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Überdosis

Verborgen: In diesem Wäldchen im Eschheimertal haben die Frösche ihren Frieden. Foto: Robin Kohler

Verborgen: In diesem Wäldchen im Eschheimertal haben die Frösche ihren Frieden. Foto: Robin Kohler

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Dem Eschheimer Weiher geht es schlecht. Schuld daran könnte ausgerechnet sein einst grösster Beschützer sein. Von Froschdieben und angeknabberten Zehen.

In den letzten Wochen spürten wir in der AZ-Sommerserie skandalösen Geschichten nach, die in den letzten Jahrhunderten für Aufsehen sorgten. Doch manchmal steckt man auf einmal selbst mittendrin. Wie wir am Schreibtisch im neusten Jahresbericht des Interkantonalen Labors schmökern, stolpern wir plötzlich: und zwar über einen möglichen Umweltskandal, den die Behörde aufgedeckt hat – hundert Jahre, nachdem sich dieser zugetragen hat.

Tatort: das Eschheimertal. Einst lag hier ein Dorf: Eschheim oder Escha, wie es in den Quellen genannt wird, gab dem Tal seinen Namen und wurde bereits im 15. Jahrhundert als verlassen beschrieben. Mittendrin liegt der Eschheimer Weiher. Wer in der Ruhe der menschenverlassenen Weite den grünen, mit Wasserlinsen überwachsenen Weiher durch das dichte Gehölz schimmern sieht, glaubt, es sei nie anders gewesen: ein mystischer, unberührter Ort.

Doch der Schein trügt. Dem kleinen Paradies und beliebten Ausflugsziel der Städter:innen geht es nicht gut – es erstickt. Grund dafür ist die hohe Phosphorkonzentration und der dadurch ungenügende Sauerstoffgehalt im Wasser. Die Ursachen für die hohen Werte sind schwer zu ermitteln und können teilweise Jahrzehnte zurückliegen. Man könnte sagen: Was in den Weiher gelangt, bleibt im Weiher.

Eigentlich sind Schaffhauser Kleinseen wie der Eschheimer Weiher wichtige Rückzugsorte für bedrohte Arten, vor allem für Amphibien. 2023 jedoch untersuchte das Interkantonale Labor (IKL) den Zustand von 14 Schaffhauser Kleinseen, alle mit hohem Naturschutzwert, und hielt fest: Fast alle sind von Belastungen durch Pflanzenschutzmittel sowie Überdüngung betroffen. Im aktuellen Jahresbericht stellen die Autor:innen den Eschheimer Weiher, ein Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung, in den Fokus. Sie versuchen, die Ursachen der hier besonders hohen Messwerte besser zu verstehen.

Die – zumindest für Laien schockierende – Erkenntnis: Der Weiher düngt sich selber. Christine Egli, Fachbereichsleiterin Klima und Oberflächenwasser beim IKL, sagt gegenüber der AZ: Der niedrige Sauerstoffgehalt setze im Weihersediment eingelagerten Phosphor frei, der die biologische Produktivität anrege, was wiederum die sauerstoffarme Situation noch verstärke. Laut Expertin Egli ein Teufelskreis.

Das sei wohl schon lange so, sagt sie, auf einen genauen Zeitpunkt lasse sich aber aus den Aufzeichnungen nicht rückschliessen. Zumal es ein schleichender Prozess sei. Aber bereits vor 20 Jahren hätten Proben auf einen sauerstoffarmen Zustand hingewiesen.

Entschärfen könnte man das Problem, indem man den Weiher «belüftet», wie das bei grösseren Gewässern teilweise gemacht wird – beim Eschheimer Weiher wäre diese Massnahme aber wenig sinnvoll und reine Symptombekämpfung. Deshalb wurde untersucht, was die Ursache der Überdüngung sein könnte. Ein gegenwärtiger Einfluss durch die Landwirtschaft konnte ausgeschlossen werden.

Doch was sonst könnte das chemische Gleichgewicht des Weihers so gestört haben?

Stemmlers Haustiere

Die Laborant:innen fanden eine überraschende mögliche Antwort im Archiv. Diese hat mit einem umtriebigen Schaffhauser Idol zu tun. Zuerst aber müssen wir kurz zurück zu den Anfängen des Eschheimer Weihers.

Das heutige Naturidyll verdankt seine Existenz nämlich einem anderen künstlichen Weiher: dem Engeweiher, gebaut als Akkumulierungsbecken für das Pumpspeicherwerk des Rheinwasserkraftwerks. Einst lag dort ein kleines Hochmoor mit seltenen Pflanzen. Die «sumpfige Mulde» fiel dem prestigeträchtigen Bauvorhaben zum Opfer in einer Zeit, als den meisten Leuten das Thema Naturschutz noch sehr fern war.

Man glaubte, im lehmigen Untergrund des ehemaligen Moors die perfekte Basis für den Stauweiher gefunden zu haben. Dem war nicht so, also musste in Akkordarbeit noch einmal massenweise Lehm herangekarrt werden, um die Grube abzudichten. Den Lehm holte man im nahen Eschheimertal. Der tiefe Krater, den die Arbeiter hinterlassen hatten, füllte sich allmählich mit Grundwasser: ein neuer Weiher war entstanden.  

Teichhühner und Zwergtaucher siedelten sich an, und bald standen sie unter Beobachtung eines untersetzten Mannes mit feuerrotem Bart: Carl Stemmler. Der Schaffhauser Kürschner und Naturschutzpionier erkannte das Potenzial des neu entstandenen Gewässers. 1920 bekam er die Möglichkeit, das Land mitsamt Weiher zu pachten und baute es zu dem Naturreservat aus, das es heute ist. Stemmler verteidigte seine kleine Schöpfung vehement, sass dafür auch mal nächtelang auf der Lauer, um Froschdiebe zu vertreiben, die es auf deren Schenkel abgesehen hatten.

Die Idylle aber hatte einen Haken. Nicht alles, was Stemmler ansiedelte, war standortgerecht: Schon früh nämlich hatte er Spiegelkarpfen in den Teich eingesetzt. Warum er das tat, ist nicht klar. Gemäss dem Neujahrsblatt der Naturforschenden Gesellschaft von 1982, das die Geschichte des Eschheimertals nacherzählt, habe Stemmler Karpfen gewählt, weil sie stehende Gewässer mit reichem Pflanzenwuchs und schlammigem Boden bevorzugten. Nur: Die Karpfenart, seit dem Mittelalter ein vielgezüchteter Speisefisch, war mehr Haus- als Wildtier, und Stemmler musste sie füttern. Vielleicht – aber das nur als mutige These – hoffte der später als «Adlervater» bekannt gewordene Umweltschützer, die Fische würden einst als Nahrung für den Fischadler dienen, der wenige Jahre zuvor aus der Schweiz verschwunden war und deren Wiederansiedlung er sich bestimmt gewünscht hat.

In die Pfanne kamen dem dezidierten Vegetarier die Tiere jedenfalls nicht. Das bestätigt auch sein Enkel Caro Stemmler gegenüber der AZ, der sich noch gut an die Karpfen erinnert: Sie seien so zahm gewesenen, dass sie ihm als Jungen an den Zehen geknabbert hätten. Vielleicht waren sie dem Grossvater tatsächlich so etwas wie Haustiere.

«Wie in einem Aquarium»

Es war Stemmler wohl kaum bewusst, welche Konsequenzen seine Fische für das Biotop haben würden. Deren Futter nämlich könnte des Rätsels Lösung für die hohe Phosphorbelastung des Weihers sein: «Im Moment vermuten wir, dass eine mögliche Fütterung der Karpfen Nährstoffe in den Weiher eingebracht hatte», sagt Fachbereichsleiterin Christine Egli: «Wie wenn Fischfutter in ein Aquarium gegeben wird.»

Kurz vor dem Tod Carl Stemmlers 1971 wurde sein Weiher zum Naturschutzgebiet erklärt und die Karpfen verschwanden – zur Freude der Amphibien, zumindest am Anfang. Denn die Nährstoffe, mit denen die Karpfen damals gefüttert wurden, blieben zurück. Durch die Überdüngung wird viel Sauerstoff verbraucht, das Wasser «kippt»: Im Weiher ist heute kaum noch Leben möglich. Noch gäbe es zwar Plankton und natürlich die Pflanzen, die auf der Wasseroberfläche wachsen, erklärt Christine Egli, aber der Weihergrund sei faktisch tot. Die Frösche und Molche haben ihre Kinderstuben längst in die Tümpel der sumpfigen Umgebung verlegt.

Unbeabsichtigter Skandal

Was bedeutet der Befund nun für das Schicksal des Weihers? Eglis Urteil ist deutlich: Um die Wasserqualität nachhaltig zu verbessern und das natürliche Gleichgewicht wieder herzustellen, müssen die überschüssigen Nährstoffe entnommen werden. Sprich: Der See müsste ausgebaggert werden. Die Massnahme würde den Weiher in den Zustand seiner Entstehung vor hundert Jahren zurückkatapultieren und wäre ein massiver Eingriff ins Ökosystem. Aber in einem guten Sinn, betont Egli: «Aus Sicht der Wasserqualität könnte es ein Neustart sein.»

Ob die Ausbaggerung als Ultima Ratio wirklich durchgeführt wird, oder ob andere Massnahmen das Kleinod retten können, liegt in der Beurteilung des Naturschutzamts. Dessen Leiterin Esther Frei antwortet der AZ, die potenziellen Auswirkungen verschiedener Sanierungsmethoden müssten von Fachleuten abgeklärt werden, bevor Massnahmen ergriffen werden. Für eine erfolgreiche Sanierung müsse ausserdem die Ursache der jeweiligen Belastung berücksichtigt werden. «Im Moment können wir noch nicht sagen, welche Auswirkungen ein Ausbaggern von Sediment auf das Ökosystem hätte.» Die entsprechenden Studien seien noch nicht durchgeführt worden.

Klar ist: Stemmlers kleine Schöpfung, die er mutmasslich selbst in Gefahr gebracht hat, soll weiterhin in Frieden ruhen können – aber möglichst voller Leben.

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