Dürrenmatt ohne Dürrenmatt

20. August 2026, Jonas Frey
Foto: Robin Kohler
Foto: Robin Kohler

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Zum 25. Jubiläum des SHpektakels bringt Damir Žižek eine Dürrenmatt-Komödie auf die Bühne.
Wir waren an der Premiere – und wurden enttäuscht.

Es ist Montagabend. Auf dem Weg zur Bachturnhalle denke ich an eine Berner Platte, die länger ist als der Tisch, auf dem sie steht. Dann stelle ich mir die zwanzig Gänge vor, die nach der traditionsreichen Vorspeise serviert werden.

Dutzende leere Weinflaschen stehen am Ende des Abends zwischen den Tellern. Eine unschuldige Figur gelangt im Hin und Her des Gelages zur Überzeugung, einen Mord begangen zu haben und fällt bei dieser Erkenntnis kopfüber in eine Erbsensuppe.

Inspiriert sind die Szenen in meinem Kopf von den hedonistisch-grotesken Dramen Friedrich Dürrenmatts. Diese gehören für mich zum besten literarischen Stoff, der in diesem Land verfasst wurde. Die humorvolle Verhandlung existenzieller Schuldfragen im Setting opulenter Kulinarik hat mich schon seit der ersten Lektüre am Gymnasium angesprochen.

Hier wird nicht nur das reale Fassungsvermögen des Magens ins Masslose ausgeweitet. Die Grenzen der Realität werden gebrochen, um sie wirklich erfahrbar zu machen.

«Wer die Welt auf Gedeih und Verderb verbessern will,
scheitert an seinen eigenen Ansprüchen.»

Trotz meiner Bewunderung für Dürrenmatt habe ich seine Dramen nie als Theaterinszenierungen gesehen, sondern bloss in Textform gelesen. Denn obwohl (oder weil) ich selbst während dem Gymnasium auf der Bühne gestanden bin, gehören Theaterbesuche nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Zu steif, zu distanziert, zu langweilig und aus der Zeit gefallen, so lautet mein Votum nach fast jeder Vorstellung.

Dass Damir Žižek zum 25-Jahre-Jubiläum des SHpektakels Dürrenmatts 1952 uraufgeführte Komödie «Die Ehe des Herrn Mississippi» inszeniert, könnte jedoch ein Wendepunkt sein.

Vor der Bachturnhalle treffe ich Kollegin Huber. Als Praktikantin lernt sie auf der AZ-Redaktion das journalistische Handwerk. Wir schauen uns die Premiere des SHpektakels gemeinsam an.

Nachdem wir an dem am Eingang stehenden Schauspieler in Trenchcoat, Sonnenbrille und Zylinder vorbei in die Bachturnhalle treten und unsere Plätze einnehmen, fällt mir der Spruch auf, der hinter der Bühne geschrieben steht:

«Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.» Das klingt nach Chaos – und verheissungsvoll.

Der Saal ist fast bis zum letzten Platz gefüllt, der Altersdurchschnitt höher als fünfzig Jahre. Im Hintergrund beginnt Regisseur Žižek die Tasten eines Klaviers zu drücken.

Seine Melodie stimmt auf den Mord an einer Figur ein, der im Vordergrund passiert und das Ende der Geschichte vorwegnimmt: Man weiss also schon, wie die Geschichte ausgehen wird. Dann treten die zwei Hauptfiguren auf: Anastasia und der Staatsanwalt Florestan Mississippi.

Schnell kommt der Dialog zur Sache: Anastasia gesteht, ihren Ehemann vergiftet zu haben. Statt ihre Handlung zu verurteilen, offenbart Mississippi seinerseits, seine Ehefrau mit Gift ermordet zu haben, nachdem diese ihn betrogen hatte. Völlig überraschend bietet er Anastasia die Ehe an: als Strafe für sie beide, um ihre Morde zu büssen. Sie heiraten. Mississippi sieht sich selbst als eine Art Märtyrer. Sein Charakter zeichnet sich aus durch die ruchlose Befolgung des alttestamentarischen Gesetzes.

Damit steht er im Gegensatz zu seinem früheren Freund Saint-Claude, der überzeugter Kommunist ist. Beide wollen auf ganz unterschiedliche Weise die Moral der Welt erneuern – und beide haben ein Verhältnis mit Anastasia.

Auch der stets betrunkene Diplomat Überlohe-Zabernsee ist noch immer in seine Jugendliebe Anastasia verliebt und versucht sie vor der ideologischen Vereinnahmung durch die beiden anderen Herren zu retten.

Der Justizminister Diego seinerseits will inmitten von Volksaufständen politisch aufsteigen und den Staatsanwalt seiner harten Hand und seiner früheren Stellung als Bordellbesitzer wegen um seine Position bringen. Und auch er ist mit Anastasia verbandelt.

«Alles kann man ändern, nur die Menschen nicht», lautet eine seiner Aussagen. Sie ist Leitmotiv des Stücks. Nachdem er im Wohnzimmer auf der Bühne seine Zigarre anzündet und der Rauch aufsteigt, räuspert sich jemand im Publikum.

Als der Pausenton ertönt, hatte ich bereits zwei- oder dreimal auf die Uhr geschaut. «Die Ehe des Herrn Mississippi» gilt als schwarze Komödie, als sarkastische Unterhaltung, ein klassischer Dürrenmatt.

Doch so fest ich mir vornehme, meinen Theaterkoller zu besiegen, es will mir nicht gelingen.

Stattdessen frage ich mich: Wo ist der groteske Humor, der das Publikum zum Lachen bringt trotz der allgegenwärtigen Morallosigkeit und Mordlust? Wo ist das überraschende Zusammenkommen von Tragödie und Leichtigkeit, das Dürrenmatts Werke doch so ausmacht?

Trotzdem: Im Pausengespräch mit Kollegin Huber steige ich mit dem Positiven ein: Das Bühnenbild ist sehr gelungen. Sie stimmt zu. Danach fallen kritische Worte.

In der zweiten Hälfte des Stücks wird getrunken, gemordet, geschossen – bis man zur Erkenntnis gelangen soll, dass Ideologien hohle absurde Phrasen und deshalb für nichts sind. Wer die Welt auf Gedeih und Verderb verbessern will, scheitert an seinen eigenen Ansprüchen zur Durchsetzung, so Dürrenmatts Aussage.

Kampf der Moralvorstellungen: Bodo Krumwiede als Graf Übelhohe-Zabernsee geht nicht zimperlich mit seinem Mitcharakter Florestan Mississippi (Stefan Kollmuss) um. Bild: Robin Kohler
Kampf der Moralvorstellungen: Bodo Krumwiede als Graf Übelhohe-Zabernsee geht nicht zimperlich mit seinem Mitcharakter Florestan Mississippi (Stefan Kollmuss) um. Bild: Robin Kohler

Auch mit Bezug auf die heutige weltpolitische Lage hätte uns das Werk einiges zu erzählen.

Doch wenn man auf der Bühne die geschwollenen Sätze aus dem Originaltext («Gnädiger Herr hat geklingelt?») oder zum Schluss das Ensemble die «Ode an die Freude» singen hört, hat man nicht das Gefühl, dass hier zu einem Gegenwarts-Publikum gesprochen wird.

Viel eher wirkt das wie die nostalgische Wiederaufwärmung des Geistes der 1960er-Jahre.

Auch vermisst man auf der Bühne Dürrenmatts Üppigkeit, die Übertreibung, den Witz. Das ist schade.

Ohne die humorvoll-groteske Stimmung wirken die moralischen Übertretungen der Figuren und die philosophischen Fragen, die sie provozieren sollten, platt.

Klar, ein Theaterstück muss nicht die exakte ursprüngliche Handschrift des Autors tragen.

Wahrscheinlich ist es ungerecht, von jeder Dürrenmatt-Interpretation jene Verbindung von Berner-Platten-Hedonismus und Erbsensuppen-Schuldkomplex zu fordern, wie sie im Buche steht – und dann noch durch einen unversöhnlichen Theater-Skeptiker wie mich.

Den vereinzelten Lachern nach sieht das Publikum das weniger skeptisch. Doch der Applaus am Ende fällt eher freundlich denn frenetisch aus.

Nur an einer Stelle der Aufführung zeigt sich das Potenzial der Inszenierung:

Als der Regisseur selbst in weissem Kittel die Bühne betritt und als Arzt den Staatsanwalt Mississippi in schweizerdeutschem Akzent in die Irrenanstalt einweist, kommt eine unverblümte Stimmung auf.

Wenn Žižek den Witz seiner eigenen Rolle auf das ganze Stück hätte übertragen können – wer weiss, ob es am Ende jenes Montagabends in der Bachturnhalle nicht doch zu einer Standing Ovation gekommen wäre.

«Die Ehe des Herrn Mississippi» von Friedrich Dürrenmatt ist an sieben weiteren Aufführungen in der Bachturnhalle zu sehen, bis zum 27. August, jeweils um 20 Uhr.

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