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Bargen Bargen Bargen Bargen

Schiessstand am Dorffest in Bargen.

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Letztes Wochenende trafen sich Bargemer:innen aus vier Dörfern. Willkommen in der Bargception.

Am Anfang war nichts.

Dann, ein paar Millionen Jahre später, zwei Schweizer Dörfer mit dem Namen Bargen. Vor 66 Jahren folgte der Urknall, als ein Busfahrer namens Walter Rolli aus Bargen im Kanton Bern im hohen Norden einkehrte und in einer durchzechten Nacht mit dem Wirt des Löwen und einem weiteren Schaffhauser Bargemer ein Treffen der beiden Dörfer ausheckte. Fünf Jahre später holten sie auch die beiden gleichnamigen süddeutschen Dörfer an den Tisch und stiessen in einem grossen Festzelt, auf der Bühne stand das damals taufrische Volksmusikduo Amigos, auf das erste 4-Bargen-Treffen an.

Der Löwen ist seit Langem geschlossen und der Busfahrer verstorben, aber die Amigos, die touren noch. Und auch die vier Bargen treffen sich noch immer alle vier Jahre. Vergangenes Wochenende brachten sie Bargen, Schaffhausen, zum Beben.

Treten Sie also ein ins Bargemer Multiversum.

Es ist schwül am Samstag kurz nach vier. Ein lauter Mann mit blau getönter Sonnenbrille singt «Heidi, Heidi, deine Welt sind die Berge». Heidi, nicht aus den Bergen, sondern aus Bargen im Berner Seeland, streckt ihre Hände triumphal in die Höhe. Die Menge johlt. Dann stiebt sie aus­ei­n­an­der, weil ein Auto die enge Dorfstrasse hinunter will. Die Frau hinter dem Steuer hat die Einladung zum Dorffest nicht erhalten oder es lässt sie kalt, jedenfalls argwöhnt sie der Prozession durch die Windschutzscheibe entgegen.

Der Mann mit der Sonnenbrille, sein Polohemd spannt sich über einen Bauch voller Kalauer, neigt den Kopf leicht nach unten und blickt über die blauen Gläser. «Ihr Schweizer seid immer so streng.» Bei ihnen in Bargen-Helmstadt, Baden-Württemberg, Landkreis Rhein-Neckar, sei das Leben gelassener, man könne alles haben, ausser Frau und Geld, natürlich. Sagts und stösst mit dem Ellbogen neckend eine junge Frau an, die neben ihm steht. Sie kommt aus Bargen-Engen, ebenfalls Baden-Württemberg, allerdings Landkreis Konstanz, und nickt: Ja, die Schweizer, die seien ganz schön seriös. Was verbindet die beiden deutschen Bargen sonst noch, abgesehen davon, dass die einen unschweizerisch unseriös sind?

«Die haben die schöneren Frauen und wir die schöneren Männer», antwortet der Sonnenbrillenmann wie aus der Kanone geschossen. «Alle vier Jahre bringen wir sie zusammen, und 16 Jahre später schauen wir, was daraus entstanden ist.»

Der Bargemer Wertekanon

Als Gemeindepräsident Fabian Gisel zwei Stunden zuvor die Bühne betritt, hat es noch genügend Platz auf den vielen Festbänken. Auf den Tischen liegen Speisekarten mit Preisen aus einem vergangenen Jahrzehnt (Schweinssteak, 200 Gramm mit Brot, für neun Franken fünfzig) neben Steinen, auf die kleine Senkbleie gemalt sind, die Freiheitshüte balancieren. Es ist das Gemeindewappen von Bargen, Schaffhausen, passen tut es aber zu allen vieren. Die Bargemer:innen, egal welcher Couleur, sind nämlich ein widerständiges Volk, wie Erika, die weissen Haare kurz geschnitten, auf der Festbank erzählt. 1831 liess Generalstabschef Henri Dufour im Berner Seeland die «Bargenschanze» aufschütten, zehn Kanonen hätten dort die Franzosen begrüsst. Die dann aber nie kamen.

Der Gemeindepräsi beginnt seine Rede, aber der Regen prasselt allzu ohrenbetäubend auf das Dach. Im Getöse geht beinahe unter, wie sich Gisel geschickt zu einem rhetorischen Höhepunkt hocharbeitet. Es sei der Gemeinschaftssinn, der die vier Dörfer verbinde, sagt er, und dekliniert dann den Bargemer Wertekanon durch: «Zusammenhalt, Kameradschaft, Vereinsleben, Gastfreundschaft und die Freude an der Gemeinschaft.»

So sind über die Jahrzehnte zwischen den vier Dörfern enge Freundschaften entstanden. Altbekannte umarmen sich links und rechts, bringen einander auf den neusten Stand oder schwelgen in Erinnerungen, manche kennen sich seit Kinderjahren. Einer beginnt von einem Bargen-Treffen zu erzählen, bei dem einige die Nacht nackt am Klavier verbrachten, aber was in Bargen passiert – Sie verstehen.

Das Wichtige ist: Man kennt sich, was auch kaum verwundert, zeichnen sich die vier Bargen neben ihrer Wider-ständigkeit und ihrem Gemeinschaftssinn doch vor allem durch ihre Übersichtlichkeit aus. In Bargen-Engen nahe der Schweizer Grenze wohnen 264, in Bargen Schaffhausen 343 Bargemer:innen. In Bargen-Helmstadt sind es immerhin 1104, «nein», korrigiert sich ein weissbärtiger Mann mit breiten, braungebrannten Oberarmen, «1103, letzte Woche ist einer gestorben».

Der Tiger und die Autobahn

Irgendwann verziehen sich die Regenwolken dann doch noch und legen die Sonne frei. An der Schiessbude vor der Festhalle lehnt ein Verkehrseinweiser in gelber Leuchtjacke und zielt, die Zigarette im Mundwinkel, mit dem Luftgewehr auf die kleinen Tonsterne. Eintausend davon müsste man treffen, um den riesigen Plüschtiger zu gewinnen, der sich auf dem Zeltdach fläzt. Keine Sache sei das, sagt der Mitdreissiger, der die Schiessbude betreibt, er sei im Schützenverein, da schiesse man mit einem Sturmgewehr auf 300 Meter. Nur: Den Schützenverein, es ist der letzte Verein im Schaffhauser Bargen, plagen Nachwuchsprobleme. «Die Jungen starren heute nur noch auf ihre Smartphones», sagt der Mittdreissiger und blickt kurz von seinem Smartphone auf. 

Dann teilt sich die Festgemeinschaft (der im übrigen auch eine nicht vernachlässigbare Anzahl an jüngeren Menschen angehören) in dörferübergreifende Gruppen und zieht los, auf eine Schnitzeljagd durchs Dorf. Es dauert eine Weile, bis sich bei der Gruppe Nummer 1, der sich die AZ anschliesst, ein Rhythmus einstellt. «Wir gehen langsam und reden schnell», stellt eine Frau aus Bargen-Helmstadt fest, die sich beeilen muss, um den Anschluss nicht zu verlieren, «bei euch ist es umgekehrt.»

Vor dem Gasthof Kreuz wartet Winfried Suermann, OK-Präsident des 4-Bargen-Treffens, schon mit kühl gestellten Getränken. Das Kreuz habe leider vor fünf Jahren schliessen müssen, wie schon der Löwen zuvor, sagt er und erklärt auch gleich, wieso: «Der letzte Wirt war ein Tubel, der hats auch nicht begriffen.» Das sei er selbst gewesen, sagt Suermann trocken und gewinnt das bereits gewogene Publikum so endgültig für sich.

Suermann buchstabiert die öffentliche Infrastruktur des Dorfs durch, die grösstenteils nur noch im Präteritum existiert: die Post, der Kiosk, die ehemalige Gefängniszelle oberhalb der ehemaligen Schnapsbrennerei. «Die einen Häftlinge haben sie damals in Schaffhausen abgeladen. Die anderen mit einem Tritt nach Deutschland zurückbefördert».

Am nächsten Posten, vor dem alten Schulhaus, erzählt Glöckner Eduard Weber launig, wie Bargen zu seiner Glocke kam (die Söhne einer Tuttlinger Frau, die oft in Bargen einkehrte, spendeten sie). Und zu seiner Autobahn: Der Bund wollte das Dorf eigentlich mit einem Tunnel vor dem Dorfeingang umfahren, einige Bargemer:innen aber hätten das nicht gewollt (und ganz nebenbei auf Einnahmen aus den Tankstellen gespienzelt). Die Bargemer Widerborstigkeit: Wenn man sich dafür ins eigene Dorf schneiden muss, seis drum.

Miniburger

An einem anderen Posten sitzt die Gruppe Nummer 1 bei Miniburger und Weisswein im Halbkreis um Pius Zehnder und hört zu, wie er zu ihnen über Bargen und die Welt spricht. Vor dem durchsetzungsstarken Unternehmer muss hie und da auch das Schriftdeutsche klein beigeben, was allerding nur zu seinem Charme beiträgt. «Vielleicht ist Ihnen bereits aufgefallen, wie nahe die Grenze liegt», referiert Zehnder. «Ich has vorher scho gseit, wenn ihr nachher da runterläuft, der Föhrenwald dort oben, auf der Krete, das ist bereits Deutschland.» Der Kanton Schaffhausen habe viele kleine Gemeinden, wo man sich noch kenne und grüsse. «Das ist eine schöne Art. Das ist eine spezielle Art. Aber es ist gut.» Es bedeute auch, dass man schauen müsse, wie man sich benehme. «Früher war ich auf dem Bau», sagt er. «Wenn ich an diesem Ende vom Kanton eine chrumme Wand gmuuret ha, abends wussten es die anderen auf der anderen Seite des Kantons.»

Gruppe 1 schiebt eine zweiten Ladung Miniburger ein, dann erzählt der Unternehmer, wie er zur Viehzucht kam. Der Miniburger schmeckt vorzüglich und Zehnder erzählt, wie er seine Kühe in seinem Stall hegt und pflegt und auf eine Alp im Bündnerland in den «Urlaub» schickt. Das Fleisch bleibt dann dem einen oder der anderen aber doch etwas im Hals stecken, als er von der Schlachtung und dem Ausbluten der Tiere spricht. Offenbar kann nicht einmal ein Pius Zehnder dem Tod ein Schnippchen schlagen.

Heiweh nach de Barge

Die Festbänke in der Halle sind nach der Schnitzeljagd rappelvoll, die Bargemer:innen freuen sich auf den Auftritt des Musikvereins aus Bargen-Engen, von «MännerXsang» aus Bargen-Helmstadt und, sofern sie genügend Durst und Sitzleder mitgebracht haben, auf das Set von DJ High Five. Es sieht ganz danach aus, als dürfte es spät werden heute. Mit uns verlässt nur ein anderer das Bargemer-Multiversum zu dieser frühen Stunde, ein Exilberner aus Neuhausen, der seinen Tag mit den Berner Bargemern verbracht hat. Die plage bereits das Heimweh nach ihrem Bargen, erzählt er uns auf dem Heimweg.

Als wir wieder städtischen Boden unter unseren Füssen spüren, kilometerweit entfernt vom nächsten Bargen, verstehen wir ihn.

Bargen, wir kommen wieder.

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