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Der Extremsommer hat in der Landwirtschaft Spuren hinterlassen. Eine Bestandsaufnahme mit Hannes Schärer, Leiter des Schaffhauser Landwirtschaftsamts.
Es war ein Sommer für die Geschichtsbücher: verdorrte Wiesen, trockene Böden, Hitze. In der Landwirtschaft war das Extremwetter besonders deutlich zu spüren. Wir treffen Hannes Schärer, Chef des Schaffhauser Landwirtschaftsamts zum Gespräch, und rekapitulieren mit ihm, ob dieser Sommer ein Vorgeschmack auf die Zukunft war.
AZ Der Sommer war extrem und ist es immer noch. Mit welchen Gefühlen starten Sie in den Herbst, Hannes Schärer?
Hannes Schärer Mit gemischten Gefühlen. Dieser Sommer hat uns gezeigt, wo es hingehen wird in Zukunft. Es wird nicht mehr so sein, wie es einmal vor 40 Jahren war. Mich beunruhigt aber nicht nur das Extremwetter, sondern auch Grundsätzliches: Wir halten es für selbstverständlich, dass täglich genügend zu essen auf dem Tisch steht. Und wir werfen immer noch die Hälfte der Lebensmittel weg.
Sie denken, die Leute begreifen den Ernst der Lage nicht?
Nun hat es wieder etwas geregnet und es ist kühler geworden. Ich habe tatsächlich das Gefühl, der Hitzesommer interessiert bereits niemanden mehr. Das finde ich sehr gefährlich. Wir laufen ins offene Messer. Denn irgendwann wird der Moment kommen, in dem es nicht mehr reichen wird.
Auf dem Feld ist die Saison noch nicht vorbei, es steht noch die Ernte der Herbstkulturen wie Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben an – und diesen geht es nicht gut. Wie ist die Stimmung bei den Schaffhauser Bauern?
Die Stimmung ist sicherlich nicht euphorisch und je nach Betriebsstruktur sogar katastrophal. Aber die Bauern sind sich gewohnt, gute und schlechte Jahre zu haben. Und nur wegen eines schlechten Jahres gibt ein Bauer seinen Betrieb nicht auf.
Das stimmt, aber wir haben es angetönt: Dieser Sommer war ein Vorgeschmack darauf, was noch kommen wird. Müssen sich die Bäuerinnen und Bauern da nicht anpassen?
Es gibt bereits Einzelne, die alternative Kulturen anbauen, die toleranter sind gegenüber Trockenheit und Hitze. Beispiele sind Versuche mit Olivenbäumen oder der Anbau von Kichererbsen. Teilweise müssen dafür aber Produktionslinien eingerichtet und ein Markt erschlossen werden, das ist aufwändig und man muss auch Erfahrungen sammeln mit neuen Kulturen. Aber die Leute wollen halt ihr Gipfeli essen.
Wie meinen Sie das?
Es gibt kaum einen Markt für diese alternativen Kulturen. Wenn das Zusammenspiel zwischen Gesellschaft, Konsumenten und Produzenten nicht funktioniert, kann man lange fordern, dass nun vermehrt zum Beispiel Kichererbsen angebaut werden sollen.
Also ein klarer Appell an die Gesellschaft, ihre Konsumgewohnheiten zu ändern?
Ich lasse mir nicht gerne vorschreiben, was ich essen soll, aber das Zusammenspiel von Markt und Anbau muss unbedingt beachtet werden.
Wenn man in die Rebberge blickt, scheint es wenigstens für die Winzer:innen gut zu laufen.
Das ist richtig, der wunderschöne Winzerherbst freut mich natürlich persönlich. Die Trauben sehen fantastisch aus. Man soll allerdings den Tag nicht vor dem Abend loben…
… das zeigte das zerstörerische Sturmtief, das kürzlich über Schaffhausen fegte. Gab es viele Schäden auf Kantonsgebiet?
Es gab einige Hagelschäden, aber zum Glück nicht flächendeckend. Die betroffenen Lagen mussten aber möglichst schnell «notgeschlachtet» werden, der Reifegrad der Beeren war zum Glück schon so weit, dass daraus noch etwas werden kann, was am Schluss Freude macht.
Bäuerinnen und Bauern, die Direktzahlungen erhalten möchten, müssen einen ökologischen Leistungsnachweis erbringen. Das ist in einem Hitzesommer teilweise aber gar nicht mehr möglich, weil Tiere zum Beispiel keinen Weidegang haben können auf einer Wiese, wo kein Gras mehr wächst. Müssten die Vorschriften grundsätzlich überdacht werden?
Nein, an den ÖLN-Vorgaben wird momentan nicht gerüttelt. Ausserdem wurden die Vorschiften in Schaffhausen immer eingehalten. Nur bei einigen freiwilligen Zusatzprogrammen gab es Ausnahmen, weil sie keinen Sinn gemacht hätten. Im Zuge der Ausarbeitung der Agrarpolitik 2030+ steht nun aber die Idee zur Verhandlung, dass die Vorschriften in Zukunft nicht mehr so starr und bürokratisch vorgegeben sind und bis ins letzte Detail alles regeln.
Das heisst, wenn das Ergebnis stimmt, ist es egal, wie es erreicht wird?
Natürlich nicht, aber es soll keinen Unterschied mehr machen, ob zum Beispiel der erste Futterernteschnitt am 13., 15. oder 17. Juni erfolgt ist. Bisher war der 15. Juni der Stichtag. Man muss aber noch geeignete Methoden finden, wie diese Bewertung dann stattfinden kann. Dazu wird noch viel diskutiert und debattiert werden.

Man hörte von Betrieben, die ihre Tiere notschlachten mussten, weil das Futter nicht reichte. War das in Schaffhausern auch ein Thema?
Von solchen Fällen wissen wir nichts. Ich glaube aber, dass die Schaffhauser Landwirtschaft relativ gut aufgestellt ist. Natürlich leiden die Betriebe auch hier, und es gibt mehr als Einzelfälle, denen es wirklich nicht gut geht. Aber im Vergleich zu anderen Regionen ist die Schaffhauser Landwirtschaft wohl recht anpassungsfähig.
Weshalb ist das so?
Das ist schwierig zu sagen, vielleicht aufgrund der Betriebsstrukturen, die oft mehr als ein Standbein haben. Wir haben aber bisher keine Gesuche erhalten zum Beispiel für Betriebshilfedarlehen. Im Vergleich zu anderen Kantonen ist es hier noch relativ ruhig.
Vor allem die Trockenheit beschäftigte die Bauern. Verdorrte Wiesen, unterentwickelte Maispflanzen, hängende Sonnenblumenköpfe – man wird in Zukunft kaum um grossflächige Bewässerung herumkommen.
Bewässerung ist ein grosses Thema, und wir sind daran, zusammen mit dem Tiefbauamt und dem Interkantonalen Labor ein Brauchwasserkonzept zu erarbeiten, das vorsieht, auch Grund- und Quellwasser für die Bewässerung zu verwenden. Bisher war das nicht erlaubt und es muss natürlich ressourcenschonend geschehen und wird mit Auflagen verbunden sein.
Es gibt Landwirte, die sich eigene unterirdische Wasserspeicher angelegt haben.
Es gibt einige, die solche Speicher haben, und zum Beispiel mit Dachwasser speisen. Aber für die Menge, die wir brauchen, ist das zu wenig. Das Wasser muss nachhaltig genutzt werden können, damit die Bewässerung über Jahre gesichert ist. Gerade im Klettgau wird das ein Thema werden. Bisher konnten die Pflanzen aus dessen schweren und tiefgründigen Böden noch lange Wasser ziehen. Aber dieses Jahr wurde es auch im Klettgau knapp.
Ein grosses Thema waren auch die solidarischen Massnahmen unter den Landwirt:innen, wie die Herbstfutterbörse in Zürich. Sind sie auch in Schaffhausen aktiv geworden?
Die Schaffhauser Bauern sind ebenfalls an dieser Börse beteiligt, ich weiss aber auch von einigen privaten Initiativen. Ich finde es beeindruckend, wie sich die Bauern untereinander solidarisieren, wie sie zum Beispiel begonnen haben, Tierfutter anzubauen, anstatt andere Kulturen, um anderen helfen zu können. Weil sie eben davon ausgehen können, dass auch ihnen geholfen wird, wenn sie mal in der Klemme sind. Das finde ich grossartig und es funktioniert effektiv. Den materiellen Futtermangel löst das natürlich auch nicht, aber er kann ein bisschen abgefedert werden damit.
Da scheint es ein Hohn, dass der Bundesrat das Budget für die Klimaanpassung in Landwirtschaft und Wald zusammenstreichen wollte. Nachdem der Aufschrei gross war, wurde das Geld nun doch gesprochen. Aber reicht das?
Das kann ich nicht beurteilen. Ich habe aber den Eindruck, dass es nicht nur ein finanzielles Problem ist. Natürlich ist das auch wichtig, das will ich nicht kleinreden. Aber das Hauptproblem ist, überhaupt an Futter für die Tiere zu kommen. Und das wird längerfristig so bleiben. Und nun mache ich noch eine böse Aussage.
Nämlich?
Im Frühjahr schoss nach Ausbruch des Irankriegs der Ölpreis in die Höhe und man wusste nicht, ob es noch genügend Diesel für die Landmaschinen geben würde. Eine Aussage des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung machte mich wütend. Man machte sich Sorgen, dass die Flüge in die Sommerferien massenweise ausfallen würden. Und dann hiess es vom Bundesamt aus: Wir haben genügend Kerosin an Lager, die Sommerferien sind gesichert. Das werde ich nie verstehen.
Diese Ignoranz?
Ja. Es gibt Krieg, es sterben Leute, und wir werden irgendwann wieder Hunger kennen. Aber Hauptsache, die Sommerferien sind gerettet. Das geht mir nicht in den Kopf.
Oft wird gesagt, dass die Bauern die Partei wählen, die sich unter anderem gegen Klimaschutzmassnahmen sträubt. Dabei sind ja vor allem sie davon betroffen. Das ist doch eine riesige Diskrepanz.
Das ist richtig, sie sind als erstes und am meisten betroffen. Die ganzen Vorwürfe, dass die Landwirtschaft ein Klimatreiber ist, sind für mich auch so ein Reizthema. Man kann Landwirtschaft nicht klimaneutral betreiben, das stimmt. Aber es ist immer ein Kreislauf. Und beim Klimawandel geht es nur um die Freisetzung von fossilem Kohlenstoff. Wenn man logisch denken kann, versteht man das. Das macht mich wütend, aber es nützt leider nichts.
Jedenfalls sind wir uns einig: Aus dem Hitzesommer kann nun doch jede und jeder seine politischen Schlüsse ziehen und entsprechend abstimmen und wählen.
Und jeder könnte bei sich selbst beginnen. Ich bin vor 25 Jahren das letzte Mal geflogen, und es geht mir gut damit (lacht).
Gibt es andere Themen, die Ihr Amt diesen Sommer beschäftigt haben?
Ein grosses Thema sind neue Krankheiten und Schädlinge. Es wird zunehmend schwieriger, Kulturen gesund zu halten, vor allem die tragenden wie Raps oder Zuckerrüben. Da fehlt meiner Meinung nach oft das Verständnis der übergeordneten Behörden und der Bevölkerung dafür, dass man gegen Krankheiten halt ein Medikament einsetzen muss.
Ein Plädoyer für Pflanzenschutzmittel?
Es geht nicht darum, alles zu vergiften. Es geht darum, dass man noch produzieren kann. Die zugelassenen Mittel sind nicht nur schlecht, aus meiner Sicht. Man muss natürlich vorsichtig sein und sie nicht unbedacht anwenden, aber ohne geht es auch nicht.
Einige letzte Worte zu diesem Rekordsommer?
Es macht keinen Sinn, der Vergangenheit nachzutrauern, man muss sich danach richten, wie wir mit der aktuellen Situation umgehen. Gerade laufen zum Beispiel einige Projekte zur Wasserrückhaltung – für den Fall, dass es denn wieder einmal genügend regnet. Wir sind bereits mit Landwirten im Gespräch.
Ist das Interesse da?
Ja, ganz klar. Wir sprachen bereits darüber, dass man die Bauern oft in einen Topf wirft, aber damit tut man ihnen unrecht. Wenn man mit einer Idee kommt, stösst man in der Regel auf offene Ohren.
