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Mit einer Komödie kehrt am Wochenende Shakespeare ins Stadttheater zurück. Der Gesamtleiter hat das Stück ganz nebenbei selbst übersetzt. Ein Gespräch über die Tücken der Hochkultur.
Jens Lampater, Sie haben William Shakespeares Komödie Viel Lärm um nichts ins Deutsche übersetzt. Muss das Stadttheater sparen, dass Sie selbst die Texte übersetzen müssen?
Wir entlasten dadurch zwar das Produktionsbudget, weil wir keine Tantiemen abliefern müssen (lacht). Aber das Geld war nicht der Grund.
Sondern?
Wir haben in der Konzeption des Stücks verschiedene Übersetzungen angeschaut, die in den letzten 30 Jahren entstanden sind. Wir sind aber mit keiner richtig warm geworden. Also schlug ich vor, eine neue Übersetzung anzufertigen. Ich mache das gerne.
Shakespeare ist wohl einer der meistübersetzen Autor:innen der Welt. Wieso braucht es noch einmal eine neue Übersetzung von Ihnen?
Viele der heutigen Übersetzungen aus dem Theaterbereich sind mir zu flapsig und achten zu wenig auf die Sprache des Originals. Und literarischen Übersetzungen merkt man oft an, dass sie rein vom Sprachlichen her gedacht sind und nicht von der Theaterpraxis. Dazwischen einen Kompromiss zu finden, das ist eine Chance, die ich als Theaterwissenschaftler, Anglist und Dramaturg sehr gerne wahrgenommen habe.
So ganz nebenbei einen der grössten Klassiker der Weltliteratur übersetzen?
Es ist halt eine Leidenschaft von mir.
War es auch eine Möglichkeit, dem administrativen Sumpf zu entkommen?
Natürlich. Das war schon eine gewisse Form von Job-Enrichment. Meine im Studium erlernten Kompetenzen auch mal wieder einbringen zu können, hat mir Spass gemacht. Alles in allem hatte ich wahrscheinlich über eine Woche Arbeit daran.
Im Deutschen eine Entsprechung für Wörter zu finden, die im Englischen leicht über die Lippen gehen, ist etwas, das mich fasziniert. Wenn man aus dem Original in eine andere Sprache übersetzt, hat man das Privileg, sich einen Text neu anzueignen. Man nimmt sich dann mal einen ganzen Sonntagnachmittag Zeit für eine einzelne Szene. Man kann nicht alles nebenher machen. Man muss einen Tunnelblick haben.
Viel Lärm um nichts handelt vom Gelingen romantischer Beziehungen. Was macht diese Komödie besonders?
Sie ist unter Shakespeares Komödien die zeitgemässeste, diejenige, die sich am unkompliziertesten auf unsere Gegenwart übersetzen lässt. Das Paar im Zentrum der Handlung, Beatrice und Benedikt, ist sehr nahbar. Beide hatten schon einmal gescheiterte Beziehungen und lernen, über sich selbst zu lachen. Sie entsprechen überhaupt nicht jenem Ideal der grossen, einmaligen Liebe wie etwa bei Romeo und Julia, das oft bei Shakespeare behandelt wird. Diese beiden könnten genauso gut in der Gegenwart existieren.
Wie funktioniert dieser Sprung über 400 Jahre in die Gegenwart?
Insofern, dass das Stück universelle Themen behandelt. Wie klar und ehrlich man zu sich selbst sein, ob man zu seinen Gefühlen stehen, seinem Gegenüber vertrauen kann – das sind zeitlose Fragen. In jener Form, die wir gefunden haben, kommen nun teilweise Schauspieler mit den Zuschauern zusammen und singen mit ihnen Italo-Pop-Songs.
Sie haben selbst nach Ihrem Studium eine Saison lang am Globe Theater in London gearbeitet, für das Shakespeare einst Stücke schrieb und wo sich heute noch ständig alles um Shakespeare dreht. Wird er so nicht zur übergrossen Ikone gemacht?
Natürlich besteht bei Shakespeare eine gewisse Gefahr der Musealisierung. Dass man nur versucht, das Werk, die Person und das Theater von einst so zu rekonstruieren, wie man es sich vorstellt. Gleichzeitig findet man in England dadurch, dass Shakespeare so wichtig genommen und so viel gespielt wird, sehr oft eine gute und zeitgemässe Art, ihn zu inszenieren. Und ich hoffe, dass wir das auch hinbekommen haben.
Nicht selten haftet Shakespeare – oder dem Theater allgemein – etwas Elitäres an. Wen sprechen Sie mit Ihrer Übersetzung an: die Kulturelite oder die breite Masse?
Alle. Das Geniale bei Shakespeare ist eben, dass die Texte zugleich auf einem einfachen und einem anspruchsvollen Niveau funktionieren können. Aber es ist natürlich schon so, dass man sich entscheiden muss, wie man dieser Vorlage gerecht werden kann. Einerseits haben diese Stücke eine unglaubliche geistig-intellektuelle Qualität. Und wenn ich den Text banalisiere und zu einem RTL2-Plot umschreibe, um ihn dadurch vermeintlich zugänglicher zu machen, begehe ich Verrat am Text und seiner Qualität. Deswegen legen wir bei der Übersetzung beispielsweise auch grossen Wert darauf, das Versmass einzuhalten. Auch wenn es schwierig ist.
Zur Person
Jens Lampater ist Kulturmanager und Gesamtleiter des Stadttheaters und als solcher zuständig für die Programmgestaltung. Nach Stationen an Theatern in London, Ulm und St. Gallen kam er 2010 nach Schaffhausen und ins Stadttheater. Daneben arbeitet er auch als Kulturbeauftragter der Stadt.
Aber interessiert das richtige Versmass denn wirklich jemanden, der eineinhalb Stunden unterhalten werden will?
Das Versmass merkt der Zuschauer gar nicht, es ist der Rhythmus und der Puls des Textes. Wenn der Zuschauer das Versmass erkennt, haben entweder der Übersetzer oder die Schauspieler etwas falsch gemacht. Bei Viel Lärm um nichts wird einem schnell klar, dass Shakespeare seine Stücke schon um 1600 für die breite Bevölkerung und nicht nur für eine Elite schrieb. Und dass sie auch heute noch funktionieren, wenn man eine Sprache findet, die einfach zugänglich ist. Es ist wichtig, dass der Text nicht einfach in irgendeine banale Umgangssprache rutscht, sondern die Form der Sprache behält. Eine gelungene Übersetzung ist eine, in der die Sätze leicht verständlich rüberkommen, ohne banal zu werden. Diese Balance zu finden, war unser Anliegen.
So sehr Shakespeare zu seiner Zeit Theaterstücke für die Massen schrieb, so stark ziehen sie heute ein hochkulturelles Publikum an. Müsste man als Theater nicht generell versuchen, Stücke möglichst populär zu inszenieren?
Diese Überlegungen machen wir uns natürlich auch. Wir fragen uns, welche populären Formen es gibt, um ein gewisses Erbe der Literatur weiterzuvermitteln. Letzte Saison machten wir beispielsweise eine Produktion zum Zauberberg von Thomas Mann mit VR-Brillen. Beim Bachfest riefen wir den Euro Baroque Song-Contest ins Leben, um eine 300 Jahre alte Musik zeitgemäss zu vermitteln.
Wäre es nicht am zeitgemässesten, einer KI den Vortritt zu lassen, statt die Stücke selbst zu übersetzen?
Den Vortritt vielleicht nicht, aber KI im Beiwagen zu haben, kann schon helfen. Vor zwei Jahren haben wir eine Shakespeare-Matinee-Reihe organisiert und dabei Spiele gestaltet, in denen wir lokalpolitische Blüten in So-nettform erzählten: die gelben Bänkli, den Galgenbucktunnel oder die Geschichte mit Simon Stockers Ständeratswahl beispielsweise. Wir haben dabei ChatGPT gebeten, ein So-nett in der Sprache von Shakespeare über die Themen zu schreiben. Die Ergebnisse waren erstaunlich gut als Vorlage. Aber KI erfindet ja nie etwas Neues, sondern geht immer vom Bestehenden aus.
«Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage» beispielsweise ist ein populärer Satz aus Shakespeares Hamlet. Wie hat er es geschafft, auch heute noch zeitgemäss zu sein?
Dadurch, dass er das Thema Suizid, das der Monolog in über dreissig Zeilen äusserst vielschichtig behandelt, im ersten Satz als einfache und doch tiefgründige Quintessenz zusammenfasst. Shakespeare musste das komplette Spektrum der Bevölkerung ansprechen, weil er sie alle im Publikum hatte. In den Theatern in England rund um 1600 konnte man für einen Penny einen Stehplatz kaufen. Das war die Mehrheit der Besucher.

Wären Stehplätze also auch etwas fürs Stadttheater?
(lacht) Nein. Das funktioniert heute nicht mehr. Im Theater versammelten sich früher alle Schichten. Es gab Plätze auf den Rängen, auf denen die frühbürgerliche Gesellschaft sass. Die Adligen finanzierten das teilweise sogar mit. Die Adligen selbst sassen in Logen, in denen man sie vom Publikum aus sehen konnte. Shakespeare war sich dessen bewusst: Wenn er einen Monolog wie bei Hamlet geschrieben hatte – «Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage» –, dann schrieb er ihn, damit sich alle Bildungsschichten darin wiedererkennen. Seine Metaphern waren so elaboriert ist, dass sie sowohl den Stehplatzbesuchern als auch dem adligen Financier gefielen.
Gibt es auch in Ihrer Übersetzung Metaphern, die Sie extra für den Adel Schaffhausens geschrieben haben?
Wir leben in einer völlig anderen Gesellschaft als jene, in der Shakespeares Stücke um 1600 aufgeführt wurden. Das lässt sich überhaupt nicht vergleichen. Wir im Stadttheater haben ein sehr durchmischtes Publikum. Man muss keine Vorkenntnisse mitbringen, um unser Stück zu verstehen. Es ist so ein einfacher Plot. Eine einfache Handlung, tolle Figuren, Witz. Es ist sehr menschlich und macht einfach Spass.
Es ist nicht die erste Shakespeare-Aufführung in Schaffhausen. Wie blickt das Schaffhauser Publikum auf ihn?
Ich habe den Eindruck, dass viele Leute zu viel Ehrfurcht und Respekt davor haben, sich Shakespeare zu stellen. Man denkt, Shakespeare sei zu kompliziert. Und ist sich unsicher, ob man das Stück überhaupt verstehen wird. Ich hoffe sehr, dass es uns gelingt, diese Vorurteile zu widerlegen.
Und wenn es funktioniert, heisst dass, Sie werden weitere Stücke übersetzen?
Fürs Erste ist das nicht geplant. Aber vielleicht in ein paar Jahren wieder. Wenn es sich ergibt.
«Viel Lärm um nichts», Komödie von William Shakespeare, ins Deutsche übertragen von Jens Lampater. Aufführungen finden am diesem Samstag, dem 31. Oktober und am Sonntag, dem 1. November jeweils um 17.30 Uhr im Stadttheater statt.
