Seit vierzig Jahren kocht und wirtet Heike Möckli im Frohsinn. Besuch bei einer lebenden Legende.
Thomas Hauser betritt den Frohsinn. «Ah, ein prominenter Stammgast», begrüssen wir den ehemaligen Stadtparlamentarier. Da könne er ja glatt Eintritt verlangen, erwidert der FDP-Mann, während er sich an den grossen, runden Beizentisch setzt. Der parteilose Pensionär Dieter Toluzzi neigt sich zu ihm rüber und reibt den Daumen über Zeige- und Mittelfinger: «Immer goohts um de Zapfe, gell?». Toluzzi sei ein Plauderi, winkt Hauser ab.
Früher Donnerstagabend in der Quartierbeiz in Buchthalen, Stadt Schaffhausen. Der Stammtisch füllt sich, der Aschenbecher tuts noch schneller. Die obligate Jassrunde hockt ebenfalls da, zwei Mann schauen ihnen zu. In der Mitte von allem: Heike Möckli. Die Wirtin mit den blondierten Haaren schwirrt herum, richtet in der Küche die vorbestellten Wurst-Käse-Salate und die Cordon Bleus, rotiert dann zurück in die Gaststube, wo sie immer wieder mit grossem Hallo begrüsst wird. Sie raucht eine Zigarette, reisst ein Witzchen, trinkt ein Gläschen. Wenn die Gäste etwas erzählen, staunt sie gern, oft ein wenig atemlos, doch wirklich überraschen kann sie nichts. Heike hat so eine Art, man will ihr einfach gefallen. Sie ist der Magnet, der den Abend zusammenhält. Ja, für manchen hält sie die ganze Woche zusammen. Und natürlich das Quartier.
Seit 40 Jahren führt Heike Möckli den Frohsinn, kocht und schenkt zugleich aus. Sie selbst wird in wenigen Tagen 70. Du bist ja eine Legende, Heike, sagen wir. «Eine lebende, zum Glück», entgegnet sie und macht schockiert grosse Augen, lacht dann schallend – wie so oft, wenn ihr ein Spruch gelingt. Sie verschwindet zurück in die Küche, in der bestimmt 40 Grad herrschen.
Wir wundern uns über diese Wirtin, die es nicht einfach hat im Leben. Und über diesen Ort, der uns das grassierende Beizensterben schmerzlich bewusst macht. Denn im Frohsinn zeigt sich, was es zu verlieren gibt.
Wenn Handwerker Servietten falten
Am Stammtisch trinken sie bei der Sommerhitze «Söseli», so sagen sie hier: Schaffhauser Rotwein, gestreckt mit stillem Wasser. Wir lehnen erst dankend ab, überlegen es uns anders. «Was ist das für ein Charakter, den man nicht überreden kann?», meint ein Gast in slawischem Akzent lobend und schenkt uns ein.
Früher gab es in Buchthalen noch fünf Beizen. Sonntagmorgens zog man von einer zur anderen, nahm mal eine Stange, mal einen Kaffee. Heute ist der Frohsinn die einzige Wirtschaft, die es im Quartier noch gibt. Manche Arbeiter und Pensionierte kommen jeden Werktag zu Kaffee und Znüni. Wegen Heikes Brötchen, sagen sie. Stammgast Dieter Toluzzi indessen ist auch am Samstagmorgen da, wenn nicht offen ist, er hat einen Schlüssel. An den Abenden – geöffnet ist mittwochs und donnerstags – kommen Vereine und andere Gäste, und das längst nicht nur aus der Umgebung. Viele kennen Heike schon lange und sind irgendwann hier hängen geblieben. Heike weiss wieso: «Ich sah mal hübsch aus».
Zeit für den Znacht. Die Jasser setzen sich ins hintere Eck und schaufeln ihren Wurst-Käse-Salat in sich hinein. Dieter Toluzzi erhebt sich vom Stammtisch. Er müsse jetzt nach Hause, Nasi Goreng kochen. «Wie betont man das eigentlich richtig, Nasi Goreng?», fragt Thomas Hauser.
«So, wie ich es gesagt habe», antwortet Toluzzi.
Da kommt dem Hauser ein Witz in den Sinn, ein wahrer noch. Helmuth Kohl und Mitterand seien einmal zusammen im Flugzeug gesessen. «Sie gerieten in Turbulenzen, meinten abzustürzen. Als sie dann doch wohlbehalten unten ankamen, sagte Kohl, man habe im Sinkflug noch Dutzis gemacht. Mitterand habe gesagt: Nous sommes per Dü.»
Ogi sei das gewesen, nicht Kohl, ruft ein anderer.


Wie der Abend im Frohsinn fröhlicher wird, beobachten wir Ungewöhnliches: Viele der Gäste marschieren wie selbstverständlich hinters Buffet und bewirten sich selbst. Ein ehemaliger Bauunternehmer sitzt draussen im Garten und faltet Servietten. «Das ist sein Job alle zwei Wochen», sagt dessen 16-jähriger Sohn, der Heike von kleinauf kennt und ebenfalls wöchentlich hier ist. Auch in der Küche kann die Frohsinn-Wirtin auf eine treue Helferin zählen, die nach dem langen Arbeitstag aus Zürich nach Hause fährt, um mit ihr Gemüse zu rüsten, zu brutzeln und abzuwaschen. Alles freiwillig. Erstaunlich.
Die Blick-Affäre
Montagmorgen, 10 Uhr. Wir kehren zurück in den Frohsinn, auch wegen der sagenumwobenen Brötchen. Stammgast Dieter Toluzzi hat seinen Kaffee bereits ausgetrunken. Als er sich verabschiedet, nimmt er wie jeden Tag den Blick mit nach Hause – auch wenns heute noch etwas früh dafür ist. Der Gipsermeister, der ihn auch lesen will, war schliesslich noch nicht da. Prompt kommt jener wenig später dann doch in den Znüni. «Also, jetzt hole ich den Blick zurück», sagt die Wirtin und schreitet davon, um das Boulevard-Blatt bei Toluzzi einzutreiben.
Heike Möckli und der Frohsinn, das war Liebe auf den ersten Blick. Als junge Frau, sie war in Etzwilen aufgewachsen, hatte sie sich bei einem Besuch in die Quartierbeiz verguckt. Diese und keine andere musste es sein. Es klappte aber nicht sofort. Die gelernte Landschaftsgärtnerin lebte in ihren 20ern nämlich in Amerika. Aufgeschlossen wie sie war, lernte sie dort viele Leute kennen, schipperte auch mal ein halbes Jahr auf einem Segelschiff entlang der costaricanischen Küste und von einem Jöbchen zum nächsten. Sie kam nur ab und zu nach Hause. Nach der Begegnung mit dem Frohsinn schrieb sie immer wieder an dessen Besitzer, ob die Beiz nicht zu haben wäre.1986 bekam sie schliesslich ein Ja. Gerade hatte sie sich auch als Stewardess bei der Lufthansa beworben. Doch sie entschied sich für die Schweizer Quartierbeiz. Sie brachte das Club Sandwich aus Amerika mit in die Heimat, das es noch heute im Frohsinn gibt, und wie sie sagt, nicht mehr als fünf Franken Erspartes. Sechs Jahre danach habe sie alleine durch das Beizern den Frohsinn kaufen können.
Der Zusammenbruch
Die Znüni-Brötli an diesem Montagmorgen sind geschmiert (mit viel Mayonnaise), gegessen und in der Tat legendär. Heike lädt zur Pause an ihr Tischchen draussen im Hof hinter der Küche. «Es war nicht immer nur alles himmelhochjauchzend», sagt sie. Nach ihrer Rückkehr nach Schaffhausen hatte sie nicht bloss eine Beiz, sondern etwas später auch zwei Kinder mit ihrem damaligen Mann. Sie sorgte bald alleine für sie. Ihre Tochter Laura lebt mit einer kognitiven Beeinträchtigung und wohnt auch heute noch zusammen mit Heike in der Wirtswohnung im Frohsinn. Tagsüber arbeitet sie im diheiplus, in der Freizeit ist sie viel mit ihrer Mutter auf Achse. «Wir gehen an Konzerte, in den Europa-Park, wir haben verschiedene Saisonkarten oder den KiK-Pass für die Kammgarn», erzählt Heike. «Langsam fällt es mir etwas schwerer, so viel unterwegs zu sein, aber im Nachhinein sage ich mir immer, Gott sei Dank hat mich meine Tochter motiviert, etwas Tolles zu unternehmen.» Und sie fügt an: «Ich weiss nicht mehr, wie ich das immer alles geschafft habe, Beizern und die Kinder. Aber irgendwie geht es, du kannst alles schaffen.»
Oder man hat einen Zusammenbruch, entgegnen wir.
«Den hatte ich auch, 2013», sagt Heike. «Ich hatte damals viele Gäste mit Beziehungsproblemen, die sie in der Beiz austrugen. Das kannst du jahrelang verarbeiten, bis du selbst einmal geschwächt bist. Dann reisst es plötzlich ein.» Sie ging nach Aadorf in die Klinik. «Aber man gab mir Ratschläge, die konnte ich gar nicht umsetzen. Ich konnte als Wirtin nicht mein Pensum reduzieren. Und meine Tochter wollte ich auch nicht in eine Institution geben. So ging ich nach einer Woche nach Hause, mit Medikamenten.»
Solidarwirtschaft
Heike hielt durch, wie immer. Die Existenzängste wurden mit der Zeit geringer, und sie selbst nehme das Beizern deshalb heute etwas lockerer, sagt sie. Der Grund dafür, dass es den Frohsinn noch gebe, sei klar: Ihre Beiz ist ein Einfraubetrieb. Sie hatte kaum je Festangestellte. Das funktioniert heute nur noch, weil die Gäste auch mal geduldig warten und mit aushelfen. «Sie merken, dass ich langsamer bin und manchmal etwas am Anschlag.»
Auf einem Veranstaltungsbrett ist ein Open-Air-Kino draussen angekündigt, auch Mittagstische für Familien mit Kindern gibt es im Frohsinn regelmässig. All das organisieren die Buchthaler Frauen, einige von ihnen junge Mütter. Sie wollen Heike unterstützen. Und sie wollen nicht, dass ihre Quartierbeiz verschwindet. So tragen die Stammgäste das Geschirr nach dem Essen eben selbst zurück in die Küche. Oder sie bringen den Teller mit dem Menü, das Heike regelmässig für einen Nachbarn kocht, kurz bei diesem zu Hause vorbei.
In Zeiten der politischen Rücksichtslosigkeit, in denen die grundsätzliche Einigung auf ein Zusammenleben bröckelt, in Zeiten, in denen also die Beizen sterben, trotzt der Frohsinn der Gleichgültigkeit: Es ist ein Ort, wo einem der oder die andere noch nicht egal ist. Und der deshalb lebt. Heike Möckli denkt jedenfalls auch mit 70 nicht ans Aufhören.
Am Samstag, 4. Juli, steigt ein Fest zu Heikes Wirtinnen-Jubiläum – und ihrem Geburtstag. Ab 18 Uhr.
