«Wie ein Vogel im Käfig»

6. Oktober 2026, Andrina Gerner
Foto: Robin Kohler

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Frauen und Mädchen werden in Afghanistan systematisch unterdrückt und erhalten in der Schweiz deshalb grundsätzlich Asyl. Der Nationalrat will das ändern. Ein Gespräch mit zwei Migrantinnen. 

Seit die Taliban am 15. August 2021 erneut die Macht ergriffen haben, sind Frauen und Mädchen in Afghanistan starken Repressionen ausgesetzt – weil sie Frauen sind. Das genügt als Grund, um Asyl zu erhalten. So entschied es der Gerichtshof der Europäischen Union vor zwei Jahren, dem das Schweizer Staatssekretariat für Migration (SEM) in seiner Praxis folgt. Das Schweizer Parlament sieht das anders. Der Zürcher SVP-Nationalrat Gregor Rutz kritisiert die Asylpraxis des SEM in einer Motion, die er im Juni eingereicht hat; es würde die Afghaninnen ohne Einzelfallabklärung pauschal durchwinken. Er fordert eine Beurteilung der Fälle nach Herkunftsland (dem Land, aus dem die Frauen angereist sind, was auch ein Drittland sein kann) und nicht nach Nationalität. Dasselbe forderte Rutz schon vor zwei Jahren. Der Bundesrat verteidigte die Asylpraxis damals mit dem Hinweis, dass Geschlecht und Staatsangehörigkeit ausreichen, um Frauen aus Afghanistan als Flüchtlinge anzuerkennen. Eine Einzelfallabklärung finde ausserdem in jedem Fall trotzdem statt.

Wo der Vorstoss vor zwei Jahren noch scheiterte, konnten die Bürgerlichen ihre Kolleg:innen diesmal bis weit in die Mitte überzeugen, die Motion wurde vor zwei Wochen mit 101 zu 84 Stimmen angenommen. Was bedeutet dieser Entscheid für afghanische Mädchen und Frauen, die in der Schweiz Schutz suchen? Das SEM sagte gegenüber der WOZ, dass eine solche Restriktion «weder mit dem geltenden Asylgesetz noch mit völkerrechtlichen Verpflichtungen» vereinbar wäre. Trotzdem: Der Ton in Asylfragen hat sich augenscheinlich verschärft. Was würden afghanische Migrantinnen den Schweizer Politiker:innen entgegnen, die ihnen diesen Schutz absprechen wollen? Wir haben mit Zahra* (28) und Dewa* (19) gesprochen, zwei Afghaninnen, die in Schaffhausen den Juma-Intensivkurs für junge Migrant:innen des SAH besuchen. Begleitet wurden sie von ihrer Lehrerin Linda Gabrieli, das Gespräch wurde auf Deutsch geführt.

AZ: Das Schweizer Parlament will die Asylpraxis für afghanische Frauen verschärfen. Was löst dieser Entscheid in Ihnen aus?

Zahra: Diese Entscheidung macht mir Sorgen. Die Situation der Mädchen und Frauen in Afghanistan macht mich sehr traurig. Sie können nicht entscheiden, wie sie leben wollen. 

Dewa: Als Kind lebte ich in Kabul. Ich kann mich erinnern, dass ich viel Angst hatte, wenn ich mit meinem Vater in die Stadt gegangen bin. Ich hatte eigentlich immer Angst. Das war sehr schwierig. Und jetzt ist es in Afghanistan noch schlimmer als früher. Als Kind kann man nicht frei auf der Strasse spielen oder in den Park gehen, als Mädchen schon gar nicht. 

Haben Sie das Gefühl, dass die Leute hier gar nicht verstehen, was in Ihrem Land los ist?

Dewa: Ja, manchmal. In anderen Ländern hörte ich das oft: «Warum seid ihr weggegangen? Anderswo gibt es Krieg, bei euch nicht. Warum bleibst du nicht in deinem Land?» In der Schweiz gibt es viele Leute, die die Situation in Afghanistan verstehen. Aber einige denken auch, wir seien wegen wirtschaftlicher Probleme hier. Sie wissen nicht, was die Menschen in Afghanistan erleben. 

Was hören Sie von Ihren Verwandten, die noch in Afghanistan leben? 

Dewa: Meine Tante und mein Onkel zum Beispiel haben drei Töchter, und diese dürfen nicht arbeiten. Eine meiner Cousinen ist ausgebildete Krankenschwester. Sie ist nun einfach zuhause. Eine 13-jährige Cousine darf nicht mehr in die Schule gehen, sie ist sehr traurig darüber. Sie hat keine gute Zukunft – wie ein Vogel im Käfig. 

Zahra: Meine Eltern und meine Schwester lebten in Afghanistan unter dem ersten Talibanregime, bevor sie in den Iran geflohen sind. Ich bin im Iran geboren und aufgewachsen. Meine Schwester lebt heute in Deutschland. Sie erinnert sich, wie es damals war. Mädchen und Frauen durften keine Schulen oder Universitäten besuchen. Die Taliban haben das wieder verboten, als sie vor fünf Jahren erneut die Macht ergriffen. In den Strassen haben sie alle Bilder von Frauen entfernt, zum Beispiel auf Plakaten. Frauen dürfen nicht arbeiten, sich nicht schminken, keine Musik hören. Ich habe gehört, dass draussen sprechen und lachen nun auch verboten ist. 

Was sagen die Taliban konkret darüber, was die Aufgabe der Frau ist? 

Dewa: Die Taliban sehen die Frauen als Sklavinnen: Kochen, putzen, Kinder bekommen. Sie sagen auch, dass Mädchen nicht so klug sind wie Jungen – das ist ihr Argument. Frauen können nicht so viel wie Männer, sagen sie, also müssen sie zuhause bleiben. 

Zahra: Früher gab es vielleicht weniger Sicherheit in Afghanistan, aber wenigstens durften Frauen studieren oder arbeiten. 

Gibt es überhaupt noch etwas, was Frauen tun dürfen?

Zahra: Nein, sie dürfen gar nichts mehr. Sie dürfen keine Smartphones benutzen, nicht öffentlich singen, nicht lachen. 

Dewa: Wenn eine Frau das Haus verlässt, muss sie ein Dokument bei sich haben, das beweist, dass ihr Begleiter ein Verwandter ist, der Ehemann, ihr Vater oder Bruder. Wenn sie das nicht beweisen kann, hat das schlimme Konsequenzen für sie, aber auch für den Mann. Allein dürfen Frauen sowieso nicht auf die Strasse. 

Zahra: Es gibt in Afghanistan Gruppen von Männern, die auf der Strasse nach Frauen Ausschau halten, bei denen man vielleicht Haare sieht oder die sonst etwas «falsch» machen. Diese Frauen werden dann geschlagen oder mitgenommen und ins Gefängnis gesteckt.

Dewa: Aber das ist nur die Meinung der Taliban, die sie nun mit Gewalt allen aufzwingen. Sie kommen aus den Bergen, haben nicht studiert, waren nie in der Schule. Nun kommen sie einfach in die Städte und entscheiden über die Frauen. 

Zahra: Die Taliban haben grosse Angst vor Frauen und versuchen sie deshalb klein zu halten. 

Gibt es Unterschiede zwischen dem Leben in den Städten und auf dem Land?

Dewa: Ja, die gibt es. In Kabul zum Beispiel haben viele Männer eine andere Meinung. Nicht alle, aber viele. Sie haben die Schule besucht oder studiert und sind etwas mehr «open minded». In den Dörfern herrscht oft die «alte Meinung»: Ein Mädchen soll heiraten und braucht nicht in die Schule zu gehen. 

Seit der Machtübernahme der Taliban hat sich die Armut in Afghanistan verschärft. Man hört von Familien, die deswegen ihre Töchter weggeben, also verheiraten müssen. 

Dewa: Es ist die einzige Möglichkeit. Junge Mädchen haben nur eine Aufgabe: heiraten. Egal wie alt sie sind. Ich habe ein Video gesehen, da musste ein 18-jähriges Mädchen einen 70-jährigen Mann heiraten. Das ist unglaublich. 

Zahra: Wenn ein Mann der Taliban Gefallen an einem Mädchen oder an einer Frau findet, darf er sie heiraten, egal wie alt das Mädchen oder die Frau ist. Auch wenn sie eine gute Ausbildung hat, darf sie danach nicht mehr arbeiten. Die Entscheidung liegt in allen Fragen beim Mann. Ein Mann darf zudem so viele Frauen heiraten, wie er möchte.

Dewa: Die Situation ist auch für manche Jungen sehr schwierig. Wenn zum Beispiel der Vater stirbt, ist der Sohn verantwortlich für die Familie, egal, wie alt er ist. Er muss arbeiten und Geld verdienen. Das heisst, er darf nicht mehr in die Schule gehen. So wird auch kleinen Jungen die Kindheit oder eine gute Zukunft verbaut. 

War die Sorge um Ihre Zukunft der Grund für Ihre Eltern, Afghanistan zu verlassen? 

Dewa: Mein Vater hat als Lehrer gearbeitet, meine Mutter als Pflegefachfrau. Als Lehrperson zu arbeiten, kann sehr gefährlich sein. Die Taliban haben eine klare Vorstellung, was unterrichtet werden darf und was nicht. Ich habe gehört, dass viele Lehrpersonen durch die Taliban umgebracht wurden. Für meine Mutter war vor allem der Weg zur Arbeit und zurück gefährlich, wenn sie alleine auf der Strasse war. Nebst der Gefahr für meine Eltern war vor allem der Wunsch nach einer sicheren Zukunft für mich und meine drei Geschwister der Grund, weshalb meine Familie Afghanistan verlassen hat.

Wie verlief Ihre Reise in die Schweiz?

Dewa: Ich ging mit meiner Familie zuerst in den Iran und reiste danach über die Türkei und über Griechenland in die Schweiz. Das war eine sehr lange und sehr schwierige Reise. Wir kamen im Frühling vor zwei Jahren in der Schweiz an und ich hatte noch lange danach schlechte Träume. Es fällt mir schwer, das zu erzählen. Wissen Sie, Träume vom Wasser und von diesem kleinen Boot. Das ist sehr schwierig. 

Zahra: Ich bin vor eineinhalb Jahren in die Schweiz gekommen. Mein Mann war vorausgereist, über die Türkei und Griechenland. Es war sehr schwierig und gefährlich für ihn. Weil er sich nicht verständigen konnte, konnte er zum Beispiel nicht einmal nach Wasser fragen, wenn er durstig war.

Wie sind Sie gestartet? Haben Sie Pläne für die Zukunft?

Dewa: Ich bin hier sehr glücklich, weil mein Traum nicht nur ein Traum bleiben wird: Ich hoffe, hier eine Ausbildung zur Hebamme machen zu können. Diesen Wunsch hatte ich schon in Afghanistan. Als ich klein war, habe ich gesehen, wie Frauen ihre Babys zuhause bekommen haben. Diesen Frauen möchte ich helfen. Es fehlen in Afghanistan aktuell über 4000 Ärztinnen und Hebammen. In Afghanistan ist die Situation so, dass eine Frau nur zu einer Ärztin und nicht zu einem Arzt gehen darf. Da es Mädchen nun verboten ist, ab einem gewissen Alter in die Schule zu gehen, geschweige denn zu studieren, wird es in Zukunft keine Ärztinnen und Hebammen mehr geben. (Auch die Ausbildung zur Hebamme ist von den Taliban Ende 2024 verboten worden, Anm. d. Red.) Diese Situation ist unglaublich schlimm und wird nur noch schlimmer. Das ist unter anderem ein Grund, weshalb ich Pflegefachfrau und Hebamme werden möchte. 

zVg / Adrian Ackermann
Gebärraum in Paktia, fotografiert bei einem Besuch der Afghanistanhilfe im letzten Jahr. Ende 2024 haben die Taliban auch die Ausbildung zur Hebamme verboten (zVg / Adrian Ackermann).

Zahra: Auch ich bin glücklich. Ich bin frei hier und kann frei denken. Hier in der Schweiz habe ich eine Zukunft. Im Iran konnte ich keine Ausbildung machen, da ich den afghanischen Pass habe und es Afghan:innen dort nicht erlaubt ist, eine Ausbildung zu machen oder zu studieren. Es gab viel Rassismus. Ich habe zwölf Jahre lang die Schule besucht. Dafür musste ich aber viel bezahlen. Danach war ich eine Zeit lang einfach nur zuhause. Bevor ich in die Schweiz gekommen bin, habe ich als Schneiderin gearbeitet. Dies aber ohne eine Ausbildung.

Gibt es etwas, das Sie in der Schweiz überrascht oder besonders erstaunt hat? 

Zahra: Ich war sehr überrascht, als ich das erste Mal «liebe Damen und Herren» gelesen habe. Ich war erstaunt, dass die Frau zuerst erwähnt wird. Ich war es gewohnt, dass Frauen, wenn überhaupt, immer erst am Schluss genannt werden. Zudem bin ich überrascht von den vielseitigen Berufswegen.

Dewa: Ich bin eine Hijabi, das heisst, ich trage einen Hijab. In der Türkei und in Griechenland habe ich deshalb sehr viel offenen und direkten Rassismus erlebt. Man hat mir auf der Strasse, im Bus, im Park gesagt, ich solle zurück in mein Land gehen, und hat mich offen angefeindet. In der Schweiz erlebe ich diesen offenen Rassismus nicht. Ich werde oft freundlich begrüsst und die Leute sind hilfsbereit und nett zu mir. Das hat mich sehr positiv überrascht. 

Haben Sie Hoffnung, dass sich die Situation in Afghanistan wieder ändert?

Dewa: Ich hoffe, dass die Frauen sehr bald wieder frei leben, lernen und arbeiten können. Die Situation ist wirklich sehr schwierig. Nichts tun zu dürfen, macht viele Mädchen depressiv…

Zahra: Viele junge Frauen haben sich deswegen das Leben genommen. Ich wünsche mir, dass die Welt die Situation der Frauen in Afghanistan nicht vergisst. 

*Namen der Redaktion bekannt