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Christoph Blocher konstruiert sein Neutralitätsverständnis aus seiner Kindheit am Rheinfall. Ein Besuch in Herrliberg.
Nora Leutert und Simon Muster (Text), David Schelker (Foto)
Im Garten von Christoph Blochers Villa in Herrliberg trieb jüngst ein Dachs sein Unwesen. Er grub Löcher in den Rasen. Die Zeitungen griffen die Story des Altbundesrats beflissen auf. Wie man vor Blochers bunkermässigen Arbeitsräumlichkeiten am Hang seines riesigen Anwesens steht, mit freier Sicht auf das Alpenmassiv, sieht man vom Dachs keine Spur. Alles picobello hier.
Hier, von seinem Zürcher Goldküsten-Reduit aus, plant Christoph Blocher seit bald 30 Jahren seine Schlachten – gegen Europa, die «Roten» und alles Fremde. Aufgewachsen ist er indessen als Pfarrerssohn im Örtchen Laufen am Rheinfall. Und dort liegt die Wiege seines bisher einsamsten Kampfes: jenes um die immerwährende und bewaffnete Neutralität der Schweiz. Dem 85-Jährigen geht es dabei um nichts weniger als um die Verwirklichung eines Auftrags, den er als kleiner Bub am tosenden Rheinfall, nahe der deutschen Grenze, gefasst haben will.
Doch bevor der SVP-Patron in seinem Sitzungszimmer Fragen zulässt, holt er unbeirrt zu einem Führungsseminar aus. Es erinnert verdächtig an die berühmten «seven thinking steps», die seine Tochter Magdalena Martullo-Blocher, CEO der EMS-Chemie, einst ihren versammelten Managern erteilte. Blocher empfiehlt, das Buch Das Blocher-Prinzip zu lesen, das in Schaffhausen verlegt wurde. Dort stehe drin, wie man einen Auftrag erteile und Zeit gewinne. «Die schönsten Briefe zu diesem Buch», so Blocher, «habe ich von Müttern mit Kindern erhalten.» Er lässt sich nicht unterbrechen, bis fast die Hälfte der 45 Gesprächsminuten um ist, welche seine Sekretärin den beiden nun nervös scharrenden AZ-Journalist:innen in Aussicht gestellt hatte. Doch es sind nur Spielchen. Er habe es nicht eilig, sagt Blocher irgendwann in aller Seelenruhe.
Dem SVP-Übervater gefällt, dass die ehemalige Arbeiterzeitung in Herrliberg antrabt. Es sei das erste Mal in der Geschichte. Blocher sieht sich gerne als derjenige, der seine Feinde überdauert. «Der Fehr ist ja gestorben», bemerkt er beiläufig über seinen früheren Kontrahenten, den SP-Präsidenten, der die AZ jahrzehntelang publizistisch prägte. Auf die Entgegnung, Hans-Jürg Fehr sei durchaus noch am Leben, sagt Blocher: «Aber verschwunden ist er.» Er selbst sei der umstrittenste Politiker der letzten 40 Jahre, so Blocher und hebt den Blick unbescholten. «Ich bin noch hier, aber ich finde meine Gegner nicht mehr.» Er lacht herzlich.
Der Alleingang
Vielleicht ist Christoph Blocher deshalb zum Einzelkämpfer geworden, der er heute ist. Er hat die Neutralitätsinitiative, über die das Land am 27. September abstimmt, unabhängig von der SVP lanciert, berappt einen Grossteil des Abstimmungskampfs aus seinem eigenen Portemonnaie. Ursprünglich hat er zwei Millionen beigesteuert, vergangene Woche hat er nochmals 1,8 Millionen Franken nachgeschoben. Selbst in der SVP soll man die Augen über den Alleingang des Parteivaters verdrehen, der allen Umfragen nach auf verlorenem Posten kämpft. Er selbst sieht sich in der Tradition Willhelm Tells. Der Tell, so Blocher mit grosser Geste, habe in der Hohlen Gasse vor dem Schuss auf Gessler auch mit sich gerungen. «Ist das Mord oder ist das Freiheitskampf? Bin ich derjenige, der das tun muss? Am Schluss sagt er: Ich muss es.»
Blocher wählt eingespielt, welche Sätze er in Schriftsprache betont und welche er lieber mit einem Faustschlag auf den Tisch beendet. Er schickt ein Schlüsselzitat aus Schillers Drama nach, deutet es grosszügig für seine eigenen Zwecke: «Der Starke ist am mächtigsten alleine.»
Das ist er, der Blochersche Imperativ. Die Worte des SVP-Doyens erinnern an ein Gleichnis, das sein fundamentalistischer Bruder Pfarrer Gerhard Blocher gerne bemühte: Das Wasser frage auch nicht, ob es den Rheinfall herunterstürzen solle. Es tue es einfach. Genauso sei es auch bei Christoph: Er frage nicht nach, erfülle einfach seinen Auftrag.
Die Vergangenheit
Christoph Blocher kam 1940 in Schaffhausen zur Welt. Aufgewachsen ist er auf der Zürcher Seite des Rheinfalls. Gerne erzählt er in diesen Tagen von der Bombardierung Schaffhausens im Jahr 1944, die er, der kleine Pfarrerssohn, miterlebte. Mit seinen Geschwistern sass er an jenem Tag alleine zu Hause am Mittagstisch. Als sie wegen des Flugalarms in den Keller flüchteten, rannte der dreijährige Christoph nochmals hoch, um die Wähe zu holen. Der Schrecken hinterliess Eindruck. Er und seine zehn Geschwister hätten jeweils zwischen den Grabsteinen auf dem Friedhof beim Pfarrhaus Verstecken gespielt, erzählt Blocher: Der marmorne Grabstein für die Bombardierungsopfer sei der Grösste gewesen.
Deutsche Soldaten ennet der Grenze hätten sie nie gesehen. Wohl aber die Schweizer Armee auf ihrer Seite: Familie Blocher hatte während des ganzen Kriegs eine Kompanie in ihrem Holzschopf zu Hause stationiert. «Die Offiziere schliefen bei uns im Pfarrhaus. Als sie abzogen, bekam ich als kleiner Bub vom Hauptmann eine Holzkuh geschenkt. Die schenkte ich später meinen Kindern und sie wiederum ihren Kindern.»
Aus diesen Erinnerungen alleine ergibt sich aber noch kein klarer Auftrag für die Neutralitätsinitiative. Der 85-Jährige hebt die Schultern: «Das sind die Fragen im Alter: Von wem hab ich das?»
Ja, sagt er dann, wahrscheinlich habe er den Auftrag vom Vater erhalten. Wolfram Blocher war erzkonservativer Pfarrer in Laufen, bis er Anfang der 1950er-Jahre abgewählt wurde. Ein Familienpatriarch, glaubt man einem Essay seines Sohnes Andreas Blocher. Dieser schreibt, auf väterliche Strafe hin sehe er seinen Bruder Christoph in der Erinnerung immer noch heulen und schreien, «als füge er eine ironische Übertreibung an, um seinen Vater auszutricksen.»
Christoph Blocher hebt etwas anderes aus seinen Kindheitserinnerungen hervor, nämlich die Worte des Vaters. Die Schweiz müsse neutral sein, habe er ihm und seinen Geschwistern während des Krieges gepredigt. Auch gegenüber einem, der Unrecht begehe und angreife. «Er sagte uns, wir seien gefährdet, enorm gefährdet. Deshalb dürfen wir den Gegner nicht reizen.» Das, so Blocher, hätten die Kinder verstanden.
Der Auftrag
Dabei ist die Region Schaffhausen ein sonderbares Beispiel für das, was Blocher illustrieren will. Bei der Bombadierung durch US-amerikanische Flieger starben vierzig Personen und über hundert weitere wurden verletzt. Noch Jahrzehnte danach beschäftigte die Leute die Frage, ob nicht gerade die Neutralität der Schweiz der Grund für den Angriff gewesen sein könnte: Die Amerikaner hätten die Schweiz bestrafen wollen, weil diese Industriegüter an Hitler-Deutschland lieferte, spekulierte man lange. Diese These hat die Forschung mittlerweile widerlegt: Die Bomben fielen irrtümlicherweise auf Schaffhauser Boden.
Dennoch: Die bewaffnete Neutralität, die sich Blocher herbeisehnt, wäre im Ernstfall für Schaffhausen fatal gewesen. Die Reduitstrategie sah unter anderem vor, die Schweiz bei einem Angriff nur bis zum Rhein zu verteidigen. Die Armee hätte sich ins Mittelland und später in die Alpen zurückgezogen, die Brücken zu Schaffhausen wären gesprengt worden. Die Deutschen sollten, in Blochers Worten, einen «hohen Eintrittspreis» zahlen. Die Wilchinger Schriftstellerin Ruth Blum indessen verstand zu jener Zeit, wer für die Strategie hätte zahlen müssen: Die Bewohner:innen des Grenzkantons, schrieb sie, wären zu «strategisch Aufgegebenen» auf der «bösen Seite des Stroms» geworden.
Auf solche Vorbehalte verwirft Blocher die Hände und fragt kämpferisch: «Was hätte er denn machen sollen?» «Er» meint General Guisan. Ja, natürlich wäre es den Leuten, den Frauen und Kindern, nicht gut ergangen, wenn Nazi-Soldaten Schaffhausen eingenommen hätten, sagt Blocher. Aber noch mehr «Kleinholz» hätte es gegeben, wenn man Schaffhausen hätte verteidigen wollen.
Dann klemmt Blocher ab, beschliesst, dass man darüber jetzt nicht mehr sprechen müsse. «Es isch jo groote. Nid cho ischer, nid cho», ruft er.
Nur: Hitler überfiel auch Dänemark, die Niederlande und Belgien, alles neutrale Staaten, die eine Armee hatten.
«Jetzt müssen Sie sorgfältig denken», entgegnet Blocher mit der Nachsicht eines alten Schullehrers, «wir hatten die Schweizer Neutralität. Die gibt es nur in der Schweiz». Für ihn ist logisch: Einzig und allein wegen der dauernden, bewaffneten und umfassenden Neutralität sei die Schweiz nicht überfallen worden.
Gegenargumente wischt Blocher fahrig vom Tisch, als wären es Schmeissfliegen. Oder er schlägt sie mit einer Klappe: alles nur rote Ideologie.
Was sagt er dazu, dass die Schweiz es mit der Neutralität nicht so genau nahm, Hitler einen Milliardenkredit zur Kriegsfinanzierung gewährte und ihm Gütertransporte durch den Gotthard an das faschistische Italien erlaubte? «Die Schweiz war streng neutral. Das heisst nicht, dass es keine Unterbrüche gegeben hat. Aber ich sage bei diesem Geschichtlichen immer, wir müssen nicht streiten. Dass wir Fehler gemacht haben, ist selbstverständlich. Doch wir haben unsere Prinzipien nie preisgegeben.»
Auch beim Argument, dass gerade Grenzregionen wie Schaffhausen auf Allianzen mit der Staatengemeinschaft angewiesen sind, etwa mit Deutschland, winkt er ab. Staaten hätten keine Freunde, Staaten hätten nur Interessen, so lautet ein weiterer seiner Imperative.
Blocher will nicht nur sein Neutralitätsverständnis in die Verfassung schreiben, sondern der Schweiz auch verbieten, selbstständig Sanktionen gegen kriegsführende Staaten zu erlassen. Für ihn ist klar, dass Russland die Schweiz, seit sie die Sanktionen der EU übernommen hat, nicht mehr als neutral betrachte. Man müsse «den Russen» kennen, sagt Blocher. «Wenn ich einen Gegner beurteilen muss, dann muss ich schauen, wie er denkt.»
«Ist das Gesetz des Stärkeren nicht unschweizerisch?»
«Ja, furchtbar! Aber Sie sind auch nicht für den Frieden in der Schweiz verantwortlich», sagt Blocher. Und meint damit selbstverständlich auch: Ich aber bin es.
Der Mythos
Mit 85 Jahren gelingt es Blocher immer noch, dieses Land vor sich herzutreiben. Er verkündet vom Herrliberg und an zahlreichen Veranstaltungen landauf, landab seine Geschichtsvorstellung und zwingt die Historiker:innen zur Gegenrede. Diese wehren sich mit ungewohnt scharfen Worten. Der Berner Historiker Sascha Zala spricht in den Titeln von CH Media von einer «Mogelpackung» und einem Asterix-Syndrom, unter dem die Schweiz leide: «Wir sehen uns als kleines gallisches Dorf und die Neutralität als Zaubertrank, der uns zuverlässig und erst noch gratis schützt.» Die Schweiz sei bisher sehr erfolgreich gewesen, indem sie ihre Neutralität pragmatisch umgesetzt habe.
Einen «Deckmantel für die eigennützige Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen durch jenen Teil der Schweizer Elite, der traditionell gegen die Uno und die EU ankämpft», nennt wiederum der Historiker Jakob Tanner die Initiative gegenüber der WOZ. Die WOZ sowie die Republik haben die umtriebigen Geschäftstätigkeiten zweier Tochterfirmen der EMS-Chemie in Russland kritisch ausgeleuchtet. O-Ton SP-Nationalrat Fabian Molina: Damit werde klar, dass Blocher «aus eigenen Profit-Interessen» handle (dieser selbst bestreitet das stets).
Hans-Jürg Fehr, selbst Historiker und Blochers totgesagter Feind, bemerkt trocken: «Christoph Blocher war dreieinhalb Jahre alt, als Schaffhausen bombardiert wurde. Ich würde nicht allzu viel auf seine Erinnerungen geben».
Blocher ist bekannt dafür, dass er gerne mit Mythen arbeitet und gibt es auch bereitwillig zu. «Ist das etwas Schlimmes, der Mythos?», fragt er und zitiert mit kreativer Freiheit Gottfried Keller: «Ob sie geschehen, ist hier nicht zu fragen. Der Kern von allen Fabeln ist der Sinn. Der wahre Kern von allen Völkersagen ruht hier frisch darin.» Ob es den Tell gab, wissen wir nicht, sagt Blocher. Das sei aber auch egal. «Im Mythos gab es ihn.»
Wie man dem Pfarrerssohn aus Laufen zuhört, überhöht sich die Schweizer Neutralität vom Mythos zu etwas Höherem; sie nimmt fast religiöse Züge an. Sein Vater habe damals gesagt, dass es göttliche Gnade sei, welche die Schweiz vor dem Krieg verschonte. «Und die göttliche Gnade wollte eben auch, dass wir in der Schweiz die immerwährende, bewaffnete Neutralität haben.» Von der Feststellung, dass es wohl eher Glück gewesen sei, dass die Schweiz nicht überfallen wurde, lässt er sich nicht ernüchtern: «Glück, Schicksal, göttliche Gnade», erwidert er, «das ist alles das Gleiche!»
Das Unheimliche
Und so werkelt Christoph Blocher an seiner letzten grossen Erzählung: der über ihn selbst. Vom Auserwählten, der als Kind einen Auftrag in die Wiege gelegt bekam und nun als Grossvater der Nation seine Arme schützend ausbreitet. Vom Volkshelden Christoph Blocher, der mit Gottes Gnaden ein letztes Mal gegen die Historiker und die Politiker und die «Roten» ins Land zieht, um die Seele der Schweiz zu verteidigen. Und so fragt Christoph Blocher das Stimmvolk am 27. September nicht, ob die Schweiz neutral sein soll oder nicht, sondern: Glaubt ihr an mich oder nicht?
Das Unheimliche daran: Während für die Schweiz enorm viel auf dem Spiel steht, hat er Spass dabei. Wer ihm gegenübersitzt, merkt, dass hier auch ein gealteter Milliardär umhertändelt, der es sich in seinem Lebensabend gemütlich eingerichtet hat. Beim Abschied macht er den Schaffhauser Besuch auf die Holzschnitte des Schlaatemer Bauernkünstlers Emil Meyer in seinem Entrée aufmerksam. Und das gerahmte Foto, das gegenüber dem Eingang zu seinem Kunstbunker hängt, das zeige den ihm wohlbekannten Wilchinger Schriftsteller Albert Bächtold. Das menschliche Bedürfnis, auf seine Biographie zurückzuschauen und die Bedeutung darin zu erkennen, ist bei Blocher spürbar. Nur: Während andere das im gemütlichen Sessel in der guten Stube tun und in ihren Nachkommen ein mal mehr, mal minder dankbares Publikum dafür finden, will Christoph Blocher nichts weniger, als sich in der Verfassung der Schweiz verwirklichen und verewigen.
Dabei ist nie ganz klar, wo bei Blocher das Lustvolle seiner Spielchen endet und wo die Strategie beginnt.
Epilog
Eine Wildfalle auf Blochers Grundstück nützte übrigens nichts gegen den Dachs, stattdessen tappten Katze, Fuchs und Igel hinein. Sie alle seien wieder freigelassen worden. Erst ein elektrischer Draht, den er rund um sein Anwesen im Boden verlegen liess, hielt das Tier fern. Ist der Dachszaun also jetzt ebendiese immerwährende, bewaffnete Neutralität? Blocher gefällt das Bild. Und er sagt mit einem Lächeln: «Wissen Sie, wenn Sie solch einen Kampf führen, und dabei auch verunglimpft werden, müssen Sie auch mal eine andere Geschichte bringen. Eine, die den Leuten zeigt: Das ist ja ein normaler Mensch, der hat die gleichen Sorgen wie wir.»
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