Seit einem Jahr sitzt Linda De Ventura im Nationalrat. Wie wird man Bundespolitikerin? Und wie verändert einen die Bundespolitik? Wir haben sie ein Jahr lang begleitet.
Die Stimmung in der Kammgarn ist an diesem Junisonntag getrübt, der Prosecco blubbert in den Gläsern lustlos vor sich hin. Bis gerade eben hatten die Genoss:innen an den Bildschirmen den letzten Akt eines politischen Dramas mitverfolgt. Auf der Bühne hält nun ein trotziger, abgewählter Ständerat Simon Stocker eine Brandrede, und die Köpfe in der Menge nicken im Takt seiner Ansagen.
Linda De Ventura steht etwas abseits, und man sieht ihr die Erschöpfung der vergangenen Wochen an. Nur wenige Monate, nachdem sie die Nachfolge von Martina Munz im Nationalrat angetreten hatte, hob das Bundesgericht die Wahl von Simon Stocker auf. Anstatt sich erst einmal im Bundeshaus zurechtfinden zu können, musste die Neo-Nationalrätin zurück in den Wahlkampfmodus – doch am Ende half alles nichts. Die Bürgerlichen hatten mit der Wahl von Severin Brüngger die politischen Verhältnisse im Kanton wieder zurechtgerückt, und in der Kammgarn hört man an diesem Nachmittag immer wieder, dass dafür auch ein Kartoffelsack als Kandidat gereicht hätte.
Dann dreht sich De Ventura aufgebracht zu mir, dem Journalisten. Ich hatte sie seit ihrer Amtseinführung im Dezember 2024 immer wieder begleitet, um diese Reportage über ihr erstes Jahr im Nationalrat vorzubereiten. Nun, an diesem Junisonntag in der Kammgarn, macht sie unter anderem mich für den Wahlausgang verantwortlich. Die SN hätten Wahlkampf für den FDP-Kandidaten betrieben, während die AZ als Gegengewicht versagt habe. Ich entgegne, dass die AZ Journalismus und keine Politik mache. Wir diskutieren, werden uns an diesem Tag aber nicht einig.
Die Niederlage von Simon Stocker hat Linda De Ventura empfindlich getroffen. Sie, die sich unter Freund:innen und im Heimeligen am wohlsten fühlt, stand nun alleine auf der grossen Bühne in Bern; ohne ihren ehemaligen AL-Weggefährten und Freund Simon Stocker, als einzige linke Vertreterin eines bürgerlichen Kantons.
Es war der Tiefpunkt eines Jahres, in dem es für Linda De Ventura sonst nur bergauf ging. Nach dem aufreibenden Wahlkampf ging es nicht lange, und der Staub war von den Kleidern abgeklopft. Während andere Jahre brauchen, um im Haifischbecken Bern den Kopf über Wasser halten zu können, wirft sich De Ventura von Beginn weg Hals über Kopf ins Getümmel.
Ankunft
Als Linda De Ventura Anfang Dezember 2024 im Nationalratssaal vereidigt wird, sitzt eine über 30-köpfige Delegation aus Familie, Freund:innen und politischen Weggefährten auf den Zuschauerrängen. Bei der Anreise von Schaffhausen nach Bern war die Stimmung ausgelassen. Eine Nervosität darüber, dass sie vor dem vorläufigen Höhepunkt ihrer politischen Karriere steht, war De Ventura in der S-Bahn kaum anzumerken. «Linda geniesst es, wenn sie von vielen Menschen umgeben ist», erklärte mir die Schaffhauser SP-Präsidentin Romina Loliva beim Umsteigen in Winterthur. «Sie wäre nervöser, wenn sie heute alleine wäre.»
Nach der Vereidigung trifft sich die Schaffhauser Gruppe im bundeseigenen Restaurant «Galerie des Alpes». Die Wintersession wird scherzhaft auch «Apéro-Session» genannt, weil besonders oft die Gläser unter der Bundeshauskuppel klirren. «Ich verstehe vieles noch nicht, aber Apéro kann ich», scherzt De Ventura, als ich sie an einem Stehtisch voller Falafel und Käsehäppchen frage, wie sie den ersten Tag erlebt hat. Sie interessiere sich auch für die sozialen Dynamiken. «In Schaffhausen werden Kompromisse mit Bürgerlichen oft auch bei einem Kaffee oder Bier geschmiedet. Ist das in der Bundespolitik auch so, oder bleiben die Fraktionen unter sich?»
Wer sich ein Jahr später umhört, erhält das Bild einer Politikerin, die sich schnell im sozialen Gefüge und politischen Alltag zurechtgefunden hat. Das wichtigste Körperteil des Animal Politique sind die Ellenbogen, seine wichtigste Fähigkeit aber, Verbündete zu machen.
Die 39-jährige Schaffhauserin bringt den Vorteil mit, dass sie mit elf Jahren im Kantonsrat über parlamentarische Erfahrung verfügt und in der Schaffhauser Politik schon genug hartes Brot beissen musste, um an den für Linke ungünstigen Machtverhältnissen nicht zu verzweifeln. Berührungsängste zur Gegenseite kennt sie entsprechend keine. Ihr Kantonsratsmandat hat sie ebenso wie das Präsidium des Mieterinnen- und Mieterverbands Schaffhausen behalten. Ihren Job als Schulsozialarbeiterin bei der Stadt Schaffhausen hingegen hat sie gekündigt, De Ventura ist heute Vollzeit-Politikerin. Am Rande der Session spielt sie als Mittelfeldspielerin für den FC Helvetia, das Fussballteam der Frauen im Parlament.
Alle aus ihrer Fraktion, mit denen man über sie spricht, sagen, sie sei von Beginn an fleissig, kompetent und gut vorbereitet gewesen. Teamplayerin ist ein Wort, das mehrfach fällt, aber auch Begriffe wie «Landei» oder «Pfadimädchen». De Ventura sei begeistert vom kulturellen und gastronomischen Angebot in Bern, hört man. Solche Zuschreibungen sind wohlwollend gemeint, verraten aber auch etwas Gönnerhaftes. «Linda ist in ihrem ersten Amtsjahr Linda geblieben, sie verkleidet sich nicht», konstatiert Romina Loliva von Schaffhausen aus. Sie arbeite viel und seriös, nehme sich selbst aber auch nicht zu ernst.
In Bern sagt SP-Nationalrat Fabian Molina: «Man spürt, dass sie gerne Nationalrätin ist». Im Oktober 2025 besuchten die beiden unter anderem die tibetische Exilregierung in Dharamsala, Indien. Eigentlich war es eine Reise der Parlamentarischen Gruppe Schweiz-Tibet, aber kurzfristig wurde ein Platz frei. Linda De Ventura sprang ein und dokumentierte den Besuch begeistert auf den sozialen Medien. Auf einem Bild posiert sie zusammen mit weiteren Politiker:innen bei einer Audienz beim Dalai Lama. Andere Bilder zeigen sie auf einer Wanderung zwischen den steilen Bergwänden des Himalaya in Bhutan, «nach den Meetings mit dem Premierminister, dem Aussenminister und dem Parlament.»

Startrampe Sicherheitspolitik
Realpolitik geschieht in der Schweiz fernab der Kameras, staubtrocken und in Geheimnisse gehüllt. In welche Kommission man berufen wird, entscheidet darüber, ob man sich einen Namen machen kann oder als Hinterbänkler endet. Neuankömmlinge müssen nehmen, was frei ist. Die Hallauerin Martina Munz musste sechs Jahre warten, bevor sie in die Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie nachrücken und aufblühen konnte. Linda De Ventura wiederum landete in der Sicherheitspolitischen Kommission (SIK), einem harten Pflaster für Linke. Und besonders für linke Frauen. Sie haben in den meisten Fällen keinen Militärdienst geleistet, was ihnen, wenn sie die Armee kritisieren, von den bürgerlichen Kommissionsmitgliedern und Militärs genüsslich vorgehalten wird. Wie giftig dieser Ton werden kann, konnte man im Mai 2022 mitverfolgen, als der Schaffhauser SVP-Politiker Thomas Hurter einer Grünen Sicherheitspolitikerin, die sich gegen eine massive Erhöhung des Armeebudgets ausgesprochen hatte, vom Rednerpult aus die Frage stellte: «Warum sitzen Sie in der Sicherheitspolitischen Kommission?»
Auf diesem harten Pflaster baut sich Linda De Ventura eine Startrampe. Sie, die sich zuvor nie besonders mit der Armee auseinandergesetzt hatte, taucht nun voll ein. Sie lässt sich von den Militärs erklären, wie eine Aushebung abläuft, und fragt Männer in ihrem Umfeld, wie sie den Armeedienst erlebt haben. Sie besuchte einen Rekrutierungstag in Rüti, nimmt an Anlässen der Offiziersgesellschaft Schaffhausen teil und reist mit einer Delegation im Bundesratsjet in den Kosovo, wo sie Verteidigungsminister Martin Pfister beim Besuch von Swisscoy-Truppen begleitet.
Ihre Arbeit und ihre Art werden in der Kommission geschätzt. Sie sei interessiert und habe ihre Rolle in der Kommission schnell gefunden, sagt der Bündner Mitte-Sicherheitspolitiker Martin Candinas. «Sie ist ihrer Parteilinie treu, wir sind uns also oft in Armeebelangen nicht einig. Menschlich schätze ich sie sehr.» Als ich die SP-Nationalrätin im Dezember 2025 in der Wandelhalle des Bundeshauses interviewe, klopfte ihr Marco Tuena, SVP-Nationalrat und ebenfalls Mitglied der SIK, beim Vorbeigehen auf die Schulter. Zu mir sagt er: «Eine Pazifistin ist Linda auf jeden Fall nicht.»
De Ventura reicht in ihrem ersten Amtsjahr Vorstösse zu sexualisierter Gewalt in der Armee, mehrere zur Beschaffung des Kampfjets F-35 und einem weiteren Debakel, dem Halbstundentakt zwischen Zürich und Schaffhausen, ein. Einmal fragt sie den Bundesrat, wie dieser auf die Einstufung der deutschen AfD zum rechtsextremen Verdachtsfall zu reagieren gedenke. Dafür erhält sie vom rechtslibertären Nebelspalter das Prädikat «AfD-Hasserin», eine Auszeichnung, auf die sie stolz ist. Vor der Abstimmung über die Service-citoyen-Initiative, die sie ursprünglich unterschrieben hatte und nun als Sicherheitspolitikerin bekämpfte, tritt sie zu Streitgesprächen im Blick, beim Tele Züri und in der AZ in den Ring.
Spätestens seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Jahr 2022 diskutiert die SIK auch die grosse Geopolitik. Als Achillesferse der Sicherheitspolitik der SP, nach der Bürgerliche in der Debatte gerne schlagen, erweist sich dabei ausgerechnet ihr eigenes Parteiprogramm. Dort steht seit 2010: «Die SP setzt sich für die Abschaffung der Schweizer Armee ein.» Als De Ventura in einem Streitgespräch in der AZ zur Service-citoyen-Initiative auf den Passus im Parteiprogramm angesprochen wird, reagiert sie genervt. Der Vorwurf, der ihrer Partei deswegen gemacht werde, sei lächerlich. «Wir von der SP nehmen die Verpflichtungskredite der Armee-Botschaften an, die auf realistische Bedrohungsszenarien ausgerichtet sind, etwa Cyber- und Luftangriffe, Drohnen, Desinformationskampagnen oder Sabotage.»
Ich spreche Linda De Ventura auf diesen Militärjargon an. Ich würde bei ihr eine Faszination für die Armee verspüren, was mich als Dienstverweigerer irritiere. Lässt sie sich von den Militärs instrumentalisieren?
Sie denkt länger als sonst nach und sagt dann, dass es zur Politik gehöre, sich intensiv mit den einzelnen Themen auseinanderzusetzen. Die Sicherheitspolitik fasziniere sie, das stimme. «Für mich bedeutet Politik, dass man zwar die Maximalforderung langfristig erreichen will, sich aber auch an der politischen Realität orientiert.» Das bedeute in der aktuellen Sicherheitspolitik, dass sie dafür sorgen muss, dass das Geld für die richtigen Dinge ausgegeben wird. Die Abschaffung der Armee sei zwar weiterhin ein Fernziel von ihr. «Aber aktuell ist das nicht realistisch und auch nicht richtig. Je besser man sich mit einem Thema auskennt, desto schwieriger ist es, an einfache Lösungen zu glauben.»
Solche Aussagen bieten sich an, um eine Entwicklung von der kompromisslosen AL-Frau zur kalkulierten Realpolitikerin zu zeichnen. Es wäre eine falsche Zeichnung. Linda De Ventura wollte nie mit wehenden Fahnen untergehen und galt schon als AL-Kantonsrätin als eine, mit der man Kompromisse findet. Sie glaubt an eine bessere Welt und daran, dass der Weg dahin schlussendlich durch die Parlamentssäle führt. Die einen reiben sich an den unbeugsamen Machtverhältnissen, die dort herrschen, auf und gehen auf Konfrontation. Andere gehen an ihnen zu Grunde. De Ventura blüht auf.
In ihrer zweiten Wintersession gelingt De Ventura ihr bisher grösster Wurf. Die Schwesterkommission im Ständerat wollte Soldaten wieder erlauben, Munition nach Hause zu nehmen. Kurz nach dem Entscheid im Dezember 2025 schreibt Linda De Ventura eine Nachricht in den WhatsApp-Chat der SP Schaffhausen: «Unsere Ständeräte sollten wissen, dass sie mit einem Ja zur Taschenmunition mehr Femizide und Suizide in Kauf nehmen. Sollen wir einen offenen Brief starten?» Zusammen mit SP-Sekretärin Naemi Solla gestaltet sie in kurzer Zeit die Plakate zur Aktion. Wenige Tage später haben rund 1900 Personen aus Schaffhausen den Brief unterschrieben. Im Rat scheitert das Anliegen dann deutlich, keiner der beiden Schaffhauser Ständeräte drückt die Ja-Taste.
Hier kommen ihre grössten Stärken zusammen. Ihr Drive, ihre ehrlich enthusiastische Art Politik zu machen haben nun nationale Schlagkraft.
Zwischenbilanz
Ende 2025 gab der ehemalige Ständerat Simon Stocker dem Tages-Anzeiger ein Interview, in dem er auch ein wenig über Bundesbern schnödet. Er habe erwartet, dass er in Bern Kompromisse schmieden würde. «Und dann ist man da und merkt, dass es halt auch eine grosse Show ist, eine Inszenierung. Auf allen Seiten.»
Nach ihrem ersten Jahr im Nationalrat kann man festhalten: Linda De Ventura hat ihre Rolle gefunden. Und sie liegt ihr.
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