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Wie hast dus, alter Freund?

Bild: Peter Pfister

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Bisher kannte man Simon Langhard vor allem als Kontrabassist der Peacocks. Nun bringt er eine
eigene Platte raus – und erzählt darin vom Alleinsein.

In the background, there he stands
he seems reserved, a stolen glance
he’s not a stranger, but we don’t know
what he feels, he doesn’t show
(«The Observer», aus dem Album «Alone»)

Ein Aufseher im Museum zu Allerheiligen steht am Rand des Saals. Er bewegt sich nicht, beobachtet die Besuchenden. Wenn sie nach einem bestimmten Bild oder der Toilette fragen, gibt er ihnen Auskunft. Und manchmal ist er mit seinen Gedanken alleine. Er macht sich einige Notizen in seinen Block.

Der Museumsaufseher ist Simon Langhard. Später wird er aus seinen Notizen den Song «The Observer» zimmern. Der Rock’n’Roll-getriebene Song erzählt von einem, der mit stoischer Miene etwas abseits steht – und sich vielleicht selbst ausgestellt fühlt. Nicht einfach im Museum, sondern im Leben.

«Alone», so heisst Simon Langhards erstes Soloalbum. Der Kontrabassist, der mit den Peacocks auf internationalen Bühnen spielt, den man im Städtchen lange als Barman des Cardinals kannte und der sein Brot heute eben im hiesigen Museum verdient, zeigt sich darin beeindruckend echt. Nichts an dieser Musik ist aufgesetzt.


Montagmorgen, ein heimeliges, stilvoll eingerichtetes Reihenhäuschen im Wohnquartier Gruben. Simon Langhard sitzt auf einem Sessel im Wohn- und Musikzimmer. Seine Freundin macht im Esszimmer nebenan Homeoffice, der Sohn ist in der Schule. An den Wänden hängen Gitarren und Bässe, auf dem Boden stehen in Kartons verpackt Vinylplatten, die Langhard am 25. September veröffentlichen wird. Dem voraus gingen schon zwei Singles.

Der 52-Jährige schaut einem beim Sprechen lieber nicht in die Augen. Er tut es nur ab und zu. Weil man das halt so macht. Bescheiden wirkt er, auf sympathische Art zurückhaltend. «Alone», «Alleine», heisst sein Album, weil er es ganz alleine gemacht hat. Aber auch, weil er darin über sich selbst schreibt. «Und ich habe eigentlich schon immer gemerkt, dass ich alleine bin», so Simon Langhard. «Auch wenn ich Gesellschaft habe. Das ist nicht, weil ich die Leute blöd finde oder nicht gern habe. Ich bin einfach so.»


Simon Langhard ist behütet auf dem Land aufgewachsen, in einem alten Riegelhaus in Oberstammheim. Er und seine vier Geschwister hätten alle ihr eigenes Zimmer gehabt. «Ich spielte hauptsächlich dort und im Garten, nicht auf dem Schulplatz». Als Primarkind war er etwas neidisch auf die Kinder aus Bullerbü, diese unzertrennliche, kleine Bande. «

Dabei wäre die Situation bei mir Zuhause und im Dorf ja gar nicht so anders gewesen. Das realisiere ich erst jetzt richtig. Freundschaften zu schliessen, mich zugehörig zu fühlen, war für mich einfach schwierig.» Eine Diagnose brauche er dazu nicht. Fakt ist: «Ich musste mich eigentlich schon immer verstellen, um irgendwie reinzupassen.»

Später war es nicht anders. Er erinnert sich, wie er auf einer kleinen Toilette im Untergeschoss der Schaffhauser Kantonsschule dachte, dass er jetzt eigentlich gerne einfach da drin in dieser Kabine bleiben würde. Oder dass er sich an der Uni in den Pausen versteckte. Bis er irgendwann gar nicht mehr hin ging.


Der versonnen-sentimentale, countryhafte Song «On the outside looking in» beschreibt, wie es ist, wenn die Leute um einen herum beginnen miteinander warm zu werden. An der Schule, an der Uni, am Arbeitsplatz. Wenn sie Grüppchen bilden, sich miteinander verabreden – nur man selbst bleibt unbeabsichtigt aussen vor. Es stört einem, aber man ist es auch gewohnt und hat ehrlicherweise auch gar nicht so Lust dazu.

Das Lied ist wie ein melancholischer Blick zurück, mit leichtem Schulterzucken, und doch lastets schwer. «How did that come about?/ Did I miss a sign?/ The freak, the dropout/ thought it’s gonna be fine.»

An diesen Gedanken lässt einen Simon Langhard mit seinem Album teilhaben. Dass seine Songs so persönlich sind, hat auch damit zu tun, dass er nicht hochstapeln will. Die Melodien, die kommen ihm relativ einfach in den Sinn. Bei den Texten hingegen ist es anders. Er wusste erst nicht, was er singen soll, wollte weder schulmeistern, noch Plattitüden raushauen.

So begann er bei dem, was er kennt: bei sich selbst. Der erste Text entstand 2022, nachdem sein Vater gestorben war. Danach kamen die Worte auf dem Papier ins Rollen. Es ist spürbar, dass er darin viel verarbeitet – und das scheint etwas Befreiendes zu haben. Das sei so, sagt Langhard.

Es geht aber auch um eine künstlerische Emanzipation.


Denn Simon Langhards Musikerbiographie, das war bisher nicht so sehr seine eigene, sondern die der Peacocks. Um die 2000 Konzerte spielten die gloriosen lokalen Veteranen des Punkabilly, tourten von Kanada bis St. Petersburg, stürmten gar die japanischen Indie-Charts.

Die Geschichte der Band ist auch eine von Brüdern. Da ist vor allem Hasu. Der Leader, charismatischer Haudegen. Neben ihm eben der jüngere Bruder, der stille Simon.

Als es mit dem ersten Kontrabassisten relativ früh nach der Gründung der Band nicht klappte, habe Hasu ihn dazu geholt: «Er sagte, du spielst jetzt Kontrabass». So, wie der grosse Bruder ihm, Simon, eigentlich schon immer gesagt habe, was sie als Nächstes tun sollten: Zusammen mit dem Velo in die Ferien verduften zum Beispiel.

Oder, in der Jugend, vom Kaff aus nach Zürich fahren, um durch die Plattenläden zu streifen. Für Simon war das willkommen, weil er diese Dinge sonst hätte bleiben lassen. Und wahrscheinlich hätte er dann auch nie in einer Band gespielt, vermutet er.

Die Peacocks sind für ihn auch eine gute Methode, ohne Aufwand unter die Leute zu kommen. Auf der Bühne hat er seinen Job: Während Hasu auf der Gitarre shreddet und singt, ist Simon der musikalische Techniker am Kontrabass. Drummer Jürg Luder indessen traktiert das Schlagzeug.

Es gab eine kurze Zeit, da bestand die Band sogar nur aus den Brüdern Langhard: Ad interim sass David Langhard am Schlagzeug, besser bekannt als Admiral James T.: Ein schillernder Künstler, der mal hoch hinaus geht, mal untertaucht, weg von der Bildfläche, und der von sich selbst in einem Interview sagte, er sei soziophob. Vom Tagesanzeiger wurde er als einer der besten und gleichzeitig unbekanntesten Musiker der Schweiz bezeichnet.

Und nun also hat auch Simon, der mittlere der drei (ein weiterer der Brüder ist verstorben), seine eigene Vision verwirklicht. Und das, ohne mit irgendwem Kompromisse machen zu müssen: Er hat die Songs (bis auf ein einziges Cover) selbst komponiert und alle Instrumente – ausser das Schlagzeug – eigenhändig eingespielt.

Die Musik ist, entgegen der nachdenklichen Texte, frei von jeglichem Zögern. Auf schnellen Füssen kommt dieser Sound daher. Manchmal draufgängerisch, gar wütend. Er treibt nach vorne, mal Country, mal Rockaybilly, mal Punk, macht, dass man tanzen will. Entstanden ist ein krass schönes, authentisches Album aus einem Guss. Fast ist es, als würde man mit einem alten Freund ein paar Bierchen am Küchentisch trinken, und er erzählt einem, wieso er sich manchmal so lange nicht meldet.

«Alone» lässt in ein stilles Wasser blicken. Vor allem aber spiegelt es zurück: In diesen Liedern findet jeder etwas über sich – wer etwas anderes sagt, ist nicht ehrlich.

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