Die Gold-Connection

13. September 2026, Jonas Frey
Montage: David Schelker

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Markus Krall ist ein prominentes rechtes Sprachrohr in Deutschland. Sein Weg führt über Schaffhausen – und legt den Fokus auf ein dubioses Netzwerk in der Stadt.

Ende August sitzt Markus Krall in einem Wohnzimmer und spricht in die Kamera. Es sind weniger als zwei Wochen vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Umfragen deuten darauf hin, dass die vom Verfassungsschutz als «gesichert rechtsextrem» eingestufte Partei Alternative für Deutschland (AfD) die absolute Mehrheit gewinnen könnte. Bei der Wahl letzten Sonntag verfehlt sie diese nur knapp. 

Im Video für den Youtube-Kanal «Krall & Bubeck» warnt der deutsche Unternehmensberater und Autor: «Die sind charakterlich so tief gesunken bei SPD, bei Linken, bei Grünen und bei CDU, dass Wahlbetrug zum Schutz unserer Demokratie» – Krall krümmt seine Finger zu Gänsefüsschen – «bei ihnen absolut ins Repertoire reingehört.» Sollte es mit dem Machterhalt durch Wahlbetrug nicht funktionieren, sagt er im Video, «dann wird mans versuchen mit dem Kriegsrecht.»

Krall, der von deutschen Medien als eine «Art Pop-Star unter den politischen Verschwörungsideologen» (Süddeutsche Zeitung) beschrieben wird, beschwört ein Bild von Deutschland am Abgrund. 2024 zog er in den Kanton Schaffhausen und liess hier ein Unternehmen für den Vertrieb von Gold eintragen. Heute lebt er im Thurgau, ist in der Stadt aber weiterhin aktiv. Seine Spur führt in ein Wohnquartier zu einem Netzwerk verschiedener rechtslibertärer und AfD-naher Exponenten, die mit Edelmetallhandel zu tun haben. 

Was suchen sie hier?

Weg nach Schaffhausen

Im Frühling 2024 zieht Krall in die Schweiz. Er sei nicht mehr bereit, in Deutschland «das verkommene System der parteipolitischen Demolierung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu finanzieren», verkündet er seinen zahlreichen Follower:innen auf der Plattform X. Kurz darauf wird bekannt, dass Krall im Kanton Schaffhausen wohnt. 

Wegen mutmasslicher Kontakte zur Reichsbürger-Szene drangen Polizist:innen 2022 im Rahmen einer Razzia in Kralls Wohnung in Frankfurt ein; da galt er allerdings als «nicht beschuldigter Drittbetroffener». Dem Online-Portal Inside Paradeplatz sagte er im Juli 2024, dass man ihn in Deutschland «quasi als oppositionelle Stimme mundtot» machen wolle. Sich selbst bezeichnet er als «radikal libertär», Deutschland als «DDR 2.0». 

Krall fasst Fuss in Schaffhausen, im Sommer 2024 gründet er hier sein eigenes Unternehmen «GoldRevolution». Das Konzept dahinter beschreibt Krall auf der Website: «Gold schützt vor dem heimlichen Raub durch Inflation. Wer Gold kauft, misstraut daher dem staatlichen Geld.»

Papiergeld ist für Krall eine «Quasi-Enteignung». Das sagt er in einem Interview mit Daniel Model, einem libertären Unternehmer, der in Müllheim im Thurgau einen Fantasie-Staat ausgerufen hat. Im Gold sieht Krall die Basis einer ökonomischen Revolution. Mit seinem Unternehmen verkauft er Anteile an Barren, die er in Zürich lagert. Diese Anteile verbrieft er in einem Gold-Konto, für das man laut Krall eine Debit-Karte erhält, mit der man Zahlungen zum aktuellen Goldkurs tätigen kann.

Ein diffuses Geschäftsmodell, das Krall auf seinem Youtube-Kanal fleissig bewirbt. Gemeinsam mit seinem Schwager Christian Bubeck kommentiert er dort beinahe täglich das politische Geschehen in Deutschland. Es wirkt, als schüre er bei seinen 170 000 Follower:innen bewusst die Angst, dass Deutschland vor dem Zusammenbruch stehe, um sie zum Goldkauf bei seinem Unternehmen in der Schweiz zu motivieren. 

Wieso er «GoldRevolution» im Sommer 2024 ausgerechnet ins Schaffhauser Handelsregister eintrug, darüber will Krall der AZ keine Auskunft geben. Auch alle weiteren Fragen bleiben ohne Antwort.

Das Netzwerk

Im Juni 2025 verlegt Krall den Sitz seines Unternehmens ins steuergünstige Cham. Doch in Schaffhausen tritt er weiterhin in Erscheinung. Bei der Diskussionsrunde «alphaTrio», die alle drei Monate an vorab geheimen Orten im Kanton stattfindet, ist Krall Dauergast. 

Etwa im Juli 2026. Vor dem exklusiven Abendessen für Premium-Gäste in der Villa Sommerlust sitzt er auf einer Bühne neben dem AfD-Bundestagsabgeordneten Peter Boehringer, dem ein Ruf als rechter Verschwörungstheoretiker vorauseilt. Das Gespräch dreht sich um Finanz- und Geopolitik, Deutschlands vermeintlichen Abstieg und natürlich auch den boomenden Goldhandel. Ein Ticket gab es ab 149 Euro. Dahinter steht die seit 2019 in Schaffhausen gemeldete «World of Value AG». Auch sie hat einen umtriebigen Youtube-Kanal. Manche Videos haben eine halbe Million Views.

Markus Kralls Gesicht taucht oft auf in diesen Videos. Zwar schreibt «World of Value» auf Anfrage der AZ, dass er nicht zum Unternehmen gehöre. Doch es scheint, als ob er das Aushängeschild der Plattform sei, die sich als «Netzwerk» versteht. Auf seiner Website listet «World of Value» weitere Personen aus diesem Netzwerk auf. Darunter sind mehrere Exponenten, die mit rechtslibertären, AfD-nahen oder verschwörungsideologischen Aussagen auffallen oder mit Edelmetallhandel zu tun haben, wie etwa eine Recherche des Berliner Informationsportals rbb24 aufzeigte.

Der Mann, der hinter dem Unternehmen steht, heisst Michael Uhlemann. In der Öffentlichkeit gibt er sich bedeckt. Doch er ist kein Unbekannter.

Die Homm-Connection

Montagvormittag im städtischen Wohnquartier Niklausen. Eine Katze schlendert zwischen Vorgärten und Arbeiterhäuschen durch eine ruhige Nebenstrasse. In einem braunen Wohnhaus mit mehreren Mietparteien sind im obersten Stock vier Firmen gemeldet. An allen ist Michael Uhlemann beteiligt, entweder als Präsident, Geschäftsführer oder Verwaltungsrat. Auf das Klingeln reagiert niemand, auf die per Mail gestellten Fragen der AZ will Uhlemann nicht antworten. 

In einer Google-Rezension zu einem der Unternehmen – es bietet Beratungen an – warnt ein Nutzer: «Ich empfehle jedem, der eine Beratung etc. in Anspruch nehmen will, sich genau zu informieren, welche Personen hier tätig sind und was sie genau für eine Historie aufweisen, dann beantwortet sich einiges.»  

Worauf der Nutzer wohl anspielt: Die Verbindung zu Florian Homm, dem zwischen 2007 und 2013 untergetauchten deutschen «Skandal-Investor» (Welt). 2025 wurde Homm in Abwesenheit vom Bundesstrafgericht in Bellinzona zu sechs Jahren und sieben Monaten Haft wegen gewerbsmässigem Betrug, schwerer Geldwäscherei und Urkundenfälschung verurteilt.

Montage: David Schelker

Homm war einst bei Uhlemanns Beratungsfirma angestellt. Die Süddeutsche Zeitung  (SZ) schreibt, dass diese im Jahr 2017 auch Beratungsleistungen an Wirecard verkaufte: Das Unternehmen, das 2020 in einen der grössten Betrugsfälle der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland verwickelt war. Geschäftsführer war damals Uhlemann, «doch der machte in einer Mail schnell klar: ‹1. Ansprechpartner = Florian Homm›», so die SZ. Auch bei Uhlemanns Event-Unternehmen «World of Value» tauchte Homm bis 2020 prominent auf Veranstaltungen auf. Inzwischen ist das Verhältnis laut Recherchen der SZ jedoch «nachhaltig zerrüttet».

Anders Markus Krall; er tritt bis heute regelmässig mit Homm auf. Meist geht es um Szenarien des Zusammenbruchs und wie sich Anleger dabei verhalten sollen. Oft lässt Homm, der bei einer Einreise in die Schweiz verhaftet würde, Krall per Video auf seinen Youtube-Kanal zuschalten.

Wieso gerade Schaffhausen zu einem Knotenpunkt im Netzwerk rechtslibertärer deutscher Akteure wie Krall und Uhlemann geworden ist, dazu lassen sich nur Vermutungen anstellen. Wohl bieten die geographische Nähe zum politischen Bezugspunkt Deutschland und die steuerlich günstigen Bedingungen im Edelmetallhandel in der Schweiz für sie attraktive Voraussetzungen. 

Krall indessen wurde vor ein paar Jahren mutmasslich für einen hohen Posten in Deutschland in Betracht gezogen. Laut einer Recherche der Zeit wollten damals Teile der Reichsbürger-Gruppe rund um Heinrich XIII. Prinz Reuss Krall als Wirtschafts- und Finanzminister für ein Schattenkabinett gewinnen, das nach einem Putsch die Regierung übernehmen sollte. Das Vorhaben blieb erfolglos, laut der Zeit soll der Kontakt nach einem Abendessen in Frankfurt abgebrochen sein. Prinz Reuss und einer seiner Vertrauten seien zum Schluss gekommen, dass Krall verrückt sei.

Der wiederum sagt gegenüber Inside Paradeplatz: «Reichsbürgertum ist ja im Grunde genommen die Sehnsucht nach einem starken, autoritären Staat. Reichsbürger haben ihre Meinung. Ich habe eine andere.» 

Heisst: Für eine Monarchie ist Krall zu libertär.