Eifach de Filippo sii

27. Juli 2026, Sharon Saameli
Rapper Lilbitchescry blickt in die Kamera
«Ich bin ein bisschen komisch», sagt Filippo Binotto, «aber komische Leute sind oft auch ein bisschen lustig.» © David Schelker

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Unter dem Namen Lilbitchescry macht Filippo Binotto Musik, so lange,
bis alle Masken gefallen sind. Eine Begegnung im Garten.

Ha kein Mensch wo mich liebt
Nur de eint oder ander wos probiert
Doch früener oder spöter sinds alli verwirrt
Will de Pippo alli abezieht
Will de Pippo alli abezieht
I sini Wält ohni Liecht
S einzige Liecht isch de Tüüfel mit em Füür
Sie säged psychisch gstört
Ich säg intellektuell

Oft sind Filippo Binottos Texte wie Fäuste in den Magen. Kompromisslos und endgültig platzen sie aus dem 24-Jährigen heraus, als wüsste er sich nicht anders zu helfen, als hätte er sie zu lange in seinem Innern behalten und müsste sie nun ausspucken. Die Texte handeln von der Liebe, von der Einsamkeit, von Drogen, vom Manchmal-sterben-wollen. Dann macht sich seine Mutter Sorgen. Die Bedenken könne er schon nachvollziehen, sagt Binotto, «aber das sind nur Fragmente von dem, was ich fühle. Ich nehme diese Gefühle ernst in diesem Moment, aber sie sind nicht, was ich komplett bin.»

Hinter der Aggression, die in manchen seiner Texte mitschwingt, steckt eigentlich ein versöhnlicher Gedanke. Dazu später mehr.

Filippo Binotto macht unter dem Namen Lilbitchescry Musik. Sein Sound bewegt sich oft zwischen Drum’n’Bass, hartem Techno, Dubstep und Trap, ist also allermeistens tanzbar. Über diese Beats rappt Binotto, als gäbe es kein Morgen, mal hässig, mal belustigt, mal lebensmüde, dann wieder verliebt.

Sein Leben, es muss eine furchtbare Achterbahn sein.

«Wer auf Pippo hated, hat keine Ahnung von Kunst.»

Strohpapi

Wir sitzen in Binottos Garten in Buch­thalen, das Gras zerzaust und angebräunt, ein Hasel spendet Schatten. Neben uns liegt eine Büste am Boden, der er Achselhaare und Koteletten angeklebt hat. Eigentlich wollte er sie mitten im Beet platzieren, sagt Binotto und stellt einen Krug Lavendelwasser auf dem Tisch ab. «Aber sie erschreckt mich jedes Mal, wenn ich sie sehe.»

Gerade erst hat Binotto sein zweites Album herausgegeben, «Känzel Me» heisst es. Trotzdem staunt er, dass eine Zeitung auf ihn zukommt. Es geht ihm nicht um Reichweite. Das sagt auch der Rapper Strohpapi, mit dem er ab und zu zusammenarbeitet, über ihn: «Filippo geht es darum, Kunst zu schaffen. Das ist real as hell! Wer auf Pippo hated, hat keine Ahnung von Kunst.»

Aber worum geht es ihm, diesem Pippo, dann?

Das Zeug muss raus

Wir verlassen den Garten mit zwei Erkenntnissen, die eigentlich banal scheinen: Filippo Binotto macht Musik, um Musik hören zu können, die er selbst gut findet. Und er macht Musik, um sich selber auszudrücken.

Er begann als Teenager mit dem Freestylen. Irgendwann kaufte er einem Freund ein Mikrofon ab und fing an, mit Musikprogrammen zu spielen. Zu klassischen Elementen wie etwa einem Refrain kommt es in seinen Tracks nur selten; Binotto arbeitet assoziativ. In einem seiner Lieder vermengt er den Auspuff eines Busses mit einem Strassenmusiker und das Plätschern von Wasser mit einer Melodie, die er im Manor aufnahm. Er sei kein Perfektionist, sagt Binotto. Klappt es mit einer Idee nicht, verschwindet sie im Archiv – oft für immer.

Textlich lesen sich die Lieder manchmal wie Tagebucheinträge. Er erlebe sich oft als Beobachter, sagt Binotto, als einer, der auch in schwierigen Situationen nicht Haltung zeigen könne. In politischen Diskussionen fehle ihm oft der Anschluss. «Aber dieses ganze Zeug, die Energie, die ich in der Gesellschaft wahrnehme, muss aus mir raus, damit ich sie wieder in Licht und Liebe umwandeln kann.»

All de Hass woni zeig
isch nid meh als e Wahrnig
Doch e Wahrnig isch nid da
zum de Weg nid gah
E Wahrnig isch da
zum mit Achtsamkeit und Wachsamkeit
de Weg denn gah

Hände und Oberkörper von Lilbitchescry, stark tätoviert.
© David Schelker

Dass Filippo Binotto sich mit Sprache an der Welt abarbeitet, ist kein Zufall – es hat bei den Binottos sogar Familientradition. Grossvater Armin war Lehrer und Poet, aus seinen und Grossmutter Marlis’ Buben wurden je ein Chefredakteur, ein Lehrer, ein Schulleiter und ein Kolumnist. Filippo sei ein verträumter Bub gewesen und ein guter Schüler dazu, erinnert sich Marlis Binotto heute. Am Esstisch habe er jeweils mit ihrem Armin zusammen die Hausaufgaben gemacht. «Dann kam er in die Pubertät. Und er begann, wirklich alles zu machen, was Gott und die Eltern ihm verboten haben.»

Am Anfang habe er nur gekifft, ordnet Filippo Binotto diese Aussage ein. Die harten Drogen seiner Freunde hätten ihn abgeschreckt. Dann fing er an Tabletten zu nehmen, die es rezeptfrei in der Apotheke gab: Dextometorphan, kurz DXM, ist eigentlich ein Hustenmittel. «Darum dachte ich, das sei ja nicht so schlimm. Rückblickend war das purer Selbstbetrug.» Aus ein paar Wochen wurde ein Jahr, später kamen andere Drogen dazu, Binotto stürzte ab. Irgendwann flog er aus der Handelsmittelschule. Nach einem Praktikum meldete er sich im Lindenforum an. «Das war heilend», sagt Filippo heute. Er begann mit der analogen Fotografie, brachte sich selber den Videoschnitt bei, produzierte gar ein Video für die Band Morsch. Er sei ein sehr kreativer und eigenständiger, aber auch zerbrechlicher Schüler gewesen, weiss Angela Penkov, damals Schulleiterin des Lindenforums. «Und er war einer, den alle sehr gerne hatten.»

Die Masken fallen lassen

Das Jahr im Lindenforum war nicht die Pause, nach der alles gut werden würde. Aber Filippo Binotto begann allmählich, Fuss zu fassen: Er startete eine Lehre als Fachmann Betreuung, hatte eine Freundin. Dann wurde sie plötzlich schwanger, und er brach die Lehre wieder ab. Auf einem Bauernhof begann er, Geld für die junge Familie zu verdienen, später arbeitete er im Gartenbau; es tue ihm gut, in einer fixen Männerrunde zu sein, sagt er. Er habe sich zu oft auf einen einzelnen Menschen verlassen, vor allem: seine jeweilige Freundin. Binotto streicht sich mit der Hand über das Gesicht, als er das sagt.

Ihr Enkel habe ihr eines Tages eine SMS geschickt, erzählt Marlis Binotto am Telefon. Darin schrieb er: Sein Kind heisse Yanush. Nach Janusz Korczak, dem polnischen Kinderarzt und Held, von dem Grossvater Armin ihm immer erzählt hatte.

Kurze Zeit später nimmt der frisch gewordene Vater ein neues Lied auf.

Zwei pretty boys
Uf de Jagd nach em Friede
Zwei pretty boys
Keine laht de ander lige

Filippo Binotto schlägt sich durch. Und er findet trotzdem, oder eben gerade deshalb, näher zu sich.

Sein neustes Album «Känzel Me» ist ein Versuch, auch noch die letzten Masken fallen zu lassen: Auf dem Cover steht er nackt auf der kleinen Brücke über der Bachstrasse. Je nach Kontext sei das Nacktsein für ihn ganz logisch, sagt Binotto, als wir ihn in seinem Garten darauf ansprechen. «Zum Beispiel im sexuellen Kontext bin ich gerne nackt, oder beim Baden.» Zum Treffen mit der AZ trägt er einen langen Rock und ein T-Shirt; fürs Fotoshooting zieht er dann doch beides aus. In jüngster Zeit hätten ihm viele Kleider Mühe bereitet, erzählt er; er sieht sich durch sie in Schubladen gesteckt, gegen die er sich doch eigentlich wehrt. Der erste, titelgebende Track des Albums liest sich dahingehend wie ein hässiger Befreiungsschlag: Du reduziersch Lüt uf Rechts oder Links, ich reduzier dich uf ob du stinksch.

Man müsse doch irgendwie versuchen, offen zu bleiben, sagt Binotto, den Menschen Chancen zu geben, auch wenn sie sich mal scheisse benommen haben. «Diese Cancel-Energie fuckt mich ab. Auch ich mache Fehler und muss sie mir immer wieder vergeben. Aber ich bin nicht definiert durch sie. Ich definiere Leute nicht durch das, was sie in einer bestimmten Situation Schlechtes tun. Es muss doch irgendwie weitergehen.»

Hadern und schlingern

Manchmal strotzt Lilbitchescry vor Lebens- und anderer Lust, eines seiner neusten Lieder heisst: «Schwitze, Stöhne, Ficke, Lecke, Tanze, Lache, Hüüle». Und manchmal scheint er sich mit demonstrativer Leichtigkeit zu bewegen und zu inszenieren: In einem Video auf In­stagram erzählt er, dass er sich gerade auf Geschlechtskrankheiten habe testen lassen, und das solle man doch auch tun, um fit zu sein für seinen neusten Track.

Dann aber kehrt er immer wieder zu diesem Hadern mit der Welt und der Gesellschaft zurück. Das letzte Lied auf seiner EP ist ein Verzweiflungsschrei: ein Wunsch nach einem Ort, an dem man Bäume sieht statt Beton und auf den Strassen tanzt statt in Clubs. Ein Ort, an dem er nicht ständig Lust hat, die Faust in eine Wand zu schlagen. Und nicht den Tod als Erlösung sieht.

Lilbitchescry – er habe bisher keinen besseren Künstlernamen gefunden – macht also vor allem Musik mit offenem Herzen.

Er lässt seine Flammen, Freund:innen und Familie, aber auch Fremde so nah und ungeschönt an sich heran, wie er sich selbst noch entdeckt; chaotisch, episodenhaft und authentisch.

Ha kei Bestimmig, keis Ziel
Leb mis Läbe NPC
Ke Bock zum öpis Grosses sii
Ich wot eifach de Filippo sii