Das Mädchen auf der Treppe

1. Dezember 2025, Andrina Gerner

Heute vor 70 Jahren starb die Industriellentochter und Psychoanalytikerin Emma Jung-Rauschenbach. Das Porträt einer Frau, die im Stillen wirkte.

«Die Welt ist voll des Rätselhaften und Geheimnisvollen und die Menschen leben nur so dahin, ohne viel zu fragen […] O wer doch viel wissen könnte, alles wissen!» 
Emma Rauschenbach an Carl Jung, 5.2.1902

Der Weg schien vorgezeichnet: Die wohlerzogene Tochter aus gutem Haus heiratet standesgemäss und fügt sich kommentarlos in die Rolle als Gattin, Hausherrin und Mutter. Als Tochter des Schaffhauser Industriellenpaars Jean und Bertha Rauschenbach-Schenk wurde Emma Rauschenbach mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren. 

Emmas Grossvater, der Industriepionier Johannes Rauschenbach, hatte seine innovative Landmaschinen-Fabrik innert weniger Jahrzehnte zu internationaler Grösse geführt. Er wurde so reich, dass er 1880 die am Boden liegende IWC aufkaufen konnte und die Luxusuhren-Manufaktur vor dem Ruin rettete. Nach seinem Tod übernahm sein Sohn die beiden Firmen und führte sie erfolgreich weiter. Als dieser 1905 früh verstarb, hinterliess er seinen Töchtern ein stattliches Vermögen.

Emma Rauschenbach und ihre jüngere Schwester Marguerite, die später den Generaldirektor der Georg Fischer AG, Ernst Homberger, heiratete, wuchsen im Haus «Zum Rosengarten» an der Rheinstrasse 37 auf. Damals lag das Anwesen noch direkt am Wasser. Die Eltern gaben Empfänge für die Gutbetuchten der Stadt, kümmerten sich aber auch um die einfachen Angestellten ihrer Fabriken. Vor allem Emmas Mutter habe ein grosses soziales Gewissen gezeigt und die Angestellten auch mal zu einem Theater- oder Konzertbesuch mitgenommen. Dies erfahren wir von Emma Jungs Urenkelin Susanne Eggenberger-Jung, welche das Familienarchiv Jung betreut. Sie hat die Kindheit und Jugend ihrer Urgrossmutter in Schaffhausen detailliert recherchiert und als Teil einer Publikation veröffentlicht, die den Nachlass Emma Jungs neu beleuchtet: «Bertha Rauschenbach war trotz Wohlstand bodenständig. Dieses soziale Bewusstsein hat sich auf ihre Tochter übertragen», erzählt sie uns. Der Vater war oft auf Geschäftsreisen, einmal nahm er seine Töchter mit zur Zweigniederlassung in Ungarn: «Emma erlebte so die Weite der Welt mit fremden Sprachen und unbekannten Orten.»

Wissensdurst

Bereits als junges Mädchen sog Emma Rauschenbach alles Wissen auf, wollte alles verstehen. Sie verschlang Bücher und interessierte sich für Astronomie, Literatur, Kunst und Naturwissenschaften. Die Schulzeit durchlief Emma mühelos, schloss die Realschule in allen Fächern mit Bestnoten ab. Auf ihren Wunsch, studieren zu dürfen, ging der Vater aber nicht ein. Was nach einseitiger Strenge klingt, würde jedoch ein zu einfaches Bild zeichnen: Die Beziehung zu den Eltern sei immer herzlich und offen gewesen, so Eggenberger: «Die Briefkorrespondenz zwischen Emma und ihren Eltern zeugt von Emmas starkem Willen, den sie auch gegenüber dem Vater äussern durfte – wenn auch nicht immer mit Erfolg.» 

Mit 16 Jahren verbrachte Emma Rauschenbach ein Jahr bei einer entfernten Verwandten in Paris, die in ihrem Haus eine Pension mit Unterricht durch Privatlehrer für Töchter der gehobenen Gesellschaft  betrieb. Emma belegte so viele Kurse wie möglich und verstand nicht, warum ihre Mitschülerinnen das Angebot nicht voll ausnutzten – so wie sie. 

Zurück in Schaffhausen musste ihre eigene Entwicklung erstmal ruhen – der Vater war bereits sehr krank, sie kümmerte sich um ihn und die Anliegen ihrer Mutter. Und es trat ein neuer Mann in ihr Leben: Der angehende Mediziner Carl Gustav Jung. 1899 begann ein reger Briefwechsel zwischen Emma und Carl, sie tauschten sich über ihre Interessen aus, über Literatur, Kunst und Geisteswissenschaften. 

Die Verbindung der beiden kam indes nicht aus dem Nichts: Emmas Mutter Bertha stammte aus Uhwiesen, wo Carls Vater als Pastor gearbeitet hatte. Als junge Frau hatte sie den kleinen Bub ab und zu in ihrer Obhut. Der Kontakt wurde auch nach dem Wegzug der Familie Jung aufrechterhalten, man besuchte sich gelegentlich. Bei einer solchen Gelegenheit hatte der mittlerweile 21-Jährige Carl Emma Rauschenbach ins Auge gefasst – wortwörtlich. Er selbst gab seine Erinnerung an die erste bewusste Begegnung später so wieder: Während eines Besuchs sah er die 14-Jährige auf den Stufen ihres Elternhauses. Er habe sofort gewusst, dass sie seine zukünftige Frau werde. 

Ein lebenslanger Dialog

Für Emma allerdings war dies alles andere als klar. Als sich Carl Gustav Jung 1901 ein Herz fasste und ihr seine Gefühle gestand, gab diese ihm aus Pflichtbewusstsein einen Korb, obwohl sie durchaus interessiert war an dem eloquenten, jungen Mann. Ihre Hand war längst einem anderen versprochen – dachte sie.

Emmas Mutter erkannte das Missverständnis und beteuerte: Gegen Carl als Schwiegersohn habe sie freilich nichts einzuwenden. Er stammte aus einer nicht sehr wohlhabenden, dafür gebildeten und angesehen Familie. Ausserdem bestand zwischen Emmas Mutter und Carl Jung schon länger ein reger Briefwechsel. Den Austausch hatte der junge Mediziner wohl insgeheim genutzt, um sich den Kontakt zu Emma «warmzuhalten», die ihm offensichtlich seit der ersten Begegnung nicht mehr aus dem Kopf gegangen war.

Verlobt wurde sich in aller Stille. Carl wollte nicht, dass der berühmte Name des Schwiegervaters mit ihm in Verbindung gebracht wurde, bevor er promoviert hatte. Während der Verlobungszeit weilte Jung einige Zeit in Paris und stellte neben seiner Arbeit in der Heilanstalt Burghölzli seine Dissertation fertig. Im Frühjahr 1903 schliesslich heirateten die beiden in Schaffhausen und feierten standesgemäss im noblen Hotel Bellevue oberhalb des Rheinfalls. Nach einer ausgedehnten Hochzeitsreise zog das Paar in die Dienstwohnung direkt auf dem Gelände der Klinik, wo Emma schon bald Assistenzaufgaben übernahm. 

Die Verbindung mit Carl Gustav Jung bedeutete sowohl für Emma als auch für ihn eine Erfüllung in einem Ausmass, wie es ohne den jeweils anderen niemals möglich gewesen wäre. Carl und Emma bauten sich in vielerlei Hinsicht gegenseitig auf: Ihre Beziehung sollte zu einem lebenslangen Dialog werden. 

Durch Carls Verbindungen in akademische Kreise konnte Emma ihre wissenschaftlichen Interessen weiterverfolgen, war sie ihrem Partner intellektuell doch mindestens ebenbürtig. Auch ohne Hochschulabschluss veröffentlichte sie bald eigene wissenschaftliche Beiträge zur Forschung ihres Mannes, begleitete ihn auf Kongresse, wo sie auch als Teilnehmerin auftrat. Von 1916–1920 war sie die erste Präsidentin des von Carl und Emma gegründeten Psychologischen Clubs Zürich.   

An Carls Seite konnte Emma den engen Bahnen eines zwar bourgeoisen, aber vorgezeichneten Lebens ausbrechen. Diese Wahrnehmung hatte sie bereits früher geäussert: 

«Ich fühlte mich manchmal entsetzlich eingeengt hier und kam mir vor wie ein gefangener Vogel, der sich vergebens bemüht, die Flügel auszubreiten und hinaus zu fliegen, frei und ungehemmt hinauf, über alles kleine Enge und Hässliche hinweg. Ich habe meine Heimat sehr lieb, das weisst du ja, und doch graute mir manchmal vor einem Schicksal, wie das der meisten hiesigen Frauen ist […]»
Emma Rauschenbach an Carl Jung, 2.12.1901

Er für seinen Teil konnte sich dank der finanziellen Hilfe seiner vermögenden Ehefrau den Traum einer eigenen Praxis ermöglichen, war also nicht mehr auf die zeitintensive Arbeit im Klinikalltag angewiesen. Die junge Familie liess am Zürichsee ein Haus ganz nach ihren Vorstellungen errichten, wo Carl und Emma 1909 mit ihren mittlerweile drei Kindern einzogen. Zwei weitere Kinder sollten folgen. 

Hier wird deutlich: Ohne die Unterstützung Emmas, finanziell, aber durchaus auch intellektuell, wäre Carl Gustav Jungs Laufbahn als Begründer der analytischen Psychologie so nicht möglich gewesen. Die zurückhaltende Emma leistete einen immensen Beitrag, der durch den Schattenwurf ihres alles überstrahlenden Gatten lange verkannt blieb. Urenkelin Susanne Eggenberger hält fest: «Die starke Bindung zwischen den beiden ist nie gerissen.»  

Das grosse Ganze

Es wurde viel gesagt und geschrieben über Emma Jung. Sie hingegen bekam selten direkt eine Stimme. Zwar waren ihre Interessensgebiete bekannt – etwa ihre Publikation zu «Animus und Anima» und damit der Auseinandersetzung mit der weiblichen Seele oder ihre Forschung zur Gralsgeschichte. «Wir glaubten, es gäbe nichts Neues mehr zu entdecken. Unser Erstaunen war daher gross, als wir ihre Unterlagen genauer unter die Lupe nahmen und die inneren Zusammenhänge erkannten», so Susanne Eggenberger.

Die Wiederentdeckung des Nachlasses hat den Blick auf Emma Jung verändert: «70 Jahre nach ihrem Tod zeigen sich die Zusammenhänge ihres Werk, das grosse Ganze.» Am meisten erstaunt habe sie die Fülle an wissenschaftlichem Material, das ihre Urgrossmutter hinterlassen hat. «Alle hatten sich immer primär für das Werk ihres Mannes interessiert. Es war Zeit, einmal näher hinzusehen.» Emma Jung sei eine stille Schafferin gewesen, immer zurückhaltend: «Sie machte nie eine grosse Sache aus ihrem Werk. Dabei ist es bemerkenswert, wie sie mit den schwierigen Themen umgegangen ist, die ihr an der Seite eines solchen Mannes begegnet sind. Dafür bewundere ich sie.» 

Emma Maria Jung-Rauschenbach starb vor siebzig Jahren, am 27. November 1955, im Alter von 73 Jahren. Die neu veröffentlichte Publikation «Dedicated to the Soul» (erschienen bei Princeton University Press) präsentiert die neu entdeckten Schriften, Zeichnungen und Gedichte aus Emma Jungs Nachlass.

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