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Ein türkischer Konzern baut das zweite Datencenter beim Beringerfeld. Wie gross wird es? Und wo geht die Abwärme hin?
Seit letzter Woche stehen die Bauprofile. Bis zu 24 Meter hoch werden sie sein, die Gebäude des zweiten Datencenters im Beringerfeld. Wie das Datencenter des amerikanischen Betreibers Stack Infrastructure, das wenige hundert Meter weiter westlich in die Höhe wächst, soll auch dieses hier im Jahr 2028 ans Netz gehen.
Das Baugesuch liegt zur Vorprüfung beim Hochbauamt der Gemeinde.
Aber wer steckt hinter dem Bau? Und: Was bedeutet ein zweites Datencenter für Beringen und die Region Schaffhausen?
Ein türkischer Konzern
Die Bauherrschaft liegt, wie die Schaffhauser Nachrichten kürzlich bekannt machten, bei der Enka Investement AG, dem lokalen Ableger der Enka İnşaat, eines türkischen Ingenieur- und Baukonzerns mit Sitz in Istanbul, der mit mehreren Dutzend Tochtergesellschaften in über 60 Ländern präsent ist. Der Konzern ist auf grosse Infrastrukturbauten spezialisiert, unter anderem in der Öl- und Gasindustrie.
In der Vergangenheit stand Enka unter anderem im Zusammenhang mit Korruptionsvorwürfen in der Kritik, die das Unternehmen zurückwies. 2021 zog es sich von einem Vertrag mit der georgischen Regierung für den Bau eines Staudamms zurück, nachdem zunächst massive Proteste gegen das Projekt entstanden waren, die sich schliesslich zu einer landesweiten Bewegung auswuchsen. Auch im Immobiliensektor ist Enka aktiv, insbesondere in Moskau, wo es 1,35 Millionen Quadratmeter Land besitzt.
Im November 2025 lancierte der Konzern unter dem Namen Enka Data Solutions eine eigene Sparte, die auf den Bau und den Betrieb von Datencentern spezialisiert ist. Bisher hat es fünf Datencenter in der Türkei und in Europa im Bau oder in Planung. Eines davon ist jenes in Beringen.
In der Schweiz ist Enka schon länger präsent. Der grösste Anteilseigner des Konzerns hat an der ETH studiert, mehrere Mitglieder der Eigentümerfamilie leben hier und sind mittlerweile Schweizer Staatsbürger:innen.
Seit 1984 unterhält Enka in der Schweiz eine Holding; 2022 wurde die Enka Construction SA mit Sitz in Zug ins Handelsregister eingetragen, die wiederum eine Niederlassung in London hat und die Ende 2024 über Vermögenswerte von mehr als 60 Millionen Franken verfügte.
Als der Mutterkonzern Enka İnşaat entschied, ein Datencenter in Schaffhausen zu bauen, wurde die Enka Investement AG in Neuhausen gegründet. Sie wird nach Beringen ziehen, sobald das Datencenter fertig gebaut ist.
Wie hoch die Steuereinnahmen für die Gemeinde ausfallen werden, ist laut der Bauherrschaft «schwer abzuschätzen». Gian-Rico Willy, der als Mitinhaber und Geschäftsführer der Pilbara AG als lokaler Berater und Bauherrenbegleiter der Enka tätig ist, betont als Vertreter der Bauherrschaft gegenüber der AZ aber, dass es in Beringen eine operative Gesellschaft geben werde, «keine Briefkastenfirma».
Die Eigentümerschaft stellt in Aussicht, dass mit dem Datencenter rund fünfzig neue Arbeitsplätze entstehen, wovon vier fünftel vor Ort besetzt werden sollen.
Ein weiteres Datencenter, so Willy, wird Enka in Schaffhausen nicht bauen.
Wasser oder Strom?
Bei voller Auslastung wird das Datencenter von Enka rund 300 Gigawattstunden Strom pro Jahr fressen, wobei der durchschnittliche Verbrauch bei 20 MW liegen wird, zu Spitzenzeiten bei 40. Damit fällt es nur etwas kleiner aus als das erste Datencenter von Stack Infrastructure, das jährlich 315 Gigawattstunden verbrauchen wird.
Die Gemeinde Beringen beschäftigt indes vor allem der Wasserverbrauch der beiden Zentren. Das geplante Datenzentrum von Enka soll laut Bauherrschaft jährlich 30 000 Kubikmeter Wasser verbrauchen, 5000 davon sind Regenwasser, der Rest ist Frischwasser von der Gemeinde. Gemeindepräsident Roger Paillard geht davon aus, dass beide Datencenter zusammen 10 bis 15 Prozent des Wasserverbrauchs der Gemeinde zur Kühlung brauchen werden. Es sei davon auszugehen, dass die Gemeinde das stemmen könne, zumindest unter Normalbedingungen, wie er den SN sagte.
Willy betont, dass der Wasserbedarf des Datencenters von Enka unter fünf Prozent des Beringer Wasserverbrauchs liege. «Wir wären technisch sogar in der Lage, das Datencenter ohne Wasser zu betreiben», sagt er; das neue Energiegesetz des Kantons Schaffhausen mache dies aber unmöglich.
Gesetzesänderung oder Baubewilligung: Wer ist schneller? (Zum Erweitern Klicken)
Kantonsrät:innen Nina Schärrer, Markus Leu und Maurus Pfalzgraf haben ihre Motion «Für einen verantwortungsvollen Umgang mit Bauland» (AZ vom 4. Juni) direkt zuhanden der Kommission für Bau, Verkehr und Energie verfasst, um den Ratsprozess zu beschleunigen. Ziel sei, dass das zweite Datencenter in Beringen von den neuen Bestimmungen erfasst würde, so Pfalzgraf. In einer Kleinen Anfrage vor den Sommerferien wollte Eva Neumann vom Regierungsrat wissen, ob er bereit sei, das Bewilligungsverfahren für das Datencenter zu sistieren, bis die Kommissionsvorlage zur Anpassung des Baugesetzes vom Kantonsrat beraten wurde.
Der Regierungsrat werde Neumanns Kleine Anfrage fristgerecht beantworten, schreibt Regierungsrat Martin Kessler der AZ auf Anfrage. Bereits vorab lasse sich aber sagen, «dass ein Baugesuchssteller grundsätzlich ein Anrecht hat, dass sein Gesuch innerhalb der vorgegebenen Fristen behandelt wird. Die Beurteilung, ob eine Baubewilligung erteilt wird oder nicht, stützt sich auf die zu diesem Zeitpunkt geltenden Vorschriften.»
Ohne gesetzliche Grundlage könne der Bauinspektor keine rechtsverbindlichen Auflagen verfügen, schreibt Kessler weiter. Der Regierungsrat komme erst im Rahmen eines allfälligen Rekurses ins Spiel. Kessler betont jedoch, dass der Regierungsrat Verständnis für die Anliegen der Motionär:innen habe. Entsprechend unterstütze er die zuständige Kommission bei der raschen Erarbeitung einer griffigen Regelung auf Gesetzesstufe.
Maurus Pfalzgraf bezweifelt das. Die meisten Rechenzentren in der Schweiz würden nicht mit Wasser, sondern mit Strom gekühlt. Er zitiert einen Bericht von Energie Schweiz, wonach ein gutes Drittel von ihnen punkto Energieeffizienz unter den Grenzwerten bleibt, die der Kanton Schaffhausen vorschreibt. Wobei ein effizientes Rechenzentrum, das sich ohne Wasser kühlen lasse, wahrscheinlich teurer sei, vermutet Pfalzgraf.
Pfalzgraf hat gemeinsam mit Nina Schärrer (FDP) und Markus Leu (SVP) eine Motion zum Bau von Datenzentren verfasst, die der Kantonsrat vor den Sommerferien an die zuständige Kommission überwiesen hat (siehe Box).
Sie verlangt unter anderem, dass die Hälfte des Kühlwasserverbrauchs neuer Datencenter durch kreislauforientierte oder regenerative Methoden sichergestellt sein soll. Im Fall des Enka-Datencenters ist es ein Sechstel.
Ob das Baugesuch noch bewilligt wird, bevor die absehbare Gesetzesänderung umgesetzt ist, ist offen. «Und wenn das Baugesuch dann nicht durchkommt, weil es die Bedingungen nicht erfüllt, muss man sich nicht wundern», sagt Pfalzgraf.
Knackpunkt Abwärmenutzung
Bereits das erste Beringer Datencenter von Stack Infrastructure produziert grosse Mengen Abwärme, während der lokale Wärmebedarf – besonders im Sommer – begrenzt ist.
Auch wenn ein Teil der Abwärme des ersten Datencenters für das lokale Fernwärmenetz genutzt wird, bleibt dennoch eine beträchtliche Menge übrig.
Laut Gian-Rico Willy hat die Bauherrschaft mit dem Kanton Schaffhausen, dem Zürcher Unternehmen Energie 360 AG und dem Wärmeverbund Beringen eine Absichtserklärung unterzeichnet mit dem Ziel, einen Teil der Abwärme nutzbar zu machen. Nur: Wo soll die hin?
Der Beringer Gemeindepräsident Roger Paillard bestätigt gegenüber der AZ auf Anfrage, dass es voraussichtlich nicht möglich sein werde, die gesamte Abwärme in Beringen zu nutzen. Wichtig seien deshalb überkommunale Lösungen.
«Die Stadt Schaffhausen hätte aufgrund ihrer Grösse grundsätzlich das Potenzial, einen grossen Teil der anfallenden Wärme zu übernehmen. Über den aktuellen Stand entsprechender Abklärungen liegen der Gemeinde Beringen jedoch keine gesicherten Informationen vor.»
Maurus Pfalzgraf kritisiert die mangelnde Planung seitens Kanton. Man baue einfach mal und schaue dann, wo man die Abwärme nutzen könne, sagt er der AZ. Bei diesen gigantischen Mengen sei das aber der falsche Ansatz. «Das Problem ist nicht, dass wir zu wenig Abwärme haben, sondern dass sie in Beringen am falschen Ort ist.»
Nach Ansicht der Bauherrschaft ist der Standort «ideal» – es werde eine ehemalige Kiesgrube umgenutzt und kein Kulturland bebaut, so Willy.
Mit der Abwärme der beiden Beringer Datacenter könne man rein rechnerisch die Hälfte der Stadt Schaffhausen mit Wärme versorgen. «Seitens der Stadt fehlen aber etwas der Wille und die Initiative, das Fernwärmenetz auszubauen und das Potenzial der Datencenter zugunsten der Bevölkerung zu nutzen.»
Willy erwähnt Parzellen im Herblingertal, die für ein Datencenter theoretisch geeignet wären. Allerdings habe ihm die Stadt 2022, als er im Auftrag der Post einen Standort für das neue Logistik- und Gewerbecenter suchte, mitgeteilt, dass fragliche Parzellen für attraktivere und arbeitsplatzintensivere Projekte blockiert blieben.
Deshalb sei er, als es um die Suche nach einem Standort für das Datenzentrum von Enka gegangen sei, nicht mehr auf die Stadt zugegangen.
Laut Peter Neukomm ist Enka nie auf die Stadt zugekommen. Alle Abklärungen zu Beringen liefen über den Kanton. Zuletzt habe die Stadt vor den Sommerferien zum Stand der Planung der beiden Datenzentren nachgefragt, sagt er der AZ.
Damals habe es geheissen, das Landgeschäft sei noch nicht in trockenen Tüchern, der Kauf noch nicht abgewickelt. Jetzt, da klar sei, dass man mit einer zweiten Wärmequelle rechnen könne, werde man vorwärts machen.
Auch mit zwei Rechenzentren bleibe natürlich eine gewisse Unsicherheit, so Neukomm weiter. «Die Rechenzentren wollen sich nicht verpflichten, für einen bestimmten Zeitraum Wärme zu liefern. Weil es sich hier um die Grundversorgung handelt, brauchen wir einen Plan B. Das macht das Ganze wesentlich anspruchsvoller.»
Wobei hinzukomme, dass die Wärme zunächst einmal in die Stadt transportiert werden müsse. Das generiere zusätzliche Kosten, sagt er.
Was also ist mit den Gerüchten, dass in Herblingen ein drittes Datencenter gebaut werden solle? Er dürfe und könne diese Gerüchte nicht bestätigen, sagt Neukomm. Aber dass die beiden Datencenter in Beringen entstehen, sei Fakt.
Und auf Grundlage dieser Fakten schreibe die Stadt nun öffentlich einen Projektpartner für die Erschliessung der Wärme aus Beringen aus; der Projektauftrag dafür werde in den nächsten Wochen vom Stadtrat verabschiedet.
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