Website-Icon Schaffhauser AZ

Das Kantonsgedächtnis

Foto: Robin Kohler

This content is protected against AI scraping.

Niemand kennt Schaffhausen so gut wie Bruno Sternegg. Jetzt hat der Sammler Auswanderpläne – und gibt sein Vermächtnis ins Archiv.

Der Weg zu Bruno Sterneggs Arbeitszimmer führt durch ein halbes dutzend Türen. Dazwischen liegen niedrige Räume mit allerlei fantastischen Dingen, die sonst nur hinter Glaskästen zu sehen sind: Riesige, kalkverkrustete römische Amphoren, eine grünseidene Herrenjacke aus dem vorletzten Jahrhundert, ein Empirekleid aus Musselin. In der Wohnzimmerecke steht neben einer Zimmerpflanze eine komplette Ritterrüstung.

Der Weg durch die ganzen Türen dauert eine Weile. Das liegt daran, dass unter Bruno Sterneggs abgetragener Schirmmütze eine Art Schaltzentrale sitzt, mit tausend Knöpfchen, die alle miteinander verbunden sind. Fragt man ihn nach einem Objekt, feuert eins dieser Knöpfchen Signale an die andern ab, und sofort sprudeln die Anekdoten. Ein wandelndes Kompendium für Alltagsgeschichte.

Hinter der letzten Türe liegt schliesslich eine Kammer voller Bilder. Sie hängen an den Wänden, stapeln sich auf dem Boden und auf einem grossen Tisch, auf dem Bruno Sterneggs Laptop steht. Tausende Fotoabzüge, Glasplatten und Negative hat er über die Jahre gesammelt. Es sind Aufnahmen aus Schaffhausens Örtchen und Dörfern, sie zeigen vermeintlich Nebensächliches. Aber in der Masse bieten sie einen Einblick in den Alltag vergangener Zeiten, der auch für Akademiker:innen wertvoll ist. Das Stadt- und das Staatsarchiv hatten deshalb schon länger auf diese Schatz gespienzelt. Jetzt ist Bruno Sternegg dabei, ihn zu übergeben. Der Sammler hat Auswanderungspläne.

Dafür bringt er Ordnung in die Dinge. Dabei entspricht das eigentlich überhaupt nicht seiner Art.

Saurierknochen abschlecken

Lange interessierte sich Bruno Sternegg gar nicht für Fotografien. Sie waren ihm zu wenig alt. Seit er einmal als Primarschüler bei Iuliomagus einen alten Ziegel ausgrub, wollte er Archäologe werden. Da habe es ihn gepackt, sagt er. Der kleine Bruno fing an, in den Schleitheimer Äckern zu graben. Dabei fand er die schönste Fibula, die ins Museum zu Allerheiligen kam. Das sagt der erwachsene Bruno ein paar Mal, mit verschmitztem Stolz: die schönste Fibula!, und grinst.

Zum Archäologen hat es Bruno Sternegg nie gebracht. Wegen dem Latein spickte es ihn aus der Kanti. Stattdessen wurde er Hochbauzeichner, dann Galvanisierer, später Antiquitätenhändler. Und wie manches, was er im Leben schon gemacht hat, fing das Sammeln mit einem Zufall an. Eines Tages stiess er im Dachstock eines Hauses, das er als Hochbauzeichner-Stift ausmessen musste, in einem Holzstoss auf eine jahrhundertealte Bibel. Der Hausbesitzer schenkte sie ihm, er hätte sie sonst verbrannt. Diese Bibel habe ihn so fasziniert, sagt Bruno Sternegg, und es ging ähnlich vonstatten wie beim Ziegel, paff, neue Leidenschaft.

Bruno Sternegg in seinem Garten. Fotos: Robin Kohler

Auch die historische Fotosammlung, die Sternegg gerade den Archiven übergibt, nahm ihren Anfang in einem Zufall. Beziehungsweise in einem Müllsack. Damals, um das Jahr 2010, so genau weiss Sternegg das nicht mehr, reiste der Antiquitätenhändler für die Räumung des Tonwerks nach Lohn. Ihm fiel der Müllsack ins Auge, darin fand er Barocktruhen. Die Besitzer hätten alles wegschmeissen und das Haus abreissen wollen, erinnert er sich, und dafür hatte er wenig Verständnis. Um sie davon abzubringen, erstellte er die Website schaffhausen-nostalgie-foto.ch und dokumentierte darauf anhand historischer Aufnahmen die Geschichte des Tonwerks und der Besitzerfamilie. Das habe geklappt, sagt er, zumindest halb: Das Haus sei zwar ausgehöhlt worden, aber es stehe noch. Dafür wurde seine Website immer grösser. Wie schon beim Ziegel und der Bibel geriet er in einen Hyperfokus, nur packte ihn diesmal die Bilderwut. Vergnügt erzählt er heute von den Rivalitäten mit andern Sammlern, in Schaffhausen war es eine gute Handvoll, einer sei ein Reicher gewesen, ein Richter, «de hät für e Postcharte chöne tusig Stei zahle». In den Auktionen auf Ebay oder Ricardo hatte man keine Chance gegen den, aber Sternegg bot trotzdem mit, um den Preis hochzudrücken. Er lacht vergnügt.

Inzwischen sind die meisten andern Sammler verstorben. Und Bruno Sternegg ist unterdessen versehentlich zum inoffiziellen Gedächtnis des Kantons geworden. Als eines Tages auch sein Laptop ablebte und er nicht mehr auf seine Website zugreifen konnte, setzte er eine neue auf. Wie Sterneggs Fundus ist auch schaffhausen-foto-archiv.ch organisch gewachsen, sie ist die Bit-gewordene Version seines Arbeitszimmers mit seinen tausend Kistchen, Säcken und Stapeln mit Zeugs. Dass die Website nur unwesentlich jünger aussieht als die historischen Fotos, die Sternegg darauf zeigt, trägt zu ihrem Charme bei.

Heute stellt Sternegg seine Fotos in die Facebook-Gruppe Schaffhausen Nostalgie, die er vor einigen Jahren gegründet hat. Inzwischen hat sie eine Reichweite, von der manche Lokalredaktion nur träumen könnte.

Plötzlich erwähnt er fast beiläufig, dass hier irgendwo noch ein Saurierknochen liege, bahnt sich zielstrebig einen Weg in eine Ecke und fängt an, in einem der Stapel zu wühlen. Es ist ein grosser Stapel. «Scheisse», sagt Bruno Sternegg vergnügt, gräbt und wühlt, ruft schliesslich: «gsesch, ich bi sauguet!» und hievt einen kopfgrossen Knochen hoch. Wahrscheinlich ein Schulterblattfragment vom Gresslyosaurus, oder Gresslyo, wie Sternegg ihn nennt. Würde man den abschlecken, bliebe man mit der Zunge dran kleben, erklärt er. Daran erkenne man, dass es ein Saurierknochen sei. Mit der Fingerbeere geht es auch.

Würde man mit weissen Handschuhen in Bruno Sterneggs Reich auftauchen, würde er wahrscheinlich mit derselben freundlich-nachlässigen Art abwinken wie er es tut, wenn man versehentlich gegen eins seiner Objekte stösst: Ach was, passiert schon nichts. Redet er vom Gresslyo oder von den Fotografen, deren Bilder er gerade für die Archive inventarisiert, klingt es, als spräche er über alte Bekannte. (Über manche weiss er Zweifelhaftes zu berichten, und obwohl Bruno Sternegg keineswegs auf den Mund gefallen ist und in den Kommentarspalten durchaus auch mal austeilen kann, hält er sich bei seinen längst verstorbenen Kollegen zurück; «da muesch jez nid schriibe», findet er.)

Museen investieren Geld und Arbeit, um Geschichte erlebbar zu machen. Bruno Sternegg hingegen wollte gar nie etwas anderes, als Geschichte für den Otto Normalverbraucher zu machen.

Der Menschenfresser

Der Historiker Marc Bloch beschrieb seine Berufskolleg:innen einst als Menschenfresser; Historiker:innen hätten in der Vergangenheit nicht nach abstrakten Daten oder Zahlen zu suchen, sondern nach Menschen aus Fleisch und Blut. So ein Menschenfresser ist auch Bruno Sternegg, wenn auch kein studierter. Die Fotografien faszinieren ihn, weil sie einen direkten Zugang zu den Leuten und ihrem Alltag bieten – im Gegensatz zu Lithografien zum Beispiel, die ihn nicht interessieren. Er nimmt eine Aufnahme in die Hand: Eine Dorfstrasse, die Sonne scheint, ein Baum ist zu sehen und ein Zaun mit paar Personen davor. Die Vorstellung, wie da vor hundert Jahren einer hinter der Kamera stand, nur ein paar Meter von diesen Leuten entfernt – «da isch doch geil!», freut sich Bruno Sternegg.

Guerilla-Archivar sucht Saurierknochen. Foto: Robin Kohler.

«Ich rede auch relativ gern mit Leuten», sagt Bruno Sternegg, der seit bald drei Stunden fast ohne Punkt und Komma erzählt und der vom Reden langsam heiser ist. Manchmal geht er mit seinen Fotografien in die Dörfer und spricht mit den Älteren darüber, die sich an manches noch erinnern. Die Adressen findet er in alten Telefonbüchern. Er greift fast blind in einen Stapel und kramt eines hervor.

Inzwischen kennt Bruno Sternegg Schaffhausen so gut wie sonst wohl niemand. Auch über das Fotografieren – seine grösste Leidenschaft – hat er jeden Winkel des Kantons kennengelernt. Obwohl er seit dreissig Jahren in Opfertshofen lebt, sieht er sich immer noch als Breitianer. Und lange hatte er absolut kein Bedürfnis, je aus Schaffhausen wegzugehen. Bis er sich vor ein paar Jahren verliebte. Nun plant er nach Thailand auszuwandern, wo seine Frau herkommt. Die Winter sind dort wärmer, es gibt die Schaffhauser Sturheit nicht. Alles sei besser in Thailand, nur der Käse nicht, sagt Bruno Sternegg und lacht.

Seit er weiss, dass er nicht für immer hier sein wird, arbeitet Bruno Sternegg an seinem Vermächtnis. Die Fotos, die er selbst schiesst, speichert er auf Festplatten ab, die er in zwei Häufchen sortiert hat. Mit Filzstift hat er das eine mit «ZERSTÖREN» angeschrieben, das andere mit «Best of Bruno». Eine Massnahme für den Fall, dass einmal plötzlich fertig sein sollte. Wenn zum Beispiel das Flugzeug nach Thailand abstürzt, sagt er vergnügt. Deshalb hat er sich auch entschieden, seine historische Bildersammlung dem Archiv zu übergeben. Wenn nämlich nach seinem Ableben irgendein Trottel das Haus räumen und alles wegschmeissen sollte, scheisse, dann wär alles weg.

Bruno Sternegg, das spürt man, sieht sich selbst als Original. Und ein bisschen stimmt das ja auch: Man müsste statt seiner Sammlung eigentlich ihn archivieren, als lebendiges Kantonsgedächtnis.

Stattdessen steckt er sein ganzes, aus tausend Anekdoten zusammengelismetes Wissen fein säuberlich in kleine Umschläge aus Fotopergamin, die ihm das Archiv gegeben hat. Für jedes historische Bild ein Umschlag, auf den er mit Bleistift eine Zahl notiert, die er dann in eine Excel-Tabelle schreibt und mit Eckdaten versieht: Entstehungszeitpunkt, Ort, Fotograf. Manchmal weiss er alle Angaben sofort, manchmal muss er sie aufwändig rekonstruieren. Dabei könne man schon Zeit verlochen.

Seine Website, sein digitalisiertes Gedächtnis, wird er löschen, wenn – voraussichtlich in zwei Jahren – die Übergabe abgeschlossen ist. Es wird dann den Historiker:innen überlassen sein, die Sammlung Sternegg aus den Rollregalen und Archivschachteln zu holen und daraus neue Geschichten zu spinnen.

Beim Tor vor Bruno Sterneggs Haus stehen ein Sandsack und ein Keramikschwein. An der Hauswand daneben hängt eine grosse Grabplatte, eine von diesen verwitterten alten, die man sonst nur in Museen oder Kreuzgängen sieht. Ach, winkt Bruno Sternegg ab, das ist halt so eine Platte, «aber da hinten» – er geht ein paar Schritte und deutet hoch – «hängt die alte Fahne vom Schloss Herblingen.»

Nachdenklich betrachtet er die metallene Fahne, die zwischen Efeuranken und einem Leuchtschriftzug ANTIQUITÄTEN an der Hauswand hängt. «Es hät scho lässigs Züg», sagt er.

Wir schenken Dir diesen Artikel. Aber Journalismus kostet.
Hier geht es zum Probe-Abo: drei Monate lang jede Woche eine AZ für nur 48 Franken.

Die mobile Version verlassen