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Stefan Caprez aus Neuhausen war zur Seenotrettung auf dem Mittelmeer. Für die AZ hat er Tagebuch geführt.
Stefan Caprez*
Seit drei Jahren arbeite ich für die Seenotrettungsorganisation SOS Mediterranee. Meistens sitze ich dabei vor meinem Laptop zuhause, im Büro oder bin in der Schweiz unterwegs. Dann, Mitte Juli, wenige Tage vor dem nächsten Einsatz der «Ocean Viking», erfahre ich, dass ich nördlich von Rom zur Crew stossen kann. Dann geht alles schnell. Die Ocean Viking ist über 69 Meter lang und mit ihren 40 Jahren genauso alt wie ich. Rund 30 Menschen arbeiten an Bord. Seit 2016 hat SOS Mediterranee mehr als 43 000 Menschen aus Seenot gerettet.
Die folgenden Auszüge stammen aus meinem Tagebuch. Die Namen der Geretteten und Crewmitglieder wurden geändert.
21. Juli – An Bord
Die Polizeikontrollen dauern lange. Ich warte vor der Ocean Viking im riesigen, hässlichen Hafen von Civitavecchia. Dann ruft mir jemand vom Schiff aus zu – nun geht es tatsächlich los.
Ich gehe die Gangway hoch. Zum Glück bleibt keine Zeit, viel zu überlegen – und schon stehe ich auf dem Deck. Von allen Seiten wuseln Leute umher. Hände werden geschüttelt, Namen ausgetauscht, die meisten vergesse ich gleich wieder. Ich treffe Luca, den Comms. Officer, der auf dieser Patrouille für mich zuständig sein wird. Alle sind nett, aber hektisch.
Schon werde ich vom Deck ins Innere des Schiffs geschoben – bevor ich überhaupt nachdenken kann, stehe ich in einer Reihe. Proviant wird eingeladen, irgendwie muss es schnell gehen. Sechserpacks Wasser wandern von Hand zu Hand. Nach fünf Minuten bin ich wie alle anderen bachnass. Der einzuladende Proviant scheint kein Ende zu nehmen: Es folgen Kisten mit Früchten, Gemüse, Trockensachen und Reis. Ich bin froh, etwas zu tun zu haben.
26. bis 29. Juli – Warten
Die ersten Tage sind voll mit Trainings und Briefings: Erste Hilfe, Abläufe bei einer Rettung, Betreuung der Geretteten. Für alles gibt es klare Regeln. Als wir das Einsatzgebiet im zentralen Mittelmeer erreichen, beginnen Tage des Wartens.
Warten – daran muss man sich etwas gewöhnen. Die Mahlzeiten und Lookout-Schichten bestimmen den Rhythmus. Die Gesichter werden langsam vertrauter, der Umgang lockerer, es wird mehr gescherzt. Manchmal erinnert es mich an ein Pfadilager.
Beim Lookout suchen jeweils zwei Crewmitglieder mit Ferngläsern den Horizont nach Booten in Seenot ab.
30. Juli, gegen 1.30 Uhr –
Nachtalarm
Ich erwache plötzlich und höre jemanden hektisch meinen Namen rufen. Luca. Licht brennt vor meiner Koje, Lärm. Ich brauche einen Moment, bis mir klar wird, wo ich bin. Dann höre ich eine Stimme über mein Funkgerät. Marco, unser Einsatzleiter. «All crew, security level one» – und irgendetwas von «fast approaching target».
Ich beginne mich anzuziehen. Luca kommt rein, schon in voller Ausrüstung. Verflucht, sind die schnell, denke ich mir. Viele Crewmitglieder sitzen schon im Aufenthaltsraum. Ich schnappe mir Helm, Weste und Schuhe. Dann ertönt wieder das Radio: «All crew, security level two.»
Es wird hektischer. Weitere Crewmitglieder kommen in den Aufenthaltsraum. Eine Kollegin deutet auf das Bullauge neben mir. Ich soll es zumachen. Ich setze mich hin und schaue in die Runde. Der Adrenalinpegel schiesst hoch, ich warte und halte meine Klappe. Was soll ich als Neuling auch sagen. Ich verstehe nur, dass sich ein unbekanntes libysches Boot schnell genähert hat.
Solche Annäherungen nimmt die Crew ernst. Im August 2025 wurde die Ocean Viking von der libyschen Küstenwache während rund 20 Minuten beschossen – mit 87 zuvor geretteten Menschen an Bord. Viele der Crew waren bei diesem Angriff dabei. Daher gelten strenge Sicherheitsprotokolle.
Helen, eine erfahrene Ärztin mit trockenem britischem Humor, fängt an, Sprüche zu machen. Die Stimmung wird etwas lockerer.
Bald hören wir wieder Marcos Stimme. Das Boot scheint sich entfernt zu haben, der Alarm wird aufgehoben. Eine Stunde später liege ich wieder im Bett und versuche zu schlafen.
«All crew, all crew.» Schon wieder Marcos Stimme. Wieder springe ich aus meiner Koje. Diesmal bin ich so schnell wie alle anderen. Erneut Sicherheitsalarm – der bleibt nun für die Nacht. Niemand darf den Wohnbereich verlassen. Ich bin hellwach.
31. Juli – Rettung
Am nächsten Tag erfahre ich mehr. In dieser Nacht näherten sich uns mehrere unbekannte Schiffe. Marco hat aus Sicherheitsgründen Kurs nach Norden gesetzt.
Ich falle doch noch in einen tiefen Schlaf. Um sieben erwache ich. Ein Frontex-Flieger hatte einen Notfall gemeldet, erfahre ich. Noch ist er eine Stunde entfernt. Kurz vor acht Aufregung über Funk. Ich gehe nach draussen aufs Deck. Marco und ein paar andere erspähen etwas am Horizont. Dann erklingt der Alarm, auf den alle gewartet haben. Ich höre ihn zum ersten Mal. «All Crew, all Crew, Ready for Rescue, Ready for Rescue.» Ich steige Richtung Main Deck. Um mich herum ist plötzlich alles in Bewegung. Ich versuche mich an eine der ersten Regeln zu erinnern: nie rennen. Schon gar nicht auf einem Schiff.
Ich ziehe meine Sicherheitsausrüstung an. Das Post-Rescue-Team sammelt sich auf dem Deck. Es besteht aus medizinischem Personal, kulturellen Vermittler:innen sowie Personen, die für die Logistik zuständig sind. Alle sind fokussiert, aber ruhig. Wir stellen Tische auf, machen die Box mit den Armbändern und die Survival Kits bereit.
Gemeldet sind 14 Personen. Für die Ocean Viking wenige. Dann geht alles schnell. Ich habe nicht einmal richtig mitbekommen, dass unsere Rettungsboote schon im Wasser sind. Und schon sehe ich erste gerettete Menschen in der Landungszone eintreffen. Dort macht das medizinische Team einen ersten Check.

Zwei Frauen kommen an Deck. Dann werden einige junge Männer nach hinten begleitet. Man sieht es an ihren Gesichtern – sie begreifen noch nicht, was mit ihnen geschehen ist. Aber ihre Freude ist zu spüren. Sie strecken die Hände zum Himmel, sie lachen mich an und reichen mir die Hand. Am Verteiltisch erhalten alle ein Armband mit einer Nummer, ein Survival Kit und einen Plastiksack für ihre nassen Kleider. Die Crew gibt ihnen zuerst die wichtigste Information: Ihr seid sicher hier.
Es folgen die ersten Fragen: Wohin fahren wir? Norden? Ganz sicher? Nicht zurück nach Libyen?
Ja. Norden. Nicht zurück. Mit wenigen englischen Wörtern und den Händen verständigen wir uns.
Erst später sehe ich Fotos des Schlauchboots. Es ist winzig. Zwei Nächte haben die 14 Menschen auf dem offenen Meer verbracht: zehn Männer, drei Frauen und ein 7-jähriges Mädchen. Sie stammen aus Eritrea, Somalia sowie dem Nord- und Südsudan. Mit nur etwa 1 bis 1,5 Knoten trieb das Boot zwischen der tunesischen und libyschen Such- und Rettungszone. Bei der Rettung lief bereits erstes Wasser ins Schlauchboot. Noch etwa fünf Stunden – dann wäre es untergegangen.
Meine Aufgabe ist nun bei den Duschen. Ich begleite die geretteten Männer zum Umziehen und danach in ihre Unterkunft. Sie sind noch wackelig auf den Füssen. Die einen sind still, andere sprechen lauthals mit mir und stellen Fragen. Einer singt unter der Dusche. Danach durchsuchen sie neugierig ihre Survival Kits. Sie finden ihre Zahnbürsten. Alle putzen ihre Zähne. Mir fällt auf, dass sie nichts bei sich haben. Die nassen Kleider und Flip-Flops. Das ist alles.
Immer wieder werde ich gefragt, ob wir nicht nach Libyen zurückfahren. Nein, sage ich. Ihr seid hier sicher. Nach der medizinischen Untersuchung legen sich fast alle völlig erschöpft schlafen. Ausser das 7-jährige Mädchen. Sie heisst Amira. Sie ist mit ihrer 18-jährigen Schwester und deren Partner unterwegs. Lachend rennt sie herum und ist voller Energie. Ich beginne mit ihr Fussball zu spielen. Sie rennt herum, lacht und möchte alles entdecken. Ihr Name, wird mir erklärt, bedeutet Optimismus.
1. August – Der Tag nach der Rettung
Mir fällt ein, dass heute der Schweizer Nationalfeiertag ist – aber das fühlt sich gerade sehr weit weg an. Als ich zum Frühstück gehe, schlafen die Geretteten noch tief. Die einzige, die schon wieder herumrennt, ist Amira.
Im Laufe des Morgens erwachen auch die anderen. Unsere Crew erklärt in Englisch, Arabisch und Tigrinya, wohin wir fahren, was als Nächstes passiert, und zeigt auf einer Karte den Hafen von Brindisi.
Nach einer Rettung weisen die zuständigen Behörden dem Schiff einen sicheren Hafen zur Ausschiffung zu, einen sogenannten «Place of Safety». Für uns ist es Brindisi, eine Hafenstadt in Apulien.
Heute können die Geretteten ihren Familien eine Nachricht senden: dass es ihnen gut geht und sie an Bord eines Rettungsschiffes in Sicherheit sind. Aufgeregt stellen sie sich in die Reihe. Im Laufe des Tages kehrt etwas Alltag ein. Ich helfe beim Kochen. Amira ist das Essen zu scharf. Eine Kollegin holt ihr einige Chicken Nuggets aus der Crewküche. Sie freut sich. Nach dem Essen helfen Gerettete und Crew gemeinsam beim Abwasch. Auf dem Deck haben wir eine Schaukel aufgestellt. Später sehe ich Karim darauf. Der junge Mann mit dem hageren, eingefallenen Gesicht schaukelt und strahlt über das ganze Gesicht.
Am Abend kommt Elias zu mir. Wie ich später erfahre, kommt er aus dem Sudan. An seinem Arm trägt er das gelbe Bändchen: minderjährig. Er möchte mich etwas fragen, getraut sich aber nicht so recht. Er zeigt auf ein Schiff am Horizont. Er fragt, ob es auch so ein Schiff ist wie unseres. Nein, sage ich.
Plötzlich ändert sich sein Gesichtsausdruck. «Police???»
Nein, sage ich. Keine Polizei. Hier ist er sicher. Wir gehen zur Europakarte. Ich zeige ihm, wo wir sind und wohin wir fahren. Dann zeigt er auf Brindisi. Er fragt, ob er sich in ganz Italien frei bewegen kann. Ich sage ihm ehrlich: Das weiss ich nicht.
«Italy, very good?» Die Frage überrumpelt mich. Ich weiss nicht, was ich antworten soll, und nicke nur.
Während ihrer Zeit an Bord werden die Geretteten in Informationsrunden darüber aufgeklärt, was sie nach der Ankunft erwartet und welche Rechte sie haben. Auch die Unterstützung von Menschen, die auf ihrer Flucht Gewalt oder sexualisierte Gewalt erlebt haben, gehört zur Arbeit unseres Teams.
2. August – Letzter ganzer Tag
Als ich aufs Main Deck komme, ist Amira schon wieder putzmunter. Sie malt allen mit Buntstiften kleine Tattoos auf. Blumen. Sie mag Blumen. Auch ich bekomme eine auf die Handfläche.
Am Abend bereitet die Crew für alle ein gemeinsames Essen vor. Wir sitzen zusammen an Tischen auf Deck. Danach lassen die Jungs aus Eritrea ihre Musik laufen. Es wird getanzt und gesungen. Ich schaue dem Treiben zu und klatsche mit.
3. August – Brindisi
Am Morgen gehe ich aufs Main Deck. Wie immer wird mir von überall gewunken. Ich spiele etwas mit Amira und stosse ihre Schaukel an. Ich glaube, sie ahnt nicht, dass heute etwas ansteht. Die anderen stehen an der Reling. Die Küste ist schon zu sehen. Am Heck treffe ich Karim. Er ist aufgeregt. Er winkt mich zu sich und holt sein Handy hervor. Ich frage, ob ich es aufladen soll.
Nein, sagt er. Es ist kaputt. Nass geworden. Minutenlang pustet er ganz vorsichtig in alle Öffnungen und versucht immer wieder, es zu starten. Schliesslich legt er es in die Sonne. «No problem», meint er und versucht zu lachen.
Wir kommen näher an den Hafen. Ich sehe nur Industrieanlagen. Zwei Boote der Küstenwache und der Guardia di Finanza eskortieren uns. Dann nähern wir uns unserem Anlegeplatz. Dort wartet ein riesiges Aufgebot: Polizei, Rotes Kreuz, Küstenwache, Frontex, Gesundheitsamt. Mehr Leute als die Geretteten und die Crew zusammen.
Die Spannung steigt auch bei der Crew. Sie kennen die Abläufe. Ich bin nur noch Zuschauer. Ich sitze bis zum Schluss bei den Geretteten auf Deck. Sie tragen die Beutel aus ihren Survival Kits und können ihre Decke mitnehmen. Das ist alles, was sie bei sich haben. Ich denke an Karim und sein kaputtes Handy. «No problem.»
Wir verabschieden uns, ich umarme einige, anderen schüttle ich die Hand. Take care. Goodbye.
Dann verlassen sie das Schiff. Amira, ihre Schwester und deren Partner zuerst, dann die Frauen. Dann sind die Jungs dran. Elias ist der letzte. Er wartet bei uns auf der Gangway, bis er heruntergewunken wird. Er ist nervös, trotzdem lacht er. Unten schaut er zurück, findet meinen Blick und winkt. Er läuft weiter, wird weitergeführt. Aber auch ganz hinten schaut er nochmals zurück und winkt.
Dann sind alle von Bord. Für mich ist die Zeit auf der Ocean Viking vorbei. Ich erhalte meinen Pass zurück. Dann bin ich auch schon runter vom Schiff. Später trinke ich mit einigen aus der Crew noch ein Bier in Brindisi. Dann müssen sie zurück. Um 21 Uhr geht die Gangway wieder hoch. Für die Crew beginnt eine neue Patrouille.
Wir verabschieden uns. Luca umarmt mich. «Ciao brother», meint er lachend. Und dann sind alle weg. Plötzlich stehe ich etwas verloren in der Gasse mitten in Brindisi. Die Unterkunft ist nur fünf Minuten entfernt. Langsam mache ich mich auf den Weg.
*Stefan Caprez koordiniert die Kommunikation für SOS Mediterranee in der Deutschschweiz. SOS Mediterranee ist eine europäische humanitäre Organisation, die im zentralen Mittelmeer Seenotrettungen durchführt.
