Faire Löhne, leere Bühnen

15. Oktober 2026, Sharon Saameli

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Der grösste Berufsverband für Musikschaffende hat Richtlinien für Gagen publiziert. Stadt und Kanton Schaffhausen machen diese nun verbindlich – und bringen damit die Veranstalter in die Bredouille.

Sonja Wanner ist diese Tage nicht in Hallau und auch nicht im Studio, sondern in Wien, ihrer Heimatstadt. Als die AZ sie anruft, redet sie fast eine Dreiviertelstunde ins Telefon. Es geht um Geld und Kunst, darüber rede sie gerne, «das muss ich.»

Sonja Wanner macht seit mehr als 30 Jahren unter dem Namen Sonix Musik. Davon leben kann sie nicht – darum arbeitet sie Teilzeit als Geschäftsführerin der Haberhaus-Bühne. In der Region leben nur die allerwenigsten Musiker:innen von der Kunst allein; die meisten unterrichten daneben oder leben von Brotjobs.

Kultur braucht Geld und Infrastruktur, sie ist «kein Zauber, sondern Maloche», schrieb die Publizistin Carolin Emcke einmal. Die Honorare sprechen aber eine andere Sprache, sagt Sonja Wanner. «Es kommt immer noch vor», sagt Sonja Wanner, «dass wir mit einem Hunderter, einer Kollekte und einem Gratisessen abgespiesen werden. Das ist gemessen am Aufwand für ein Konzert nichts. Aber uns fehlt ein Mindestarbeitsvertrag, auf den wir uns beziehen könnten.»

Auf diese Lücke hat der Schweizer Berufsverband für Musikschaffende, Sonart, reagiert. Vergangenes Jahr hat er zum ersten Mal Honorarempfehlungen für selbständige professionelle Musiker:innen herausgegeben: pro Person und Abend mindestens 600, idealerweise aber 800 Franken – Berufsverbände anderer Kulturbereiche sind ihm vorangegangen. Der Sonart-Ansatz drückt aus, wie viel ein Konzertauftritt mit fairen Arbeitsbedingungen kosten würde: mit einem achtstündigen Arbeitstag, Beiträgen in die Altersvorsorge, vier Wochen Ferien pro Jahr und weiterem.

Mit den neuen Empfehlungen habe sich etwas getan, darüber sind sich die Musiker:innen einig. «Die Sonart-Richtlinien machen deutlich, dass Honorare keine willkürlichen Zahlen sind, sondern dass ein durchdachtes System einer ganzen Branche dahintersteht», sagt etwa Joscha Schraff, seines Zeichens Jazzmusiker. «Das verstehen dann die meisten.» Die Gagen bleiben zwar weiterhin auf Verhandlungsbasis: Schraff sagt, ein öffentliches Konzert spiele ihm meistens zwischen 150 und 450 Franken ein, ob in Zürich oder Schaffhausen mache dabei keinen Unterschied. Bei privaten Anlässen sei das Verständnis für ein angemessenes Honorar gemäss Richtlinien eher gross. «Die Verbandsempfehlungen geben dem ganzen eine gewisse Verbindlichkeit.»

Auch Stadt und Kanton finden, Musiker:innen haben bessere Löhne verdient. Darum macht Schaffhausen die Branchenempfehlungen jetzt verbindlich: In allen neuen Leistungsvereinbarungen mit Veranstaltern, die per 2026 oder 2027 in Kraft treten, ist ein Passus enthalten, der die Veranstalter dazu verpflichtet, die Richtlinien der Branchenverbände einzuhalten. Darunter fallen das Jazzfestival, das TapTab, die Haberhaus-Bühne, das Stars in Town, die Kulturtage und diverse Theater. Das bestätigt Noura Simoni-Abla, Projektleiterin Kulturförderung und Mitglied der Kulturkommission, auf Nachfrage der AZ. «Uns ist wichtig, ein Zeichen zu setzen und zu sagen: Faire Entlöhnung ist uns wichtig. Die Pandemie hat die prekären Arbeitsverhältnisse in der Kultur deutlich gemacht – jetzt geht es darum, sie Schritt für Schritt abzubauen.»

Nur: Mit der Lohnerhöhung bringt die öffentliche Hand ausgerechnet die Veranstalter in die Bredouille.

Weniger Konzerte sind die Folge

Gabi Gmür, zuständig für die Finanzen im TapTab, wird deutlich, als ihn die AZ auf die Sonart-Richtlinien anspricht: «Solche Ansätze zu zahlen, ist für uns schlicht und ergreifend unmöglich. Derzeit, sagt Gmür, zahle das TapTab durchschnittlich 300 Franken Gage pro Künstler:in und Abend. Natürlich wolle man Musiker:innen angemessen entschädigen. Aber: Eine konsequente Umsetzung der Verbandsempfehlungen ergäbe pro Saison Mehrkosten von rund 100 000 Franken, «also mehr, als was wir insgesamt an Fördergeldern erhalten.» Erst vergangenes Jahr haben Stadt und Kanton die Leistungsvereinbarung mit dem TapTab erneuert und den Unterstützungsbeitrag verdoppelt: Er liegt bei jährlich 90 000 Franken.

Die Folge wäre nicht nur, dass nur noch ein Teil der Veranstaltungen finanzierbar wäre. Das TapTap müsste sich auch fragen, welche Musiker:innen es überhaupt noch buchen könnte: «Eine vierköpfige Band würde gemäss den neuen Richtlinien 3000 Franken kosten», rechnet Gmür vor, «das ist ein Betrag, den nur wenige vierköpfige Bands über Ticketeinnahmen auch wieder einspielen.»

Für kleinere Clubs wie das TapTab, die ohnehin nicht auf Rosen gebettet sind, ist die Änderung weitaus dramatischer. Das sagt auch Raphael Schemel, Programmverantwortlicher bei der benachbarten Kammgarn. «Aber auch bei uns gilt: Je mehr Köpfe auf der Bühne, desto schwieriger wird die Finanzierung.» Gegenwärtig erfülle man zwar schon grösstenteils das Minimum von 600 Franken pro Person. Aber Grossprojekte wie etwa der Tribut an Endo Anaconda mit 20 Profimusiker:innen auf der Bühne: Das wäre Geschichte. «Sicher ist auch, dass wir künftig noch weniger Experimente wagen würden, als wir es aufgrund des wirtschaftlichen Drucks ohnehin schon tun. Darunter leidet die Vielfalt auf der Bühne.»

Auch Ronny Bien, seit bald zehn Jahren Vereinspräsident der Band-Union, sagt: «Wir müssen mehr Gelder haben, um die Vorgaben umzusetzen, oder wir bieten weniger Gefässe an.» An den jährlichen Street Music Nights erhalten Singer-Songwriter neben einer Kollekte 300, Duos 400 und Bands 500 Franken pro Auftritt. Insgesamt komme so ein fünfstelliger Betrag allein für die Gagen zusammen, der Löwenanteil auf der Ausgabenseite. «Mit den jetzigen Empfehlungen können wir nicht mithalten», sagt Bien, der selber ehrenamtlich arbeitet. Auch die Band-Union erhält Subventionen von Stadt und Kanton: Seit 2025 sind es 30 000 Franken pro Jahr.

Die Honorarrichtlinien und der Entscheid der Stadt, sie für verbindlich zu erklären, eröffnen derzeit mehr Fragen als Antworten: Würden für ausländische Bands dieselben Ansätze gelten als für lokale? Was geschieht, wenn ein Veranstalter tiefere Gagen zahlt? Erhalten Newcomer denselben Betrag wie gestandene Profis? Und woran erkennt und bemisst man überhaupt, dass man zu den Letzteren gehört?

Das Beispiel Jazzfestival

«Die Diskussion, was ein Profimusiker, eine Profimusikerin ist und wo das anfängt, müssen wir irgendwann führen», sagt Joscha Schraff. Als Geschäftsführer des Jazzfestivals sitzt er derzeit am Budget für die Festivalausgabe 2027. Er weiss: Nirgends sonst lässt sich so einfach Geld sparen wie bei den Gagen. Das merke er auch mit den neuen Richtlinien. «Bei uns fliesst das meiste Geld direkt zu den Kulturschaffenden, nicht in die Werbung oder die eigene Infrastruktur. Wenn ich bei anderen Kostenpunkten bereits über dem Budget bin, buche ich jetzt lieber eine Band weniger – oder ein Duo statt eines Quintetts.»

Die Politik müsse mehr Geld in die Hand nehmen, um die Kultur nachhaltiger zu gestalten, sagt Schraff. «Bei uns haben sie das auch getan.» Das Jazzfestival hat ein grosses Standing in Schaffhausen und damit die entsprechenden Fördermittel – womit es sich bereits Gagen nach Sonart-Empfehlung leisten kann: Auf der Hauptbühne liegt das Honorar sogar schon länger bei 800 Franken pro Person – egal, ob es sich um eine bekannte Band oder um Newcomer handelt. Für Clubkonzerte und kleinere Bühnen liegt der Ansatz bei 600 Franken (mit einem Deckel ab einer bestimmten Gruppengrösse), für wiederkehrende Konzerte und solche mit wenig Vorbereitungsarbeit 400 Franken. «Zudem übernehmen wir Spesen und achten darauf, dass die Musiker:innen in Schaffhausen übernachten können», sagt Schraff. Eine Realität, die er als Musiker selber im Übrigen kaum kenne.

Die Veranstalter, mit denen die AZ gesprochen hat, sagen unisono, dass das Problem prekärer Arbeitsbedingungen in der Kunst nicht allein auf die Clubs abgewälzt werden könne – und dass sie mehr Mittel benötigen würden, um nicht nur faire Gagen zahlen zu können, sondern auch den eigenen Betrieb zu professionalisieren.

Nur: Jetzt, da Stadt und Kanton Schaffhausen ihre Budgets fürs Jahr 2027 präsentiert haben, steht Schwarz auf Weiss, dass dies nicht überall geplant ist. Die Kammgarn erhält voraussichtlich eine schrittweise Erhöhung der Fördermittel von Kanton und Stadt, das TapTab, das Haberhaus und die Band-Union nicht.

Die Sachzwänge und die Politik

Für den Kanton sei es nicht ohne Weiteres möglich, die Fördergelder anzupassen. Das sagt Serge Honegger, Leiter der Kantonalen Kulturfachstelle. Der eine Grund ist technischer Natur: Der Kanton gibt Ausschüttungen aus dem Lotteriegewinnfonds weiter, die Stadt dagegen setzt Steuergelder ein. «Der Kanton fördert das Kulturleben in den Gemeinden nachgelagert, und es hat sich auf der Basis eines partnerschaftlichen Prinzips etabliert, dass Stadt und Kanton ungefähr paritätisch in der Finanzierung dabei sind. Wenn nun der Kanton vorpreschen und plötzlich mehr Lotteriegewinnfondsgelder sprechen würde, müsste also die Stadt mit Steuergeld nachziehen», so Honegger. Und das ist der zweite Grund: Dieses Vorgehen wäre schwer umsetzbar. «In breiten Kreisen der Bevölkerung ist das Bewusstsein dafür, wie prekär die Lage im Pop-Rock-Bereich wirklich ist, noch nicht so ausgeprägt. Da ist ein Ruck nötig.»

Man sei mit den Veranstaltern seit Längerem im Gespräch, sagt Noura Simoni-Abla von der Kulturförderung. «Dass es schwierig werden wird, ist kein Geheimnis – und auch nicht nur in Schaffhausen ein Problem.» Was genau die Konsequenz für ein Veranstalter ist, der künftig tiefere Gagen zahlt, ist noch nicht klar. Insgesamt rechnet aber auch Noura Simoni-Abla damit, dass es künftig weniger Konzerte in Schaffhausen geben könnte. «Bei gleichbleibenden Mitteln mehr Leistung zu verlangen, ist unrealistisch. Wenn weniger Veranstaltungen die Konsequenz sind, dann wird vielleicht die Aufmerksamkeit geweckt, dass professionelles Kulturschaffen einen Preis hat.»