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«Das ist unser Moment»

Bild: Robin Kohler

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Am Ende dieses Samstagabends blicke ich auf meine schwarzen Schuhe. Sie sind von einer dicken, grauen Schicht überzogen. Ich kam mit einer Frage hierher in den Mosergarten, zusammen mit Hunderten anderen, die stundenlang euphorisch auf dem Kieselsteinboden tanzten und Staub aufwirbelten: Kann Schaffhausen Karibik?
Nun kommt es mir untertrieben vor, die Frage nur mit einem Ja zu beantworten. Denn Schaffhausen liebt das Caribbean Festival.

Am Anfang ist diese Liebe noch verhalten. Um halb sechs kann Schaffhausen vor allem Kaiserschmarrn, Gyros und Waffeln. Das Streetfoodfestival auf dem Münsterplatz ist gut besucht, im Mosergarten dagegen noch alles ruhig. Vor allem Spanisch sprechende Familien mit Kindern sind hier, und die kubanische Band «Sanamé y su son» konkurriert beim Soundcheck mit den Kirchenglocken. Einer der Musiker trägt einen pinken Anzug, schüttelt die Maracas und übt seine Tanzschritte ein.

Das Setting unter den grossen Baumkronen ist idyllisch. Doch ob heute hier die grosse Party stattfindet? An der Bar bestelle ich ein Bier.

Organisiert wird das Festival von den Betreiber:innen der Caribbean Bar. Seit einem Jahr lädt dieses jeden Tag zu Drinks, Beats oder Bingo an die Repfergasse. Im Mosergarten ist sie mit dem grössten Stand vertreten, daneben reihen sich Essens- und Getränkestände, die mit Fahnen der Dominikanischen Republik, von Kuba, Mexiko und Brasilien beschmückt sind.

Am Eingang macht eine Familie Halt. «Meine Freundin würde sofort kommen», sagt eine Frau zu ihrem Partner. «Wegen Karibik und so.» Der Mann holt sich eine Bratwurst, sie tanzt mit dem Babywagen zum Soundcheck der kubanischen Band. Danach gehen sie weiter. Was meinen Schaffhauser:innen mit «Karibik und so»?

Nach einer kurzen DJ-Einlage beginnt das Konzert von «Sanamé y su son». «Yo soy Cubano», singt der Frontmann ins Mikrofon, und langsam füllt sich der Platz. Manche beginnen schüchtern mit den Beinen und Armen zu wippen, anderen sind die eingeübten Schritte aus dem Tanzkurs anzumerken. Ein besonders eingespieltes Paar zieht vor der Bühne weite Kreise über den Kieselsteinboden.

Bilder: Robin Kohler

Ich frage zwei Frauen Anfang 40, weshalb sie hierhergekommen sind: «Wegen des Tanzens», sagt eine von ihnen. Sie hätten früher gemeinsam einen Salsakurs in Zürich besucht, «in Schaffhausen gab es das damals noch nicht.» Sie würden die Kultur der Offenheit schätzen, sagen sie. Später sehe ich sie in der tanzenden Masse zuvorderst.

Je länger «Sanamé y su son» spielen, desto mehr Leute strömen in den Mosergarten. Von jenen, mit denen ich ins Gespräch komme, höre ich oft dasselbe: Tanzen und kultureller Austausch, darum seien sie hier. Weitere stolpern zufällig auf das Gelände.

«Was, wir haben eine Caribbean Bar?», fragt ein Mann seinen Begleiter. «Das haben wir gar nicht gewusst. Obwohl wir aus Schaffhausen sind.» Auf der Bühne nimmt die Organisatorin Zunilda Cedeño das Mikrophon in die Hand: «Somos una familia grande», sagt sie, wir seien eine grosse Familie. «Wir sind von überall. Vielen Dank und: Party!»

Shisha und Zigarre

Eine Frau animiert zwischen dem kubanischen Stand und der Bühne immer wieder das Publikum. Sie heisst Esther Sanamé und leitet seit einigen Jahren die Tanzschule Salsa Unica an der Schlagbaumstrasse. Auf der Bühne hat sie ein Schild angebracht, das zu Spenden für Kuba aufruft. «Das ist unser Moment», sagt sie zu mir, während sie in einem Topf rührt. «Der Moment aller Latinos in Schaffhausen. Wir zeigen, wer wir sind, dass wir da sind.»

Sie offeriert ein Glas Rum mit Beeren, die 30 Jahre lang in Rum eingelegt gewesen seien. Wir stossen an. Danach drückt sie mir einen Teller mit Crevetten und Gemüse in oranger Sauce in die Hand. Als ich zahlen will, verweist sie auf die Spendenbox auf der Bühne.

Dieses Erlebnis wiederholt sich an mehreren Ständen. Nach einem brasilianischen Nelkenshot, einem dominikanischen Presidente-Bier und unglaublichen Tacos al Pastor vom Foodtruck von Cheke denke ich mir, dass es die Stände am Caribbean Festival mit Leichtigkeit mit dem Streetfoodfestival aufnehmen können. Als der Himmel eindunkelt, wird an manchen Tischen Shisha geraucht, andere machen es sich mit einer Zigarre im Plastikstuhl bequem.

Die meisten stehen aber vor der Bühne oder vor dem Stand der Caribbean Bar. Ich stelle mich zu den Tanzenden nach vorne. Das rot-blaue Scheinwerferlicht der Bühne leuchtet zwischen Kieselsteinboden und Baumkronen.

Nach einem weiteren DJ-Intermezzo spielen nochmal «Sanamé y su son». Aus dem tanzenden Publikum gehen zahlreiche Hände in die Höhe, die Leute bewegen sie nach links und rechts, klatschen. Der orchestrierte Tanz ist angelehnt an den Song «Echa Pa’lla» von Pitbull. Der Refrain lautet übersetzt: «Hebt die Hände hoch, bewegt sie nach unten, zur einen Seite, zur anderen.» Esther Sanamé, mit Kuba-Fahne um den Bauch, macht es gemeinsam mit zwei Musikern vor. Die Stimmung ist ausgelassen. Wo man hinschaut, blickt man in lachende Gesichter.

Meine Aufgabe als Journalist erübrigt sich. Sollte man nicht besser einfach tanzen, statt Fragen zu stellen? Am Caribbean Festival, so wird mir im Verlauf des Abends klar, geht es nicht um kulturkritische Metafragen. Der Mosergarten ist voll, Schaffhausen tanzt, das Caribbean Festival ist ein Erfolg. Damit ist alles gesagt.

«Geld ist mir egal, Ruhm ist mir egal. Für mich zählt Gesundheit, Liebe, Familie und eine Mahlzeit», heisst es auf Spanisch im Pitbull-Lied, das «Sanamé y su son» erneut spielen. Als ich am Ende des Abends auf meine grau überzogenen schwarzen Schuhe blicke, muss ich daran denken.

Montagnachmittag in der Repfergasse. Zunilda und Sandry Cedeño sitzen in ihrer Caribbean Bar und erzählen, dass sie niemals so viele Besucher:innen erwartet hätten, wie tatsächlich gekommen sind. «Deshalb mussten die Leute manchmal warten, bis sie Getränke hatten», sagt Zunilda Cedeño. «Viele bestellten Caipirinhas oder Mojitos. Diese Getränke muss man immer frisch zubereiten. Für das nächste Mal wissen wir das.» Das nächste Mal, das soll in einem Jahr sein, sagt die Barbetreiberin, «wenn wir gesund bleiben.»

Den Mosergarten hat sie vorsorglich bereits reserviert.

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