wirken. Dahinter stand einerseits die Idee der Verdichtung, denn Neuhausen fehlte das Bauland. Genauso aber wollte der Gemeinderat mehr steuerkräftige Personen anlocken. 

Wie Felix Tengers goldene Zahlen zeigen, ist das gelungen. Doch ist mit dem Geld auch Leben im Rhytech eingekehrt?

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Kurz vor Mittag steigen wir an diesem Montag aus dem Zug beim badischen Bahnhof in Neuhausen. Das stattliche Bahnhofsgebäude, 1863 vom Schaffhauser Intelligenzblatt zur «schönsten Station der Welt» gekürt, geht im Schatten der Rhytechtürme unter. Der neue Spielplatz, eher unkonventionell direkt am Bahngleis, ist leer. 

Auf dem Rhytech-Areal ist es ruhig, aber nicht ausgestorben. Die wenigen Kinder, die schon von der Schule zurück sind, tummeln sich vor dem Denner. Im Schatten der jungen Bäume und in der Lounge eines Cafés vertilgen vereinzelte Arbeiter schweigsam Pitas mit Ćevapčići und Ajvar. Urban wie wir sind, isst die Hälfte des Reporterteams aber vegan. Der Tibeter, den wir deswegen für unser Mittagessen besuchen wollten, ist heute geschlossen, das geht auf unsere Kappe. Das Bistro gegenüber ist zwar modern eingerichtet, aber auch zu, schon seit Oktober. Auch weitere Ladenflächen stehen leer. Noch Ende Jahr sagten die Betreiber des Areals gegenüber den SN, es mangle nicht an Interessenten, aber man sei «bei der Auswahl der Mieterschaft wählerisch». Die Angebote müssten zum Tourismus-Konzept passen, «ein Chocolatier wäre für uns zum Beispiel interessant.» Offenbar hat sich noch kein Chocolatier gemeldet. Auf den Schaufenstern im Rhytech versprechen derweil farbige Schriftzüge, was hier einst alles aufgehen soll – oder hätte aufgehen können: ein Optiker, eine Hörberatung, ein Deko-Shop. Scannt man den QR-Code, um mehr zu erfahren, folgt eine Fehlermeldung. 

Wir kaufen einen Kaugummi im Kiosk und fragen die Verkäuferin, ob es immer so ruhig sei. Sie sei nun seit ein paar Monaten hier und der Laden sei sehr schön, aber es fehle an Kunden, berichtet sie. Es brauche wohl noch mehr Werbung, bis das Areal zum Leben erwacht. «Wir haben jetzt auch am Sonntag offen, vielleicht hilft das etwas.» Das Sushi vom Tibeter könne sie uns aber sehr empfehlen. 

Mit der Bodennutzung hapert es also in der Neuhauser Metropolis noch. Und in der Höhe? Wir fragen bei der Halter AG nach, wie viele der 96 Eigentumswohnungen und 116 Mietwohnungen belegt sind, hören aber von der PR-Abteilung nichts. Also müssen wir undercover recherchieren. Hinter einem Jogger drücken wir uns in den Westturm, jenen mit den Mietwohnungen. Sie kosten zwischen 1325 Franken (1,5 Zimmer im 10. Stock) und «Preis auf Anfrage» («Exklusive Panorama-Residenz» mit 5,5 Zimmern im 23. Stock). Wir fahren mit dem Lift ganz nach oben, in den 24. Stock. Den Blick aufs Panorama versperren Sichtbeton und Eichenholztüren. In den oberen Stockwerken ist noch eine Handvoll Wohnungen frei, in den unteren, den günstigen, sind alle vergeben.

Und bei den Eigentumswohnungen? Im Haus im Osten sind auf dem Bildschirm, der als Klingelschild fungiert, drei Wohnungen als Leerstand verzeichnet. Zwei Firmen vermieten möblierte Wohnungen. Eine davon, «mydiHei», richtet sich primär an Expats, und vermietet in der Regel für mehrere Monate, wie wir auf der Website lesen. Offenbar ist das Interesse aber noch nicht so gross. Die CEO des Unternehmens schreibt uns, dass die Nachfrage von Expats in Neuhausen «derzeit noch nicht ausreichend» sei. Aktuell seien die Studios zur Hälfte leer. 

Gerüchte, denen zufolge ein guter Teil der Eigentumswohnungen Zweitwohnungen seien, können wir nicht überprüfen. Eine Erwartung hat sich aber klar nicht erfüllt: In die Rhytech-Türme sind deutlich weniger Familien mit Kindern gezogen als vorgesehen. Die Gemeinde Neuhausen musste deswegen explizit auch schon die Schülerprognose nach unten korrigieren (siehe AZ vom 21. August 2025). 

*

Wir verlassen die Rhyfall Village mit einem gemischten Eindruck. Die urbane Wohnlage ist beliebt, aber ein lebendiges Quartier ist oberhalb des Rheinfalls noch nicht entstanden. Wir rufen den GLP-Einwohnerrat Fabian Bolli an. Mit 29 Jahren steht er nicht nur stellvertretend für jene, von denen Neuhausen gerne mehr hätte. Als Einwohnerrat warf er auch immer wieder Ideen ein, wie Neuhausen als Stadt entwickelt werden könnte: mit einer eigenen Rhybadi, einem Schnellzughalt oder dem Beitritt zum Regionalen Naturpark. Gelungen ist der Mentalitätswandel bisher nicht, sagt Bolli. «Ich bin Neuhauser in mindestens dritter Generation. Einige hier sind sehr stolz darauf, noch ein Dorf zu sein», erklärt er. Doch das entspreche schon lange nicht mehr der Realität. Dafür sei das Rhytech-Areal sinnbildlich. «Wir haben eine Stadt gebaut, jetzt müssen wir auch eine Stadt entwickeln.» Dann würde auch im Rhytech-Areal der volle Mehrwert entstehen, den man den Leuten einst versprochen hat.

Wir wollen uns von Bollis Enthusiasmus anstecken lassen. Und zukunftsoptimistisch gesprochen strahlen die Rhytech-Türme durchaus Urbanität aus: In Neuhausen sind noch Dinge möglich, die in der grössten Stadt im Kanton völlig undenkbar wären. Während Schaffhausen jedes Solarpanel verbietet, das man vom Munot aus sehen könnte, sendet Neuhausen über dem wichtigsten Touri-Hotspot der Region, dem Rheinfall, ein Signal aus: We get shit done.

Doch unsere Euphorie wird gedämpft, als wir mit dem nächsten Neuhauser sprechen: Thomas Leuzinger, SP-Einwohnerrat, kaum je um ein kantiges Wort verlegen und jüngst rund um die Burgunwiese wieder aktiver geworden – die Enttäuschung über den Verlust der letzten grossen Freifläche im Zentrum ist bei ihm noch spürbar. Leuzinger findet, die Politik behandle Neuhausen wie ein «adipöses Dorf»: Die Raumplanung strahle entsprechend nicht Kreativität, sondern vielmehr Konzeptlosigkeit aus. «Das ist das Gegenteil von Urbanität. In urbanen Gebieten antizipiert man die Probleme, die Hochhäuser mit sich bringen. Hier hat man einfach gebaut.» Nun habe Neuhausen zwar ein neues Quartier – aber ein privates, bei deren Besitzer man um Erlaubnis fragen müsse, wenn man zum Beispiel eine Standaktion machen oder Unterschriften sammeln will.

2013, als die Rhytech-Pläne auf dem Tisch lagen, freute sich Leuzingers Partei noch über die luftige Gestaltung und die Grünflächen. Heute ist das linke Unbehagen gegenüber Hochhäusern, nunmehr Symbole von Luxus und renditegetriebener Spekulation, nicht mehr zu überhören – im Zürcher Stadtparlament machte die Linke jüngst gar einen Schulterschluss mit der SVP, um das vertikale Bauen zu verhindern. 

Auch gegen die Neuhauser Hochhäuser gab es Widerstand. Noch bis ins Jahr 2019 kämpfte die IG R.O.T. («Rhytech ohne Türme») gegen die Bauten, so lange, bis ihr das Geld ausging. 

Roland Müller, der die Protestgruppe damals in den Medien vertrat, blickt heute jeden Tag von seinem Wohnzimmerfenster auf die beiden Hochhäuser. Als wir ihn für ein Telefongespräch anfragen, schickt er uns ein Foto, das im Winter weit oben in einem der Türme entstanden ist. «Schattenwurf der Tower», schreibt er dazu, «ich wohne im Haus mit den Solarpanels, links vom Schatten. Bald ist es ganz dem Schattenwurf ausgesetzt.»

Er habe sich mit den Hochhäusern abgefunden, sagt Müller, auch wenn die Dominanz so nah am Rheinfall enorm sei. Als die IG damals Einsprache erhob, setzte sich Müller noch für eine vertikale Begrünung ein. «Aber der Profit war wohl wichtiger als die Schaffung von etwas Schönem und Sozialem. Ich halte Verdichtung nicht für falsch. Aber sie muss der Umwelt etwas zurückgeben. Und diese Verdichtung schafft weder einen ökologischen noch einen sozialen Mehrwert für die Neuhauser:innen.» 

Hochhäuser vermitteln schnell einen Eindruck von Stadt: Ihre Dichte, ihre Anonymität und ihre insgesamt grösseren Massstäbe geben ein Gefühl von Bedeutung. Visuell erinnern die Promenaden des Rhytech-Areals an pompöse Kapitalanlagen wie die Zürcher Europaallee – und es hat etwas Befreiendes, wenn eine Gemeinde so starke bauliche Statements setzt. Aber für Urbanität braucht es mehr, als nur in die Höhe zu bauen: Begegnungsorte zum Beispiel, eine lebendige Kulturszene und Orte, in denen Reibung möglich wird. Die Rhytech-Türme allein machen aus Neuhausen noch keine Stadt. Aber sie machen es Neuhausen unmöglich, sich noch als Dorf zu sehen. Und so sind die Befürworter von damals heute wohlwollend und trauen sich kaum, eine Enttäuschung auszudrücken, während die einstigen Gegner sich zwischen Resignation und radikaler Akzeptanz bewegen.

Epilog

Am vergangenen Sonntag stimmte Neuhausen – entgegen dem Engagement des Besitzers der Halter AG – nicht nur gegen den 10-Millionen-Deckel, sondern entschied auch über die Zukunft der letzten unbebauten Fläche im Zentrum, der Burgunwiese. Noch 2022 hatte die Stimmbevölkerung die verpatzte Raumplanung des Gemeinderats, welche viele zweifellos in den Rhytech-Türmen sahen, mit einem wuchtigen Ja zu einem grossen Burgunpark quittiert. Nun, nach jahrelangem Hin und Her, gaben die Neuhauser:innen den Plänen des Gemeinderats trotzdem nach: Auf der Wiese entsteht nicht nur ein Park, sondern auch ein Alterszentrum. 

Die Träume und Freiräume, aber auch die Gräben von damals: Sie scheinen endgültig zu einem neuen Status quo zementiert.

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Wo die wilden Trolle wohnen https://www.shaz.ch/2026/06/01/wo-die-wilden-trolle-wohnen/ Mon, 01 Jun 2026 09:29:30 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10978 Auf der Suche nach einem Sehnsuchtsort: Unsere Serie «Randern» geht in die neue Saison. Nora Weisst du, wo die Trolle wohnen?Robin Trollst du mich?Nora Nein, komm mit! Wir fahren bei brütender Hitze mit dem Bus nach Bargen, der nördlichsten Gemeinde der Schweiz. Hier, wo die Autobahn durchs Dorf schneidet, gehen wir dem Mülibach nach aufwärts […]

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Auf der Suche nach einem Sehnsuchtsort: Unsere Serie «Randern» geht in die neue Saison.

Nora Weisst du, wo die Trolle wohnen?
Robin Trollst du mich?
Nora Nein, komm mit!

Wir fahren bei brütender Hitze mit dem Bus nach Bargen, der nördlichsten Gemeinde der Schweiz. Hier, wo die Autobahn durchs Dorf schneidet, gehen wir dem Mülibach nach aufwärts ins kühle Mülital. Beim Weier nach den letzten Häusern zweigen wir rechts ab und folgen später einem Naturpfad zu unserer Linken. Unsere Wanderschuhe tragen uns vorbei an blühenden und zirpenden Wiesen. Robin sagt: «Stell dir vor, das ist der letzte Weg, den du antrittst. Und du hast alle Zeit der Welt.»

Ein schimmernder Bläuling flattert vor uns auf. Vielleicht ist es Hermann Hesses berühmter «kleiner, blauer Falter»: 

«So mit Augenblicksblinken / So im Vorüberwehn / Sah ich das Glück mir winken, / Glitzern, flimmern, vergehn.»

Unser lyrisches Ich ist beflügelt. Bald werden wir die Trolle sehen.

Der «locus amoenus»

Unterwegs kommen wir auf etwas Berauschendes zu sprechen. Seit der Mensch existiert, sucht er nach dem locus amoenus, dem lieblichen Ort. Der literarische Topos dieses Lustplätzchens entspringt der Vorstellung eines «goldenen Zeitalters». Er liegt oft auf einem lichten Hain im Wald, ist mit einer Quelle ausgestattet und von singenden Vögeln umgeben. Der locus amoenus spielt in Theokrits antiker Hirtendichtung genauso eine Rolle wie 2000 Jahre später in den damals populären Idyllen Salomon Gessners (derselbe, der 1780 die «Zürcher Zeitung» gründete, aus der die NZZ entstand). Gerade in Zeiten von Verunsicherung prosperiert die Sehnsucht nach einer Realitätsflucht in die Idylle. Liegt am Ziel unseres Wegs also vielleicht der locus amoenus?

Bevor wir das herausfinden, müssen wir an den Trollen vorbei. Wir sehen sie bereits, sie stehen am Wegrand. Pummelig, aufgeplustert, gelb. Mit den nordischen Wichten haben sie wenig zu tun. Vielmehr handelt es sich bei diesen Wiesenbewohnerinnen um Trollblumen. In Büttenhardt werden sie «Trolle» genannt, in Bargen «gfüllti Bachbommele», in Thayngen «Chöbesli» und in Opfertshofen «Bueberolle» – das sind nur einige der überlieferten Namen, welche man der heute gefährdeten Blume in Schaffhausen einst gab. Nirgendwo sonst im Kanton sieht man Trollius so häufig wie am Ort unserer heutigen Wanderung. Die ganze Zeit über säumt sie unseren Weg und ergiesst sich über den Talkessel, der sich vor uns lichtet: die Galliwies. Unser Ziel. 

Unberührt?

Die Galliwies scheint aus der Zeit gefallen. In der abgeschiedenen Flur konnten sich nach dem Rückzug der Gletscher wegen des kühlen Klimas verschiedene subalpine Pflanzen halten. Auch die höchst seltene Wanstschrecke und eine Vielfalt an Schmetterlingen und Faltern tummeln sich auf der Galliwies, die seit 1963 unter Naturschutz steht.

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Ein Infoschild verrät, dass die Flur auf alten Karten noch als Bärenwiesli ausgewiesen ist. Ob der letzte Bär im Kanton im Jahr 1575 hier erlegt wurde, ist aber nicht verbürgt. Wir steigen am Weg entlang die Anhöhe der Galliwies hoch und setzen uns in den Schatten eines Baumes mit Blick ins Tälchen, wo zwei Bächlein zusammenfliessen. Wir packen Landjäger, Äpfel und Studentenfutter aus. Ein leichter Windhauch erfrischt uns. Ja, das kommt dem locus amoenus ziemlich nahe.

Der liebliche Ort ist eine Idealisierung. Genauso wie die Vorstellung, dass die Galliwies «unberührt» sei. Die aussergewöhnliche Artenvielfalt konnte hier nur gedeihen, weil die Menschen im Mittelalter den Wald nutzten. Durch weidendes Vieh und Brennholzschlag entstanden lichte Waldweiden und Magerwiesen. Die Aufforstungen in den vergangenen 150 Jahren drängten die Galliwies auf einen Drittel der einstigen Fläche zurück.

Bevor wir unseren locus amoenus verlassen, steigen wir durch den Wald zur Iblenquelle, um zu trinken. Im Waldbächlein, das später in die Durach mündet und unsere städtischen Brunnen mit Wasser versorgt, entdecken wir Feuersalamanderlarven. Auf dem Rückweg bei über 30 Grad treffen wir einen Einheimischen. Vor 50 Jahren seien sie hier im Winter in der Schlaufe rund um die Galliwies Langlauf gefahren. «Das, was wir jetzt hier haben», sagt er und weist auf die sengende Sonne, «ist erst der Anfang».

Wanderung: 6 Kilometer, 320 Höhenmeter, Ca. 1,5 Stunden ohne Pausen

Randern – Teil drei
Wir, zwei Schaffhauser:innen, kennen die spektakulärsten Ausflugsziele unseres Kantons. Denken wir zumindest. Für diese Wandersaison haben wir uns vorgenommen, diese vermeintliche Gewissheit zu hinterfragen.
Wir suchen nach Orten, an denen wir noch nie waren oder die wir noch nie bewusst wahrgenommen haben. Destinationen, die unsere Neugierde wecken und im Verdacht stehen, echte Geheimtipps zu sein, auf dem Randen oder anderswo im Randgebiet, das wir unsere Heimat nennen. Wer von uns beiden kann den anderen mit der spannenderen Wanderung – pardon Randerung – der schöneren Aus- oder Einsicht und gemütlicheren Beizen zum Einkehren übertrumpfen? Randern Sie uns nach, wir freuen uns auf Ihre Meinung! 

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«Beringen ist ein Skandal» https://www.shaz.ch/2026/05/21/beringen-ist-ein-skandal/ Thu, 21 May 2026 10:01:26 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10955 Aktivist:innen blasen zum Widerstand gegen die Datencenter in der Region. Auf den Monat Juli ist ein einwöchiges Camp angekündigt. Was ist vom Kollektiv «Aufstände der Allmende» zu erwarten? Es ist noch dunkel, als am frühen Sonntagmorgen eine Gruppe vermummter Menschen das Baugerüst des Mühleradhauses neben dem Rheinfall erklimmt. Zuoberst angekommen, montieren sie ein Transparent, zehn […]

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Aktivist:innen blasen zum Widerstand gegen die Datencenter in der Region. Auf den Monat Juli ist ein einwöchiges Camp angekündigt. Was ist vom Kollektiv «Aufstände der Allmende» zu erwarten?

Es ist noch dunkel, als am frühen Sonntagmorgen eine Gruppe vermummter Menschen das Baugerüst des Mühleradhauses neben dem Rheinfall erklimmt. Zuoberst angekommen, montieren sie ein Transparent, zehn auf zehn Meter gross muss es sein. «KI kurzschliessen», steht da: «Kein neues Datenzentrum in Beringen!»

Noch am gleichen Tag stellen sich die Aktivist:innen, nun nicht mehr vermummt, hinter einen Infostand in Neuhausen. Dort plaudern sie mit der Bevölkerung, wollen wissen, was die Anwohner:innen über die Datencenter in der Region denken. Und sie lassen die Neuhauser:innen Fussbälle auf die Visagen von Elon Musk, Jeff Bezos und Konsorten kicken, die sie auf Schuhkartons geklebt haben.

Der erste regionale Auftritt der «Aufstände der Allmende» ist genauso ein Vernetzungsversuch wie eine Kampfansage: Schaffhausen soll gegen die Serverfarmen in Beringen und Herblingen aufbegehren. Auch visuell ist die Stossrichtung der neuen Bewegung unmissverständlich: In sozialen Medien rufen die Aktivist:innen mit Sturmmaske und Bolzenschneider zum Feldzug gegen die Herrschaft des Kapitals auf – und zu einem einwöchigen Widerstands-Camp in der Region, kommenden Juli.

Es wären Bilder, die Schaffhausen seit der Besetzung eines Schweinestalls in Guntmadingen nicht mehr gesehen hat (AZ vom August 2020). Was wollen die «Aufstände der Allmende», kurz AdA, hier erreichen?

Vorbild Zapatistas

Ein verschlüsseltes Telefongespräch wäre ihm am liebsten, schreibt uns Anfang dieser Woche ein Mann, der sich mit dem Namen Jannis Baumer vorstellt. Das sei sein richtiger Name, zumindest «für die Medien», sagt der Pressesprecher der AdA. «Die Schweiz hat europaweit die zweithöchste Dichte an Datencentern», beginnt er in Berner Dialekt zu erklären. «In der Gemeinde Beringen zeigt sich die Entwicklung dieses ökologischen und sozialen Skandals exemplarisch.»

Das Kollektiv, für das Baumer spricht, verweist in seinem Namen auf eine Fläche, die historisch gemeinschaftlich genutzt wurde: Als Allmende festgelegte Wälder und Weiden stellten sicher, dass auch Menschen mit wenig Bodenbesitz ans Nötigste kamen. Selbst das Symbol von AdA, ein umgekehrtes A, steht in der Mathematik für den Allquantor, also: für alle. In der Bewegung steht die gerechte Nutzung und Verteilung von Land, Wasser und anderer natürlicher Ressourcen im Vordergrund – und darum auch der Kampf gegen den Kapitalismus und insbesondere den privatisierten Ressourcenwahnsinn von Big Tech.

Auch wenn die AdA sich nicht als Vertreter:innen einer klaren Ideologie ansehen, so liegen ihre Bezugspunkte doch auf der Hand. Zunächst einmal gibt es Verflechtungen mit der jüngeren Klimabewegung: Spenden an die AdA gehen aufs Konto des Klimastreiks Basel. Eine historisch für sie wichtige Referenz, erklärt Jannis Baumer, sei der Aufstand der indigenen Völker Mexikos im Jahr 1994. Die Zapatistas besetzten ab 1994 mehrere Städte im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas und erklärten der damaligen Regierung den Krieg. «Sie haben das Ende vom Ende der Geschichte eingeläutet», sagt Baumer. Was er damit meint: Die Zapatistas widersprachen mit ihrem damaligen Handeln jenen, die vom ideologischen Sieg des Kapitalismus (dem «Ende der Geschichte») geschwärmt hatten. So sagt auch Baumer: «Wir möchten aufzeigen, dass ein anderes Leben möglich ist, ein Leben jenseits des Kapitalismus.»

Krieg und Fürsorge

Einmal ist die Bewegung, zu deren Grösse Jannis Baumer übrigens auf Nachfrage schweigt, bereits in Erscheinung getreten: Im Juni vor einem Jahr nahm sie die seit Jahren umstrittene Umfahrungsstrasse Aarwangen im Oberaargau ins Visier. Was sie mit dem angriffslustigen Slogan «Autoindustrie entwaffnen, Land zurückholen» ankündigten, sah in der Realität dann aber vielmehr verspielt aus: Die Aktivist:innen pflanzten Bäume und ein Wildblumenbeet auf die Baustelle der Autobahn und nahmen im Anschluss den nahen Spychigwald in Beschlag. Für ein verlängertes Wochenende boten sie ihren Besucher:innen und sich selbst Lagerfeuer, Konzerte und kleine Kletterkurse.

Tatsächlich schwingt auch in der Rhetorik von AdA nicht nur Krieg und Revolution, sondern auch ein Fokus auf Fürsorge mit. Der «fürsorgliche Umgang miteinander, mit allen Lebewesen und unseren Lebensgrundlagen» ist in den Aktions-Guidelines der Gruppe festgeschrieben, und rassistische, koloniale oder patriarchale Gewalt haben in ihrem Aktivismus nichts verloren, hält Jannis Baumer fest. Dass der mitunter brachiale Auftritt des Kollektivs auf breite Bevölkerungsteile abschreckend wirkt, steht neben diesen Ansprüchen. Das Kollektiv löst den scheinbaren Widerspruch zwischen Militanz und Achtsamkeit nicht auf, auch dann nicht, wenn Baumer sagt: «Uns geht es darum, die herrschende Ordnung zu stören. Dabei ist uns klar, dass eine wirkmächtige Bewegung die zerstörerischen Projekte von Tech-Oligarchen und Politiker:innen auch materiell bekämpfen muss und nicht nur mit Worten.» Heisst: Sachen angreifen steht auf dem Programm.

Am Sonntag hing das Kollektiv Transparente in Neuhausen auf. Foto: zVg
Am Sonntag hing das Kollektiv Transparente in Neuhausen auf. Foto: zVg

Das «Widerstands-Camp», das die AdA auf die erste Juliwoche in der Region ankündigt – vermutlich auf einem Stück Land in Beringen –, wird in diesem Spannungsfeld liegen, falls es denn zustande kommt. Es ist also nicht auszuschliessen, dass vom Camp aus die Datencenter-Infrastruktur angegriffen wird. Gleichzeitig soll im Camp Vernetzung und Information möglich sein, wie Jannis Baumer sagt: «Wir wollen einen zugänglichen Ort für Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen schaffen. So soll ein Raum entstehen, in dem sich globale Kämpfe mit lokalen Widerständen gegen Datencenter und den KI-Hype verbinden können.» Verschiedene Workshops zu den Themen Wasserverbrauch, Repression und Militarisierung oder auch zu der KI inhärenten Ausbeutung des globalen Südens rahmen das Programm.

«Viele sind fassungslos»

Im Spychig-Wald hält seit der Aktion der AdA eine Gruppe Anwohner:innen jeden Monat eine Mahnwache ab. Der erste Auftritt des Kollektivs zeigte also Wirkung. Aber wie wird es in Schaffhausen ankommen?

Denn hier hat sich in den vergangenen Monaten eine Kluft aufgetan: Die Pläne des ersten Datencenters provozierten noch einen Aufschrei. Seither haben sich die Datencenter-Pläne vervielfacht: Gemäss Schaffhauser Nachrichten soll eine zweite Serverfarm in Beringen zu stehen kommen. Und nahe des Stadions in Herblingen soll ein drittes, riesiges Zentrum zu stehen kommen, hinter der gar Amazon stecken soll. Doch auf diese Pläne ist weder Protest noch Debatte gefolgt. Nur ganz kurz wurde es laut, als die vom Kanton geplanten Windräder auf dem Randen mit dem Energiehunger der Server begründet wurden (AZ vom 30. Oktober 2025). Das Signal des Regierungsrates, dass man solche Pläne einfach bewilligen müsse, wenn sie sich an die Vorgaben halten, hallt noch nach.

Die SP-Kantonsrätin Eva Neumann hat das erste Datencenter in Beringen von Stunde eins an bekämpft. Sie kritisierte das Bewilligungsverfahren, die Intransparenz, die Unklarheiten bezüglich Abwärme und Ressourcenverschleiss. «Mich sprechen auch heute noch viele auf die Datencenter an», sagt sie. «Viele sind fassungslos, dass man gegen diese Pläne nichts unternehmen können soll. Aber ich weiss inzwischen auch nicht mehr, was man noch machen könnte.»

Darum hofft Eva Neumann auf einen breiten Protest in der Region. Das habe in den 1980er-Jahren gegen die Glasfabrik im Herblingertal auch gewirkt.

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Ärger im Wald https://www.shaz.ch/2026/05/21/aerger-im-wald/ Thu, 21 May 2026 09:58:07 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10952 Eigentlich wollen alle dasselbe: einen gesunden, guten Wald. Doch wenn es darum geht, was dieser können soll, wachsen die Emotionen in den Himmel. Ein Verstehensversuch. Im April prangte plötzlich ein leuchtend gelbes Plakat am Stadthaustor: «Stoppen Sie sofort die krassen Fällarbeiten im Wald auf dem Hohberg. Wir sind schockiert!» Die gleiche Botschaft fand sich auch […]

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Eigentlich wollen alle dasselbe: einen gesunden, guten Wald. Doch wenn es darum geht, was dieser können soll, wachsen die Emotionen in den Himmel. Ein Verstehensversuch.

Im April prangte plötzlich ein leuchtend gelbes Plakat am Stadthaustor: «Stoppen Sie sofort die krassen Fällarbeiten im Wald auf dem Hohberg. Wir sind schockiert!» Die gleiche Botschaft fand sich auch vor den Räumlichkeiten von Grün Schaffhausen. Angebracht hatten sie besorgte Bürger:innen. Zudem schickten sie einen offenen Brief an die Stadtregierung mit der Forderung nach einer Erklärung für die Massnahmen am Hohberg und warum diese einen «derart zerstörerischen Eindruck» hinterlassen hätten. Dem dramatischen Appell legten sie Fotos von gefällten Stämmen und Forstmaschinen-Spuren bei. Es war ein Ruf unter vielen, die sich im Moment um den Wald Sorgen machen. In und um die Wälder rumort es.  

Kapitel eins: Ärger

Auch andere nehmen das wahr: Im Stadtrat wurde gerade über Simon Furters Postulat für einen erholungsfreundlichen und naturnahen Stadtwald debattiert. Leserbriefschreibende beklagen aktuelle Forstmassnahmen, sprechen von einem «Trauerspiel» und von «klaffenden Wunden». Der Tenor: Die Nutzungsfunktion des Waldes als Energie- und Rohstofflieferant werde den anderen Funktionen übergeordnet. Solche Aussagen wiederum zogen die Reaktion eines strapazierten Regierungsrates nach sich: Martin Kessler sagte Mitte April an der Generalversammlung des Waldeigentümerverbandes, dass man die Diskussion über die Waldpflege doch denen überlassen soll, die wirklich eine Ahnung vom Thema hätten.

Auch Förster wehren sich gegen die Unterstellungen. So etwa der Schleitheimer Förster Christoph Gasser. Er schreibt der AZ in einem Mail von Grenzen, die überschritten wurden. Verbale Beleidigungen oder Anpöbelungen seien sie, die Forstarbeiter, sich ja gewohnt – aber aufgeschlitzte Reifen an Forstfahrzeugen, wie es kürzlich am Geissberg vorgekommen sei – das gehe eindeutig zu weit. Vor sechs Jahren führte Gasser uns durch sein Revier und erklärte, wie es den Bäumen geht in Zeiten von Klimawandel, Extremwetter und Trockenperioden (siehe AZ vom 20. Februar 2020). Nun, sechs Jahre später, landet seine E-Mail in unserem Postfach fast zeitgleich mit dem offenen Brief der besorgten Bürger:innen. Was ist da eigentlich los im Wald?

Kapitel zwei: Waldbegehung

Ein guter Monat nach dem Eingriff auf dem Hohberg stehen wir mit Nico Schwager, Abteilungsleiter Wald und Landschaft bei Grün Schaffhausen, am «Tatort». Ruhig und verlassen liegt der Aussichtspunkt in der Nachmittagssonne, ein kräftiger Wind rauscht durch die mächtigen Baumkronen rund um den Grillplatz. Es geht weiter über eine hübsch blühende Wiese, ein schmaler Trampelpfad führt an den Waldrand. Von den Spuren der Forstmaschine auf der Wiese oberhalb des steilen Waldstücks, von denen die besorgten Bürger:innen berichteten, ist nichts mehr zu sehen. Das Waldgebiet hier ist eines der wenigen stadtnahen Gebiete, die nicht nur der Erholungsfunktion, sondern auch der Funktion Lebensraum zugewiesen sind. So ist es im Waldfunktionsplan festgehalten. Wir sehen uns im schmalen, steilen Waldstück um. Zwei mächtige Eichen wachsen hier gen Himmel, daneben stehen vier, fünf frische Wurzelstöcke. Hier auf dem Hohberg gehe es darum, den Eichenbestand zu schützen und zu fördern, erklärt Schwager: «Wir steuern den Wald über das Licht.» Damit die Eichen als ausgeprägte Lichtbaumart genügend Sonnenlicht abbekommen, mussten einige andere Bäume weichen. Sie haben mit ihrem dichten Blattwerk die jungen Eichen daran gehindert, stabile Wurzeln zu schlagen. Es profitieren dadurch auch andere Arten wie Feld- und Spitzahorn oder auch Kirschbaum, die unter dem dichten Blätterdach ebenfalls ihre Mühe hatten.

Er verstehe den Ärger der Anwohner, wenn ihr Wald plötzlich ganz anders aussehe. Aber man müsse die Waldentwicklung in einem längeren Zeitraum betrachten, so Schwager: «In den nächsten Jahren sollen an dieser Stelle keine Eingriffe im Baumbestand stattfinden, damit die jungen Bäume aufwachsen können.»

Auf die Plakataktion angesprochen, zieht er eine Augenbraue hoch. Man könne jederzeit bei Grün Schaffhausen anrufen, wenn man Fragen habe, sagt er: «Wir geben gerne Auskunft über die geplanten Massnahmen.»

Urheber der Plakate am Stadthaus und bei Grün Schaffhausen sind der Hohberg-Anwohner Peter Mégel und seine Partnerin Andrea Maria Stirling. Eigentlich sei das ja nicht ihre Art, sagen die beiden fast entschuldigend, als wir sie nach den Gründen ihrer Aktion fragen. «Wir sind keine Aktivisten.» Aber der Eingriff hier am Hohberg sei für sie ohne Vorwarnung gekommen. Und schockierend gewesen. Das habe etwas ausgelöst. «Natürlich haben wir erst einmal emotional reagiert.»

Ihre darauffolgende Aktion indessen hat die gewünschte Wirkung nicht verfehlt: Die Stadt lud die Plakatsteller zum Austausch vor Ort ein. Gleichzeitig wies Stadträtin Katrin Bernath sie in ihrer Antwort auf den offenen Brief klar darauf hin, dass eine öffentliche Darstellung mit Namensnennung von Personen, die sich tagtäglich für die Natur in Schaffhausen einsetzen würden, nicht akzeptabel sei. Der AZ antwortet Bernath auf Nachfrage, die Stadtregierung sei immer offen für einen Austausch zu verschiedenen Interessen und Sichtweisen. Aber bei dieser Form der Kritik fehle der Respekt gegenüber den Mitarbeitenden.

Für die Aktivisten, die keine sein wollen, war die Aktion Mittel zum Zweck: Dass sie auf eine Audienz mit den Verantwortlichen der Stadt eingeladen wurden, wissen sie zu schätzen. «Es liegt uns fern, nur zu stören. So was machen wir nicht. Aber wir wollen mitreden.» Ihnen sei es vor allem darum gegangen, ihren Standpunkt klarzumachen: «Wir sagen nicht, dass alle Förster böse sind, überhaupt nicht. Es geht uns um eine Neuordnung der Gewichtung der verschiedenen Ansprüche.» Es sei ihnen ein Anliegen, den emotionalen Wert des Waldes auf gleiche Ebene wie die anderen Nutzungen zu bringen. «Als einen weiteren Anspruch, den man an den Wald stellen kann.»

Kapitel drei: Einer für alle

Der Wald muss vielen Ansprüchen gerecht werden. In Schaffhausen nimmt er viel Raum ein: 42 % der Gesamtfläche des Kantons ist bewaldet, er ist damit nach dem Tessin der zweitwaldreichste Kanton der Schweiz. Der Wald ist Refugium für Erholungssuchende, Lebensraum, Energie- und Rohstofflieferant, Schutzzone für Flora und Fauna und ein grosser Spielplatz für Freizeitaktivitäten.

«Das Betreten von Wald und Weide in ortsüblichem Umfange ist grundsätzlich jedermann gestattet.»
 
So steht es im Schweizer Zivilgesetzbuch unverändert seit 1912. Von diesem Jedermannsrecht machen die Menschen gerne und viel Gebrauch. Wo früher der Wald vor allem als Holzlieferant genutzt wurde, und manchmal zum Sammeln von Pilzen oder Beeren (auch das ist nach Gesetz explizit erlaubt), sind die Ansprüche an ihn über die Jahrzehnte gewachsen. Und somit auch die potenziellen Konfliktlinien.

Alle wollen etwas vom Wald. So sehr, dass dem Wald seit dem 19. Jahrhundert per Gesetz verschiedene Nutzungen zugeteilt werden, anfangs vor allem in seiner Funktion als Schutz- und Bannwald. Seit den 1970er-Jahren werden in der Waldfunktionsplanung die verschiedenen Funktionen bestimmt, explizit unter der Mitwirkung der Bevölkerung. In Schaffhausen sind dies die Schutzfunktion, Wohlfahrtsfunktion (darin Erholungs- und Walderlebnisfunktion), Lebensraum- und Naturschutzfunktion sowie Nutzungsfunktion. Dass sich diese Ansprüche ab und an in die Quere kommen, ist unvermeidbar. Wald ist multifunktional und soll alle Bedürfnisse auf kleinem Raum erfüllen.

Dabei können sich Ansprüche sogar innerhalb einer Funktion widersprechen. Erholungssuchende zum Beispiel haben konträre Ansprüche: Familien möchten eher eine gute Infrastruktur, gepflegte Grillstellen oder einen Waldspielplatz. Spaziergänger:innen wollen ihre Ruhe auf sicheren Wegen. Und Biker:innen wollen möglichst keinen Spaziergänger:innen begegnen. Kann der Wald all dem überhaupt gerecht werden?

In Schaffhausen prallen die Meinungen aufeinander, der Ton scheint rauer geworden. Immer öfter scheint das Verständnis für andere Waldnutzer:innen zu fehlen. Man berichtet uns von missachteten oder mit Farbe verschmierten Absperrblachen bei Holzschlägen, von Anpöbelungen und Beschimpfungen. Das sei früher so nicht vorgekommen.

Peter Mégel und Andrea Maria Stirling sagen, all die Eingriffe am Wald seien von den Behörden sauber begründet worden: Man habe ihnen gesagt, diese seien nötig gewesen für die Verjüngung des Waldes, um Lichtinseln zu schaffen, die Biodiversität zu fördern und Sicherheit zu garantieren. Die Frage, ob diese Argumente denn nicht auch in ihrem Interesse seien, bejahen die beiden nur teilweise. Die Massnahmen hätten zumindest mit mehr emotionaler Feinheit kommuniziert werden können, finden sie. Sowieso: Es gehe ihnen vor allem um die Kommunikation.  

Im Gespräch bleibt das Misstrauen gegen die Behörden spürbar: Peter Mégel sagt, er wolle sich bald auch einem weiteren grossen Thema widmen: der Sicherheit im Wald. «Das ist eine indiskutable, heilige Kuh. Förster wie auch alle anderen Verantwortlichen brauchen diesen Aspekt als Grund, damit sie ihr Programm durchziehen können.» Man finde ja kaum noch richtig alte Bäume im Wald.

Nach dem Holzschlag im Erholungswald am Hohberg: Nico Schwager erklärt, warum der Baumschlag als Aufwertungsmassnahme zu betrachten ist.
Nach dem Holzschlag im Erholungswald am Hohberg: Nico Schwager erklärt, warum der Baumschlag als Aufwertungsmassnahme zu betrachten ist.

Es ist ein Gefühl der Ohnmacht und der Angst, etwas Vertrautes zu verlieren, ohne darauf Einfluss nehmen zu können, das hier mitschwingt. Auch dass Förster Sicherheit als Argument vorschieben würden, um Bäume zu fällen: Das alles hört Nico Schwager nicht zum ersten Mal. Sicherheit gehe aber halt trotzdem vor, gerade in Gebieten, die viel genutzt würden und in denen Kinder spielen. Er betont: «Der Stadtwald gehört der Bevölkerung.» Was man dabei nicht vergessen dürfe: «Die Betriebsplanung und die Massnahmen brauchen eine gewisse Langfristigkeit, damit sich der Wald entwickeln kann.»

Oder anders gesagt: Bäume wachsen nicht schneller, bloss weil die Leute sich dies wünschen. Der Wald hat eine andere Zeitrechnung. Zeitlos ist er höchstens aus menschlicher Sicht, weil unsere Lebenszeit kürzer ist als die eines Baumes. «Wir arbeiten hier an einem Mehrgenerationenprojekt», sagt auch Schwager. «Wir bewirtschaften den Wald, den mehrere Generationen vor uns gepflanzt und gepflegt haben. Und unsere Aufgabe ist es wiederum, dass die Waldleistungen, die wir heute haben, zukünftig erhalten bleiben.»

Und auch wenn ein Waldbestand so wirken mag, also wäre er ewig gleich – er verändert sich ständig. Die Strategie von Grün Schaffhausen, um dem Klimawandel zu begegnen: «Im Erholungswald folgen wir der Strategie der Baumartenvielfalt und einer guten Altersdurchmischung. Diese Aspekte werden in Zukunft noch wichtiger werden.»

Kapitel vier: Keine Wunder

Der Wald wird irgendwie überleben, da sind sich alle einig. Aber er wird sich durch den Klimawandel verändern. Der Schleitheimer Förster Christoph Gasser sagt es pointiert: «Wir müssen uns von dem gewohnten Bild unseres Waldes verabschieden. Das fällt schwer. Aber wenn wir das Gefühl haben, der Klimawandel gehe auf wundersame Weise an unserem Wald vorbei, wenn wir die Natur einfach machen lassen, dann stellen wir uns eigentlich auf die Stufe der Klimaleugner.»

Der Waldnutzungsplan wird alle zwanzig Jahre neu verhandelt. Dann werden die jeweiligen Pläne in jeder Gemeinde während 20 Tagen öffentlich aufgelegt und es können Anregungen und Einwände eingereicht werden. In vier Jahren ist es wieder so weit. Peter Mégel und Andrea Maria Stirling befürchten, dass es dann schon zu spät sein wird: «Wir haben Angst, dass der Wald, wie wir ihn kennen, bis dahin weg ist.» Deshalb wollen sie dranbleiben: «Solange man der Bevölkerung nicht ihren Erholungswald gibt, wird es immer Probleme geben.» Das stehe sogar im Forstlehrbuch, das sich die beiden extra gekauft haben.

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Berformance hinter Gittern https://www.shaz.ch/2026/05/18/berformance-hinter-gittern/ Mon, 18 May 2026 07:22:19 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10933 Vier Köpfe der Firma Berformance müssen für bis zu neun Jahre in Haft. Der ehemalige Hauptsponsor des FC Schaffhausen hat laut Gericht gewerbs- und bandenmässigen Betrug begangen. Der Schaden beträgt 107 Millionen Euro. «Das ist ein Multimilliarden-Business, wo wir jetzt sind.»Berformance-CEO Christian L. in einem abgehörten Telefongespräch Das Landgericht Erfurt, Bundesland Thüringen, sprach am 7. […]

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Vier Köpfe der Firma Berformance müssen für bis zu neun Jahre in Haft. Der ehemalige Hauptsponsor des FC Schaffhausen hat laut Gericht gewerbs- und bandenmässigen Betrug begangen. Der Schaden beträgt 107 Millionen Euro.

«Das ist ein Multimilliarden-Business, wo wir jetzt sind.»
Berformance-CEO Christian L. in einem abgehörten Telefongespräch

Das Landgericht Erfurt, Bundesland Thüringen, sprach am 7. Mai langjährige Haftstrafen gegen vier Köpfe von Berformance aus. Erfinder und Gründer Andreas B. muss wegen gewerbs- und bandenmässigen Betrugs für neun Jahre und neun Monate hinter Gitter. Das gleiche Strafmass erhielt Gerrit K., der so etwas wie der Finanzverwalter war. Die Höchststrafe für dieses Delikt liegt bei zehn Jahren. Geschäftsführer Christian L. muss für achteinhalb Jahre in Haft. Seine Ehefrau Marion L. wegen Beihilfe für vier Jahre.

Das Urteil lautet auf Betrug in 7284 Fällen. Mit Begriffen wie Kryptowährung, Künstliche Intelligenz, Blockchain und dergleichen lockte Berformance Investorinnen und Investoren mit Traumrenditen – das angelegte Geld würde sich innert dreier Jahre verdreifachen. Der Gewinn werde durch die Verpachtung von Geldautomaten erwirtschaftet, die Bitcoin in Bargeld umtauschen, versprachen die Verantwortlichen. Oder mit Hochleistungscomputern, die Rechenleistung für Anwendungen wie Künstliche Intelligenz bereitstellen. Gemäss dem Gericht flossen die Einnahmen nicht in Geräte, sondern in ein Ponzi-System. Das heisst, dass ein Geschäftsmodell nur auf dem Papier existiert. Wer investiert, erhält über einen gewissen Zeitraum Geld ausbezahlt, um das Vertrauen von neuen Investorinnen zu gewinnen. Aber mit den neuen Einzahlungen werden die Auszahlungen an bisherige Anlegerinnen und Anleger gedeckt. Das System funktioniert so lange, wie das Geschäft exponentiell wächst. Danach bricht es zusammen. Laut Urteil beträgt die Schadenssumme 107 Millionen Euro. Ein wesentlicher Teil davon wurde in der Schweiz eingesammelt. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

In der Urteilsbegründung sagte der vorsitzende Richter, man hätte erkennen können, dass es sich um ein Schneeball- beziehungsweise Ponzi-System gehandelt habe. Ausserdem lobte er die vorbildliche Arbeit der Ermittler. So folgte das Gericht weitgehend den Anträgen der Staatsanwaltschaft.

Stolz beim FC Schaffhausen

Im September 2023, Berformance gab es seit fünf Jahren, enthüllte die AZ das Geschäftsmodell von Berformance. Mittels einer verdeckten Aktion, in der wir uns als potenzielle Investoren ausgaben, hatten wir uns ins System eingeschleust, um einige hochrangige Berformer zu treffen, wie man sich untereinander nannte. Wir fanden uns in der VIP-Loge des FC Schaffhausen wieder. Denn im Juni 2023 war Berformance Hauptsponsor des Klubs geworden. Das Stadion hiess ab sofort Berformance Arena. Der Deal kam durch ein gemeinsames Netzwerk von Berformance und Murat Yakin, Trainer des Schweizer Männernationalteams, und dessen Bruder Hakan zustande. Den Yakins wurden immer wieder Verbindungen zum FCS nachgesagt (was sie stets dementierten).

Christian L. drohte der AZ im Namen von Berformance mehrmals mit einer Schadenersatzklage. Auch andere Beteiligte wollten uns mit Millionenklagen unter Druck setzen. Der damalige Berformance-Kadermann Simon Grether, ein ehemaliger Schweizer Profifussballer, durfte im Tages-Anzeiger erzählen, der AZ-Bericht beinhalte «etliche Falschbehauptungen», übertriebene Darstellungen und «schlechte Recherchen». Konkret belegen konnte er das nicht. «Für viele klingt es utopisch, was wir machen», sagte Grether, «weil sie das Geschäft nicht kennen – mir ist es zu Beginn auch nicht anders gegangen.»

Der FC Schaffhausen berief eine Pressekonferenz ein, bei der auch Christian L. auftrat. «Es ist etwas Längerfristiges», begann der FCS-Mediensprecher. «Macht auch ein bisschen stolz.» Der damalige Geschäftsführer des Klubs, Süha Demokan, sagte: «Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Wir haben rechtlich abgeklärt, Handelsregister, Strafregister et cetera, und uns fiel nichts auf, was gegen eine Zusammenarbeit sprechen würde.» Gemäss Beteiligten sollte Berformance dem Klub mehrere hunderttausend Franken bezahlen. Schon nach einigen Wochen blieben die Überweisungen aus.

Weder Süha Demokan noch der damalige FCS-Präsident Roland Klein wollen sich heute zu dieser Angelegenheit äussern.

Nach unserer Recherche vergingen nochmals einige Monate, bis die Behörden zuschlugen. Bei einer grossangelegten internationalen Razzia im Juni 2024 wurden zahlreiche Leute verhaftet, die unter Verdacht standen, bei Berformance mitgewirkt zu haben. Darunter auch die vier Verurteilten, die seither in Untersuchungshaft sitzen. Federführend war das Landeskriminalamt Thüringen in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Erfurt.

Die Anklageschrift gegen die vier Köpfe umfasst 722 Seiten; die dazugehörigen Akten über 7500 Seiten. Darin befinden sich auch zahlreiche Transkripte von abgehörten Telefongesprächen. Einmal unterhielten sich Andreas B. und Gerrit K. darüber, wie man das Kon-strukt möglichst «komplex» gestalten kann. Offenbar nicht nur, um Leute zu täuschen, sondern auch mit dem Ziel, die Rolle von B. zu verschleiern. B. war nämlich schon mehrmals wegen Betrugs verurteilt worden. Die Anwälte von B. sowie den anderen Verurteilten stritten sämtliche Vorwürfe ab. Sie beteuerten sinngemäss, dass ihre Mandanten ein ganz normales Unternehmen geführt hätten und forderten Freisprüche. Gegen das Urteil wollen sie voraussichtlich Berufung einlegen.

Über 5000 Geschädigte

Zahlreiche Personen investierten hohe Beträge in Berformance. Ersparnisse aus jahrelanger Arbeit. Die Staatsanwaltschaft geht von über 5000 Betroffenen aus (manche schossen mehrmals Geld ein, woraus sich die Zahl von 7284 Betrugsfällen ergibt). Da ist der fünfzigjährige Entwicklungsingenieur, der 105 000 Euro aus seinem Bausparvertrag einbezahlte. Und Verwandte von Investitionen überzeugte. Da ist der Junge Anfang zwanzig, der 25 000 Euro angelegt hat und dann seine Grossmutter um weitere 20 000 anpumpte. Oder da ist die Kauffrau Ende fünfzig, die 100 000 Franken anlegte, nachdem sie ihre Pensionskasse aufgelöst hatte. «Wir sind immer noch in finanzieller Not wegen der Berformance», berichtet uns ihr Ehemann, der selber 11 000 Franken investiert hat. «Wenn man alles verloren hat an Pensionskassengeldern, ist es nicht leicht in unserem Alter.»

In Deutschland haben einige Anwaltsbüros Sammelklagen von Geschädigten lanciert. Dass die Opfer zumindest Teile ihres Gelds zurückerhalten, ist ziemlich unwahrscheinlich. Das lassen zumindest zahlreiche andere Fälle von Ponzi-Systemen vermuten.

Die Spur des Geldes

Wohin flossen die Millionen? Laut den Ermittlern führt die Spur in die Schweiz, zu einem schwerreichen Schweizer Unternehmer und seinem österreichischen Geschäftsführer. Beide traten regelmässig bei Veranstaltungen von Berformance auf. Der Österreicher war bei der Firmengründung von Berformance offiziell beteiligt. Im November 2023 hatten Ermittler des Landeskriminalamts Thüringen ein Telefongespräch zwischen Andreas B., Christian L. und Gerrit K. abgehört. Darin berichteten die drei, dass sie 110 Millionen Euro in Aktien eines Unternehmens investiert hätten, das dem Schweizer Unternehmer gehöre. Der Unternehmer habe ihnen eine Steigerung des Aktienwerts um das zwei- bis fünffache in Aussicht gestellt. Doch die Investition, so die drei, habe sich als «gefakte Scheisse» herausgestellt. Die Aktien seien «wertlos». «Im Endeffekt müssen wir drei jetzt feststellen, dass wir nichts haben», sagte Andreas B. Der «Vogel» hingegen habe «das Geschäft des Lebens» gemacht.

Gegen den Unternehmer und seinen Geschäftsführer wurde ein separates Strafverfahren eröffnet. Für die Behörden ist ihre Rolle im Berformance-System noch unklar. Es gilt die Unschuldsvermutung. Ob es überhaupt zu einer Anklage und einem Gerichtsprozess kommt, steht noch nicht fest.

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Von einem, der sich treiben liess https://www.shaz.ch/2026/05/11/von-einem-der-sich-treiben-liess/ Mon, 11 May 2026 06:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10913 Weidlingsbauer Urs Kohler geht in Pension. In den letzten Jahren war er nicht mehr so oft im Schaaren anzutreffen. Wer ist der Mann hinter den Booten? Ein mit Filzstift beschriebenes Schild weist die steile Treppe zum Büro von Urs Kohler hoch, das wie ein Horst über der Holz-Werkhalle in Thayngen liegt. Oben steht Kohler hinter […]

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Weidlingsbauer Urs Kohler geht in Pension. In den letzten Jahren war er nicht mehr so oft im Schaaren anzutreffen. Wer ist der Mann hinter den Booten?

Ein mit Filzstift beschriebenes Schild weist die steile Treppe zum Büro von Urs Kohler hoch, das wie ein Horst über der Holz-Werkhalle in Thayngen liegt. Oben steht Kohler hinter seinem Reissbrett. Und ständig läutet das Telefon.

«Das chömer scho aaluege» – «chömer mache» – «kei Problem». Kohler, in kurzer Arbeitshose trotz Apriltag von 10 Grad, schreibt einen weiteren Termin auf seinem Reissbrett ein. Auf diesem plant er die letzten Wochen bis zu seiner Pensionierung. Mit Kugelschreiber und Leuchtstift hat er ein gedrungenes, rudimentäres Raster aufs Papier gezeichnet. «Das müsst ihr nicht verstehen. Das muss nur ich verstehen», meint er.

Am 30. Juni ist sein letzter Arbeitstag. Fünf Weidlinge fertigt der Zimmermann bis dahin noch an, bevor er das Geschäft in die Hände seines Nachfolgers legt. Damit endet eine Ära auf dem Rhein.

Urs Kohler ist ein Mann, der Fragen mit zusammengezogenen Augenbrauen begegnet und geradeheraus antwortet. Fast demonstrativ kratzt er sich mit dem Baumeter am Rücken. Er ist aus knorrigem Holz geschnitzt. Und genau betrachtet sind seine Boote, in denen ganz Schaffhausen auf dem Rhein treibt, ein wenig wie er.

Sein eigener Herr

Für Urs Kohler müssen die Dinge handlich sein und funktionieren. Auf der Werkbank steht sein Computer: ein uralter Windows 98, der noch nie das Internet gesehen hat. «Der ist tiptop und braucht keine Updates, der läuft einfach.» Den Laptop daneben braucht Kohler nur für Mails. Auch der abgewetzte Bürostuhl tut seinen Dienst noch, alles im Raum ist mit einer dünnen Schicht Sägemehl überzogen.

Ein anderer hätte hier oben vielleicht ein schöne Fensterfront mit Blick nach draussen eingebaut. Doch Kohler stören die milchigen Kunststoffplatten, die ihrer statt montiert sind, nicht. Rustikal sei es hier, findet er, und beisst in sein Znüni-Sandwich.

Das ungezwungene Leben hat es ihm schon immer angetan. Er sei sehr freiheitsliebend, sagen Freunde. Urs Kohler, früher auch Gögs genannt (wieso, das wisse er auch nicht wirklich), ist in Neuhausen aufgewachsen. Ursprünglich lernte er Betriebsdisponent bei der SBB: Einen Kleinbahnhof eigenständig führen und verwalten, diese Vorstellung passte ihm. So wurde er als junger Mann Bahnhofsvorsteher in Schlatt, wohnte in der Dienstwohnung am Gleis.

«Natürlich ist es eine schöne Aufgabe.
Aber ich habe das nicht gesucht, es hat sich einfach ergeben.»

Urs Kohler

Aber bald zog es ihn in die Welt hinaus. Er packte seine Sachen und ging für ein Jahr nach Amerika. Nach seiner Rückkehr hatte die SBB keine Stelle mehr frei, so fing er als Handlanger auf dem Bau an, holte später den Zimmermannsbrief nach.

Nach weiteren Aufenthalten in Amerika, wo er Jugendcamps und Reisen leitete, machte er sich 1993 selbstständig: zusammen mit Schreiner Christian Bareiss mietete er die Halle in Thayngen, wo die beiden seither ihre getrennten Handwerksbetriebe führten (auch Bareiss übergab seine Nachfolge kürzlich in junge Hände).

2002 kam ein entscheidender Umbruch für Kohler: Kollege Peter Wanner rief ihn an und fragte, ob er sein Weidlings-Geschäft übernehmen wolle. Wanner, der einzige Schaffhauser, der damals traditionelle Weidlinge baute, wollte in die Philippinen auswandern. Und kaum ein Handwerker, den man beim Stacheln auf dem Rhein antraf, hatte auch die Räumlichkeiten, um die Zehnmeter-Boote zu bauen.

Kohler schon. Nach einigen Diskussionen zu Hause – er war damals bereits junger Vater – wagte er den Schritt. Er kaufte Wanners Knowhow und die nötige einmalige Zehnmeter-Längskreissäge, die früher dem Militär gehörte.

Originelle Interessen

Neben der grossen Holzwerkhalle liegt Urs Kohlers Werft. Hier harrt ein halbfertiger Weidling eingespannt seiner Vollendung. Kohler lässt seinen prüfenden Blick vom Weidlingsspitz über die Länge der Bootskante gleiten. Er sucht die Ideallinie. «Das muss man von Hand abschleifen, es darf nicht holpern.» Als Nächstes wird er die Schnürleiste auf die Bootskante zimmern sowie etwas weiter unten zur Verstärkung die Schnürlatte, auf die man sich setzen kann.

An der Bauweise, die er von Peter Wanner übernahm, hat Kohler praktisch nichts geändert. Er ist nicht der Perfektionist, der von der Suche nach der besten, elegantesten Lösung getrieben wird. Für Kohler muss es nichts Spezielles, nichts möglichst Innovatives sein.

Das war auch nicht nötig. Das Geschäft lief nach der Übernahme gut, neben Weidlingen bot Kohler weiterhin andere Holzbauarbeiten an. Bald hatte er bis zu fünf Angestellte. Doch er war nie der Selbstständige, der sich rund um die Uhr abrackert, um sein Business voranzutreiben. Auf seiner Website heisst es bis heute, diese sei noch «in Aufbau». Denn was braucht man schon mehr, als Kohlers Kontaktangaben?

Kohler strebte nicht danach, immer grösser zu werden. 2016 fällte er einen bemerkenswerten Entscheid. Er fuhr seine gewachsene Zimmerei wieder zum Quasi-Einmann-Betrieb herunter. Fortan baute er vor allem noch Weidlinge. «Der Sohnemann war damals gross, den mussten wir nicht mehr durchfüttern. So konnte ich etwas reduzieren», meint Kohler heute.

Schliesslich hatte er neben dem Job immer auch andere vielfältige Interessen. Er ging oft zu Berg und ist bis heute angefressener Gleitschirmflieger. Und auch über das eine oder andere originelle Hobby mag man staunen: So trat Kohler bereits mehrfach als Statist im Fernsehen auf. Seine Frau und er schauten manchmal «Inspector Barnaby», wo viel in Pubs rumgesessen wird. «Ich habe immer gesagt, ich möchte einfach mal in einem Film in einer Ecke sitzen und ein Bier trinken», so Kohler belustigt.

Der Wunsch erfüllte sich: Als er für den Film über «Zwingli» wegen eines Weidlings angefragt wurde, heuerte er sogleich auch als bärtiger Fährmann an. Und auch sein Bier in der Beiz bekommt er in einer späteren Filmszene noch vorgesetzt. Träumchen erfüllt, Bier getrunken. Auch wenn im Becher eigentlich nur Wasser war.
Der Bootsbauer ist zufrieden mit dem Leben. Eben auch, weil er das kann: sich zufrieden geben.

Nur nichts Hochgestochenes

Andere (meist Männer) mögen etwas Archaisches darin sehen, ein Boot zu bauen. Geeignet, um Bedeutungsvolles zu tun. Nicht so Kohler: «Natürlich ist es eine schöne Aufgabe. Aber ich habe das nicht gesucht, es hat sich einfach ergeben.»

Urs Kohler macht die Sachen so, wie er für sie richtig hält und zerdenkt sie nicht. Er wehrt sich auch mit Händen und Füssen gegen jeglichen philosophischen Überbau, Hochgestochenes geht ihm gegen den Strich. Über Studierte, insbesondere Lehrer, spöttelt er gern und bei Kunden kann er auch mal etwas ruppig klingen. Der Bootsbauer ist beileibe keiner, der höfelet.

In den vergangenen Jahren sah man ihn auch kaum auf dem Rhein und im Schaaren an den Wochenenden. Denn brät er dort eine Wurst am Feuer, wird er ständig angehauen von Weidlingsleuten, die dieses oder jenes mit ihm besprechen wollen.

Manche der Altlinken scheuten sich auch nicht, ihn an einem Samstag wegen eines Problems anzurufen. Kohler war stets eine Schlüsselperson in der Szene rund um den Schaaren, dazugehören mochte er aber eher nicht. Im Grunde will er einfach seinen Frieden.

Die Verantwortung ist ihm aber wichtig. Das merkt man gerade auch jetzt, wo es um seine Nachfolge geht. Es liegt ihm viel daran, dass sein Bootsbaubetrieb ruhig und zuverlässig in neue Gewässer übergehen kann. Ende Saison übergibt der 68-Jährige das Ruder seinem temporären Mitarbeiter der vergangenen sechs Jahre: Oliver Leutwiler.

Aus anderem Holz

Kohlers Nachfolger ist aus anderem Holz geschnitzt. Leutwiler ist gelernter Orgelbauer. Der 30-Jährige hat eine gewinnende, sanftmütige Art. Er ist ein präziser Feinhandwerker und setzt sich gern mit historischer Baustilkunde auseinander. Der Bootsbau sei etwas grober, sagt er, fasziniere ihn aber genauso wie die Kunst des Orgelbaus: «Der gemeinsame Nenner ist das alte Holzhandwerk. Bei Orgeln als auch Booten handelt es sich um schöne, einzeln angefertigte Objekte. Beim einen ist es die Verbindung zur Musik, die ich stimmig finde, beim andern jene zum Wasser.»

Er wolle die Weidinge nicht neu erfinden, habe aber Lust, sie weiterzuentwickeln und gewisse Dinge zu optimieren, wenn er es sich denn zeitlich leisten könne. So wolle er am Kistenmechanismus tüfteln und allenfalls Zubehör für den Weidling entwickeln. Neben den Booten müsse er in der Nebensaison sowieso auch weiteres Holzhandwerk anbieten, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten: «Ich denke etwa an die Restaurierung alter Holzobjekte.»

Halle und Inventar übernimmt er von Kohler vorerst mietweise. Ob der Patron dem Weidlingsbau ein Tränchen nachweinen wird, wenn er am 30. Juni den Schlüssel für seine Werft übergibt?
«Nein», sagt dieser verschmitzt. «Ich kann mich gut trennen.» Dennoch schaut auch er wohlwollend auf die Früchte seiner Arbeit.

Ein Highlight war für ihn das Langschiff, das er für die historische «Hirsebreifahrt» von Zürich nach Strassburg im Jahr 2016 herstellen durfte – sowie ein zweites für die Fahrt, die just kommenden August wieder stattfindet. Selbst wenn man nichts von Sentimentalitäten hält: Das ist ein runder Abschluss.

Und was die Zeiten betrifft, welche Kohler nicht mehr auf dem Reissbrett in seinem Büro planen muss: Er hat schöne Pläne für die Pensionierung. Gleitschirmfliegen, Wandern, Holzen, Werken – und vielleicht die eine oder andere Bieridee. Er spiele mit dem Gedanken, zusammen mit Kollegen einen Bagger zu kaufen – um zu baggern.

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Mein Revier, dein Revier https://www.shaz.ch/2026/04/05/mein-revier-dein-revier/ Sun, 05 Apr 2026 07:00:00 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10763 In Büttenhardt ist ein Revierkampf neu entbrannt, der 25 Jahre schwelte. AlsSieger geht vor allem einer hervor: der neue Jagdobmann – und Gemeindepräsident. Am Waldrand, 20 Minuten Marschweg vom Dorfkern von Büttenhardt entfernt, thront die alte Jagdhütte der Gemeinde. Daneben liegt eine ausgebrannte Feuerstelle. Die Dachziegel sind mit Moos bedeckt, die Holzbretter vom Regen verwittert. […]

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In Büttenhardt ist ein Revierkampf neu entbrannt, der 25 Jahre schwelte. Als
Sieger geht vor allem einer hervor: der neue Jagdobmann – und Gemeindepräsident.

Am Waldrand, 20 Minuten Marschweg vom Dorfkern von Büttenhardt entfernt, thront die alte Jagdhütte der Gemeinde. Daneben liegt eine ausgebrannte Feuerstelle. Die Dachziegel sind mit Moos bedeckt, die Holzbretter vom Regen verwittert.

In diese Jagdhütte hat Martin Lehmann «sein ganzes Herzblut» gesteckt, wie er sagt. Das Häuschen hätten er und seine Kollegen selbst in Fronarbeit erbaut. Die fast 70 errichteten Hochsitze, die überall im Jagdrevier der Gemeinde verstreut waren, hat Lehmann hingegen kurzerhand abgerissen.

«Das hat er gemacht, um mir eins auszuwischen», sagt sein Kontrahent Alex Schlatter, der heute vor der Jagdhütte steht. Er deutet zum Hauseingang. Lehmann habe auch hier einiges abgeräumt, das Brennholz, sogar die Fensterläden wurden entfernt – auf Letzteres deuten nur noch helle Holzflecken an der Fassade hin.

Nach mehr als zwei Jahrzehnten müssen der bisherige Jagdaufseher Martin Lehmann und seine Getreuen den Hut nehmen. Die Pacht des Jagdgebiets Büttenhardt geht seit 2025 an eine andere Gruppe. Dazu gehört Alex Schlatter – der seit fünf Jahren auch die Gemeinde Büttenhardt regiert. Der Gemeindepräsident geht damit als Gewinner aus einem Konflikt hervor, der über 25 Jahre schwelte und zweimal bis auf den Verhandlungstisch des Regierungsrats gelangte.

Der Prolog

Alles begann im Januar 2001: Nach nur einem halben Jahr im Amt trat das Büttenhardter Gemeinderatsmitglied Hans Peyer empört zurück. Die kurze Zusammenarbeit habe «keinesfalls seinen Vorstellungen entsprochen», tat er damals kund, er nehme an keiner weiteren Gemeinderatssitzung teil.

Was dabei eine Rolle gespielt haben dürfte: Seine Gemeinderatskollegen hatten ihn damals als Jagdaufseher entmachtet und mit ihm seine damalige Jagdgesellschaft. Mit im Boot waren auch Bernhard Bürgin sowie Alex Schlatter, wobei Letzterer gerade erst auf die neue Saison hatte einsteigen wollen. Dazu kam es nicht.

«Davon kann man halten, was man will.»

Martin Lehmann, Jäger und ehemaliger Jagdaufseher Büttenhardt

Auslöser für die damalige Neuvergabe in Büttenhardt waren Querelen zwischen den Jägern und den Landwirten gewesen. Denn diese arbeiten traditionellerweise Seite an Seite. Besonders die heimischen Wildschweine, im Jagdjargon Schwarzwild genannt, sorgen bei den Landwirten für Ertrags- und Landschäden – und werden deshalb von den Schaffhauser Jäger:innen erlegt.

Damals, vor knapp 25 Jahren, waren die Bauern und der Gemeinderat unzufrieden mit der Jagdgesellschaft, weil zu wenig Wildschweine erlegt worden seien. Die Schäden am Land seien zwar hinterher erstattet, aber nicht verhindert worden. Deshalb wurde die Pacht an eine neue Jagdgesellschaft vergeben.

«Die Bauern und Teile der Gemeinde kamen damals auf mich zu», erinnert sich Jäger Martin Lehmann zurück. «Sie wollten einen Wechsel.» Der Thaynger bewarb sich als neuer Pächter des Jagdgebiets in Büttenhardt – von da an war es das Revier seiner Jagdgesellschaft.

Auch bei der nächsten Vergabe 2009 erteilte man der Gesellschaft rund um Obmann Lehmann wieder das Jagdrecht. Bei der darauffolgenden Vergabe acht Jahre später indessen lag neben Lehmanns Bewerbung noch eine andere auf dem Tisch der Gemeinde: Dieses Mal bewarb sich neben Lehmann auch Alex Schlatter – der bereits 2001 gerne in dem Gebiet gejagt hätte, letztlich aber nicht zum Zug kam.

Mittlerweile war Schlatter Teil des Gemeinderats. Die Gemeinde entschied sich aber erneut für den bisherigen Jäger Lehmann. Seit 2020 ist Alex Schlatter nun Gemeindepräsident. Als es 2025 wieder Zeit wurde, die Pacht neu zu vergeben, war es schliesslich der bisherige Obmann und Jagdaufseher Lehmann, der verjagt wurde; der Gemeinderat entschied sich für die Jagdgesellschaft ihres
Gemeindepräsidenten.

Sagt der eine…

Wer sich dieser Tage im Dorf umhört, bekommt zwei verschiedene Seiten der Geschichte erzählt: Jene von Jäger Lehmann und jene von Jäger Schlatter.

Lehmann erzählt, die Bauern seien mit seiner Jagdgesellschaft immer sehr zufrieden gewesen. Trotzdem habe man 2025 eine neue gewählt. Ein Entscheid, den Lehmann nicht auf sich sitzen lassen wollte: Er legte Rekurs beim Regierungsrat ein – erfolglos. «Der Regierungsrat hat lediglich die Vergabe angeschaut, nicht aber den jahrelangen Kontext, der hinter dem Thema steht», sagt er.

Doch das ist legal: Rechtlich gesehen hat die Gemeinde, wenn sich mehrere Pächter für das Revier bewerben, freie Hand. Zumindest dann, wenn zwei gleich hohe Angebote vorgelegt werden.

Und mehr noch: Die Gemeinde müsse nicht jene Bewerbergruppe auswählen, die «am meisten positive Kriterien aufweist», so steht es im Rekursentscheid, welcher der AZ vorliegt. Beide Gruppen seien grundsätzlich als Pächterschaft geeignet.

«Für viele ist das unverständlich», sagt Lehmann. Er habe mit einigen aus dem Dorf gesprochen. «Ein paar Kollegen meinten auch, ich solle den Entscheid doch nochmals weiterziehen.» Dafür habe er keine Energie – wenn ja, müsste man bereit sein, bis ans Bundesgericht in Lausanne zu gehen. Und dass sein Nachfolger der Gemeindepräsident persönlich ist? «Davon kann man halten, was man will», gibt Lehmann knapp an.

Dass zumindest ein Teil der Bauern hinter Lehmann steht, wurde mehrfach sichtbar: Bereits an der Gemeindeversammlung 2024 meldete sich Thomas Buchmann, Präsident der Landwirtschaftlichen Genossenschaft Büttenhardt, vorausschauend zu Wort: Die Büttenhardter Landwirte seien mit der jetzigen Jägerschaft sehr zufrieden und möchten dies auch ab 2025 so beibehalten, sagte er damals.

Im darauffolgenden Sommer, nachdem der Entscheid für eine neue Pächterschaft bekannt wurde, äusserte sich Landwirt Buchmann erneut an der Gemeindeversammlung. Er fragte, weshalb die Jagdpacht nun anders vergeben werde, «obwohl man mit dem bisherigen Jagdpächter zufrieden war». Die Antwort der Gemeinde: Es sei mehrfach der Wunsch eingegangen, nach 24 Jahren die Jagdpacht anderweitig zu vergeben. Auf Anfrage der AZ wollte sich Buchmann nicht näher zum Geschehen äussern – er habe seine Meinung bereits kundgetan.

Auch andernorts äusserte sich der Unmut über die neue Pachtvergabe: an der diesjährigen Kinderfasnacht des Dorfs Anfang März. Unter den Verkleideten und Festwagen hat sich eine Anspielung auf den Streit eingeschlichen: ein fahrender Jagdhochsitz, auf dem mit Sprayfarbe geschrieben steht: «Super-Jagt 2001 – 2025. Was wird kommen?» und auf der Rückseite: «dJagd isch verbi.»

Gebaut hat den Fasnachtswagen Robert Brütsch, Büttenhardter Landwirt. Er kann den Entscheid der Gemeinde nicht nachvollziehen. Mit dem Festwagen wollte er das deutlich machen und der Gemeinde ein wenig «ans Bein pinkeln», erzählt er: Gemeindepräsident Alex Schlatter habe sich die Jagdpacht unter
den Nagel gerissen.

«Schon an der Gemeindeversammlung 2024 waren die Bauern vor Ort, Thomas Buchmann betonte sogar, dass man zufrieden sei und die Pacht nicht anders vergeben sollte. Aber es hat nichts genützt.» Unverständnis habe sich unter den Bauern breitgemacht. Aber keine Überraschung: «Man weiss, dass Alex schon vor einigen Jahren versucht hat, die Pacht zu bekommen.

«Es ging rein um Emotionen, teils um Neid, teils um Missgunst.»

Alex Schlatter, Gemeindepräsident Büttenhardt

Und das, obwohl er schon bei jener in Merishausen involviert ist.» Grundsätzlich ist es nicht verboten, als Jäger in zwei Jagdgesellschaften unterschiedlicher Gemeinden aktiv zu sein. «Aber die ganze Geschichte hinterlässt einen fahlen Beigeschmack», findet Bauer Brütsch.

2001 war noch Brütschs Vater als Landwirt aktiv, erzählt er. «Die Bauern hielten die Situation für eine Katastrophe, man hat gar nichts mehr gemacht.» Durch die sich ausbreitenden Wildschweine habe es nur Schäden gegeben. «Die haben die Jäger zwar erstattet, aber das Problem blieb.» Nun sei mit Schlatter wieder der ehemalige Jäger Bürgin ins Boot geholt worden. «Wir haben also quasi einen Rückschritt gemacht.»

Sagt der andere…

Treffen mit Alex Schlatter in der Gemeindekanzlei Büttenhardt. Dieser zeichnet ein anderes Bild: Das Thema sei emotional, ja. Auch für ihn. Doch die Begründung der Landwirte, dass vor 25 Jahren zu wenig gejagt worden sei und dadurch Schäden entstanden, sei nichts mehr als ein Vorwand gewesen.

Es sei um etwas ganz anderes gegangen: «Jemand wollte das alte Jagdhaus haben, das Bernhard Bürgin geerbt hatte. Er hat deshalb die Landwirte gegen die Jäger aufgewiegelt.» Gemeint ist damit nicht die Büttenhardter Jagdhütte am Waldrand des Dorfs, sondern ein anderes Haus, auf das Schlatter nicht näher eingeht.

Sowieso aber macht Schlatter geltend: Er sei damals noch nicht Teil der Jagdgesellschaft gewesen. «Ich hätte für die folgende Periode dazustossen sollen.» Die Wildschäden habe Bürgin den Bauern entschädigt. Und: Die neuen Jäger hätten genauso viel – oder wenig – geschossen.

«Es ging rein um Emotionen, teils um Neid, teils um Missgunst.» Schlatter bestätigt, sich bereits für die letzte Jagdperiode ab 2018 beworben zu haben. Und er widerspricht Lehmanns Aussagen: Er kenne durchaus Anwohner, die mit dessen Pächterschaft nicht zufrieden gewesen seien. Es habe über die Jahre hinweg einige Reklamationen gegeben.

«Und Buchmann hat nur für einen Teil der Bauern gesprochen. Nicht für alle.» Während der Abstimmung zur neuen Pachtvergabe sei er in den Ausstand getreten, betont Schlatter. Er habe nie versucht, die restlichen Gemeinderäte in ihrem Entscheid zu beeinflussen.

Das Déjà-vu

Mit der Episode um die Pachtvergabe 2025 schliesst sich der Kreis, der Entscheid ist seit Ende Januar dieses Jahres final. Doch die Geschichte wiederholt sich beinahe eins zu eins:

Bereits 2001 war die geschasste Jagdgesellschaft an den Regierungsrat getreten, um sich gegen die Neuvergabe an Lehmann und seine Jagdkollegen zu wehren. Auch damals erfolglos. Mit den fast identischen Worten, die man auch im jüngsten Entscheid findet, lehnte der Regierungsrat den Rekurs ab.

Sowohl Schlatter als auch Lehmann erinnern sich daran: «Die Regierung hat damals dem Gesetz entsprechend entschieden, so wie sie es heute auch getan hat», gibt Schlatter an. «Es war die gleiche Situation, nur umgekehrt.» Und wie heute auch, hatten sich auch damals mehrere Anwohner:innen Büttenhardts über den Wechsel beschwert.

Im April 2004 schrieb etwa jemand in einem Leserbrief in den Schaffhauser Nachrichten, die Vergabe an die neue Pächterschaft sei eine «schallende, unverdiente Ohrfeige» an die Einwohner. In einem anderen Brief hiess es: «Der Gemeinderat Büttenhardt wäre gut beraten, wenn er seinen Entscheid rückgängig machen würde, damit er sein Gesicht nicht ganz verliert.»

Die Frage des Stolzes

Das Jagdgebiet in Büttenhardt ist weder das flächenmässig grösste des Kantons, noch jenes mit der grössten Artenvielfalt, noch geographisch einzigartig. Darin sind sich alle Beteiligten grundsätzlich einig. Weshalb dann dieser Revierkampf?

Laut Landwirt Robert Brütsch könnte es schlichtweg eine Frage des Stolzes sein. «Ich denke, auch Lehmann durfte stolz auf sein Revier sein und darauf, was er in seiner Zeit geleistet hat.» Nun müsse es wiederum für Schlatter schön sein, sagen zu können, im eigenen Zuhause jagen zu dürfen.

Das räumt Alex Schlatter auch im Gespräch ein: «Jagen ist etwas Emotionales. Das ist einfach so», erzählt er nach dem Treffen in der Gemeindekanzlei, draussen vor der Jadghütte.

«Man geht eine Verbindung mit dem Jagdgebiet ein, mit der Natur, und schöpft ab, was nachwächst.» Die Bestandsregulierung, also das Erlegen der Tiere, mache dabei lediglich 10 Prozent der Pflichten aus, die einer Jagdgesellschaft zukommen.

Mit dem Beschluss des Regierungsrats ist nun, zumindest für die kommenden acht Jahre, der Fall klar: Künftig ist Schlatter der Jagdobmann der Gesellschaft, Jagdaufseher ist Tino Steiner und Pächter ist künftig Bernhard Bürgin.

Natürlich sei er froh über den abgewiesenen Rekurs, sagt Schlatter. Für ihn sei dessen Einreichung aber erwartbar gewesen. «Man gibt dieses Gebiet nicht kampflos ab.»

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Veni, Vidi, Ventil https://www.shaz.ch/2026/03/23/veni-vidi-ventil/ Mon, 23 Mar 2026 08:16:25 +0000 https://www.shaz.ch/?p=10729 Während des Gazakriegs exportierte Georg Fischer Dual-Use-Güter nach Israel. Rechtlich ist das erlaubt. Einzelne Geschäftsbeziehung werfen trotzdem Fragen auf. Einen Designpreis wird Georg Fischer für seine Produkte wohl nie gewinnen. Kugelhähne, Absperrkappen und Druckhalteventile stellt das Unternehmen her, bunte kleine Kunststoffdinger, eins unscheinbarer als das andere. Aber wie heisst es so schön: Form follows function. […]

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Während des Gazakriegs exportierte Georg Fischer Dual-Use-Güter nach Israel. Rechtlich ist das erlaubt. Einzelne Geschäftsbeziehung werfen trotzdem Fragen auf.

Einen Designpreis wird Georg Fischer für seine Produkte wohl nie gewinnen. Kugelhähne, Absperrkappen und Druckhalteventile stellt das Unternehmen her, bunte kleine Kunststoffdinger, eins unscheinbarer als das andere. Aber wie heisst es so schön: Form follows function. Und ohne solche Teilchen gäbe es ganze Industrien nicht.

Einige von ihnen sind denn auch als Dual-Use-Güter klassifiziert — als Güter also, die sowohl für zivile wie militärische Zwecke verwendet werden können. Aus diesem Grund tauchen mehrere GF-Produkte auf einer Liste des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco auf, die die WOZ Anfang März publizierte. Gemeinsam mit dem WAV-Recherchekollektiv und dem Westschweizer Radio und Fernsehen RTS war sie Exporten von Dual-Use-Gütern nach Israel nachgegangen, die das Seco zwischen dem 7. Oktober 2023, dem Beginn des Gazakriegs, und dem 19. März 2025 bewilligt hatte. 18 dieser Bewilligungen hat das Seco an Georg Fischer ausgestellt.

Rechtlich hat alles seine Ordnung. Aber es lohnt sich trotzdem, genauer hinzuschauen, gerade auf den Kontext der Lieferungen. Im Januar 2024 befand der Internationale Strafgerichtshof, ein Völkermord Israels in Gaza sei «plausibel». Im November desselben Jahres erliess das Gericht deswegen einen Haftbefehle gegen den israelischen Regierungschef und seinen ehemaligen Verteidigungsminister.

Weisser Phosphor und Kerosin

Auffällig sind etwa Lieferungen von Georg Fischer an Israel Chemicals. Anfang 2025 lieferte GF dem Chemiekonzern Kugelhähne aus Polyvinylidenfluorid (PVDF) im Wert von jeweils mehreren hundert Franken.

Laut der Recherche von RTS werfen mehrere NGOs Israel Chemical vor, für militärische Zwecke weissen Phosphor herzustellen. Amnesty International und Human Rights Watch dokumentierten im Oktober 2023 Fälle, in denen die israelischen Streitkräfte (IDF) an der libanesischen Grenze und in Gaza weissen Phosphor als Brandwaffe in zivilen Gebieten eingesetzt haben sollen. Die IDF weisen diese Vorwürfe zurück. Die Kugelhähne, welche die GF Israel Chemicals geliefert hat, werden in der chemischen Industrie oft für den Bau von Ventilen verwendet.

Im Gegensatz zu Metallhähnen weisen sie eine hohe Korrosionsbeständigkeit gegen aggressive Chemikalien auf, was sie etwa für die Produktion von Phosphorsäure — ein strategisches Hauptprodukt von Israel Chemicals — besonders geeignet macht.

Der Ashdod Refinery, einer der beiden grossen Raffinerien in Israel, verkaufte GF im selben Zeitraum zwei PVDF-Druckhalteventile im Wert von knapp 2000 Franken. Laut einem Bericht des niederländischen Forschungszentrums SOMO, auf den RTS verweist, beliefert die Ashdod Refinery das Energieunternehmen Paz Oil mit Kerosin, womit Militärjets der israelischen Luftwaffe betankt werden. Ebenfalls zu den Endempfängern von GF-Produkten, die in der Seco-Liste auftauchen, gehört das Unternehmen Elad Technologies, das automatische Beschichtungs- und Oberflächenveredelungsanlagen unter anderem für die Verteidigungsindustrie, Raum- und Luftfahrt herstellt.

In vier Fällen stufte das Seco Lieferungen von GF an Intel als bewilligungspflichtige Dual-Use-Güter ein; dabei handelte es sich etwa um Ventile oder Membranen, wie sie in der Halbleiterindustrie oft zum Einsatz kommen. Intel ist keine Beteiligung am Gaza-Krieg nachgewiesen. Allerdings basiert das Fahrzeug-Taktikcomputersystem ETC MK7, das unter anderem in den Merkava-Panzern verbaut ist, auf Prozessoren und Grafikkarten von Intel. Die Panzer wiederum kamen in Gaza zum Einsatz.

GF-Verhaltenskodex

Im Verhaltenskodex von GF steht, alle vom Unternehmen hergestellten Produkte seien für die friedliche Nutzung bestimmt. In Ausnahmefällen könnten aber «einzelne Produkte für die Herstellung von Materialien für militärische Zwecke verwendet werden», wobei die entsprechenden Exportkontrollbestimmungen zu beachten seien.

Der AZ schreibt GF, dass es seine Geschäftspartner und Endkunden «so sorgfältig wie möglich im Rahmen der verfügbaren Informationen und der gesetzlichen Anforderungen» prüfe, bevor es beim Seco eine Ausfuhrbewilligung beantrage. Grundsätzlich würden nur Bewilligungen eingereicht, bei denen GF davon ausgehe, dass sie bewilligungsfähig seien; bisher habe das Seco noch nie eine Ausfuhrbewilligung für Lieferungen nach Israel nicht erteilt.

Das Seco schreibt, es lehne Exportbewilligungen nach Israel ab, «wenn Grund zur Annahme besteht, dass die aus der Schweiz exportierten Güter in den aktuellen Konflikten zum Einsatz kommen oder von Israel im Zusammenhang mit der illegalen Besetzung palästinensischer Gebiete verwendet würden». Das sei bei den genehmigten Gesuchen nicht der Fall gewesen. Fakt ist auch: Finanziell fallen die Exporte von GF, die auf der Seco-Liste aufgeführt sind, nicht ins Gewicht — insgesamt geht es um etwas über 15 000 Franken.

Im Verhaltskondex der GF steht übrigens auch: «Integrität und Ethik prägen unser Geschäftsgebaren.»

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