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Das Museum zu Allerheiligen hat bewegte Jahre hinter sich: Grosse Pläne wurden verworfen, Streitigkeiten drangen an die Öffentlichkeit, Machtverhältnisse wurden infrage gestellt. 2024 verabschiedete sich Museumsdirektorin Katharina Epprecht, früher als einst angekündigt.
Seither verdeutlicht sich ein kultureller Wandel, den ihre Nachfolgerin Gesa Schneider Stück für Stück einläutet. Teil dieses Wandels sind zwei neue Gesichter: Sarah Merten, Kuratorin für Gegenwartskunst, und Victoria Humphrey, Kuratorin für Kunst und Grafik.
Nach einem Jahr im bedeutendsten Museum der Region wird es Zeit für eine erste Gradmessung.
In den letzten Jahren war das Museum zu Allerheiligen kein leichtes Terrain: Das Projekt «Museum 2025» wurde in der Luft zerrissen, die frühere Direktorin Katharina Epprecht stand in der Kritik, ebenso ihr Vorgänger Peter Jezler. Hat Sie das nicht abgeschreckt?
Victoria Humphrey Eigentlich gar nicht. Beim Bewerbungsgespräch lernte ich die jetzige Museumsdirektorin Gesa Schneider kennen und spürte sofort die gute Stimmung im Haus. Ich habe mich gefreut, wie offen sie für neue Ideen und gemeinsame Projekte ist. Von dem, was davor war, hatte ich natürlich schon gehört. Es liegt für mich aber in der Vergangenheit.
Sarah Merten In der Museumswelt hatte man von den Entwicklungen, die Sie erwähnen, gehört. Durch ein Volontariat vor mittlerweile15 Jahren habe ich das Museum zu Allerheiligen aber schon davor kennengelernt und konnte damals, als völliger Newbie und noch unter Peter Jezler, viel für mich mitnehmen. Die früheren Tätigkeiten von Gesa Schneider waren mir ebenfalls bekannt und haben mich inspiriert.
Die Vorgeschichte belastet Sie also nicht?
Merten Die Vergangenheit ist Vergangenheit. Wir haben im letzten Herbst unter neuen Voraussetzungen begonnen. Wenn uns aber Aussenstehende wie etwa die Presse auf Früheres ansprechen, wird uns klar: Die Schaffhauser:innen haben nochmals ganz andere Erwartungen an das Allerheiligen. Für mich zählt jedoch die Zukunft und das, was wir umsetzen wollen.
Sie haben es bereits selbst angetönt: Gesa Schneider scheint mit ihrer aufgeschlossenen Art und ihrem umtriebigen Programm einen Kulturwandel einzuleiten. Die Besucher:innenzahlen geben ihr recht. Sehen Sie sich als Teil dieses Wandels?
Merten Auf jeden Fall. Wir wurden eingestellt im Vertrauen darauf, dass wir zu der Richtung passen, die Gesa Schneider sich fürs Museum vorstellt. Dieses Vertrauen beruht auf Gegenseitigkeit.
Humphrey Wir können natürlich nicht für die Museumsdirektorin sprechen, aber eine sichtbare Neuerung liegt zum Beispiel in der stärkeren Interdisziplinarität.
Man bekommt das Gefühl, dass mit Ihnen ein frischer Wind in die Kunstabteilung eingezogen ist. Das Museum zeigte zuletzt zum Beispiel zunehmend gesellschaftspolitische, feministische Perspektiven.
Humphrey Es stimmt, gerade erst im Frühling habe ich mit Sarah eine Führung organisiert, die bewusst Frauen in der Kunst hervorhob. Mir ist es ein Anliegen, Frauen sichtbarer zu machen – etwa Künstlerinnen aus unserer Sammlung, die bisher selten gezeigt wurden, weil sie im Vergleich zu den männlichen Künstlern noch unbekannt sind. Ausserdem zeigt sich auch in der Sammlung selbst eine Lücke: Einerseits wurde früher mehr von männlichen Künstlern gesammelt, es gab andererseits auch gesamthaft weniger Künstlerinnen. Diese Lücke versuchen wir heute zu schliessen.
Diese Beobachtung ist also kein Zufall?
Merten Es freut uns natürlich, dass Sie diese Veränderung bemerkt haben. Für meine Arbeit sind feministische Themen wichtig. Ich gehöre zu einer Generation, die schon im jungen Erwachsenenalter Teil einer der grössten politischen Bewegungen der Schweiz war. Das schlägt sich deshalb auch in der Themenwahl, den Ausstellungen und Events nieder. Wenn überhaupt, ist es also Zufall, dass wir ausgerechnet in der heutigen Zeit geboren sind. Feministische Fragen sind gesellschaftliche Fragen und vor allem: sozial relevante.
Ist Ihr Motto dieser Tage also: alles neu?
Merten Nein. Ich komme nicht an einen neuen Arbeitsplatz und will alles mit einem Bulldozer umgraben, ohne zu schauen, was dort schon gewachsen ist. Das wäre arrogant und ist auch nicht unser Ziel. Viel eher schauen wir, was da ist, und entwickeln es weiter.
Humphrey Es ist ausserdem eine riesige Sammlung, mit der wir arbeiten. Anfangs ist es wichtig, sich einen Überblick zu verschaffen: Was gibt es schon? Wo sind Lücken, die man füllen muss? Wo können neue Schwerpunkte gesetzt werden? Das braucht Zeit.
Merten Mit neuen Personen kommen auch neue Perspektiven ins Museum, das ist klar. Aber wir wurden nicht eingestellt, um erstmal alles neu zu machen. Das wäre ein schlechter Auftrag gewesen (lacht).
Frau Merten, aktuell läuft die Ausstellung «Humans» von Olaf Breuning. Das ist eine ziemlich grosse Kiste, um in den Job zu starten, wie Sie es getan haben. Haben Sie dieses Projekt geerbt?
Merten Die Ausstellung war vereinbart, aber noch nicht ausgearbeitet. Ich erinnere mich noch an eines meiner Bewerbungsgespräche, als Pläne mit einem «grossen Namen» erwähnt wurden. Damals habe ich gerätselt, wer das sein könnte – und am Ende war es tatsächlich Olaf! Für mich war das die perfekte Gelegenheit, mit vollem Schwung in die Arbeit einzusteigen.
Waren Sie nervös vor der Eröffnung?
Merten Ja und nein. Wir sind nicht von ungefähr eingestellt worden, sondern bringen die entsprechenden Kompetenzen für solche Projekte mit. Aber natürlich gibt es Momente, wo es viel werden kann. Genau dann brauchst du ein gutes Team, das dich auch stützt. Das haben wir.

Auch Ihnen, Frau Humphrey, steht im August Ihre erste selbst kuratierte Ausstellung bevor: «Orakel». Was hat Sie ausgerechnet zu diesem Thema bewegt?
Humphrey Die Idee entstand zufällig in meinen ersten Tagen hier. In der naturhistorischen Abteilung entdeckte ich einen Raben und meine Gedanken wanderten sofort zu den alten römischen Auguren und zu schlechten Omen. Daraus entwickelte sich das Thema Orakel und die Fragen: Wem hören wir eigentlich zu, wenn wir unsere eigene Zukunft kennen wollen? Ich möchte die Vielstimmigkeit sichtbar machen, mit der Menschen seit Tausenden von Jahren nach Antworten auf Fragen zu ihrer Zukunft suchen – und dazu einladen, darüber nachzudenken, welchen Stimmen wir Vertrauen schenken.
Frau Merten, Sie haben unser Städtli bereits kennenlernen können. Frau Humphrey, Sie haben hingegen einen Schritt ins Unbekannte gewagt. Deshalb: Warum ausgerechnet Schaffhausen?
Humphrey Ich war vor meiner Anstellung nur einmal in Schaffhausen und weiss noch, wie ich mir dachte: «Die haben ein Glück, an diesem Ort zu arbeiten», weil ich es hier so schön fand. Dazu kam eine aktuelle Ausstellung von Geschichtskurator Daniel Grütter, die mir sehr gefiel. Als ich das Inserat sah, war ich gespannt, was hier auf mich zukommen könnte. Seitdem entdecke ich die Stadt jeden Tag neu – besonders mag ich die kleinen Lädeli, die man überall findet.
Den SN sagten Sie im letzten Herbst, besonders vermissen würden Sie den Ausblick aus Ihrem alten Büro im Forum Würth Rorschach – direkt auf den Bodensee.
Humphrey Der war besonders cool! Aber auch hier ist es toll, allein die Zugfahrt am Rheinfall vorbei kann man mit nichts vergleichen. Ich kann mich also wirklich nicht beklagen.
Und wie war es für Sie, Frau Merten, nach Schaffhausen zurückzukehren?
Merten Für mich war es fast wie ein Heimkommen. Viele Kunstschaffende, die ich im Volontariat kennenlernte, sind immer noch aktiv. In den letzten Jahren wurde ich ab und zu angefragt, um beispielsweise eine Rede an einer Vernissage zu halten. Das hat mir gezeigt, dass man auch mich nicht vergessen hat, das Netzwerk ist also erhalten geblieben.
Springen wir einmal zehn Jahre in die Zukunft: Was wollen Sie bis dahin hier erreicht haben?
Humphrey Ich habe einige konkrete Vorstellungen. Natürlich würde ich gerne mehr Grafiken zeigen. Die Kunstsammlung ist nämlich ein Eisberg von rund 34 000 Werken: Man kann nur einen kleinen Teil davon zeigen und das sind oft Gemälde, Grafik ist dagegen schwieriger auszustellen.
Weshalb?
Humphrey Aquarellfarben können beispielsweise verblassen, wenn man sie längere Zeit dem Licht aussetzt. Abgesehen davon wünsche ich mir, viele spannende und vor allem sozial relevante Themen auffangen zu können.
Und was erhoffen Sie sich, Frau Merten?
Merten Ich möchte, dass das Museum ein gastfreundlicher Ort ist, der Menschen anzieht – auch über Schaffhausen hinaus, das ja eher am Rand der Schweiz liegt. Ich will also etwas machen, bei dem sogar Leute von weit weg denken: «So, jetzt müssen wir auch mal nach Schaffhausen.»
Humphrey Ich würde mir ausserdem wünschen, dass das Museum als offener Ort verstanden wird, einer, bei dem man keine Hemmungen hat, einzutreten.
Merten Und natürlich wollen wir, dass man gute Kunst sieht und die Leute Spass haben!
Die Kunstabteilung ist im Museum zu Allerheiligen am sichtbarsten vertreten. Sie ist mit mehr Kurator:innen ausgestattet und richtet die meisten Ausstellungen aus. Haben Sie daher eine privilegierte Position innerhalb des Museums? Hüten Sie gewissermassen das «Golden Child»?
Merten Nein, es überrascht mich aber nicht, dass es so wirken könnte. Dabei ist immer die Frage: Was vergleicht man miteinander? Die Kunst hat etwa verglichen mit der Kulturgeschichte keine grosse Dauerausstellung, dafür mehr wechselnde Schauen, was natürlich Aufmerksamkeit erregt.
Gerade die Gegenwartskunst braucht eine gewisse Frequenz: Würde man sagen, es gibt nur alle fünf Jahre eine neue Ausstellung, könnte man die Aktualität dieser Sparte überhaupt nicht abbilden.
Dazu kommt die Sturzenegger-Stiftung, die neben dem primären Auftrag, das Museum zu unterstützen, auch eine eigene Kunstsammlung besitzt – daneben aber auch kulturgeschichtliche Objekte sammelt. Das trägt ebenfalls dazu bei, dass man denken kann, die Kunst werde bevorzugt.
Humphrey Und: Dass die Kunst überhaupt als so gross wahrgenommen wird, ist auch ein Vermächtnis unserer Vorgänger:innen.
Die Stiftung ist ein gutes Stichwort: Es hat sich wiederholt gezeigt, dass an Ihrer Arbeit verschiedene Personen mit teils starken Meinungen beteiligt sind. Sie haben mit Gesa Schneider eine direkte Vorgesetzte, da gibt es aber auch noch die Stadt, die Vereine, die Sturzenegger-Stiftung als Geldgeberin. Wie erleben Sie es, in ein solches Machtgefüge einzutreten?
Merten Das gehört zum Job. Verschiedene Anspruchsgruppen gibt es immer: Wir sind gewissermassen Gestalterinnen, Kommunikatorinnen, Psychologinnen, Projektleiterinnen und Diplomatinnen in einem.
Humphrey Und Krankenschwestern sind wir auch, wenn wir unsere Sammlungen pflegen (lacht). Offen gesagt finde ich diesen Austausch auch schön – durch die Arbeit können wir täglich mit so vielen verschiedenen Leuten in Kontakt treten, sei es im Team oder mit den Besucher:innen.
Dann können Sie also mit starken Meinungsvertretern wie, sagen wir, Stephan Kuhn, gut umgehen? Momentan präsidiert er den Kunstverein sowie neu auch die einflussreiche Sturzenegger-Stiftung.
Merten Wir haben viel mit ihm zu tun, ich umso mehr, da ich im Vorstand des Kunstvereins beratend als Museumsvertreterin tätig bin. Diese jetzige Doppelfunktion, die er bekleidet, wird nicht ewig bestehen. Letztlich geht es aber um die Frage, ob man gut zusammenarbeiten und das Gegenüber wertschätzen kann. Das ist bei uns der Fall. Und bei Meinungsverschiedenheiten kann man diskutieren.
Ihre Vorgänger haben nach dem Allerheiligen neue, attraktive Posten an wichtigen Häusern angenommen: Julian Denzler im Aargauer Kunsthaus, Andreas Rüfenacht im Landesmuseum Zürich. Ist das Allerheiligen für Sie ebenfalls die eine nächste Sprosse auf der Karriereleiter? Oder sind Sie hier, um zu bleiben?
Humphrey Ich bin hier, um zu bleiben.
Merten Ich auch. Gefühlt sind wir ja gerade erst angekommen! Klar, irgendwann wird es Menschen geben, die nach uns kommen. Doch in der Zwischenzeit gibt es die Möglichkeit, an diesem Haus mitzugestalten.
Humphrey Und das macht Spass! Ich sehe keinen Grund, mich hier bald zu langweilen.
Die interdisziplinäre Ausstellung «Orakel» öffnet am Freitag, 28. August, mit einer Vernissage ihre Türen. Anschliessend ist sie bis zum 10. Januar 2027 im Museum zu Allerheiligen zu sehen.
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