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Der weisse Schwan

Bild: Robin Kohler

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Das Schweizerkreuz wogt am Fahnenmast vor der Beckenstube. Es ist der Vorabend des 1. August, im Jahr 711 nach der Schlacht von Morgarten.

Und in mir tobt ein Kampf: Mein Kopf weiss, dass der Mann, der auf dem Herrenacker auf der Bühne steht, nur wenige Meter von meinem Schlafzimmer entfernt, ein Polteri ist. Obszön, unflätig, eigentlich ganz lächerlich, das sind die Wörter, die mein innerer Thesaurus gegen meinen Frontallappen schleudert.

Trotzdem kann ich nicht anders, ich sitze da und höre zu, mein rechter Fuss wippt und mein Kehlkopf vibriert mit, als der Mann von einem kleinen grauen Entchen singt, das später zu einem grossen weissen Schwan wird.


Hätte mein bisheriges Leben einen Soundtrack, es wäre das erste Album von Marco Pfeuti aka Gölä aus dem Jahr 1998, Uf u devo. Es fällt mir nicht leicht, diesen Satz zu schreiben, und dann noch in der Zeitung, glauben Sie mir, ich wäre auch lieber ein tiefes Gewässer als ein Tümpel. 

Gölä lief halt immer: Ich sitze im Musikraum der Primarschule und blättere zur nächsten Seite im Liederheft. Ich stehe in der Dusche nach dem gewonnenen Fussballspiel und gröle mit den Teamkollegen. Ich bin etwas verloren auf einer Homeparty in der Kleinstadt und jemand stellt «I hätt no viu blöder to» ein. 

Einer dieser Momente, früh in meinem Leben, war für mich politisierend: Ich sitze mit meinen Eltern im Auto und es läuft «Büetzer». Gölä singt von einem Arbeiter, der mit verschmutzten Kleidern in eine Beiz geht und  von den Bildungsbürgern beargwöhnt wird.

Der Arbeiter wehrt sich und fordert Respekt ein. «Mit Büro u so, ha’ni nüt am Huet/ U drum isch es guet git’s Di/ U wöu du nid chasch schufle u pickle/ Muesch sägä, guet git’s mi…» Ich erinnere mich, wie meine Eltern sich zu meiner Schwester und mir umdrehen. «Das ist wichtig, was er da sagt.» 

Später, als ich mein dörfliches Mittelstands- durch ein städtisches Studentenleben austauschte, traf ich immer wieder Leute, denen es ähnlich geht. Sie verbinden mit Gölä Kindheitserinnerungen und singen mit, wenn aus den Lautsprechern «Uf u devo» oder «Indianer» tönt, kleinlaut und ironisch, versteht sich.


Lange standen die Lieder von Gölä für mich für Folklore und Familie, dafür, dass man andere nicht kleinmachen soll («Schwan») und für ein diffuses Gefühl dafür, miteinander zu denen zu gehören, die gegen die da oben sind: gegen die geschniegelten Manager, die für Dividenden Arbeitsplätze ins Ausland verscherbeln und Banker, für deren Raubbau die Büezer geradestehen müssen. 

Das Gefühl hielt sich über die Jahre, wohl auch, weil ich nie ein Konzert besuchte und ausschliesslich das erste Album hörte und kannte.

Mit einer Ausnahme: Mit 22 Jahren sass ich in einem Flugzeug. Meine Eltern wollten eigentlich zusammen in die Vereinigten Staaten, aber das ging mir politisch gegen den Strich, also liess ich mir von ihnen ein Ticket nach Havanna zahlen.

Als ich mich durch das Unterhaltungsangebot von Edelweiss klickte, blieb ich beim neusten Album von Gölä hängen. Ich wählte den ersten Song an. Gölä lamentiert darin über «Penner vorm Denner», «dert göh mini Chole, dänk i so für mi» und singt ein paar Zeilen weiter: «Iz mache i de nümm nume d’Fuuscht im Sack/ I rüefe Revolution u rume uf mit däm Pack/ Z’Bärn unge bruucht’s e nöie Che Guevara/ Nume fahrt dä de dismal de Lingge a Charre…». 

Der Tages-Anzeiger schrieb dazu in einer Rezension, es sei das «erste musikgewordene Kollateralprodukt einer weltweit zu beobachtenden rechtspopulistischen Enthemmung.»

Die unangenehme Frage, was das für mein Gölä-Faible bedeutet, verdrängte ich tunlichst, sobald die Flugzeugräder kubanischen Boden berührten. Das funktionierte aber nur für eine gewisse Zeit, denn Gölä lief weiter: Ich sitze neben meiner Tante beim Geburtstagsfest meines Vaters.

Ich tanze auf einer Hochzeit. Ich höre von der hintersten Reihe der Kirche das Lied, das sich mein Onkel zu seiner Beerdigung gewünscht hat.

Göläs Grobheiten konnte ich aber immer schlechter verdrängen. In einem Interview sinnierte er 2024 darüber nach, dass eine gute Diktatur doch besser sei als eine schlechte Demokratie.

Nach einem dreistündigen Videodreh auf der Jungfrau grinste er in die Kamera, während sich die sonnenverbrannte Haut langsam von seiner Glatze löste. Dann musste er ins Spital (der Blick setzt die Fotos am Tag darauf auf die Titelseite: «Die haben einen Stich!»).

An der Tour de Suisse 2025 überreichte ihm das SRF aus mir unerklärlichen Gründen das Mikrofon. Er könne nicht viel mit diesen «Gümmelern» anfangen. Die seien ihm immer im Weg und gingen nicht zur Seite, wenn er zum Arbeiten fahre. «95 Prozent von denen mag ich nicht so gut.»

Der Gölä aus meinen Erinnerungen liess sich immer weniger mit dem realen Marco Pfeuti zusammenbringen. War er schon immer so oder war er mit den Jahren immer derber, immer rechter geworden?

Für eine Seminararbeit an der Universität las ich seine Texte nochmals peinlich genau und schleuderte ihnen Theorie entgegen, aber auch Derrida fand keine Antwort darauf, was ich einst in diesen Songzeilen gesehen hatte.


Eine Recherche im Zeitungsarchiv räumt mit den letzten Illu­sionen auf, zumindest früher sei Gölä doch ein ganz Anständiger gewesen: In einem Dorf im Kanton Solothurn, nur ein Dutzend Kilometer entfernt vom Einfamilienhaus, in dem ich aufgewachsen war, opponierten 1998 einige Einwohner:innen gegen die Aufnahme von 50 Flüchtlingen aus dem kriegsversehrten Kosovo.

Dagegen organisierten andere im Dorf ein Konzert in der reformierten Kirche und luden dafür den Star der Stunde ein. Uf u devo hatte sich in den ersten Monaten des Jahres bereits über 100 000 Mal verkauft und war die Woche zuvor mit Doppelplatin ausgezeichnet worden.

Gölä stand auf der Bühne. Doch statt sich ans Motto «Herz statt Hass» zu halten, machte er Stimmung gegen jene «Kosovo-Flüchtlinge», die mit «Diebstählen und Vergewaltigungen» vieles kaputt gemacht hätten.

Im selben Jahr wurde Gölä zum Schweizer des Jahres gekürt und strafte, in den Worten von Autor Bänz Friedli, «die Mär eines weltoffenen Landes Lügen».

Als ich meiner Mutter von meinen Nachforschungen erzähle und davon, dass Gölä schon immer ein rechter Polteri war, auch als ich noch im Kindersitz sass, schüttelt sie ungläubig den Kopf. Das habe sie nicht gewusst. Und Gölä, den höre sie ganz sicher nicht mehr.


So ein Boykott ist einfacher gesagt als getan, wenn Gölä wie vergangenen Freitag nur wenige Meter entfernt von meinem Schlafzimmer auftritt. Was soll man also tun?

Geschlossene Fenster helfen nicht und sind nach Sonnenuntergang das Gegenteil von dem, was man in dieser Sommerhitze tun soll. Man könnte sich wie die Crew von Odysseus die Ohren mit Bienenwachs zustopfen, um sich vor dem betörenden Gesang zu schützen, aber das ginge jetzt wirklich zu weit.

Also ergebe ich mich meinem Schicksal und setze mich unter den Fahnenmast an der Beckenstube. Die ersten beiden Songs lassen mich noch kalt, es sind neue, dann folgt «Träne» und es ist um mich geschehen.

Irgendwann fülle ich mir in meiner Wohnung mein Glas Campari nach. Als ich wieder auf der Treppe sitze, ist das Konzert bereits vorbei.

Später erhalte ich Videos zugeschickt. Auf einem stimmt ein abgehalfterter Gölä, er trägt ein Trägershirt im Camouflage-Muster, die Nationalhymne an.

Auf einem anderen bezeichnet er seine Background-Sängerinnen als «mini Wiiber», «di gsänd nid nu huereguet uus, sondern chönd au huereguet singe.» Ich fasse mir an den Kopf.

Vielleicht ist der Bann jetzt gebrochen, denke ich.


Kurz bevor ich diesen Text tippe, finde ich ein altes Interview. Er habe in einigen seiner Texte gelogen, sagte Gölä dem SRF einmal.

Unter anderem beim «Schwan»: «Das besungene Mädchen ist nie schön geworden, aber manchmal muss man Sachen fertig träumen. Das hilft.»

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