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Verrannt

Eine Hand zeichnet eine Rennbahn.

Die Geschäftsleitung der Sonderschulen plane die Integrationssettings vom Schreibtisch aus, so einer der Vorwürfe. Montage: © Robin Kohler

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Lohnreduktionen, Bürokratisierung und schlechte Kommunikation: Im integrativen Bereich der Sonderschulen kriselt es.

Es brodelt. Es brennt. Solche Begriffe fallen zur Zeit, wenn es um die Schaffhauser Sonderschulen geht. In den vergangenen Wochen kontaktierten mehrere Personen unabhängig voneinander die AZ. Sie alle üben Kritik daran, wie die Geschäftsleitung den Bereich Integration managt. Es geht um Klassenassistent:innen, die herumgescheucht werden, um mangelhafte Kommunikation und um integrative Settings, die auf unverständliche Weise angepasst werden.

Die Kritik trifft einen sensiblen Bereich im kantonalen Bildungssystem. Die Sonderschulen, die sich neu Lernbahn nennen, führen in Schaffhausen nicht nur die separativen Schulangebote für Kinder mit Verhaltensauffälligkeit und Behinderung. Sie regeln auch die Integration jener, welche die Regelschule besuchen. Als selbstständige öffentlich-rechtliche Institution haben sie den Auftrag, den Unterstützungsbedarf der Kinder zu ermitteln und die individuellen Settings zu organisieren. Die momentan rund 300 integrierten Kinder werden an den Regelschulen von Heilpädagog:innen begleitet, aber auch von Klassenassistent:innen der Sonderschulen.

Diese Klassenassistent:innen sind es unter anderem, die sich bei der AZ meldeten. Insgesamt sieben Briefe, Mails und Anrufe gingen jüngst bei der Redaktion ein, etwa die Hälfte davon anonym, teils als Gruppe gezeichnet. Mit einigen Personen führte die AZ längere Gespräche, darunter mit zwei Assistenzen, einer Klassenlehrperson, einer Heilpädagogin und einem Schulbehördenmitglied. Aus Angst vor Konsequenzen will sich bis auf eine Ausnahme niemand exponieren. Doch die Erzählungen decken sich.

Weniger Lohn

Die rund 170 Klassenassistent:innen der Sonderschulen befinden sich in einer schwachen Position: Sie haben nur jährliche befristete Verträge. Dabei erfahren sie jeweils sehr kurzfristig, ob es nach den Sommerferien wieder Arbeit für sie gibt, in welchem Pensum und in welcher Schulgemeinde.

Das Angebot für das kommende Schuljahr ab August wurde ihnen etwa erst im Juni per Mail unterbreitet. Mit der Aufforderung, darauf explizit nur mit ja oder nein zu antworten. «Nach dem Prinzip Friss oder stirb», so beschreibt es eine Klassenassistentin. Einige Tage nach dem Jobangebot kommunizierten ihnen die Sonderschulen dann auch noch aus heiterem Himmel eine Lohnanpassung. Die Mails liegen der AZ vor. Neu müssen die Angestellten viel strenger ihre Zeit aufschreiben: Wenn sie sich vor dem Unterricht oder in der grossen Pause mit den Lehrpersonen der Regelschulen beraten oder die betreuten Kinder nach Schulschluss beim Anziehen oder bei alltäglichen Problemen unterstützen, zählt das nicht wie bisher als Arbeitszeit. Besprechungen mit den Lehrpersonen müssen neu während der Schullektion selbst stattfinden, so weist die Geschäftsleitung an. Dass man sich während des Unterrichts aber auch noch über die integrativen Settings austauschen muss, so sagen alle, mit denen die AZ sprach, sei unrealistisch.

Schlecht kommuniziert

Einen Sparauftrag haben die Sonderschulen eigentlich nicht. Das betont Sonderschulratspräsident Werner Bächtold auf Anfrage klar. Die Sonderschulen bekommen die finanzielle Unterstützung, die sie brauchen. Der Kanton passte ihre Leistungsvereinbarung auf das Jahr 2026 an, der Kantonsrat sprach das Geld ohne zu murren.

Zur Kritik und zum operativen Geschäft an sich will sich Werner Bächtold indessen nicht äussern. Die Geschäftsleitung stellt sich auf Anfrage auf den Standpunkt, man habe keine neuen arbeitsrechtlichen Bestimmungen erlassen. Die bisherige Handhabung sei unterschiedlich gewesen, man habe sie jetzt vereinheitlicht.

Mehrere Personen sagen gegenüber der AZ, diese kurz vor den Sommerferien kommunizierten neuen Richtlinien seien nur die Spitze des Eisbergs. Anfragen bei der Geschäftsleitung blieben unbeantwortet, am Telefon gehe niemand ran. Und werde kommuniziert, so sei der Ton oft schroff. Kritik sei nicht erwünscht. Ein Schulbehördenmitglied einer Gemeinde, das sich bei dieser Redaktion meldete, sagt, durch diesen Umgang verliere man gute Leute. Für eine Klassenassistentin, mit der die AZ sprach, ist das Fass nun voll: Sie habe das Angebot, das ihr die Sonderschulen vor den Sommerferien machten, mit nein beantwortet – enttäuscht über diese Art der Kommunikation. Für sie endet damit über ein Jahrzehnt, das sie im Dienst der Sonderschulen verbrachte, sang- und klanglos.

Sinnwidrige Settings

In den Gesprächen fällt als Ursprung der Probleme mehrfach der Name der zuständigen Leiterin der integrativen Sonderschulung. Diese hat die Stelle vor zwei Jahren von ihrem Vorgänger übernommen, der den Bereich aufbaute. Es ist eine Mammutaufgabe. Sie und ihre Stellvertretung müssen die Settings für die rund 300 Kinder sowie für die insgesamt fast 300 betreuenden Assistenzen und Heil- und Sozialpdägoginnen planen. Auch der lanjährige Vorgänger sei zwar in Arbeit geschwommen, sagen die Kritiker:innen, sei aber mehr auf die Leute an der Basis eingegangen, habe diese auch mal machen lassen. Die neue Leiterin nun wolle den Laden aufräumen, so der Eindruck.

Damit sind nicht alle zufrieden. Die neue Bereichsleiterin bürokratisiere die Zuteilungen, plane die Settings und die Einsätze der Assistenzen auf dem Reissbrett. So, dass diese zwar auf dem Papier Sinn ergeben, aber nicht in der Realität. Das betreffe längst nicht nur die Assistentinnen, sondern auch die integrativ beschulten Kinder und ihre Schulklassen.

Alle befragten Personen schildern der AZ: Die Leitung Integration habe bei manchen Kindern die Assistenzstunden, die ihnen zustehen, auf unverständliche Weise gekürzt oder umgelagert. Dies teils nur nach kurzer Stippvisite und ohne die Meinung des heilpädagogischen und anderen schulischen Personals einzubeziehen. Assistentinnen würden aus Klassenverbänden gerissen und teilweise neuen Kindern und neuen Schulhäusern zugeteilt – über die Köpfe der Schulen hinweg und obwohl Kontinuität für die betreuten Kinder wichtig wäre. «Es fühlt sich an, als sehe man nur Nummern im System», beschreibt jemand den Umgang mit den Angestellten und den Kindern.

Monika Litscher ist Schulleiterin in Beringen und im Vorstand des kantonalen Verbands der Schulleitenden. Sie sagt, die Zusammenarbeit mit den Sonderschulen sei enorm energieraubend: «Das Hin und Her mit der Lernbahn frass in den letzten Monaten gefühlt die Hälfte meiner Arbeitszeit.» Ihr Fazit: Würde man den Schulleitungen, den Lehrpersonen und Heilpädagoginnen an der Front zuhören und ihre Vorschläge für die integrativen Settings einbeziehen, ginge die Planung viel schneller und sinnvoller voran. «Den Sonderschulen fehlen die Kenntnisse der Situationen vor Ort. Natürlich ist es gut, wenn sie eingeschliffene Prozesse an den Schulen hinterfragen und überprüfen. Aber wenn sie alles aus dem Büro heraus festlegen, planen sie an den Bedürfnissen der Kinder vorbei und killen funktionierende Teams.» Ihrer Meinung nach bräuchte es mehr Austauschbereitschaft und bessere Kommunikation.

Das sagt die Geschäftsleitung

Insgesamt ist also an der Basis ziemlich viel Unzufriedenheit spürbar. Die zuständige Leiterin Integration antwortet nicht auf die Anfrage der AZ. Stattdessen steht Patric Joss hin, Geschäftsleiter ad interim bei den Sonderschulen. Er hat die Aufgabe gerade erst von Geschäftsleiter Mathias Teber übernommen, der nach nur zwei Jahren auf Juni das Handtuch warf. Joss anwortet eher allgemein und ausweichend auf die konkreten Kritikpunkte. Zum Vorwurf, die Assistenzstunden, welche den Kinder zugesprochen werden, seien teils unverständlich gekürzt worden, schreibt er: Ziel sei nicht eine möglichst hohe Anzahl Assistenzstunden, sondern die bestmögliche Unterstützungsform für die Entwicklung des Kindes – beispielsweise durch mehr Heilpädagogik oder gezielte Förderung der Selbstständigkeit. «Eine Anpassung von Assistenzlektionen bedeutet deshalb nicht automatisch eine Reduktion der Unterstützung.»

Die Leitung Integration, so Joss weiter, lege die Settings nach fachlicher Beurteilung und im Austausch mit den Schulen sowie aufgrund persönlicher Besuche sämtlicher Schüler:innen fest. Zur Umteilung von Klassenassistent:innen auf neue Kinder und Schulhäuser schreibt der Ad-interims-Schulleiter, man habe die Wünsche sämtlicher Klassenassistenzen eingeholt. Soweit vereinbar, habe man diese berücksichtigt. Dabei gelte aber: «Veränderungen einzelner Einsätze können aus pädagogischen oder organisatorischen Gründen sinnvoll oder notwendig sein.»

Abschliessend schreibt Patric Joss, man bedauere, dass die Anpassungen bei einzelnen Mitarbeitenden zu Verunsicherung und teilweise zu Unmut führten und nehme das ernst. Es gehe ihnen immer um die bestmögliche Förderung der Kinder, um langfristige Qualitätssicherung und um die verlässliche Weiterentwicklung des Bereichs. Die Geschäftsleitung stehe im Dialog mit den Mitarbeitenden, auch an vier Foren, zu denen sie jährlich einlade.

Ordnung und Chaos

Man muss die derzeitige Kritik vor dem Hintergrund einer Institution sehen, die aus allen Nähten platzt. Die Sonderschulen wachsen ungebremst, während ihre Leitungs- und Verwaltungsstruktur laut Sonderschulratspräsident Werner Bächtold hinterherhinkt (siehe Kasten). Gerade der Aufgabenbereich der kritisierten Leiterin Integration wird immer komplexer. So kann man die neuen Richtlinien, die unverständlichen Anpassungen und die knappe Kommunikation als Ausdruck einer Geschäftsleitung lesen, die versucht, die Situation irgendwie unter Kontrolle zu halten.

Ein überlastetes System, ungebremstes Wachstum, Führungskrise, verfahrene Situationen mit Mitarbeitenden. Das wirbelt Staub auf. Dabei sind sich eigentlich alle einig – das Erziehungsdepartement, der Sonderschulrat und, so weit bekannt, auch die Schulen: Es ist ein bürokratisches Unding, dass die Integration überhaupt bei den Sonderschulen angesiedelt ist. Das Erziehungsdepartement arbeitet derzeit daran, dass die Integration deshalb in die Kompetenz der Regelschule übergeht.

Weil das aber gesetzliche Anpassungen braucht, wird es noch eine Weile dauern. Bis dahin müssten die Sonderschulen einen praktikablen Modus für die Zusammenarbeit finden, so die Meinung der Betroffenen an den Regelschulen. Sonst brodelt es weiter.

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