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Vor acht Jahren zerriss eine Abstimmung für eine neue Mehrzweckhalle Löhningen. Dieses Wochenende stimmt das Dorf erneut ab. Wo steht man heute?
Der Stammgast in Charly Brühlhardts Besenbeiz klingt wie Rosa Luxemburg. Man könnte in Löhningen zum Beispiel einen Dorfplatz bauen, sagt er, für alle, wie im Sozialismus. Die neue Mehrzweckhalle hingegen, die koste viel, nütze aber nur einem Teil des Dorfs etwas.
Ob hinter einer Turnhalle, die schliesslich auch der Nachwuchsförderung diene, nicht auch ein sozialer Gedanke stehe, fragen wir den Stammgast, doch er winkt ab: Er sei Techniker, kein Germanist.
Dabei bringt er die Frage, die das Klettgauer Dorf im Vorfeld der Abstimmung über eine neue Mehrzweckhalle mit Kindsgi diesen Sonntag umtreibt, ziemlich genau auf den Punkt. Was will Löhningen mehr sein: kinderfreundlich oder steuergünstig?
2018 flogen wegen dieser Frage schon einmal die Fetzen. Damals stimmte die Gemeinde zum ersten Mal über einen Baukredit für eine neue Turnhalle ab. Die alte kam nach bald 60 Jahren an ihre Grenzen, war sanierungsbedürftig und den Löhninger Vereinen fehlte der Platz. Also sollte eine neue, grössere Mehrzweckhalle her (AZ vom 14. Juni 2018).
Die Gemeindeversammlung, an der entschieden werden sollte, wurde derart überrannt, dass sie aus Sicherheitsgründen abgebrochen werden musste. Die Abstimmung wurde an die Urne verschoben, wo die Löhninger:innen das Projekt ein paar Wochen später überraschend klar bachab schickten. Ihr war eine Schlammschlacht sondergleichen vorausgegangen. Vor allem der Turnverein und der damalige Hochbaureferent Fredi Meyer, der als TV-Gründer in einer schwierigen Doppelrolle war, gerieten in die Kritik.
Heute, acht Jahre später, liegt eine neue Vorlage auf dem Tisch. Diesmal geht es nicht nur um die Mehrzweckhalle, sondern auch um einen neuen Kindergarten. Auf den Stimmzetteln der Löhninger:innen stehen zwei Varianten zur Auswahl. A: Eine neue Mehrzweckhalle mit separatem Doppelkindergarten und die Sanierung der alten Turnhalle. Oder B: Eine neue Mehrzweckhalle und den Einbau eines Doppelkindergartens in die alte, sanierte Turnhalle. Fallen beide Varianten durch, erarbeitet der Gemeinderat einen Kreditantrag für einen neuen Kindergarten. Die Turnhalle würde auch dann saniert, eine neue Mehrzweckhalle gäbe es aber nicht. In jedem der drei Szenarien will der Gemeinderat den vergleichsweise tiefen Steuerfuss in Löhningen erhöhen.
Vor acht Jahren war nicht nur das Dorf, sondern auch der Gemeinderat gespalten. Diesmal steht er geeint hinter der Vorlage. Überhaupt geht es in Löhningen heuer ruhiger zu als letztes Mal. Trotzdem: Hört man sich im Dorf herum, kann einem niemand sagen, wie die Abstimmung am Sonntag ausgehen könnte. Die Mehrzweckhalle ist eine komplette Blackbox – die das Dorf noch immer bewegt.
Die Vereine brauchen Platz
Im Mehrzwecksaal, wo die Kunstradfahrer:innen trainieren, fahren die sechsjährige Emilia und die zwölfjährige Enya ihre Kreise. Auf der Bühne am Rand stapeln sich orange und blaue Turnmatten. Auch die Musikgesellschaft trifft sich hier für ihre Musikkränzchen, der Elternverein organisiert im Saal die Kinderfasnacht. Früher mussten die Kunstradfahrer:innen vor ihren Trainings extra Holzplatten auf den Steinboden kleben, vor einigen Jahren wurde ein Hallenboden gelegt. Der ist ideal für die Räder.
Löhningen hat ein aktives Vereinsleben. Es gibt einen Damenturnverein, einen Dartclub und einen Elternverein, die Feldschützen, das Frauenfit und die Männerriege, die Musikgesellschaft, den Pistolenclub, die Kunstradfahrer:innen, den Turnverein und das Volleyball Klettgau, um nur einige zu nennen. Viele von ihnen nutzen die Turnhalle im Unter- oder den Mehrzwecksaal im Obergeschoss. Aber der Platz ist begrenzt.
Kunstradtrainerin Nathalie Walter ist selbst in Löhningen aufgewachsen. Heute wohnt sie nicht mehr im Dorf, die Diskussionen um die Abstimmung hat sie deshalb nicht genau mitverfolgt. Aber sie kennt die Argumente. Dass das Gebäude nicht barrierefrei sei zum Beispiel. Walter erinnert sich an ein Kind im Kunstradverein, dessen Mutter im Rollstuhl sass. Wenn ein Wettkampf stattfand, musste man sie immer die Treppe hochtragen.
Der Weg in die Turnhalle führt über mehrere Treppen nach unten. Hier sind die verschiedenen Riegen einquartiert, es gibt Pilates, auch der Turnverein trainiert hier. Manche Riegengruppen seien auf Eis gelegt, weil die Halle voll belegt sei, sagt Raffael Strupler, Präsident des Turnvereins. Die jugendlichen TV-Mitglieder müssten teilweise sehr spät trainieren, weil die Halle nur zu den Randzeiten noch frei sei, manche Gruppen müssten ganz auf andere Gemeinden ausweichen.
Strupler geht es bei der Abstimmung vor allem um die Nachwuchsförderung; darum, möglichst vielen Kindern und Jugendlichen von klein auf die Freude an Bewegung und Sport mitzugeben. Das Argument der Gegner:innen der neuen Mehrzweckhalle, der Turnverein könne doch in der Dreifachhalle in Beringen trainieren, lässt er nicht gelten. Erstens sei der Platz auch dort begrenzt. Zweitens sei der TV Löhningen mit über 200 Mitgliedern einer der grössten des Kantons. «Es ist wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen einen Ort in ihrem Dorf haben, wo sie trainieren können.»
Ein Stück weit, das spürt man, geht es am Sonntag auch um eine Identitätsfrage: Was ist ein Dorf ohne Turnhalle?
Heute stehen die meisten der Löhninger Vereine hinter der Variante A: eine neue Mehrzweckhalle und Sanierung der alten Turnhalle. Bei der Abstimmung vor acht Jahren wäre das noch undenkbar gewesen. Damals eckte der Turnverein, der den Bau einer neuen Mehrzweckhalle angestossen hatte, bei vielen im Dorf an. Das sei vielen Vereinen im Dorf zu schnell gegangen, sagt Fredi Meyer. Daraus habe man gelernt: 2020 wurde eine IG Mehrzweckhalle gegründet mit dem Ziel, die Interessen aller Vereine zu bündeln und gegenüber dem Gemeinderat zu vertreten.
Die IG hat in den letzten Jahren Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit geleistet, war mit einer Beiz und Ständen am Trottenfest präsent, hat Artikel für die Löhninger Zeitung geschrieben, den jährlichen Rebberglauf am 1. August organisiert, Feierabendkonzerte veranstaltet. Am Sonntag hofft sie nun, dass sich ihre Arbeit auszahlt.
«Völlig überrissen»
Der Grund, dass die Löhninger:innen dieses Wochenende an die Urne gehen, heisst Yvan Meuwly. Der Löhninger ist Präsident der lokalen SVP; an der Gemeindeversammlung im Juni, an der über den Projektierungskredit hätte entschieden werden sollen, hat er das Referendum ergriffen. Als die AZ bei ihm anruft, schliesst er als Erstes das Fenster. Das Thema sei emotional im Dorf, sagt er.
Er sei nicht grundsätzlich gegen eine neue Turnhalle, sagt Meuwly, und die alte Halle müsse sicherlich auf Vordermann gebracht werden. Die vorgeschlagenen beiden Varianten – die Gesamtkosten sind bei geschätzten 8,2 respektive 6,9 Millionen Franken angesetzt – seien aber «völlig überrissen». «Wenn dadurch der Steuerfuss ins Unermessliche steigt, ist das eine Last, die alle mittragen müssen.» Heisst: Auch die, die von der Halle nicht direkt profitieren.
Meuwly findet, man dürfe nicht zur Selbstverständlichkeit machen, dass allein wegen der Bedürfnisse von Vereinen ein so grosses Investitionsvolumen gesprochen werde. «Ich habe Mühe damit, wenn man sich einfach auf die Aussage stützt, unsere Vereine und Kinder bräuchten eine neue Turnhalle. Hätte Löhningen einige Schwimmerinnen oder Schwimmer, würden wir auch nicht ein Hallenbad bauen.»
Das Referendum hat der SVP-Präsident wegen des aussergewöhnlich hohen Projektierungskredits von etwas über einer Million Franken ergriffen. An einer Gemeindeversammlung über Millionenbeiträge abzustimmen, dünke ihn fragwürdig, sagt er. Gemeindepräsident Marcel Müller sagt, man habe den Kredit bewusst so hoch angesetzt, um ein Referendum überhaupt zu ermöglichen.
Dahinter stecken aber auch strategische Gründe. Man wollte nicht mehr dasselbe Risiko eingehen wie vor acht Jahren, als die Löhninger:innen zuerst die Planungsgelder bewilligt, dann aber den Baukredit abgelehnt hatten. Die Gemeinde setzte damals unfreiwillig ein paar hunderttausend Franken in den Sand.

Dieses Mal beinhaltet der Kredit die Planungsgrundlagen, die Kosten für den Projektwettbewerb, die Honorare für die Erarbeitung des Vor- und Bauprojekts und die Vorbereitung des Baukredits. «Wenn der Planungskredit angenommen wird, dürfen wir davon ausgehen, dass auch der Baukredit durchkommt», sagt Gemeindepräsident Müller.
Weil von manchen die Gesamtkosten des Projekts kritisiert werden, hat sich die Gemeinde nach einem Austausch mit den Parteien, den Vereinen, der Schule und mit Einwohner:innen entschieden, neben der Variante A auch die etwas günstigere Variante B vorzulegen. Müller betont zudem, dass man – sollte das Stimmvolk eine der beiden Varianten annehmen – bei der Umsetzung sparsam vorgehen werde. «Die Mehrzweckhalle kann auch spartanisch sein. Wir wollen nichts vergolden.»
Dasselbe hört man von der IG und den sporttreibenden Vereinen. Man wolle nicht mehr als «das absolute Minimum», sagt Fredi Meyer. «Es geht um mehr Platz und um eine den Bedürfnissen angemessene Halle.»
Die Rechnung mit dem Steuerfuss
Die Löhninger Vereine wollen also mehr Platz, die Gegner:innen sehen nicht ein, warum sie für etwas zahlen sollten, das sie nicht brauchen. Die grosse Knacknuss in der ganzen Diskussion ist, wie so oft, der Steuerfuss. Der soll hoch. Und hier wird es technisch.
Finanziell steht Löhningen nicht gut da. Das letzte Jahr fiel schlechter aus als budgetiert, die Gemeinde hat ein stukturelles Defizit. Armin Walter, alteingesessener Löhninger und der grösste Unternehmer im Dorf, plädierte deshalb im Klettgauer Boten für ein doppeltes Nein bei der Abstimmung am Sonntag. Und forderte gleichzeitig, man müsse sich eine Fusion mit Beringen überlegen.
Investitionen hat die Gemeinde über Jahre vor sich hergeschoben («der alte Gemeindepräsident war ein Dagobert», sagt Besenbeiz-Wirt Brühlhart dazu). Aber die Löhninger:innen zeigten in der Vergangenheit auch keine grosse Lust, für grössere Investitionen eine Steuererhöhung in Kauf zu nehmen. Die Sanierung der Hauptstrasse beispielsweise kam nur zustande, weil Bund und Kanton einen grossen Batzen daran geben. Gleichzeitig hat Löhningen mit 93 Prozent nach Beringen einen der tiefsten Steuerfüsse im Chläggi.
Nun ist im Dorf unbestritten, dass der Kindergarten ersetzt werden muss. Um diese Ausgabe stemmen zu können, soll der Steuerfuss auf 98 Prozent angehoben werden – und zwar, so steht es im Abstimmungsbüchlein, unabhängig davon, ob neben dem Kindergarten auch eine Mehrzweckhalle gebaut wird oder nicht.
Der Gemeinderat begründet das mit dem kantonalen Finanzausgleich. Aktuell ist der Steuerfuss von Löhningen zu tief, um davon zu profitieren. «Hätten wir letztes Jahr einen Steuerfuss von 97 Prozent gehabt, hätten wir zusätzliche 700 000 Franken erhalten», sagt Gemeindepräsident Müller. Viel Geld also, das sich Löhnigen bisher entgehen lässt.
Yvan Meuwly wittert einen Dammbruch: Wenn der Schwellenwert des kantonalen Finanzausgleichs in Zukunft steige, müsse die Gemeinde den Steuerfuss immer weiter hochschrauben.
Natürlich bestehe da eine Unsicherheit, entgegnet Gemeindepräsident Müller. «Die Abschreibungen bei Gebäuden sind 25 Jahre. Wir können nicht versprechen, dass der Steuerfuss während dieser Zeit nicht weiter steigt.» Aber das habe man immer offen kommuniziert. «Und wenn Sie aus diesem Grund nein zur Halle sagen, werden Sie so ein Projekt nie umsetzen können.»
Zumal der Zeitpunkt jetzt günstig sei, sagt Müller. In den letzten Jahren sind die Kantonssteuern kontinuierlich gesunken, die Löhninger:innen zahlen also auch nach der Steuererhöhung für die Mehrzweckhalle insgesamt weniger als noch vor ein paar Jahren.
Ein Entscheid für die Zukunft
Anfang Woche flatterte ein Flyer in die Löhninger Haushalte: Ein Worddokument mit allen Argumenten für ein Nein, darunter ein Foto von einem ausgefüllten Abstimmungszettel. Er könne nicht genau sagen, wer alles dahinterstecke, sagt Yvan Meuwly auf Nachfrage.
Im Vergleich zu letztem Mal sind die Gegner einer neuen Mehrzweckhalle leiser geworden. Ihn störe zwar, dass das Projekt relativ teuer sei, sagt etwa SVP-Kantonsrat Markus Müller, der vor acht Jahren noch zu den lautstarken Gegnern gehörte. Aber gemessen an seinem Alter zahle er nicht mehr so lange Steuern. Ob Löhningen eine Doppelturnhalle wolle oder nicht, diesen Entscheid müsse man den Jungen überlassen, findet er.
Gemeindepräsident Marcel Müller möchte, dass die Gemeinde einen Grundsatzentscheid fällt. Wenn die Mehrheit keine Mehrzweckhalle wolle, werde man sich auf den Kindergarten und die dringend nötige Sanierung der Turnhalle fokussieren. Ihm sei aber aufgefallen, dass sich an der Gemeindeversammlung ausschliesslich ältere Männer negativ zur Vorlage geäussert hätten. Dabei rede man doch immer vom Generationenvertrag. «Für die Jungen würde ich mir wünschen, dass sie in Löhningen nach rund 60 Jahren wieder eine zweckdienliche Infrastruktur erhalten», sagt er.
Darauf hofft auch Jamie Müller. Vor gut zwei Jahren hat sie das Präsidium der IG Mehrzweckhalle übernommen. An die Abstimmung vor acht Jahren erinnert sie sich gut, obwohl sie damals noch nicht stimmberechtigt war. Die 24-Jährige ist in Löhningen aufgewachsen, war früher in der Meitliriege, heute ist sie im Pistolenclub und in der Feuerwehr aktiv – beides Vereine, die nicht aktiv von der Halle profitieren, wie sie sagt. Ihr gehe es ums Dorf. «Ich setze mich ein, weil ich finde, wir Jungen müssen schauen, dass die Dorfstrukturen erhalten bleiben», sagt sie. «Mir geht es vor allem darum, dass Löhningen eine Zukunft hat.»
