Terrainkämpfe und gepfefferte Communiques: Der Konflikt zwischen Privatunternehmer Samuel Gründler und der Stadt eskaliert.
von Nora Leutert und Simon Muster
Der Streit um die Wärmeverbünde zwischen Unternehmer Samuel Gründler und der Stadt Schaffhausen erreicht eine neue Eskalationsstufe: Inzwischen wird die Auseinandersetzung buchstäblich auf offener Strasse ausgetragen.
Am vergangenen Montag schoss ein Schreiben in die Schaffhauser Redaktionsstuben. Absender: Der Stadtrat. Die Medienmitteilung war verfasst wie ein Ermittlungsbericht, Tatbestand und Täter waren klar benannt: Der Stadt lägen «Erkenntnisse» und «Hinweise» vor, dass Samuel Gründlers Energieverbund AG mit ihrem Fernwärmenetz Liegenschaften erschlossen haben soll, die ausserhalb des ihr erlaubten Gebietes liegen. Dies im Quartier Niklausen und an der Winkelriedstrasse. Gründler, mit anderen Worten, soll also über den Zaun gefressen haben. Beziehungsweise: unten durch.
Die Kommunikationsoffensive des Stadtrats wirkt erratisch und getrieben. Wieso informiert er die Öffentlichkeit über blosse «Hinweise»? Normalerweise versucht die öffentliche Hand, Konflikte so lange wie möglich unter dem Deckel zu halten – eine öffentliche Schlammschlacht sucht man selten.
Doch das Manöver der Stadt ergibt mehr Sinn, sobald man sich die zwei Personalien genauer anschaut, die hier aufeinandertreffen: Seit einigen Jahren tobt ein Revierkampf zwischen dem neuen Platzhirsch Gründler und der Stadt in Person von Werkdirektor und Stadtpräsident Peter Neukomm. Bis 2021 sass die Stadt gemütlich auf ihrem Gasnetz und baute dieses sogar weiter aus, statt auf erneuerbare Energien umzusteigen. Doch dann kam Samuel Gründler und trieb die Stadt mit seinen Ambitionen vor sich hin: Der Unternehmer will selbst schnell Wärmeverbünde bauen und mit der Wärmeversorgung viel Geld verdienen.
Gründler brachte die Stadt dazu, von der eigenen Planung abzurücken. Die Stadt versuchte, Gründler vorerst zu blockieren und reservierte gewisse Gebiete für sich, um dort selbst in ihrem eigenen Tempo Wärmeverbünde zu bauen. Gleichzeitig überliess sie Gründler unter Druck in freihändiger Vergabe gewisse Terrains, die er erschliessen durfte. Doch Gründler wollte mehr. Vor allem spähte er auf die Quartiere Alpenblick, Niklausen und Buchthalen, die er beim Bau seiner grossen Heizzentrale im Grubenquartier mit einkalkuliert hatte. Doch dort schob ihm die Stadt einen Riegel – als rechtsgültig sieht Gründler die Absage aber nicht an, wie er der AZ sagte (siehe Porträt vom 18. September 2025).
Samuel Gründler ist einer, der Tatsachen schafft und sich nicht gerne von bürokratischem Klein-Klein ausbremsen lässt. Und nun scheint er einen Kniff gefunden zu haben, gegen den Willen des Stadtrats expandieren zu können.
Schrittweise Reviererweiterung?
Fragt man den Stadtpräsidenten, dann hat Samuel Gründler bereits Fakten geschaffen. Der Stadt lägen Hinweise auf sichtbare Bautätigkeiten vor, Rückmeldungen von betroffenen Anwohner:innen sowie Gesuche für das Verlegen von Leitungen im öffentlichen Grund. Wie Gründler aber vorgegangen sein soll, erfährt man aus dem Stadthaus nicht.
Wer also mehr über das Gerücht erfahren will, das die Stadt in Umlauf gebracht hat, muss mit gut informierten Personen aus der Stadtpolitik sprechen. Und erfährt mehr: Offenbar soll sich Samuel Gründler schon länger Gedanken darüber machen, wie er an den Grenzen seines Konzessionsgebiets grosse private Liegenschaftsbesitzer an seinen Wärmeverbund anschliessen kann, die dringend ihre veralteten Heizsysteme ersetzen wollen. Dies, so hört man, ist Gründler nun bei mindestens zwei grossen Liegenschaften gelungen. Die Informationen der AZ lassen darauf schliessen, dass es sich bei den fraglichen Privaten um eine oder mehrere Siedlungen einer Wohnbaugenossenschaft an der Winkelriedstrasse handelt sowie um die Mehrfamilienhäuser im Eschengut, die einer St. Galler Immobilienfirma gehören, hinter der wiederum die UBS steckt.
Wie mehrere Quellen berichten, sollen die grossen Liegenschaftsbesitzer privat Baugesuche eingereicht haben, um ihre Leitungen im öffentlichen Grund zu verlegen. Der Clou dahinter: Private brauchen keine Konzession vom Stadtrat, wenn sie sich für eine gemeinsame Heizlösung mit einem Nachbarn zusammenschliessen wollen, sondern lediglich eine Bewilligung, um die Strasse aufzubrechen. Doch nachdem sie die Bewilligung erlangt hatten, so die Vermutung, sollen sie mit Gründler zusammengearbeitet haben, um an sein Fernwärmenetz anzuschliessen.
Hat der Unternehmer also mit Hilfe von privaten Baugesuchen die öffentliche Strasse mit seinen Leitungen gequeert und hüpft so von Privatgrund zu Privatgrund über sein Konzessionsgebiet hinaus?
Jagd auf die Filetstücke
Für die Stadt wäre das ein Problem, weil sie einheitliche Spielregeln schaffen möchte – und weil SH Power ihre eigenen, in den Gebieten geplanten Wärmeverbünde selbst weniger lukrativ betreiben könnte, wenn die grossen Filetstücke an der Winkelriedstrasse und im Alpenblick bereits weg sind.
Anruf bei Samuel Gründler. Dieser gibt sich nonchalant und gelassen wie immer. Er wisse nicht mehr als die Medien und lasse sich überraschen, was man ihm genau vorwerfe, sagt er zurückgelehnt. «Wir halten uns an den Konzessionsvertrag und ans geltende Recht. Wir haben nirgendwo ausserhalb unseres Perimeters auf öffentlichem Grund Rohre verlegt.» Sein Grundsatz, den er vertritt, ohne Genaueres sagen zu wollen: Was nicht verboten sei, dürfe man machen. Und es sei auch nicht verboten, clevere Lösungen zu finden. Er sei seinen Kund:innen verpflichtet und manchmal mache für diese ein Zusammenschluss in der Nachbarschaft Sinn.
Gründler stellt also den Vertrag mit der Stadt nicht in Abrede – offenbar legt er diesen einfach anders aus als die Stadt.
Wer genau in Niklausen und an der Winkelriedstrasse im Boden buddelte, ist also unklar. Haben die Grundeigentümer die Leitungen selbst gebaut, um so über das nächste Privatgrundstrück bei Gründler anschliessen zu können? Laut Konzessionsvertrag – ein solcher liegt der AZ vor – scheint der Fall eigentlich klar – Gründler hätte die Stadt proaktiv informieren müssen, wenn er tatsächlich aktiv geworden ist: «Werden Wärmeverbünde von Dritten initiiert und geplant und dabei Leitungsverlegungen im öffentlichen Grund vorgesehen, ist SH Power so früh wie möglich einzubeziehen.»
Aber auch die Stadt muss sich Fragen gefallen lassen. Für die Aufbruchbewilligungen der Privaten, mit denen die Leitungen über die Konzessionsgrenzen hinweg gelegt wurden, ist die Stadt selbst zuständig.
Hat die eine Hand also bewilligt, was die andere nun beklagt? Der offene Grabenkampf um die Wärmeverbünde in der Stadt Schaffhausen geht weiter.
