Abgekapselt

29. Oktober 2026, AZ-Redaktion
Bilder: Robin Kohler

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Unsere Autorin hat das Handyverbot an der Kanti Schaffhausen überlebt. Und findet es keine gute Idee.

von Ava Egli

Es ist Samstag, zwei Uhr nachts. Ich liege in meinem Bett, an meinem Arm fühle ich das weiche Fell meiner Katze, die sich neben mich gekuschelt hat und vor einer Stunde in einen tiefen Schlaf gefallen ist. Auf meinem Nachttisch liegt eine leere Packung Melatonin. Ich spüre die Wirkung nicht, auch die Schlafhypnose, die in meinem dunkeln Zimmer hallt, bringt keine Erlösung. 

Auf meinem Handy leuchtet eine Benachrichtigung auf. Kurz ringe ich mit mir, dann nehme ich es in die Hand. 

Ich gehöre zu den neun von zehn Jugendlichen, die in einer Befragung angaben, täglich Social Media zu nutzen. Bei einem Viertel der Kinder und Jugendlichen nimmt der Konsum ein riskantes bis krankhaftes Ausmass an. Allerorten wird über Verbote diskutiert. Doch ist das wirklich die Lösung?

In wenigen Stunden werde ich mich völlig übermüdet zu meiner Familie setzen und die Augen verdrehen, wenn meine Mutter fragt, ob ich in der Nacht wieder zu lange am Handy war. Für sie und für viele andere ist klar: Das Smartphone ist ein Teufelsapparat, der unbemerkt, aus der Hosentasche heraus, die psychische Gesundheit und das Leben Jugendlicher zerstört. 

Das Handy leuchtet hell im dunklen Zimmer. Es zeigt mir 234 ungelesene Nachrichten an, die ich seit Stunden, Tagen, sogar Monaten nicht beantworte. Ich lege es wieder weg. 

*

Auch wenn ich das meiner Mutter gegenüber niemals zugeben würde, so hat sie mit ihrem ständigen «Das liegt alles nur daran, dass du immer am Handy bist!» gar nicht so unrecht. Eine grosse Studie zur Mediennutzung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die die ZHAW alle zwei Jahre publiziert, stützt ihre These. Darin steht, dass die Nutzung von Smartphones zu Schlafproblemen führe. Was wiederum zu Konzentrationsproblemen führt, bis hin bis zu Symptomen depressiver Verstimmungen und Angststörungen. 

An der Fachmittelschule bin ich im Geografieunterricht am Montagmorgen öfters eingenickt, als mir lieb war. Mein liebster True-Crime-Podcast veröffentlichte neue Folgen immer um Mitternacht, und mit dem Hören bis zum Morgen zu warten, war für mich unvorstellbar. Seit meinen Kinderjahren habe ich ein Flair für Horror, bin dummerweise aber gleichzeitig eine sehr schreckhafte Person. So lag ich nach dem Ende einer Folge jedes Mal Stunden wach und gruselte mich vor potenziellen Mörder:innen, die vor meinem Fenster lauerten.  

Während mir die Liebe zu Mördergeschichten zwar die Chance auf einen gesunden Schlaf raubte, schützte sie mich immerhin vor einer grossen Gefahr, die im Internet lauert. Mit 13 fand ich den amerikanischen Serienmörder Ted Bundy einiges interessanter als Kim Kardashian und ihre Schwestern. Das hielt meinen Instagram-Feed frei von Bildern der von Kopf bis Fuss operierten Models, die die Smartphones meiner Freundinnen fluteten. 

Vor einigen Jahren enthüllte das Wallstreet Journal mit den «Facebook-Files», dass Meta die schädlichen Auswirkungen seiner Plattformen kennt, aber nichts dagegen unternimmt. In der Recherche steht, dass sich zwei Drittel aller befragten Mädchen und Frauen auf eine negative Weise mit den Inhalten vergleichen, die sie auf Instagram sehen. Dank meinem Feed voller Fakten über Schwerverbrechen blieb mir das erspart. 

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An der Kantonsschule, die ich diesen Sommer abgeschlossen habe, war das Smartphone ein grosses Thema. 

Auf Präventionsanlässe, aus denen ich ausser «verschickt keine Nacktbilder» und «die Polizei darf euer Handy durchsuchen» nicht viel mitgenommen habe, folgte im Frühling 2025 eine E-Mail. Die Schulleitung hatte beschlossen, die ganze Kantonsschule Schaffhausen in eine handyfreie Zone zu verwandeln. 

Der Aufschrei der Schüler:innen liess nicht lange auf sich warten. Die E-Mail kam an einem Freitag. Am Montag darauf hing am schwarzen Brett eine gelbes Blatt. Knallrot und dick unterstrichen stand darauf: «Handyverbot an der Kanti – eine Schande». Wer dahintersteckte, wusste niemand so genau. Eine kleine Gruppe der Abschlussklässler:innen, vermuteten wir.

Als ich das Flugblatt zum ersten Mal sah, musste ich schmunzeln. Mir erschien es reisserisch, mit Flammen im Hintergrund und dramatischen Worten, die die Kanti-Schüler:innen zu Opfern einer Diktatur machten, die ihnen ihr einziges Sprachrohr zur Aussenwelt verbot. Trotzdem habe ich die Petition unterschrieben. An einem Tag kamen 350 Unterschriften zusammen, wie eine Schülerin den Schaffhauser Nachrichten damals berichtete. Der Fortschritt wurde stolz auf Instagram geteilt, ein Gefühl von Widerstand und Auflehnung verbreitete sich in den Klassenzimmern, in der Mensa waren die Freiheitskämpfer:innen, die unser Recht auf ein Handy verteidigten, Gesprächsthema Nummer eins. Bald wurde jedoch bekannt, dass unsere Held:innen die Petition mit unseren Namen nie bei der Schulleitung abgegeben hatten. Wieso, erfuhren wir nie.

Damit war die Rebellion vorerst zu Ende. Als das Verbot in Kraft trat, hörte man es in den Pausen auf den Toiletten murmeln, wie unerhört das alles sei. Die lautesten Stimmen verstummten als erste. Wir passten uns an. Schüler:innen, die Seite an Seite auf dem Boden sassen und gamten wurden seltener, in der Mensa mussten die «Ich muss dir noch was erzählen»-Gespräche ohne Fotos der Personen auskommen, über die wir tratschten. Wir benutzen bald ihre Vor- und Nachnamen, Verwechslungen häuften sich mit blossen Vornamen schnell. 

Aber wir entdeckten auch die Schlupflöcher. Irgendwann wussten wir, welche Lehrpersonen uns nicht ermahnten, und wie wir beim Lernen in der Bibliothek unsere Handys hinter unseren geöffneten Laptops verstecken mussten, um den scharfen Augen der Bibliothekarinnen zu entgehen. Wir schlichen in den grossen Pausen über die Grenzen des Schulareals, wo das Verbot nicht galt. Überhaupt stellten viele von uns bald fest: Unser Social Media-Konsum hatte sich nicht verringert, wir taten es nur versteckt. 

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Oft werden die sozialen Medien als die Wurzeln aller Unsicherheiten und Ängste junger Menschen beschrieben. Dabei sind es nicht die Plattformen allein, die uns Mühe machen – es sind die Inhalte, die auf ihnen zu sehen sind, und die spiegeln unsere Gesellschaft und aktuelle Geschehnisse. Schlechte Nachrichten verbreiten sich überall schneller und besser als gute. Nur kann man sich ihnen in den sozialen Medien schlechter entziehen.

Zwischen einem Katzenvideo und der Erzählung eines Dating-Fails wird mir ein Video der AfD in den Feed gespült, welches ich nicht anders denn als Propaganda beschreiben könnte. Für junge Menschen wie mich ist es wichtig, einen eigenen Umgang mit dieser Informationsflut zu finden. 

Und informiert zu sein ist essenziell, um sich solidarisch zu äussern.

Zurzeit sind die Titelseiten und Abendsendungen voller Bilder barbarischer Jugendlicher, die Paris in Schutt und Asche legen. In meinem Feed berichten die Protestierenden vom Zusammenhalt, den sie in den Menschenmassen gefunden haben. Ich sympathisiere sehr mit diesen jungen Menschen, die sich trauen, auf die Strasse zu gehen, die für ihre Werte mehr riskieren als die Politiker:innen, die in ihrem Land regieren. 

Die sozialen Medien dienen jungen Menschen wie mir nicht nur der Informationsbeschaffung. Sie sind das primäre Kommunikationsmittel meiner Generation. Durch häufigen und direkten Kontakt werden Freundschaften gestärkt. Ohne Smartphone würden sich einige meiner engsten Freundschaften im Sand verlaufen. Ich würde von vielen nur im Abstand von Monaten hören, und einige würde ich komplett aus den Augen verlieren.  

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Gegen Ende meiner Schulzeit, zum Jahrestag des Handyverbots im März dieses Jahres, bewegte sich plötzlich wieder etwas in der Résistance. Per Mail gratulierte uns die Rektorin, weil wir uns vermeintlich hervorragend an das Verbot hielten. Uns wurde eine Überraschung versprochen, in der Mensa während der grossen Pause. 

Wir hofften auf eine Lockerung der Regel. Stattdessen gab es Gipfeli. 

Im Juli tauchte auf Instagram eine KI-generierte Banane auf, die «Siechbanane», die in Videos Toiletten zerstört und sich mit ihrer Catchphrase «Siech, Miech!» gegen das Handyverbot und die Schulleitung ausspricht. Die Siechbanane ging als Freiheitskämpferin in die Geschichte der Kanti ein. Später gesellte sich ein zweiter Account dazu, auf dem in KI-generierten Montagen mit Gipfeli scharfe Kritik an der Schulleiterin geäussert wird. Es ist alles sehr dadaistisch.

Es gibt aber auch ernstzunehmende Stimmen. Junge Menschen, die sich Gedanken machen und sich wehren. Eine Freundin von mir hat sich während ihres Abschlussjahrs immer und immer wieder mit dem Verbot beschäftigt, das Gespräch mit Lehrer:innen und der Schulleitung gesucht. Sie erzählt mir, dass es sich für sie wie ein «Schlag ins Gesicht» angefühlt habe. Ihr ist bewusst, dass ein grosser Teil unserer Generation ein Suchtproblem hat; sie kritisiert auch nicht, dass sie ihr Handy nicht nutzen kann, sondern das Prinzip dahinter. Dass die Schüler:innen, denen die Schule Selbstständigkeit und das Erwachsensein näherbringen soll, auf diese Weise bevormundet werden. 

Das Handyverbot schränkte unsere persönlichen Freiheiten auf eine Weise ein, in der wir uns weder ernstgenommen noch respektiert fühlten. Es kam für viele von uns zu endgültig, zu abrupt. Wir hätten uns ein Mitspracherecht der Schüler:innenschaft gewünscht. 

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Nächste Woche startet unter dem Motto «Handy aus. Hirn an» eine kantonsweite Handy-Challenge. Man hat aus den Fehlern der Kanti gelernt: Die Challenge ist als Selbstversuch angelegt, der vorerst auf freiwilliger Basis stattfindet. Während drei Wochen sollen die Schüler:innen ihre tägliche Bildschirmzeit auf zwei Stunden begrenzen. Dadurch kommt die Sensibilisierung schrittweise und mit Kontext, die Hintergründe sind verständlicher und die Jungendlichen erlernen einen geregelten, gesunden Konsum anstatt von vollständigem Verzicht. Auch wenn ich selbst wohl nicht freiwillig an dieser Challenge teilgenommen hätte, so hätte ich zumindest die Chance gehabt, meinen Konsum zu hinterfragen.

Mich stört aber das Motto der Challenge. Junge Menschen nutzen soziale Medien, um zu kommunizieren, sich zu informieren und sich mit Themen zu beschäftigen, die in der analogen Welt nicht besprochen werden. Wir sind nicht dumm. Wieso also «Hirn an»?

Natürlich birgt das Internet Gefahren. Sie sind mir bewusst und ich verfalle ihnen trotzdem von Zeit zu Zeit. Social Media deswegen als Teufelszeug zu verschreien und den Konsum an Schulen verbieten zu wollen, das – pardon – ist Schwachsinn.