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Mario Crola führte über 30 Jahre lang im Freibad der KSS sein Kasperlitheater auf. Ein Gespräch über Gott, die Welt und andere Ikonen.
«Eis, zwei, Hosebei, der Kasperli ist wieder da!» Und er möchte in den Zoo. Doch, oh Schreck, der Zoo ist geschlossen, denn der Schimpanse ist ausgebüxt. «Seht ihr ihn da oben auf den Bäumen, Kinder? Könnt ihr dem Kasper helfen, den Schimpi wieder einzufangen?» Mit List und vielen Bananen gelingt es, den Affen vom Baum herunterzulocken.
Mit dieser Episode sauste Kasperli kürzlich zum letzten Mal über die Bühne der KSS. Der Puppenspieler Mario Crola hört auf, nach über 30 Jahren als Meistererzähler der Kasperli-Abenteuer. Es sei nun genug, sagt der 81-Jährige, das Alter mache sich bemerkbar.
Wir treffen Crola, dem man sein Alter allerdings nicht anmerkt, in der KSS zum Gespräch. Er wird von allen Seiten gegrüsst. Es war eine gute Kasperli-Saison. Sein Theaterhäuschen hat Mario Crola bereits leergeräumt, darum breitet er in der Cafeteria einige Erinnerungsstücke an seine Kasperlizeit aus. Den Spick zu seinem letzten Stück, sein Theater-Diplom, natürlich seine über 30 Jahre alte Kasperli-Puppe (sie brauche dringend ein neues Kleid, sagt er) und das Horn, mit dem er jeweils die Aufführungen ankündigte. Das Hörnli sei ein altes Ding. Eigentlich sei das ja ein Schofar (ein Blasinstrument, das im Judentum noch heute als liturgisches Instrument verwendet wird, Anm. d. Red.). Er habe dem Kuhhorn ein Doppelrohrplättchen aus seinem Fagott eingesetzt.
Am Ende des Gesprächs wird er sich entschuldigen, so viel geredet zu haben.
AZ: Herr Crola, nach 30 Jahren geben Sie Kasperli aus der Hand. Was wollten Sie mit ihm erreichen?
Mario Crola: Befreiung. Eine Befreiung von allen Zwängen und Ängsten und etwas Fröhlichkeit im Alltag.
Und wie erreicht man diese Befreiung?
Mit Humor. Nur das zählt.
Wann merkten Sie, dass Kasperli dafür der richtige ist?
An ein Erlebnis kann ich mich gut erinnern: Wir wollten unsere Tochter ans Töpfchen gewöhnen, also habe ich den Kasperli genommen und auf den Hafen gesetzt. Gleichzeitig hielt ich ein paar Blähton-Kügelchen in der Hand und liess sie ins Töpfchen fallen. Bald darauf zeigte meine Tochter stolz, was sie dem Kasper nachgemacht hatte. Von da an war sie windelfrei. So hat es angefangen. Die Handpuppe hatte ich aber schon vorher. Ich hatte ja als Kind schon Kasperlitheater gespielt. Mein Grossvater war Schreiner, er bastelte mit mir eine kleine Bühne und ich spielte für die anderen Kinder in der Genossenschaftssiedlung, in der wir lebten.
Sie sind Geschichtenerzähler geblieben.
Ja. Geschichten sind für mich das A und O. Ich war in Schaffhausen Religionslehrer, Katechet und habe an der Oberstufe unterrichtet. Mein Beruf war es also immer, Geschichten zu erzählen. Nicht gerade das, was Jugendliche in diesem Alter hören wollten.
Was war Ihr Trick?
Ich überlegte mir, wie ich die Jugendlichen begeistern könnte. Klar war, dass ich nicht mehr frontal unterrichten wollte. Ich rückte also die Tische beiseite und stellte die Stühle in einen Kreis. Und dann nahm ich Puppen zur Hand.
Wie das?
Ich hatte zwei Figuren, einen Wolf und eine Giraffe, nach Rosenbergs Theorie der gewaltfreien Kommunikation: Der Wolf versteckt seine Aggressionen und kann seine Wut nicht in Worten ausdrücken. Die Giraffe aber kann sagen, was sie möchte. Es geht darum, die Giraffensprache zu lernen. Mein inneres Feuer war es, mit den jungen Menschen in einen Dialog zu kommen. Wie fühlt ihr euch, was für Ziele und Wünsche habt ihr?
Und das wandten Sie auf Ihr Kasperlispiel an?
Das ist eben spannend. Kasperlitheater ist keine Ein-Weg-Kommunikation wie im Fernsehen, sondern dialogisch. Die Kinder rufen, sie machen mit, ich lade sie ein: «Der Zauberer Knurunkulus Merkurius kann nicht einmal bis zehn zählen. Kinder, was meint ihr dazu?»
Können das die Kinder heute noch, diese Art von Kommunikation?
Ja, sie sind gefesselt. Kinder sind immer noch gleich wie vor 70 Jahren, als ich selbst als kleiner Bub die Aufführungen von Adalbert Klingler sah.
Der Vater des Schweizer Kasperlis.
Er ist mein innerstes Vorbild. Mein Kindheitserlebnis, als ich mit meinen Eltern im sogenannten «Duttipark», dem Park im Grünen in Rüschlikon, das Kasperlitheater erleben durfte, hat mich geprägt. Die Figuren und seine Geschichten sind mir in lebendiger Erinnerung geblieben. Alle kennen die Kassetten von Jörg Schneider und Ines Torelli, seinen Nachfolgern. Ich habe sie alle, die ganze Sammlung, und auch alle Schallplatten. Natürlich habe ich bei beiden ein bisschen abgeguckt und kopiert. Schneider mochte es nicht, wenn man ihn Kasperli nannte, auch ich war bald nur noch der KSS-Kasperli. Aber das war mir gleich.
Warum störte ihn das?
Jörg Schneider wollte nicht auf den Namen «Kasperli» reduziert werden, was ich gut verstehe, denn er war ein grossartiger Schauspieler. Meine Spezialität war es, eine Geschichte in einer halben Stunde auf den Punkt zu bringen und die Kinder zu begeistern. Ich bin ein Amateur im Figurentheaterspiel und habe ja auch nur zwei Hände! Ich improvisierte eben viel. Das war bis zum Schluss so, das hat auch nie die Illusion zerstört. Manchmal fiel mir eine Figur hinunter oder jemand schmiss einen Tannenzapfen hinein, dann musste ich kurz aus der Rolle fallen.
Die Figur des Kasperlis war ursprünglich ein derber Geselle, der immer dreinschlug.
Ja, aber mein Kasperli ist gewaltlos. Ich will keine Schlägerei auf der Bühne. Mein Prinzip ist Pazifismus. Klar gibt es Konflikte in meinen Geschichten, aber sie werden auf sympathische Art gelöst.
Darf Ihr Kasperli auch mal frech sein?
Ah, Sie sprechen die berühmte Geschichte an.
Welche Geschichte?
Ein Bub rief einmal während einer Vorstellung: Chasperli, du bisch es Arschloch! Der Kasper antwortete: Stimmt, so eines hat jeder hier, auch du hast eines. Aber der Kasper, der hat keines! Da war Ruhe. Solche Sprüche darf man natürlich nicht ernst nehmen. Und vor allem nicht persönlich.
Ihr Kasperli ist also Pazifist. Haben Krokodil, Hexe und Teufel, die man aus jedem Kasperlitheater kennt, leichtes Spiel mit ihm?
Die typisch «bösen» Kasperli-Figuren benutzte ich bewusst nicht. Es gibt natürlich eine Hexe unter meinen hundert Figuren, aber sie liegt schon lange zuunterst in der Schublade. Das Stereotyp der bösen Hexe wollte ich nicht aufgreifen. Die Hexenverfolgungen waren eine schlimme Sache. Auch den Teufel wollte ich nicht mehr ins Spiel bringen.
Warum nicht?
Ach, dieser Teufel, das ist eine unselige Sache. Eigentlich hatte sich die Kirche ja schon vom Teufel verabschiedet. Und dann kam Papst Franziskus doch wieder mit dem Teufel daher. Ich war entsetzt! Es ist doch der innere Wolf, den man überwinden muss, das ist unsere humanitäre Aufgabe als Menschen. Papst Paul VI. sprach schon vor 60 Jahren an der UNO-Generalversammlung und sagte, es dürfe nie wieder Krieg geben. Und was machen wir? Aufrüsten.
Das sind sehr grosse Fragen und Zusammenhänge.
Aber sie haben alle mit meinem Leben zu tun, das fliesst alles ein. Nur einmal übrigens bin ich rückfällig geworden, als ich die Sage der Teufelsbrücke aufgegriffen habe. In meiner Version fordert der Teufel den Kasperli zum Kampf heraus, aber dieser hat nur einen Cervelat dabei, also wird dieser aufgespiesst und gebraten. Die ursprüngliche Geschichte ist eine Parabel aus dem Zen-Buddhismus, ich habe sie mit der Sage und mit Kasperlimotiven vermischt.
Friede, Toleranz – sind das die Motive, die Sie vermitteln wollten?
Man nannte mich einmal Scacciapensieri, Sorgenkiller. Das passt sehr gut. Hier in der KSS trifft sich die multikulturelle Gesellschaft. Die Kinder, die meine Auftritte besuchten, haben Sorgen, vielleicht Konflikte zuhause, und teilweise Schlimmes erlebt. Ich habe kein einziges Mal die Badi verlassen, ohne dass ich ins Gespräch mit Eltern gekommen wäre.
Welche Begegnungen blieben Ihnen am meisten?
Einmal sagte mir ein kosovarischer Vater, er sei über eine meiner Figuren erschrocken. Es war der stotternde Diener Chumsofort. Das Stottern erinnerte ihn an sein Kriegstrauma, das ihn die Sprache verlieren liess. Er bat mich, die Figur nicht mehr zu spielen. In den Neunzigerjahren gab es zudem oft Radau zwischen einzelnen Gruppen, in einem Fall waren es Kinder albanischer Herkunft. Sie verstanden nicht, was ich hier spielte und wollten stören. Kurzerhand änderte ich mein Programm und spielte ein Stück, komplett improvisiert: «Kasperli geht nach Albanien». Plötzlich war ich akzeptiert. Die Kinder freuten sich, dass ich sie ernst genommen hatte. Ich spielte übrigens immer in meinem Zürcher Dialekt und gelegentlich auf Italienisch. Die Kinder verstanden auch ohne Worte, um was es ging. Die Figuren sprachen für sich. Am Sonntag vor drei Wochen spielte ich ein Stück über Nikolaus und seinen Esel. Ich hatte etwas Sorge, wie der Samichlaus im Sommer ankommen würde. Nach dem Auftritt kam ein ukrainisches Mädchen auf mich zu und hielt lächelnd den Daumen hoch. Die Mutter erklärte mir, in der Ukraine sei der heilige Nikolaus sehr wichtig, eine zentrale Figur der Ikonografie. Das hat mich sehr berührt. Solche Begegnungen werde ich vermissen. Das war immer wunderbar.
Wie kam Kasperli überhaupt in die KSS?
Meine Tochter unterrichtete hier als Schwimmlehrerin. Zu dieser Zeit gab es schon ein kleines Kasperlitheater, aber ohne Lautsprecher. Man hat wenig verstanden und es musste erst einiges verbessert werden. Der damalige KSS-Direktor Thomas Spengler unterstützte mich sehr. Ich konnte ein neues Theaterhaus nach meinen Wünschen bauen lassen.
Gibt es einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin, die das KSS-Kasperlitheater übernehmen wird?
Ich weiss es nicht. Aber es stünde alles bereit.
