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Nach seiner Entlassung aus der Verwahrung im Herbst 2025 zog der Schaffhauser Systemsprenger in eine Rohkostpension im französischen Hinterland. Wie geht es ihm dort?
Ein Mann mit weissen Haaren und einer pinken Augenklappe sitzt vor einem Tischchen, das übersät ist mit Gemüse. Eine Hand führt eine rohe Lauchstange an seine Nase, worauf der Mann tief einatmet. Er hält einen Moment inne, lässt den Duft auf sich wirken und flüstert dann auf französisch: «Non.» Die Hand legt den Lauch zurück, greift nach einer Sellerieknolle und hält diese unter die Nase des verblindeten Mannes. Wieder zieht er den Duft begierig ein, wartet ein paar Sekunden und sagt dann feierlich: «Oui!» Weiter geht es mit einer blauschaligen Kartoffel.
Schauplatz dieser Liturgie ist die schmuddelige Wohnküche eines Hauses in Pressiat, einem französischen Dorf mit 200 Einwohnern 100 Kilometer westlich von Genf. Es gibt hier keinen Tourismus, keine Hotels und keine Restaurants – dafür eine sonderbare Rohkostpension. Dort hat sich der 77-jährige Erich Schlatter eingenistet, ein psychisch schwer gestörter Straftäter, der Schaffhausen jahrzehntelang in Atem hielt. In seinem neuen Zuhause hat er eine verblüffende Wandlung durchgemacht.
Der Staat hält Schlatter für einen Systemsprenger und hat ihn 2015 in die geschlossene Psychiatrie gesperrt. Zehn Jahre lang kämpfte sein Anwalt in immer neuen Gerichtsprozessen für seine Freilassung, während die Behörden mit immer neuen psychiatrischen Gutachten beweisen wollten, dass es zu gefährlich sei, ihn wieder freizulassen. Lange schien es, als würde Schlatters unerhörtes Leben hinter Panzerglas verhallen. Doch dann sorgte das Schaffhauser Obergericht für eine Überraschung.
Ein psychiatrischer Gutachter ging zwar weiterhin von einem hohen Rückfallrisiko für Straftaten aus, er sah jedoch keinerlei Möglichkeiten mehr, Schlatter erfolgreich zu therapieren. Also sei es nicht mehr verhältnismässig, ihn einzusperren. Das Gericht folgte dem Gutachter. «Sie sind jetzt ein freier Mann», sagte die Richterin im Herbst 2025. Kurz darauf stand Erich Schlatter auf der Strasse vor dem Gerichtssaal und reckte vorsichtig zwei Siegerfäuste (AZ vom 25. September).
Es war nicht das erste Mal, dass er plötzlich als freier Mann vor einem Gerichtssaal stand. Und das letzte Mal hatte das nicht gut geendet. Schon 2013 wurde er unerwartet in die Freiheit entlassen und setzte seine neuroleptischen Medikamente ab, mit denen man ihn in der psychiatrischen Klinik zwangsbehandelt hatte. Die Lage eskalierte sofort, Schlatter wütete durch die Schweiz, legte Feuer, lieferte sich Verfolgungsjagden mit der Polizei, verwüstete Isolierzellen. Bald darauf sperrte ihn der Staat wieder ein.
Nun, nach der Entlassung im Herbst 2025, setzte er die Medikamente erneut ab. Ausserdem kündigte er an, die Schweiz verlassen und in einer französischen Rohkostpension leben zu wollen. Den Plan hatte er schon vor Jahren gefasst.
Die Hand, die dem verblindeten Schlatter in der Wohnküche in Pressiat die blauschalige Kartoffel unter die Nase reicht, gehört dem Hausherren Bernard Mercier. Die Liturgie, die in seiner Rohkostpension zelebriert wird, nennt sich «Instinctotherapie». Das Kernargument: Kochen vergiftet den Körper. Also solle man sich ausschliesslich von Rohkost ernähren. Indem man an allerlei rohen und unverarbeiteten Nahrungsmitteln riecht, wird der «Nahrungsinstinkt» aktiviert, der dem Körper anzeigt, welche Nährstoffe er gerade benötigt. Mit dieser Methode sollen sich selbst schwere Krankheiten heilen lassen.
Die illustre Heilslehre wurde einst vom Rohkostguru Guy-Claude Burger entwickelt, der mit seinem Gefolge auf einem Schloss in Frankreich lebte. Dort lernten sich in den 1980er-Jahren auch Erich Schlatter und Bernard Mercier kennen. Bei Schlatter war schon 1964 eine Schizophrenie diagnostiziert worden; mit der Instinctotherapie fand er endlich etwas, das Ordnung schafft in seinem chaotischen Leben. 1985 eröffnete er in Schaffhausen das «äffische Kulturzentrum» und begann zu missionieren. Mal gab er den Menschen gratis tropische Früchte zum Degustieren, mal zertrümmerte er Küchen und schmierte seine Parole «Kochen tötet!» auf Bushäuschen und Strassenschilder.
Dass Gefolgsleute von Guy-Claude Burger an Mangelernährung und unbehandelten Krankheiten starben, der Guru wegen sexueller Übergriffe zu langen Haftstrafen verurteilt wurde, und der französische Staat die Gemeinschaft offiziell als Sekte taxierte, interessierte Schlatter nicht.
Bis heute ist die Instinctotherapie das Einzige, das für ihn zählt.
Der beste Ort der Welt
Heute gibt es die Sekte nicht mehr. Guy-Claude Burger ist vor einem Jahr verstorben. Doch hier, im französischen Niemandsland, lebt sein Erbe weiter. Der Hausherr Bernard Mercier war einst Burgers rechte Hand und hat mit ihm zusammen an der Heilslehre «geforscht». Nach seiner Entlassung im Herbst 2025 liess sich Erich Schlatter direkt hierher chauffieren, heute lebt er mit einer Handvoll Gleichgesinnter in der Rohkostpension. In der Wohnküche in Pressiat liegt ein faulig-süsslicher Duft. Gerade sitzt eine junge Französin neben ihm am Mittagstisch und raffelt einen gelben Randen. Sie ist hier, um ihre Multiple Sklerose zu kurieren.
Seit seiner Entlassung aus der psychiatrischen Klinik hat Erich Schlatter das Rauchen aufgegeben und 31 Kilogramm abgenommen. Aus dem aufgedunsenen, lethargischen Patienten, der den ganzen Tag mit dem Handy in der Cafeteria sass, ist ein schmales Männlein geworden, das allein mit dem Velo ins Nebendorf fährt, um Früchte einzukaufen,
20 Kilometer hin, 20 Kilometer zurück. Im Garten hinter dem Haus wachsen Felsenbirnen, Weinbergpfirsiche, Kiwi und Goji-Beeren, bis vor Kurzem weideten hier Schafe. Vor einigen Monaten, erzählt Schlatter, habe er einen Ernährungsfehler begangen. Er habe in einer Bäckerei im Nachbarstädtchen ein Eclair gegessen, «da habe ich gleich Krämpfe in den Beinen bekommen». Er lächelt.
Der Alltag in Pressiat ist strukturiert und dreht sich ausschliesslich um die Ernährung. Zum Frühstück lutschen die Instinctos die geleeartigen Schichten im Inneren der Tropenpflanze Cassia fistula, die sie mit einem Nussknacker öffnen. Sie verehren Cassia als Mittel zur Entgiftung, dabei gilt die Hülsenfrucht in der Schulmedizin als Abführmittel, das bei exzessivem Konsum den Wasser-Elektrolyt-Haushalt stören kann. Als Forscher in den Neunzigerjahren Gefolgsleute von Guy-Claude Burger auf dem Schloss in Frankreich untersuchten, stellten sie eine deutliche Unterversorgung mit Vitaminen, Eisen, Kalzium und Zink fest. Spitzt man heute in der Rohkostpension in Pressiat die Ohren, wird man immer wieder Zeuge diskreter Flatulenz.
Mittags werden Gemüse und Früchte ausgelegt. Abends stehen Proteine auf dem Speiseplan: Avocados, Austern, Seeigel, Krabben, Nüsse, Hanfsamen, Pinienkerne, Algen. Für je zwei Stunden binden die letzten Instinctos die pinke Augenklappe um, reichen sich gegenseitig Rohkost unter die Nase und versuchen herauszufinden, was der Körper gerade braucht.
Nach der Lauchstange, der Sellerieknolle und der blauschaligen Kartoffel riecht Erich Schlatter an 14 weiteren Gemüsen. Bei sechs sagt er «Oui», der Nahrungsinstinkt schlägt an. Nun werden die sechs noch einmal unter seine Nase gereicht, bis nur noch ein Gemüse übrigbleibt und auf den Teller kommt. Es ist ein roher Blumenkohl, an dem sich Schlatter gütlich tut, bis in seinem Körper der «arrêt» einsetzt, der ihm signalisiert: Nun ist genug. Dann beginnt die Liturgie von vorn. «Der Körper hat sich mit dem Essen verändert», sagt Schlatter. «Vielleicht braucht er jetzt etwas ganz anderes.» Nach den Gemüsen geht das Prozedere am Nebentischchen mit den Früchten weiter, und bald macht er sich über eine angeschimmelte Nektarine her. Auf einem weiteren Tischchen steht eine Auswahl verschiedener Mineralwasser, auf den Fenstersimsen trocknen Kräuter.
Früher eskalierte die Lage, wenn Schlatter aus der Klinik entlassen wurde und seine Medikamente absetzte. In Schaffhausen hatte er als Rohkost-Missionar einen militanten Eifer. Heute sagt er: «Es hat ja nichts genützt.» In Pressiat gibt es niemanden, den er von der Instinctotherapie überzeugen könnte. Es scheint, als gebe es nur einen Ort auf der ganzen Welt, wo er glücklich sein kann: hier, in der Rohkostpension. Eine Psychiaterin hat einmal gesagt, seine Heimat habe Erich Schlatter immer angezogen wie ein Magnet. Jetzt sagt er: «Ich vermisse Schaffhausen nicht mehr.»
Schlatter lebt von seiner AHV-Rente, die er grösstenteils bei Bernard Mercier abliefert. Für Kost und Logis in der Rohkostpension bezahlt er monatlich, inklusive französischer Mehrwertsteuer, 1800 Euro. Reichlich überteuert für etwas Rohkost und eine kleine Kammer in einem heruntergekommenen Wohnhaus. Handkehrum hatte die Unterbringung von Erich Schlatter in der Hochsicherheitsabteilung der Klinik Rheinau den Schweizer Staat zeitweise genauso viel gekostet – aber pro Tag. Schlatters Schaffhauser Beiständin, die sich um seine Finanzen kümmert, sagt, heute komme er mit seiner Minimalrente durch, «es ist eine rote Null».
Bernard Mercier ist für Erich Schlatter nicht nur ein Guru, sondern auch ein Sozialarbeiter. Ständig sind die beiden miteinander unterwegs. Mercier sagt offen, das Zusammenleben mit Schlatter sei nicht einfach. Kein Wunder: An Schlatters Leben lässt sich ein halbes Jahrhundert Schweizer Psychiatriegeschichte nacherzählen. Auch wenn er seit fast einem Jahr hier lebt, ohne dass es je Probleme mit der Polizei gegeben hätte, ist die Situation fragil. Offiziell ist Schlatter in Frankreich nicht angemeldet, und er träumt davon, einen Führerschein zu machen und wie früher mit dem Auto durch Europa zu fahren. Dabei sind sich die Psychiater einig: Schlatter schätzt seine Fähigkeiten falsch ein. Er ist längst nicht mehr fähig, sich in eine komplexe Gesellschaft einzufügen. Seine Beiständin spricht aus, was viele, die Erich Schlatter kennen, denken: Dieser Ort sei ein «Glücksfall».
Am nächsten Tag fährt die kleine Gruppe zusammen mit Bernard Mercier nach Südfrankreich, um eine andere Rohköstler-Gemeinschaft zu besuchen. Schlatter schwärmt, es soll dort einen riesigen Feigenbaum geben, «mehr als 200 Jahre ist der alt!»
Der Reporter Marlon Rusch hat Erich Schlatter jahrelang begleitet. 2025 ist sein Buch «Gegenterror. Das unerhörte Leben des Aussenseiters Erich Schlatter» im Verlag am Platz erschienen.
