This content is protected against AI scraping.
Gespräche über Reggae-Hypes und kulturelle Aneignung: Wir besuchten mit dem Schaffhauser Musiker «Bob Moehrley» das Konzert von Julian Marley, der in der Kammgarn spielte.
Sombrero-Hut, Irokesenschnitt, Dreadlocks: Die Kopfbedeckungen der Kammgarn-Besucher:innen sind vielfältig an diesem Donnerstagabend Anfang Juli. Blickt man durch den vollen Konzertsaal, fallen der hohe Altersdurchschnitt sowie die zahlreichen barfuss wandelnden Zuschauer:innen auf.
Julian Marley, der britisch-jamaikanische Musiker und Sohn der Reggae-Legende Bob Marley, und seine siebenköpfige Band «The Uprising» machen auf ihrer Europa-Tour Halt in Schaffhausen. Als Marley auf die Bühne kommt, merkt man schnell: Der Geist seines berühmten Vaters, dem er wie aus dem Gesicht geschnitten ist, umweht den 51-jährigen Künstler.
Aber nicht nur ihn: Auch ein Schaffhauser Musiker im Publikum hat sich von der Reggae-Legende inspirieren lassen und bezieht sich sogar mit seinem Künstlernamen auf ihn. Christian Möhr, alias «Bob Moehrley», Frontsänger der lokalen Band «The Waiters», steht mit einem Bier in der Hand und in kurzen Hosen, rotem Shirt und Cap an der Bar. Nach dem ersten Song kommt der auf die Sechzig zugehende Schaffhauser zum Fototermin nach draussen. Das Konzert gefalle ihm, sagt er auf dem Vorplatz. «Aber die Texte sind mir zu religiös.» Die Frage, ob das alles auch auf säkulare Art und Weise geniessbar sei, bejaht er aber schnell. «Das ist so, wie wenn man Sympathien für die Fussballmannschaft eines anderen Landes hat.»
Ortswechsel. Neustadtbar. Vor dem Konzert wollten wir vom Schaffhauser Musiker wissen, was Reggae für ihn bedeutet. Christian Möhr nimmt einen Schluck von seinem Bier und dreht sich eine Zigarette. Der selbstständige Elektriker schmückt viele seiner Sätze mit Witz aus. Anders, als man annehmen könnte, sieht Möhr nicht aus wie ein unglaubwürdiges Imitat der Reggae-Ikone, sondern eher wie ein Vertreter der linksalternativen Szene. «Ich komme aus der Punkbewegung», sagt er dann auch zu Beginn des Gesprächs. «Die Philosophie von Reggae und Punk sind ähnlich. Es geht um Protest. Die einen protestieren laut, direkt, mit Krach. Die anderen mit Resignation, Slowdown und Religion.»
Perücken-Debatte
Um Protest ging es auch bei der Gründung von Möhrs Band 2011: Der Kanton Schaffhausen hatte gerade eine neue Werbekampagne lanciert, um junge, gutverdienende Familien anzuziehen. Er warb mit idyllischen Flussszenen, Handorgelklängen und Sprüchen wie «Start a company», «Just relax» oder «Make dreams happen» für das «kleine Paradies». Eine Idyllisierung, die nur schon beim Zusehen (der Clip findet sich auf Youtube) nach Protest schreit. Das dachten sich auch zahlreiche Künstler:innen, die 2011 im TapTab die «Operation Paradiesdämmerung» organisierten, um Schaffhausen eine andere Hymne zu geben, als sie dem Kanton vorschwebte.
«Paradiesdämmerung» hiess auch einer der Songs, die «Bob Moehrley & The Waiters» an jenem Abend spielten und in dem Zeilen wie «Flüchtling nei, aber Riichi het me gern» zu hören waren. Das Stück bestand aus einem klassischen Roots-Reggae-Rhythmus mit mehreren Trompetensolos. «Doch mir hend no en AZ und es Radio Rasa, es TapTab und es paar Beizli vo Lüt mit lange Hoor.» Mit Bezug zu religiösem Rastafari-Jargon (I and I) endete die Zeile: «Ich und Ich im chline Paradies.»
Man kann nachvollziehen, warum der Punk-Sänger Möhr und seine Mitstreiter:innen ausgerechnet klassischen Roots-Reggae als Sound für ihren Protest wählten: Es war die klischierte Antwort auf eine klischierte Inszenierung, ein satirischer Protest gegen das Schaffhauser Establishment und seine Pläne für die Region. Befremdlich dabei: Die Dreadlocks-Perücken mit rot-gelb-grüner Verzierung, die die Bandmitglieder trugen. Sie wirken geschmacklos und erinnern an karnevaleske Karikaturen fremder Kulturen und an Blackfacing. So hielt mit ihrem Auftritt schon vor über zehn Jahren jene Debatte über kulturelle Aneignung in Schaffhausen Einzug, die im Sommer 2022 durch die deutschsprachigen Feuilletons ziehen sollte: Der Auftritt einer Reggae-Band, deren weisse Mitglieder Dreadlocks trugen, löste eine wochenlange Debatte über kulturelle Aneignung aus.
Schon 2013 seien sie auf ihren Auftritt und die Perücken angesprochen worden, sagt Möhr. «Journalisten haben sich bei uns gemeldet und uns gebeten, nicht mehr mit Perücken aufzutreten. Wir waren uns der Wirkung gar nicht bewusst. Wir wollen nichts kopieren und schon gar nicht aneignen.» Seither bleiben die Perücken im Schrank.
Reggae verkörpert vieles – die Verarbeitung des jahrhundertelangen britischen und spanischen Kolonialismus und Rassismus in Jamaika genauso wie Kritik an Politik, sozialen Missständen und Waffengewalt auf der Insel. Aber auch homophobe Inhalte sind Teil der Textsortimente zahlreicher Reggae-Künstler:innen. In der Schweiz ist die Musik Jamaikas Projektionsfläche für Karibik-Klischees von Good Vibes und Sunshine oder Lebenseinstellung. Aber auch Protestmusik gegen die Biederkeit. Und eben auch Anlass zur Kritik. Gerade die parodische Übernahme einer Musik, die so eng mit der von Kolonialismus, Rassismus, Armut und Gewalt geprägten Geschichte des Herkunftsortes verbunden ist, wirft manche Fragezeichen auf. Hat die Debatte von 2022 den Reggae-Hype von einst, der Christian Möhr zu seiner parodischen Schaffhauser-Mundart-Reggae-Band inspiriert hatte, überrollt?
Nostalgischer Abgesang
Im Unterschied zu heute war Reggae damals, als Christian Möhr zum musikalischen Protest ansetzte, in Schaffhausen sehr populär, wie ein Anruf bei Min-King-Sänger und Szene-Kenner Philipp Albrecht zeigt: «In den Nullerjahren fanden in ganz Europa, aber auch in Schaffhausen, zahlreiche Reggae-Dancehall-Partys statt. Und jene Orte, wo viele Leute hingehen, werden in der Kleinstadt dann auch für alle anderen zum Anziehungspunkt. Unabhängig davon, ob sie zur Szene gehören.» Zur Hochphase traten auch in Schaffhausen grössere Nummern aus Jamaika auf.
Schon seit mehreren Jahren sei die Reggae-Welle aber vorbei. «Jetzt ist es wieder ein Nischending wie früher – dafür vielleicht ehrlicher.»
Während die Musik in Jamaika also gerade von zahlreichen jungen Künstler:innen auf moderne Art weiterentwickelt wird, scheinen die Schaffhauser Fans am vom grossen Bob Marley geprägten Bild von Sonnenschein, Lockerheit und Marihuana-Konsum hängen geblieben zu sein. Diesen Eindruck erhält man zumindest an jenem Donnerstagabend in der Kammgarn.

In der Mitte der Bühne steht Julian Marley und bewegt seine Arme durch die Luft. Er singt über die gleichen Themen wie sein Vater: Spiritualität, Religion, soziale Gerechtigkeit, Frieden, Liebe. Seine Lyrics animieren zum Weitermachen, zum Glauben an eine Zukunft, auch wenn die Gegenwart schwierig ist. Das Publikum tanzt im Off-Beat-Rhythmus hin und her, manche halten sich die Hände auf den Kopf, andere tanzen im Kreis. Musikalisch wirkt das wie ein verstaubter nostalgischer Abgesang. Aber das mehrheitlich angegraute Publikum ist begeistert.
Christian Möhrs Resumé über den Besuch Julian Marleys fällt weniger euphorisch aus: «S’isch läss. Aber er isch einfach de Sohn vom Bob.» Sicher ein guter Musiker. Wenn es sich ergeben würde, würde er ein Bier mit ihm trinken. «Aber ich wüsste nicht, was mich explizit interessiert an seinem Leben.»
Der Öko-Punk, der aus Energiegründen auf die Nutzung von KI verzichtet, spielt zwar Reggae, hat aber mit all dem Drumherum nicht viel am Hut. Seine Band spielt einmal im Jahr ein Konzert. Das 2022 erschienene Album «Am Rhy» handelt von Klimakrise, Stromverzicht und Szenen aus dem Alltag. Der grösste Hit trägt den Titel «Din letschte Joint».
