Der doppelte Brüngger

10. September 2026, Anne-Christine Schindler
Foto: David Schelker

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Hört man sich in Schaffhausen um, gibt es zwei Severin Brüngger. Welcher politisiert in Bern?

Unter den vierzehn Voten, die Severin Brüngger in seinem ersten Jahr als Ständerat gehalten hat, sticht eines besonders heraus. In staatsmännischem Ernst steht er am Pult und spricht über Foie Gras. 

Auffallend ist nicht nur, dass sich Brüngger mit diesem Votum gegen einen Vorschlag aus einer Kommission ausspricht, in der er selbst sitzt. Sondern vor allem, wie er es tut. Während sein Vorredner Hannes Germann über Grundsatzfragen referiert, zählt Brüngger vor dem Rat auf, welches Futter Gänse gerne picken. Später nimmt er das Thema mehrfach wieder auf, an seinem Sessionsapéro, auf Instagram, auch im Gespräch mit der AZ zeigt er mit den Händen, wie klein so eine gesunde rote Leber ist und wie gross das Organ, das mit dem Stopfen verfettet und verblasst. Brüngger war ehrlich schockiert, als er in der Kommissionsarbeit erfuhr, dass es keine Gänsestopfleber ohne Tierleid gibt. 

Der Vorschlag seiner Kommission, den Brüngger mit allen Mitteln bekämpft, wollte den Import von Stopfleber regulieren statt verbieten. Das sei das Schlimmste, was es gibt, findet Brüngger, es bringe Bürokratie und helfe den Tieren nichts. Er macht ein abfälliges Geräusch, bäh, Bürokratie, und lacht.

Brüngger, der von sich sagt, er sei ein emotionaler Mensch, geht für Gänse auf die Barrikaden. Man könnte sagen: Er setzt sich konsequent ein für das, woran er glaubt. Oder man sagt: Da bewegt sich einer zwischen Emotion und Ideologie, mit wenig Strategie dahinter.

Der Mann polarisiert. Die FDP hätte an seiner Stelle auch einen Kartoffelsack aufstellen können, raunten nach seiner Wahl die einen. Dieser Seite, von links bis in Teile der Mitte, gilt Brüngger als ideenlos, als einer, der das ABC des Wirtschafsliberalismus auswendig gelernt hat und es mit etwas SVP-Rhetorik mischt, wobei aus seinen Voten oft nicht ganz klar wird, worauf er eigentlich hinauswill (vgl. AZ vom 12. Juni 2025). 

Für die anderen, die Bürgerlichen, ist er der Shootingstar, ein Messias fast, der die Schaffhauser FDP aus der Versenkung geholt und wieder ins Bundeshaus gebracht hat. Ein Mann mit einem gut geeichten liberalen Kompass. Der ideale Vertreter für den Kanton.

Diese beiden Brüngger gibt es in Schaffhausen. Welcher politisiert in Bern?

AKW und Handball

Fragt man bei Brünggers Ständeratskolleg:innen nach, mit welchen Themen er sich im letzten Jahr profiliert hat, kommt weit oben die Energiepolitik. Das sei auf seine Stärken und Interessen zugeschnitten, sagt Hannes Germann; «vor allem dort, wo es um Versorgungssicherheit und Netzstabilität geht, hat er mit klaren Aussagen gepunktet.» Thierry Burkart (FDP) gerät am Telefon fast ein bisschen ins Schwärmen. Beide begeistern sich für Handball und AKWs. «Der Kampf für Technologieoffenheit ist ihm ein Herzensanliegen, das spürt man. Das ist ja auch bei mir so», so Burkart. Brüngger, sagt er, sei «ein Ständeratstypus, und ich meine das positiv.» 

Als Ständeratsgötti gab Burkart Brüngger nach dessen Amtsantritt die wichtigsten Regeln fürs Stöckli mit. Eine Krawatte tragen. In der ersten Session nichts sagen. Danach kein dummes Zeug reden. Keine Parteien nennen.

Und er unterstützte ihn – gleich Hannes Germann – im Wettbewerb um Simon Stockers freigewordenen Sitz in der Energiekommission UREK, einer Schlüsselkommission. 

In Schaffhausen fiel Brüngger nicht als besonders dossierfester Politiker auf. In Bern möchte das offiziell niemand so sagen. Der Tenor, wenn auch nicht ganz einstimmig, lautet: Er hat sich gut eingelebt, hat schnell seinen Platz gefunden.

Brüngger, der mit vergleichsweise wenig Politikerfahrung ins Stöckli kam, sagt, er habe noch nie so viel gearbeitet wie jetzt. In seinen Voten erwähnt er gern, dass er recherchiert habe. In der Tat wirkt er bereits sattelfester als im Wahlkampf. Auch wenn manches, was er sagt, noch etwas schulbubenhaft (oder wie mans nimmt: geradeheraus) wirkt. «Es ist natürlich sehr professionell im Ständerat», erklärt Brüngger und zählt auf, durch welche Instanzen ein Vorstoss geht, bevor er vor den Rat kommt. «Das musste ich lernen: Nach der Hobbypolitik wird es sehr schnell professionell.»

Brüngger erzählt von seiner Arbeit in der UREK und dass es schön sei, Kompromisse zu finden. «Es ist eben nicht eine Diktatur», sagt er. «Am Schluss wissen wir immer, dass man das Volk im Nacken hat. Es gibt fast immer eine gangbare Lösung.»

Das Volk im Nacken

So richtig im Nacken spürte Severin Brüngger das Volk erstmals in der Wintersession, es war seine zweite im Ständerat und auf dem Programm stand eine Motion von Werner Salzmann, SVP-Ständerat mit einem grossen Herz für eine starke Milizarmee und den Erhalt der allgemeinen Wehrpflicht. Armeeangehörige sollten Taschenmunition wieder nach Hause mitnehmen können, forderte Salzmann, und die Frauenverbände liefen Sturm. Nationalrätin Linda de Ventura startete einen offenen Brief, den in kurzer Zeit fast zweitausend Schaffhauser:innen unterzeichneten. Unerwartet klar lehnte der Ständerat die Vorlage schliesslich ab. Hannes Germann enthielt sich der Stimme, Brüngger stimmte nein, betonte gegenüber den Schaffhauser Nachrichten aber, dass das «kein Votum gegen unsere Soldaten und das Militär» sei.

Für ihn sei sowieso klar gewesen, dass das ein alter Zopf sei mit der Taschenmunition, sagt Brüngger heute. Aber wenn etwas aus dem Kanton an ihn herangetragen werde, dann schaue er sich das sehr genau an. Zumal er ein Ständerat für alle Schaffhauser:innen sein wolle. Nach der Abwahl von Simon Stocker, als sich die Hälfte der Personen auf der Strasse von ihm abwendete und die andere Hälfte gratulierte, sei es für ihn nicht immer leicht gewesen. 

Viel abgewinnen kann er solchen Aktionen trotzdem wenig, vor allem, wenn der Druck nicht nur aus Schaffhausen kommt, sondern aus der ganzen Schweiz. Als der Ständerat zwei Wochen nach der Taschenmunition eine Million Franken für die Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt aus dem Budget zu streichen drohte und Tamara Funiciello in den sozialen Medien mobilisierte, um das zu verhindern, erhielt Brüngger – wie auch andere Ständerät:innen – in einer Nacht mehr als Tausend Mails. Rückblickend redet er sich beinahe etwas in Rage. Anders als die Mehrheit im Rat stimmte er für die Streichung der Million.

Foto: David Schelker

Ein Feminist ist Brüngger nicht, dafür ist ihm Budgetdisziplin ein zu hohes Gut. Karin Keller-Sutter, erzählt er stolz, sage immer, er sei ihr Lieblingsständerat, weil er als Einziger ihr rigides Entlastungspaket vollumfänglich mittrug. Im Gegensatz zu seinen Kolleg:innen ist er noch nicht durch Mandate gebunden. Seinen Badge hat er bisher erst an seine Mitarbeiterin Nina Schärrer abgegeben, nicht weil ihm Lobbyismus zuwider wäre, sondern weil man ihm gesagt hat, er solle sich damit Zeit lassen.

Nicht nur in Geschlechter- und Gleichstellungsfragen, auch sonst sollte seiner Meinung nach die Lösung nicht als erstes beim Staat gesucht werden, «sondern bei den Bürgerinnen und Bürgern selber und bei der Gesellschaft». Das zeichne ihn als Liberalen aus, sagt Brüngger. Bei der FDP sei er, weil er wisse, «wie wichtig die Wirtschaft ist, auch für die Leute.» Wobei er wahrscheinlich schon ziemlich nahe an der SVP sei, nur «die protektionistischen Sachen» liegen ihm nicht so, wie er sagt. 

Würde die FDP stramm rechtsbürgerlich politisieren, verlöre sie weniger, findet Brüngger. Tatsächlich überholt er seine Partei im Stöckli immer mal wieder von rechts. 

Die Sache mit der Neutralität

Bei der Abstimmung zur 10-Millionen-Schweiz verärgerte Brüngger die Gegner:innen der Initiative, weil er nicht auf dem gemeinsamen überparteilichen Flyer abgebildet sein wollte. Er zauderte, obwohl er die Initiative privat ablehnte, schwieg er öffentlich dazu. Es schien, als versuche er, einen Spagat zu machen zwischen der SVP und jenen Teilen seiner Partei, die die Initiative ablehnten.

Brüngger sagt, er fühle sich nicht unwohl im Spagat, das sei seine Linie. Die Flyer seien ihm zu extrem gewesen, «da war ein Flyer mit einem depressiv wirkenden älteren Ehepaar mit dem Titel Chaos-Initiative», überall habe er immer extremere Flyer bemerkt, da wolle er nicht drauf stehen, habe er sich gesagt. 

Oder die Neutralitätsinitiative. Brüngger ist dagegen, stimmte im Ständerat aber gemeinsam mit Hannes Germann als einziger FDPler für den indirekten Gegenvorschlag, der das Blochersche Diktum der «immerwährenden, bewaffneten Neutralität» in die Verfassung festschreiben wollte, ohne Sanktionsverbot. Auch das ein Wink an die SVP? Schliesslich ist er auf die Stimmen aus diesem Lager angewiesen.

Nein, sagt Brüngger. Dass er aber vor den Nationalratswahlen 2023 auf Smartvote angegeben hatte, die Schweizer Armee solle ihre Zusammenarbeit mit der NATO ausbauen und nicht zu einer strikteren Auslegung der Neutralität zurückkehren, hört er heute nicht gern.

Mag sein, dass Brüngger es mit der Neutralität ähnlich hält wie mit der Gänseleber: Aus dem Bauch heraus ein Prinzip vertreten ohne den Anspruch, dabei besonders strategisch vorzugehen. 

Dass er keiner sei, der vor der SVP zu Kreuze kriecht, so schätzt ihn jedenfalls auch seine Sitznachbarin ein, die SP-Ständerätin Franziska Roth, mit der sich Brüngger gut versteht. Sie sei die einzige Nicht-Schaffhauser Parlamentarierin, die er umarme, wenn er sie sehe, sagt er; sie findet, er sei einer, der auf Herz und Verstand höre, auch wenn die Partei etwas anderes sage. So sei im Übrigen auch Simon Stocker gewesen. «Vielleicht ist das eine Schaffhauser Eigenschaft.»

«Ich gewinne fast immer»

Dass er nicht auf den Flyer gegen die Zehn-Millionen-Schweiz wollte, sei vielleicht auch ein Zeichen gegen seine Partei gewesen, sagt Brüngger. «Zweimal setzte ich mich für einen Gegenvorschlag ein, zweimal konnte ich mich nicht durchsetzen.» Mit der grossen FDP-Fraktion, in der auch Nationalrät:innen aus der traditionell linkeren Romandie sitzen, tut er sich etwas schwer.

Anders ist es im tiefbürgerlichen Stöckli. In einem Interview sagte Brüngger, auch die Mitte gehöre dort «zu den Guten». Schaut man sich die Unterschriften unter den verschiedenen Vorstössen an, entsteht der Eindruck einer kleinen Gang. Ist der Ständerat für ihn so etwas wie ein Wohlfühlclub?

«Brutal», sagt Brüngger und lehnt sich zurück. «Ich gewinne fast immer.»

Auch in der Europafrage, die die FDP spaltet, ist Brüngger im Stöckli nicht allein. Die Bilateralen III, zu denen er bei der Nominierungsparteiversammlung noch keine klare Haltung gefasst hatte, lehnt er inzwischen entschieden ab. Manche Liberale stösst er damit vor den Kopf, auch in Schaffhausen. Arnold Marti, der als Teil des liberalen Komitees Simon Stocker unterstützte, findet sehr bedauerlich, dass Brüngger die Verträge ablehnt; «da wäre Herr Stocker dafür gewesen.» Alt-Ständerat Peter Briner, der im Stöckli einen klar pro-europäischen Kurs vertrat, sagt: «Wenn Severin Brünggers Haltung der bisherigen Tradition des Freisinns zur Offenheit folgen und er sich doch noch für die Bilateralen III durchringen könnte, würde mich das freuen.»

Hört man Severin Brüngger zu, wie er über die Verträge spricht, scheint das wenig wahrscheinlich. Er kommt richtig in Fahrt, fängt an, ins Wort zu fallen, Gegenargumente scheint er persönlich zu nehmen. Brüngger spricht von Beamten, die in Zukunft «nach Brüssel reisen und beim Decision Shaping halb mitmachen» könnten. «Und dann werden Gesetze über die Schweiz gestülpt und wir bösen Politiker in den Kommissionen können nicht einmal mehr Anträge machen.» 

Wie er so von den Beamten in Brüssel redet, klingts nach fremden Vögten. 

Nein, sagt Brüngger erst, kann dem Bild dann aber doch etwas abgewinnen. Nach kurzem Innehalten braust er noch einmal auf. «Haben Sie keinen Patriotismus? Ist Ihnen das völlig egal?»

Brüngger sagt, auch er wolle gute Beziehungen zur EU. Und dass eine Ablehnung der Bilateralen III ein Paradigmenwechsel wäre, sieht auch er so. Die Frage, welchen Weg die Schweiz im Europadossier stattdessen gehen solle, übertönt er allerdings. «Sind Sie für Chlor-Hühner?», fragt er triumphierend. Ein Totschlagargument.

Die Monsterdebatte

Nächste Woche beginnt die Herbstsession. In der Monsterdebatte zu den Bilateralen wird Brüngger nichts sagen. Nicht zu jedem Thema seinen Senf dazugeben, auch das ist eine der Verhaltensmaximen im Stöckli. «Da werden sich die alten Schlachtrösser des Ständerats prügeln, da halte ich mich zurück.» 

Voten hat Brüngger zu seinen eigenen Vorstössen vorbereitet: Einmal Bildungspolitik (ein Steckenpferd), einmal Asylpolitik (kein Kernthema). Was die Bankenregulierung betrifft, die auf dem Programm steht, ist er noch zwiegespalten. 

Auch die Gänsestopfleber kommt noch einmal vor den Rat. Den Gegenvorschlag werde er ablehnen, zur Initiative werde er sich voraussichtlich enthalten. Wieso, wenn ihm das Gänsewohl doch so am Herzen liegt? 

«Das habe ich mir schon überlegt», antwortet Brüngger. «Aber möchte ich Ihnen als Liberaler sagen, was Sie essen sollen?»

Das Herz sagt ja, der liberale Kompass sagt nein. «Aber ich persönlich», sagt Brüngger, «esse sicher kein Foie Gras.»