Die Stadt und ihre Türme

18. Juni 2026, AZ-Redaktion
Fotos: Robin Kohler
Fotos: Robin Kohler

Seit zwei Jahren ragen die Rhytech-Hochhäuser in den Neuhauser Himmel. Geplant war ein Stück Stadt. Aber ist es auch eines geworden?

von Simon Muster und Sharon Saameli

Freitagnachmittag im Rivi Skyfall, 80 Meter über Neuhausen. Auf unserer Augenhöhe gleitet ein Mäusebussard durch die Lüfte. Schauen wir zusammen mit ihm auf Neuhausen hinunter: Er beobachtet eine Gruppe klitzekleiner Menschen, die ums Rheinfallbecken flanieren. Links fallen ihm zwei grosse, rot-weisse Stofffetzen auf, die auf hohen Fabrikhallen wehen. Er segelt weiter, über Riegel- und Wohnhäuser, über gesichtslose Einkaufszentren und Imbissbuden. 

Was sieht dieser Mäusebussard: ein Dorf oder eine Stadt?

Geht es nach dem Gemeinderat, ist Neuhausen bereit für die Ära Stadt. Anfangs dieser Woche lancierte er eine neue Image-Kampagne: «Von Natur aus urban». Die Kampagnenplakate zeigen junge Menschen hinter Laptops, auf hippen Gravel Bikes oder mit Ping-Pong-Schlägern in den Händen. Neuhausen: nicht länger der Vorort, ja das «Ghetto» von Schaffhausen, sondern jung, verspielt und eigenständig.

Als Marker für diese Entwicklung vom Dorf zur Stadt stehen die beiden Rhytech-Hochhäuser. Seit zwei Jahren ragen sie nun in den Neuhauser Himmel, als Herzstück der «Rhyfall Village», welche die Eigentümerin, die nationale Immobilienriesin Halter AG, als lebendiges Quartier aufs Papier zeichnete. Ihre Pläne auf dem Rhytech-Areal lösten dazumal massiven Protest aus: gegen «vertikale Slums», gegen den Schattenwurf ins Dorf, gegen die «Verschandelung» des Rheinfallufers (nachzulesen zum Beispiel in der AZ vom 15. Februar 2018).

Wie steht Neuhausen heute zu diesen Türmen? Und was machen die Türme mit Neuhausen – reichen sie, um das Kaff Stadt nennen zu können?

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Im Rivi Skyfall sitzt uns ein gut gelaunter Felix Tenger gegenüber, vor ihm ein Espressotässchen. Der 61-Jährige ist seit Anfang 2021 Gemeindepräsident von Neuhausen und schaffte 2024 die Wiederwahl. Am Abend vor unserem Treffen hat er seinem Parlament eine goldene Jahresrechnung präsentieren können: Das Steuereinkommen und das Nettovermögen pro Einwohner:in zeigen steil nach oben. Das liege auch an jenen, die ins Rhytech gezogen sind und ins SIG-Areal, erzählt Tenger. Rund ein Drittel der Rhytech-Bewohner:innen sei von auswärts zugezogen, vor allem aus Zürich – der Rest stamme aus Neuhausen und dem Kanton Schaffhausen. «Das Publikum ist sehr gemischt», erzählt uns Tenger, «Unsere Erwartungen an den Bevölkerungsmix haben sich erfüllt.» Seiner Meinung nach ist das Projekt Rhytech also gelungen. Auch die Türme selbst hätten sich nach einer Eingewöhnungszeit harmonisch in die Umgebung eingefügt. «Die Skyline ist zum neuen Kennzeichen von Neuhausen geworden.»

Die ersten Akzente dieser Skyline gehen auf die Boomjahre der Nachkriegszeit zurück. Das Öl war billig, der Wirtschaft lief es himmlisch, und die Bevölkerung wuchs innert zwanzig Jahren um ein Viertel an. Als Ausdruck dieser Potenz baute man in die Höhe. Das erste Hochhaus von Neuhausen war 1965 bezugsbereit, weitere folgten (mehr dazu in der AZ vom 4. Mai 2023). Doch der wirtschaftliche Abschwung der 1980er-Jahren dämpfte auch die Fortschrittseuphorie: Die Baukolosse begannen wie Fremdkörper zu wirken, die man sich ins eigene, heimelige Dorf geklotzt hatte. Die Bauten standen in der breiten Bevölkerung fortan für soziale Kälte und Vereinzelung. Das schreibt die auf Wohnfragen spezialisierte Sozialwissenschaftlerin Evelin Althaus in einem Aufsatz zum Phänomen Hochhaus: «Von ‹Betonbunkern› oder gar von ‹Ghettos› ist die Rede, meistens jedoch, ohne das Leben vor Ort wirklich zu kennen.» 

Anfang der 2010er-Jahre läutete der Neuhauser Gemeinderat den zweiten Hochhaus-Boom im Kaff ein. Mit Betonbunkern sollte das nichts zu tun haben, sondern mondän wirken. Dahinter stand einerseits die Idee der Verdichtung, denn Neuhausen fehlte das Bauland. Genauso aber wollte der Gemeinderat mehr steuerkräftige Personen anlocken. 

Wie Felix Tengers goldene Zahlen zeigen, ist das gelungen. Doch ist mit dem Geld auch Leben im Rhytech eingekehrt?

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Kurz vor Mittag steigen wir an diesem Montag aus dem Zug beim badischen Bahnhof in Neuhausen. Das stattliche Bahnhofsgebäude, 1863 vom Schaffhauser Intelligenzblatt zur «schönsten Station der Welt» gekürt, geht im Schatten der Rhytechtürme unter. Der neue Spielplatz, eher unkonventionell direkt am Bahngleis, ist leer. 

Auf dem Rhytech-Areal ist es ruhig, aber nicht ausgestorben. Die wenigen Kinder, die schon von der Schule zurück sind, tummeln sich vor dem Denner. Im Schatten der jungen Bäume und in der Lounge eines Cafés vertilgen vereinzelte Arbeiter schweigsam Pitas mit Ćevapčići und Ajvar. Urban wie wir sind, isst die Hälfte des Reporterteams aber vegan. Der Tibeter, den wir deswegen für unser Mittagessen besuchen wollten, ist heute geschlossen, das geht auf unsere Kappe. Das Bistro gegenüber ist zwar modern eingerichtet, aber auch zu, schon seit Oktober. Auch weitere Ladenflächen stehen leer. Noch Ende Jahr sagten die Betreiber des Areals gegenüber den SN, es mangle nicht an Interessenten, aber man sei «bei der Auswahl der Mieterschaft wählerisch». Die Angebote müssten zum Tourismus-Konzept passen, «ein Chocolatier wäre für uns zum Beispiel interessant.» Offenbar hat sich noch kein Chocolatier gemeldet. Auf den Schaufenstern im Rhytech versprechen derweil farbige Schriftzüge, was hier einst alles aufgehen soll – oder hätte aufgehen können: ein Optiker, eine Hörberatung, ein Deko-Shop. Scannt man den QR-Code, um mehr zu erfahren, folgt eine Fehlermeldung. 

Wir kaufen einen Kaugummi im Kiosk und fragen die Verkäuferin, ob es immer so ruhig sei. Sie sei nun seit ein paar Monaten hier und der Laden sei sehr schön, aber es fehle an Kunden, berichtet sie. Es brauche wohl noch mehr Werbung, bis das Areal zum Leben erwacht. «Wir haben jetzt auch am Sonntag offen, vielleicht hilft das etwas.» Das Sushi vom Tibeter könne sie uns aber sehr empfehlen. 

Mit der Bodennutzung hapert es also in der Neuhauser Metropolis noch. Und in der Höhe? Wir fragen bei der Halter AG nach, wie viele der 96 Eigentumswohnungen und 116 Mietwohnungen belegt sind, hören aber von der PR-Abteilung nichts. Also müssen wir undercover recherchieren. Hinter einem Jogger drücken wir uns in den Westturm, jenen mit den Mietwohnungen. Sie kosten zwischen 1325 Franken (1,5 Zimmer im 10. Stock) und «Preis auf Anfrage» («Exklusive Panorama-Residenz» mit 5,5 Zimmern im 23. Stock). Wir fahren mit dem Lift ganz nach oben, in den 24. Stock. Den Blick aufs Panorama versperren Sichtbeton und Eichenholztüren. In den oberen Stockwerken ist noch eine Handvoll Wohnungen frei, in den unteren, den günstigen, sind alle vergeben.

Und bei den Eigentumswohnungen? Im Haus im Osten sind auf dem Bildschirm, der als Klingelschild fungiert, drei Wohnungen als Leerstand verzeichnet. Zwei Firmen vermieten möblierte Wohnungen. Eine davon, «mydiHei», richtet sich primär an Expats, und vermietet in der Regel für mehrere Monate, wie wir auf der Website lesen. Offenbar ist das Interesse aber noch nicht so gross. Die CEO des Unternehmens schreibt uns, dass die Nachfrage von Expats in Neuhausen «derzeit noch nicht ausreichend» sei. Aktuell seien die Studios zur Hälfte leer. 

Gerüchte, denen zufolge ein guter Teil der Eigentumswohnungen Zweitwohnungen seien, können wir nicht überprüfen. Eine Erwartung hat sich aber klar nicht erfüllt: In die Rhytech-Türme sind deutlich weniger Familien mit Kindern gezogen als vorgesehen. Die Gemeinde Neuhausen musste deswegen explizit auch schon die Schülerprognose nach unten korrigieren (siehe AZ vom 21. August 2025). 

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Wir verlassen die Rhyfall Village mit einem gemischten Eindruck. Die urbane Wohnlage ist beliebt, aber ein lebendiges Quartier ist oberhalb des Rheinfalls noch nicht entstanden. Wir rufen den GLP-Einwohnerrat Fabian Bolli an. Mit 29 Jahren steht er nicht nur stellvertretend für jene, von denen Neuhausen gerne mehr hätte. Als Einwohnerrat warf er auch immer wieder Ideen ein, wie Neuhausen als Stadt entwickelt werden könnte: mit einer eigenen Rhybadi, einem Schnellzughalt oder dem Beitritt zum Regionalen Naturpark. Gelungen ist der Mentalitätswandel bisher nicht, sagt Bolli. «Ich bin Neuhauser in mindestens dritter Generation. Einige hier sind sehr stolz darauf, noch ein Dorf zu sein», erklärt er. Doch das entspreche schon lange nicht mehr der Realität. Dafür sei das Rhytech-Areal sinnbildlich. «Wir haben eine Stadt gebaut, jetzt müssen wir auch eine Stadt entwickeln.» Dann würde auch im Rhytech-Areal der volle Mehrwert entstehen, den man den Leuten einst versprochen hat.

Wir wollen uns von Bollis Enthusiasmus anstecken lassen. Und zukunftsoptimistisch gesprochen strahlen die Rhytech-Türme durchaus Urbanität aus: In Neuhausen sind noch Dinge möglich, die in der grössten Stadt im Kanton völlig undenkbar wären. Während Schaffhausen jedes Solarpanel verbietet, das man vom Munot aus sehen könnte, sendet Neuhausen über dem wichtigsten Touri-Hotspot der Region, dem Rheinfall, ein Signal aus: We get shit done.

Doch unsere Euphorie wird gedämpft, als wir mit dem nächsten Neuhauser sprechen: Thomas Leuzinger, SP-Einwohnerrat, kaum je um ein kantiges Wort verlegen und jüngst rund um die Burgunwiese wieder aktiver geworden – die Enttäuschung über den Verlust der letzten grossen Freifläche im Zentrum ist bei ihm noch spürbar. Leuzinger findet, die Politik behandle Neuhausen wie ein «adipöses Dorf»: Die Raumplanung strahle entsprechend nicht Kreativität, sondern vielmehr Konzeptlosigkeit aus. «Das ist das Gegenteil von Urbanität. In urbanen Gebieten antizipiert man die Probleme, die Hochhäuser mit sich bringen. Hier hat man einfach gebaut.» Nun habe Neuhausen zwar ein neues Quartier – aber ein privates, bei deren Besitzer man um Erlaubnis fragen müsse, wenn man zum Beispiel eine Standaktion machen oder Unterschriften sammeln will.

2013, als die Rhytech-Pläne auf dem Tisch lagen, freute sich Leuzingers Partei noch über die luftige Gestaltung und die Grünflächen. Heute ist das linke Unbehagen gegenüber Hochhäusern, nunmehr Symbole von Luxus und renditegetriebener Spekulation, nicht mehr zu überhören – im Zürcher Stadtparlament machte die Linke jüngst gar einen Schulterschluss mit der SVP, um das vertikale Bauen zu verhindern. 

Auch gegen die Neuhauser Hochhäuser gab es Widerstand. Noch bis ins Jahr 2019 kämpfte die IG R.O.T. («Rhytech ohne Türme») gegen die Bauten, so lange, bis ihr das Geld ausging. 

Roland Müller, der die Protestgruppe damals in den Medien vertrat, blickt heute jeden Tag von seinem Wohnzimmerfenster auf die beiden Hochhäuser. Als wir ihn für ein Telefongespräch anfragen, schickt er uns ein Foto, das im Winter weit oben in einem der Türme entstanden ist. «Schattenwurf der Tower», schreibt er dazu, «ich wohne im Haus mit den Solarpanels, links vom Schatten. Bald ist es ganz dem Schattenwurf ausgesetzt.»

Er habe sich mit den Hochhäusern abgefunden, sagt Müller, auch wenn die Dominanz so nah am Rheinfall enorm sei. Als die IG damals Einsprache erhob, setzte sich Müller noch für eine vertikale Begrünung ein. «Aber der Profit war wohl wichtiger als die Schaffung von etwas Schönem und Sozialem. Ich halte Verdichtung nicht für falsch. Aber sie muss der Umwelt etwas zurückgeben. Und diese Verdichtung schafft weder einen ökologischen noch einen sozialen Mehrwert für die Neuhauser:innen.» 

Hochhäuser vermitteln schnell einen Eindruck von Stadt: Ihre Dichte, ihre Anonymität und ihre insgesamt grösseren Massstäbe geben ein Gefühl von Bedeutung. Visuell erinnern die Promenaden des Rhytech-Areals an pompöse Kapitalanlagen wie die Zürcher Europaallee – und es hat etwas Befreiendes, wenn eine Gemeinde so starke bauliche Statements setzt. Aber für Urbanität braucht es mehr, als nur in die Höhe zu bauen: Begegnungsorte zum Beispiel, eine lebendige Kulturszene und Orte, in denen Reibung möglich wird. Die Rhytech-Türme allein machen aus Neuhausen noch keine Stadt. Aber sie machen es Neuhausen unmöglich, sich noch als Dorf zu sehen. Und so sind die Befürworter von damals heute wohlwollend und trauen sich kaum, eine Enttäuschung auszudrücken, während die einstigen Gegner sich zwischen Resignation und radikaler Akzeptanz bewegen.

Epilog

Am vergangenen Sonntag stimmte Neuhausen – entgegen dem Engagement des Besitzers der Halter AG – nicht nur gegen den 10-Millionen-Deckel, sondern entschied auch über die Zukunft der letzten unbebauten Fläche im Zentrum, der Burgunwiese. Noch 2022 hatte die Stimmbevölkerung die verpatzte Raumplanung des Gemeinderats, welche viele zweifellos in den Rhytech-Türmen sahen, mit einem wuchtigen Ja zu einem grossen Burgunpark quittiert. Nun, nach jahrelangem Hin und Her, gaben die Neuhauser:innen den Plänen des Gemeinderats trotzdem nach: Auf der Wiese entsteht nicht nur ein Park, sondern auch ein Alterszentrum. 

Die Träume und Freiräume, aber auch die Gräben von damals: Sie scheinen endgültig zu einem neuen Status quo zementiert.