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Alles, was man nicht braucht

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Sie sind Orte, wo es alles gibt: Brockenstuben zu durchstöbern will deshalb geübt sein. Eine Tour durch die Schaffhauser Brockis zeigt, was sich finden lässt – und was nicht.

von Hanneke Keltsch

I’ll wear your granddad’s clothes

I look incredible

I’m in this big-ass coat

From that thrift shop down the road

– «Thrift Shop», Macklemore

Wo sich vollbepackte Kleiderstangen eng aneinanderdrängen, Töpfe bis zur Decke stapeln und Schuhpaare in den Regalen türmen, fühle ich mich wohl. In meinem Umfeld bin ich als zuverlässige – und überzeugte – Brocki-Gängerin bekannt. Selbstbewusst wagte ich also vor Kurzem zu behaupten, dass ich eigentlich keine anderen Läden mehr brauche. Was ich suche, finde ich auch im Brocki – dem Ort, wo es alles gibt. Das sollte sich jedoch als schwieriger herausstellen als gedacht. 

Auf meine Aussage hin drückte mir die AZ also ein Hunderternötli in die Hand (denn Brockis werden ja immer teurer, wie es scheint). Und so stehe ich nun an der Kasse und bezahle sechs Franken für ein T-Shirt und einen Dampfeinsatz. Als die Ladenbesitzerin mein Budget hört, reisst sie die Augen auf und ruft, dass sie mir damit eine ganze Wohnung einrichten könne. (So viel teurer sind die Brockis wohl doch nicht geworden.)

Eine ganze Wohnung brauche ich nicht. Ich ziehe zwar bald um, aber meine Einkaufsliste – geschrieben von der Redaktion – ist überschaubarer: Ein Outfit, ein Möbelstück und ein Geschenk für eine Freundin.

Dinggeschichten

Vor dieser Tour habe ich mir selten Gedanken darüber gemacht, wieso ich Brockis so toll finde. Für jemanden mit chronisch knappem Studentinnenlohn sind die meist tiefen Brocki-Preise natürlich attraktiv, aber Budget ist nicht alles. Diese Orte haben noch etwas anderes an sich, üben beinahe eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Vielleicht liegt es daran, dass man nie weiss, was einen erwartet. T-Shirts mit fragwürdigen Aufdrucken, Kisten mit Sparschälern in unterschiedlichsten Ausführungen und Deko für alle Stimmungen und Jahreszeiten – ein Sortiment, das vergänglicher und unvergänglicher zugleich kaum sein könnte. Alles Einzelstücke, die eine eigene Geschichte in sich tragen und durch unzählige Hände gegangen sein könnten.

Aber heute bin ich nicht zum ziellosen Stöbern hier: Ich habe einen Auftrag. Um eine möglichst breite Auswahl zu haben, führt mich meine Tour durch unterschiedliche Brockis im Kanton. Mein Lieblingsbrocki, das Heilsarmee-Brocki im Ebnat, das den ganzen Monat sein 60-jähriges Jubiläum feiert, spare ich mir für den krönenden Abschluss auf.

Meine Tour de Brocki beginnt in der Grossbrockenstube Hiob in Beringen. Beladen mit Enthusiasmus, 100 Franken und ohne konkreten Plan stehe ich bald zwischen Regalen mit Boxen voller Muscheln und einer Kiste, in der sich zwanzig Mal dieselbe Sonnenbrille stapelt. Nichts, was ich brauche, aber es lohnt sich immer, sich zuerst einen Überblick zu verschaffen. Aber spätestens beim Pokal der Rottweiler Regionalgruppe Schaffhausen weiss ich, dass ich in diesem Teil des Brockis nichts finden werde. 

Schnell verschlägt es mich in die Kleiderabteilung: mein sicherer Hafen. Über die Jahre habe ich mir ein sicheres Vorgehen beim «Thriften» erarbeitet: nicht nach Kleider- und Geschlechterkategorien gehen, jeden Bügel anschauen, und vor allem die Stoffe anfassen und nichts vorschnell ausschliessen.  

Fotos: Robin Kohler

Im Hiob bringt mir diese Strategie heute leider wenig. Ich schiebe Bügel um Bügel zur Seite, finde aber nichts, was mich überzeugt. Eine Baslerin, die selbst in einem Brocki arbeitet, lehrt mich, dass es in einem guten Brockenhaus nicht müffeln dürfe. Ich nehme mir vor, für den Rest des Tages die Brockis auch meinem Geruchssinn zur Prüfung zu unterziehen. 

Gerade, als ich mich erfolglos von den Kleidern abwenden möchte, entdecke ich eine Kiste voller Tücher und Schals. Wenig später trete ich mit einem bunten, mit Fasanen bedruckten Tuch, einem hölzernen Salatbesteck und drei Franken weniger auf den Parkplatz vor dem Hiob. Nicht gerade die Ausbeute, die ich mir erhofft hatte, aber immerhin ein Anfang. In meiner Tasche liegen noch 97 Franken und meine noch vollständig abzuhakende Einkaufsliste.   

Die Tour nimmt Fahrt auf 

Die Galleria 13 in Neuhausen bringt mich meinem Ziel zunächst nicht viel näher. Vor dem Brocki stehen einige Fahrräder, die Modelle des Grabsteinfachgeschäfts neben dem Secondhand-Laden wirken in der Kombination beinahe makaber. Die Lage fern des Zentrums lässt mich auf noch unentdeckte Schätze hoffen, doch der ausgestopfte Babyalligator ist nicht das, was ich darunter verstehe, und auch die beiden präparierten Eichhörnchen überzeugen mich nicht als Geschenk. Immerhin: Es müffelt nicht.

Bei den Kleidern sieht es nicht besser aus. Ich gehe die Stangen trotzdem sorgfältig durch, schliesslich hat mich meine jahrelange Thrift-Erfahrung gelehrt, nicht zu früh aufzugeben. Doch auch nach mehreren Runden finde ich nichts, das ich mitnehmen möchte. Bei den Möbeln ist die Auswahl zwar grösser, aber auch hier springt der Funke nicht über. Mit leeren Händen verlasse ich die Galleria 13. Noch immer liegen 97 Franken in meinem Portemonnaie.

Im Neuhauser Zentrum versuche ich ein weiteres Mal mein Glück. Das Rhyfallbrocki wird von der Altra betrieben und ist deutlich kleiner als die ersten beiden. Eine kleine Bienenlampe hält mich auf. Wo eigentlich der Kopf der Biene sitzen sollte, klafft eine leere Fassung – der Glühbirnenkopf fehlt. Vielleicht hat sie einmal in einem Kinderzimmer gestanden. Kaufen möchte ich sie trotzdem nicht. Zwei Zimmer weiter, in einem Raum voller Kleider, probiere ich spasseshalber ein Paar braune Lederstiefel an. Erstaunt darüber, wie bequem die Stiefel sind, entscheide ich mich kurzerhand, sie zu kaufen und mich künftig in einem neuen Stil auszuprobieren. 15 Franken kosten die Schuhe und ich mache mich besserer Laune auf den Weg in die Stadt.

Einkaufsliste ade 

Im Brocki an der Ebnatstrasse 31 komme ich kaum dazu, mich umzusehen. Die Ladenbesitzerin verwickelt mich sofort in ein Gespräch, was mir nach den ersten drei Brockis und gemischten Gefühlen gerade recht kommt. 

Sie erzählt, dass sie das Brocki gegründet habe, um allen Menschen zu tiefen Preisen etwas anbieten zu können. Möbel gibt es hier keine, woraufhin ich spätestens hier die Kategorie «Möbel» auf meiner Einkaufsliste in «Wohnen» umwandle. In einem Anfall von Verzweiflung kaufe ich einen Dampfeinsatz für zwei Franken und ein Shirt für vier. Sie habe die «besten Preise» in Schaffhausen, meint die Verkäuferin stolz. Wenig später werde ich im Heilsarmee-Brocki einen Dampfeinsatz für einen Franken neunzig entdecken.

Erschöpft stapfe ich die paar Meter zum Heilsarmee-Brocki hoch. Wie bei leckerem Essen wollte ich mir das Beste zum Schluss aufheben. Doch wo ich mich normalerweise stundenlang aufhalten kann, greife ich heute nur vereinzelt zwischen die Bügel. Von den Sofas gefällt mir keines, doch in meiner Erschöpfung taugen sie als Sitzgelegenheit. 

Immerhin: Ich finde einen Bialetti-Kaffeekocher für vier Franken neunzig. Meiner ist kürzlich kaputt gegangen. Ich nehme ihn mit und beschliesse, für heute genug gesucht zu haben.

Einige Tage später wage ich mich auf ein Neues ins Heilsarmee-Brocki. Ich finde noch einen Pulli, ein weiteres Langarm-Shirt für die frischeren Temperaturen, drei Glasteller in Form eines Fisches und ein schönes Trinkglas für meine Freundin.

Aus meiner ursprünglichen Einkaufsliste ist eine ziemlich eigenwillige Sammlung geworden: Ein halbgares Outfit, das Geschenk für die Freundin ist simpel, aber erfüllt seinen Zweck. Das Möbelstück kann ich noch immer nicht abhaken. Dafür hätte ich mit Fischtellern, Salatbesteck, Bialetti und Dampfeinsatz schon so einiges, was ich in einen imaginären Küchenschrank räumen könnte. Nicht einmal die Hälfte meines Budgets ist aufgebraucht.

Zeit zur (Re)-Kapitulation. Nach zwei Tagen und fünf Brockis habe ich nicht alles gefunden, was ich gesucht habe. Ich war wohl zu voreilig mit meinem selbstauferlegten Dogma. Ein Glück, dass ich bis zu meinem Umzug noch ein paar Wochen zum Bummeln habe.

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