Hundert Arbeitsplätze weg

19. Februar 2026, Simon Muster
Hier im Mühlental ist Ascent seit 2019 eingemietet. Foto: Robin Kohler
Hier im Mühlental ist Ascent seit 2019 eingemietet. Foto: Robin Kohler

Das Pharmaunternehmen Ascent Health Services muss bis spätestens Sommer 2028 ­Schaffhausen verlassen. Das steht in einer Vereinbarung mit der Trump-Regierung, die der AZ vorliegt.


Der Kanton Schaffhausen verliert bald einen guten Steuerzahler und Arbeitgeber. Der US-Krankenversicherer Cigna hat sich Anfang Monat gegenüber der Trump-Regierung verpflichtet, das Schaffhauser Unternehmen Ascent Health Services per 1. Juli 2028 in die Vereinigten Staaten umzusiedeln. Das geht aus einer Vereinbarung des Unternehmens mit der Federal Trade Commission (FTC) hervor, die der AZ vorliegt. Ascent ist seit 2019 in Schaffhausen und gehört zum Cigna-Konzern. In Schaffhausen beschäftigt das Unternehmen nach eigenen Angaben rund 100 Angestellte

Mit der Vereinbarung wird Cigna eine Untersuchung der US-Bundesbehörden los, ohne dafür eine Strafe zahlen oder Schuld eingestehen zu müssen. Dafür hat der US-Konzern sich verpflichtet, sein Geschäftsmodell auf den Kopf zu stellen. Dieses war in den letzten Jahren immer stärker unter Druck geraten. Cigna und anderen Krankenversicherungskonzernen werden von der US-Regierung wie von mehreren Bundesstaaten vorgeworfen, dass sie den Preis für Insulin künstlich in die Höhe getrieben haben sollen. Die Schaffhauser Ascent Health Services soll gemäss der FTC dabei eine zentrale Rolle gespielt haben: Von hier aus führten die Ascent-Angestellten Preisverhandlungen mit den Insulinherstellern. Die Mengenrabatte, die sie so für ihre Kunden – Gewerkschaften, grosse Arbeitgeber – erzielten, sollen aber mutmasslich nicht den Versicherten, sondern dem Konzern selbst zugute gekommen sein (AZ vom 30. Mai 2025). Mit dem Standort in Schaffhausen, so der Vorwurf der US-Behörden, konnte Ascent von deutlich tieferen Steuern auf seine Gewinne und von Gesetzeslücken profitieren. In den USA berichteten die Medien breit über die Vereinbarung, darunter die New York Times, Bloomberg oder die Washington Post; Branchenanalysten und Politikerinnen bezeichnen den Deal als «dramatisch» und «historisch». In der Schweiz blieb er hingegen bisher unbemerkt.

Die Einigung zwischen Cigna und den Bundesbehörden sind Teil der Strategie der US-Regierung, Firmen in die Vereinigten Staaten zu holen. Die Schweiz spielt dabei eine wichtige Rolle, insbesondere ihre Pharmabranche. Im Dezember versprachen etwa die Basler Pharmariesen Novartis und Roche unter dem Druck der trumpschen Zollpolitik Investitionen in Milliardenhöhe in ihre US-Standorte

Offene Frage für Kanton und WiFö

Für die Schaffhauser Wirtschaftsförderung und den Kanton bleiben neben dem Scherbenhaufen vor allem viele Fragen zurück. Die Verbindungen von Ascent in der Region sind eng: Ab 2023 organisierte das Unternehmen im Stadttheater mehrfach ein internationales Pharmatreffen. Erst im Sommer 2025 überreichte die Wirtschaftsförderung dem Präsidenten von Ascent in Anwesenheit von Volkswirtschaftsdirektor Dino Tamagni (SVP) noch den «Area of Makers Award» für «persönliche Verdienste als ‹Botschafter› für den Wirtschaftsstandort Schaffhausen» (AZ vom 24. Juli 2025).

Neben Ascent besitzt die Cigna Group (Jahresumsatz: 274 Milliarden US-Dollar) seit 2019 noch ein Holdingunternehmen am Platz Schaffhausen. Im Jahresbericht für das Jahr 2023 schrieb der Konzern an seine Investor:innen, dass man von einem «Schweizer Steuerattribut» profitiere, dessen Wert man auf rund 1,6 Milliarden Franken US-Dollar schätzt. Um so viel glaubt der Konzern die kantonalen Gewinnsteuern über einen Zeitraum von zehn Jahren senken zu können. Ob es sich dabei um ein Schaffhauser Steuergeschenk handelt, lässt sich aus den Unterlagen nicht ablesen. Die Vermutung liegt aber nahe: Auf die Frage des US-amerikanischen Mediums Hunterbrook, ob die tiefen Steuern Grund für die Niederlassung von Ascent in Schaffhausen gewesen sei, antwortete ein ehemaliger Ascent-Angestellter: «Ja, aus keinem anderen Grund.»

Die AZ hat der kantonalen Wirtschaftsförderung, der für die Steuerpolitik verantwortlichen Regierungsrätin Cornelia Stamm Hurter und dem städtischen Finanzreferenten Daniel Preisig mehrere Fragen zum geplanten Wegzugs von Ascent geschickt, unter anderem zu den Auswirkungen auf die Stadt- und Kantonskassen. Sowohl Stamm Hurter als auch Preisig verweisen auf die Antwort von Wirtschaftsförderer Christoph Schärrer. Dieser geht auf die konkreten Fragen nicht ein und antwortet allgemein, dass sich der internationale Steuerwettbewerb deutlich verschärft habe. «Auch die Schweiz kann sich den geopolitischen Entwicklungen und dem zunehmenden globalen Powerplay nicht entziehen.»

Ascent Health Services hat auf die Fragen der AZ nicht geantwortet.

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