Sie wollten, dass es schnell geht

28. Oktober 2026, Nora Leutert
Foto: Robin Kohler

This content is protected against AI scraping.

Die Unternehmer, die einen Wärmeverbund in Merishausen planten, geben auf – und den Behörden die Schuld. Sie wären gerne durchmarschiert.

Vor einem Jahr war die Stimmung noch euphorisch. Eine Gruppe von hiesigen Unternehmern stellte ihren geplanten Wärmeverbund in der Turnhalle von Merishausen vor. Geheizt werden sollte mit den Holzresten der Sägerei Tanner, die Wärmezentrale ab 2027 gleich neben der dortigen Werkstatt zu stehen kommen. «Wärmeverbund parat zum Einsteigen», titelten die Schaffhauser Nachrichten zum Infoanlass. Sie zeigten ein Bild von einem strahlenden Samuel Gründler und den Initianten, die ihn als Wärmeverbundsexperten ins Boot geholt hatten. Eifrig händigten die Unternehmer am Ende der Versammlung Couverts aus: «Die Verträge gehen weg wie warme Weggli», hiess es dazu.
Doch nun ist das Projekt verpufft. 

Die sieben beteiligten Geschäftsleute – unter ihnen Sägerei-Besitzer Ivo Tognella, der die Holzschnitzel liefern sollte, und eben Samuel Gründler, aber auch Roman Lutz (ehemals Chef der Lutz Bodenmüller AG) oder die Investoren Pius Zehnder und Bernhard Meister – teilten Ende vergangener Woche mit: der Wärmeverbund wird nicht gebaut. Die 250 000 Franken, die sie in den vergangenen vier Jahren privat investiert hätten, würden abgeschrieben. 
Und 69 interessierte Kund:innen, die verbindlich für einen Anschluss zugesagt hatten, schauen in die Röhre. 

Die Schuld geben die Unternehmer der Einwendung eines Nachbarn und den Behörden. Diese hätten den Wärmeverbund «gestoppt», so titeln sie in einem gepfefferten Communiqué. Gemeint ist insbesondere das kantonale Bauinspektorat, dessen Leiter namentlich angeprangert wird. Seine Behörde hatte entschieden, dass die Unternehmer ihr Baugesuch nochmals neu einreichen müssten. Das ist nicht ungewöhnlich, sprengte bei den Unternehmern aber den Rahmen. Denn Zeit ist in diesem Fall Geld, doch dazu später. 

Mit Bürokratie geplagt?

Am Telefon spricht ein brüskierter Roman Lutz: Es störe ihn und seine Mitinitianten, dass das Bauinspektorat zu wenig insistiert habe, wo sie hätten nachbessern sollen. «Wir waren mit dem Kanton in engem Kontakt. Man hätte nach Eingang des Baugesuchs auch während der Klärungsphase mit uns an den Tisch sitzen und uns Auflagen machen können: was es noch braucht, was wir noch nachreichen müssen. Stattdessen erhielten wir sieben Monate später einen eingeschriebenen Brief, der uns zurück auf Feld eins schickte.» 
Hat eine überrissene Bürokratie dem Wärmeverbund also den Hahn zugedreht? 

Eigentlich ist es Sache der Bauherrschaft, das eigene Projekt zu erarbeiten, und dafür eine Planerin oder einen Planer zu beauftragen. Bauinspektor Oliver von Ow sagt, losgelöst vom Fall des Wärmeverbunds in Merishausen nüchtern, wie der Dienstweg läuft: Man beantworte Voranfragen zu Projekten zwar relativ umfassend. Das Bauinspektorat respektive die kantonalen Fachstellen seien aber bei der Projekterarbeitung nicht involviert, was zudem auch aus Befangenheitsgründen nicht möglich sei. Grundsätzlich liege es an der Bauherrschaft und an deren Planer, die nötigen Abklärungen vorzunehmen, um die Unterlagen möglichst vollständig einzureichen: «Jeder möchte, dass sein Baugesuch so schnell wie möglich bearbeitet wird. Meine Antwort ist dann: Klar, es kommt auf den Stapel, der eilt. Das ist aber der einzige, den wir haben». Es sei natürlich im Sinn und Interesse des Bauinspektorats, die Gesuche möglichst schnell zu bearbeiten und nach Möglichkeit zu bewilligen. Das gehe umso besser, wenn Baugesuche vollständig und qualitativ gut seien. 
Das Baugesuch für den Wärmeverbund in Merishausen wurde diesen Anforderungen offenbar nicht auf Anhieb gerecht. Und zeitlichen Spielraum gab es auch nicht.

Die Mängel

Eines der Probleme war, dass die Unternehmer eine Ausnahmebewilligung hätten beantragen sollen: denn der geplante Bau hätte den Gewässerraum der eingedolten Durach tangiert. Die Gemeinde Merishausen hat es bisher versäumt, diesen Gewässerraum in ihrem Zonenplan auszuweisen. Auf diesen hatten sich die Unternehmer, ihres Zeichens Männer vom Fach, die das Bauvorhaben auch selber planten, verlassen. Im GIS wären der Gewässerraum und die Bestimmungen zwar einsehbar gewesen. Doch die Unternehmer meinten, nach Abklärungen auf diesen Punkt verzichten zu können.

Baudepartementssekretär Patrick Spahn antwortet zum konkreten Fall: Das Bauvorhaben, respektive auch die Gesuchsunterlagen, hätten materielle und formelle Mängel gehabt. Diese hätten auch nicht «mittels Auflagen und Bedingungen geheilt werden können, da der Umfang dafür zu gross ist und nicht abschliessend formuliert werden» könne. Es sei ihm nicht bekannt, mit welchen Ämtern vorgängig allenfalls ein Kontakt bestanden habe. Spahns Antwort ist aber zu entnehmen, dass das Bauvorhaben keinesfalls chancenlos gewesen wäre. Man habe in diesem Fall auch sehr ausführlich mitgeteilt, welche Anpassungen nun nötig seien. Und, so Spahn: «Persönlich finde ich es natürlich schade, wenn nun die Projektanten des Wärmeverbundes die Flinte ins Korn werfen. Möglicherweise liessen sich die genannten materiellen und formellen Mängel mit überschaubarem Aufwand beheben.» 
Der Nachbar, welcher die Einwendung machte, sagt auf Anfrage der AZ, man habe das Bauvorhaben nicht aus Prinzip verhindern wollen, sondern nur sicherstellen, dass die üblichen Bauvorschriften eingehalten werden.

Zu mühsam und zu heiss

Im Endeffekt wurde den Unternehmern die Sache jedenfalls zu kompliziert und zu heiss. Sie sahen sich vorzeitig mit Details gepiesackt, mit zu vielen Unsicherheiten und Risiken konfrontiert und der zeitliche Druck wäre durch die angeordnete Extrarunde zu gross geworden. Auch, weil 2029 der Eigenmietwert abgeschafft werde. Damit fallen Steuerabzüge für Renovationen weg. Auch deshalb wollten Kunden vorher ihre maroden Heizungen ersetzen, vielleicht würden einige abspringen und andere Lösungen suchen, so die Befürchtung. Man wolle sie auch nicht vertrösten. Den Unternehmern wurde in den vergangenen Monaten aber auch klar, dass es beim Leitungsbau zudem Probleme mit der Archäologie geben könnte. «Wir haben gemerkt, dass es ein Fass ohne Boden wird», so Roman Lutz. 

Die Unternehmer stellen sich auf den Standpunkt, dass sie etwas Gutes und Nachhaltiges für die Öffentlichkeit hatten machen wollen. Dafür habe der Kanton ihrer Ansicht nach wenig Hand geboten. Als sie mit ihrem Baugesuch nicht durchmarschieren konnten, ging ihre Rechnung nicht mehr auf.

Wir schenken Dir diesen Artikel. Aber Journalismus kostet.
Hier geht es zum Probe-Abo: drei Monate lang jede Woche eine AZ für nur 48 Franken.