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Newsdeprimiert

Seit einer Woche sendet Radio Schaffhuuse – rund um die Uhr, komplett KI-generiert. Taugt das etwas? Ein Logbuch aus der medialen Isolation.

Mittwoch, 1. Juli

11:59 Gleich startet der Launch-Event von Radio Schaffhuuse, dem ersten KI-Radio der Schweiz. Vorerst läuft es als einjähriger Testbetrieb. Der Meeting-Point ist voll, fürs leibliche Wohl liegen Brote bereit, auf denen liebevoll der Name des Senders aufgebacken ist. «Mer isch eigentlich blöd, wenn mers nöd bruucht», überhöre ich an einem der Apérotischli.

12:15 Die Präsentation beginnt: Radio Schaffhuuse übernimmt Beiträge von Schaffhausen24, dem Online-Portal des Bock-Verlags. Zur vollen Stunde sendet es Nachrichten aus der Region, zur halben nationale und internationale News. Verleger Giorgio Behr betont, dass die Beiträge von Redaktor:innen geschrieben oder geprüft würden; die KI übernehme lediglich die «Fleissarbeit», in diesem Fall die automatisierte Zusammenfassung und Vertonung. So etwas hört man in diesem Zusammenhang oft, als Journalistin bin ich skeptisch. Immerhin wird die Recherche nicht zur automatisierbaren «Fleissarbeit» gezählt. Auch das ist mir schon begegnet.

13:00 Die Moderator:innen von Radio Schaffhuuse reden mit den geklonten Stimmen der Bock-Redaktion und von Personen aus dem Bock-Umfeld. Gerade verliest «Mark» News zum Naturpark, in bester Radiomanier im Plauderton, der allerdings ans Kommentieren grenzt («ein echtes Plus für die intakte Kulturlandschaft direkt vor deiner Haustür»). Im Gegensatz zu seinem Stimmengeber Mark Amstutz – Vizepräsident des Stiftungsrats der Gemeinnützigen Stiftung Schweizersbild – redet «Mark» Österreichisch. Schweizerdeutsch kann die KI noch nicht.

17:30 Mark Liebenberg, in seiner Funktion als Präsi des Schaffhauser Pressevereins, sagt dem SRF-Regionaljournal: «Wenn das ein Roboter machen kann – why not?» Ich frage mich, ob der Rest des Pressevereins das auch so sieht.

19:10 Auf Radio Schaffhuuse erzählt KI-Moderator «Mark» das Guetnachtgschichtli vom kleinen flauschigen Böckli. Im Chläggi hat es von einem Graureiher gelernt, dass man ganz still sein muss, um die Schönheit der Welt zu sehen. Diese weise Lehre nimmt es mit zurück in die Stadt, wo es sich auf dem Herrenacker in sein weiches Bettchen kuschelt. Dingdong läutet das Munotglöggli.

19:12 Auf Marks Bettmümpfeli folgt Funk (Aint No Stoppin Now von Mc Fadden & Whitehead), gefolgt von Psycho, Puddle of Mud. Die Kinder, die sich das Geschichtli angehört haben, stehen jetzt wohl im Bett.

DONNERSTAG, 2. Juli

09:37 In der wöchentlichen Planungssitzung wird mir aufgetragen, während der Arbeit an diesem Text auf jegliche News zu verzichten – bis auf Radio Schaffhuuse. «Du musst dich in völlige Isolation mit dem Radio begeben», heisst es. Ich protestiere schwach. Keine Chance. Also füge ich mich meinem Schicksal.

14:29 Statt News zu senden, übt die KI Metakritik. «Aus Zucchetti und Camembert zaubert die künstliche Intelligenz in unter 30 Minuten ein Rezept. Mehr als drei Viertel der Schweizer Bevölkerung nutzen KI bereits im Alltag», sagt «Mark». «Doch die smarte Technik bringt handfeste Herausforderungen: Deepfakes manipulieren politische Debatten, gleichzeitig bauen Algorithmen die Arbeitswelt und den Schulunterricht massiv um. Verbindliche Regeln fehlen jedoch. Die Schweiz steht politisch erst am Anfang, bis Ende Jahr soll in Bern eine erste Gesetzesvorlage zur KI-Regulierung vorliegen.»

19:06 Das Böckli lernt im Guetnachtgschichtli dasselbe wie gestern. «Wieso sind KI-Inhalte oft so pseudo-deep?», frage ich Perplexity. «Weil viele KI-Texte auf Wirkung statt auf echte gedankliche Entwicklung optimiert sind», antwortet die KI. «Sie klingen bedeutungsschwer, wiederholen aber oft nur dieselbe Aussage in schöner Form.»

Freitag,3. Juli

11:00 In den Regionalnews dominieren heute zwei Nachrichten. Erstens der polizeiliche Grosseinsatz vor der Aksa-Moschee in Schaffhausen; zweitens, dass die Bibliothek Agnesenschütte wegen Umzugs am 27. August um 18 Uhr ihre Türen schliesst. Neben einer Geschichte mit einem sehr hohen Aktualitätswert hat man sich offenbar für eine entschieden, deren Newswert gegen null tendiert.

11:04 Nach Wetter und Verkehr versucht sich «Salomé» an einer abenteuerlichen Zwischenmoderation. Der Umzug der Bibliothek sei ein «spannender Wandel für die Schaffhauser Literaturszene. Genauso massgeschneidert geht es weiter: Das ist Beyoncé mit Levis Jeans.» Dieser Übergang macht zwar keinen Sinn, das kann aber mal passieren. Aus meiner (kurzen) Zeit als Radiopraktikantin weiss ich, dass es nicht immer ganz einfach ist, sich originelle Zwischenmodis aus den Fingern zu saugen.

21:04 Der Umzug der Agnesenschütte beschäftigt die KI immer noch. Er kam gerade wieder in den Nachrichten. Wie auch immer; jetzt sitze ich in der Abendsonne, stricke Socken und lasse mich vom Radio mit Fleetwood Mac beschallen. Das Leben ist gut, die Isolation fühlt sich erträglich an.

21:42 Auch die KI ist in Feierabendstimmung. «Heute liegt nicht mehr drin, als mir Essen liefern zu lassen», sagt «Salomé». Jetzt isst sie also schon. Wann wird sie uns erobern?

21:57 Ich schaue auf Youtube nach, wie ich nach der Fersenkappe weiterstricken muss. Bevor das Filmchen anfängt, wird Werbung für ein Tagi-Abo eingespielt. Perfektes Zielgruppenmarketing. Argh!

Samstag, 4. Juli

9:00 News aus der Region. Heute feiert die internationale Bodenseefechterschaft ihr hundertjähriges Bestehen. Ohne Radio Schaffhuuse hätte ich das wohl nicht erfahren. Die Meldung von gestern, dass bei der Aksa Moschee aktuell Einsatzkräfte vor Ort seien, die nach den Verkehrsnachrichten eingespielt wird, ist nun aber definitiv Fake-News.

9:37 Vergeblich warte ich auf die News aus der Schweiz und der Welt, die jeweils um halb ausgestrahlt werden. Offenbar fallen sie zugunsten von Rihanna und Shakira aus.

10:00 Die Regionalnews sind die gleichen wie vor einer Stunde. Zugegebenermassen läuft an einem Wochenende in den Sommerferien newsmässig vermutlich nicht viel. Überprüfen kann ich es nicht. Langsam kickt die Newsdeprivation rein. Wie gern würde ich jetzt Zeitung lesen.

10:03 Auf die Sendung «Schaffhauser Bauer» habe ich gespannt gewartet. Die Landwirtschaft stehe im Moment vor Herausforderungen, kündigt die KI an, «drum hören wir jetzt Venga Boys».

10:12 No offense, aber diese Sendung klingt wie die Zusammenfassung einer Medienmitteilung über Biolandbau. Mir fällt Bertolt Brecht ein, der wenig vom Radio als bourgeoises Medium hielt, das sich «nur auf Reproduktion oder Referat» beschränke. «Ein Mann, der was zu sagen hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm dran. Noch schlimmer sind Zuhörer dran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat», schrieb er in seiner Radiotheorie. Ihm schwebte ein Hörer:innenradio à la Rasa vor. Definitiv die Antithese zu Radio Schaffhuuse.

15:00 Auf der Musikinsel Rheinau wird «von hochkarätigen Dozierenden an musikalischen Rohdiamanten geschliffen» und die Reasco AG in Neuhausen heisst ab sofort Wisag. Instinktiv öffne ich die SRF-News-App und schliesse sie wieder. Ich kann nicht mehr.

Sonntag, 5. Juli

09:00 Nachrichten. Zur Musikinsel Rheinau höre ich dasselbe wie gestern. Die zweite Newsmeldung ist neu: Etwas zum KSS-Hallenbad. Gespannt spitze ich die Ohren.

09:02 Die Meldung ist, dass es im KSS-Hallenbad ein Nachtschwimmen gibt. Wann, ist offen. Die KI hat lediglich die Existenz des Konzepts «Nachtschwimmen» verkündet, als schwammiges Abstraktum. Vielleicht geben die Meinungen und Kolumnen mehr her, die jetzt auf dem Pogramm stehen?

9:03 Die KI kündet die Meinungen und Kolumnen an. Aber hören tun wir sie erst mal nicht. Denn: «Nach so viel Tiefgang braucht es musikalische Abwechslung.» Da platzt mir der Kragen. Ich gebe auf und öffne die Republik-App.

09:11 In der Republik fragt sich Wissenschaftsjournalistin Cornelia Eisenach, wieso wir KI-generierte Texte oft gar nicht mehr von menschgemachten unterscheiden können. Sogenannte Large Language Models (LLMs) reihen Worte nach Wahrscheinlichkeiten aneinander. Deshalb klingen alle KI-generierten Texte so ähnlich. Sie überzeugen uns trotzdem – weil KIs immer eine Antwort parat haben, die gut klingt, auch wenn sie nicht stimmt. Genau gleich funktioniert auch unsere Gesellschaft, schreibt Eisenach. Wer überzeugend und selbstbewusst genug auftritt, kommt damit ziemlich weit. Fazit: «Wir sind Bullshit längst gewohnt. Die KI hat ihn nur skaliert.»

09:59 Die Radio-KI hat gelogen: Während der einstündigen Meinungen-und-Kolumnen-Sendung hat sie bis auf die Sendungsankündigung keine Meinungen oder Kolumnen gebracht. Ich schiebe das auf den Testbetrieb, das wird sich bestimmt noch ändern. Denn was Cornelia Eisenach schreibt, weiss man bestimmt auch bei Radio Schaffhuuse: «Es ist sozial akzeptierter zu bullshitten als zu lügen.»

20:00 Vor den News läuft wie oft Werbung für den Meeting-Point. So finanziert sich Radio Schaffhuuse. Auch die Radiospots sind KI-generiert und entsprechend günstig zu haben. (Die Investitionen in den Sender wiederum «könne man stemmen», sagte mir Giorgio Behr.)

MONTAG, 6. Juli

07:43 Montagmorgen auf dem Weg in die Redaktion. Ein Tagi-Interview mit der SRG-Personalchefin («Bis Ende Jahr werden über 300 Vollzeitstellen abgebaut sein, die restlichen 600 folgen noch») erinnert mich daran, wie gefährdet mein Job ist.

11:00 In den Nachrichten auf Radio Schaffhuuse vermeldet die KI eine leichte Entspannung auf dem regionalen Arbeitsmarkt. «Ein Lichtblick bleibt die Jugendarbeitslosigkeit, die stabil verharrt.» Wenn das ein Lichtblick sein soll, leben wir wirklich in düsteren Zeiten.

16:03 Gespannt habe ich auf die Rubrik «Gemeindenews» gewartet. Damit scheint es, wie bei den Meinungen und Kolumnen, aber noch nicht recht zu klappen. Die KI bringt keine Gemeindenews und sagt dann: «Das waren die Gemeindenews auf Radio Schaffhuuse. Auch im Jahr 2024 (sic) bleibt die Gemeindepolitik sachlich und dynamisch.» Es folgt Moondance von Van Morrison. Mit leerem Kopf groove ich mit.

Dienstag, 7. Juli

10:27 Es ist der letzte Tag meines Selbstversuchs und etwas wehmütig höre ich «Mark» zu, wie er über steigende Temperaturen und Altlasten in bleikontaminierten Schiessständen berichtet. Seine Stimme ist mir im Lauf der Woche vertraut geworden, mit seinem österreichischen Einschlag klingt er von allen Moderator:innen am menschlichsten. Trotzdem bleibt etwas Unheimliches. Dieses Phänomen hat einen Namen: Uncanny Valley (unheimliches Tal). Je mehr menschliche Züge künstliche Charaktere annehmen, desto eher lösen sie Unbehagen aus.

18:47 Das Uncanny Valley bekommt eine ganz neue Dimension, als ich auf dem Nachhauseweg im Zug das norddeutsche Radio Helgoland google, von dem die Technologie und das Konzept hinter Radio Schaffhuuse stammen. Nachdem es während der Pandemie eingegangen war, wurde es von seinem Gründer mithilfe von KI als Einmann-Betrieb wieder aufgezogen. Der nutzte dafür die Stimmen seiner ehemaligen Mitarbeiter:innen. Zum Beispiel die von Molly, der längst verstorben ist, aber noch immer stündlich das Wetter moderiert. Mich schauderts. Mark ist mir lieber.

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