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Kaleidoskop

Werner «Kolibri» Blattmann und seine Partnerin Renate Friz sind seit fünfzig Jahren eine Einheit. Fotos: Robin Kohler

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Ein Kolibri, der nicht fliegen, aber zeichnen kann, und ein Leben voller Neuanfänge: Die Vita des Altenburger Künstlers Werner Blattmann ist so bunt wie seine Bilder.

Farbig angemalte Pflastersteine weisen den Weg durch den Vorgarten zum alten Haus am Ende der Dorfstrasse. Eine verwitterte Che-Guevara-Fahne hängt in der Garage. Am Hauseingang wacht Jesus am Kreuz zusammen mit einer buddhistischen Figur und einem Yin-und-Yang-Symbol. Die Tür steht weit offen. Kolibri und seine Partnerin Renate Friz bitten ins Atelier. Der 75-jährige, feingliedrige Künstler scheint mit seinem Norwegerpulli und der von Pinselstrichen gesprenkelten Arbeitshose mit dem Raum zu verschmelzen. Vom Atelierfenster öffnet sich ein spektakulärer Blick auf die Rheinauer Rheinschleife. Für Kolibri ist es die Aussicht seiner Kindheit – sein Elternhaus steht nur ein paar Schritte weiter die Strasse hinauf. Als er in den Neunzigern nach langen Jahren im quirligen Berliner Grossstadttrubel ins Dorf zurückkehrte, empfand er die Landschaft hier als Wüste: absolut nichts los.

Seit 30 Jahren lebt und arbeitet der Künstler wieder in der Region und stellt gerade in Ramsen aus. Doch einst war Kolibri von hier geflohen.

Immer dem Daumen nach

Die Geschichte beginnt 1971. Kolibri, damals noch Werner Blattmann, war keine 20 Jahre alt und frisch ausgebildeter Postbeamter. Nicht sein Traumberuf, das wusste er schon damals, aber bei der Berufswahl hatten die Eltern das letzte Wort. Mit dem Lehrabschluss flatterte auch der Rekrutierungsbefehl der Schweizer Armee ins Haus des Altenburgers mit Schweizer Pass: «Nach der Musterung war klar: Da gehe ich bestimmt nicht mehr hin.» Verweigerer landeten damals im Gefängnis. Auch das kam für den jungen Idealisten nicht infrage. Also gab es nur eines: abhauen. Fast aber hätte das wegen eines Lausbubenstreichs nicht geklappt.

Kolibri erinnert sich: «Kurz bevor ich weggegangen bin, haben wir noch die Stadt verschönert. Mit Spraydosen.» Er grinst. Ein Blick ins Zeitungsarchiv stützt die Geschichte: In einer Juninacht wurden sechs Burschen in flagranti dabei erwischt, wie sie in Schaffhausen Plakate klebten, darunter «ein Postbeamter, Jahrgang 51». Sie wehrten sich gegen bürgerliche Zwänge. Fotos zeigen Sprüche in krakeliger Schrift: «Nieder mit der Scheindemokratie (Scheisse)» im Kreuzgang und «Alle Macht dem Volke» am Stadthaus. Bei der Nacht-und-Nebel-Aktion wurde Kolibris Gruppe verhaftet, kurz darauf aber wieder laufen gelassen. «Es war meine letzte Nacht in Schaffhausen. Mein Rucksack stand schon gepackt im Flur. Am nächsten Morgen stieg ich in den Zug und war weg.»

Sein Ziel: Schweden. Dorthin zog es damals viele junge Schweizer. Kolibri hatte gehört, dass das Land Kriegsdienstverweigerern Asyl bot. Und merkte bald: Das galt wohl für Amerikaner, die sich dem Einsatz in Vietnam entzogen, nicht aber für pazifistisch gesinnte Schweizer. Also trampte er durch den Norden, dann nach Holland und England. Als der Sommer vorüber und die Taschen leer waren, zog er weiter, über den Balkan und Griechenland nach Israel. In einem Kibbuz fand er Arbeit in Orangenplantagen und auf Baumwollfeldern, ein «Knochenjob» sei das gewesen. Er lernte Leute kennen, die ähnlich tickten wie er. «Es herrschte Aufbruchstimmung. Wir träumten davon, etwas Neues anschieben zu können.» Ob es hinhauen würde, war eine andere Frage. Trotzdem: Weitermachen wie bisher war keine Option.

Woher kam diese Einstellung? Kolibri, der seine langen Haare zu einem Zopf gebunden hat, ist ein typischer Alt-Achtundsechziger: «Ich wollte dem gewohnten Trott nicht folgen. Und ich wollte Neues entdecken. Da war die Idee von Love und Peace.» Schon in der Lehre hatte er Gleichgesinnte getroffen, zusammen die «neue Musik» gehört: Led Zeppelin, Black Sabbath, Bob Dylan. Seine Haare trug er damals noch kurz – bei der Post musste man kultiviert aussehen. Aber nur äusserlich: Die Schaffhauser Post schickte Lernende, die ihr nicht in den Kram passten, nach Zürich. Sollten sie sich doch dort die Hörner abstossen. Kolibri gefiel das natürlich. In Zürich erlebte er die geschichtsträchtige Besetzung eines Bunkers unter dem Lindenhof. «Da war die Hölle los», sagt er.

Ein halber Tag hinter Gittern

Nach einem halben Jahr im Kibbuz wollte Blattmann weiter nach Indien, wie viele «Hippies» seiner Generation. Aber als er sah, in welchem Zustand die Leute zurückkamen, habe er es sich anders überlegt. Mit Drogen wollte er nichts zu tun haben. Also reiste Kolibri zurück in die Heimat und wurde an der Grenze prompt verhaftet: «Ich musste einen halben Tag ins Gefängnis und bekam sogar ein neues Dienstbüchlein.» Immerhin: Damit war das Thema Militärdienst erledigt.

Dafür begann ein neues Kapitel: das Zeichnen. Kolibri ging erst nach München und dann nach Stuttgart, wo er Grafikdesign und Illustration studierte. Dort lernte er auch seine Partnerin Renate Friz kennen. Seit 50 Jahren sind die beiden unzertrennlich.

Stuttgart 1979: Die frisch gegründete Tageszeitung (taz) suchte bundesweit nach neuen Talenten, und Blattmann bewarb sich. Eine lockere Zusage reichte ihm: Er packte seine Koffer und zog nach Berlin. Vielleicht hatte er nur auf die nächste Gelegenheit gewartet, wieder auszubrechen, vielleicht hatte er einfach Lust auf ein neues Abenteuer – Kolibri wirkt jedenfalls wie einer, der darauf vertraut, dass es schon gut kommt. Zwei Wochen später hatte er den Job auf sicher.

Fünf Jahre lang arbeitete er als Grafiker und Zeichner bei der taz, bis es ihm irgendwann zu viel wurde, sich von morgens bis abends mit Politik zu beschäftigen. Ausserdem zogen die ersten Computer ins taz-Büro ein. Aber da machte er nicht mit. Kolibri, der Militärdienstverweigerer, ist keiner, der sich gesellschaftlichen Zwängen beugt – bis heute nicht. Die Computerarbeit übernimmt Frau Kolibri, erzählt sie schmunzelnd: Sie organisiert Ausstellungen, betreut die Website, versendet Anfragen und speichert Fotos von Kolibris Werken im digitalen Archiv.

Nach der Episode bei der taz musste also etwas Neues her. Kolibri arbeitete als freier Zeichner, Karikaturist und Grafiker. «Berlin war zu DDR-Zeiten eine schöne Insel, ein kreatives Chaos.» Nach der Wende wurde es schwieriger. Viele seien nach Westberlin getrudelt, ihr Glück zu suchen: «Es war total überlaufen.» Das Paar verliess die Grossstadt und kehrte 1996 nach Altenburg zurück – mitsamt seiner Katze, die zum ersten Mal auf einer Tuschzeichnung aus Berlin auftaucht und später in vielen weiteren Bilder verewigt werden sollte.

Zurück in der Heimat erfand Kolibri sich neu. Er suchte seinen Stil zwischen Zeichnung und Malerei, zwischen Pinselstrichen und feinsten Federschraffuren. Mit dem Velo sei er durch die ganze Gegend gefahren, habe Galerien und Ausstellungsräume abgeklopft, konnte so seine Bilder bekanntmachen, gewann zwei Förderpreise. Die Ausstellungen realisierte er zusammen mit seiner Partnerin. «Künstler zu sein, ist ein steiniger Weg, man lebt praktisch von Ausstellung zu Ausstellung und hofft, Bilder verkaufen zu können.» Er hatte zwar nebenbei immer auch andere Aufträge, aber das Einkommen durch seine Bilder sei wichtig gewesen, um das Leben zu finanzieren. An die 500 habe er verkaufen können in den letzten 30 Jahren. Malerei als Beruf und nicht als Hobby. «Nein, ein Hobby war das definitiv nie», sagt auch Renate Friz.

Über dem Türrahmen seines Ateliers hängt ein filigraner Kolibri. Warum er den bunten Vogel als Künstlernamen gewählt hat, weiss er nicht mehr so genau. Vielleicht war es eine Art Vorsehung. Farben zogen nämlich erst viel später in seine Kunst ein. Lange bestanden Kolibris Arbeiten aus schwarzer Tusche und Federstrichen.

Seine Bilder wirken durch ihre Farbigkeit leicht und fröhlich und sind gleichzeitig von beeindruckender Genauigkeit und Präzision. Seine Motive zeigen eine kindliche Leichtigkeit, die er sich bewahren will, sind aber auch überraschend pointiert. Er denke eben immer noch vom Strich her, sagt der Künstler. In seinem Atelier hängt neben feinen Pinseln und Zeichenfedern eine ganze Reihe von Linealen. Kolibris Mission ist einfach: «Wenn die Leute ein Bild von mir kaufen, sollen sie etwas Schönes haben.» Er sagt dies ohne Naivität. Er ignoriere nicht, dass die Welt nicht immer schön sei. Aber er wolle das Positive zeigen, gerne auch mit einer Prise Satire: «Ich versuche, zart zu sticheln.» Das Spiel mit Mustern, Farben und Formen wirkt ornamental, manchmal fernöstlich. Tatsächlich werde er oft gefragt, ob er in Tibet oder Indien gewesen sei – aber nein. Vielleicht sollte er das noch nachholen.

Kolibri ist ein halbes Leben lang herumgetingelt, als suche er etwas. Hat er es gefunden? Er überlegt einen Moment und sagt dann, er sei froh, dass er als junger Mann den Schritt gewagt und aus seinem Dorf in die Welt gezogen sei. «Sonst wäre ich vielleicht ein Leben lang auf der Post geblieben.» Frau Kolibri lacht: «Unvorstellbar!»

Die Ausstellung «Kolibris bunte Welt» in der Galerie zum Kranz in Ramsen ist an diesem Samstag (18.10.) von 13 bis 16 Uhr geöffnet. Am Sonntag (19.10.) findet ab 13 Uhr die Finissage statt.

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