This content is protected against AI scraping.
Essay: Unsere Autorin ist Zürcherin. Seit fünf Jahren arbeitet sie in Schaffhausen. Zu ihrem Jubiläum fragt sie sich, ob man hier je ankommen kann.
Zwischen Zürich und Schaffhausen liegen der Rhein, ein Fleck Deutschland, mehrere Felder und die von Kerosin heimgesuchte Agglo, in der ich aufgewachsen bin. Die beiden Regionen haben miteinander eine längere Vorgeschichte als ich mit ihnen. Das ist einer der Gründe, warum es eine schlechte Idee ist, als Zürcherin über Schaffhausen zu schreiben.
Der andere Grund ist einfacher: Zürich ist unsympathisch, und ich gefalle gerne. Ich schreibe selten über mein Zürcherinnendasein, weil ich die Bedenken nachvollziehen kann. Zürich kann furchtbar grossspurig sein: Jeder Abstimmungssonntag bedeutet Neubauten mit Preisschildern in Millionenhöhe. Jeder andere Tag bedeutet 1,7 Kilo Koks, das die Nasen hochgezogen wird. Die Menschen sind immer wahnsinnig gut angezogen und blicken mit ihren avantgardistischen Launen auch mal herablassend auf alles andere. Das ist logischerweise nicht das Zürich, das ich mag: Mein Zürich ist vertraut, schön, voller Widersprüche und Überraschungen. Aber es ist das «Die-Nase-hoch-Zürich», das in Schaffhausen ankommt – und ich mit ihm.
Ich arbeite jetzt seit fünf Jahren hier, in Schaffhausen, und davon soll dieser Text handeln. Denn auf eine sonderbare Art kenne ich Schaffhausen heute besser als meine langjährige Heimatstadt Zürich.
*
Manches, an dem wir Journalist:innen uns gerne abarbeiten, ist in jeder Stadt gleich. Bocksteife Diskussionen über Parkplätze und Begegnungszonen etwa. Oder, dass extrem Rechte im Parlament sitzen und der Kontroverse zuliebe auch noch eine Kolumne in der Lokalzeitung bekommen. Anderes ist an Schaffhausen aussergewöhnlich, juckt hier aber niemanden wirklich: die Stimmpflicht. Die 171 Erker. Das goldene Skrotum.
Schaffhauser:innen haben trotzdem Recht, wenn sie sich und ihre Heimat als einzigartig ansehen. Mich erstaunt kein bisschen, dass ein Leben lang hier bleibt, wem die soziale Behaglichkeit keine Platzangst macht.
Klar, da sind der Randen und der Rhein, beide wunderschön und vielfach besungen. Dann: die üppige Theaterlandschaft und die wirklich verdammt gute Musik, die in Schaffhausen gespielt wird. Für mich spezifisch: Casiofieber, YC-CY (und die Aeronauten, und Walter Frosch, und das Lo Fat Orchestra, und…). Das kulturelle Leben lässt das kleine Schaffhausen gross und offen wirken.
Weitere grössere und kleinere Einzigartigkeiten in loser Reihenfolge: die Hyperfixation auf Saunas. Die unabhängigen Medienhäuser. Das erste KI-Radio. Das Appenzeller-Gate im Grossen Stadtrat. Vermutungen in sozialen Medien, dass es zwischen einem Fitnessbänkli am Lindli und gestohlenen Schwaneneiern einen Zusammenhang geben könnte. Der blanke Zorn, der anderen Bänkli entgegenschwang. Die völlig bizarren Schlagzeilen, die Schaffhausen in der nationalen – was sage ich: in der internationalen – Presse schreibt: Sarco. Berformance, überhaupt der FCS. Simon Stocker (Zürich, du ewig schlechte Nachricht!). Schaffhausen schreibt den Stoff für die ganz grossen Bühnen.
Interessanterweise denkt Schaffhausen sich selbst nie in solchen Dimensionen. Vielmehr hält es etwas auf die eigene Provinzialität. Man hat einen ganzen Strauss an internationalen Firmen im Köcher und bleibt trotzdem bieder. Man will nicht Kulturhauptstadt werden und auch keine Velobrücke bauen. Als ich vergangenen Herbst am «Bocktoberfest» war, erwartete ich angesichts des Originals wenigstens ein paar Eskapaden auf der Breite. Doch sie blieben aus und das Fest endete lauwarm. Und wo es Eskapaden geben könnte, gibt sich Schaffhausen extra strenge Vorschriften – zum Beispiel bei bewilligten Demonstrationen. Vielleicht ist mir auch aus diesem Grund die Demo nach dem Rundschau-Beitrag über Fabienne W. so eingefahren: Schaffhausen sprach für einmal eine Sprache, die ich aus Zürich sehr gut kenne, die des spontanen Protests.
*
Ich bin heute noch vorsichtig, wenn ich so öffentlich über Schaffhausen urteile (auch dieser Text bereitet mir Qualen). Am Anfang aber war es mir fast unmöglich.
Ich begann mit ganz kleinen Entdeckungen. Die erste Entdeckung war, wo Schaffhausen liegt: am anderen Ende der Zuglinie, entlang der sich mein Leben zieht. Die ersten Jahre in Niederglatt. Das erste Mal Ausgang in Bülach. Der erste Schatz im Rafzerfeld. Studieren und Zuhausesein in Zürich, aber der erste richtige Job in Bülach. Noch heute bringt mich die S9 zu Familienfesten, zur Klassenzusammenkunft, zu Beerdigungen.
Schaffhausen fühlte sich auf dieser Zugverbindung wie der nächste notwendige Schritt an. Jener weg vom Grosskonzern Tamedia, wo ich vormals arbeitete, hin zur AZ auch.
Aus hiesiger Sicht aber war die Entscheidung der AZ, unter all den hervorragend vernetzten und schreibenden Einheimischen auch eine Auswärtige mitmachen zu lassen, eine heikle. Meine Kollegin Nora Leutert sagte mir, dass Schaffhauser:innen einander gern in Beziehungsnetzen verorten. Sie kennen sich aus der Scaphusia, aus der Schulzeit, aus dem Turnverein und aus der Partei. Und sie wollen wissen, was die Tochter von diesem oder der Freund von jenem da in der Zeitung schreibt.
Ich habe diese Nähe zu Beginn schlecht ausgehalten. Rückblickend schwang aber auch Neid auf das soziale Kapital meiner Schaffhauser Kolleg:innen mit, und vielmehr noch auf ihre Glaubwürdigkeit. Verrissen sie die Aussagen eines Politikers, kam es sozusagen aus den eigenen Reihen, es blieb greifbar und legitim. Versuchte eine Auswärtige dasselbe, war es Einmischung.
Vor meinem Vorstellungsgespräch erklärte mir jemand, was in Schaffhausen wichtig ist: Falkenbier und Handball. Über beides schrieb ich in fünf Jahren kein einziges Mal. Und da alle einander schon zu kennen schienen, überlegte ich, auf welchen Wegen ich neue Kontakte knüpfen könnte. Eine kurze Zeit lang waren das Dating-Apps. Ich verwarf die Idee schnell wieder: Eine Kollegin identifizierte die Person, die mich neugierig gemacht hatte, sofort.
Herzklopfen hatte ich in dieser Zeit trotzdem oft. Eine Ärztin sagte mir einmal, der Körper kann nicht unterscheiden zwischen Verliebtsein und Angst. Beides versetzt ihn in Alarmbereitschaft.
*

Schaffhausen hat viel mit mir gemacht in den fünf Jahren. Ich merke es schon an den ganz kleinen Dingen: daran, dass ich das Wort «Schoofseckel» lieb gewonnen habe (auch wenn ich Kollegin Andrina Gerner fragen muss, wie es im Schaffhauserdialekt geschrieben wird). Oder daran, dass es mich ärgert, dass im Roman, den ich gerade lese, der Rhein eine Rolle spielt, aber nicht Schaffhausen. Oder daran, dass die Autokorrektur auf meinem Handy aus «Spital» jetzt «Spitäler» macht. Ich weiss, dass hier wirklich niemand «Munotstadt» sagt. Ich weiss über die Schaffhauser Abstimmungen meist bestens Bescheid, muss zuhause in Zürich aber das Abstimmungsbüchlein studieren.
Und ich merke, dass ich heute mit der Nähe kokettiere, die mich am Anfang so abschreckte.
Einmal im Jahr lädt der Regierungsrat die Schaffhauser Medien zum Abendessen und Weintrinken in den Staatskeller ein. Es geht um Austausch und ums Duzis, und es wird erwartet, dass in diesem Keller bleibt, was dort besprochen wird. Ich war diesen Frühling zum ersten Mal da und widerstand der Versuchung, die Veranstaltung als Gemauschel und Filz abzutun. Ich merkte, dass ich die Inside-Jokes verstand und dass ich Konter geben konnte. Ich bin offenbar bestens integriert, dachte ich mir, immer noch nicht wissend, ob ich das wirklich nur gut finde.
Nähe spüre ich übrigens auch daran, wie irritiert ich bin, wenn die nationale Presse über Schaffhausen herfällt. Ich ertappe mich beim Gefühl, dass sie Schaffhausen nicht gerecht wird, dass sie die Region verklärt. Der Tagi beispielsweise pries die Rhybadi letztes Jahr als «eine Art Oase, in der das Credo ‹Miteinander statt nebeneinander, Harmonie statt Dissonanz› lautet». Ja, ja, draussen im Kaff ist die Welt halt noch in Ordnung! Ich konterte damals mit einer Glosse, die Zürcher:innen von der friedlich-langweiligen Rhybadi fernhalten sollte («Letten Stay Home», AZ vom 14. August 2025).
Und doch lehrt Schaffhausen mich die Grenzen dieser Integration. Ich kann all das wissen und Schaffhausen so gut kennen, dass ich es nicht mehr verkläre. Ich kann Schaffhausen gegen aussen verteidigen und mich hier wohl fühlen – ich gehöre trotzdem nicht vollends dazu.
*
Im vergangenen Herbst war ich mit drei Schaffhauser:innen auf dem Randen. Sie bekämpfen die Windräder, die dort geplant sind. Ihre Sorge, dass ich nicht verstehen könnte, wie identitätsstiftend der Randen für Schaffhausen ist, war offenkundig: Wir stiegen auf den Hagenturm, nur damit sie mir zeigen konnten, wie schön es dort ist. Später schrieb ich einen Text mit dem Titel «Haamet verteidigen». Und ich schrieb: «Dass unsere heimatlichen Landschaften langfristig so oder so anders aussehen werden, dem müssen wir wohl ins Auge sehen.» Dabei war ich in diesem «uns» gar nicht mitgemeint. Ich denke nicht, dass ich das je werde, egal, ob ich hierherziehe oder nicht, schlicht weil ich nicht hier grossgeworden bin.
Das ist nicht schlimm. Gerade als Journalistin bin ich manchmal froh, abends wieder nach Hause gehen zu können und Schaffhausen Schaffhausen sein zu lassen. Einige Dinge werde ich ohnehin nicht ändern. Zum Beispiel, dass ich schneller gehe als die Schaffhauser:innen. Wann immer ich hier aus dem Zug steige oder im Grossverteiler poste, werde ich zu Fuss ausgebremst. Ich gewöhne mich nicht daran. Und ich werde meine Zürischnurre nicht loswerden. Ich habe absolut kein Gehör für Dialekte, nach fünf Jahren sage ich zwar «füüf» statt «foif» und «üüs» statt «ois», aber sogar das war ein bewusster Entscheid.
Ich werde nie ganz ankommen. Trotzdem nehme ich mir heraus, Schaffhausen Woche für Woche weiterzuentdecken, darüber zu schreiben und zu urteilen.
Vor zwei Wochen sass ich abends in der Rhybadi und sah das Munotglöggli bimmeln, zum allerersten Mal. Neben mir sass eine Kantonsrätin, die ebenso staunte wie ich.
Selbst Einheimische werden mit Schaffhausen nie ganz fertig.
