Stephan Kuhn übernimmt das Präsidium der einflussreichen Sturzenegger-Stiftung. Und auch sonst wird die Macht im Museum neu verhandelt.
Vor zwei Wochen verabschiedete sich ein Name aus der Schaffhauser Museumswelt, dessen Klang fest mit ihr verbunden war und der noch lange nachhallen wird: Hortensia von Roda. Er stand für die einflussreiche Sturzenegger-Stiftung. Über 36 Jahre lang wirkte von Roda im Allerheiligen und insbesondere in der Stiftung – als deren Kuratorin, Geschäftsführerin und ab 2018 als Präsidentin. Die facettenreiche Frau mit dem dunkelroten Haar, die der Stifterin nahestand und die stets von Basel anreiste, verströmte dezente Erhabenheit. Nun zieht sie sich «unter anderem wegen der Altersklausel» zurück, bleibt aber Ehrenpräsidentin. Das Zepter übergibt sie an Stephan Kuhn, ein bekanntes Gesicht in Schaffhausen: Der ehemalige Topmanager ist seit zehn Jahren Kunstvereinspräsident und seit 2018 Mitglied im Sturzenegger-Stiftungsrat. Dass er in von Rodas Fussstapfen treten würde, zeichnete sich ab.
Stephan Kuhn hat einen anderen Stil als Hortensia von Roda. Und auch im Museum zu Allerheiligen hat sich einiges verändert: Stadtrat, Museumsdirektorin und Kunstkuratorinnen sind neu. Wie wird die Hoheit über das Gebiet neu verhandelt?
Delikate Ausgangslage
Dazu muss man wissen: Im Museum zu Allerheiligen reden verschiedene Player mit. Einerseits natürlich die Stadt als Besitzerin. Andererseits aber auch weitere Akteure wie die vier Vereine, welche sich für die Abteilungen Archäologie, Kunst, Geschichte und Naturkunde stark machen. Am meisten Einfluss hat jedoch die Sturzenegger-Stiftung. Sie ist dem Museum durch den Willen des Stifterpaars Hans und Claire Sturzenegger seit ihrer Gründung 1987 verpflichtet, kauft bedeutende Kunst als Dauerleihgaben fürs Allerheiligen an und finanziert Projekte. Durch ihr grosszügiges Engagement blüht die Kunst im Museum. Doch das ist nicht unumstritten, zumal es Ressourcen bindet und auf andere Abteilungen weit weniger Glanz fällt. Bereits die Ausgangslage, in welcher sich die Sturzenegger-Stiftung bewegt, ist also einigermassen delikat.
Die Sturzenegger-Stiftung ist diskret in den einstigen Pfarrhäusern des Klosters Allerheiligen beim Kräutergärtchen angesiedelt. Die Eingangstür ist nicht angeschrieben. Doch da fährt auch schon der neue Stiftungspräsident Stephan Kuhn vor, schwingt sich vom Velo und führt uns ins Büro hinauf.
Kuhn war einst Wirtschaftstopshot bei «Ernst & Young», zuletzt leitete er deren Steuer- und Rechtsberater:innen in fast hundert Ländern in Europa, im Nahen Osten, Indien und Afrika. Mit 58 hatte er sich frühpensionieren lassen, um sich anderen Aufgaben zu widmen: Unter anderem sitzt er für Schaffhausen im Axpo-Verwaltungsrat und fand zudem Gefallen an der Kunstförderung. Lukrativ ist das im Gegensatz zu privatwirtschaftlichen Mandaten nicht. «Gemeinnütziges Engagement wie bei der Sturzenegger-Stiftung muss man sich leisten können», sagt Kuhn. «Es geht nicht, dass man als Stiftungsrat jedes Busbillet abrechnen will.»
Der Aufstieg zum ersten Mann in der Sturzenegger-Stiftung bedeutet vielmehr einen Ritterschlag. Es gilt, über hochbedeutende Kunstankäufe zu entscheiden, seinen Rat einzubringen und Stadtgeschichte mitzuschreiben.
Dass diese Ehre Kuhn zuteil wird, erstaunt nicht. Den Kunstverein führte er höchst engagiert, auch als Mitglied der Sturzenegger-Stiftung nahm man ihn in der Öffentlichkeit bald als eine treibende Kraft wahr. Dies vor allem in der Kontroverse um die Machbarkeitsstudie zum Museum 2025, welche die Stiftung mitfinanzierte. Kuhn selbst war durchschlagkräftig aufgetreten («Wer den Klavierspieler bezahlt, darf auch mitbestimmen, was gespielt wird», so entglitt es ihm einmal). Von Alt-Stiftungspräsident Hans Konrad Peyer wurde er frontal angegriffen, gar als Zerstörer des Museums dargestellt. Nachdem einige solcher kritischer Stimmen laut geworden waren, zog der Stadtrat die Bremse.
Reibungen
Rückblickend sagt Kuhn heute, er habe sich hie und da mehr Mut und Entscheidungsfreude von der Politik erhofft. «Aber dafür werden Exekutivpolitiker von ihren Parlamenten nicht belohnt. Ich bin froh, dass ich kein Politiker bin», sagt er nonchalant.
Dabei sind es sehr feine Töne, die Kuhn in seiner neuen Rolle exakt treffen muss. Die autoritäre Zurückhaltung, die Hortensia von Roda verkörperte, ist Programm: Die Stiftung legt grossen Wert darauf, dass sie Geldgeberin und Ermöglicherin sei und nicht den Takt angebe. Doch kann sich einer wie Kuhn, der einst über 19 000 Steuer- und Rechtsexpert:innen dirigierte, diskret zurückhalten?
Kuhn sieht das gelassen. «Ich tue meine Meinung zu sachlichen Problemen kund und sage, worum es mir geht. Aber nochmals: Die Stiftung entscheidet nur darüber, ob sie Geld spricht oder nicht.» Sie wolle keine «Mitbestimmung», sondern lediglich eine «Mitsprache». Ohne Letzteres gehe es nicht: «Die Geldgeberin kann ja nicht einfach Millionen einschiessen, ohne dass man miteinander redet.» Einfluss haben und Bestimmen, das sei nicht dasselbe.
Dass es in seiner Person eine Machtballung gibt, dessen ist sich Kuhn indessen bewusst. Schliesslich präsidiert er mit dem Kunstverein zugleich den mitgliederstärksten museumsnahen Verein, der mit der Sturzenegger-Stiftung am gleichen Strang zieht. Solange Kuhn einfaches Mitglied des Stiftungsrats war, sah er kein Problem darin, zwei Hüte zu tragen. Das hat sich nun mit der Übernahme des Präsidiums geändert. Er sei mit dem Vorstand daran, eine Nachfolge für das Präsidium des Kunstvereins aufzugleisen, sagt er: «Das lässt sich nicht unmittelbar machen, es wird eine Zeit der Überschneidung geben, wo ich beide Rollen innehabe. Aber etwa in den nächsten zwei Jahren sollte es klappen.»
Wie gross der Einfluss der Sturzenegger-Stiftung ist, das hat sie schon ein paar Mal demonstriert. So war sie im Vorfeld der Entlassung von Museumsdirektor Peter Jezler 2014 entschieden aufgetreten und hatte den Geldhahn zugedreht. Auch seine Nachfolgerin Katharina Epprecht wurde zwischen den Erwartungen aufgerieben und genoss zuletzt kaum mehr Ansehen bei der Stiftung – daran liessen deren knapp und gezielt gewählten Worte mehrfach keine Zweifel. Auch Stephan Kuhn verhehlt nicht, dass es mit der vorherigen Museumsdirektorin nicht immer harmonierte.
Seit Juni 2024 hat das Museum eine neue Direktorin. Und vielleicht ist Gesa Schneider genau die Person, welche das Machtgefüge im Museum meistern kann.
Keine Angst
Eine von Gesa Schneiders Stärken ist: Sie hat keine Berührungsangst. Während zuvor stets viele Befindlichkeiten im Spiel waren, lässt sich Schneider von den diversen Anspruchshaltungen in Schaffhausen nicht beeindrucken. Weder geht sie in die Frontalkonfrontation, noch verbiegt sie sich, noch ist sie schnell beleidigt. Stattdessen geht sie auf die Leute zu und redet mit ihnen, wie man hört. Zweifellos hat sie diplomatisches Geschick. So hat sie etwa auch den damaligen Kritiker und Alt-Stiftungspräsident Hans Konrad Peyer eingeladen, in der Serie «Mein Museum» zu seinen Lieblingsobjekten zu sprechen.

Nach der sensiblen Konstellation im Museum befragt, sagt Gesa Schneider am Telefon: «Ich bin unbefangen, beobachtend und neugierig da rangegangen.» Sie sei sehr wohlwollend empfangen worden und habe von Anfang an einen intensiven Austausch mit der Sturzenegger-Stiftung gehabt. «Was uns eint, ist der ernstgemeinte Wunsch, dass es dem Museum gutgeht. Wir haben bereits eine konstruktive und produktive gemeinsame Grundlage erarbeitet und sind auf bestem Weg.» Dabei dürfe man nicht vergessen, welchen Luxus man mit der Stiftung habe, die offen für Ideen aller Art sei und mehrere davon bereits grosszügig unterstützte. Schneider bringt die Diskussion auf eine fachliche Ebene – und macht klar, was ihr wichtig ist.
Stephan Kuhn sagt, er schätze die neue Museumsdirektorin: «Wir sind nicht immer hundert Prozent derselben Meinung, sind aber schon sehr weit aufeinander zugegangen, sodass ich mich auf den Austausch der kommenden Jahre freue.»
Die neue Direktorin soll auch schon ein paar Dinge angeregt haben. So wird gerade der Vertrag zwischen Stadt und Sturzenegger-Stiftung modernisiert: Der herrische Ton gegenüber dem Museum und seinem Team wird eliminiert. Auch wurde in Schneiders Amtszeit die Kuratorinnen-Stelle entflochten, in welcher bisher die Sturzenegger-Geschäftsführerin gleichzeitig beim Museum angestellt war. Und auch eine alte Tradition der Sturzenegger-Stiftung wurde sanft verabschiedet: Das «Mandarinlifest», bei welchem Hortensia von Roda den Museumsangestellten jeweils Weihnachtsgeschichten vorgelesen hatte. Stattdessen soll das Team das vergangene Jahr neu mit einem lockeren Apéro beschlossen haben. Die Stiftung scheint das gut verdaut zu haben.
Zwei starke Figuren
Mit der neuen Museumsdirektorin und dem neuen Stiftungspräsidenten treffen jedenfalls zwei gewandte Figuren aufeinander. Wenn sie zusammenspannen und Gesa Schneider der Stiftung ihre sprudelnden Ideen schmackhaft machen kann, könnte Grosses entstehen. Denn die Stiftung hat Geld: Von 1987 bis 2024 sprach sie insgesamt fast 64 Millionen, also jährlich eine, eher zwei Millionen. Und das Vermögen vermehrt sich weiter. Wie gross dieses ist, das gibt die Stiftung – im Gegensatz etwa zur Windlerstiftung – nicht bekannt. «Ich glaube nicht, dass die Öffentlichkeit das wissen muss – auch wenn natürlich der Gwunder da ist», sagt Stephan Kuhn. Überdies könne man das Vermögen auch gar nicht beziffern: «Wir haben den Kunstbestand mit einem Franken in den Büchern.»
Laut Stephan Kuhn hat die Stiftung keine jährliche Ausgabebeschränkung. Konkret heisst das: Für grosse Erneuerungspläne, die sie überzeugen, könnte die Sturzenegger-Stiftung auf einen Schlag viele Millionen ins Museum buttern.
