«Die AZ ist mein Kind»

25. Juni 2026, AZ-Redaktion
Hans-Jürg Fehr reformierte, rettete und prägte die AZ. Foto: Robin Kohler
Hans-Jürg Fehr reformierte, rettete und prägte die AZ. Foto: Robin Kohler

Nach vier Jahrzehnten endet Hans-Jürg Fehrs Zeit bei der AZ. Eine Debatte über Selbstverständnis, persönliche Opfer und darüber, wie politisch die AZ sein soll.

*

Interview: Nora Leutert und Simon Muster

Hans-Jürg Fehr, du trittst als Verwaltungsratspräsident zurück und hast bei der AZ nichts mehr zu sagen. Was ist das für ein Gefühl?

Hans-Jürg Fehr Ein gutes. Und zwar deshalb, weil es die AZ noch gibt.

Wieso hörst du auf?

Ich werde 78, ich finde, es reicht. Man sollte dann aufhören, wenn man gut übergeben kann. Die AZ ist stabil instabil, das ist ihr Grundzustand. In der Redaktion und im Verwaltungsrat hat es gute Leute, es ist höchste Zeit für einen Generationenwechsel.

Was macht das mit dir persönlich?

Es ist keine Wehmut, keine Trauer damit verbunden. Und wenn ich mal gar nichts zu tun hätte, erforsche ich die Geschichte meines Heimatdorfes Rheinklingen weiter, über das ich schon vier Bändchen schrieb. Ich bin gut ausgelastet. Es entsteht kein Loch.

Das fällt uns schwer zu glauben, nach all den Jahren, in denen du bei der AZ den Ton angegeben hast.

Ich musste mich schon oft verabschieden: als Parteipräsident, als Nationalrat und in anderen Mandaten. Ich habe Routine darin, zu gehen. Und ich gehe der AZ ja auch nicht ganz verloren, ich bleibe Grossaktionär.

Ein Wörtchen kannst du immer noch mitreden.

Ich sitze euch noch im Nacken, ja (lacht).

1978 hast du als Lückenbüsser bei unserer Zeitung angefangen.

Ja, mir wurde eine Frau vorgezogen, die etwas von Mode verstand. Das sagt eigentlich schon ziemlich viel über die Denkweise der damaligen Führungsriege aus. Man merkte, dass der Klassenkampf vorüber ist und wollte sich am Publikumsgeschmack orientieren. In den Arbeiterfamilien entschied die Frau, welche Zeitung abonniert wird. Und am wichtigsten waren für die Arbeiterfrauen die Todesanzeigen und die Inserate der Grossverteiler, wegen des Haushaltsbudgets.

Die modekundige Redaktorin, die man einstellte, kündigte aber bald wieder. Später wurde sie Chefredaktorin der Glückspost.

Sie hätte bei der AZ unter anderem Ratsberichterstattung machen sollen, das entsprach ihr überhaupt nicht. So stellte man Bernhard Ott und mich dafür ein, der Parlamentsjournalismus war unser Einfallstürchen. Obwohl man besonders Bernhard eigentlich nicht wollte.

Wieso nicht?

Mich kannte man nicht, ich studierte und wohnte in Zürich. «Ötter» aber war schon negativ aufgefallen, er hatte in der Kanti-Schülerzeitung «Info» gegen Walther Bringolf und die SP geschossen.

Als junge Redaktoren tratet ihr zusammen mit anderen Student:innen in die SP ein. Wir haben gehört, dass ihr euch an den Parteiversammlungen im Restaurant Falken auch mal über die alten Genossen mokiert haben sollt, wenn sie euch unbedarft oder kleinbürgerlich vorkamen.

So würde ich das nicht sagen. Wir Jungen sassen im Falken am mittleren Tisch und hatten komplett andere Ansichten darüber, wie eine Partei funktionieren soll. Die SP war sehr autoritär, rote Patriarchen wie Bringolf gab es landauf, landab. Wir waren antiautoritär. Ich glaube aber nicht, dass wir auf die Anliegen der Arbeiter mit Häme reagierten. Die meisten von uns waren aus der Unterschicht. Das würde ich sogar für mich beanspruchen, ich bin zwar kein Arbeiterkind, mein Vater war Wagner, meine Mutter Schneiderin. Ich komme also aus einem eher ein handwerklich-bäuerlichen Milieu.

Ihr sollt damals aber auch Arbeiter verprellt haben.

Ich weiss, dass es diese Erzählung gibt und ich sage nicht, das sie nicht stimmt. Meine Erinnerung ist aber anders. Ich wurde nach meinem Eintritt schnell städtischer Parteipräsident und als solcher versuchte ich, eine Spaltung zwischen Linksintellektuellen und Arbeitern, die es anderswo gab, zu verhindern. Wir haben auf jede Wahl hin krampfhaft Arbeiter gesucht, die auf die Liste kamen. Wir haben ein Auseinanderbrechen weder provoziert noch gewollt.

Nicht nur bei der SP, auch bei der AZ kämpften Hans-Jürg Fehr und Bernhard Ott gegen streng hierarchische, verkrustete Strukturen. Die AZ war damals eine Parteipostille, die zur Unionsdruckerei gehörte und fast zu Tode gespart wurde. Fehr und Ott wollten sie reformieren. Sie drängten umzimperlich vorwärts. Ott stiess als Personalvertreter in den Verwaltungsrat der Druckerei vor, 1986 holten er und Fehr zur Palastrevolution aus: Sie setzten sich mit ihrem Sanierungskonzept durch und gelangten an die Schalthebel der Macht: Ott als Geschäftsführer der Unionsdruckerei, Fehr als Verlagsleiter.

Ihr habt damals die grauen Herren bei der AZ verdrängt. Woher stammte euer Selbstverständnis, dass ihr es nicht nur besser wisst, sondern den Laden auch gleich übernehmen wolltet?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, wir hatten vor allem die Einsicht, dass sich bei der AZ etwas ändern muss und dass wir dafür in die Führung müssen. Es gab einen enormen Reformbedarf und wir als 68er waren veränderungswillige Leute. Und ja, wir hatten die ziemlich forsche Überzeugung, dass wir das können. Das war vielleicht auch etwas überheblich. Wir waren ja überhaupt nicht ausgebildet dafür, wir waren Historiker (lacht). Aber wir haben natürlich geschuftet wie blöd.

Mit Erfolg, zumindest zuerst. Mitte der 90er dann wolltet ihr die Zeitung gross umbauen. Das ging aber in die Hose – ihr habt euch verschätzt. Kam euch euer Selbstbewusstsein da in den Weg?

Rückblickend vielleicht. Die erste Reformphase war noch erfolgreich, darunter die Wiedereinführung der Samstagsausgabe. Dann wurde uns von einer Grossgönnerin eine Million zur Verfügung gestellt, die wir in unser Projekt «Take-Off» steckten, mit dem wir in kürzester Zeit grandios scheiterten. Wir wollten uns gegen die Tageszeitung, die Schaffhauser Nachrichten, behaupten, haben das aber nicht genug durchdacht.

Die Firma wurde aufgesplittet. Du wurdest Verlagsleiter und Chefredaktor in Personalunion und musstest Jahr für Jahr mit mehr Verlust kämpfen, dem Personal die Pensen und den 13. Monatslohn kürzen. Das macht keiner gern.

Den Jungen mussten wir nahelegen, sie sollen eine neue Stelle suchen, wir hatten nicht Platz für alle. Das waren grauenhafte Zeiten. Ich bekam Herzprobleme. Und dann sprangen auch noch die Grossinserenten ab, Denner und Coop. Plötzlich fehlten 200’000 Franken Einnahmen jährlich. Wir taten, was wir längst hätten tun sollen: Wir wurden zur Wochenzeitung.

Verlagsleiter Hans-Jürg Fehr im Jahr 2000 mit Redaktorin Bea Hauser. Foto: Rolf Baumann
Verlagsleiter Hans-Jürg Fehr im Jahr 2000 mit Redaktorin Bea Hauser. Foto: Rolf Baumann

Hattest du dich damals schon nach einem Ausstieg aus diesem Hiobs-Posten umgesehen?

Ich hatte immer auch eine politische Laufbahn, die in jener Zeit Richtung Nationalrat zeigte. Ich wurde damals – wenn auch nicht als einziger – als Nachfolger Ursula Hafners gehandelt.

War die politische Karriere dein Fluchtplan?

Nein. Ganz abgesehen davon, wie es bei der AZ weitergegangen wäre: Ich wusste, ich mache nicht für immer dasselbe. Das kann ich ja jetzt erzählen: Ich habe mich auch mal auf die Stelle des Radiodirektors beworben. Ich bin ins Finale gekommen und auf dem zweiten Platz gelandet. Das zeigt schon, dass ich noch etwas anderes im Leben wollte.

1999 schliesslich wurdest du Nationalrat. Warst du auch etwas froh, dem bedrückenden Umfeld der serbelnden AZ zu entkommen?

Ich glaube nicht, dass ich der AZ je entkommen bin (lacht).

Operativ schon.

Gefühlsmässig und von der Verantwortung her aber nicht. Als Verwaltungsratspräsident war ich dauernd um Geldbeschaffung bemüht.

Bernhard Ott sprang nach deiner Wahl in den Nationalrat für dich in die Bresche und kehrte höchst widerwillig zurück, um den mühsamen AZ-Chefposten zu übernehmen. Er arbeitete zu jener Zeit eigentlich als Historiker. Hat er sich geopfert, damit du in Bern Karriere machen konntest?

Unser Ziel war vom ersten Moment an dasselbe: Wir wollten diese Zeitung am Leben erhalten und blieben stets in ihrer Umlaufbahn. Ehrlich gesagt fand ich wohl damals, das sei doch klar, dass er jetzt meinen Posten übernimmt. Ich hatte dasselbe ja auch jahrelang getan. Ich habe damals wohl nicht gesehen, was das für ihn bedeutete.

Du hattest schliesslich auch eine schillernde Zukunft vor Augen. Plötzlich standest du auf einer nationalen Bühne, strittest mit Christoph Blocher in der Arena.

Ja, das war sicher ein Aufstieg in der Prominenzskala. Ich war aber schon zuvor auf nationaler Ebene aktiv, etwa in der Medienkomission der SP Schweiz. Ich wollte eigentlich schon immer über Schaffhausen hinaus schauen.

Ist Macht etwas, das dich kitzelt?

Ich bin ein sehr politischer Mensch.

Was war deine Motivation, trotz deiner nationalen Karriere Verwaltungsratspräsident der AZ zu bleiben?

Man könnte auch sagen, die AZ ist mein Kind. Ich habe ja selbst keine.

War dir die AZ aber auch als Sprachrohr wichtig, um dich wehrhaft zu fühlen? Du wurdest als Politiker von den SN und der nationalen Presse oft hart und hämisch angegangen, gerade noch vor einem Jahr nannte dich die NZZ einen «linken Dogmatiker».

Tatsächlich habe ich während meiner 14 Jahre in Bern lückenlos in jeder AZ eine Kolumne geschrieben. Und natürlich war es für mich als SPler gut zu wissen, dass es in Schaffhausen eine Zeitung gibt, die über alles etwas korrekter und gerechter berichtet.

Als Verwaltungsratspräsident lagst du aber nicht nur in Minne mit der AZ-Redaktion. Du hast immer wieder mal Forderungen gestellt, wie die Zeitung zu sein bräuchte, obwohl die Redaktion sehr begrenzte Mittel hatte. Geschäftsleiter Bernhard Ott hat einmal fast den Bettel hingeworfen.

Wir mussten bis heute immer mal wieder klarstellen, dass der Verwaltungsrat nicht nur ein Abnickgremium ist. Ich erinnere mich etwa an die Einführung von Druckfarbe – die Redaktion weigerte sich. Wir mussten gegen ihren Willen durchsetzen, dass die AZ wieder farbig wird. Man kann im Redaktionsalltag auch etwas versaufen. Hie und da braucht es den Blick von aussen.

Das zieht sich durch: In verschiedenen Momenten deiner Karriere warst du überzeugt, dass du weisst, was der richtige Weg ist. Und setztest dich durch.

Das ist mit solchen Chefpositionen verbunden. Da macht man sich hie und da auch unbeliebt und muss das aushalten.

Das war für dich aber nie ein Problem, unbeliebt zu sein?

Doch, ich bin nicht gerne unbeliebt.

Auch bei der heutigen Redaktion sieht sich der Verwaltungsrat nicht nur als Abnickgremium, wie du sagtest.

Wir sind ein Verwaltungsrat, der nahe am Personal ist, zwei aus dem Siebner-Gremium sind Angestellte. Hier gibt es also Mitbestimmung wie sonst nirgends. Dem zum Trotz muss man hie und da in den Clinch, dann wird es halt mal heftig. Ich bin sogar der Meinung, dass auch die Eigentümer der Zeitung etwas zu sagen haben zu müssen.

Bei der AZ bist das unter anderem vor allem du.

Letztlich ja. Den Eigentümern ist es doch nicht egal, womit sie ihr Geld verlochen. Sonst könnten sie sich statt einer Zeitung ja auch ein Boot kaufen. Es gibt einen Eigentümerwillen und der Verwaltungsrat vertritt diesen.

Wo hättest du bei der jetzigen AZ-Redaktion gerne eingegriffen?

Ich möchte eigentlich vor allem sagen, wie mich die Entwicklung der Zeitung freut. Die junge Redaktion, die vor gut zehn Jahren begann, hat begriffen, was eine Wochenzeitung ist. Nämlich etwas anderes als einfach eine Tageszeitung pro Woche. Der Vorgängerredaktion fiel es schwer, hier umzudenken. Das gefällt mir an der jetzigen Redaktion, genauso wie ihr Ideenreichtum und ihre investigativen Qualitäten. Und dann gibt es die eine oder andere Sache, die mir nicht gefällt – nur so viel dazu (lacht).

Anders gefragt: Was sollte die AZ deiner Meinung nach politisch sein?

Ich finde, dass die AZ politisch und publizistisch das Gegenstück zur lokalen Tageszeitung, den Schaffhauser Nachrichten, sein muss. Hierin sehe ich eine ihrer Existenzberechtigungen, eine wichtige sogar. Das bürgerliche Tageszeitungsmonopol braucht ein Korrektiv. Das war die AZ schon immer und das muss sie auch heute sein. Sie muss Haltung zeigen und für die Durchsetzung politischer Inhalte kämpfen.

Das macht die jetzige Redaktion weniger, als du es gerne hättest: Wir finden, der Job von Journalist:innen ist es nicht, den Leser:innen zu diktieren, wie sie abstimmen müssen.

Ich erwarte bei Abstimmungen einfach mehr Haltung von der AZ. Die Leute stecken in einem Entscheidungsmoment, ich glaube viele hätten gerne, dass die AZ ihnen Argumente auftischt, warum sie so und nicht anders abstimmen sollten.

Wahrscheinlich ziehen sich solche Konflikte zwischen Redaktion und Eigentümerin durch die Geschichte der Zeitung?

Das war schon immer so, ja. Die Konfliktfreiheit gibt es nicht, schon gar nicht in einer Vater-Kind-Beziehung.

Nach all den Jahrzehnten in wichtigen Entscheidungspositionen: Würdest du sagen, du bist altersmilde geworden oder verhärteter darin, deine Meinung durchzusetzen?

Ich bin eindeutig gelassener geworden. Ich suche keine Auseinandersetzungen mehr, weiche ihnen auch mal aus. Wenn man auf die 80 zugeht, lässt man auch mal eine Fünf gerade sein. Man kann das Altersmilde nennen – definitiv nicht Altersweisheit, man wird mit dem Alter nicht unbedingt gescheiter.

Dürfen wir nach deinem Rückzug aber weiterhin mit Leserbriefen zu politischen Themen rechnen?

Nun, ich schreibe immer Leserbriefe – ihr bringt sie nur nie.

Wenn du nicht mehr unser Verwaltungsratspräsi bist, sieht es vielleicht anders aus. Dann kannst du uns auch mal rügen in einem Leserbrief.

Nein, das würde ich als total illoyal empfinden. Selbst wenn ich einen guten Grund dazu hätte (lacht).