Wo der Igel pfeift

10. Juli 2026, Sharon Saameli
Fotos: David Schelker

Als die «Aufstände der Allmende» auf Schweizer Boden gegen die Beringer Datencenter campieren wollten, ging die Polizei dazwischen. Jetzt sind sie in Deutschland. Was haben sie dort erreicht?

Im kleinsten Dachstock des Städtchens Tengen lässt sich die Luft an diesem Samstag kneten. Um die 30 vorwiegend junge, politisch denkende Menschen haben sich in ihn hineingezwängt, um zu diskutieren. Thema sind die Kobalt-Minen in der Demokratischen Republik Kongo. Aber die Diskussion wird schnell grundsätzlich: Liesse sich künstliche Intelligenz auch für gute Zwecke einsetzen? Angenommen, sie würde nicht unweigerlich die mächtigsten Egomanen dieser Welt noch reicher machen?

Irgendwann ist die Luft draussen.

«Die Forschung nutzt KI, um Krebs zu erkennen. Die Trefferquote ist sogar höher als bei Fachärzt:innen!»

«Ja, aber in unserem System heisst das auch nur, dass am Personal gespart werden wird.»

«Und trainierte Tauben sind in der Krebserkennung übrigens genauso zuverlässig!»

Zeit fürs Abendessen. Die «Aufstände der Allmende» (AdA) planen keine Revolution auf leere Mägen.

Das «Widerstands-Camp», das die Organisator:innen hier aufgebaut haben, hätte in der Nähe von Beringen stattfinden sollen. Monate im Voraus hatte das Kollektiv seinen Kampf gegen das Datencenter, das dort gebaut wird, angekündigt und kritisiert, wie viel Trinkwasser und Strom es dereinst benötigen wird. Aktionen auf der Baustelle hatte es nicht ausgeschlossen.

Aber dann kam das Gesetz dazwischen, und mit ihm die Drohnen und Polizeihunde.

Graubereiche – beiderseits?

Während die Sonne am frühen Donnerstagmorgen letzter Woche die Nebelreste der Nacht vertreibt, richten die Aktivist:innen auf einem Feld im zürcherischen Benken ihre Zelte auf. Das Landstück gehört einem «solidarischen Bauern», werden sie der Presse erzählen; dieser kommt persönlich vorbei. Gegen halb elf Uhr informieren die AdA die Gemeinde, dann aktivieren sie ihre Follower:innen in den sozialen Medien: «Komm gerne vorbei!»

Die Kantonspolizei Zürich sieht das anders. Am frühen Nachmittag fährt sie mit Dutzenden Beamten sowie mit Hunden und Überwachungsdrohnen auf, kesselt die Aktivist:innen ein und nimmt Personalien auf. «Um zu zeigen, dass wir ready sind.» So begründet ein Polizist das Aufgebot laut einer Aktivistin.

Am Abend telefoniere ich mit einem Mediensprecher der Polizei. «Solche Camps benötigen immer auch die Bewilligung der Gemeinde», erklärt er mir. «Das ist, wie wenn Fahrende mit Wohnwagen kommen: Auch wenn sie eine Bewilligung des Grundbesitzers haben, benötigen sie Infrastruktur, zum Beispiel Wasser und Toiletten. Wenn Fäkalien ins Erdreich gelangen, haben wir ein Umweltschutzproblem.»

«Wir hatten ein Umweltschutzkonzept», entgegnet Sara, die für die AdA als Mediensprecherin fungiert, «übrigens ganz im Gegensatz zum Datencenter in Beringen.» Dass die Polizei den Aufbau lokaler Strukturen mit allen Mitteln zu verhindern versuche, finden die Aktivist:innen bedenklich. Ihr sei klar gewesen, dass sich das Camp in einem legalen Graubereich bewege, sagt Sara. «Das tat die Polizei aber genauso: Sie hat unser Camp räumen lassen, ohne eine Verfügung der Gemeinde vorweisen zu können.» Ob das stimmt, kommentiert die Kantonspolizei nicht. Am Montag haben drei Kantonsräte eine Anfrage zur Räumung des Camps eingereicht. Sie stellen darin auch die Frage der Verhältnismässigkeit.

Fotos: David Schelker

Kurzzeitig finden die «Aufstände der Allmende» am Freitag Unterschlupf in der Garage in der Stadt Schaffhausen. Während sich rundherum die Schaffhauser:innen mit Weisswein und Käsewürfeln auf die Sommerferien einstimmen, hören im Reb-leutgang ein paar Dutzend Interessierte einen Input zu einer geplanten Lithium-Mine im Norden Portugals. Die Mine würde dereinst 400 Mal so gross werden wie der Herrenacker, sagt der junge Referent etwas nervös, und das Lithium würde Batterien von 20 Millionen Elektroautos versorgen. Doch die lokale Bevölkerung wehre sich: Sie stellen ihre Traktoren in den Weg, führen Demos durch, besetzen Häuser.

Zur gleichen Zeit zeigen die Aktivist:innen in Beringen, woraus sie gemacht sind. Die Gesichter hinter Masken und Alufolie versteckt, stellen sie sich zwischen die Kameras der nationalen Medien und die Baustelle des Datencenters. Auch diese Pressekonferenz ist polizeilich begleitet.

Davon steht am nächsten Tag in den Artikeln und Sendungen nichts – dafür sind das Beringer Datencenter und sein enormer Durst jetzt schweizweit bekannt. Skepsis begegnet der AdA nur in Bezug auf ihre mögliche Gewaltbereitschaft, und Fragen dazu beantworten sie ausweichend: Man schätze eine Vielfalt der Strategien, wie sie die Anti-AKW-Bewegung schon an den Tag gelegt hat. Der Wortlaut ist dagegen deutlich: «Für eine digitale Infrastruktur, die der Bevölkerung tatsächlich zugutekommt, müssen Big Tech und die kapitalistische Produktionsweise, die Big Tech hervorgebracht hat, zerschlagen werden», sagt ein Sprecher, der sich als Laurent vorstellt.

Dabei passen weder Kampfrhetorik noch die Aussicht auf Vandalismus zu dem, was ich tags darauf in Tengen vorfinde.

«Repressive Harmonie»

Neben der «Lebensgemeinschaft für nachhaltige Entwicklung» haben die Aktivist:innen am Freitagabend ihre Zelte wieder aufgeschlagen. Ein Wegweiser zeigt, wo das Awareness-Zelt ist und wo das mobile WC; auf dem Büchertisch liegen Broschüren zum Kiesabbau im Altdorfer Wald und zu einem Geothermiekraftwerk im jurassischen Haute-Sorne, ein Schild am Wasserspender ruft dazu auf, Techoligarchen den Hahn abzudrehen.

Man achtet aufeinander. Die meisten stellen sich nicht nur mit Deckname vor, sondern auch mit ihren Pronomen. Die Inputs, Beiträge und Diskussionen werden simultan übersetzt, es sind regelmässige Pausen eingeplant, um niemanden zu überfordern. Und zwischendurch hält jemand einen sprenkelnden Wasserschlauch in die Luft. Die fröhliche Stimmung hilft wohl auch, die Übermacht der global vernetzten Tech-Infrastruktur überhaupt auszuhalten. Die Aktivist:innen sehen sich im «heart of the beast», im Herzen des Monsters also. Beispiele dafür sehen sie unzählige, das Datencenter in Beringen ist nur eines davon. Ein anderes: Die Schweizerische Nationalbank hat schon über elf Milliarden Dollar in das Unternehmen Nvidia investiert. Nvidia ist Marktführerin in KI-Computing – und hat ihre zweitwichtigste Forschungsstätte in Israel. Sticker auf Trinkflaschen, Zeichnungen und die Bücher in den Händen der Aktivist:innen: Sie erzählen von Solidarität mit Palästina.

Die Polizei sieht auch hier in Tengen nach dem Rechten, einmal täglich mindestens, manchmal öfters. Als ich vor Ort bin, kommt mir einmal eine Aktivistin entgegen und ruft in die Menge: «Die Polizei kommt kurz, aber es ist chillig.» Der Bürgermeister hat in Aussicht gestellt, nicht einzuschreiten, solange die Gruppe unauffällig bleibe.

Der neue Standort hat aber zweifellos Nachteile. Neuankömmlinge werden tröpfchenweise am Bahnhof Thayngen mit dem Auto abgeholt. Die Vernetzung mit der Schaffhauser Bevölkerung ist schwierig, und überhaupt muss sich die Region jetzt nicht mehr mit dem Versuch der AdA auseinandersetzen, eine Debatte über Sinn und Unsinn von KI zu starten. Im Gespräch mit einem jungen Menschen mit Ohrringen und fröhlicher Stimme lerne ich ein Wort, das diesen Zustand einfängt: repressive Harmonie. Der Frieden ist nur ein scheinbarer, und er ist Resultat von Ausgrenzung der dissidenten Stimmen. «Das haben wir ja gesehen: Unser Protest wird in der Schweiz unterdrückt.»

Ich kehre am Dienstag zum Camp zurück. Die Anspannung der ersten Tage ist fast schon demonstrativer Gemächlichkeit gewichen. Auf dem Programm stünden zwei Inputs. Die Podiumsdiskussion zu KI im Kontext globaler Kriegsmaschinerie – man hätte zum Beispiel lernen können, dass Daten aus dem Sommerhit 2016 «Pokémon Go» mutmasslich eine KI für Kriegsdrohnen trainiert haben – ist abgesagt. Der zweite Programmpunkt, ein Skill-Sharing zu direkter Aktion, startet mit einer halben Stunde Verspätung. Jemand spielt im Schneidersitz Gitarre. Es riecht nach Sonnencreme.

Dem Beringer Gemeindepräsidenten Roger Paillard trieb die Aussicht aufs Camp tatsächlich Sorgenfalten auf die Stirn. Dass er sich geweigert habe, dem Camp eine Bewilligung im Dorf auszustellen, stimme jedoch nicht. «Gerade in einer Demokratie müssen auch kritische Stimmen Platz haben, das ist unheimlich wichtig», hält er gegenüber der AZ fest. Doch ein mehrtägiges Camp von bis zu 200 Leuten nahe des Wohngebiets sei eine Nummer zu gross gewesen. «Zudem haben die Organisator:innen mit dem Parkplatz der Badi, den Fussballfeldern und der Schulhauswiese drei Standorte vorgeschlagen, die anderweitig genutzt werden», sagt Paillard. Eine zeitlich beschränkte Protestveranstaltung hätte man bewilligt. Ein solches Gesuch sei nicht eingegangen.

In Tengen haben die Aktivist:innen ein Anschlagbrett gebastelt, auf dem man der KI Fragen stellen kann; beantworten tut sie dann aber ein anonymer Mensch. Jemand hat gefragt, was der Sinn des Lebens sei. Auf das Antwortzettelchen hat der Mensch einen Igel gezeichnet. Liedchen pfeifend liegt er unter einem Baum.

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