«Alles liegt in meinen Händen»

15. September 2026, Andrina Gerner
«Es gibt in der klassischen Musik wenig, was so verboten und angsteinflössend ist wie Quintparallelen.» Anna-Barbara Winzeler erklärt den Spruch auf ihrem T-Shirt als sehr nerdigen Theoriewitz. Bild: David Schelker

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Die Schaffhauserin Anna-Barbara Winzeler hat das Lieblingshobby der Nation zum Beruf gemacht und misst sich mit den besten Chören der Welt. Das schafft man nur mit Kompromisslosigkeit.

Andrina Gerner

Studien des Bundesamtes für Statistik zeigen, dass ein Fünftel der Schweizer Bevölkerung singt. Eine bemerkenswert hohe Quote, findet auch Chorleiterin Anna-Barbara Winzeler, die sich angesichts dieser Zahlen keine Sorgen um ihren Job macht. 

Winzeler hat das nationale Breitensporthobby zu ihrem Beruf gemacht, erhielt vor kaum einer Woche ihr Masterdiplom in Schulmusik. Und sie wünscht sich, dass Chorsingen mehr Beachtung finden würde. Denn so unbestritten das Schweizer Chorwesen zum Kulturgut gehört, so wenig Anerkennung findet es in der Musikwissenschaft – es ist ja «nur ein Laienmedium».

Entsprechend gibt es nur eine Handvoll Profichöre in der Schweiz, also solche, deren Mitglieder für ihre Arbeit bezahlt werden. Der Sold sagt derweil nichts über die Qualität aus. Denn gut sind auch andere: Winzeler singt seit zehn Jahren im hochkarätigen Ensemble Consonus – streng genommen ein Laienchor – und ist seit einiger Zeit dessen Co-Dirigentin. Es ist eines von vielen Projekten, in denen sie sich engagiert, aber Consonus, das leistungswillige Sänger:innen aus der ganzen Schweiz versammelt, ist das ambitionierteste, der «Rolls Royce», wie sie sagt. Das soll nicht heissen, dass jeder Chor diesem Anspruch nacheifern müsste – im Gegenteil: «Ich bin überzeugt, dass es für jede Person, die singen möchte, den passenden Chor gibt.»

Wir treffen die Schaffhauserin im Kräutergarten des Allerheiligen. Gerade ist sie aus Luzern in ihre Heimatstadt zurückgezogen. Wir wollen wissen, ob es hier einen Ort mit besonders guter Akustik gibt. Das sei eine gute Frage, sagt Winzeler, aber die falsche. Die richtige wäre, welches Stück an welchen Ort passe. «Ich mag hallende Räume, aber die eignen sich nicht für Chöre, weil sie sich dann nicht gut hören.» 

Anna-Barbara Winzeler erzählt schnell und auf den Punkt. Ihre violetten Dino-Ohrringe klimpern, wenn sie lacht. Sie und ihre kleinen Urzeittiere haben allen Grund, gut drauf zu sein: Im August hat Winzeler mit Consonus an den World Choir Games in Schweden – dem grössten Chorfestival der Welt mit über 160 teilnehmenden Chören – zwei Goldmedaillen und einen Weltmeistertitel gewonnen. Der Chor überzeugte mit einem Lied auf Rätoromanisch: «Il grond silenzi» des Bündner Komponisten Flavio Bundi. Es habe alles gepasst: die Tagesform der Sänger:innen, die Stimmung. Die Jury sei regelrecht eingelullt gewesen: «Wir waren diesmal mit Abstand die besten – und der zweite Schweizer Chor, der jemals gewonnen hat. Das war ziemlich cool.»  

Das Intervall des Teufels

Es scheint ein Urbedürfnis der Menschen zu sein, zusammen Musik zu machen – egal, in welcher Form. Anna-Barbara Winzeler sagt: Es sei dieses Gemeinschaftsgefühl, das die Leute in einen Chor ziehe. Sie kennt es sehr gut. Schon als Kind sang sie in der Schaffhauser Singschule und wurde mit 16 Jahren in den Schweizer Jugendchor aufgenommen, mit dem sie zehn Jahre lang unterwegs war. So wurde sie gleich auf einem sehr hohen Wellenkamm in die Chorszene gespült. Auf dieser Welle reitet sie bis heute und nimmt mit ihrem Schwung andere mit.

Als Chorleiterin folgt Anna-Barbara Winzeler nun diesem sozialen Auftrag: «Im Herzen bin ich Vermittlerin. Ich finde es cool, den Leuten zu zeigen, was Musik ist und wie sie funktioniert.» Da gibt es zum Beispiel den Tritonus, das «Intervall des Teufels», das so giftig klingt, dass es früher verboten war (man hört es zum Beispiel im Intro der Serie «Die Simpsons».) Es sei extrem schwierig zu singen, erklärt sie, weil man automatisch den Wohlklang suche. «Wenn die Leute diesen Klang dann irgendwann wiedererkennen und einen Aha-Moment haben, freue ich mich ungemein – davon lebe ich!» 

Meistens ist Winzeler Chorleiterin. Manchmal ist sie aber auch Psychologin, oder Paarberaterin, oder Streitschlichterin – Aufgaben, von denen sie zu Beginn des Studiums nichts geahnt hatte: «Man muss Leute sehr gern haben in diesem Job.» Sich auf sie einlassen wollen. Chorleitung kann man nicht im stillen Kämmerchen üben, man braucht immer das direkte Feedback, um zu wissen, ob es funktioniert. Das sei am Anfang wahnsinnig verwirrend: Es komme eben nicht nur darauf an, was man mit seinen Händen mache, sondern auch, wie man atme, wie man sich bewege. «Es wird alles gespiegelt, bewusst oder unbewusst. Man muss total bei sich selbst sein.» Selbstbewusst auftreten, weil man sich selbst bewusst sein muss – eine Begabung, die Winzeler auch während des Gesprächs im Kräutergarten ausstrahlt. Und dabei in keiner Sekunde überheblich wirkt.

«Chorarbeit ist eine sehr undemokratische Angelegenheit.»

Anna-Barbara Winzeler

Das eigentliche Dirigieren ist also nur ein kleiner Teil des grossen Ganzen: «Meine Aufgabe ist es, den Leuten ein gemeinsames Gefühl zu geben.» Ein Chor müsse in sich harmonieren, das sei eine ganz andere Art zu singen, als wenn man solo auf der Bühne stehe. «Es ist das absolute Ziel und die hohe Kunst, dass man niemanden raushört.» Und: Im Chor zu singen sei an sich eine sehr undemokratische Angelegenheit. Wann kommt welche Silbe? An welcher Stelle atmen wir? «Das Projekt steht und fällt mit Entscheidungen, die ich als Chorleiterin treffen muss. Das wird nicht diskutiert.» Der Unterschied zu einem Diktator sei, dass diese Entscheidungen auf ihren Erfahrungen und ihrer Ausbildung basierten, sagt Winzeler und lacht. «Ich weiss, was ich tue.» Und sie mache es im Interesse des Chors und nicht in ihrem.
«Alles liegt in meinen Händen.» 

Winzeler leitet also mit starker Hand – eine Eigenschaft, die im Proberaum auch gesucht wird: Einige Chöre seien flexibler, andere bräuchten sie als Sicherheitsleine, hätten «höchstes Gottvertrauen» in sie als Dirigentin. Es braucht eine extreme Präsenz für jedes Detail, um mit diesem Erwartungsdruck umgehen zu können.

«Schänk grad i, min Fründ»

Das Bild vom überalterten Grüppchen, das sich in der alten Turnhalle trifft und mehr Weingläser kippt, als es Liedzeilen singt, hält sich hartnäckig. Das angestaubte Bild der Chormusik stammt aus einer Zeit, in der sie gross wurde und ein hehres Ziel hatte: Im 19. Jahrhundert sollte die gerade neu geborene Nation gestärkt und «der eidgenössische Zusammenhalt» heraufbeschworen werden – in Tracht und Reih und Glied. Heute sind die Gründe, warum gesungen wird, sehr viel diverser. Da ist die Freude am Singen mit Gleichgesinnten, die Suche nach Perfektion und die Bereitschaft, viel Zeit zu investieren. Oder man nimmt die Chorprobe als Vorwand für einen feucht-fröhlichen Abend. Wo man ein Chorsterben erwarten würde, hat sich die Szene längst gewandelt. Das sagt auch Anna-Barbara Winzeler, die Mitglied der Geschäftsleitung der Schweizerischen Chorvereinigung ist. Es sei eine Entwicklung, die sich erst in den letzten zwanzig Jahren vollzogen habe. Das führe aber auch dazu, dass die traditionellen Chöre mit ihren festen Strukturen langsam Konkurrenz bekommen von neuen Angeboten – wie zum Beispiel dem jungen Schaffhauser Chor Chorisma, den Winzeler zusammen mit Leyla Huber leitet. Er sei ihr Herzensprojekt.

Nicht gut, aber gern

Die 30-Jährige schöpft bei ihrer Arbeit aus einem Wissensschatz von annähernd 25 Jahren – darüber hinaus stammt sie aus einer musikalischen Familie: Schon als Fünfjährige begann Winzeler zu singen, auf Initiative ihrer Mutter Vreni Winzeler, die als Musikpädagogin und Chorleiterin ihren Kindern kompromisslose Leidenschaft vorgelebt hat. Und die der Überzeugung ist, dass es zur Allgemeinbildung gehört, ein Instrument zu lernen und zu singen, wie sie gegenüber der AZ erzählt. Sie hätte ihre Kinder aber auch unterstützt, wenn sie «Fussballprofi hätten werden wollen».

Aber die musikalische Ader fliesst weiter: Auch Sohn Elias ist Musiker geworden, singt als Tenor auf Weltspitzenniveau. Beide hätten sich nicht ins gemachte Nest setzen können, davon halte sie sowieso nicht viel, betont Vreni Winzeler. «Anna-Barbara hat sich ihren Platz erkämpfen müssen, im positiven Sinn.» Noch vor zehn Jahren hätte sie vieles abgeschaut und kopiert, aber sie kenne das aus eigener Erfahrung, sagt sie. So tun als ob. Negatives verarbeiten, eine Resilienz aufbauen und auch mal sagen können: Sorry, das ist auf meinem Mist gewachsen, nächstes Mal machen wir es besser. «Das war ein harter Weg, aber es ist ihre Bestimmung. Sie hat erkannt, was sie kann.»

Anna-Barbara Winzeler beschreibt es ähnlich: «Meine Mutter hat mir alle Freiheiten gelassen.» Sie habe sich lange dagegen gesträubt, einen ähnlichen Weg einzuschlagen, studierte zuerst Online-Journalismus. Danach sei ihr klar geworden, dass sie sich ewig vorwerfen würde, es nicht versucht zu haben. «Ich wollte immer dirigieren, war aber überzeugt, dass ich das mit meinem angeborenen Tremor nicht kann. Wenn die Leute aber wissen, dass ich zittere, können sie sich drauf einstellen.» Der Moment, in dem sie das erste Mal dachte: «Okay, doch, ich kann das», kam erst im Musikstudium. «Anfangs habe ich es nicht gut gemacht – aber gern.» Denn der Chor sei für sie das natürlichste musikalische Ausdrucksmittel. «Er ist mein gewähltes Instrument: Menschen zum Klingen bringen, das macht enorm Spass.»